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Full text of "Beiträge zur Forschung: Studien und Mitteilungen aus dem Antiquariat Jacques Rosenthal 1"

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Beiträge zur Forschung. 

München, J. Rosenthal. 

http://hdl.handle.net/2027/hvd.32044095331146 


HathiTrust 



www.hathitrust.org 

Public Domain in the United States, 
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HARVARD UNIVERSITY 



BEITRÄGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN UND MITTEILUNGEN 
AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 

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ERSTE FOLGE 


VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1915 


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Schottenloher, Karl. Georg Erlingers Kreuzigungsholzschnitt mit Um¬ 
rahmung. Mit einer Tafel. 67 

Sudhoff, Karl. Eine italienische Bäderhandschrift aus der zweiten Hälfte 

des 15. Jahrhunderts. 77 


Vitzthum, Georg Graf von. Fragmente eines Missale von Noyon mit 

Miniaturen von Villard de Honnecourt. Mit drei Tafeln .... 102 

Winkler, Friedrich. Zur Pariser Miniaturmalerei im dritten und vierten 


Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts. Mit zwei Tafeln.114 

MITTEILUNGEN: 

Ein Augsburger Holzschnitt von ca. 1500. Mit einer Abbildung im Text . . 32 

Die vollständige Ausgabe des Vörard-Druckes „la fleur des commande- 

mens de dieu“. Mit einer Abbildung im Text. 33 

Missale Illerdense, Saragossa 1524. Mit einer Abbildung im Text ... 35 

Ein unbeschriebener Turiner Wiegendruck. 69 

Die erste Ausgabe der „sieben Pforten Mariae“. Mit einer Faksimile- 

Textprobe . 70 

Zwei unbekannte Formschnitte des 15. Jahrhunderts. Mit zwei Tafeln . . 147 

Ein französischer Opferkasten um 1500. Mit einer Tafel.150 

Zwei unbekannte Teigdrucke. Mit einer Tafel. . 152 

Ein unbeschriebener Holztafeldruck vom Jahre 1466. Mit einer Tafel . . 187 

Eine Handzeichnung des Melchior Lorichs. Mit einer Tafel.190 


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1. FOLGE ^ HEFTI 

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BEITRAGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN UND MITTEILUNGEN 
AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 

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VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1913 


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BEITRÄGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN UND MITTEILUNGEN 
AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 


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VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1913 


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J. A. LOWELL FUND 


Inhalt. 


Ein Notizbuch des Cyriacus von Ancona aus dem 

Jahre 1436 .Privatdozent Dr. Paul Maas 

Alte Schatzverzeichnisse.Privatdozent Dr. Paul Lehmann 

Ein um 1400 illuminiertes flandrisch - französisches 

Livre d’heures.Dr. Morton Bernath 

Eine Schachzabelhandschrift aus der ersten Hälfte 

des 15. Jahrhunderts.Dr. Erwin Rosenthal 

und Dr. Otto Mausser 

Mitteilungen: Ein Augsburger Holzschnitt von ca. 1500 

Die vollständige Ausgabe des V6rard-Druckes „la fleur des commande- 
mens de dieu“ 

Missale Illerdense, Saragossa 1524. 


Copyright by Jacques Rosenthal. 


F. Bruckmann A. G., München. 


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Vorbemerkung, 


H istorisch und künstlerisch bedeutsame Werke werden im Antiquariats¬ 
handel von Jahr zu Jahr seltener und entschwinden durch ihre Aufnahme 
in Privatsammlungen den Augen der Forscher. Diese doppelte Erkenntnis 
scheint es mir zur Pflicht zu machen, der Wissenschaft solche Werke bekannt¬ 
zugeben, deren Untertauchen im Buch- und Kunstmarkt einen Verlust für sie 
bedeutet. Antiquariatskataloge können wohl dem Forscher dann und wann 
Winke geben; doch ist ihm durch die gedrängten Beschreibungen in den 
meisten Fällen nur wenig gedient. Mit dem vorliegenden Hefte beginne 
ich nun die Herausgabe periodisch erscheinender Aufsätze und Mitteilungen, 
welche in erster Linie dazu angelegt sind, Bausteine zu liefern für die 
Arbeit an den historischen Wissenschaften. Es sollen aus meinem Anti¬ 
quariatsbesitz Handschriften und Druckwerke publiziert werden, welche für 
die Materialkenntnis des Historikers und Kunsthistorikers, des Philologen, 
Paläographen und Bibliographen von wesentlicher Bedeutung sind. Auf 
diese Weise hoffe ich der Forschung einen Dienst zu tun und aus den ein¬ 
zelnen Heften mit der Zeit ein nützliches Nachschlagebuch zu schaffen. 

Diese Gedanken und Erwägungen hätten zur Herausgabe der „Bei¬ 
träge“ nicht genügt. Es bedurfte der Heranziehung von Fachgelehrten 
zur Ausarbeitung von Aufsätzen. Da ist es mir nun eine große Freude, 
sagen zu können, daß mir sämtliche Forscher, an die ich mich wandte, 
mit größter Bereitwilligkeit ihre Mitarbeit zusagten. Diese Herren ermög¬ 
lichten mir die Verwirklichung meiner Idee, weshalb ich ihnen in auf¬ 
richtiger und bleibender Dankbarkeit verbunden bin. 

Für den Forscher bestimmt, dürften diese Hefte doch auch für den 
Sammler einen Gewinn bedeuten. Nichts kann diesem mehr am Herzen 
liegen als die historische Würdigung, Bestimmung und Erklärung seines 
Besitzes. So darf ich hoffen, mit der Herausgabe der „Beiträge“ auch 
seinen Beifall zu finden. 

München, im Herbst 1913. 

Der Herausgeber. 


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Dr. Paul Maas, Ein Notizbuch des Cyriacus von Ancona aus dem Jahre 1-136 5 


Ein Notizbuch des Cyriacus von Ancona aus dem Jahre 1436. 

(Hierzu Tafel Ia, Ib und II). 

Von Dr. Paul Maas, Berlin. 

Übersicht über die hier in Betracht kommende Literatur über 

Cyriacus. 

(Sperrdruck bezeichnet die Zitierweise.) 

Berliner Handschrift des Petrus Donatus (c o d. B e r o 1. Hamilton 254); s. 
Mommsen. 

Gius. Colucci, Antichitä Picene, vol. XV (1792), p. I—CLV. 

Commentariorum Cyriaci Anconitani nova Fragmenta, Pisauri 1763. 

Epigrammata reperta per Illyricum a Cyriaco Anconitano (ohne Titelblatt, 
ed. Moroni 1660; oft mit später zugefügtem Titelblatt: Inscriptiones seu Epigrammata etc., 
Romae 1747). Ich zitiere nach den Nummern der Sammlung. Nr. 196—242 gehört 
hinter Nr. 67; vgL Mommsen, Corp. Inscr. Lat. III (1873) p. 93 (von de Rossi p. 3G3 l) 
übersehen, durch das Notizbuch bestätigt). 

Chr. H u e 1 s e n, La Roma antica di Ciriaco d’Ancona, Rom 1907. 

Kyriaci Anconitani Itinerarium etc., ed. Laur. Mehus, Florenz 1742. 

Theod. Mommsen, Über die Berliner Exzerptenhandschrift des Petrus Dona¬ 
tus, Jahrbuch der preuß. Kunstsammlungen, 4 (1883), 73—89. 

Med. Morici, Lettere inedite di Ciriaco d’Ancona (1438—1440), Pistoia 18%. 

Poggii Florentini Opera, Straßburg 1513 (nach fol. zitiert). 

E. Reisch, Die Zeichnungen des Cyriacus im Codex Barberini, Athen. Mitteil. 
14 (1889) 217—228. 

Joann. de Rossi, Inscript. Christian, urb. Romae II (1888), 356—387. 

Georg Voigt, Wiederbelebung des klass. Altertums, 2. Aufl. (1881), besonders 
I, 271—288. 

E. Ziebarth, Cyriacus von Ancona als Begründer der Inschriftenforschung, 
Neue Jahrbücher für das klass. Altertum 9 (1902), 214—226. 

Derselbe, De antiquissimis inscriptionum syllogis, Ephemeris epigraphica 9 
(1912), 188-322. 

§ 1. Die im Besitz von J. Rosenthal befindliche Handschrift, die ich 
im folgenden behandle (R), gehörte, ehe sie in den Handel kam, der Familie 
Strozzi in Florenz, deren Wappen der einfache Halblederband trägt. Auf dem 
Rücken steht in Golddruck: Kyriaci Anconit. varia. M. S. membran. del 
S. XV. In der Literatur fand ich die Handschrift nirgends erwähnt. 

5 2. R ist von verschiedenen Händen geschrieben, vorwiegend jedoch 
von der des Cyriacus Anconitanus. Das ergibt sich erstens aus der Sub¬ 
skription fol. 22 T ego K . A., zweitens aus dem Vergleich der unge- 


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Dr. Paul Maas 


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mein charakteristischen Schriftzüge von fol. 6 ff. (vgl. Tafel I a) mit den mir 
zugänglichen Autographen des Cyriacus 1 ). 

Leicht zu trennen von dem Autograph des Cyriacus sind die drei Ein¬ 
tragungen seiner griechischen Reisebekannten fol. 19 und 23; zwei davon 
sind von den Eintragenden eigenhändig unterzeichnet. 

Bei einigen Partien könnte man im Zweifel sein, ob eine sehr nach¬ 
lässige Handschrift des Cyriacus oder eine fremde Hand anzunehmen sei; 
dies gilt von den Inschriften fol. 4 v —5 r (vgl. Tafel II), von der Homervita 
fol. 20 v , von dem magischen Traktat fol. 24 r —25 r und von den Exzerpten 
aus Sueton und dem anschließenden Wörterbuch fol. 26 r —29 r . Ich neige 
dazu, in diesen Partien spätere Eintragungen von fremder Hand zu sehen. 
Cyriacus hatte mehrere Blätter leer gelassen. 

Die griechischen Texte innerhalb des Briefes an Bruni (fol. 6 ff.) sind 
von fremder Hand durchkorrigiert; offenbar hat Cyriacus sich von einem 
seiner griechischen Freunde die schlimmsten Schnitzer aus seinem Anfänger¬ 
griechisch entfernen lassen. 

§ 3. Der größte Teil der Aufzeichnungen in R ist auf Jahr und Tag 
datiert oder auf Grund einer Parallelüberlieferung datierbar. Die zeitlich 
fixierbaren Stücke folgen einander genau in chronologischer Reihenfolge 
und fallen alle in die Monate Januar bis Mai 1436. Wir haben also ein 
Notiz- oder Tagebuch des Cyr. vor uns. 

Die genannten Monate sind ein Teil der Zeit, die Cyr. auf eine epi¬ 
graphische Reise durch Illyrien, Epirus und Griechenland verwandte. Sein 
Bericht über diese Reise ist gedruckt (Epigramm, s. Literaturverzeichnis); 
die Vorlage scheint verloren. Ein Vergleich von R mit Epigramm, er¬ 
gibt, daß R dort nicht im geringsten verwertet ist. Die Vorlage von 
Epigramm, enthielt vor allem die auf der Reise gesammelten klassischen In¬ 
schriften ; in R steht keine einzige davon. R umfaßt also die Parerga der Reise. 

§4. Beschreibung von R mit besonderer Berücksichtigung der 
auf die Reise des Cyr. bezüglichen Nachrichten. 

31 Blätter, 14 V* cm X 20 Va cm (Blattfläche), a. 1436. Verteilung der 
Blattlagen nicht festzustellen, da viele Blätter auf Falz geleimt sind. 

Fol. 1 und 31 Pergamentumschlag, der Rest Papier. Die Notizen auf 
dem Umschlag haben mit dem Inhalt nichts zu tun. Auf fol. 31 r steht unter 
anderm Laurentius secreto discipulus papae Joannis Sim[e]onaci(?) prothopapae 
Candiae Georgio Trapezuntio. Nichts ist von der Hand des Cyr. 

*) Cod. Berol. H&milt. 254, fol. 81—90; beschrieben von Mommsen, dazu ein 
Faksimile aus dem BeroL und eines aus einem Brief des Cyr. an Cosmus von Medici. 
Andere Autographen des Cyr. enthält der Vat. 5237, fol. 513—521 und der Etonianus- 
Laurentianus des Strabo (Förster, Rhein. Mus. 51, 481). Die Schrift ist sehr schön, 
groß und klar und spiegelt getreu den Charakter des Mannes. 


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Ein Notizbuch des Cyriacus von Ancona aus dem Jahre 143f> 


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Fol. 2 r Wappen der Strozzi(?) mit der Devise: expecto. 

Fol. 2 V und 3 leer. 

Fol. 4 in Maiuskeln (Hand des Cyr.?): rou rpojraiocpopoo Katöapoq xcu 
IT XxtmcoYoq A(p(j>pixavou mrpcpiöu; (Überschrift zu fol. 6 r ). 

Fol. 4 V —5* (Fremde Hand?) Zwölf lateinische Inschriften (vgl. unten § 6). 

Fol. 6 r —18 v Konzept eines Briefes an Lionardo Br uni (vgl. unten § 5). 

Nach fol. 7 Blattausfall. 

Überschrift in Majuskeln mit grtlner Tinte*) (s. unten S. 11). 

Die Beise betreffen folgende Stücke (Orthographie und Interpunktion 
sind die des Originals; nur die großen Anfangsbuchstaben setze ich nach 
moderner Weise; die Abkürzungen sind aufgelöst; von den zahlreichen 
grammatischen Fehlern sind nur einige durch sic gekennzeichnet): 

Fol. 6 r . ... Nam dum exactis diebus ex Ancone Peloponensiacas oras 
petens nostrum per Adriacum navigarem, crebris obsistentibus euris (sic) flati- 
bus et eois, tandem Melidea*) quaedam in Illyrico insula tuto placidissima 
portu, nos diutina atque procellis aegra navigatione fessos excaeperat, * • fol. 6 V 
ex qua denique per cymbam, ut ego quod magis optabam Illyrica litora 
(littora corr.) percurrerem ad. V. Iduum novembr(ium) diem Jaderam nobil- 
lissimam Libumorum urbem adivimus 8 ). In qua primum mihi obviam oc- 
currentem vidi (add. corr.) Georgium Begnam 4 ) virum quidem humanae [vidi 
erasum] rei doctum et quem semper claritati et benivolentiae tuae deditissi- 
mum cognovi. Quocum suavissimo viro multa conserebamus verba vicissim 
honestissimis nostris periocunda curia, tuum et in his saepe recensendo ex- 
colendissimum nomen. Et enim eo duce alia inter civitatis egregia et memo- 
ratu dignissima vidi maritima 6 ) prope moenia, insignem Meliae nobilissimae 
mulieris arcum, ubi tubicen ille aequorei numinis TPITQN mira fabraefac- 
toris arte conspicitur, et consculptum quod habet epigramma ut nostrae 
dignum spectationis, quom * nec vidisse semel satis esset, sed et pluries uti- * fol. 7* 
que lectitare iuvasset, primorum in conspectu Liburnorum hominum, de 
altissimis maiorum nostrorum meritis, ad inextimabilem comparationem in- 
cidimus: (Fortsetzung unten S. 11). 

... exin ego sopno (sic) solutus, [tibi de/.] calamum * caepi, et tibi, ut * fol. 18* 
ad quem semper latini nominis gloriae exornatorem cognovi, portentum hoc 
inscribere, praedignum (prae vom corr.) amiciciae nostrae munus, existimavi. 

Vale, ex Argo Amphilochia antiquissima Epiri et vetustate diruta apud 

*) Diese Farbe verwendet Cyr. auch in der Berliner Handschrift. 

*) Melita (Meleda) an der dalmatinischen Küste. 

*) Jader (Zara). Mit dem Aufenthalt dort beginnt Epigramm. 

4 ) Brief an diesen Epigramm 29/30. 

5 ) maritima bis conspicitur wörtlich gleich Epigramm. 1, wo die Inschrift 
(CIL III 2922) mitgeteilt ist; Ähnlich cod. Berol. fol. 83?. 


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Dr. Paul Maas 


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Acheloum amnem civitate, III • K • Febr • 1436 l ):— 

ex * Liburnea Jadera . XII • K * dec. MCCCCXXX • V • *) 

Fol. 19 r ” v (von fremder Hand) ein Stück der griechischen Liturgie, 
inc. Aiye Zvpscbv, n'va cpepcov tv dyxdXaiq 
expl. abtöv xpoöxovqöcopsY: + s ) 

Fol. 19 v —20 v (Hand des Cyr.) Inschriften byzantinischer Fresken einer 
Klosterkirche 4 ), bestehend aus den Namen und Aussprüchen von Heiligen, 
dazu topographische Vermerke. Die Namen und Vermerke sind: Zdßaq, E6 aH 3- 
ptoq povaxöq, (el^ be^idv) ol dyi'oi xarpidpxai, (npöc; xbv ftuoiaöripiov) TcodYYqc; 
Xpoadarofioq, IKrpoq 6 'AXe^aYbpeiaq, üpoxXoq ö KcovöTavnvotmoXscoq, 
BaöiXeto^ 6 (xpöq röv fteiov) rpriyopioq ö ©eoXöyoc;, KupiXXoq 6 ’AXe^av- 

bpiac;, rempyioq, AqpqTpioq, die beiden ©edbcopoi, Mqväq, Mspxoupioc;, IIpo- 
xonxoq. Dazu(?) Fol. 19 v oben *Icodwr)c; AapaöxqYoq. 

Fol. 20 v (Hand des Cyr.?, hellere Tinte) nspl ‘Opnpoo. Anfang einer 
Homervita 

Fol. 21 r (Hand des Cyr. grüne Tinte wie fol. 6 r oben): in Masjukeln 
rou Tpoxaio<popoo Kaiöapoq xai ZximcoYoq Acppixqvoo —: öoyxpiöu;: = fol. 4 r . 

Fol. 21 v leer. Fol. 22 r ~ v (Hand des Cyr.). "Ofiqpoq Tispi rt\q KaXubövoq 
£y rq AlrcoXia xöXeax;. Es folgt Homer B 638—640. 5 ) 

DannAuszüge aus einer Handschrift des Klosters Hosios Lukas, inc. Zwa- 
röv Tipicov dTiooröXcov xal bqXocüc;, öttcd<; xai öxoo Sxaötoq abx&v foc^pv^e. 

expl. tö TTveßpa rep {teep xapari^öiv : —: — : — : — 

£ypdtj>a ego * K • A • apud nobilissimam Lucae monachi aedem aeditam 
a Monomacho Imp. in Phocide prope Delphos ad XX mil. ad quam veni 
V*K*apriles et ea excaepi ex antiquissimo praefatae ecclesiae libro 6 ): — 

*) Epigramm. 39/40: ad Id. (scr. diem) III. Kal. Februar . venimus Argos Amphi - 
lochium in finibus Epiri iuxta Acheloum fl., quam incolae Geroviliam vocant (Stratos, vgl. 
Reisch 220 1 ). 

*) Dies Datum bezieht sich offenbar auf die erste Skizze der Schrift. In Jadera 
war Cyr. bis zum 29. November geblieben (I t i n e r a r. p. 58). 

*) Dies wird am Vorabend zum 2. Februar gesungen, also in der Zeit zwi¬ 
schen dem vorigen und dem folgenden Datum. Wo Cyr. an diesem Tag war, läßt sich 
nicht feststellen; nach Epigramm. 40—44 (Reihenfolge etwas verwirrt) war er 
am 31. Januar in Bozichista (unbekannt), am 7. Februar in Azylea, quam incolae Tri- 
gardon vocant (heute Trikardo-Kastro, das alte Oiniadai, vgl. Reisch 220 1 ; Cyr. 
hielt es wohl für Alyzia). 

4 ) Wo diese zu suchen ist, darüber vgl. die vorige Anmerkung. 

5 ) In Kalydon (Arton) war Cyr. am 8. Februar; vgl. Epigramm. 42—44, 
wo auch Homer B640 steht. 

e ) Epigramm. 210/11 : ad VI. k. Apr. relictis Delphis ad nobilissimam Locae Monachi 
aedem adveni in Phocide iuxta Daulidem ad VIII . mil. editam sub Oppido Stiri a Monomacho 
Imp . optimo. Ibi inveni antiquissimos libros sacrarum litterarum. Ex quibus aliqua excerpsi de 
Apo8tolorum omnium conditionibus. Das Datum des Druckes ist richtig, denn dort folgt 
(211—213) für V.kal. Apr. Daulis und für IV.kal. Apr. Levadea(Livadia). Vielleicht 
hat Cyr. in Stiris übernachtet, und Hosios Lukas am V. kal. Apr. nur kurz besucht. 


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Tafel la. 


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l&or'tro, -nofj.oAhxf: J’roc*Ul<,£$rA-^ y« 
W'ZZ'Knte-'fise^c, - 

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Notizbuch des Cyriacus von Ancona fol. 6 r . 


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Tafel Ib. 


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Notizbuch des Cvriacus von Ancona fol. 30 r . 


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Ein Notizbuch de3 Cyriacus von Ancona aus dem Jahre 1436 


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Fol. 23 r-T (von der Hand des amphissaeischen Chartophylax Petros 
Telais de Lukas) Tzetzes Alleg. Iliad. Prol. 51—132 Boiss. 

inc. 'O "Opqpoc; 6 7idvoo<poc; 
expl. &ti Xomöv pEpd&qxat; röv ddvarov ‘Opipov, 

££ye naveurux^Orare, £vbo!;e xai yEYvetba, 

Kvptaxs btbdoxaXe ix x^paq tfjc; ’Ayxcovos, 
p£pvqöo TOi'vtrv xal ijjov, örtov bfyv xai d^epxn, 
toö tpavXoo xai dvaubor re ndtpou toö iep^toq 
o5 x6 dm'xXnv TeXat vre Aoüxaq ix Tipoyövcov 
btxai'oo x a P r0< P^^ ax0( ?i faiioxonfjc; ZoXuvou. 1 ) 

Fol. 23 T (von der Hand des Nikolaos Sekundinos in Euboea) f an'xot 
dxßXn^^vrec; dnö rr\q ‘Opqpov ’Obuooei'aq oroixeiov pul- folgt Homer 
p 184-191. 

Dann: £x El ^ toutI nap’ £poö d> <pvXtov xdvbpcbv dpiötE NtxoXdou toO 
Zexowbivou ... Svraöfta si<; Eöpwtov*) YEvöpevo<;, dann einige Segenswünsche, 
dann fppcoöo • pqvi ÄxpiXXtcp b'*auX<;’ (=4. Apr. 1436). NixöXaoc; dvbpi dptotco 
0096 te xdyalkb Kupiaxcb rd> iS, Ayxövo^, x« l P e,v : — 

Fol. 24 r (Hand des Cyr.) Zeuc;. Darunter Homer. Q 333—345. Darunter 
Elg Köpivtkw *). Darunter oeptoft (als Überschrift), folgt (von fremder Hand?) 
ein magisch-astrologischer Traktat (fol. 24 y —25 r ) 4 ). 

inc. Iloi'fipa Ilepöoc «piAoöocpou: Na^arr). äOrö' tö irexveiSoaTo 

expl. ravpo^ • *¥* • ix&uec; DG. 

Fol. 25 T (Hand des Cyr.) Titel der neun Bücher des Herodot und An¬ 
fang des ersten (& KXeub — bta(popqq dm'ouq). 

Dann: Valerius de Zeuse pictore in Helenam (Val. Max. 3, 7, 3 —4> 
oi> vdpcoiq Tpcbaq xal Ebxvqpibcu; ’Axatou^ 
ro»nb* dp<pl ywatxi jioXvy xpövov dXyea Jtdöxeiv. 
idem de Phidia in Jovem Olympium (folgt Homer A 528 — 30) 

ber (sic) Justinianus Venetus 5 ) 
primi duo versus sic arbitror latine cantari possent, 

haud equidem indignum talis si femina multos 
Europam atque Asiam bello vexaverit annos. 

*) In Salona (Amphissa) kann Cyr. zwischen Hosios Lukas und Euboea (nächste 
Aufzeichnung) nicht gewesen sein. Er hat den Chartophylax also unterwegs getroffen. 
In Salona war er Mitte März gewesen (Epigramm. 65). 

*) In Euboea war Cyr. vom 31. März bis spätestens 6. April, da er am 7. April 
schon in Athen war (Epigramm. 230—240). 

*) In Korinth war Cyr. am 22. April (Epigramm. 123/24). 

*) VgL cod. Berol. fol. 89 T (über die Planeten). 

5 ) Was diese Notiz hier bedeutet, ist unklar. Justinian gehörte wirklich zur 
Blauen Partei. 


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vel sic 

haud equidem indignum est: hic si decor impulit omnem 
Europam atque Asiam * X • ceriare per annos: — 

Fol. 26 r —27 v (Hand des Cyr ?) Griechische Zitate aus Sueton. 
inc.: ex Suetonio 1.1. in Caes(are). in Phoenissis einep ydp dbixeiv XP^I 
xtX. = Suet. Jul. Caes. 30 var.lect. 

expl. eörcxi xavra xaXcbq = Dom. 23. 

Einige Zitate sind von fremder Hand nachgetragen. 

Fol. 27 v —29 r (fremde Hand). Etwa 400 lateinische Wörter, die mit y 
geschrieben werden, nach Anfangsbuchstaben geordnet. 

inc. bid roß ß ypacp^vta övopa. Alyattes, Aegyptus, Assyrius... 
expl. Zephyrus, Zelotypus, Zacynthus insula. 

Fol. 29 v magische Zeichen wie fol. 24 v . 

Fol. 30 r (Hand des Cyr., Tafel Ib). Hexameter-Terzinen des Cyr. an 
Herakles, den Sohn des Königs Karl von Epirus: 1 ) 

’Eöti be xctXq xcbpq £v dpxq Tr\q ’A/ataq 

etc; AtrcoXiav xXqöiov ’AxeXcboo rbv jtotapöv 
’AyyeXoxdörpov xaXooöiv eßpopcpöv ftecopiac;. 

Aßtf|v roß KapXou xpcoroß peyaXqropa ßiöv, 

! HpaxX£a yspoveueiY f\opa jraibcu; pera bßo, 

KdpcoXov per tpirov, rpirov bk xai Aovdpbov, 
fteoeibeoi eidav ööjiep nalbeq üpidpoio, 

dpiöroi xai ziq navreq eßyevi'aic; sßspydtoi 
oi p£ jrotav etc; cpiXeiav eßepyeöeiav b’ £v 7rXooöi'co 
oixco &reb&;av (!>eta ypacpeiv oß buvöpev toi: — 

Daran anschließend 

öxooöov Ttepi roß ‘Opqpou, nt bc; xai Jioß xai xoia i*j toi&utoi yXAööa 
eiXqcpev . dxouöov, 6 Kdbpoc; bvopati, "EXXqvac; öv £X$cbv etc; rf\v 'EXXabav 
£pa&ev övopan Aivov xrX. Der Schluß (expl. f\ ßarpaxopucopaxta) von 
fremder Hand. 

Fol. 30 v (Hemd des Cyr.) Plato in epistula ad Hermiam: — (folgt eine 
griechische Paraphrase von Plato ep. 6 p. 323 d). 

Dann: Paulus in epistula ad Corynthios prima (folgen zwei griechi¬ 
sche Bemerkungen zu 1. Cor. 2, 12). 

FoL 31 Pergamentumschlag (s. oben S. 6 zu fol. 1). 

§ 5. Der Brief des Cyriacus an Leonardo Bruni (Fol. 6—18). 
Was wir vor uns haben, ist ein Konzept, daher die vielen Verbesserungen 
und Nachträge. Der Brief ist erst später in etwas veränderter, grammatisch 

0 Den König Karl besuchte Cyr. auf der Rückreise im Mai 1436 (Epigramm 
130/131). Angelokastro heißt die akarnanische Stadt noch heute. — Dies Gedicht ist ein 
merkwürdiger Vorläufer der neugriechischen Reimpoesie. 


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Ein Notizbuch des Cyriacus von Ancona aus dem Jahre 1436 


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jedoch ebensowenig genügender Form abgeschickt worden; s. u. S. 13. — 

Ein Teil des Anfangs und der Schluß ist oben S. 7 mitgeteilt. In der 
gleichen Weise schreibe ich hier die wichtigeren Partien aus; für das 
Übrige dürften die überleitenden Inhaltsangaben ausreichen. — Zur Kritik 
des ersten Abschnittes ist Tafel Ia heranzuziehen. 

Kyriacus. Anc. ad Leonardum. Arret. 

O quam hodie bellissime tuam illam sententiam probare cogor Leo¬ 
narde) Latinor(um) doctissime, qua dixisti nostra in hac aetate inertissima, 
melius nobis quandoque esse non tantum, id quod paucissimura est, sapere 
quantum sapimus. Eo quod longe minus de ea Poggii nostri quae nova divinum 
nostrum in Caes(arem) audivimus insana nuper et iniquissima oppinione 
torquerier (am Rand zugefügt: quamvis eum in te q[...] uspiam(?) gereren[...] 
didici moremf...] comme<n>dem, hominum scilicet errata ride[re] magis ut Demo- 
[criitus ille docet quam flere, ego quidem saepiu[s] eruditorum litterfarum] 
barbaries permoleste ferebam). Dicam enim quod hac in re mihi contigerat 
paulo altius amiciciae tuae repetens. 

Nam dum exactis diebus etc. (s. o. S. 7) incidimus. 

Et quom ad summos Romuleae gentis viros verbis transvolaremur, 
ego (et corr.) Georgiusque (ille statt que corr.) noster multa de Caes(are) 
alii vero de Scip(ione) non pauca egregie disseruissent, tandem Marinus qui- 
dam Soloneus palatinus, vir haud inter vulgares, quom ex Fluentina urbe, 
immo potius nova ut ita loquar Achademia 1 ) nuper advenisset, particulam 
quandam novi cuiusdam ex Poggio coepti libelli*) obtulit in medium, quoiusce 
postquam nefanda audivimus verba, ni potius morbo animi quam iudicio 
(iudeio cod .?), ob coeptam nuper in Guarinum simultuariam contemptionem, 
talia evomere cognovissem, * longe minus et peritiam hominis amicitiamve * fol. 7* 
kari pendendam, immo ( add . corr.) penitus aspemendam esse censerem. 

Nachdem sich Cyr. noch etwas weiter entrüstet hat, geht er nach 
Hause. Dann fehlt ein Blatt oder mehrere, fol. 8 r beginnt mit einer Bitte 
des Cyr. an Kalliope (die ihm also inzwischen erschienen ist): ut a te diva 
nunc ea quae diu scire tarn avido pectore cupiebam, ex ore sanctissimo 
discam, non domestico quidem sermone, sed tuo numini digniore et vatis 
tui Meonidis more, te supplex oraturus advenio. xiq &* &pa tcov äpxaxoq 
£qv Oi5 jLiot ltwE7tE Moöoa Aativcov peya^pcov {\b* dpqicpiXcov ‘Pcopaicov . tu; 
(idXiöra p^yiöToc; £qv £x fieytoToiv buoiv XajjjroTäroiv (sic) npo7iopeu6vroiv 


*) Die Erw&hnung einer Akademie in Florenz (zu Flucntinus vgl. Plinius nat. 
hist. 3, 52 var. lect.) a. 1436 ist neu. 

*) Defensiuncula Poggii Florentini contra Guarinum Veronensem ad Franciscum 
Barbarum. Opera fol. 137 T —145 v , Poggios erster Brief ebenda fol. 134 v . Vgl. Voigt 
I, 3391 


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flpcbcoY äTidvicov 1 ). lila quidem me primum paulo suspensa admirans, exinde 
dulcissima atque peregrina voce cecinerat x a ^P 8 et suavissime 

suam pulsando lyram meam ocius in cantu rapuit mentem et caelum alte 
petens ad magni Jovis solium (am Rand Zen^ mit grüner Tinte) se suppli- 
cem meque contulerat, quem lacteo sic ore coepit obsecrare (am Rand mit 
grüner Tinte: KaXiöxq xpöq rbv Aia). 

Nun klagt Kalliope dem Jupiter das dem Caesar durch Poggio wider¬ 
fahrene Unrecht. Dieser hält eine Götterversammlung ab, und entsendet den 
Mercur mit dem Auftrag: Optimum nostri numinis auxiliare collegam (gemeint ist 
Caesar). Mercur fliegt, von Kalliope geführt, durch den Aether und... insig- 
nem petierat Liburneam civitatem ac praefata (im verlorenen Teil) se medio 
obtulit concione . hic enim primum ubi cava nube Caliopen circumfudit, vultu 
et habitu induerat se Musae. Darauf spricht er, zu Cyr. gewendet (am 
Rand 'Epjueicu;, grün): 

* fol. 9^ * /(pcbcov Tcbvb* dTrdvrcov ‘Pcopaicov xäXxoxiTcovcov Jipcoroc; per’ömoftEV vixq- 

<pöpov Kai'öapa biov, (ndy* dpiöroq II. Kcopvr|Xio<; Zxim'cov 'Aqxppixqvöc;, 6 
bk fxovapxojroiöc; xoXixpdprepoc; f\ev, reo bv co xpoxopeoovre et<; peYÄ(Jteco<; 

(sic) eT&oXov Kafoap* abrov xai Zxim'ova öpäq. 

Dann verkündet Mercur, zu den anderen gewendet, in lateinischer 
Sprache das Lob der Monarchie und ihres Begründers (fol. 9 V —18 r ); zwei¬ 
mal unterbricht ihn Cyr. Hier einige Proben. 

(f. 10 v Mercur spricht) sed ad rem nostram ut veniam, non et inter 
politicas didicisti posthabitis olygarchia atque tyrannide, quantum democratiae 
praestat aristocratia, tantum vel longe dignius aristocratiae ordini divinam 
ipsam antecellere monarchiam, quam demum ab eo ipso. C . Caesare nostro 
summa animi virtute conditam, tantum summo ipsi placitä Jovi fuerat, ut 
Caesaris imperante f(ilio) divo Aug(usto) ab eo tum clauso Jano sevis recon- 
ditis armis, et toto iam orbe pacato, aurea recensita saecula, ab altissima 
caelorum arce descendens in solum miro et inusitato ordine humano se 
generi immisceri dignatus? Im folgenden beruft sich Mercur auf das Bibel¬ 
wort reddendum fore Caesari quae sunt Caesaris, et quae dei sunt deo (fol. ll v ). 

Anfang der ersten Zwischenrede des Cyr. (fol. ll v ): 

Ilav febdveiq $eocppa&e ‘Eppqq, Aioq naiq povapxocpiXE, et omnia nostris 
auribus consona luculentissime cecinisti. Nam et ego saepius egregias per 
Italiae urbes, viros haud inter vulgares, cum hac de re pluries verba fecissem, 
hanc eandem sententiam, quam tu nuper sanctissime vates, altius recensueras, 
delibavi. Et inter doctissimos paucos post Aretinos illos Latinorum prima- 
rios . L . et. K .*) quos ab aliis semper excipiendos putavi, alterum apud An- 

1 ) Hier und im folgenden teile ich nur die korrigierte Fassung mit. Die Duale 
z. B. stammen alle vom Korrektor. 

*) Lionardo Bruni und Carlo Marsuppini. 


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conem civitatem nostram mecumque sentientem habeo, Franciscum Scala- 
montium 1 ) equitem praestantem et amicissimum mihi virum ac Picenos inter 
doctissimum, habui et Aretinum alterum reique nostrae Optimum scribam 
Bartholomaeon, qui peste indigna nuper solutum corpore ad vos magno sub 
axe per Aelisium remeantem vidisti; dann nennt er noch den mehrfach er¬ 
wähnten Georgius Begna Jadertinus. Am Fuß dieser Seite steht von fremder 
Hand: Magnifico. 

Schluß der Rede Mercurs: 

(f. 17 v .) Quod etsi deteriorem in partem ab aliquo eo de divino 
homine ad dedecus damnosae lubidinis humanaeve quoiuscumque tabediae*), 
aut turpia aut minus digna viro, verba admissa, perlatave essent, latini atque 
humani nominis de re censeo, eam quoiuscunque infandi hominis temerariam 
vocem summo omnium silentio praetereundam, opprimendam, non pro dicta 
aut excogitata quidem habendam, ac ab omni hominum memoria delendam esse.’ 

Et haec ubi caducifer dicta dedit, postquam aperta nube Caliopen soluerat, 
propriam resummens formam argiphonteam, ubi mille dei volantum vitae 
gloriam almae trininuminis maiestati cecinerant, in tenuem auram nostris 
ex oculis evolavit. Exin ego (folgt der oben S. 7 ausgeschriebene Schluß). 

Von der Schrift, aus der wir etwa ein Drittel im Wortlaut mitgeteilt 
haben, war bisher nur der Eindruck bekannt, den sie dem Poggio und seinem 
Kreis gemacht hat. Wir besitzen zunächst die Erwiderung Poggios (Opera 
fol. 125 r ), die so vorzüglich ist, daß ich sie gern ganz mitteilen würde, 
aber hier muß genügen, die wesentlichen Teile auszuheben. 

Poggius Leonardo Aretino. S. D. P. 

Oblata est mihi, mi Leonarde, insulsi ac ridiculi hominis, tibi vero 
notissimi C. A. epistula quaedam scripta ad te: quam stultus ille ac mente 
inops caesaream appellat... videns {ego) et vesaniam hominis, verbosam lo- 
quacitatem et impudentiam scribendi... Graeca plurima latinis mixta, verba 
inepta, latinitas mala, constructio inconcinna, sensus nullus.... quod stultus 
ille quem nunquam ne verbo quidem offendi: *) petulanter ac proterve in 


‘) Der Biograph des Cyriacus. 

*) Diese Unform ist eine Erfindung des Cyriacus (Mommsen S. 75), der auf 
der Inschrift CIL IX 1589 (Zeichnung bei Huelsen p. 17) statt longa populi taedia 
»edavit gelesen hatte tabedia. Damals muß er es nach der zweiten Dekl. flektiert haben; 
hier wählt er die erste, Bpfiter (C o 1 u c c i CXLIX = C o m m e n t a r. p. 6, § 24 ab omni 
tcabierum tabedie ) zog er die fünfte vor. 

*) VgL den Brief des Poggio an Jacobus Foscarus in Venedig (opera fol. 124 r ): 
Ciriacut notier Anconitanus Venetias venturus, rogavit me ut ad te aliquid scriberem: nullo 
enim modo sine meis literis profecturum «e dixit ... Commendo tibi Ciriacum doctum et bonorum 
studiotum. Vale. Das ist vor dem Streit geschrieben; denn a. 1438 ist Cyr. schon mit 
Jacobus Foscarus bekannt (Morici p. 26; p. 12*). 


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me impetum faciat... qui (Cyr.) in latino sermone saepissime ut puerulus 
labitur... insanum me, dementem, temerarium existimat, quod videor sentire 
contra institutorem ut ait monarchiae: quam necessariam putat ad regimen 
gentium: laudans Imperatores, et rem p. Romanorum vituperans... Fingit 
somniasse sese redeuntem e Graecia: ex qua levitatem et insaniam asportavit 1 ): 
atque in somnis astitisse sibi musas nescio quas, ac contra me pro Caesare 
locutas. Deinde missum ad se ab Jove Mercurium, qui Caesarem tueretur 
... Numquam quicquam verius aut scribere, aut loqui potuit C. quam se 
somniare, cum scribit, aut loquitur... Haec vero post risum ad retundendam 
illius petulantiam ad te scripsi: ut tu quoque rideas, si epistolam quam circum- 
ferre ad ostentationem coeperit, ad te destinavit*). Yale. Ferrariae pridie 
Kalendas Aprilis. (1437?). 

Ferner finde ich den Brief noch in den Lobgedichten des Joannes 
Cirignanus und Karolus Aretinus auf Cyr. erwähnt, die Mehus im Itinerar. 
p. LXIY sqq. und danach Colucci, p. XLVIII sqq. mitteilen. Im ersten 
heißt es gegen Ende: omni preciosius auro Caesareos proceres tibi respectare 
triumphos, im zweiten v. 4 et modo Mercurio Caesaris acta canis . 8 ) 

Über den inneren Wert des Pamphlets braucht nach Poggio nichts 
mehr gesagt zu werden. Was Cyriacus bezweckte, ist nicht ganz klar; 
ich traue ihm zu, die Partei des Monarchen einzig deshalb ergriffen zu 
haben, weil er sich damit bei den Fürsten, denen er diente, beliebt zu 
machen glaubte. 

Den Cyriacus hat Poggios Antwort nicht gehindert, sich später in 
einem Brief an den Papst Eugen der Bekanntschaft mit Poggio zu rühmen 
(Itinerar. p. 11), und an Poggio Briefe zu schicken (Comment. p. 28); 
Poggio hingegen hat seinem Widerpart noch in einer seiner besten Facetien 
einen kräftigen Hieb versetzt 4 ). 

§ 6. Die lateinischen Inschriften fol. 4 v (vgl. Tafel II)—5 r . 

Die zwölf lateinischen Inschriften sind alle schon gedruckt. Sie finden 
sich alle wieder auf fünf Blättern der Sammlung des Petrus Donatus im 
cod. Berol. Die Vergleichung der Texte ergibt, daß weder R aus dem 


*) Also hat Cyr. den Brief erst ein Jahr nach der Zeit der uns erhaltenen Aus¬ 
arbeitung abgeschickt und den Rahmen der Vision verändert. 

2 ) Man erwartet coepit ... destinaverit. 

3 ) Hierzu bemerkt Colucci, im cod. von Treviso befinde sich un frammento 
di altro opusculo, intitolato: Oratio Mercurii . Das war gewiß eine Abschrift aus dem 
Brief an Bruni. An den Brief Poggios erinnert der picenische Lokalpatriot hier so 
wenig wie in seiner ganzen Biographie. 

4 ) Opera fol. 165 r (Comparatio Antonii lusci). Ciriacus Anconitanus homo verbosus 
et nimium loquax , deplorabat aliquando astantibus nobis casum atque eversionem Imperii 
Romani etc. 


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Tafel II. 


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Notizbuch des Cyriacus von Ancona fol. 4 V . 


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Ein Notizbuch des Cyriacus von Ancona aus dem Jahre 143G 


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Berol. noch dieser aus R stammt 1 ); sie gehen also beide auf eine Quelle, 
offenbar Cyriacus, zurück. Schon dadurch wird unwahrscheinlich, daß Cyr. 
diese beiden Seiten geschrieben hat. 


Schematische Darstellung. 





fol.jr I 

VI1968 

Bfol. 113* 

VI2183 

B fol. 76* 

apud Perusiam 

XI1926 

B fol. 112 r 

VI13203 


Romae 

B fol. 76* 

VI9897 

B fol. 113» 

VI2162 

B fol. 113 t 

VI709 


VI1780 

B foL 114* 


B fol. 113 t 

X 5838 

VI27177 

B fol. 113 t 

VI1503 

Tüder ti 

XI4639 

B fol. 112r 

B fol. 72 t 


B fol. 112* 


VI, X, XI = Bftnde des Corpus Inscriptionum Latinarum, 
B = cod. Berol. Hamilton. 254. 


§ 7. R ist nicht nur das umfangreichste Autograph, das wir von 
Cyriacus besitzen, sondern gestattet auch einen klareren Einblick in die Ar¬ 
beitsweise und die vielseitigen Interessen des Mannes, als die erhaltenen 
Drucke, die uns über ihre Vorlagen im Unklaren lassen. Die vollkommene 
Verständnislosigkeit, mit der Cyriacus trotz seines rühmlichen Eifers den 
alten Sprachen und Literaturen gegenüberstand, findet neue Belege; ebenso 
sein lächerlicher Hochmut. Aber wäre er sich über den geringen Grad 
seines Könnens und seiner Begabung klar gewesen, so wäre er zu Hause 
geblieben, zum größten Schaden der Wissenschaft. Es muß also als Ge¬ 
winn bezeichnet werden, daß wir auch das Allzumenschliche, was ihn an- 
trieb, an einem so eindeutigen Dokument studieren können. Schön ist auch 
zu sehen, wie er in Griechenland überall mit den Einwohnern Fühlung 
sucht und es nicht verschmäht, sich über die Liturgie der griechischen 
Kirche und die Inschriften byzantinischer Fresken zu informieren. 

*) R mit dem Stein gegen Berol. selten (z. B. VI 9897, 5, Calvma Stein, OcUvisia 
R: Galusia Berol.); Berol. mit dem Stein gegen R oft (z. B. VI 2162, 7 parentei om. R, 
VI 2183, 10 h. m. Ä. n. 8 om. R). In VI 1780, wo der Stein fehlt, geht R regelmäßig mit 
dem Ottob. gegen Berol. Felic. etc. (z. B. 1 C.F.] C E. Berol. Felic.: C R Ottob.). 


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Dr. Paul Lehmann 


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Alte Schatzverzeichnisse. 

Von Privatdozent Dr. Pani Lehmann. 

Unter den zahlreichen Wertstücken des J. Rosenthalschen Antiquariats 
bemerkte ich jüngst zwei Dokumente, die selbst von allerlei Pretiosen 
Kunde gehen. Beides sind Schatzverzeichnisse weithin bekannter Kirchen, 
das eine führt uns nach Bayern, das andere nach Österreich. 

I. An erster Stelle bespreche ich das Schatzverzeichnis einer Martins¬ 
kirche, das im 15. Jahrhundert auf die beiden Seiten eines losen Pergament- 
blatteB (von 20X34 cm Größe) geschrieben wurde. Obwohl der Karne des 
Ortes nicht angeführt wird, läßt es sich leicht erweisen, daß es sich um 
die dem heiligen Martin geweihte Pfarrkirche in Landshut 
in Niederbayern handelt. Es werden viele Angehörige Landshuter Ge¬ 
schlechter als Schenker genannt, auch ein Herzog, außerdem werden einige 
Geistliche von St. Martin in Landshut erwähnt. Die meisten Notizen stammen 
von ein und demselben Schreiber, der um 1450 anzusetzen ist. Etwas 
jünger sind die Zeilen am Schluß, die mit den Worten „Item ein plaubs 
casul, ein seydene mit streime“ beginnen. Da in ihnen die Jahreszahl 
[14]58 vorkommt, sind sie frühestens in diesem Jahre aufgezeichnet 
worden. 

Wann und wie das Blatt nach München verschlagen ist, weiß ich 
nicht. Vielleicht war es in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch in Lands¬ 
hut. Denn im Jahre 1854 bemerkte der Geschichtsschreiber der Pfarrei 
St.Martin 1 ): „Ein Inventar vom 15. Jahrhundert gibt uns die Pretiosen, Para¬ 
mente und andere Gerätschaften an, welche damals Eigentum der Pfarr¬ 
kirche zu St. Martin waren. Als Pretiosen werden darin aufgeführt: Zwei 
große und kleine Kelche, das Haupt des heiligen Martin, ein großes Kreuz, 
eine weiße Monstranz und zwei Opferkännchen mit dem Bemerken: ,das 
ist alles fein silberem'.* Diese letzten Worte scheinen eine nicht ganz genaue 
Anführung der ersten Zeilen des Rosenthalschen Stückes zu sein. 

Was ich im folgenden biete, soll nicht eine erschöpfende Behandlung 


*) Werner, Geschichte der Pfarrei St. Martin in Landshut: Verhandlungen des 
Hi&t. Vereins für Niederbayern, III. Heft (1854), S. 6f. 


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Alte Schatzverzeichnisse 


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des Schatzverzeichnisses sein 1 ), sondern erst dazu anregen. Das Verzeichnis 
beginnt folgendermaßen*): 

Hie ist vermerckt die ornat und kleinat die in kelchen, puchem, mess- 
gewant und ander ornat in sant Marteins sagrar sind und im zugehorent. 

Item zum ersten zwen gros kelch. Ain rote corporal taschen mit einem 
corporal und acht klain kelch. Item sant Marteins haupt. Item das gros 
kreutz. Item ein weysse monstrantzen und zway opfferkändel. Das alles 
ist fein silbrein. 

Item darnach ein grosse vergollte monstrantzen von kllpffer. Item vier 
klein monstrantzen kupffren und ein messinge monstrantzen zum hailigen 
öl. Item vier särchel mit hailigtum. Item ein veronica. Item vier Junck- 
fraw haupt und zwü ktippfren vergolt taffein mit hailigtum. 

An püchem. 

Item das gros püch genant Möringer *). Ain püch genant der Kurtz 4 ). 
Ain püch zum fronambt mit einem plenary. Ain altz selmesspuch mit 
einem plenary und der plenari ist in dem pfarrhof. Ein altz püch das der 
Hanns Swab 5 ) hiet mit einem kleinen plenary. Ain gros passional, das ist 
in dem pfarrhoff. Aber ein messpüch. Ain brieffer. Item zway officialia 
altz und news mit angenätten psalltem. Item volumina ze peten, ain 
winttertail und ein sumertail. Item zway mettenpücher, ein gross und ein 
kleins sumer und wintertail. Item ein votival, halt am anfang von gotz- 
leichnam. Item drew exequalia und daz dritt habent die priester in irem 
kesteln zu kindttauffen. Item ein kalender mit iartägen, der ist in dem 
pfarrhoff. Item der Säpelspüch (?) ein petpuch von papir ist in dem pfarrhoff. 
Item liber generacionis mit noten und anders dapey. Item ein alter psalter 
und ein alter brieffer ein Saltzburger. Item ein kleins püchel halt in die 
hystori von gotzleichnam. 

*) Außer der schon genannten Arbeit von Werner benutze ich A. Staudenraus, 
Topographisch-statistische Beschreibung der Stadt Landshut i. B., Landshut 1835; C. 
Primbs, Das Totenbuch des ehemaligen Franziskanerklosters in L., in Verhandl. d. Hist. 
Ver. f. Niederbayern, XUI (1868), S. 349ff.; Chroniken der deutschen Städte, Bd. XV; 
Meidinger, Beschreibung der Kurfürstl. Haupt- und Univ.-Stadt Landshut, II (1805). 

*) Die Abkürzungen löse ich sämtlich auf. Die kursiv gedruckten Worte sind 
am Rande nachgetragen. 

*) Wohl benannt nach Erhard Möringer, der nach Werner, S. 61, im Jahro 1369 
als Pfarrer von St. Martin vorkommt. 

4 ) Möglicherweise wie das vorige Buch nach dem Schenker bezeichnet; viel¬ 
leicht war das Ruger der Churtz, der 1406 als Pfleger von St. Martin erscheint, Wer¬ 
ner S. 46. 

§ ) Mitglied der Landshuter Ratsfamilie Schwab, über die Primbs S. 425, Chroniken 
XV, 325, und Hans Buchheit, Landshuter Tafelgemälde des 15. Jahrhunderts usw., 
Leipzig o. J. (Münchner Dissertation von 1906), zu vergleichen sind. Einen Hanns 
Swab weist Buchheit 8. 66 im Jahre 1417 nach. 


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Dr. Paul Lehmann 


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Gesangkpucher. 

Item ein gross gradual. Item zwen gros antiphanär. Item zwen 
klein tägleich antiphanär. Ein kleins gradual. Zwen new psalter, zwen 
ympner und II allt ympner. 

Es folgt unter dem Titel „Gute messgewant“ eine 19 Zeilen fassende 
Beschreibung von Meßgewändern unter Angabe der Farbe und des Stoffs. 
Einige davon sind Geschenke: „vom Satler 1 * * ), von der Polanin*), von 
Wilhalm am Eck 8 ), von der Glabspergerin 4 ), von dem von Staudach 5 ), von 
der Schülerin 6 ), am Schluß „zwen klaine Kormäntel vom hertzogen“. 

Daran schließen sich „Gemaine Messgewant“. Auf der zweiten Seite 
werden in weniger strenger Ordnung noch allerlei Gewänder, Tücher, 
Kelche, Rauchfässer und anderes Gerät aufgezählt. Auch „ein lidrine be- 
slagene truhen oder laflften darinn ettlich intexn von pftcher ligen, IIII 
antlasbrief von bäpste und dreyzehen brieflf von bischoffen“ sind erwähnt. 

Wörtlich seien noch die 34 letzten Zeilen mitgeteilt, von denen wohl 
besonders die Bemerkungen über Bücher und Bilder interessieren: 

Item ein news mespdch von der Sweibmarin 7 ). Item ein rotz mess- 
gewant vom Potznar 8 ) mit seinen gehören. Item ein kelch und mespäch 
vom Potzner. Item ein gantz Junckfraw pild, ist Unser Fra wen 9 ). Item 
ein Junckfraw prustpild. Item II pleinene truhein mit beilgtum. Item ein 
längs genätztuch under das hailigtum auff den fronaltar. Item XVIII par 
opfferkandel. Item II swartze totentucher. 

Item ein prauns sametes messgewant mit seinen zugehoren, das kreutz 
ist ein tail mit perlin ausgenat. Item ein gröns von zandel mit seinen 
zugehoren. Item ein weiss von puckenschein mit seinen zugehoren von der 
Sweibmairin l0 ). Item ein gutz von swartzem samet von maister Hainrich 


1 ) Aus der Landshuter Familie, vgl. Primbs S. 422, Werner S. 51, 91, 95, 124. 

*) Frau aus der Landshuter Familie Polan, vgl. Primbs S. 370 und 373. 

# ) Die Landshuter Familie am Eck gehörte zu den angesehensten Wohltätern von 
St. Martin, vgl. Werner S. 83, 88, 120, Chroniken XV, 361. Ein Wilhelm am Eck kam 
1397 als Kammermeister vor, vgl. Primbs S. 357. 

4 ) Über das alte Landshuter Ratsgeschlecht der Glabsberger vgL Primbs S. 356, 
Chroniken XV, 352 f. 

•) Aus der Landshuter Familie, vgl. Werner S. 49, 52, 125, und Primbs S. 425 f. 

•) Über das Geschlecht der Schüler vgl. Primbs S. 411. 

7 ) Vielleicht Margret S., die nach Staudenraus S. 91 1475 gestorben ist, oder Anna, 
die 1485 einen Jahrtag bei St. Martin stiftete, Werner S. 46, 5L Meidinger II, 18 er¬ 
wähnt: „Konrad Schweibermayer stiftet einen Jahrtag und gibt zur Kirche für ewige 
Haltung desselben ein großes Meßbuch. 14 Über die Landshuter Familie Sw. vgl. im 
übrigen Chroniken XV, 862. 

8 ) Die Potzner machten sich vielfach um die Pfarrkirche verdient, vgl. Werner 
S. 48, 107 und Chroniken XV, 365. 

9 ) Das heißt wohl: Eigentum der Frauenkapelle, vgl. Staudenraus S. 99ff. 

1# ) Vgl. oben. 


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Alte Sch&tzverzeichnis8e 


19 


Baruter 1 * * ) mit seinen zugehoren. Item eins von bursat auch mit seinen 
zugehoren von dem sameten plaubs. Item aber ein swartz von bursat und 
zwen sarröck von der Moroltingerin *). Item ein mespüch von her Chonrat 
Schilher 8 ). Item ein silbreins rauchfas. Item II hoch messigleuchter. 
Item II köstliche prustbild. Item ein seyden ftirsam rot und graw von 
des von Asch Altar 4 ). 

Item ein plaubs casul ein seydene mit streime und ein hummeral von 
dem Abringeren 5 ) und ein albin die ist pey des H . . . . ein weysguldens 
mesgewant gewesen, daz alles hat man her Jorgen Weigeln 6 ) angelegt. 

Item ein plaubs von taffental casul und ein alm von rinem rotem 
guidein und ein humeral von den VI übrigen und ein stol und ein manipel. 
Das alles hat man angelegt hern Petrn Pirckner gesell zu Sant Martein, 
der ist gestorben am freytag vor dem newen iar im LVHI. iar. 

Her Chonrat saliger Pfarrer zu Weinting 7 ) gestorben zu dem pecken 
auf dem freithoff. Item ein rote alte casul gold darein gemtlstert. Ein 
alm von dem täglichen plawen mesgewant. Ein altz humeral von einem 
grünen casul und die pttchssen und schilt hab ich darab getrennt und ein 
rote stol von einem roten arlassen mesgewant und ein manipel von übrigen 
manipel. 

II. Ein anderes Schatzverzeichnis steht auf dem pergamentenen Schutz¬ 
blatt des hinteren Deckels eines prächtigen Missales (306 Pergamentblätter 
31X42 cm groß), das am Ende des 15. Jahrhunderts geschrieben und mit 
vielen Miniaturen geschmückt ist. Sämtliche Einträge des Verzeichnisses 
stammen von ein und derselben Hand, sind aber nicht in einem Zuge ge¬ 
schrieben, sondern 1—13 für sich, dann 14 und 15, dann 16, schließlich 
17 und 18. Es handelt sich um die Kapelle des Collegium ducale 
zu Wien, um den Bestand und die Vermehrung ihres Schatzes in den 
Jahren 1508—1513. Das Collegium ducale war Weihnachten 1384 vom 
Herzoge Albrecht zum Wohle der Universität gegründet worden 8 ). Ein 

l ) Nach Werner 8. 61 schon 1433 als Pfarrer nachweisbar, 1476 kommt er (Werner 
S. 50) als Generalvikar vor. 

*) Aus dem adelichen Geschlecht der Moroltinger, vgl. Primbs S. 422. 

# ) Nicht ermittelt. 

4 ) Nicht ermittelt. 

*) Das noch jetzt blühende Geschlecht derer von Asch (Stammsitz Asch bei Moos¬ 
burg) erbaute sich 1389 bei St. Martin in der Magdalenenkapelle eine Gruft, vgl. Stauden- 
raus S. 82, Werner S. 7, Primbs S. 389, Chroniken XV, 353 f. 

•) Nicht ermittelt. 

7 ) Wohl Laber-Weinting in Niederbayern. 

®) Vgl. R. Kink, Geschichte der kaiserl. Universität zu Wien, B. I (Wien 1854) 
S. 26; J. Aschbach, Geschichte der Wiener Universität, Bd. I (Wien 1865), S. 39 f., 43 f.; 
A. Wappeler, Geschichte der theologischen Fakultät der K. K. Universität zu Wien, 
Wien 1884, & 161 


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von Albrecht angekauftes und 'wohlausgestattetes Haus in der Nähe des 
Dominikanerklosters gewährte 12 Magistern der freien Künste und 2 Dok¬ 
toren der theologischen Fakultät gemeinsame Wohnung und Unterhalt. 
Für den häuslichen Gottesdienst war dem Kollegium eine eigene Kapelle 
eingerichtet. 

Anno Christi 1508. 

Hic notati sunt ornatus ad missas collegii ducalis Viennensis deputati 
atque calices et alie res ad capellam collegii spectantes. 

1. Tres libri missales pergamenei scripti. 

2. Duo calices argentei cum duabus patenis argenteis deauratis, quo- 
rum unus cum patena librat XVHII Iota. Pro ano calice et patena ordi- 
natus tercias alius catix cum patena argentei, ponderantes 24 Iota ex testa- 
mento Magistri Steidl 1 J, 

3. Tres ornatus pro missa, unus de sammeto rubeo cum cruce et mar- 
garitia decoratus, alter de alaudis flaveus, tercius vero rubeus de serico 
cum omnibus necessariis. 

4. Septem pere ad corporatia, una cuns corporalibus. 

5. Duo panni veti*) ad corporalia et iterum unus vetus. 

6. Tres panni pro altaribus deputati et iterum duo panni novi, dati 
ex ultima voluntate per executores magistri Georgii Peur. 

7. Duo ampulle argentee satis magne librantes XXII Iota. 

8. Facilleta octo. 

9. Ampulle stannee quinque. 

10. Duo manutergia. 

11. Duo sacculi et iterum duo sacculi pro calicibus. 

12. Duo lucibuli stannei. 

13. Unus pannus pro missa V alleluiorum. Actum die Saturni post 
Sophie anno Domini 1508. 

14. Unum pacificale scilicet Agnus Dei ex testamento Gregorii Perger 
datum, ex silisqua veteri(?). 

15. Unus liber papireus missalis novus ac in asseribus ligatus cum or- 
namentis, datus ex ultima voluntate quondam honorabilis viri ac sacerdotis 
Domini Volfgangi Schreiber ex Pulca ®), anno Domini 12“° per testamenta- 
rios eiusdem. 

16. Date sunt duo tabelle depicte ex ultima voluntate quondam honeste 
matrone Barbare Gundackerin. Ex hiis duabus tabellis una est in altari 
omnium sanctorum scilicet crucifixo depicta, altera tabella valde venusta pro 
corporali ad calicem deputata. Actum die 19. Junii anno domini 1512. 

*) Die kursiv gedruckten Zeilen sind am Bande nachgetragen. 

*) = veteresl 

*) In Niederösterreich. 


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Alte Scbatzverzeichnisse 


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17. Empti sunt II lucibuli de aurialco pro 13 solidis ex testamento 
quondam magistri Andree Steidl, plebani in Luchenhardt, singularis bene* 
factoris huiua collegii ducalia Viennensis. Anno Domini 1513 die 25. Junii. 

18. Emptus est ornatus missalis flaveus cum attinenciis singulis de ta- 
mascho, alias calix cum patena argentea. Post superius specivocatoa hic 
ex testamento pariter magistri Andree Steidl, quapropter utuntur biis pro 
anima prefati magistri Andree ad superas prexes fundanter incessanter. 
Actum Vienne die 25. Junii anno Domini etc. 13. 


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Dr. Morton Bernath 


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Ein um 1400 illuminiertes flandrisch-französisches Livre d’heures. 

(Hierzu Tafel III und IV.) 

Von Dr. Morton Bernath. 

Zu den anziehendsten Problemen der Kunstgeschichte gehört zweifels¬ 
ohne die Frage der Verhältnisse zwischen französischer und flandrischer Kunst 
um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert. Seit Courajods Zeiten ist man 
sich über die enorme Bedeutung der aus den Niederlanden nach Frankreich 
eingewanderten Künstler für die Entstehung der französischen Kunst des 
15. Jahrhunderts klar, wenn auch die Meinungen Uber Einzelheiten stark 
auseinandergehen. Zur Vertiefung unserer Kenntnisse der Malerei dieser 
Zeit, deren Denkmäler fast ausschließlich in Buchminiaturen bestehen, sind 
Einzeluntersuchungen notwendig, die Uber allgemeine Andeutungen und 
Hypothesen hinausgehend, an der Hand des Individuellen der Kunstwerke 
verschiedene Werkstätten und eventuell verschiedene Künstler festzulegen 
versuchen. 

Eine Einzeluntersuchung in diesem Sinne hat vor längerer Zeit schon 
mit großem Erfolge der Graf Paul Durrieu Uber einen Miniaturmaler an¬ 
gestellt, der Überaus bedeutend und fruchtbar, zu seiner Zeit ein sehr ge¬ 
achteter Meister gewesen sein muß. Die Werke dieses Künstlers hat Durrieu 
zuerst um ein Hauptstttck, die Heures de Boucicaut der Sammlung Jacque- 
mart-Andrä, gruppiert und nach diesem Manuskript dann den Meister «Maitre 
des Heures de Boucicaut» benannt. Erst später kam derselbe Autor dazu, 
die vorderhand noch sehr wahrscheinlich erscheinende Hypothese aufzu¬ 
stellen, dieser Meister sei mit dem durch urkundliche Nachrichten wohl- 
bekannten Miniaturmaler und Architekten Jacques Coene aus BrUgge 
identisch 1 ). Die von Durrieu aufgestellte Liste der Arbeiten „Coene u s 
stellt eine einheitliche Gruppe dar, wenn auch darin nicht alles von der¬ 
selben Hand gezeichnet zu sein scheint. In dem unten zitierten vorzüg¬ 
lichen Aufsatz hat Leo Baer diesem Künstler noch eine Handschrift zu¬ 
geschrieben, welcher der gegenwärtige Aufsatz gewidmet ist. Nach ein- 

*) Man vergleiche die Bibliographie in Leo Baera Artikel über Coene in 
Thiemes Künstlerlexikon, Bd. VIL Dazu noch Durrieu in Qazette des Beaux Arts, 
1912, II und in Revue de l’Art Chrätien, 1913, Heft 2; Fierens-Gevaert, Lea 
Primitifs fiamands, 1, 1905, p. 91L 


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Tafel III. 


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Livre d’heures um 1100. 


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Ein um 1400 illuminiertes flandrisch-französisches Livre d’heures 


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gehenden Untersuchungen, deren Resultate hier folgen, ist der Schreiber 
dieses zu der Überzeugung gekommen, daß diese Zuschreibung von Leo Baer 
unrichtig ist. Bevor die weiteren kritischen Erörterungen folgen, wird es 
gut sein, eine genaue bibliographische Beschreibung der hochwichtigen 
Handschrift zu geben. 

Horae, lateinisch, mit französischen Überschriften; Pergamentmanu- 
skript, 19,5X14,5 cm, 219 beschriebene, 5 unbeschriebene Blätter, 15 Zeilen 
auf der Seite, unbeschnitten. Brauner Ledereinband von Jacques Pouille 
von Tournai, reich ornamentiert in Blindpressung. Der Name des Buch* 
bindere ist sowohl auf dem vorderen, als auf dem hinteren Deckel zu lesen. 
Die Messingbeschläge sind neu. Goldschnitt mit Musterpressung. Auf den 
Kalender folgt f. 15: Initium sancti evangelii secundum Johannen f. 28 verso: 
Chi apres cömenchent les heures nre dame .... Gotische Schrift in Schwarz, 
Rot, Blau und Gold. 

Die malerische Ausschmückung des Manuskriptes ist überaus reich. Bei¬ 
nahe jedes Blatt hat eine hübsche Bordüre mit Dornblatt- und Rankenmuster 
und unzählige Initialen in Farben und Gold beleben die Schrift. Zwanzig 
große Miniaturen (ca. 6,5 X 9 cm) füllen jeweilig beinahe eine ganze Seite aus 
und stellen dar: Verkündigung (f. 28 verso [Tafel III]); Heimsuchung Mariä 
(f. 49); Verkündigung an die Hirten (f. 61 verso); Geburt Christi (f. 67); An¬ 
betung der Könige (f. 71 verso); Darstellung im Tempel (f. 75 verso); Bethlehe- 
mitiacher Kindermord (f. 80); Madonna mit dem Kind stehend mit den Engeln 
(f. 87 verso [Tafel IV]); Christus als Weltenrichter (f. 108); Abstieg des heiligen 
Geistes (f. 131); Gefangennahme Christi (f. 136); Christus vor dem Hohen 
Priester (f. 137); Geißelung Christi (f. 139); Kreuztragung Christi (f. 140 verso); 
Kreuzigung (f. 142); Kreuzabnahme (f. 143 verso); Grablegung (f. 145); Toten¬ 
messe (f. 150); Krönung Mariä, darunter in fünf Halbkreisen Büsten von 
Propheten und Heiligen, zu unterst in einem tympanonartigen Felde die 
Schutzmantelmadonna Außerdem ist noch auf f. 29 eine Initiale D mit 
einem wappenhaltenden Engel und auf f. 108 eine solche mit dem knienden 
König David zu erwähnen. Das Wappen auf f. 29 ist durch ein schmales 
schwarzes Kreuz in der Mitte in vier Felder geteilt, die auf silbernem 
Grund je einen schwarzen Vogel zeigen (Rabe?). 

Die Miniaturen zeigen bei näherer Prüfung zwei verschiedene Hände. 
Die erste Hand geht bis mit f. 87 verso, die zweite dann bis zum Schluß des 
Bandes. Doch sind die stilistischen Unterschiede in den beiden Teilen 
so gering, daß im folgenden nur von einem Meister die Rede sein wird, 
der wohl als der Urheber im Sinne eines Werkstattleiters für die ganze 
Arbeit gelten kann. Die zweite Hand unterscheidet sich vornehmlich da¬ 
durch, daß sie kleinere Figuren liebt. Sonst in der Färbung und Kom¬ 
position wie auch in den Typen sind die Bilder einheitlichen Charakters. 


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Dr. Morton Bernath 


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Es ist wohl anzunehmen, daß unsere Handschrift um 1400 in Tournai 
entstanden ist. Außer dem Einband deutet auch der Kalender dorthin. 
Wenn die Miniaturen im allgemeinen charakterisiert werden sollten, so ist 
zu sagen, daß sie vor allem starke Reminiszenzen an die Kunst des Mel¬ 
chior Broederlam, besonders in den Kopftypen, aufweist. Sonst erscheint 
der Meister nordisch bodenständig, der von den italienisierenden Zügen 
des Jacques Coene nichts hat. Seine Kompositionen sind durchaus im 
Geiste der niederländischen Kunst gedacht, und auch die Architekturen 
Bind seiner heimatlichen Umgebung entnommen. Die letzteren sind äußerst 
sorgfältig und perspektivisch nicht ungeschickt gezeichnet. 

Dr. Baer sagt an der oben angeführten Stelle, unsere Handschrift 
wäre eine »vorzügliche Jugendarbeit“ des Jacques Coene. Das kann schon 
deshalb nicht gut stimmen, weil Coene bereits 1398 als hochangesehener 
Meister in Paris weilte, wo er von dem Italiener Giovanni Alcherio geradezu 
als Autorität in allem, was die Kunst des Bluminierens betrifft, geschildert 
wird. 1399 wurde er gar als Dombauvorsteher nach Mailand berufen. Da¬ 
gegen glaube ich nicht, daß unsere Handschrift vor 1400 entstanden sei. 
Aber auch stilistische Gründe sprechen gegen die Zugehörigkeit zu der 
Gruppe der Boucicaut-Handschriften. Diese zeigen im Figürlichen viel mehr 
italienischen Einfluß und mit der einheimischen, vorangehenden Kunst nur 
ganz losen Zusammenhang. Die Zeichnung ist rundlicher, geschmeidiger, 
die Kopftypen sind viel mehr nach einem idealen Schönheitsschema geformt. 
In unserer Handschrift nimmt auch die Architektur nicht die bedeutende 
Stellung ein, wie in den dem Jacques Coene zugeschriebenen Handschriften, 
in denen sie nicht selten bis zur Übertreibung betont wird. Dasselbe gilt 
betreffs der Landschaft. Von den 20 Miniaturen haben nur 4 landschaftliche 
Gründe, und diese zeigen nicht die Geschicklichkeit des Meisters der Bouci- 
caut-Heures. Mit letzterem verwandt ist die in unserer Handschrift zutage 
tretende Vorliebe für silberfarbige Himmel. Dagegen haben wir in unserer 
Handschrift eine Eigentümlichkeit, die meines Wissens in keiner der dem 
Coene-Kreis angehörenden Handschrift nachzuweisen ist, nämlich die mit 
großem, kräftig-dekorativ gehaltenem Rankenmuster gefüllten teppichartigen 
Hindergründe, wie sie in den Miniaturen auf f. 87 verso (Tafel IV) und 
f. 139 Vorkommen. Mit Ranken gemusterte Hintergründe kommen auch z. B. 
in den beiden Brüsseler Livres d’heures N. 10767 und 11051 *) vor; diese sind 
aber ganz anders, vor allem viel schwächlicher in der Zeichnung. Im übrigen 
haben die meisten Miniaturen unserer Handschrift das übliche Schachbrett¬ 
muster als Hintergrund. 


*) Herausgegeben von J. van den Gheyn, Brüssel, Vromant & Co., o. J. Im 
Übrigen bezweifle ich die Zugehörigkeit dieser zwei Manuskripte zu der Coene-Gruppe. 


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Ein um 1400 illuminiertes flandrisch-französisches Livre d’heures 


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Die Verwandtschaft mit Melchior Broederlams Kunst tritt vor allen 
Dingen in der Miniatur mit der Darstellung im Tempel zutage. Man beachte 
nur den Typus der Jungfrau; derselbe schöne ovale Kopf und zartgebaute 
Körper. Aber auch in der Verkündigung (Tafel III) kann ich die Verwandt¬ 
schaft mit Broederlams Kunst sehen, so z. B. in der Gestalt des Engels. 
Ich betone die Beziehungen zu Broederlam deshalb, weil wir es hier meiner 
Ansicht nach mit einem charakteristischen Vertreter der Malschule von 
Tournai zu tun haben; und da Broederlam aus dem wenig entfernten 
Ypern stammte, erscheinen mir solche Beziehungen nur natürlich. Beim 
Studium der Schule von Tournai, deren Vertreter der Meister von Fldmalle 
(Robert Campin) und Jacques Daret, zu den wichtigsten Erscheinungen der 
niederländischen Malerei des 15. Jahrhunderts gehören, ist dem Maler von 
Ypern mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als dies bisher geschehen ist. 
Vieles in unserer Handschrift deutet andererseits bereits auf die Kunst 
des Meisters von Fldmalle hin, dessen Kunst ganz sicherlich — soweit 
dies heute noch zu bestimmen ist — von den Miniaturisten abstammt. 
Diese Probleme, die ich hier nur gestreift habe, zeigen, welch interessante 
Momente sich beim Studium der Miniaturenhandschriften auch für die all¬ 
gemeine Kunstgeschichte ergeben. Dieses Studium ist in Deutschland bis¬ 
her nur in sehr beschränktem Maße geübt, was sehr zu bedauern ist. 
Hoffentlich werden diese durch die Rührigkeit der Firma Jacques Rosen¬ 
thal ins Leben gerufenen Blätter zur Vertiefung dieser Studien beitragen! 

Ich resümiere das Ergebnis der vorangegangenen Betrachtungen. Die 
von mir besprochene Handschrift ist die reife Arbeit eines bedeutenden, 
unabhängigen Meisters von Tournai, dessen Stil sich zwanglos in die Folge 
der Entwicklung der südniederländischen Malerei zwischen Melchior Broe¬ 
derlam und dem Meister von Fldmalle einreihen läßt. Er hat zu Jacques 
Coene (dem Meister der Heures de Boucicaut) keine direkten Beziehungen, 
ist vielmehr bodenständiger und hält an den heimischen Kunsttraditionen 
fester als jener. An künstlerischer Bedeutung erreicht er ihn sicherlich. 
Seinen Werken nachzugehen erscheint mir eine lohnende Aufgabe, denn 
er scheint ein ausgezeichneter und, nach der hohen Vollendung der Minia¬ 
turen zu urteilen, ein vielbeschäftigter Künstler gewesen zu sein. 


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Dr. Erwin Rosenthal 


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Eine Schachzabelhandschrift aus der ersten Hälfte 
des 15. Jahrhunderts. 

(Hierzu Tafel V und VI.) 

Von Dr. Erwin Rosenthal, mit sprachlichem Exkurs von Dr. Otto Mausser. 

Der französische Dominikanermönch Jacobus de Cessolis unternahm 
es gegen das Jahr 1300, in Predigten eine moralische Ausdeutung der Schach¬ 
figuren zu geben 1 ). Ankntlpfend an jede der Figuren des Spieles sprach er 
aber die Pflichten der Menschen vom Könige bis zum Handwerker. Seine 
Kanzelreden wurden mit so viel Beifall aufgenommen, dafi er dem Drängen 
seiner Freunde folgte und sie niederschrieb. Rasch verbreiteten sich jetzt 
die Gedanken des Reimser Mönches Uber die Grenzen des Landes hinaus. 
Man übersetzte sein Werk in die Vulgärsprachen, ins Französische, Ita¬ 
lienische, Niederländische und Deutsche. In Deutschland trennte sich bald 
die Verbreitung des wörtlichen Textes von Versifikationen, die frei mit 
den Ideen des Autors schalteten und durch Ausschmückungen den Umfang 
der Schrift wesentlich vergrößerten. Es handelt sich um die beiden in der 
ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstandenen Schachzabelgedichte des 
Heinrich von Berngen und des Konrad von Ammenhausen. Der ursprüng¬ 
liche Text bürgerte sich daneben in zahlreichen Handschriften in deutscher 
Sprache ein und dieser ist es auch, der 1477 beim ersten Druck des Cessolis- 
buches in Augsburg zugrunde gelegt wurde. 

Vor uns liegt eine 43 Blätter zählende, in deutscher Sprache geschrie¬ 
bene Papierhandschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts*). 12 Hlu- 
strationen führen die durch die Schachfiguren symbolisierten Stände vor. 
Eine dreizehnte zeigt ein Schachbrett. Der Text ist nach dem des Jacobus 
de Cessolis hergestellt.! Doch ist er eigenartig gefaßt, so daß zunächst 
eine Mitteilung seiner Anlage nötig erscheint, fol. 1: „Eyn meister Xerses 
ist genant von Orient.. Der vant von erst daz spei des Schachzabils.. 
fol. 2 r Absatz mit Überschrift: „Dy sache dißes buches.“ fol. 3 r . 4 Zeilen 

>) Für die Literatur und die Zusammenstellung der Handschriften verweise ich 
auf die Angaben bei Goedeke (Grundriß d. Gesch. d. deutschen Dichtung) L S. 270 u. 374. 

*) Die Handschrift befindet sich im Originalband (lederüberzogene Holzdeckel mit 
Metallknüpfen). 


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HARVA 


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Eine Schachzabelhandschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts 27 


Text, Bild eines sitzenden Königs mit Überschrift: „Eyn koning sal gerecht 
sin alle wege.“ fol. 4 T . Absatz mit Überschrift: „Von der warheit des 
königes.“ fol. 5 r Absatz: „Von der senfmutikeit vnd truhe.“ Letzte Zeile 
als Titel: „Von gerechtikeit des königes.“ Fol. 5 T . „Von der stetikeit vnd 
kuscheit.“ fol. 6 y . Bild einer sitzenden Königin mit Überschrift: „Eyne konyn- 
gyne sal sin kusche vnd reyne“ (Tafel V). fol 7 r : „Von der kuscheit der koni- 
gynen.“ fol. 8 T : „Von der wisheit vond vorswegenheit.“ fol. 9 r : „Von den 
togenden vond syten etc.“ fol. 9 T . Anderthalb Textzeilen, dann als Titel: 
„Von deme getruhen rate der alden.“ Sonst leere Seite, fol. 10 r . Bild eines 
sitzenden Mannes, fol. 10 T : „Von der warheit vnd stetikeit.“ fol. 11 T : „Von 
der sunderlichen liebe der richte“; „von der vermydüge des zornes“; „von 
der gerechtikeit des richters.“ fol. 12 b . Bild eines Ritters zu Pferd mit 
Überschrift: „Wy rittere sullen beschermen wetewen vnde weysen in dem 
lande.“ fol. 13 r : „Von der warheit vnd wisheit.“ fol. 13 T : „Von der getruhe 
der ritte“; „von der gemeynschaft.“ fol. 14 r : „Von der sterke des ritters“; 
„von der barmherzikeit des ritters.“ fol. 14 T : „Von der wachunge des 
riters.“ fol. 15*. Bild eines Reiters mit Überschrift: „Wy roch sint gebitere 
des koninges.“ fol. 16 r : „Von der mildekeit der gebite,“ und: „von der 
trege der gebitere.“ fol. 16 T : „von der gedult der gebite.“ fol. 17 r : „von 
dem annute der gebite.“ fol. 17 T : „von der mildekeit der gebite.“ Unten: 
„Von dem buvemanne vnde syner gestalt vnde von dem amechte.“ fol. 18 r . 
Bild eines Venden. fol. 18 T : „von der bekentniß gotes.“ fol. 19 r : „von des 
buvemannes truhe,“ und: „von der arbeit des buvemanes.“ fol. 19 T : „der 
buveman sal den tot nicht vorchten,“ und: „Der buveman sal syne vire 
halden gote zu eren.“ fol. 20 r : von dren werken des buvemanes.“ fol. 20 T : 
„von der truhe,“ und: „von der Wahrheit vnd wisheit.“ fol. 21 r . Bild eines 
Venden mit der Überschrift: „Eyn smed eyn munzer eyn bergman eyn glocke- 
ner eyn zymerman vnd ire glichen (Tafel VI). foL21 T . Weiß. fol. 22 r : „von der 
sterke.“ fol. 22 T . 6 Zeilen Text; darunter als Titel: „Ein schriber ein schu- 
werchte ein snyder ein weber ein fleischman ein scherer vnd ire glichen.“ 
fol. 23 r . Bildnis eines Venden. fol. 23 y : „von der truhe.“ fol. 24 y . Unten: 
„Von ersamekeit vnd kuscheit.“ fol. 25 r : „von der truhe vnd warheit.“ 
fol. 25 y : „Eyn wechseler eyn weger eyn meßer eyn huter des Schatzes vnd 
ire glichen.“ fol. 26 r . Bildeines Venden. fol. 27 r : „von schult,“ und: „von wedir 
gäbe.“ fol. 27 T : „von dem guten Worte.“ fol. 28 r . 2 1 /* Textzeilen, fol. 28 y . 
Bild, Arzt und Frau sitzend mit Überschrift: „Eyn arzt vnde syne vrouhe.“ 
foL 30 r : „von der ordenüge syner worte.“ fol. 31 1 : „von der erczte kuscheit“; 
unten: „von der erczte Sicherheit.“ fol. 31 y : „von dem wuntarczte! wunden 
lerer“; unten als Überschrift eines neuen Kapitels: „Eyn kreczmer eyn 
gastgeber eyn schenke eyn becker.“ fol. 32. Bild des sechsten Venden. 
fol. 33 r : „von der gutlicheit der werte“; „von der truhe.“ fol. 33 y : „von 


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Dr. Erwin Rosenthal 


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der hüte der geste.“ In der unteren weißen Blatthälfte: „Von dem burger¬ 
meistere,“ als Titel zum Folgenden. foL 34 r . Darstellung des siebenten 
Venden. fol. 34 T : „von der vorchte der amechtlute.“ fol. 35 r : „von der 
amechtlute bescheidenheit.“ fol. 35 v . Unten als Titel zum folgenden Ka¬ 
pitel: „Eyn loufer mit sulcher Gestalt vnd ist der achte vende.“ fol. 36*. 
Darstellung des achten Venden. fol. 36 T : „von deme loufer.“ fol. 38 r . Weiß, 
fol. 38 v . Letzter Absatz, in dem das Schachzabel mit der Stadt Babylon 
verglichen wird. fol. 39 r . Darstellung des Schachbrettes, fol. 39 T —43 T leer. 

Die nun in ihrer Anlage skizzierte Handschrift weicht in verschiedenen 
Funkten von dem Typus der mir bekannt gewordenen deutschen Schach¬ 
handschriften des Jacobus de Cessolis ab. Übereinstimmend bringen diese 
am Anfang die Übersetzung der Vorrede: ich Bruder Jacobus etc.; in unserer 
Handschrift fehlt dieselbe. Nach der moralischen Ausdeutung der einzelnen 
Figuren folgt wiederum in allen Handschriften, die ich kenne, eine Erklärung 
des Schachbrettes (Spielregeln). Auch diese fehlt im vorliegenden Buch. Die 
paar weiß gebliebenen Blätter könnten eventuell vermuten lassen, daß dieses 
Stück ursprünglich vorgesehen war. Aber auch im Text selber ist vieles 
gekürzt; die Eigenschaften der einzelnen Personen sind nicht so ausführ¬ 
lich erzählt und die zahlreichen Hinweise auf Vorbilder sind beschränkt. 
Es ist also eine persönliche Gestaltung des Cessolistextes vorgenommen 
worden. Ganz individuell ist auch die äußere Aufmachung dieser Hand¬ 
schrift. Mit einer für die damalige Zeit durchaus ungewöhnlichen Ver¬ 
schwendung sind vor Absätzen ganze, dreiviertel, halbe Seiten vollkommen 
unbeschrieben gelassen. Und gar den Bildern ist — mit einer Aus¬ 
nahme — stets eine ganze Seite, einmal sogar ein ganzes Blatt gewidmet. 
Dabei nimmt das Bild wie der Schriftspiegel nur ein verhältnismäßig kleines 
Feld im Blatt ein, so daß Bänder von ganz seltener Breite entstehen. Wir 
haben es offenbar mit einer Art Luxusausgabe zu tun, bei der nicht text¬ 
liche Vollständigkeit, sondern ästhetische Rücksichten den Ausschlag gaben. 
In diesem Sinne möchte man auch die sorgfältige blaue, rote und einmal 
goldene Malerei der Initialen, sowie die nicht minder sorgfältig geschrie¬ 
benen roten Titel verstehen. Dem Bilde eine eigene Seite einzuräumen, 
ist in dieser Zeit meines Wissens nach an sich äußerst selten, in Schach- 
zabelhandschriften ist mir der Typ nirgends begegnet. Diese sind meist 
unillustriert, in manchen Fällen zeigen die ausgesparten Felder, daß Bilder 
vorgesehen waren. Wo solche Vorkommen, sind sie in kleinem Format dem 
Text einverleibt. 

Die 13 Bilder unserer Handschrift illustrieren die einzelnen Stände 
in typischen Gestalten. Ikonographisch weicht verschiedenes von dem mir 
bekannten Bildschema der Figuren ab: Die Königin entbehrt des üblichen 
Zepters. Zum Kapitel vom Bäte der Alten sind dem Text und der Ikono- 


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Tafel VI. 



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Schachzabelhandschrift. Fol. 21 r . 


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Eine Schachzabelhandschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts 20 


graphie zuwider — dies ist die auffälligste Abweichung — nicht die zwei 
Alten mit dem Buch gezeichnet; an ihre Stelle ist ein Mann getreten, der 
eine Fackel hält und um den Hals einen Ring mit Schellen trägt. Offen¬ 
bar ist es ein Richter. — Der Ritter trägt einen Speer statt des üblichen 
Schwertes. Das Pferd hat keine Decke. — Neben dem Arzt sitzt auf 
unserem Bilde interessanterweise eine Frau. — Der sechste Vende hält für 
gewöhnlich ein Brot und ein Glas in der Linken. Hier dagegen steht das 
Glas auf dem Boden. Daneben liegt ein Faß und ein Teller. — Der siebente 
Vende ist, vom gewöhnlichen Typus abweichend, sitzend dargestellt. — Der 
achte Vende hält nicht Geld in der Rechten, sondern stützt sich mit dieser 
auf einen Stock. 

Es sind somit einige recht merkliche ikonographische Abweichungen 
vorhanden; entsprechend beanspruchte der Text eine eigenartige Stellung für 
sich. Die Frage, wo diese Handschrift entstanden sein kann, ist damit bren¬ 
nend geworden. Man wird von zwei Seiten aus an dieselbe heranzutreten 
haben, indem man einmal von den Bildern, dann vom Texte ausgeht. 

Was zunächst das Technische unserer Illustrationen betrifft, so sind 
es flotte Federzeichnungen, die mit dem Pinsel übergangen wurden. Alle 
Konturen und die gesamte Binnenzeichnung sind mit langen, dünnen Feder¬ 
strichen gezeichnet; auch sind die Einzelformen durch Federstriche model¬ 
liert. Die Kolorierung geschah durch ganz dünnflüssige Wasserfarben. Der 
Zeichner kam mit drei Farben aus: rot, blau und gelb. 

Die Zeichnung selbst, nicht im geringsten ängstlich, ist in manchen 
Einzelheiten — vgl. etwa das Greifen der Hände des Venden, (Tafel VI) — 
sehr gewandt. Daneben fallen gewisse Absonderlichkeiten der Form auf, 
etwa die recht seltsamen Pferde unter den tüchtig gezeichneteil Reitern, 
oder die grotesk-kleinen Füße der im übrigen gelungenen Figur der Königin 
(Tafel V). Die Tracht, wie die stilistische Ausdrucksweise läßt die Entste¬ 
hungszeit in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ohne weiteres als sicher 
erscheinen; dagegen sind Merkmale zu einer strikten Lokalisierung schwer 
festzustellen. Soweit Vergleiche mit anderen Handschriften möglich sind, 
zeigt sich wenigstens so viel, daß wir es nicht mit Arbeiten des östlichen 
Oberdeutschland zu tim haben; daß also Bayern und Schwaben nicht in 
Betracht kommen. Im Westen 1 ) steht eine Gruppe von Handschriften zu 
Vergleich, die in Hagenau zwischen rund 1420 und 1460 entstanden sind; 

*) Für eine Landschaft in der Nähe des Rheins spricht auch das Wasserzeichen: 
ein großer, länglicher Ochsenkopf mit hoher Stange, in einer sechsbl&ttrigen Blume 
endend. Nach Lehre („Kritischer Katalog“) kommt der Ochsenkopf am Ober- wie 
am Unterrhein vor. Unser Wasserzeichen hat mit einem, welches Blätter vom „Meister 
der Liebesg&rten“ tragen (Lehre a. a. O. Fig. 21), sowie mit einem, welches beim Meister 
ES vorkommt (Lehrs Fig. 34) vor allem Ähnlichkeit. 


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diese Gruppe ist bekanntlich von Kautzsch l ) eingehend bearbeitet worden. 
In den wenigen von mir selbst im Original gesehenen Proben fand ich 
zwar einzelne Ähnlichkeiten; im ganzen aber waren diese Arbeiten von 
viel derberem Charakter. Herr Professor Kautzsch, welcher das gesamte 
Material überblickt, teilte mir in liebenswürdigerweise mit*), daß er von 
der Nichtzugehörigkeit unserer Handschrift an die Hagenauer Schreib¬ 
schule überzeugt ist. Da sonstiges Vergleichsmaterial im Stiche läßt, wird 
man eine genaue Präzisierung der Entstehung im westlichen Deutschland 
der Dialektkritik überlassen müssen. Herr Dr. Otto Mausser von der Kgl. 
Bayer. Akademie der Wissenschaften hatte die Güte, die Handschrift auf 
ihren sprachlichen Charakter hin zu prüfen und stellte mir folgendes Resultat 
freundlichst zur Verfügung: 

Die dem 15. Jahrhundert angehörige deutsche Schachhandschrift ge¬ 
hört nach den Stichproben, die ich machte, zwar in oberrheinisches Kultur¬ 
gebiet, sie darf aber für keinen Fall nach Schwaben oder in ein allema¬ 
nisches Lokal gesetzt werden. Damit scheidet Niederallemanien, also das 
Gebiet von Basel, sowie das Hauptmassiv des Elsasses und Badens völlig 
aus. Denn der mitteldeutschen, in unserem Fall als südrheinfränkisch in 
Anspruch zu nehmenden Eigentümlichkeiten der Sprache sind es so viele, 
daß trotz des konsequenten Unterbleibens der Diphthongierung der mittel¬ 
hochdeutschen Langvokale f, d, tu (= lang ü) von einer Versetzung der 
Handschrift nach Niederallemanien keine Rede sein darf, umsomehr, als 
gewisse andere, für das niederallemanische Sprachgebiet der Oberrheinzone 
typische Merkmale absent sind. Anderseits ist auch in mitteldeutschen 
Mundarten, so im Sudrheinfränkischen, dem unmittelbaren nördlichen Nach¬ 
barn des Niederallemanischen, das mhd. iu durch ein langes u vertreten. 
Im Zusammenhang mit dem Unterbleiben der Diphthongierung von mhd. f 
und ä lassen vielmehr die vielen südrheinfränkischen Sprachmerkmale, die 
ich unten in Kürze den spezifischen, wenigen — im Verhältnis genommen! 
— Niederallemanismen entgegenstelle, nur eine Lokalisierung der Hand¬ 
schrift in einem niederallemanisch-südrheinfränkischen Übergangsgebiet zu. 

Den monophthongisch gebliebenen f und ü stehen konsequent gegenüber 
folgende typisch mitteldeutsche bzw. südrheinfränkische Erscheinungen: 

1. Die Diphthonge mhd. ie und uo zu (lang) i, u zusammengezogen, wenig¬ 
stens in der großen Mehrzahl. Den Schreibungen, die Beibehaltung des ie, uo 
aufweisen, stehen Schreibungen gegenüber, wo mhd. kurz i graphisch durch ie, 
d. h. den mitteldeutschen graphischen Vertreter des neuen langen i wieder- 

*) Kautzsch: „Diebolt Lauber und seine Werkstatt in Hagenau“ im Zentralblatt 
für Bibliothekswesen 1895. 

*) Herrn Professor Dr. Rudolf Kautzsch danke ich auch an dieser Stelle für seine 
Mitteilungen. 


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Eine Schachzabelhandschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts 31 


gegeben ist. Mit anderen Worten: diese Schreibungen mittelhochdeutscher 
Silben und Worte mit etymologisch kurz i, wie sie unsere Handschrift mehr¬ 
fach aufweist, mit dem historisch unberechtigten ie, beweisen nichts anderes 
als die mitteldeutsche Längung der alten Kürzen, in diesem Falle die des 
i zu t, graphisch vertreten durch ie. 

2. Vergleiche ferner die des öfteren vorkommenden Kontraktionen Uber 
h, z.B. van, han, für voll vahen, hahen. 

3. Häufiger Nichteintritt der zweiten Lautverschiebung von d zu t. 

4. S. das Feminin arbeit, arweit konsequent mit ei-Umlaut als er- 
weit usw. wiedergegeben. 

5. Mhd. a, ü oft auch äe und uo durch o bzw. ö vertreten, z. B. k ö n i g, 
sone, söne usw. statt gewöhnlichem oberdeutschen künig, sun, sün(e) usw. 

6. Präfix ver- durch vor- ersetzt. 

7. Vergleiche ferner die Erscheinung, daß mhd. haupttoniges kurzes i 
auch öfter durch e vertreten ist, z. B. spil, vil usw. als spei, vel er¬ 
scheinend. 

8. Sehr häufig sal für mhd. soll 

9. Buche den sehr beliebten Wechsel von e mit i in der Nebenton¬ 
silbe in Fällen wie gotis, bessir usw. statt gotes, besser. 

10. Zur Vertretung von mhd. in durch u siehe die Einführungsbe¬ 
merkungen. 

11. Pronomen er erscheint ständig als her. — Vgl. Paul, Mhd. Gram¬ 
matik, 9. Aufl., S. 50—52, 70 oben. 

Mit diesen Untersuchungen des Herrn Dr. Mausser ist eine ziemlich 
enge Umgrenzung des Entstehungsgebietes unserer Handschrift gelungen, 
welches wir etwa im Norden des Elsaß zu suchen haben. Durch ihre text¬ 
lichen und ikonographischen Eigentümlichkeiten sowie durch die ziemlich 
komplizierte Beschaffenheit und Ungewöhnlichkeit des Dialektes nimmt 
unsere Schachzabelhandschrift eine bemerkenswerte Stellung in den Profan¬ 
handschriften ihrer Zeit ein. 


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MITTEILUNGEN 


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Ein Augsburger Holzschnitt von ca. 1500. 

Der oben reproduzierte Holzschnitt schmückt den Titel zu dem kl. Fol. 
Bändchen: *Aristeas zu seinem Bruder philocratem / von dem ain und siben- 
czigen auslegern«. 1 ) Das Werkchen ist von Mathias Palmerius aus dem Grie- 
l ) Panzer, Zusätze 525c. Zapf (Buchdruckergeschichte) II. 10. 


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Mitteilungen 


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chischen ins Lateinische und durch Dietrich Reysach von Bruchsal ins Deutsche 
übertragen worden. Reysachs Übersetzung ist dem Herzog von Bayern ge¬ 
widmet. Kolophon: » ... Anno MDU auff den / drytten tag January. / Ge¬ 
drückt zu Augspurg.« Typenvergleich ergibt Johann Schönsperger als Drucker. 

Der Schnitt ist offenbar der Forschung unbekannt geblieben. Er ver¬ 
dient bekannt zu werden, da er das Werk einer Übergangszeit darstelllt, welche 
so arm an Beispielen ist, daß wir ein jedes festhalten müssen. Zwischen den 
Augsburger Inkunabelschnitten und den sicheren Jugendarbeiten Burgkmairs und 
Breus bleibt ein unüberbrückbarer Abstand bestehen. Gerade im Zusammen¬ 
hang mit diesen Arbeiten und in seinem Verhältnis zu diesen gewinnt unser 
Schnitt einen besonderen Wert Ein Name ist vorderhand nicht für ihn auf¬ 
zubringen. Auf die interessanten stilistischen Einzelheiten einzugehen, erübrigt 
sich aus der in Originalgröße hergestellten Reproduktion. Die Frische des Ab¬ 
drucks spricht dafür, daß einer der ersten Abzüge vor uns liegt. 


Die vollständige Ausgabe des V^rard-Druckes 
«la fleur des commandemens de dieu». 

Das Buch «la fleur des commandemens de dieu», welches laut Kolophon 
am 7. März 1500 für Antoine V^rard vollendet wurde, war bisher nur in einem 
Exemplar der Bibliothek in Besangon bekannt Der Katalog dieser Bibliothek *) 
sowie Macfarlane 2 ), der als einziger Bibliograph das Buch erwähnt, hielten dieses 
für unvollständig und vermuteten, es fehlten eigene Blätter für Titel und Re¬ 
gister. Diese Annahme wird durch unser Exemplar bestätigt, welches offenbar 
das einzige vollständige ist 3 ); im nachfolgenden sollen die in der Bibliographie 
unbekannten Blätter beschrieben werden. 

Das Exemplar in Besangon hat 198 Blätter. Das vollständige besitzt 
außer diesen für Titel und Register 20 Blätter, welche am Anfang des Buches 
stehen. 

Fol. I (Abb. S. 34): LA fleur des commandemens de dieu avec plu - 
sieurs exemples et au= / ctoritez extraictes tant de sainctes escriptures que dautres 
docteurs / et bans andern peres lequel est moult vtile a toutes gens . Darunter 
Holzschnitt: Moses, Aron und Juden. Eingeschlossen: Les X . comadems de 
la loy I Vng seul dieu tu adoreras / etc. In der unteren Blatthälfte Holzschnitt: 
Papst, geistliche und weltliche Fürsten. Eingeschlossen: Les cinq commandemens 

z ) Catalogue des Incunables de la Bibi, de Besangon par A. Castan. Besangon 1893 (Nr. 448). 

9 ) Macfarlane John: Antoine V6rard, lllustrated Monographs VII. London 1899/1900 (Nr. 64). 

3 ) Auch die umfangreiche Bibliothek französischer Bücher von Ch. F. Murray enthält das 
Buch nicht. 


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Mitteilungen 



fflllif 




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de sancte eglise / etc. Fol. ib: weiß. Fol. 2a: (sign. All) La table de ce Pre¬ 
mier liure. Darunter: G Sensuit la table et les chapitres du liure nomme / la 
fleur des commandenuns de dieu. L (Groteskeninitiale) Omtne raisonnable appelle 

finit Dec rommanSrfnrne De fheti aut t pfufieute ejrempfret et bat 
(toütt^eptxmctte tattc De fainctce efctipturee que Sautree Socteuce 
et ßone auncne pere e/fcquef eft mouft tittfc a toutec 0tne. 


rämabcme t>c fafop " 
Üng (ruf bttutuabcina* 
cf djncicracpdrfdtrtfmfnt 
3Bicu et) Satt) ne türerae 
jCaufre (Qofc pareifftmtni 
fee bintencQte tu garbctae 
€t) feruant btcu 5ruoCffiict|( 
prrc <z mert fcounoirrae 
äfftrjque Sture fongucttiftl 


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I ^Bcfait: iic Soufmfdirmtit' 


£upuneiip potnt nr ferae 
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fit rctirnftiae a tfcient 
fauptcfmoignagcrte btxae 
fit inrnntoe dumrnifieut 
feutircteeßarne befuna s 
Quer) manage frufrmrnf 
»ic bauttp nt couuoifeta* 
iPout fcoucü uituPcmatf i 


jtfennqcommanbcmene befatncfccgftfc \ 

f e bimeneflee mc ff f owe ct fee feftee be coinm«ifcement• 
^ouetce pctftrecenfcffcrae a tont ft moiite Snr fo»e to? 
l^ttoty erratene rcccuerae aumome a pafqure ßumtfemenft 
fee feflee tu farutifitae qui te fönt 8c tomman&cmcn£ 


layde'de dieu et de la vierge Marie . . . Folgt ausführliches Register. Fol. 3 a 
sign. A III. Fol. 4 a sign. A IIII. Fol. 4 b (Mitte): Q La table pour trouuer les 
pechez et les vertus . . . Fol. 5 a (oben): La table de Vexemplaire. Fol. 7a sign. 


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B I. Fol. 8a sign. BII. Fol 9a sign. BHI. Fol. 10a Sign. B IUI. Fol. 15 a 
sign. C I. Fol. 16a sign. CH. Fol. 17a sign. C III. Fol. 18a sign. CIIII. 
Fol. 19 b (oben): G Autre fable . Folgt ein Register der Beispiele nach anderen Ge¬ 
sichtspunkten. Fol. 20 b (oben): La fable des exetnples . Darunter: G Signum crucis . 
Darunter sieben Registerzeilen. In der letzten am Schluß: FINIS. Darunter 
folgen die beiden Holzschnitte mit Text, ganz entsprechend dem ersten Blatte. 

Was die Holzschnitte 1 ) betrifft, so sind sie in dem zarten Linienstil ge¬ 
zeichnet, der den größten Teil der Schnitte in Wrards Büchern charakterisiert. 
Sie sind früher entstanden als das Buch. Offenbar sind beide für das 1492 
erstmalig erschienene Werk Vörards «Art de bien mourir et de bien vivre » 2 ) ent¬ 
standen. Der erste unserer beiden Schnitte ist, aus diesem Werke stammend, 
bei Claudin *) S. 430 abgebildet. Der Text ist hier mit anderen Lettern eingedruckt. 
Die 1499, also rund ein Jahr vor unserer erschienene Ausgabe der comman- 
dements de Dieu hat merkwürdigerweise nicht diese älteren Schnitte verwandt. 
Sie stimmen zwar im Sujet überein, sind aber im Detail ganz verschieden. 
Abb. Claudin I, S. 371. _ 


Missale Illerdense, Saragossa 1524. 

Ein in der Bibliographie^ nicht erwähntes Missale, welches im dritten Jahr¬ 
zehnt des 16. Jahrhunderts in Spanien gedruckt wurde, verdient vor allem wegen 
seiner künstlerischen Ausstattung mitgeteilt zu werden. Folgendes zunächst zur 
äußeren Erscheinung des Buches: Titelblatt.* Architektonische Rahmung um¬ 
schließt ein geteiltes Mittelfeld; im unteren Teil der Titel: Missale sm ritum 
et cosuetudme altne eccVie Iller desis. Im oberen Felde Bischofs wappen von einem 
Spruch umgeben. Fol. i b: Widmung an den Bischof Jakob Conchillos. Folgt 
der übliche Inhalt des Missale: Fol. 2 mit 7 Register, Fol. 8 a Tafel für die 
goldene Zahl mit Zierleisten. Fol. 26 Beginn der »ordo missae«, von archi¬ 
tektonischer Bordüre umschlossen. Hier beginnt die Foliierung der Blätter. 
Fol. CLXVb und CLXVIa zu Beginn des Kanon zwei seitengroße Holzschnitte: 
Gott Vater mit den Evangelistensymbolen und die Kreuzigung (s. Abb. S. 36). 
Schlußseite: Habes nuc denuo (electa xpi catema) / missale copediosiori volumine 
sumo I Studio aculaqj lima elaborafus: j deniq? plusq\ optare posses co = / plete 
exariu. Cesarauguste I cura atqs vigiTatia Geor / gii Coci . V. kal' octob. 
I anno 1524. felici sy / dere impressum . Darunter die Druckermarke des 
Cocius. 2 5 und 257 und 40 Bll. Viele ornamentierte Initialen. Kl.-fol. Blatt¬ 
größe 23,2 : 16,3 cm. Lederbd. d. 18. Jahrhunderts. 

*) mm 99X*37. 

") Macfarlane 18. 

3 ) Histoire de rimprimerie en France au XV et XVI siöcle, Paris 1901, Tome II. 

4 ) Auch die Spezialwerke von Al&s und Weale verzeichnen das Buch nicht. 


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Die Ausstattung des Buches erhält durch den reichen Wechsel von rotem 
und schwarzem Druck, durch die zweifarbigen Notenstellen und die geschmück¬ 
ten Initialen jenes prächtige Aussehen, welches den liturgischen Büchern jener 
Zeit meist eigen ist Die großen Zierleisten und die beiden Kanonschnitte ver¬ 
dienen besondere Beachtung. Die spanische Holzschnittillustration ist von ihren 
Anfängen an von Deutschland, Holland, Italien und besonders Frankreich ab¬ 
hängig. Aber es fehlt doch nicht an einer nationalen Richtung, die sich in 
manchen Fällen in ihrer ganzen Eigenart zeigt, in anderen neben den entliehenen 
Elementen steht Jedenfalls können wir auch in Spanien eine Entwicklung 
unterscheiden, und zwar ist es prinzipiell auch hier wie in allen anderen Stil¬ 
entwicklungen der gleichzeitigen Illustration eine stete Bereicherung der male¬ 
rischen Ausdrucksmittel. Die feinen Parallelschraffen, eng aneinander gerückt, 
modellieren schließlich wie lawierte Flächen einer Pinselzeichnung. Diese Aus¬ 
drucksweise haben die Rahmungen und die Initialen in unserem Buch. — 
Anders steht es mit den zwei Kanonbildern. Sie scheinen zunächst früher 
entstanden als das Buch. Die trockene Linientechnik mit den kurzen Schraffen 
erinnert ganz an französische Vorbilder. Aber wenn auch der Gesamteindruck 
der Schnitte französisch ist, so zeigt doch gerade wieder die Technik im ein¬ 
zelnen, daß ein Spanier sie ausgeführt hat. Es liegt einer jener häufigen Fälle 
vor uns, wo Spanisch-Nationales und Französisches eng beisammen steht. Nicht 
häufig aber ist der Emst der Auffassung und die vorzügliche plastische Ge¬ 
staltung der Figuren. 


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VERLAG JACQUES ROSENTHAL, MÜNCHEN 


HUNGARICA 

UNGARN BETREFFENDE, IM AUSLANDE 
GEDRUCKTE BÜCHER UND FLUGSCHRIFTEN 

GESAMMELT UND BESCHRIEBEN VON 

GRAF ALEXANDER APPONYI 

In zwei starken Bänden, wovon der erste die Werke des 15. und 16., der 
zweite die des 17. und 18. Jahrhunderts (bis 1720) umfaßt, gibt der gelehrte Ver¬ 
fasser eine reichhaltige Bibliographie von Werken, welche sich auf Ungarn beziehen. 
Die Beschreibungen sind nicht kurz bibliographisch behandelt, sondern heben in 
knapper Form die historische Bedeutung des Inhalts hervor. Dadurch bedeutet 
Apponyis Werk einen wichtigen Beitrag für die Geschichte Ungarns. 

Preis der zwei Bände M. 50.—. 


APPENDICES 

AD 

HAINII-COPINGERI 

REPERT0R1VM BIBLIOGRAPHICVM 

ADDITIONES ET EMENDATIONES 

teDIDIT 

DIETERICVS REICHLING, DR. PHIL 

GYMNASII REGII PAULINI MON ASTERISNS IS PROFESSOR 

FASCICVLI I—VII 

Reichling sammelte mit großer Sorgfalt alle diejenigen Inkunabeln, welche 
Hain und Copinger unbekannt geblieben oder nur ungenügend bekannt geworden 
waren. Indem er diesen Werken eine genaue bibliographische Beschreibung zuteil 
werden ließ, schuf er eine unentbehrliche Ergänzung zu den Arbeiten Hain-Copingers. 
Es war bei Beginn seiner Studien nicht anzunehmen, daß er eine solche Fülle un¬ 
verarbeiteten Materials finden würde, als es sich tatsächlich ergab. So entstanden 
nacheinander sechs Bände. Vor allem lieferten die Bibliotheken Italiens eine außer¬ 
ordentlich große Anzahl bis dahin nicht beschriebener Inkunabeldrucke. 

Ein eigener Registerband ermöglicht eine rasche Orientierung über den In¬ 
halt der sechs Bände und ist durch seine alphabetische Zusammenfassung von Druckern 
und Druckorten selbst wieder ein nützliches bibliographisches Nachschlagebuch. 

Preis jedes Bandes M. 10. —, des Registerbandes M. 15. —. 

Das vollständige Werk gebunden in zwei starken Halblederbänden M. 78.—. 


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VERLAG JACQUES ROSENTHAL, MÜNCHEN 


LE 

BOCCACE DE MUNICH 

REPRO DUCTION DES 91 MINIATURES 
DU CfiLfiBRE MANUSCRIT DE LA BIBLIOTHEQUE ROYALE 

DE MUNICH 


ETÜDE 

HISTORIQUE ET CRITIQUE 

ET 

EXPLICATION D£TAILLEE DES PLANCHES 

PAR 

LE COMTE PAUL DURRIEU 

MEMBRE DE L’INSTITUT DE FRANCE 
CONSERVATEUR HONORAIRE AU MUSfiE DU LOUVRE 


Zum erstenmal ist in diesem Werke die vollständige Reihe der künst¬ 
lerisch hochbedeutenden Miniaturen des Münchener Boccaccio in mustergültigen 
Heliogravüren vorgeführt. Sie stammen von der Hand des berühmten franzö¬ 
sischen Malers und Illuminators 

JEAN FOUCQUET 

und seiner Ateliergenossen. — Der Text des verdienstreichen französischen 
Gelehrten Paul Durrieu bildet einen 'wichtigen Beitrag zurFoucquetforschung 
und ist reich an interessanten Einzelheiten. 


Preis M. ioo 

Exemplar auf Japanpapier (Shizuoka) M. 300 


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E FOLGE HEFT II 


BEITRAGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN UND MITTEILUNGEN 
AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 

<f . • 

CV9 




VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1913 


fiiiiiimniittiiiiiiiiiiiiimiitttiiiiiiNaiinuiiiiittiviiiiiuiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 




















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MAft 19 1914 ) . - ^ 

• / . A -vE 

""’” ■*, O ’/ 5 jjg 

J. A. LOWELL FUND 

Inhalt. 

Seite 

Goyas Briefe an M. Zapater von Priv.-Doz. Dr. August L. Mayer . . 39 

Rara Hispanica von Prof. Dr. Konrad Haebler. 50 

Die Erstausgabe des Fuero real von Dr. Erich von Rath . 60 

Georg Erlingers Kreuzigungsbolzschnitt von Dr. Karl Schottenloher 67 

Mitteilungen: Ein unbeschriebener Turiner Wiegendruck . 69 

Die erste Ausgabe der „sieben Pforten Mariä ‘ .. 70 

|hJ 

1 

v 


Copyright by Jacques Rosenthal. 














Tafel VII. 










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August L. Mayer, Goyas Briefe an Martin Zapater 


39 




Goyas Briefe an Martin Zapater. 

Von August L. Mayer. 

Hierzu Tafel VII—X. 

Für die genauere Kenntnis von Goyas Charakter, seiner Tugenden und 
Untugenden, seiner Leidenschaften, seiner sozialen Stellung wie auch zum 
näheren Verständnis mancher seiner Werke und zur chronologischen Fest¬ 
legung, zur Entstehungsgeschichte mehr als einer bedeutenden Arbeit be¬ 
sitzen wir keine zuverlässigere, bedeutendere, umfangreichere und interessan¬ 
tere Quelle als die 135 Briefe, die Goya in derZeit von 1775—1801 an seinen 
besten Freund: Don Martin Zapater y Claveria in Zaragoza gerichtet hat. 

Auf diese Briefe und ihre ungemeine Wichtigkeit wurde man zuerst 
aufmerksam, als sie der Neffe des Adressaten Don Francisco Zapater y Gomez 
1868 im Auszug zuerst in der Zaragozaner Zeitung „La Perseverancia. Diario 
Catölico“ und dann als Sonderabdruck unter dem Titel „Goya. Noticias bio- 
graficas“ veröffentlichte, mit dem Zweck, das wahre Wesen Goyas zu zeigen, 
nachdem Matheron und Yriarte ihre mit romanhaften Zutaten und Uebertrei- 
bungen ausgeschmttckten Biographien Uber den genialen aragonesischen 
Meister veröffentlicht hatten. 

Valerian von Loga bezeichnet in seiner bekannten Goyamonographie 
diese Briefe als „größtenteils verschollen*. Er selbst benutzte für seine 
Arbeit die Auszüge des jüngeren Zapater, wobei er diese Exzerpte nicht 
immer richtig interpretiert und Übersetzt hat, wie wir bald sehen werden. 
Die kleine Broschüre des jüngeren Zapater ist heute äußerst selten geworden, 
dem Verfasser sind nur ganz wenige Exemplare bekannt. Um so interessan¬ 
ter und bedeutungsvoller, wenn seit kurzem, ein beträchtlicher Teil der „ver¬ 
schollenen“ Goyabriefe selbst unserer Kenntnis wieder zugeftlhrt worden ist. 

Es handelt sich um 41 Briefe, 28 davon sind genau datiert, die übrigen 
ziemlich gut chronologisch einzureihen. Alle sind eigenhändig geschrieben 
mit Ausnahme der beiden Briefe vom 31. März 1788 und vom 31. Juli 1783 (?), 
(Nr. 38 unserer Numerierung). Hier hat Goya nur seinen Namen selbst dar¬ 
unter gesetzt. Sie stammen aus Zeiten, da Goya überaus stark beschäftigt 
war. Der Schreiber des letztgenannte Briefes ist ein gewisser Perico aus 
Carabanchel, der auch Goyas Schwager, Bayeu, früher diese Dienste er¬ 
wiesen hatte. 

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Goyas Briefe sind auf Oktavbögen geschrieben, zuweilen benutzte er 
das aus Antwortschreiben des Freundes oder dessen geschäftlichen Sendungen 
an ihn gelangte, unbeschrieben gebliebene Briefpapier Zapaters mit dem ein¬ 
geprägten Aufdruck seiner Firma „Franc Zapater y Gomez / Zaragoza (in 
Majuskeln), so das Schreiben vom 23. Juni 1787 und das ohne Jahreszahl, 
um „a 16“ datierte. 

Daher erlaubt sich Goya selbst einmal auf einem ganz kurzen, ein¬ 
seitigen Brief den Witz, den unbeschrieben gebliebenen Baum mit Schnör¬ 
keln auszufüllen und dies damit zu erklären: „Damit Du das Blatt nicht 
(weiter zum Schreiben) benutzest.“ 

Die Schrift ist kräftig, ausdrucksvoll, fest, dabei aber doch etwas flüchtig, 
Goya entschuldigt sich sehr häufig wegen dieser Eile und wegen der Kürze 
seiner Briefe. Stets verspricht er im nächsten Brief ausführlicher sein zu 
wollen. Und ebenso häufig findet man Goyas Wunsch ausgesprochen, Zapater 
möchte doch lieber selbst nach Madrid kommen, damit Goya den geliebten 
Jugendfreund in nächster Nähe hätte, mit ihm jagen oder zum Stiergefecht 
gehen könnte. 

Mehrfach sind die Briefe Begleitschreiben zu Geld- oder anderen Sen¬ 
dungen, die zum Teil für Zapater, zum Teil aber auch für Mitglieder von 
Goyas Familie, vor allem seine Mutter, bestimmt waren. Darüber gleich 
näheres. Die Briefe folgen sich häufig im Abstand von nur wenigen Tagen, 
zuweilen ruht jedoch die Korrespondenz monatelang. 

Ueber den Anfang der meisten Briefe hat Goya als frommer Katholik 
ein Kreuzchen gesetzt. Die überaus starke, durch die vielen Jahre hindurch 
unverminderte Freundesliebe Goyas zu Zapater bekundet sich schon in den 
Ueberschriften, dem Schluß der Briefe und der Adressatenangabe, die sich 
stets auf der letzten Seite links unten findet: Querido Martin mlo, — querido 
del alma, — querido mio de el alma — Amigo y Amigo y mas amigo Zapater 
(7. 10. 1778) usw. am Anfang; querido Martin Zapater, — mi querido 
amigo Zapater — meistens querido Martin mio als Adressenangabe. Bei 
dem Brief (Nr. 30 unserer Numerierung) ist nach querido ein sitzender Hund 
skizziert. Der Schluß der Briefe zeigt häufig humorvolle Neubildungen von 
Worten, hier will Goya stets nochmal seine ganze Herzlichkeit zum Aus¬ 
druck bringen: tuyo y retuyo que te requiere tu Repaco (16. 8. 1780) ähn¬ 
lich, wenn auch nicht ganz so gelungen: tu verdadero amigo y Reamigo 
Franco de Goya (17. 8.1785) adios adios tuyo y retuyo Francisco (12. 9. 1786), 
die Unterschrift Paco y Repaco (9. 4. 1787) und gran amigo Pacorro in einem 
der undatierten Briefe. 

Schon diese Dinge zeugen von der Frische, dem Elan, der packen¬ 
den Unmittelbarkeit, die Goya wie in seinen Werken so auch in diesen 
Briefen auszeichnet, und die den Genuß dieser Lektüre erhöhen, den 


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Goyas Briefe an Martin Zapater 


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Briefen eine ganz eigenartige Note, eine unglaubliche Lebendigkeit ver¬ 
leihen, selbst wenn es sich um ganz alltägliche, rein geschäftsmäßige Dinge 
handelt. 

Zapater war nämlich nicht nur der Freund, den Goya als einstigen 
Jugendgespielen wegen seiner allgemein menschlichen, höchst schätzens¬ 
werten Eigenschaften liebte. Goya stand vielmehr mit ihm in gewisser 
Geschäftsverbindung, Zapater war sein Bankier, der ihm zu Zeiten aushalf, 
der Goya verschiedentlich größere und kleinere Summen für seine Mutter 
und Geschwister vorlegte. Gerade diese Briefe zeugen einerseits von der 
noblen Art, dem steten Entgegenkommen Zapaters, andererseits von der 
rührend innigen, opferwilligen Liebe, womit Goya an den Seinen hing. 

„Lieber Freund“, schreibt Goya am 8. Dezember 1781, „ich erhielt 
einen Brief von der Rita, worin sie mir den Zustand meines Vaters mit¬ 
teilt und ich kann Dir gar nicht sagen, wie mir zumute ist.“ Der Mutter 
schickt er jeden Augenblick etwas. Wie freut er sich, daß sein armer 
Bruder, der Vergolder Thomas Goya, wieder Arbeit gefunden hat. Brief 
Nr. 34. 

Auch für andere Verwandte sorgte er; so sucht er (Brief Nr. 38) einem 
Vetter eine Stelle als Syndikus an der Universität zu Madrid oder an der zu 
Huesca zu verschaffen. 

Die Sendungen von Würsten an Zapater und von Schokolade aus Za¬ 
ragoza an Goya spielen in den Briefen eine nicht unbedeutende Rolle. Dem 
musikliebenden Zapater schickt Goya mehrfach Musikalien zu Tänzen und 
Gesängen: Tiranas, seguidillas und boleros. Mehr aber noch als die Freude 
an der Musik verband die beiden Freunde eine riesige Jagdleidenschaft. 
Goya läßt Zapaters Gewehr in Madrid reparieren, Zapater schenkt dem 
Freund einen Jagdhund, die Feldjagd spielt eine Hauptrolle in den Briefen 
der beiden. Immer wieder bedauert Goya, daß Zapater nicht mit ihm zur 
Jagd kommen kann. 

Am meisten interessieren uns natürlich die Stellen, die sich auf Goyas 
Kunst beziehen und deren gibt es in diesen Briefen genug. Wir erhalten 
dabei auch einen kleinen Einblick in Goyas Arbeitsweise und erfahren ver¬ 
schiedenes Interessante über seine Beziehungen zu anderen Künstlern. 

Als Zapaters Vater Anfang Januar 1787 gestorben war, hatte Goya 
dem Freund eine Virgen del Carmen zu malen versprochen (Loga p. 60). 
Wir konnten bisher diese Notiz nicht nachprüfen. Jedenfalls dürfte die Be¬ 
merkung im Brief vom 2. Mai 1787 „Deine guten Gedanken (reflexiones) 
werden mich eine Virgen del Carmen machen lassen“ gleichfalls auf diese 
Arbeit zu beziehen sein. Am 4. Mai 1787 schrieb Goya: „Ich male Dir die 
Virgen sehr schön. Gott lasse uns am Leben für seinen heiligen Dienst“ 
(Zap. p. 41). In unserem Brief vom 31. März 1788 (Zap. p. 55) entschuldigt 

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sich Goya, daß er dieses Bild noch nicht vollendet hat. Auf höheren Befehl 
muß er die Entwürfe (Disenos) für die Gobelins im Schlafzimmer der In¬ 
fantin (Da. Maria Ana Victoria de Braganza, Gemahlin des Infanten D. Ga¬ 
briel Anton) im Eskorial ausführen. Er arbeitete sehr eifrig daran, da die 
Zeit sehr kurz bemessen ist und der König und die übrige Hofgesellschaft 
die Arbeit besichtigen werden. Dazu sind die ihm vorgeschriebenen Gegen¬ 
stände, wie Goya weiter bemerkt, so schwer und so umfangreich (de tanto 
que hacer) wie die Pradera de S. Isidro am Namenstag des Heiligen mit 
all dem Trubel, den dann in der Hauptstadt dieses Fest mit sich bringt, 
daß er sich bald nicht mehr auskennt. „Ich schlafe und raste nicht, ehe 
ich diese Geschichte erledigt habe, und heiße das nicht,leben 1 dieses Leben, 
das ich da führe.“ Wie schon Loga bemerkt, ist mit dieser „Pradera del 
S. Isidro“ wohl nicht das jetzt im Prado befindliche, spätestens 1790 ge¬ 
malte berühmte Bild gemeint, sondern eben ein — nicht zur Ausführung 
gelangter Teppichkarton — aber diese Arbeit hat unzweifelhaft Goya die 
Anregung und die umfangreichen Vorstudien zu seinem Meisterwerk im 
Prado geliefert. 

Unser Brief Nr. 30 ist unzweifelhaft 1790 geschrieben, denn abge¬ 
sehen davon, daß Goya mehrfach auf seinen verflossenen Aufenthalt in 
Zaragoza hinweist und der Besuch bei dem Padre Company, dem Erz¬ 
bischof von Valencia mit seinem Aufenthalt in der Turiastadt in Verbin¬ 
dung zu bringen ist, spricht Goya von zwei Porträts, die er 1790 gemalt hat: 
wir meinen das lebensgroße, ganzfigurige Porträt des Kanonikus D. Ramon 
Pignatelli, eines Angehörigen jener fürstlichen Familie, die Goya stets in 
seinem Wirken unterstützt hat und das Porträt Zapaters. Goya schreibt: 
Boba habe ich schon angezogen und mit dem Juwelenkreuz geschmückt und 
Dein Porträt habe ich heute begonnen (Ya tengo bestido y con la + de 
piedras ä Boba y el tuyo he empezado hoy). 

Wir können nicht denken, daß der mit dem Spitz- oder Kosenamen 
Boba bezeichnete ein anderer sein könnte als eben der um die Vollendung 
des Canal Imperial de Aragon hochverdiente Kanonikus D. Ramon Pig¬ 
natelli y Moncayo (gest. 1793). Das Porträt besitzt noch heute ein Mitglied 
der Familie, D. Alejandro de la Cruz, Conde de Fuentes, die von Goya in 
Zaragoza nach dem Leben gemalte Studie des Kopfes besitzen die Nach¬ 
kommen der Duquesa de Villahermosa in Madrid. Auf dem Porträt Zapaters, 
einst im Besitz der Familie, dann längere Zeit verschollen (Loga Nr. 359), 
gegenwärtig im Besitz von Durand-Ruel in Paris, hält Zapater einen Brief 
in der Hand, auf dem zu lesen ist: „Mi amigo Zapater con el mayor tra- 
bajo te ha hecho este retrato Goya 1790.“ (Ahb. 1) Goya hat sieben Jahre 
später nochmals Zapaters Züge in einem künstlerisch bedeutend reiferen 
Bildnis festgehalten, in dem gleichfalls bei Durand-Ruel in Paris befind- 


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Tafel VIII. 






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Abb. 2 und 3. Brief Gova; 


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Tafel IX. 



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Goyas Briefe an Martin Zapater 


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liehen Brustbild in ovalem Rahmen (Abb. 4) mit der Bezeichnung: „Goya a 
su amigo Martin Zapater 1797" (Loga Nr. 360). 

Auf ein ganz anderes Porträt Pignatellis bezieht sich eine Stelle in 
Goyas Schreiben vom 23. April 1794. Goya wünscht Zapaters Meinung über 
ein Miniaturporträt des inzwischen verstorbenen D. Ramon zu hören, falls 
es ihm zu Gesicht kommen sollte. Der — aus Valencia stammende — Maler 
Esteve, den Goya hier mit dem liebenswürdigen Beinamen „Capon“ (el capon 
de Esteve) belegt (capon=Kapaun, Kastrat), hat dieses Miniaturporträt für 
den Conde de Sastago angefertigt. Goya findet es ausgezeichnet. Er hat 
Esteve dazu veranlafit. Denn Esteve hatte keine Ahnung davon, daß er 
„zu einer solchen Arbeit die Fähigkeit im Bauch hatte“. Goya selbst 
möchte ein solches Miniaturporträt von Zapater besitzen, „um Dich 
in einem Etui zu tragen“ (para liebarte en una caja). 

Diese Briefstelle ist von außerordentlicher Wichtigkeit deswegen, weil 
sie einer der unzweideutigsten Beweise dafür ist, daß Goya selbst bis zu 
seinen allerletzten Lebensjahren keine Miniaturporträts gemalt hat. Erst 
im Winter 1824—25 malte Goya ungefähr 20 Miniaturen auf Elfenbein, aber 
ganz abweichend von der eigentlichen Miniaturtechnik. Er selbst schreibt 
darüber in einem Brief an D. Joaquin Ferrer vom 20. Dezember 1825 4 ): „... aber 
es ist Miniatura original, wie ich sie noch nicht gesehen habe, da sie nicht 
mit Punkten gemacht ist, Sachen, die mehr den Pinselstrichen des Velazquez 
als denen von Mengs gleichen“. Wäre Goya selbst schon in jener Zeit 
Miniaturmaler gewesen, so hätte er sich ja dies von ihm gewünschte Miniatur¬ 
porträt Zapaters selbst malen können. 


Im folgenden skizzieren wir nun kurz den Inhalt der einzelnen Briefe, 
a) Datierte Briefe. 

1. 7. 10. 1778. G. wohnt Carrere S. Jerönimo im Haus der Marquesa de 
Campollano. Goya macht sich Uber Zapaters Meinungen Uber die beiden 
damaligen Stars unter den Toreros: Romero und Costillares lustig. 
Z. gefiel Romero nicht so gut wie Costillares. Goya schreibt nun ganz 
im — andalusischen —Dialekt der Stierkämpfer weiter: „baya, baya, 
chiquio (=chiquillo) . . . „Aber geh, Buberl“ .. . und fährt fort „da muß 
ich lachen, hahaha. ...“, anderthalb Zeilen lang schreibt er (22mal) 
a/a/a... 

Schließlich spricht er von den 40000 Realen, die er als Adotation 
von der Academia de S. Fernando empfängt. 

*) Vgl. den Abdruck in den bei Bruno Cassirer erschienenen „Künstlerbriefen 
des 19. Jahrhunderts“, S. 448, 449, wo jedoch die Jahreszahl, wohl durch einen Druck¬ 
fehler, irrigerweise mit 1805 angegeben wird. 


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August L. Mayer 


2. 25. 2. 1780. Beileidsbrief, da eine Tante Z’s. gestorben. Hauptinhalt 
Geldangelegenheiten (u. a. die Bemerkung yo solo tengo 5000 pesos). 

3. 17. 5. 1780. Bezieht sich vor allem auf Goyas bevorstehende Arbeiten, 
der Malerei der Kuppelzwickel in der Seo del Pilar zu Zaragoza (in 
einem Brief vom 10. 5. (Zapater p. 161, Loga p. 24) hatte Goya bereits 
seine bevorstehende Abreise nach Zaragoza angezeigt). Mit „Ramon, 
dem es wieder besser geht“, ist Goyas Schwager und Mitarbeiter Ramon 
Bayeu gemeint. 

4. 16. 8. 1780. Goya ist noch immer nicht abgereist. Z. hat bereits für 
ihn eine Wohnung eingerichtet. Kissen (colchones) bringt G. selbst mit. 

6. 30. 8. 1780. G. spricht von seinen Jagderfolgen. Hat 2 Hasen, 3 Wach¬ 
teln und ein Haselhuhn geschossen. Er freut sich, bald mit Z. zur 
Jagd gehen zu können. 

6. 8. 12. 1781. Der oben erwähnte Brief mit Aeußerung, wie er Nach¬ 
richt von schwerer Erkrankung seines Vaters aufgenommen hat. 

7. 28. 12. 1781. Ohne besonderes Interesse. 

8. 2. 11. 1782. G. wohnt Calle Desengano. Zeigt eine Sendung von 
Würsten und Zahnstochern (die Spanier haben den halben Tag einen 
Zahnstocher im Mund, er ist das Lieblingsspielzeug der großen Kinder). 
Er bedauert, mit Z. nicht zur Jagd gehen zu können. 

9. 27. 11. 1782. Anzeige der Uebersendung der Würste durch einen ge¬ 
wissen Delgado, dem G. eine prägnante, nicht sehr schmeichelhafte 
Charakteristik angedeihen läßt. 

10. 27. 1. 1783. Uebersendung einer Kiste. 

11. 20. 4. 1783. G. hat einen Hund von Z. geschenkt erhalten. Große 
Freude. „Ich werde den Hund so behandeln, als sei er der, von dem 
er kommt“. Ueber ein Gewehr Z’s. 

12. 3. 3. 1784. Zunächst Geschäftliches. Er hat Z. Geld zurückerstattet. 
Niedergedrückte Stimmung, es sei nicht mehr zum Aushalten. „ ... Denn 
ich habe bis jetzt wenig Glück. Alle können es nicht begreifen, kein 
befriedigendes Ergebnis beim Staatsminister (Floridabianca? den Goya 
doch damals porträtieren durfte?) erzielen zu können.“ 

13. 6. 3. 1784. Geschäftliche Mitteilungen. Bemerkt, daß es auch in der 
Gegend bei Madrid heuer viele Schnepfen gegeben hat. 

14. 17. 8. 1785. Geschäftliche Mitteilungen. Goya ist froh, jetzt schulden¬ 
frei zu sein. Kommenden Sonntag will G. auf 14 Tage zur Jagd nach 
Chinchon gehen (jenes Dorf am Tajo, wo Goyas Bruder Camilo als 
Pfarrer wirkte). 

16. G. entschuldigt sich, weil er schon lange nichts mehr von sich hat 
hören lassen. Der Brief ist in einem äußerst herzlichen Ton abgefaßt 
Spricht von der Reparatur von Z’s. Gewehr. 


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Goyas Briefe an Martin Zapater 


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16. 7. Juli (1786). [Der Brief trägt keine Jahreszahl, von späterer Hand ist 
nach Julio 1789 mit Tinte hinzugesetzt worden (Abb. 2 u. 3). Dies ist aber 
ein offenbarer Irrtum des .damaligen Besitzers, denn dieser sehr wichtige 
Brief liegt zwischen der Eingabe von Bayeu und Maella zugunsten 
der Ernennung Goyas als Hofmaler vom 18. 6. 1786 und dem — in 
dieser Sammlung nicht vertretenen Brief an Z. vom 1. 8. 1786 (Zap. 
p. 40), worin Goya bemerkt: „Mehr wünsche ich nicht, Gott sei Dank“. 
Auch der jüngere Zapater gibt natürlich richtig das Jahr 1786 für 
unseren Brief an.] 

Voller Freude und noch ganz im Bann der Ueberraschung teilt hier 
Goya dem Freund seine Ernennung zum Hofmaler mit 15000 Realen 
Jahresgehalt mit (übertreibend sagt er „ya soy pintor del Rey“, was 
er noch einige Jahre später wurde). Der König hatte Bayeu und Maella 
beauftragt, die beiden besten Maler für neue Teppichkartons zu suchen. 
Bayeu schlug seinen Bruder vor und Maella auf Bayeus Veranlassung 
dessen Schwager Goya. G. hat sich gleich bei allen bedankt. 

17. 12. 9. 1786. Zunächst Geschäftliches. Danach „.... jetzt bin ich sehr 
beschäftigt, ich mache Entwürfe (Gobelinkartons) für ein Zimmer, wo 
der Fürst (gemeint ist wohl der Jnfant D. Luis) speist .... nie willst 
Du mir sagen, wann Du kommst oder wann Du Lust hast zu kommen...." 

18. 31. 3. 1787. Ueber Reparaturen des Gewehres Z’s. Geschäftliche Mit¬ 
teilungen. 

19. 2. 5. 1787. Ein kurzer, aber sehr herzlicher Dankesbrief, dabei die oben 
kommentierte Notiz Uber die „Virgen del Carmen“, die er Z. malen will. 

20. 9. 5. 1787. Geschäftliches. Ueber die schlechten Ernteaussichten. 
„.... Freund, ich gehe in die Luft! (Loga, p. 70, übersetzt: ich wandle 
wie im Traum) denn meine Frau ist krank, das Kind schlimmer, selbst 
die Köchin liegt mit Fieber zu Bett“. 

21. 23. 6. 1787. Schickt an Z. neun Taler für seine Schwester Rita zum Be¬ 
zahlen ihrer Wohnung: „Ich arbeite mit großer Eile an jenen Gemälden, 
von denen ich Dir, wie ich glaube, in einem früheren Brief geschrieben 
habe.“ [Damit sind wohl die Kartons für das Schlafzimmer der In¬ 
fantin gemeint.] 

22. 31.3. 1788. Ueber die Eigenhändigkeit vergl. weiter oben *), ebenso über 
den wichtigen Inhalt 1 ). 

23. 23. 6. 1789. Schickt durch Piran an Z. Geld für seine Schwester Rita. 
Empfiehlt den Chantre Jorge del Rio und erzählt von einem Hof konzert 
mit hundert Musikern, das an dem Abend des 23. stattfand und prächtig 
verlaufen ist. 

*) Vgl. S. 39. 

*) Vgl. S. 4L 42. 


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Angast L. Mayer 


24. 21. (?26.?) 10.1789. Ueber Eigenhändigkeit vergl. weiter oben 1 ). Will 
seinem Vetter Felix Alizote eine Stelle als Apoderado an der Univer¬ 
sität Madrid oder der zu Huesca verschaffen, bittet Z. sich dafür zu 
verwenden. 

25. 3. 3.1792. [Einer der wenigen Briefe aus diesem traurigen Krankheits¬ 
jahr Goyas. Die Schrift leicht von der sonstigen abweichend, die un¬ 
orthographischen „h tt (huna — una) absichtlich als im Scherz angebraeht 
oder nur dialektisch? Im folgenden finden sich gleichfalls diese „h“ 
und ähnlicher Schriftcharakter überhaupt.] 

Vorwiegend geschäftliche Mitteilungen. G. spricht von einem Brief, 
den er vorher an Z. geschrieben, leider aber verlegt hat. Er bedauert 
es besonders deswegen, weil er sehr launig abgefafit gewesen sei. 

26. 15. 2. 1794. Entschuldigung wegen Verzögerung der Weitergabe einer 
Petition Z’s. „Die ganzen Tage seither ging mir’s besser, aber jetzt fühle 
ich mich wieder unwohl.“ 

27. 23. 4. 1794. Spricht zunächst von einem neuen Feldbett Z’s, fragt, ob 
es noch angefertigt wird oder ob sich Z. schon darin herumwälzt. — „Das 
wäre ein Spafi, wenn’s besser wie das meine wäre!“ Dann kommt die 
Bede auf das oben besprochene Miniaturporträt Pignatellis von Estebe. 
Schließlich spricht er von seinem wechselnden Gesundheitszustand und 
seiner Absicht, nächsten Montag zum Stiergefecht zu gehen. [Zap. p. 53, 
Uebersetzung des Schlußteiles bei Loga, p. 71.] 

28. 10. 5. 1794. Hauptgegenstand bildet das Feldbett und die Kissen. 

b) Undatierte Briefe. 

Von den undatierten Briefen, d. h. vor allem nicht mit einer Jahreszahl 

versehenen seien zunächst die drei auf geführt, die eine spätere Hand mit — 

zum Teil offenbar irrigen — Jahreszahlen versehen hat. 

29. Trägt die Jahreszahl 1798. Spricht von einer Unterredung mit „Sr. Ex¬ 
zellenz“, also wohl einem Minister, der viel zu tun hätte, um den Frieden 
herbeizuführen. 

„Es freut mich, daß Dir die kleine Skizze gefallen hat..." G. hat 
eine Kiste an Z. abgeschickt. 

30. 1799, nachträglich datiert, stammt aber zweifelsohne aus dem Ende 
des Jahres 1790, wie sich aus verschiedenen, weiter oben*) angeführten 
Gründen leicht ergibt. Es ist einer der inhaltsreichsten und amüsan¬ 
testen Briefe der ganzen Sammlung. 

Z. muß G. eine Zeichnung in seinem vorangehenden Brief geschickt 
haben, denn Goya spricht voll lebhaften, lustigen Erstaunens und humor- 

‘) Vgl. S. 39. 

*) Vgl. S. 42. 


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Tafel X. 



Abb. 4. Goya: Martin Zapater (1707). 


Paris, Durand-Ruel. 


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Goyas Briefe an Martin Zapater 


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▼ollen „Bewunderns“ zunächst von diesem „Meisterwerk“, das der Feder 
Z’s. entflossen ist. 

Ueber den Besuch bei Padre Company und G’s. wieder erwachte 
Lust, mit Z. zusammenzuleben, vergl. oben. 

G. schickt Z. mit diesem Brief einige Seguidillas: „Mit welchem 
Vergnügen wirst Du sie hören! Ich habe sie noch nicht gehört und 
höchstwahrscheinlich werde ich sie auch nicht hören, denn ich gehe 
nicht mehr dahin, wo ich sie hören könnte und das nur aus dem 
Grund, weil ich es mir in den Kopf gesetzt habe, eine gewisse Laune 
aufrecht zu erhalten (sostener cierto capricho) und eine gewisse Würde 
zu wahren, die der Mann besitzen muß, mit dem, wie Du mir glauben 
darfst, ich nicht sehr zufrieden bin.“ 

Es folgen nach den kommentierten Stellen Uber die Porträts Pi- 
gnatellis und Zapaters nochmals Anspielungen auf Goyas letzten Besuch: 
„Wie wirst Du Uber meinen letzten Brief gelacht haben, ich wollte, 
ich hätte dabei sein können, welche Unterhaltungen wären dabei heraus¬ 
gekommen! Jetzt wirst Du wieder gut schlafen, ohne daß Dich solche 
Gespräche stören. Mir mangeln sie jedoch so sehr, daß ich mich nicht 
trösten kann, umsomehr, als ich Dich der Kurzweil und den Genüssen 
des Ehenestes (? nidos del Juramento) mehr vorziehe als ich Dir sagen 
kann.“ 

Er fragt am Schluß, ob Z. bereits etwas Uber Goyas Genealogie 
herausbekommen habe (durch seine Mutter entstammte ja G. dem ara- 
gonesischen Adel), es sei aber nicht so eilig. 

31. 1801 von späterer Hand datiert. Scheint aber eher bereits vom Ende 
der siebziger Jahre zu stammen: Mata kann Z. keine Klatschereien 
(chismes) zum Fischen mitbringen, da es (zur Zeit) keine interessanten 
(buenos) in Madrid gäbe *). — Die von Z. gesandte Schokolade schmeckt 
vorzüglich. 

Zum Schluß ist von der Reparatur und Reinigung eines offenen 
Halbwagens (birlocho) die Rede. 

c) Briefe ohne jegliche Jahreszahl. 

32. Nur „a 16“ datiert. Geschäftlichen Inhalts, spricht von Pican und Yoldi. 

33. Wohl aus den ersten Madrider Jahren. G. unterrichtet nämlich den 
Freund, daß es hier (bei Madrid) viele Wachteln und auch angeblich 
Rebhühner gäbe. Lain (?) fange viele mit seinem großen Hund. Z. soll 
ihm schreiben, ob er viel auf die Jagd gehe, wie es auf dem Jagd- 

') Sollte „Chismes“ hier am Ende doch ein Fachausdruck für Angler sein? Man 
wird durch das „buenos“ etwas darauf gebracht, doch ist aus keinem Lexikon eine 
solche Bedeutung des Wortes festzustellen. 


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ausflug mit Dastre war und ob er Johanni draußen gewesen sei (da¬ 
nach ist der Brief wohl Ende Juni abgefaßt). G. erzählt weiter, Montag 
gehe er zur Corrida, es werde wohl regelmäßig Montags Stiergefecht 
abgehalten. 

Z. hat Goyas Bruder Thomas 30 Taler übergeben. G. meint, es solle, 
wenn es noch geht, so aussehen, als ob Z. ihm das Geld leihe, dann zahle 
es Thomas pünktlich zurück; denn wenn er erfährt, daß das Geld von 
seinem Bruder kommt, so nimmt er es mit der Rückzahlung nicht so genau. 

34. Wohl aus dem gleichen Jahr, nur „9. August“ datiert. Francisco Bayeu 
scheint damals in Zaragoza geweilt zu haben, denn auf ihn bezieht 
sich wohl die Bemerkung: „Meinem Schwager Francisco wirst Du ver¬ 
mutlich wohl gesagt haben, daß wir beide sehr gute Freunde sind.“ 
Zu Anfang des Briefes dankt G. seinem Freund Z. für seine Hoch¬ 
herzigkeit, für die Art, wie er Goyas Bruder wieder Arbeit verschafft 
hat. Wenn einer von Goyas Verwandten Z. um Geld bitten sollte, 
so möge es Z. ruhig geben, Goya wird es ihm dann zurückvergüten. 
Dann heißt es . . . lieber Freund, hier gibt’s tausend Neuigkeiten, ich 
kann Dir aber nichts darüber schreiben.“ 

35. Dieser Brief, der gleichfalls aus der frühen Madrider Zeit zu stammen 
scheint, ist ohne Unterschrift, von Goya in aller Eile mit schlechter 
Tinte (sin tener aun ni tintero ni tienpo) geschrieben. Er enthält vor 
allem den sehr merkwürdigen Pasuss: . . Du wirst diesen (beiliegenden) 
Brief unserem Goycoechea durch unseren Pater übergeben und das muß 
mit Vorsicht geschehen, denn hier geht viel im Verborgenen vor (? que 
aqui ba muy oculto). 

Goya hat für Z. ein Zimmer eingerichtet, wo er wie ein Fürst 
wohnen kann Er bittet ihn um eine Sendung Schokolade. 

36. Der Brief stammt vielleicht vom Beginn der achtziger Jahre. G. dankt 
Z. für eine Gefälligkeit, die er ihm erwiesen. Er hatte Besuch von 
Clemens, als er mit seiner Frau in der Sommerresidenz des Infanten 
Don Luis weilte. Goya und seine Frau würden sich sehr freuen, 
wenn Goyas Mutter mit Rita und Camila kämen. Seine Frau, die 
gerade haibangezogen einer tirana (einem Volkslied mit Zitherbegleitung) 
zuhört, läßt ihn grüßen. G. bedauert, daß Z. den Sommer nicht kommen 
kann, da G. nichts zu tun hat (que estoy sin que acer). Er würde gern 
mit ihm zur Jagd gehen, sein Zimmerchen ist stets für Z. boreit. 

37. Schwer datierbar. Man hat G. spanische Volksmusik gebracht, Musik 
zu vier Tiranas und zu vier seguidillas und boleras: Er schickt die 
Musikalien Z., er allein solle sie kopieren, und ja nicht weitergeben, 
sonst habe sie jeder. Dann teilt er ihm mit, daß er für ihn zwei eng¬ 
lische Messer gekauft habe. 


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Goyas Briefe an Martin Zapater 


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38. Datiert 31. Juli (sicher nicht vor 1783). Der Kaplan soll Goyas Mutter 
Geld überbringen, und Z. ihm dies aushändigen. — Ueber Z’s. Gewehr. 
— Der Hund (den Goya April 1783 von Z. geschenkt bekommen hatte) 
will nichts fressen. Er ist so dick geworden wie ein „tajugo“ *). 
Morgen geht Goya auf die Wachteljagd. 

39. Wohl sicher vor 17. 8. 1785. Der Brief, ohne Ueberschrift, beginnt in 
sehr kräftiger Tonart: „Bete a la mierda con tanto silencio ....“ G. 
beschwert sich, daß Z. ihm schon so lange nicht mehr geschrieben habe. 
Wenn G. ihm in der letzten Zeit nicht schrieb, so lag das an einem 
ihm nahegehenden Todesfall und daran, daß er selbst krank zu Bett 
gelegen hatte. „ .. — ich bin daran, ein Gemälde zu vollenden, und 
hoffe Dich mit dem, was man mir dafür gibt, bezahlen zu können“. 

In der Nachschrift Bitte, beiliegenden Brief Goyas Mutter zu über¬ 
geben, wenn möglich geschlossen. 

40. Wohl um 1794. Handelt vor allem von dem neuen Feldbett. 

41. Der lustige kurze Brief mit den erwähnten „RandVerzierungen“. Als o 
warum schreibst Du nicht, Du Viech? Ich habe Dir viel zu sagen und 
wenig Zeit, es zu tun, und führe Dich nicht auf, als seist Du Gro߬ 
mogul .... 

‘) Die Bedeutung des Wortes ist aus keinem Lexikon festzustellen. 


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Eonrad Haebler 


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Rara Hispanica. 

Von Eonrad Haebler (Berlin). 

Mit 5 Abbildungen im Text. 

Spanische Inkunabeln sind auf dem Antiquariatsmarkte andauernd selten 
und infolge davon recht teuer, selbst dann, wenn es sich um Drucke han¬ 
delt, die in zahlreichen Exemplaren bekannt sind. Woher es kommt, daß 
spanische Wiegendrucke so selten auf den Markt gelangen, ist nicht ohne 
weiteres klar. Die spanischen Frühdrucker haben von ihren Erzeugnissen 
ungefähr ebenso hohe Auflagen hergestellt, als ihre deutschen und italieni¬ 
schen Handwerksgenossen. Wir wissen z. B. aus urkundlichen Quellen, daß 
von dem Tirant lo Blanc, von dem wir jetzt noch drei oder vier Exem¬ 
plare kennen, eine Auflage von 1000 Stück gedruckt wurde, und das 
Breviarium Compostellanum, das gänzlich verschollen ist, wurde immerhin 
in 120 Exemplaren hergestellt. Aehnlich steht es mit vielen anderen spani¬ 
schen Drucken. Au sich also brauchten spanische Inkunabeln nicht seltner 
zu sein, als die andrer Nationen. Sie sind es nun aber einmal, und es wird 
wohl, wie bei den Franzosen, darin seinen Grund haben, daß im Laufe der 
Jahrhunderte die alten Bücher dort minder sorgsam verwahrt worden sind, 
als dies in Deutschland und Italien der Fall gewesen ist. Die Seltenheit 
der spanischen Inkunabeln bringt es nun aber auch mit sich, daß sich unter 
den Frühdrucken, die da und dort im Handel auftauchen, immer wieder 
einmal gänzlich, oder doch so gut wie ganz, unbekannte Stücke befinden. 
Ueber eine Reihe solcher, die sich augenblicklich im Besitz der Firma Jacques 
Rosenthal befinden, will ich im Folgenden Bericht erstatten. 

Unter Nr. 236 meiner Bibliografie Iberica habe ich den Kommentar 
des Donatus zu den Komödien des Terenz aufgefUhrt, der in Barcelona von 
Joh. Rosenbach am 17. März 1498 vollendet worden ist. Ich hatte das Buch 
niemals selbst gesehen, sondern konnte mich nur auf den P. Mendez berufen, der 
in seinem bekannten Buche die Schlußschrift des Druckes mitteilt nach einem 
Exemplare, das er in der erzbischöflichen Bibliothek zu Tarragona gesehen 
hatte. Dort scheint das Buch allerdings zur Zeit wohl auch nicht mehr zu 
existieren, denn als Prof. Ernst im Aufträge der Kommission für den Ge¬ 
samtkatalog der Wiegendrucke im Jahre 1911 die spanischen Bibliotheken 


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Rara Hispanica 


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durchforschte, bat er keine Spor eines Donatus in der erzbischöflichen Biblio¬ 
thek entdeckt. Um so erfreulicher ist es, daß jetzt ein Exemplar in die 
Hände des Herrn Jacques Hosenthal gelangt ist und uns damit Gelegenheit 
gegeben wird, den Druck näher zu untersuchen. Zunächst stellt es sich 
dabei heraus, dafi uns die Angaben des P. Mendez etwas irregeftthrt haben. 
Es handelt sich nicht um einen Druck des Kommentars allein, wie man 
nach den von Mendez gemachten Angaben vermuten mußte, sondern es ist 
eine Ausgabe der Komödien des Terenz in der gewöhnlichen Form cum 
duobus commentis, das heifit mit dem Kommentar des Aelius Donatus, und 
dem des Joh. Calphumius zum Heautontimorumenos; und zwar ist die Aus¬ 
gabe wohl zweifellos der Nachdruck einer italienischen Vorlage, der sie sich 
selbst in der äußeren Form ziemlich nahe anschließt. Ich gebe zunächst 
die bibliographische Beschreibung des seltenen Druckes. 

Terentius: Comoediae cum duobus commentis Aelii Donati et Jo¬ 
hannis Calphurnii. Barcelona: Juan Rosenbach, 17. März 1498. 2*. 

110 Bl. Sign.: a*—r®, s®. 39, resp. 72/3 Z. Gotische Typen in 
drei Größen. Gedruckte Initialen. Druckermarke. 

Tit .: (Terentius cum buo jl bus comentis. j| 

Bl. lb leer. Bl. 2a: (p) Rblius (Terentius afer Cartijagine natus: 
f(eb)uiuit romae (Terentio Cucano fenatori:... Bl. 3 b Z.36: Publij (Terentij 
afri poete comeci Rnbrie argumentum. ||... Bl. 4a Text: Rnbrie prologus.|j 
(P)(Deta quum primum ani*||muj. 21b fcribenbuj appu|| lit ib fibi.negocij 
crebibitjj folu bari.... Kommentar: Relij bonati grammatid clariffimi in 
feg. p. Cerentij Rfri comoebias eya*|| minata interpretatio. || (P) ©eta quum 
primü animü ab fcribenbü appulit Principiuj factü eft a commSbatione 
perfone: qb’ pru || bens: qb’ fjoneftus: qb’ prubes (Terentius:... Sign, b: 
beeft em. G Quib. f. mire fibuciä . ptulit argumeto e a minorib? maiora-.etia 
feci qjt facin9 bifit. facer em qs t fyomicibiü || ... Kommentar endet 
Bl. 119 a, Z. 64: .. . G 3ntprubes || q, fciens antitljeton fecunbum: nam 
imprube || ti fcientem rebbit non prubentem.J| G ^inis. || Text endet Z. 37: 
... par || fequor e'qbej pl’ boni feci fyobie iprubes q» fciäs [I] an || ijuc bi? 
unqj. Uos ualete t plaubite calliopi’ recefui || Bl. 119b: G Rcta Iubis Romanis. 
Cucio Poftumio Rlbino. £. Comelto merula aebilibus cur«j|rulibus. <Egere 
ambiuios Curpio. £. Rttilius Praeneftinus. ZTIobuIauit jlaccus || (Oaubij 
tibijs imparibus. (Tota graeca Rppoiobori epibicajomenos. Rcta iiij. <T. || 
janno. 2JT. Ualerio. (Tonfe. || 5* n ' s <Commentariorum KeUi bonati fuper. 
p. (Terentij || Jtfri. (Comoebijs necnon 3oannis (Talpfyurnii fuper fjeau || 
tontimorumenon ^oeliciter. || 3mpreffum Bardjtnone. Per magiftrum 3o(?on= 
nem Rofenbad} Rlmanum. Regnante 3 nu idiffiJl mo ^erbinanbo fecunbo 
fjyfpaniarum. Rege Rnno natiuitatis 3 e f u cfyrtfti ZttiUeft * || mo. Quabringen* 
tefimo Honagefimooctauo. Die oero becimafeptima || Rtenfis RTarcij. 
Darunter Registrum in 4 Spalten. Endet Z. 14: a ©mes funt tri* 
teml pter. s. qua* || temus. || Darunter Druckermarke. Bl. 120 leer. 

Für unsre Kenntnis von der Druckertätigkeit des Johann Rosenbach 
ist der Druck des Terenz von außerordentlichem Interesse. Von den drei 


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Konrad Haebler 


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Typen, die zu seiner Herstellung verwendet worden sind, waren uns aller¬ 
dings diejenige des Textes und die des Kommentars aus anderen Drucken 
bekannt. Neu dagegen ist das Auftreten einer Auszeichnungsschrift von 
mittlerer Größe, die in andern Drucken Bosenbachs noch nicht nachgewiesen 
war. Ueberraschende Neuheit in der Gestaltung bietet allerdings diese Type 
nicht. Sie schließt sich in ihren Formen auf das engste an die Auszeich¬ 
nungsschrift an, die Peter Hagenbach in Valencia und später in Toledo für 
seine Drucke verwendet hat, und da Bosenbach vermutlich während seines 
Aufenthaltes in Valencia Gelegenheit gehabt haben wird, die Bekanntschaft 
Hagenbachs zu machen, so ist es sehr wahrscheinlich, daß er, wenn nicht 
unmittelbar die Punzen, so doch mindestens die Typen als Vorbilder für seine 
Schriftart schon von Valencia mitgebracht hat. Valencianische Einflüsse 
scheinen sich auch sonst auf den Druck geltend gemacht zu haben. Er ist 
überraschend reich ausgestattet mit gedruckten Initialbuchstaben. Es kommen 
von diesen nicht weniger als sechs verschiedene Formen vor, von denen 
allerdings nur drei in größerem Umfange verwendet worden sind. Es sind 
dies die von mir im Typenrepertorium mit den Buchstaben a, b, c bezeich- 
neten Sorten, Initialen in italienischem Stil mit dichtem ornamentalem Ge¬ 
rank auf schwarzem Grunde. 

Zu diesen stimmt formell eine dritte Sorte von Initialen, die in 
dem gleichen Charakter entworfen, nur in der Größe von den vorge¬ 
nannten abweicht. Diese Initialserien sind denen des Nicolas Spindeier 
so ähnlich, daß wir sie wohl wie die Typen des Bosenbach, als valen- 
cianische Entlehnungen ansprechen müssen. Sehr eigenartig dagegen ist 
eine andere Art von Initialen, die Bosenbach im Terenz in zwei ver¬ 



schiedenen Größen verwendet hat. Nie. Spindeier hat bekanntlich in seinen 
späten Drucken Initialen mit schraffierten Blumen verwendet, die wohl auf 
Lyoner Vorbilder zurückgehen, aber in der Behandlung der Blumen ziem¬ 
lich eigenartig sind. Spindeier hat diese Initialen in der üblichen Weise 
weiß auf schwarz gezeichnet. In einem ähnlichen Stile hat nun auch Bosen¬ 
bach mindestens einzelne Buchstaben eines Alphabetes entworfen, von dem 
Spuren in dem Terenz auftauchen. Es sind Buchstaben mit teils schraffier¬ 
ten, teils ornamental gehaltenen Blumen und Blütenzweigen, die aber nicht 
weiß auf schwarz, sondern schwarz auf weiß gehalten sind. Diese Zier- 


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Rara Hispanica 


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buchstaben sind von einem ganz eigenartigen Effekt, der wohl bei keinem 
anderen Frühdrucker wieder begegnet. Besonders der Buchstabe D (siehe 
die Reproduktion) zeigt eine ganz eigentümliche, aber durchaus geschickte 
und ihre Wirkungen sicher berechnende Technik. Leider kommen von dem 
Alphabet in dem Terenz nur die Buchstaben A, C, D, N in der größeren Form 
vor und in einer kleineren Form, die aber ganz in demselben Stile gehalten 
ist, finden sich wenigstens noch die Buchstaben C, D, P. Jedenfalls ist 
dieser Initialschmuck der Terenzausgabe etwas so Eigenartiges, daß er ihr 
schon, von allen anderen Dingen abgesehen, ein Interesse für den Forscher 
auf dem Gebiete des Frühdrucks sichert. Das Buch trägt die niedliche 
Druckermarke des Johann Rosenbach in ihrer zweiten Form, die ich in 
meinen Spanischen und Portugiesischen Druckermarken, Tafel X b, abgebildet 
habe. Das Exemplar ist recht gut erhalten. Die geringen Defekte am Rande 
sind sorgfältig ausgebessert. Das Buch befindet sich in einem Ledereinbande 
des 18. Jahrhunderts. 

Hatten wir es bei dem Vorausgehenden mit einem Wiegendrucke zu 
tun, der zum mindesten unsere Kenntnis in erheblicher Weise vervoll- 
kommnete und berichtigte, so stellt sich ein anderer im Besitz von Jacques 
Rosenthal befindlicher Druck als eine gänzlich unbekannte Inkunabel heraus. 
Allerdings ist die Eigenschaft als Wiegendruck dem Buche nicht vollkommen 
einwandfrei gesichert. Es ist ein Druck ohne Unterschrift und ohne be¬ 
stimmte Zeitangaben aus der Offizin des Friedrich Biel in Burgos, der be¬ 
kanntlich mindestens noch bis 1530 tätig gewesen ist. Da wir es uns aber 
zur Regel gemacht haben, undatierte Drucke, die mit dem Material herge¬ 
stellt sind, welches den Inkunabeldruckem schon vor dem Jahre 1500 zur 
Verfügung gestanden hat, solange als Wiegendruck anzusehen, bis wir ihnen 
diese Eigenschaft aus zwingenden Gründen absprechen müssen, so hat der 
vorliegende Druck unbedingt vorläufig noch das Recht von uns als Wiegen¬ 
druck angesprochen zu werden. Es ist ein religiöser Traktat eines unge¬ 
nannten Bischofs von Avila über die heilige Messe, der dem Grafen Alvaro 
de Estuniga gewidmet ist. Bischof von Avila war von 1498 bis 1514 Don 
Alfonso Carrillo, und wir haben deshalb alle Veranlassung, ihn als den Ver¬ 
fasser des Druckwerkes anzusehen. Auch hier gebe ich zunächst die biblio¬ 
graphische Beschreibung. 

Carrillo, Alfonso, Bischof von Avila: Respuesta sobre la exposicion 
de la missa. [Burgos: Friedrich Biel] 4°. 8 Bl. Sign: a 8 . 28 Z. 
Gotische Typen in zwei Größen. Gedruckte Initialen. 

Tit: Refpuefta bei obifpo bauila || a pna peticion bei conbe bon aluaro 
öcfiunigo [ 1 ] fo * || bre la eypoftcton bela miffa. <£oit la oraciott bc nue* || 
ffra fcnora. <D intemerata. || Bl. 1 b: (ZU) Rgnifico / 7 bcuoto fcnor || bon 
aluaro beftuniga / co||ftberabo nucftra peticiö: || por la quäl be lucgos tie [j 


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Eonrad Haebler 


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pos me reqriftes / q por || alguna breue tnformaciö || dos öieffe a etttettber 
el || teplo be bios .... Endet Bl. 8 a Z. 4: ... ei fcöfpü gouteme pra 
intelligeda alübre Pta || cösctecia t dos effuerce cö fcä p(et)feuerancta t be 
tobas || pueftras cujpas otorgue planaria [! ] inbulgencia. amen. || CI Sigue 
fe Dna oracton a nra feitora : i a fant 3oljä || apoflol x euangelifta . |l (0) 
(Entera x por ftepre bebtta fola t ftn com * || paracion pgen x mabre b’oios 
fcä marta || gloria be bios: .... Endet Bl. 8b Z. 27: .... porque 
ruegue x goje ftempre con dos otros enel || reyno bei ctelo. 2tmen. || Deo 
gracias. || 

Gedruckt ist das Werkeben in der von Fadrique -vielfach verwendeten 
großen gotischen Texttype Nr. 8, die schon seit der Mitte der neunziger 
Jahre bei dem Drucker vorkommt. Den Anfang ziert eine von Fadriques 
schönen großen Initialen ohne Umrandung, die bekanntlich auf deutsche Vor¬ 
bilder zurttckgehen. Das wichtigste für die Datierung ist, daß in der Ueber- 
schrift die Auszeichnungstype Nr. 13 Verwendung gefunden hat, jene eigen¬ 
tümliche Schriftart, die Fadrique offenbar französischen — Pariser oder 
Lyoner — Mustern nachgebildet hat, und die uns bisher lediglich aus 
seinem Narrenschiff vom Jahre 1499 bekannt war. Wie lange die Type 
noch im 16. Jahrhundert Vorkommen mag, ist vorläufig noch nicht fest¬ 
gelegt. Vor 1500 ist sie jedenfalls erst ganz kurze Zeit zur Verwendung 
gelangt, und der Meßtraktat des Alfonso Carrillo kann demnach erst ganz 
am Ende der Inkunabelzeit entstanden sein. Aber nichts in seinem Material 
und in der darin erkennbaren Druckerpraxis spricht dagegen, daß wir das 
Schriftchen noch der Frtthdruckperiode zuweisen dtlrfen. 

Während Mendez und Hidalgo nur drei Druckereien in Valladolid 
kannten, nämlich die des Juan de Francourt, des Juan de Burgos und des 
Diego de Gumiel, gelang es mir, in der Nationalbibliothek zu Madrid einen 
Druck zu entdecken, der eine vierte Druckstätte in Valladolid enthüllte, 
eine Druckerei, die von dem Italiener Pedro Giraldi und dem Spanier 
Miguel de Planes geleitet wurde. Bis jetzt waren von diesen Druckern 
sieben Erzeugnisse zum Vorschein gekommen, von denen drei ein Datum 
des Jahres 1497 tragen, während die andern vier ohne Unterschrift nur 
auf Grund ihrer Typen auf diese Druckstätte zurückgeführt werden können. 
In allen diesen Erzeugnissen war neben einer ganz spärlich verwendeten 
Auszeichnungsschrift nur eine Texttype zu finden, die nach Vorbildern von 
Lyon entworfen, nicht allzuviel charakteristische Elemente aufwies. Erst 
in allerjüngster Zeit sind nun zwei weitere Drucke zum Vorschein ge¬ 
kommen, die gleichfalls aus dieser Offizin hervorgegangen sind. Der eine 
trägt die volle Unterschrift, der andere wenigstens Ort und Datum. Sie 
alle beide gehören abermals dem Jahre 1497 an. In diesen Drucken aber 
wird nun die bisher bekannte Texttype nur als Auszeichnungsschrift ver¬ 
wendet, während der eigentliche Text in einer kleinen Type von ziemlich 


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Rara Hispanica 


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internationalen Formen gesetzt ist, die zwar auch nicht vollkommen un¬ 
bekannt war, deren Zugehörigkeit zu der Druckerei des Miguel de Planes 
in Valladolid aber unbekannt war, so daß die mit ihr gedruckten Werke 
irrtümlicherweise anderen Druckereien zugeteilt worden sind. 

Damit hat es folgende Bewandtnis: Im Jahre 1515 hat Diego de 
Gumiel in Valencia mit einer Type, die anscheinend dieselbe ist, Werke 
des Ramon Lull gedruckt. Da nun Diego de Gumiel zu denjenigen Druckern 
gehört, von denen man wußte, daß sie um das Jahr 1500 auch in Valladolid 
tätig gewesen sind, glaubte ich nicht irre zu gehen, wenn ich zwei Ablaßbriefe 
mit dem Datum 1499, die in dieser Type gedruckt sind, dem Diego de 
Gumiel und seiner Tätigkeit in Valladolid zuschrieb. Es sind dies die 
Ablaßbriefe Nr. 110 und 111 meiner Bibliografie Iberica, von denen der 
eine auch als Typenprobe in der Tipografia Iberica unter Nr. 139 repro¬ 
duziert ist. 

Ein anderes Erzeugnis in denselben Typen ist dagegen dem Arnao 
Guillen de Brocar in Pamplona zugeschrieben worden. Auch dieser besitzt 
nämlich eine Texttype, die in Form und Maß fast genau mit der hier in 
Frage stehenden Ubereinstimmt und da der Druck nach Ausstattung und 
Inhalt kaum dem Diego de Gumiel zugeschrieben werden konnte, habe ich 
auf Brocar als vermutlichen Urheber geschlossen, und er ist so im Ver¬ 
zeichnis der Inkunabeln der Egl. Bibliothek in Berlin aufgefUhrt. Daß 
diese beiden Bestimmungen auf Irrtum beruhten, habe ich erst erkennen 
können, als ich von der Firma Jacques Rosenthal die beiden neu entdeckten 
Drucke von Giraldi & Planes vorgelegt erhielt. Die Verwendung von 
Initialen und anderem Beiwerk läßt darüber gar keinen Zweifel bestehen, 
daß auch die vorerwähnten Stücke der neuen Druckerei von Valladolid 
zugehören, so daß deren Gesamtwerk nunmehr auf zwölf Drucke anschwillt. 
Das einzige, was vielleicht noch einer Aufklärung bedarf, ist der Umstand, 
daß sämtliche sicher unterschriebene Drucke der Firma dem Jahre 1497 
angehören, während die Ablaßbriefe das Datum 1499 tragen. Es wäre 
danach immerhin nicht vollkommen ausgeschlossen, daß zwar die Type von 
Giraldi & Planes herrührt, daß die Drucke aber mit derselben von Diego 
de Gumiel hergestellt worden sind, da sich ja später die Type in dessen 
Händen zu befinden scheint. Die beiden interessanten neuen Drucke sind 
eine Logik des Ramon Lull und die Schriften von dessen begeistertem 
Schüler Petrus de Gui, beides Werke, die in Spanien in der Inkunabelzeit 
schon einmal und zwar von den Companeros alemanes in Sevilla im Jahre 
1491, resp. von Pedro Posa in Barcelona 1489 gedruckt worden sind. Ich 
lasse nun die bibliographische Beschreibung der beiden Kostbarkeiten folgen. 

Lullus, Raimundus: Logica. Valladolid [Pedro Giraldi und Miguel 

de Planes] 6. August 1497. 4°. 

& 


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Eonrad Haebler 


8 Bl. Sign: A 8 . 35/6 Z. Gotische Typen in zwei Größen. Ge¬ 
druckte Initialen. 

Bl. 1 a m. Sign. 21: Coyce tntroöuctiuncula nec minus ptilis quam || 
breuis: iüuminati boctoris Raymübi lulli: omntum || generalifftmt artium: 
incipit quä fauftiffime. || Deus cu tua gra t amore opufcuiü incipit. || 
[ ] ®gica eft ars cum qua perum z falfum ratio||rinanbo cognofcuntur : t 
argumetatiue btfcer || nütur. ... Endet Bl. 8 b Z. 29: ... ftcut fi que || 
ratur mel et fei funt öulcia. ft refponbeatur nö. ergo me( no || eft bulce. 
ft refponbnatur fic. csclubatur: ergo fei eft bulce. t || cetera. || fjoc opus 
in oppibo be pallabolib jmpreffum fuit || Zlnno falutj nre . ZIT. <££<£<£. 
ycpij . bie pj. augufiij || 

Gui, Petrus de : Janua artis magistri Raimundi Lulli et Formalitates. 
Valladolid : Pedro Giraldi und Miguel de Planes, 5. August 1497. 4°. 

14 Bl. Sign: A 8 B*. 35 Z. Gotische Typen in zwei Größen. 
Gedruckte Initialen. 


Bl. 1 a m. Sign. 21: G Clementifftme beus cum tua gratia et auyilio || 
incipit über : qui pocatur ianua artis magiftri Ray = II munbi luü. ebitus 
a btto Petro be gui Pille ZHon = tis albi prefbitero. |( (i) ZT nomine itjefu 
(in quo omne genu celeftium ter reftrium et infemorum flectatur) Haleat 
inteile * || ctus nofter lumie fibei iüiari : ... Sign, b: ralitatem et biuer* 
fttatem potentiarü : quas in fe continet. pi || ... Endet Bl. 14b Z. 15: 
ZTutlam enim fyabent totalttat? : que eft neceffaria ab biftin * || ctionem fe 
totis obiectiue. || ^oc opus jmpreffum fuit jnftgni i oppibo be pallabolib || 
per magiftrum Petrum giralbj: et ZTCidjaelem be pla = || nes : correctum 
pero ac emenbatum fumma inbagatio || ne a Prefentato ej oppibo qb* pulgo 
bicitur Buenos. || Zlnno falutis noftre miUeftmo . quabrigenteftmo . nona || 
geftmo feptimo. Bie pero quinta menfts Zluguftij. || 


Wie gesagt ist in beiden Drucken der Text mit der neuen kleinen Type 
MH c. 81 mm gedruckt und die bekannte ältere Textschrift von Giraldi & Planes 
ist hier nur zu Ueberschriften verwendet. Daneben aber weisen die beiden 
Drucke Zierinitialen auf, und zwar solche, die auch in dem dem Brocar zu¬ 
geschriebenen Drucke der Berliner Bibliothek zur Verwendung gelangt sind. 
Dasselbe gilt von zwei verschiedenen Rubrikzeichen. Es zeigt sich also, 
daß unsre Kenntnis von den Materialien in der Druckstätte von Valladolid 
durch die neuen Funde erheblich berichtigt und bereichert worden ist. 

Die Firma Jacques Rosenthal besitzt noch eine fünfte spanischelnkunabel, 
die vielleicht das interessanteste Stück von allen hier besprochenen ist, ob¬ 
wohl sie nur zwei Seiten umfaßt. Es ist bekannt, daß in Spanien zwischen 
1480 und 90 in mindestens 14 Druckereien und aus mindestens acht verschie¬ 
denen Anlässen Ablaßbriefe gedruckt worden sind und zwar mehrfach mit 
Typen, die uns sonst nirgends begegnen. Zu diesen einzigartigen kleinen 
Drucken gehört auch ein Ablaßbrief für das Kloster von Luchente bei Valencia, 
dessen einziges Exemplar auf einem nicht sonderlich gut erhaltenen Perga- 


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Rara Hispanica 


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mentblatt sich im Archiv der Herzogin von Alba befindet Da ein Abla߬ 
brief mit genau demselben Text in Valencia von Lambert Palmart in seiner 
ältesten Type gedruckt worden ist, so kann auch der Ablaßbrief des Alba- 
Arcbivs nicht viel jünger sein als aus dem Jahre 1480. Er war bisher das 
einzige Stück, das wir in dieser Type kannten, und ich habe deshalb sowohl 
in meiner Tipografia Iberica als auch im Typenrepertorium diese Type mit 
den Maßen angeführt die sie in dem Alba-Ablaßbriefe aufweist, nämlich 
20 Zeilen = 67 mm. Das ist ein Fehler. Der neue Druck* im Besitze von 
Jacques Rosenthal, ist mit denselben Typen hergestellt, aber auf Papier ge¬ 
druckt und dabei stellt es sich heraus, daß das Pergament des Ablaßbriefes 
stark zusammengeschrumpft gewesen sein muß, denn das wirkliche Maß der 
Type beträgt nicht 67, sondern 80/81 mm. 

Aber der Druck ist nicht nur durch seine Type interessant, sondern 
auch der Inhalt verändert vollkommen die Stellung, die ich dem Ablaßbriefe 
von Luchente glaubte zuschreiben zu müssen. Der Rosenthalsche Druck ist 
nämlich eine Erläuterung zu der Empfehlung eines Ablaß für den Kampf 
gegen die Türken. Er beweist daher, daß der Ablaßbrief von Luchente nicht 
das Erzeugnis eines zufällig in Valencia mit diesem Kloster in Verbindung 
getretenen Wanderdruckers gewesen ist, sondern daß wir es mit einer Werk¬ 
stätte zu tun haben, die Ablaßbriefe für alle möglichen Anlässe hergestellt 
hat und vor allem auch für den großen Betrieb des Türken-Ablaß tätig ge¬ 
wesen ist. Ob wir danach noch annehmen dürfen, daß der Sitz dieser 
Druckerei in Valencia gewesen ist, ist in hohem Grade zweifelhaft. Wir 
werden uns vielmehr erinnern müssen, daß nach den Angaben von Perez Pastor 
die königliche Verordnung über den Druck des Ablaß in der ältesten Zeit 
bestimmte, daß die Ablaßbriefe sowohl für den Türken-Ablaß als auch für 
alle anderen ähnlichen Veranstaltungen ausschließlich durch die Verwaltung 
des Klosters St. Pedro Martir in Toledo hergestellt werden sollten. Diese 
Verhältnisse lagen so klar, daß sie mich im ersten Augenblick zu dem Irr¬ 
tum veranlaßt haben, den spanischen Druck der Firma Jacques Rosenthal 
dem privilegierten Ablaßdrucker von Toledo, Juan Vasquez, zuzuschreiben. 
Erst bei einer erneuten Prüfung wurde es entdeckt, daß der Druck nicht 
mit der bekannten Type des Juan Vasquez, sondern mit der zwar ähnlichen 
aber durch mancherlei kleine Besonderheiten deutlich von ihr zu unter¬ 
scheidenden Type des Ablaßbriefes von Luchente hergestellt ist. Der Druck 
gehört zu den kleinen Druckerzeugnissen, die wir als Einblattdrucke im 
weiteren Sinne, das heißt als Plakatdrucke anzusehen gewöhnt sind. Er ist 
nämlich auf zwei Quartblätter in der Weise gedruckt, daß er die beiden mitt¬ 
leren, inneren Seiten bedeckt, während die erste und vierte Seite, also 
der äußere Teil des Doppelblattes, leer bleiben. Wir glauben mit der An¬ 
nahme nicht fehlzugehen, daß diese Heratellungsweise gewählt wurde, um 

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Eonrad Haebler 


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den Druck, wie andere Einblattdrucke, an den Tttren der Kirchen und an 
ähnlichen Plätzen anzuschlagen, daß es sich also eigentlich nur um einen 
Einblattdruck in zwei Spalten handelt, die aber zu der vollen Größe von 
Quartblättern ausgestaltet sind. 

Der Inhalt des Druckes ist von außerordentlichem Interesse. Wir kennen 
ja aus deutschen Drucken, die sich auf den Ablaß beziehen, mancherlei Er¬ 
läuterungen zu den päpstlichen Bullen, die sich mit den Vorteilen der Ab¬ 
laßnehmer oder mit der Art des Ablaßvertriebs befassen. Es sind dies die 
Articuli und Summarien oder wie diese Erklärungen sonst heißen. Vermut¬ 
lich wird es auch in Spanien solche allgemeinere Erläuterungen des Ablaß 
gegeben haben. Das vorliegende Blatt aber hat einen ganz speziellen 
Zweck. Es ist nämlich nur dazu bestimmt, den Ablaßnehmern zu Ge- 
mllte zu führen, wie sie aus einem ganz bestimmten Anlaß sich zur Er¬ 
werbung der Sündenvergebung bewogen fühlen sollen, indem darin dar¬ 
gelegt wird, daß ein wesentlicher Punkt der Sündennachlässe sich auf die 
Vergebung für unrechtmäßig erworbenes Gut bezieht. Unter unrechtmäßig 
erworbenem Gute seien aber keineswegs nur die Früchte von Diebstahl oder 
Betrug zu verstehen, sondern es können sich unrechtmäßig erworbene Vor¬ 
teile aus allen möglichen Lebensverhältnissen ergeben. Um ein Beispiel an- 
zuführen, wird gleich zuerst darauf hingewiesen, daß es auch unrechtmäßig 
erworbenes Gut sei, wenn einer seinen Tagelohn bezogen, aber nachlässig 
in der Arbeit gewesen sei, die er dafür zu leisten gehabt habe. Oder wenn 
jemand Dinge, die kostspielig, aber von überflüssiger Natur seien, auf den 
Markt und an den Mann bringe. Solcher Beispiele werden Uber ein Dutzend auf- 
geführt, so daß schließlich beinahe für jeden Stand und für jede Person die 
Notwendigkeit einleuchtend gemacht wird, sich diese Vergebung für unrecht¬ 
mäßig erworbenes Gut zu verschaffen. Diese ganz ins Spezielle durchge¬ 
arbeitete Empfehlung des Ablasses läßt erkennen, daß der Ablaßhandel zu der 
Zeit der Herstellung schon einen sehr erheblichen Umfang angenommen haben 
muß, und daß seine Vertreiber die Notwendigkeit empfanden, den Abla߬ 
nehmern klar zu machen, wie bedürftig sie des Sündennachlasses wären 
auch wenn sie keine schwereren Vergehen auf sich geladen hätten. Eine 
solche Spezialisierung ist bisher noch bei keinem anderen Orte zum Vor¬ 
schein gekommen, und darin liegt die ganz besondere Bedeutung des 
kleinen Druckwerks, dessen bibliographische Beschreibung ich nunmehr 
folgen lasse. 

Clausula de las cosas mal habidas. [Drucker des Ablaßbriefes von 
Luchente, c. 1485.] 2°. 2 Bl. einseitig bedruckt. 33, 32 Z. Gotische 
Typen in einer Größe. 

Bl. la leer. Bl. lb: G <£ntre las ctaufulas fyngulares t muy prouedjofas 
a tobos x a caba nno be || los freies jptanos q" nfo muy fanto pabre otorgo 


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R&ra Hispanica 


59 


en efta buüa be Ia fanta cru - || jaöa ... Endet Bl. 2a, Z. 31: ... bt Io 
ql tobo fon ltbres i qujtos conponjenbo con los bidjos comjffa || rios o con 
qujen fu pober oujere. Bl. 2b leer. 


£<Epo* q tooo* lotftrfw rflurn« 9t 9quft> ötgm&ab rftabo o cotftfcfen 
mfr puroan mrioi a^rcba» öe la Oicba daufula Ddcarganöo pot rfta manr 
ra fu» conctfftaa or Io« firmdatca.ra be fab« q aflp como frgü rl jpfetsMöo» 
(oa onbres fon abactrtos oe (be rl map« fafta d mmot.alTp no es njnguno gn 
Oe n)n pequeno.aflfp ccclrftafnco como fegiai.örfor rl mcnoi oftflal tt maa pO 
brr rrabajaoot a \ornalero.faft» rl SLrp o rl <£mperaöo?.(£ oWbr rl mmos' 
(«cnftanfafta rlmapot prrlaoo.(Dbifpo o Jlrf obtfpo o daröenaL q non tega 
frmrfätr» cargo». bno» raapotrs a otros menorr$.<£ q pot confrgujrtr wmk 
no apa mcnrftrt or gojat orlabtcbaclaufula * cdponrrconloa otdps cemtflä 
noa.fl bei pala otdja gurria lo q condlos acotoarm.por q fcan tibrrs ß qui 
toawtoooloormMOeqfupifrrabnalgoOrlorjcnofaftamaqlbiacnqite 
fptrrr latal pgnata n fanffaflotw 


{[ä^dptsortasimnrrasrnqalguno 

pucoafcrncargofonlaafiguirntr». 

Bruchstück aus der Clausula. 


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60 


Erich von Rath 


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Die Erstausgabe des Fuero real 

Yon Erich von Rath (Berlin). 

Mit einer Abbildung im Text. 

Für die Verbreitung der Buchdruckerkunst in Spanien ist die Tätig¬ 
keit des Auslandes in mancherlei Hinsicht von großem Einfluß gewesen. 
Dafür spricht in erster Linie die Tatsache, daß sich unter den Meistern, 
die die neue Kunst in Spanien ausübten, viele Ausländer meist deutscher 
Nation befanden. Nun ist ja allerdings eine derartige Mitwirkung fremder 
Nationen auch für andere Länder wie Frankreich und Italien bezeugt, doch 
nahm die Bücherproduktion in diesen Ländern in kurzem einen so bedeu¬ 
tenden Aufschwung, daß sie bald völlig auf die Mitarbeit fremder Nationen 
verzichten konnten, während in Spanien das fremde Vorbild nur wenig nach¬ 
geahmt wurde, so daß die Zahl der in Spanien im 15. Jahrhundert gedruck¬ 
ten Bücher verhältnismäßig gering blieb 1 ). Da aber die Nachfrage nach 
gedruckten Büchern auch in Spanien beständig zunahm, so war man in 
steigendem Maß auf die Produktion des Auslandes angewiesen, das mit 
Hilfe des schnell aufblühenden Buchhandels dieser Nachfrage zu genügen 
suchte. 

An urkundlichem Material, aus dem sich eine Anschauung von dem 
Umfang dieses Handels mit fremden Büchern in Spanien gewinnen ließe, 
fehlt es nicht. Schon in dem Briefbuch der Koberger 1 ) ist gelegentlich 
von Büchern die Rede, die nach „Hispania“ vertrieben werden sollen. Weit 
reichere Ausbeute gewährt aber in dieser Hinsicht eine Veröffentlichung 
aus den Urkundenbeständen der Archive von Valencia, die wir Serrano y 
Morales verdanken 3 ). Neben spanischen und deutschen Druckern, deren 
Lebensbedingungen er durch seine Veröffentlichung klarzulegen sucht, hat 


l ) Haebler verzeichnet in seiner Bibliografia Ibärica del siglo XV. (1903) 734 Drucke 
während Campbell in den Annales de la typographie Nöerlandaise (1874/90) deren über 
1800 nachweisen kann. 

*) Hase, Die Koberger, 2. Aufl., 1885, S. 292, 295, und Briefbuch LXIX für 1502 
und 1503. 

•) Serrano y Morales, Resefta historica de las Imprentas que h&n existido enValencia 
1898—99, p. 478 ff. 


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Di© Erstausgabe des Fuero real 


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Serr&no auch die Buchhändler und Verleger berücksichtigt und lehrt uns 
in der Persönlichkeit des Hans Rix von Chur 1 ) einen gewandten und tätigen 
Geschäftsmann kennen, dessen Unternehmungen Verlag und Buchhandel in 
einer Weise miteinander verknüpft zeigen, wie sie den wirtschaftlichen Ver¬ 
hältnissen des damaligen Spaniens entsprach’). 

Den Buchhandel betrieb Hans Rix zunächst in einem offenen Laden 
in Valencia, in dem er, wie aus dem nach seinem Tode aufgenommenen 
Inventar zu ersehen ist, ganz beträchtliche Büchervorräte aus allen Wis¬ 
sensgebieten aufspeicherte. Dann verkaufte er aber auch ganze Auflagen 
einzelner Werke an befreundete Buchhändler, wie an den Florentiner An¬ 
tonio Cortesi in Sevilla, zum Wiederverkauf, und hatte schließlich in der 
Person des Juan Ferrer einen Gehilfen, der in seinem Auftrag die kleineren 
spanischen Städte bereiste und dort Bücher feilbot. 

Rix bezog seine Bücher vorwiegend aus Venedig, wo er mit den großen 
Verlegern und Druckern schon früh geschäftliche Beziehungen angeknüpft 
hatte. Doch trat er in Venedig nicht nur als Käufer schon gedruckter 
Werke auf, sondern beteiligte sich auch an den Druckkosten neuer Bücher, 
war also auch Verleger. Die Druckerei des Paganino de Paganinis beschäf¬ 
tigte im Jahre 1489 einen Angestellten des Hans Rix, der an der Herstel¬ 
lung neuer Bücher mitarbeitete. Daß Rix auch Bücher spanischer Autoren, 
die ja für sein Absatzgebiet besonders geeignet waren, bei Paganino in 
Auftrag gab, kann nicht überraschen. Das oben erwähnte Inventar ver¬ 
zeichnet denn auch 18 Exemplare der Dubia Insolubilia des Spaniers Andreas 
Limos, die 1488 von Paganino gedruckt wurden. 

Auch mit anderen Buchdruckern Venedigs scheint Hans Rix in der¬ 
artigen Beziehungen gestanden zu haben, denn in seinem Nachlaß fand sich 
auch eine lemosinische Uebersetzung des Psalters, die von Joan Ruiz de 
Corella herrührt und 1490 von Johann Hamman, genannt Herzog, gedruckt 
wurde. Der zweite spanische Druck, eine Ausgabe des Fuero real mit der 
lateinischen Glosse des Alonso Diaz de Montalvo, den Hamman am 31. März 1491 
vollendet hat, kann allerdings nicht mehr durch die Buchhandlung des Hans 
Rix in Spanien vertrieben worden sein. Denn Rix ist, wie urkundlich fest¬ 
steht, im September des Jahres 1490 in Valencia gestorben, und seine Hand¬ 
lung ist nach seinem Tode sehr bald aufgelöst worden. Daß aber auch 
dieser Druck, von dem mir ein Exemplar aus dem Besitz von J. Rosenthal 
vorliegt, auf eine Bestellung des Hans Rix oder seiner Angestellten zurück¬ 
zuführen ist, scheint mir sehr möglich. Jedenfalls dürfte sich die Tatsache, 
daß ein Gesetzbuch, welches nur in einigen Provinzen der spanischen Mo- 

*) Er wird in den Urkunden von 1486 bis 1490 erwähnt. 

# ) Vgl. Haebler, Hans Rix von Chur. Ein deutscher Buchhändler in Valencia im 
XV. Jahrhundert. Zeitschrift f. Bücherfreunde Jahrg. 7, 1903/04, S. 137 ff. 


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62 


Erich von Rath 


narchie Geltung hatte, in Venedig gedruckt wurde, ohne Aufdeckung dieser 
Zusammenhänge schwerlich befriedigend erklären lassen. 

Von dem Fuero real sind im 15. Jahrhundert nur wenige Ausgaben 
veranstaltet worden. Noch Urena y Smenjaud 1 * * ) konnte nur zwei Drucke nam¬ 
haft machen, die beide die Jahreszahl 1500 tragen. Der eine dieser Drucke 
soll einer unbekannten Offizin der Stadt Salamanca entstammen, während 
der andere von einem Drucker Venedigs, Simon de Luere, herrtthrt. Haebler*) 
hat diese Zahl um einen Druck vermehren können, dem zwar Orts- und 
Jahresangabe fehlen, der aber nach dem Typenstand noch den letzten Jahren 
des 15. Jahrhunderts zuzuweisen ist. 

Alle diese Drucke sind nur in ganz wenigen Exemplaren auf uns ge¬ 
kommen. Die in Salamanca gedruckte Ausgabe ist weder Haebler 8 ), noch 
spanischen Forschem wie Hidalgo 4 ) und Caballero 5 ) zu Gesicht gekommen, 
wenn Haebler auch den bestimmten Angaben Brunets gegenüber an ihrer 
Existenz nicht zweifeln zu können glaubt. Von dem zweiten imdatierten 
spanischen Druck sind bisher nur zwei Exemplare in der Biblioteca national 
in Madrid zum Vorschein gekommen, während von der von Simon de Luere 
gedruckten Ausgabe, die schon Hain (Nr. 7304) verzeichnete, bis jetzt vier 
Exemplare 6 ) nachgewiesen werden konnten. 

Der Hammansche Druck von 1491, der diese drei Ausgaben um eine 
neue vermehrt, ist, soweit ich sehe, bisher in keiner Bibliographie angeführt 
worden. Außer dem Exemplar, das sich jetzt im Besitz von J. Rosenthal 
befindet, konnte aus dem Material der deutschen Kommission für den Ge¬ 
samtkatalog der Wiegendrucke noch ein zweites in Madrid festgestellt wer¬ 
den, das Emst 7 ) bei seiner Inventarisierung in der Biblioteca national ge¬ 
sehen hat. Da man diese Ausgabe, wenn nicht in Spanien ältere bisher 
unbekannte Drucke aufgefunden werden, als die erste ansehen muß, so 
echtfertigt sich wohl eine etwas eingehendere Betrachtung dieses seltenen 
Drucks. 

Der Fuero real ist das erste Gesetzbuch, das König Alfons X. von 
Kastilien und Leon im Jahre 1255 seinem Volke geschenkt hat 9 ). Schon 

1 ) Programa de literatura y bibliografia juridicas de Espafia. 1897—98, p. 86. 

a ) Bibliografia Ibärica Nr. 283. 

’) Bibliografia Ibörica p. 130. 

4 ) Tipografia Espafiola... autor Fr. Mendez, II. ed. por D. Hidalgo 1861, p. 263 n. 12. 

f ) Noticia de la vida del Doctor Montalvo. 1873, p. 96. 

•) Zwei in Madrid, einer in Paris (Pelleehet 4887), einer in der Signet Library 

in Edinborough. 

v ) Ueber diese Inventarisierung vgl. Ernst, Eine Studienreise durch die Biblio¬ 
theken Spaniens ... Zentralbl. f. Bibliothekswesen, 28 (1911), S. 215 ff. 

# ) Für das Folgende vgl. E. Ghapado Garda, Historia general del derecho espafiol, 
1900, besonders p. 447 ff. 


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Fuero real Fol. 10a (Bruchstück). 



64 


Erich von Rath 


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der Vater des König Alfons, Ferdinand HU., versuchte gegenüber der ver¬ 
wirrenden Fülle ständischer und örtlicher Satzungen und Gewohnheiten 
teils durch Zurückgreifen auf den fast vergessenen westgotischen Gesetzes¬ 
kodex, den Fuero Iuzgo, teils durch eigene gesetzgeberische Arbeiten eine 
Vereinheitlichung des Rechts herbeizuführen. Seine Bestrebungen wurden 
von Alfons X., den sein Volk später durch den Beinamen „el Sabio“ ehrte, 
in großartiger und trotz mancher Fehlschläge auch erfolgreicher Weise 
fortgesetzt. 

Nicht weniger als vier größere gesetzgeberische Arbeiten, unter denen 
sich das für die Verbreitung des römischen Rechts in Spanien so bedeutungs¬ 
volle Gesetzbuch der Siete Partidas befindet, sind in seiner Regierungszeit 
entstanden. Dem Fuero real, der auch heute noch als bedeutende gesetz¬ 
geberische Schöpfung in Spanien in hohem Ansehen steht, rühmt man ins¬ 
besondere nach, daß er durch zweckmäßige Neuordnung des gerichtlichen 
Verfahrens die Durchführung der Prozesse erleichtert und vereinfacht habe. 
Allerdings sollte das neue Gesetzbuch nicht dem ganzen Königreich als 
allgemeiner Kodex dienen, sondern zunächst nur den Städten und Dörfern, 
die noch keine besondere Rechtssatzung besaßen. In der Folgezeit ist denn 
auch einer ganzen Reihe von Städten 1 ) das neue Recht verliehen worden, 
obgleich der Adel Kastiliens, der eine Schmälerung seiner alten, im Fuero 
viejo de Castilla gewährleisteten Rechte befürchtete, der Einführung des 
Fuero real heftigen Widerstand entgegensetzte. Wenn auch der Adel nach 
langwierigen Kämpfen eine Anerkennung seiner Privilegien durchzusetzen 
vermochte, so blieb der Fuero real doch in vielen Städten besonders der 
nördlichen Provinzen in unbestrittener Geltung. 

Schon im 14. Jahrhundert empfand man das Bedürfnis, den Fuero real 
durch Hinweise und Erläuterungen den Anforderungen der fortschreitenden 
Wissenschaft anzupassen. Der erste Kommentar zum Fuero real, der aller¬ 
dings nur handschriftlich überliefert ist, wurde in spanischer Sprache von 
dem Bischof von Plasentia, Vincente Arias de Balboa*), um 1400 verfaßt. 
Der Umfang dieses Kommentars scheint nicht erheblich gewesen zu sein, 
denn der zweite Bearbeiter des Fuero real, Alonso Diaz de Montalvo 8 ), 
spricht in dem Vorwort seiner lateinischen Glosse von dem „breve com- 
pendium“ des Bischofs Vincentinus, in dem manches der Erklärung Bedürf- 

*) Siehe das Verzeichnis der Städte, denen von 1255—1265 der Fuero real ver¬ 
liehen wurde, bei Schirrmacher, Geschichte von Spanien, Bd. 4, S. 533 n. 1. 

*) Vgl. über ihn den Aufsatz von Fr. Gonzales Rojas in: Jurisconsultos eepanoles, 
T. 1, p. 7 ff. 

•) Caballero, Noticias de la vida...del Doctor A. Diaz de Montalvo, 1873 (Con- 
quenses illustres 3), p. 90 ff. A. Goicoechea in: Jurisconsultos espanoles, T. 1, p. 23 ff. 
Die Streitfrage über das Verhältnis der beiden Kommentatoren zu einander kann wohl 
nach den Ausführungen von Caballero, Montalvo, p. 94 f., als erledigt angesehen werden. 


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Die Erstausgabe des Fuero real 


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tige übergangen worden sei. Die ausführlichere Arbeit des Montalvo, der 
in seinem langen Leben (1405—1499) drei Königen als Richter, Verwaltungs¬ 
beamter und Beisitzer des königlichen Rats wertvolle Dienste geleistet hat, 
ist denn auch weit bekannter geworden, da sie nicht nur der hier vorliegen¬ 
den, sondern auch den anderen im 15. Jahrhundert gedruckten Ausgaben 
des Fuero real beigegeben wurde. Inhaltlich beschränken sich seine Er¬ 
läuterungen in der Hauptsache auf Hinweise auf Digestentitel oder Auszüge 
aus den Schriften der Glossatoren. 

Auf die zahlreichen anderen juristischen Arbeiten des Montalvo, ins¬ 
besondere auf die ftlr die spanische Rechtsentwicklung wichtigen Ordenanzas 
reales, eine offizielle Sammlung des geltenden Rechts, die aus den vielen 
früher ergangenen Gesetzen und aus sonstigen Rechtsquellen das beste aus¬ 
wählen sollte und 1484 von Montalvo vollendet wurde 1 ), kann in diesem 
Zusammenhang nicht näher eingegangen werden. 

Beim Druck dieser ersten Ausgabe des Fuero real hat Johann Ham- 
man gotische Typen verwandt, deren schöne Formen das charakteristische 
Gepräge des venetianischen Stiles*) aufweisen. Von einer Ausschmückung 
durch Holzschnittinitialen, deren reiche Verwendung gerade einige Erzeug¬ 
nisse seiner Offizin auszeichnet 8 ), hat Hamman in diesem Werk noch abge¬ 
sehen. Dafür bietet in dem vorliegenden Druck die kunstvolle Arbeit des 
Illuminators, wie aus der beigegebenen Tafel, einer Vervielfältigung der 
ersten Seite des Textes, zu ersehen ist, vollen Ersatz. Für alles Einzelne, 
wie Verwendung von Rubrikzeichen und dergleichen, sei auf die nun fol¬ 
gende Beschreibung des Drucks verwiesen. 

Fuero real cum glossa Alphonsi Diaz de Montalvo. Venedig: Jo¬ 
hann Hamman—Herzog, pridie Kal. Aprilis (31. März) 1491. 2°. 

160Bl. Sign.: I 8 , a 8 — c 8 , d 6 , e 8 — s 8 , t 10 . gez.: [9] II-CXLVTII[1] 
[mit Fehlern]. 2 Sp. Text von Kommentar umgeben. 79 Z. Typen: 1, 
2,3. Min. f. Init. Rubr.: a, ß. Druckermarke: I. Kol.-Tit. 

Bl. 1 a leer. Bl. tb: Jtccufationes tiij yjr cjlj... Bl. 2aa m. 
Sign, ij: [ ] X?32t 2Tt€ 32R23€C3^ II l em ac ntemoita labilem cogno || 
fco ljutus opufculi notas atqj || materias per Zllfabetuj feriatij || licet Iaboiiofe 
apponere:... Z. 8 — Bl. 8 a y, Z. 28: Tabula. BL 8 b und 9 a leer. 
Bl. 9 b a: (q) Uia per metis tnfir* || mitate ab mrtutis ftatü erigt nemo 
palet || nijt fupcmi numtnis btgito p(ro)tegat. . . Z. 6 ... ego iUpfyonfus || be 
montaluo ...Z. // ... conftberans ... Bl. 10 aa m. Sign, 2t ij und Blz. //., 


*) Die ziemlich zahlreichen Drucke dieser Sammlung verzeichnet Haebler 1. c., 
Nr. 214-223. 

*) Das gilt besonders für die Texttype, die sehr ähnlich auch von Torresanus 
und Bevilaqua verwandt wird. 

*) Zum Beispiel Kegiomontanus: Epitoma in Almagestum (Hainx 13306). Siehe 
Duc de Rivoli: Bibliographie des livres ä figures vöndtiens, 1892, S. 178—182. 


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Erich von Rath, Die Erstausgabe des Fuero real 


Text: (e) ZI el non* || bie be bi* || os # 2Imc || Pot q los cota || cones belos 
o-|| mes fon bepartibos b en mudjas || ß maneras... Kommentar: (e) Ti 
<£t nombte be bios. patris. f. t. ftlij t fpiritus fancti ||i>nius eiufbe qj fub* 
ftantie in f«p(ar)abili equitate ... Sign, b: gitur p(er) Dar t in I. in bonotuj 
ff rem ratam. ijeri. G Pio ifta parte ||... Text endet Bl. 159bß, Z. 50: 
...i non truyieren fi non fus cu ||erpos: non fean lenibos be bar || naba . || 
G €aus beo . || Kommentar endet Bl. 159b ß, Z. 67:... nijt certü intel* 
leyeris || noli firntuj tenere. c. || noli. ea. bi. || Unter beiden Sp.: G €yactü 
cöpletuqj eytat pfens fjoc opus in Uenetiarti pclara Urbe || Rrte ingenioqj 
ac oigilanti cura 3<>I?<iSis fjäman be Canboia 3mpf*|| fum: fümaqj biligetia 
emebafü atq$ reuifum: 3mp(er)antib9 p(er)tüc in ijifpa»|| niaru regno 5ereniffimis 
ac ypianiffimis ^erbinanbo Rege atqj fje* || lifabetlj Regina: Summo aut 
pontifice 3 nnoc «^° otauo Rnno irtcar || natiöis bnice.RT.ccccyci ptibie fi’is 
RptUis. || Bl. 160a: Registrum in 3 Sp. Endet Sp. 3, Z. 27: ^inis || 
Unter Sp. 2: Druckermarke. Bl. 160 b leer. 


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Karl Schottenloher 


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Georg Erlingers Kreuzigungsholzschnitt mit Umrahmung. 

Um 1519. 

(125X91, mit Umrahmung 235X150.) 

Hierzu Tafel XI. 

Von Karl Schottenloher (München). 

Von dem seltenen Kreuzigungsbilde Erlingers, auf das zuerst Campbel 
Dodgson 1 ) aufmerksam gemacht hat, sind mir bisher nur zwei Abzüge in 
der Universitätsbibliothek zu Erlangen und im Bayerischen Nationalrauseum 
zu München bekannt gewesen; in dem vorliegenden Blatte ist uns nun ein 
drittes Stück erhalten, das mit der Hand bemalt ist und im besten Zustand 
sich befindet. 

Georg Erlinger*) hat 1502 die Universität Ingolstadt besucht, ohne seine 
Studien dort abzuschließen. Im Jahre 1516 hielt er sich in Augsburg, seiner 
Heimat, auf und veröffentlichte hier ein kleines Schriftchen mit astrologischem 
Inhalt. Um 1519 ließ er sich in Bamberg nieder und gab dort kleine Hei¬ 
ligenbildchen und volkstümliche Darstellungen auf fliegenden Blättern heraus, 
bis er sich um 1522 eine Druckerei anschaffte und seitdem eifrig im Dienste 
der Reformation, dann als bischöflicher Hofbuchdrucker tätig war. In seinen 
Holzschnitten dürfen wir keine selbständigen Kunstwerke suchen. Er lebte 
und zehrte vom Nachschnitt, so recht und schlecht er das konnte, und 
zeichnete vor allem die Nürnberger Meister Dürer und Springinklee, aber 
auch Wechtlin und Baidung nach. 

In die Zeit um 1519 ist auch die Kreuzigung Erlingers zu setzen, die 
Dodgson richtig als Nachschnitt eines Holzschnittes von Baidung erkannt 
hat. (Bartsch VH, 125, 57, hier irrtümlich als Werk Dürers angeführt.) Die 
nicht sehr glücklich gelungene Darstellung setzt sich aus fünf Holzstöcken 
zusammen. Den Mittelpunkt bildet die Kreuzigung in einer nur mit wenigen 
Strichen angedeuteten Landschaft. Um das ganze Bild läuft sodann eine 

*) Cat&logue of early German and Flemish woodcuts of tho British Museum, 
Band 1, London 1903, S. 417. 

*) meine Schrift über Erlinger in der Sammlung bibliothekswissenschaftlicher 
Arbeiten, 21. Heft. Leipzig 1907 und den Nachtrag hierzu im Zentral bl att für Bibliotheks¬ 
wesen, Jahrgang 28, Leipzig 1911, S. 57 ff. 


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Georg Erlingers Kreuzigungsholzschnitt mit Umrahmung 


mit allerlei Figurenornamenten geschmückte Einfassung in der Weise herum, 
daß ein kleiner Zwischenraum gelassen ist und die Seitenleisten die Quer¬ 
teile umschließen. Die Fußleiste ist breiter als der übrige Rahmen und 
enthält zwei in Blattomamente verlaufende menschliche Gestalten (Mann 
und Frau), die eine Tafel mit der Aufschrift „Georig | Erlinger | zu Bamberg 44 
halten. Neben dem Namen ist das Zeichen des Formschneiders, ein Pfeil, 
angebracht. In der Kopfleiste hält ein gut gezeichneter Engel zwei Fisch¬ 
gebilde mit beiden Händen. 

Das merkwürdige Blatt verdient auch deshalb Beachtung, weil es uns 
zeigt, in welcher Weise eine Winkelwerkstätte von damals die Nachfrage 
des Volkes nach frommen Bildern zu befriedigen suchte. 

Die Kreuzigung allein hat Erlinger dann nochmals in dem ohne seinen 
Namen ausgegebenen Nachdruck der Schrift Luthers „Von der Freiheit 
eines Christenmenschen* 41 ) verwendet. Hier kommt noch ein anderer Holz¬ 
schnitt in gleicher Größe „Christus als Mann der Schmerzen 44 vor. Ver¬ 
mutlich hat Erlinger auch dieses Bild, das nach Albrecht Dürer gezeichnet 
ist, ursprünglich als fliegendes Blatt, vielleicht mit dem gleichen Rahmen 
wie die Kreuzigung, verkauft. Zur Schrift Luthers stehen wenigstens beide 
Holzschnitte in recht losen Beziehungen. 

1 ) Vgl. Zentralblatt für Bibliothekswesen 28 (1911) S. 58 und 9 (1892) S. 474 f. 


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ji£>ar.-;bct3 


Flugblatt von Georg Erlinger in Bamberg. 


5 


Isar«//*»*)! 

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MITTEILUNGEN 


Ein unbeschriebener Turiner Wiegendruck. 

Der Arzt Pantaleone de Confienza spendete die Mittel zur Gründung 
der ersten Druckerei in Turin, welche Jean Fabri einrichtete. 1474 druckte 
dieser zusammen mit Janin de Pierre das erste Buch, ein „Breviariuin Ro- 
manum“. Ueber ein Jahrzehnt gingen die wenigen Bücher, welche in Turin 
entstanden, aus Fabris Offizin hervor. 1487 läßt sich erst der zweite Drucker 
in der Stadt nieder, Jacobinus Suigus (Jacobino de Suigo da San Ger- 
mano Yercellese). Suigus druckt zwei Jahre allein und verbindet sich dann 
mit dem Katalonier Nicolaus de Benedictis. Bis 1496 bestreiten sie beide 
die Druckertätigkeit in Turin. 

Der nachfolgend beschriebene Druck entstammt der Turiner Offizin 
des Jacopo Suigo und seines Mitarbeiters Nicolaus de Benedictis. Er hat 
bisher nirgends eine bibliographische Beschreibung erfahren und scheint 
überhaupt nur an einer Stelle kurz erwähnt zu sein. Es ist dies in dem 
kleinen Bändchen, welches Giuseppe Debate 1 ) dem Suigus widmete. Unter 
Nr. 14 seiner kleinen Bibliographie führt Debate ein ihm in einem Exemplar 
bekannt gewordenes juristisches Werk von Claudius Seyssel an, welches 
mit unserem identisch zu sein scheint, obwohl er den 17. Oktober 1493 als 
Erscheinungsdatum angibt, während unser Kolophon zwar den Oktober 1493, 
aber keinen Tag nennt. 

Der vorliegende dünne Folioband ist, wie gesagt, ein juristisches Buch 
des Claudius Seyssel oder Sesellius. Seyssel ist aus Aix in Savoyen 
gebürtig, studierte die Rechte, dozierte sie später, vertrat dann eine hohe 
Stellung am Hofe des französischen Königs und wurde endlich Erzbischof 
von Turin. Das vorliegende Werk entstammt dem Abschnitt seiner Wirk¬ 
samkeit als juristischer Dozent in Turin. Wie aus der an Philipp von Savoyen 
gerichteten Vorrede hervorgeht, hielt er hier eine große Anzahl von Rechts¬ 
vorlesungen, besonders ,circa leg? vt mm. ff. 6e jufti 8c iurc‘, über die »materia 


*) Debate, Giuseppe. Jacopo Suigo da San Germano, celebre tipografo piemon- 
tese del secolo XV. Torino 1S99. 


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Mitteilungen 


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befettpöis*. Diese Kommentare zum Paragraphen des Justinian, „ut vim et 
injuriam propulsemus“ läßt nun Seyssel im Druck erscheinen. Er datiert 
seine Vorrede am Ende im August 1492. Erschienen ist der Druck erst 
über ein Jahr später, im Oktober 1493. 

Das 14 Blätter umfassende Buch, in zwei Kolumnen gedruckt, befindet 
sich im vorliegenden Exemplar in sehr schönem, breitrandigem Zustand. 
Der Einband ist modern. Es folgt die bibliographische Beschreibung: 

Seyssel, Claudius, alias de Aquis Sabaudiensis, Christ. Francorum 
Regis consiliarius. Materia defensionis. Taurini, Nicolaus de Benedictis 
et Jacobinus Suigus 1493. In fol. 14 Bll. Lage 1 = 6 Bll., sign, a*, a s , 
Lage 2 = 4 Bll., sign, b 1 , b*, Lage 3 = 4 Bll., sign, c, c*. Text in zwei 
Spalten. 63 Zeilen. Texttype und zwei Auszeichnungstypen. Haebler 4, 
5, 6. Signet III. 

Fol. la weiß. Fol.lb: IJUuftri i ejcelfo priripi öfto pfjtitppo be fabaubia 
Comiti baugiad.. Claubius be feyffelo minimus inter »triusqj iuris bodores. 

Darunter in der großen Auszeichnungstype: Quum fuperioribus, dann 
mit der Texttype bis zur Seitenmitte die Vorrede. Zeile 27: Ct?auriiti. anno. 
MCCCCLXXXXII. VIH. fl. augufti. 

Fol. 2 a. Initiale B ausgespart, b für den Rubrikator gesetzt. Mit der 
großen Auszeichnungstype: <£c. I. ucnit. Der von nun an folgende Text wird 
durch die in der großen Auszeichnungstype gesetzten Anfänge der Abschnitte 
gegliedert. 

Fol. 14a, rechts unten: 3 m P rc ff um Caurini p Htcolaum be benebidis 
i 3acobinum fuygum be fando germano itnno. bomtnt. M. CCCC. XCIII. 
menfis odobris. Darunter vier Distichen: Claubius fytc referat... Caurini 
Porens Claubius in ftubio. Darunter Druckermarke. 

Fol. 14b weiß. E. 


Die erste Ausgabe der „sieben Pforten Mariae“. 

Der Augustiner Johann von Paltz, welcher im ausgehenden 15. Jahr¬ 
hundert besonders eifrig für die strenge Observanz seines Ordens eintrat, 
machte sich als Ablaßprediger einen besonderen Namen. Aus seinen Jubi¬ 
läumspredigten zur Bestreitung der Kosten des Türkenkrieges 1490 ging 


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Mitteilungen 


71 


sein bekanntestes Werk „die himmlische Fundgrube“ hervor. Auf dieses 
bezieht sich der Verfasser des öfteren in dem ein Jahr später verfaßten 
Zyklus von Mariengebeten, „de septem foribus seu festis gloriosae beate 
virginis“, welcher zum ersten Male undatiert in Nürnberg bei Friedrich 
Creussner erschien. Im nachfolgenden wird die deutsche Ausgabe des 
Werkchens mitgeteilt, welche 1491 im selben Verlag herauskam und die 
bisher noch nirgends eine bibliographische Beschreibung gefunden hat. 
Weller 1 ) erwähnte eine deutsche Ausgabe, deren Titel aber mit unserem 
nicht übereinstimmt, ohne eine bibliographische Beschreibung zu geben, und 
Panzer*) übernahm die unklare Notiz. Auf diesem wieder beruht die An¬ 
führung bei Hain Nr. 12870, der ebenfalls kein Exemplar sah. Unser Bänd¬ 
chen ist wie die „himmlische Fundgrube“ dem Kurfürsten Friedrich von 
Sachsen gewidmet. Besonders zu erwähnen ist ein Gedicht von 66 Zeilen, 
welches von der Ehrung der Empfängnis Mariae handelt. Dieses Gedicht 
ist keine Uebersetzung aus dem Lateinischen. Es kommt nur in unserer 
Ausgabe vor und ist augenscheinlich älteren Ursprungs. Es scheint in der 
Literatur nirgends verzeichnet zu sein. Weder in dem umfangreichen Werke 
über das katholische Kirchenlied von Bäumker 3 ) noch in dem Hymnologi- 
schen Hilfslexikon von Brederek 4 ) ist das Lied verzeichnet. 

Es folgt die bibliographische Beschreibung des Buches. 

[Johann von Paltz] Die sieben Pforten oder Feste der Mutter Gottes. 
S. 1. et. typ. [Nürnberg, Frid. Creussner] 1491, 8°.—40 Bll. keine Signa¬ 
turen. 23 und 18 Zeilen. Gotische Typen, 3, 4 und 6? (Haebler). Initialen 
ausgespart. 

Fol. la in der Mitte: Pig bücfylein nrirt genant bie J| fyben porten 
ober fefte b’muter || gottes une man fy auff ein yg* |l lief} feft folle funber* 
liefen eren || grüffen onb anrüffen — Fol. lb obere Blatthälfte: Dife fyben 
porten ber fjodjgelobten l| muter gots feynb gefdjryben be burcf} || leudjtigen 
fjocfjgebomcn fürften.. ♦ jribertdjen. ♦ onb fjerrrt jofyan ge* || bruber £)ert$ogen 
ju Sadjffen ... || Had} cryft gebürt als man fdjreybet || Caufent oierfyunbert 
onb inbem eyn || mtb neunt 5 tgften iaren — Fol. 2 a Pie fyben porte ober J| fefte 
ber muter gottes, folgt der Text. — Fol. 16a unten beginnt das Gedicht: 

VOtx bo will feliglid?en oerjlan 
2lls ml als idj bedeuten fan 
Der mercf gar ein gute ler 
Die idf im will machen offenbar 


*) Weller : Altes aus allen Teilen der Geschichte 1762. 

*) Panzer: Annalen d. älteren deutschen Literatur 1788. 

•) Bäumker-Gotzen: Das katholische deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen. 
4 Bde. Freiburg i. B. 1886—1911. 

4 ) Brederek: Hymnologisches Hilfslexikon, Leipzig 1910. 


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Mitteilungen 


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Fol. 16 b: Don her Ijpmel Füniginne (S. nachstehendes Faks.) 


Von betonte! Wniginne 
wie matt tr ^ttU> müg vinben 
© y t)at bao felbet gcmelc 
me man tr gar mol gejtlt 
Vrouctbiomm bas bu4>lirtf>eyf$ 
jrtbcfpeic^t fy fclber aUermeyft 
wer fru aufftvac^ec $ fol mid) vinben» 
<fxlobt fey b$ ben alten vn bc finbcn 
200er bo erer meyne iungen rag 
2Us icfy im mnret leib lag 
£>o tcp warb be^ut genebiglicf? 

Von bem ewigen gor von ^ünelridt 
Von bcr crbfünbe fct>nöOibett 
JDas wae ben b<Jfen geifien leie 

2 n bem erften augcpltcf bae geft^at^ 
ao micf» gottee gtttc anfact) 

Z)a8 icfy nie fern naefet vnb bloß 
<£e mein feie vol genaben goß 
Vit einige bie einem leicbnam reifte 
2)08 wm nie allen menfc^en gemeyne 
~/cf> jertib bj ^aubt$ belfere fc^langi 
©5 ict) von ir nie warb gefangen 
XPetbaa alle tag betraepree 

„Die sieben Pforten Mariae“, Fol. 16b. 


Fol. 17 a: 3 « Dancffagung gottes bas adjtet 

Fol. 17 b: Kanflu bas Salre onb magniflear 

— (Schluß): IDer ft) rinbet ber pinbt bas leben 
So fpridjt fy felber merFent eben 
€r fdjöpffet b3 f?eil pon be Herren 
Die gottes gnab roirt inns meren 
D3 vns b3 ipiberfar famentlid? 
fjelf ons bie fängt rö ffimelridj 2Ime 

Fol. 40a Mitte: itnno. MCCCCLXXXXI. 

Fol. 40 b weiß. E. 


Herausgeber: Jacques Rosenthal, München. 
Schriftleitung: Dr. Erwin Rosenthal. 


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D ie BEITRÄGE ZUR FORSCHUNG werden 
jährlich 4-6mal erscheinen. Sechs Hefte bilden 
eine Folge. Eine solche wird einen Band von rund 
12 Bogen <ca. 200 Seiten) mit Textabbildungen und 
vielen Tafeln ergeben. Der Abonnementspreis für 
eine Folge beträgt 16 Marh = 20 Francs = 4 Dollars. 







VERLAG JACQUES ROSENTHAL, MÜNCHEN 


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IN KURZER ZEIT ERSCHEINT: 

KATALOG 

ILLUMINIERTER 

HANDSCHRIFTEN 

DES XII—XVI.JAHRHUNDERTS 


In diesem Kataloge werden etwa 70 Miniaturenhand¬ 
schriften Aufnahme Enden. Eine kurze sachgemäße 
Beschreibung sucht jedem Werk bibliographisch und kunst¬ 
geschichtlich gerecht zu werden. Zahlreiche Lichtdruck¬ 
tafeln werden eine Vorstellung der Originale ermöglichen. 
Deutsche, französische, italienische und flämische Buch¬ 
malerei wird vor allem mit Hauptbeispielen aus den 
Zeiten ihrer höchsten Blüte vertreten sein. Die Fülle des 
Materials ermöglicht eine klare Einsicht in die historische 
Entwicklung der einzelnen Schulen. Daher richtet sich 
der Katalog nicht bloß an den sammelnden Liebhaber, 
sondern wird zu einem bleibenden Hilfsmittel für den 
Forscher. Museen, Bibliotheken und kunsthistorische 
Institute werden Anregungen aus demselben empfangen 
und ihn zu vergleichenden Studien verwerten können. 


DER PREIS DES REICHILLUSTRIERTEN KATALOGES WIRD 
NACH DER FERTIGSTELLUNG BEKANNTGEGEBEN 


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uuiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiuiiiiiitiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiHittiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiimiiiiiimiiiiiiiiimiiiiiiiiiimiiMiiiiiiiimiii; 

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I. FOLGE 



BEITRAGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN UND MITTEILUNGEN 
AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 


SX 9 


VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1914 


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Inhalt. 


Eine frühe deutsche Handschrift der „schönen Magelone“ mit 
Federzeichnungen eines Künstlers der Donauschule von 

Max Lossnitzer .73 

Eine italienische Bäderhandschrift aus der zweiten Hälfte des 

15. Jahrhunderts von Karl Sudhoff.77 

Un misse] not6 de Breslau du XIII e siöcle Par Dom. G. M. Beyssac . . 89 
Nachträgliche Bemerkungen zu dem Notizbuch des Cyriacus von 

Ancona von Paul Maas.91 

Koptische Papyri von W. Hengstenberg.92 


Copyright by Jacques Hosenthal. 





















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Tafel XII. 




Abb. 2. Magelone 



Abb. 3. Magelone Abb. 4. Monogrammist E. L. 


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Max Lossnitzer, Eine frühe deutsche Handschrift der „schönen Magelone“ 73 


Eine frühe deutsche Handschrift der „schönen Magelone“ mit 
Federzeichnungen eines Künstlers der Donauschule. 

(Hierzu Tafel XH.) 

Von Max Lossnitzer (Dresden). 

Die Freude an der Kenntnis fremder Literatur war in den Jahren 
der deutschen Renaissance von den Gelehrten schnell in die Kreise der 
gebildeten Laien übergegangen; und diese bevorzugten an Stelle der 
Klassiker die schmackhafte Kost, wie sie französische Dichtungen boten; 
ich denke an Fierabras, die Haimonskinder, Oktavianus und andere. Natur¬ 
gemäß eigneten sich diese weltlichen Stoffe ebenso vorzüglich zur Illustra¬ 
tion wie die deutschen Volksbücher; indes liegt es leider an dem unaufhalt¬ 
samen Niedergang der deutschen Buchillustration im sechzehnten Jahrhundert, 
wenn die erst nach 1530 erschienenen deutschen Druckedieser Erzählungen, 
vor allem die Ausgaben der viel gelesenen „schönen Magelone“, nur alte 
Holzstöcke in mehr oder weniger passender Verwendung und höchstens 
eigenen Titelschmuck aufweisen. 

Daß die Absicht bestand, schon vor der bekannten Uebersetzung der 
Magelone durch Veit Warbeck, die neuerdings durch Johannes Bolte in der 
„Bibliothek älterer deutscher Uebersetzungen“ (1. Band, Weimar 1894) aus¬ 
führlich besprochen worden ist, ein reichillustriertes Volksbuch gleichen In¬ 
halts herauszugeben, beweist eine schöne oberdeutsche Handschrift, die sich 
heute im Besitz des Hauses Jacques Rosenthal befindet. Der Text weicht 
von der bekannten Bearbeitung Warbecks völlig ab; es scheint sich um eine 
philologisch nicht wertlose frühere Uebersetzung eines inhaltlich recht ver¬ 
wandten französischen Manuskriptes zu handeln, dessen Titel in der Ueber- 
8 chrift „Piro de provenze vnd Magelonna“ noch deutlich hervortritt. Die 
Handschrift war wohl zur Druckvorlage bestimmt, wenigstens weist schon 
das Format, ein handliches Großoktav und die sorgfältige Kursiv mit den 
in roter Tinte aufgezeichneten Kapitelüberschriften auf diesen Zweck hin. 
Der Uebersetzer ließ außerdem den Raum für 23 kleine Textillustrationen 
aussparen, deren Inhalt jedesmal in der Kapitelüberschrift angegeben wird, 
und überantwortete danach das Büchlein einem Künstler, dessen frische 
Skizzen seinen besonderen Wert ausmachen. In flotter und gewandter Zeich- 


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74 


Max Lossnitzer 


nung verkörpert unser Maler die Helden des Romans j natürlich sieht er sie 
im Gewände der Zeit und stempelt den Grafen Peter von der Provence 
und die Königstochter zum oberdeutschen Ritter und Edelfräulein. Die 
Neigung, den neuartigen Stoff dem Beschauer recht eindringlich vor Augen 
zu führen, eine Vorliebe für landschaftliche Hintergründe und das naive 
Betonen des Affekts, — etwa in der Darstellung der verlassenen Magelone 
(15. Figur) — geben uns einige Anhaltspunkte für die Herkunft des Zeichners. 
In der Donaugegend muß er gelernt haben, an Altdorfers Kupferstiche, 
an dessen kleine Madonna mit Kind (B. 15) oder die hl. Katharina (Schmidt 
in Meyers Künstlerlexikon, Nr. 28), erinnert das hier abgebildete Figürchen 
der klagenden Magelone. Auch die gelegentlich überschlanken Proportionen 
der Männer, ihre plumpen Füße mit den breiten Kulimäulem finden sich 
in der Donauschule wieder; freilich in den Landschaften, so flüchtig sie 
auch angedeutet sein mögen, zeigt sich unser Zeichner frei von den manierier¬ 
ten, knorrigen oder streifigen Formen der Nachfolger Altdorfers und Hubers. 
Solche massige, ein wenig nüchterne Baumstämme mit ganz flüchtig um- 
rissenem Laubwerk kenne ich aus dem ganz vereinzelten Kupferstich eines 
fast unbeachteten Monogrammisten EL mit dem Meißel, dessen stecherisches 
Produkt ich hier zeige (Nagler, Monogrammisten II, 1660. — Abb. 4); ich 
glaube, das Beizeichen des Meißels verrät wie auf Hans Leinbergers oder 
Peter Flötners graphischen Blättern einen Bildschnitzer. Zu der Technik 
und Auffassung des Zeichners unserer Mageionenhandschrift finde ich in dem 
kleinen Blatt mehrfache Beziehungen; auch inhaltlich scheinen solche zu 
bestehen. Wenigstens zeigt die erste Seite des Manuskripts einen ganz flüch¬ 
tigen Entwurf zum Titelholzschnitt des geplanten Druckes: wie auf dem 
Kupferstich des Monogrammisten E L reicht hier ein Mädchen im Zeitkostüm 
einem jungen Edelmann einen Becher. Vermutlich haben wir in den Dar¬ 
gestellten in beiden Fällen die Helden unseres Romans zu erkennen, wie 
sie ähnlich der spätere Holzschnitt in Heinrich Steiners Buchausgabe (1536) 
verkörpert; freilich fehlt hier der Becher in der Hand der Dame (Abbildung 
bei E. Koennecke, Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur, 
Marburg 1887, S. 89). Trotz dieser engen Beziehungen wage ich es nicht, 
den Zeichner unserer Handschrift mit dem kleinen Monogrammisten zu ver¬ 
schmelzen; die flotte und bewegliche Zeichenweise, die flüchtig angedeuteten, 
aber recht sicher gesehenen Verkürzungen der angebundenen Rosse der 13. Figur 
und andere Einzelheiten lassen mich in unserem Illustrator einen bedeutenderen, 
recht eigenartigen Künstler des Donaugebiets vermuten, der um 1520 gewirkt 
haben mag. Daß wir seine Handschrift vorläufig nicht in anderen Werken, 
etwa Holzschnitteu aus Augsburger oder Regensburger Drucken erkennen 
können, liegt wohl an der skizzenhaften Art unserer Darstellungen, die eben 
nur eine erste flüchtige Fassung des Buchschmuckes bieten und dem 


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Eine frühe deutsche Handschrift der ,»schönen Magelone“ 75 

Autor und Verleger erst noch zur Billigung vorgelegt werden sollten. Wenig¬ 
stens hat sich unser Zeichner in der fünften Figur einen kleinen Lapsus zu¬ 
schulden kommen lassen; statt der „hoffmaisterin“ der Magelone, von der im 
Text die Rede ist, stellt er einen „hoffmaister“ im Gespräch mit dem Grafen 
Peter dar. Derartige kleine Züge vermitteln uns einen Einblick in das Zu¬ 
sammenwirken von Autor, Verleger und Illustrator bei der Buchausstattung; 
der letztere war entschieden in der Wahl des Bildformates und des Inhaltes 
der Abbildungen außerordentlich gebunden. Jeder Autor rechnete damals 
noch mit den Interessen des Lesens Unkundiger; diesen mußten die Bilder 
im Verein mit den kurzen Bilderklärungen der Figuren die Handlung des 
Romans in knappster Form vermitteln. Daß es üblich war, in die Druck¬ 
vorlagen die Holzschnittillustration in flüchtigen Skizzen einzuzeichnen, 
sehen wir an Hartmann Scliedels Manuskripten der deutschen und latei¬ 
nischen Ausgabe seiner „Weltchronik“ in der Stadtbibliothek zu Nürnberg; 
freilich war es durchaus nicht Brauch, so ausführlich zu werden, wie der 
Illustrator unserer Handschrift. Vielleicht verwendete er größere Sorgfalt 
auf Wunsch des Uebersetzers, der einen Verleger für sein Werkchen zu 
interessieren suchte, offenbar aber keinen Erfolg erzielte. Denn erst im 
Jahre 1536 erschien, wie oben erwähnt, die bekannte deutsche Ausgabe der 
Magelone im Druck. Daß unsere Handschrift nicht im Text oder im Buch¬ 
schmuck von dieser Schrift abhängig ist, läßt sich wie für ihre frühe Ent¬ 
stehung so auch für die räumliche Entfernung des Uebersetzers von Witten¬ 
berg oder Augsburg geltend machen; in welcher Stadt aber diese Bearbei¬ 
tung des Romans entstand, können wir aus äußeren Anzeichen, etwa den 
Wasserzeichen (hohe Krone und Reichsapfel) nicht schließen. An Regens¬ 
burg möchte ich zunächst denken. 

Beschreibung der Magelonen-Handschrift: 

Manuskript in Großoktav von 54 Blättern gelblichen Schreibpapiers 
(Wz.: Hohe Krone und Reichsapfel. Briquet Nr. 4902 Var. und 3036 Var). 
Kursiv, die Kapitelüberschriften in roter Schrift; außerdem alle Initialen. 
Fol. 1 a. [Ein Edelfräulein bietet einem Junker einen Becher an. Federskizze.] 
Fol. 2a. [Beginn des Textes:] „Piro de provenze vnd Magelonna.“ 

Fol. 4b. Wie der graff vnnd die greffin dem jungen graff Peter erlaubten 
die weit zu sehenn. Die 1 figur. 

Fol. 5b. Wie der jung graff auff pan käme do zu Rennen vnd stechen. Die 
2 figur. 

FoL 7 a. Die 3 figur [Turnier]. 

Fol. 9 a. Die 4 figur [Zwei Ritter reiten, von Knappen begleitet, durch 
ein Tor]. 

Fol. 10b. Wie die hoffmaisterin den jungen ritter Peter in der kirchen fandt 


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76 MaxLossnitzer, Eine frühe deutsche Handschrift der „schönen Magelone“ 

vnd mit in von magelona wegen redt. Die 5 figur [Die Skizze 
zeigt einen Mann im Gespräch mit dem Grafen]. 

Fol. 13 a. Wie vber ettlich tag der jung ritter die hoffmaisterin in der kirch 
fandt, teth sich zu ir, ir ettlich heimligkeit zu sagenn. Die 6 figur. 

Fol. 17 a. Wie der jung ritter durch den gartten zu magelona kam. Die 
sibendt figur. 

Fol. 20 b. Wie herr fervier von der krön eyn grosser ritter von rom ritt 
gen Naples etc. Die acht figur. 

Fol. 24 a. Wie die herm vnnd fürsten wieder vom hoff ritten vnd zornig waren, 
das sie des festen ritters namen nicht westenn. Die neundt figur. 

Fol. 25 a. Wie der jung ritter magelona zusagt auff dißmal nit von ir zu 
ziehenn. Die 10. figur. 

Fol. 26 b. Wie der jung ritter zu mittemacht mit dreyen wolgerusten rossen 
kam für das garten thürlin. Die 11. figur. 

Fol. 27 a. Wie die hoffmaisterin Magelonam sucht vnd sie nicht fandt. Die 
12 . figur. 

Fol. 28a. Wie Magelona ins peters schoß sueßiglich schliff vnd er groß wol- 
gefallen an ir schon nam. Die dreyzehendt figur. [Abb. 1.] 

Fol. 29 a. Wie der elenndt petter den geyer nachlieff, in stein nachwarff, piß 
er in ins mere pracht. Die vierzehendt figur. 

Fol. 32 b. Wie magalone auf dem mantel erwacht vnd fandt sich alßo ainig 
verlassen. Die 15 figur. [Abb. 2.] 

Fol. 35 a. Wie die edel Magalona vom pawm herab stieg vnd kam wider 
zu den rossen ßo noch anpunden waren. Die 16 figur. 

Fol. 36 a. Wie Magalona gen Rom kam vnd von stundt an in sanct peter 
munster gieng für sanct peter vnd do andechtiglich pehtet. Die 
siebentzehendt figur. 

Fol. 38 b. Wie Magalonna an daß gestatt deß mereß kam etc. Die 18 figur. 

[Besonders nette Landschaft, in der Magelone als Pilgerin wandert.] 

Fol. 45 a. Wie der altt graff vnd greffin zu Magalona körnen, ir andacht 
pey sanct peter zu uolbringen; die neuntzehendt figur. 

Fol. 45 b. Wie der elendt peter in der Insel sagona in sein gedancken ent- 
schlaffen wahr vnd hinter den schiff plib. Die 20. figur. [Abb. 3.] 

Fol. 47b. Wie sich der elendt petter in den spital gab. Die 21 figur. 

Fol. 62 a. Wie der graff vnd greffin auff iren bestimbten tag zu sanct peter 
kamen vnd fanden iren sun in magalona kammem. Die 22 figur. 

Fol. 53b. Wie der graff vnd greffin in zehen jarenn darnach stürben vnd 
fast erlich begraben wurden. Die drey vnd zwaintigst figur. 

Fol. 54 a. Hie endet sich die hystoria von dem edeln ritter petter von pro- 
fentz vnd der schönsten magalona des künigs von Napples tochter. 

Max Lossnitzer. 


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Karl Sudhoff, Eine italienische Bäderhandschrift 


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Eine italienische Bäderhandschrift aus der zweiten Hälfte 
des 15 . Jahrhunderts. 

Besprochen von Karl Sud ho ff (Leipzig). 

In gar manchem ist das verpönte Mittelalter auch in Medizin und 
Hygiene seine eigenen Wege gegangen. Auch im Badewesen. Es gibt ja 
wohl immer noch Leute, die z. B. das höchst originell ausgebildete Bade¬ 
wesen der Deutschen als hygienisch bedeutungsvoll nicht anerkennen wollen 
oder es gar von dem in Grund und Boden hinein davon verschiedenen spät¬ 
römischen Thermenwesen ableiten wollen oder schließlich nichts weiter darin 
sehen wollen als ein fllr das „gottselige“ Mittelalter äußerst blamable, un- 
abreißbare Kette von Orgien plumpster Sexualität — eines so schief wie 
das andere! Doch soll hier nicht weiter darauf eingegangen werden. Das 
treffliche Buch von Alfred Martin 1 ) sollte in den Händen aller Freunde der 
Kulturgeschichte sein, und zu allem weitern hat sich der streitbare Autor 
auch nachträglich noch treffend geäußert. 

Der deutsche Badetyp der „Schwitzstube“ hatte sich auch über Italien 
verbreitet, mit den Goten und namentlich den Langobarden, die als die 
herrschende Ueberschicht allmählich von den unterworfenen Volksbestand¬ 
teilen aufgesogen wurden und, nicht ohne merkbare Spuren zu lassen bis 
weit hinunter nach Apulien, wie die scrittura langobalda, allmählich ver¬ 
schwunden sind, dafür hat Garufi vor einigen Jahren selbst aus Salerno 
urkundliche Spuren zu publizieren gewußt 1 ), die bis in das 10. Jahrhundert 
zurtlckweisen. Aber auch die kurative Seite des Bäderwesens hat im Mittel- 
alter ihre Pflege gefunden, nördlich und südlich des gewaltigen Gebirgsriegels, 
de die Germanen von den Italienern niemals völlig getrennt hat. Auch die 
Heilquellenlehre hat in Frankreich, Deutschland und speziell auch in Italien 
schon im 14. Jahrhundert lebhafte Pflege gefunden. Schüchterne Spuren 
weisen ins 13. Jahrhundert zurück und selbst in frühere Zeiten. Doch über¬ 
gehe ich das für diesmal. Was zur Mitte des 16. Jahrhunderts an Heil¬ 
quellenkenntnis, allgemeiner Bäderlehre und spezieller Badediätetik mit 

0 Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen. Jena, G. Diederichs, 1906. 

*) »»Hi un 8tabilimento balneare in Salerno.“ Studi medievali diretti da Novati e Renier 
I, S. 276-280. 


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78 


Karl Sudhoff 


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heilendem Zwecke so an allen Wegen gebahnter Wissenschaftlichkeit lagerte, 
ist bekanntlich, in einem gewaltigen Folianten gesammelt und gedruckt, 
hinausgegangen aus einer der vornehmsten Offizinen aller Zeiten, zu Venedig, 
„apud Juntas“, im Jahre 1563 — die berühmte Collectio „De Balneis“, das 
grundlegende Hauptwerk der neueren Balneologie, auf das wir auch im 
folgenden des öfteren werden hin weisen müssen. 

* * 

* 

Herr Hofantiquar JacquesRosenthalin München hatte die Liebens¬ 
würdigkeit, mir einen dünnen Folianten zur Einsicht zu übersenden, der lauter 
italienische Bäderschriften enthält, bekannte und berühmte und unbekannte, 
deren Ruhm erst noch erschallen soll. Es sind 18 vortrefflich erhaltene 
Papierblätter mit dem Wasserzeichen einer offenen Rose mit Neumondzeichen 
in der Mitte. Einige Marginalien sind von einem unaufmerksamen Buch¬ 
binder früher zum Teil weggeschnitten, ebenso zum Teil die Seitenüber¬ 
schriften, die von 40—57 liefen. Das im übrigen sehr gut erhaltene und 
sehr sauber geschriebene Manuskript bildete also das Mittel- oder Endstück 
eines größeren Zusammenhanges. Jedenfalls ist es beachtenswert, daß alles, 
was heute vorliegt, äußerlich und innerlich zusammengehört. Alles, was 
der kleine wertvolle Foliant enthält, ist baineologischer Natur. 

Vier Hände haben an der Handschrift geschrieben. Noch der Mitte 
des 15. Jahrhunderts nahezustehen scheint die erste derselben, die bis Blatt 
13 r reicht. Die zweite (bis 14 v ) und dritte (bis 17 r ) sind Humanistenhände, die 
dem Ende dieses Jahrhunderts nahestehen. Schon ins 16. Jahrhundert hin¬ 
über greift die letzte Hand (Bl. 17 r , Sp. 2—18 r , Sp. 2). Die letzte Seite ist 
unbeschrieben. 

Den größten Raum nimmt ein, die bekannte Schrift des in den letzten 
Jahren vielgenannten Ugolino (di Caccino) da Montecatini (*j- 1428 
oder 1429), die übrigens kaum um Strohhalmbreite über die Mittelmäßigkeit 
auf irgend einem Gebiete hinausragt. Der von Novati 1899 erneut gewür¬ 
digte 1 ) „Trattato de’bagni termali d’Italia“ reicht, in lateinischer Sprache 
hier überliefert (wie auch in der obengenannten Bäder-Juntine von 1553, 
Bl. 47—57), in zwei Kolumnen geschrieben, bis zur Mitte der zweiten Spalte 
der Vorderseite des dreizehnten Blattes unseres Kodex. Sie beginnt mit den 
Worten: 

Incipit tractatus balneorum. 

[D]iu est, quod a quam pluribus scholaribusm eis et al. aliquibus socijs 
meis iuuenibus et adhuc rudibus modicis rogatus fui, quod aliquod con- 
stituerem opusculum circha naturam aquarum mineralium balneorumque 

J ) Memorie del R. Istituto Lombardo di Scienze e Lettere XX. Ser. III., Vol. XI. 
Milano 1899. S. 144-166. 


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Eine italienische Bäderhandschrift 


79 


omnium, quoruin clarain habuerim noticiam et uiderim atque audiuerim 
experientiam.. ♦ 

Am Schlüsse heißt es: 

Explicit tractatus solemnis et copiosus et scientificus de balneis 
mineralibus et artificialibus compositis et constructis in civitate castelli 
anno M°CCCC°xvij°, completus vero mense decembri per Vgolinum de mon- 
tecatino, tune medicum dicte ciuitatis physicum et salariatum praticum.“ 
Also im Jahre 1417 war Ugolino angestellter Stadtarzt in „Cittä di 
Castello“ im umbrischen Apennin; daß dies nur eine vorübergehende Stellung 
gewesen sei, wie W. Bombe 1 ) und andere annehmen, dürfte doch zu Unrecht 
geschlossen sein. Danach ist der Wortlaut dieser Unterschrift eigentlich 
nicht angetan. 

Vergleichen wir den Text unserer Handschrift mit der Juntine von 1553, 
so ist er zwar inhaltlich mit diesem völlig identisch mit einer großen Aus¬ 
nahme, aber die Lesarten der beiden identischen Texte weisen recht erheb¬ 
liche Verschiedenheiten auf, die für eine eventuelle Neuherausgabe des Textes 
recht sehr zu berücksichtigen wären. Die „große Ausnahme“ besteht da¬ 
rin, daß der Handschrift der Abschnitt „De balneis Puteolanis“ vollständig 
fehlt, der mir auch früher schon als ein Einschiebsel erschienen ist, im 
wesentlichen identisch im Inhalte mit dem Alcadinus bezw. Pietro da Eboli . 

Bl. 13 T — 14 T bringt auf 5 2 /s Spalte ein bisher unbekanntes Spezial- 
schriftchen über ein italienisches Bad, wie sie den ganzen übrigen Bestand 
des kleinen Folianten ausmachen. Dieses erste ist recht interessant. Es nennt 
direkt keinen Verfasser, sondern verweist nur zu Beginn auf einen Ouido, 
der über Bäder geschrieben habe und der Vater des Verfassers dieser kleinen 
Sonderschrift sei: 

„tempore autem quo preclarissimus vir Guido, genitor meus, scriptum 
de balneis librum scripsit, cum citra Cherum amnem nasceretur, obruta 
ac sepulta trans amnem scaturabat et inmixta non salubribus aquis aliam 
partem sue uirtutis amitebat, ad multa tarnen nocumenta non invtiliter 
bibebatur, postquam autem tua excellencia, o princeps“ . .. 

Das derart in der Widmungsanrede an einen Fürsten in seinen Wand¬ 
lungen charakterisierte Bad lag bei Bergamo, offenbar in den Bergamasker 
Alpen, die in S. Pellegrino im Brembo-Tale und anderwärts auch heute noch 
Badeplätze lokalen Rufes aufweisen, in einem Nebenzuge des Cheriotales, 
auf dem Wege zu dem stillen, aber malerischen Lago dTseo offenbar auch 
der Gegenstand unserer Abhandlung, das heute noch in Betrieb befindliche 
Badeörtchen Trescore Balneario y ein Schwefelbad. Auch eine andere kleine 
Bäderschrift von Lodovico Zimalia aus Bergamo, die in die Bäderjuntine 

l ) Hausinventar und Bibliothek Ugolinos de Montecatini. Archiv für Gesch. 
der Medizin, V., S. 225, 1911. Vgl. ebenda Bd. V., S. 395 f. 


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Earl Sudhoff 


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von 1553 Aufnahme gefunden hat, handelt von dem „Balneo Sancti Pancratii 
vallis Transcherianae agri bergomatis“ 1 ). Dem heutigen Namen des Örtchens 
noch näher steht der Text unserer Handschrift, der also beginnt: 

„Balneum trascurianunu Salina triscuriana triscuriana [!] in agro 
bortomensi est, ab urbe distans milia passuum circiter nouem iuxta opidum 
triscuri ex montis radice profluens et spectans orientem solem.“ 

Es folgt dann der oben schon gegebene Satz. Daß von dem Schwefel¬ 
gehalt des Bades ausführlich gesprochen wird, ist natürlich; ich will aber 
von dem weitern Inhalt der Schrift nicht mehr verraten, die in zierlicher, 
wenn auch etwas mühsam zu lesender Hand anderthalb Blätter füllt. 

• * 

* 

Es folgt eine andere kleine Schrift von ungefähr gleichem Umfang, die 
schon lange bekannt ist. Trägt sie doch auch den Namen eines italienischen 
Arztes, der allen mit der italienischen Medizin des Mittelalters auch nur ober¬ 
flächlich vertrauten Historikern geläufig ist, ohne daß sein Träger ernsthaft 
den Anspruch erheben dürfte, ein Mann von wirklicher wissenschaftlicher 
Bedeutung zu sein, PietrodiTussignano, einem Kastell in der Romagna 
unweit Imola, zwischen Bologna und Forli gelegen. Ich habe mich mit den 
Männern dieses Namens einmal etwas näher beschäftigt und die auf sie be¬ 
züglichen Daten in meinem Archiv kurz zusammengestellt*). Der unsrige, 
d. h. der Verfasser unseres Schriftchens über die Bäder von Bor¬ 
mio, soll der älteste gewesen sein unter diesen Namensvettern aus dem welt¬ 
fernen Kastell, da er am 13. März 1336 als „Medicinae monarcha excellentis- 
simus“ in Bormio geweilt habe, wie A. W. Th. Henschel betont 8 ). Unsere Hand¬ 
schrift freilich räumt damit völlig auf und läßt die weit einfachere Lösung 
offen, daß wirklich nur ein Arzt aus dem alten Kastell seinen Namen 
herleitet, da hier diese Bäderschrift von 1396 datiert wird. Anfang und 
Schluß der bekannten 4 ) Schrift lautet in unserer Münchener Handschrift: 

[Bl. 15 r ] Balnea de bturmio. Benedictus dominus de ysrael qui cuncta 
creauit et hominem ad ymaginem sui, minuit eum paulominus ab angelis 
et omnia ei oportuna produxit.. . 

[Bl. 16 r , Sp. 2 unten:] . . . (jjf Hec sunt ordinata ad honorem dei, 
gloriosissime virginis matris Marie ac beati Martini pro comuni burmij, 
vtilitate corporum humanorum Per me petrum de Tusignano phisicorum 
minimum Mccclxxxxvj die xiij Marcij, dum starem in dictis balneis. (Jjf Finis. 

*) Bl. 190 der Juntine von 1553. 

*) Archiv für Geschichte der Medizin, Bd. V, S. 390—395. 

8 ) Janus Fortsetzung, 1833, Bd. III, S. 419ff. 

4 ) Bäderjuntine von 1553, Bl. 193 r — 194 ▼, woher eben Henschel seine Kenntnis 
genommen hat; denn dort findet sich sowohl der „Medicinae monarcha excellentissimus“ 
als auch das „trigesimo sexto“ als Widmungsdatum. 


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Eine italienische Bäderhandschrift 


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An vierter Stelle steht wieder ein bisher unbekanntes Stück, gleichfalls 
für ein auch sonst schon mit einer besondem Bäderabhandlung bedachtes 
Bad. Diesmal stammt die Niederschrift aus Laienkreisen, von einem be¬ 
kannten Juristen her, wie das Explicit uns belehrt: 

<U? Hec annotata fuerunt per spectabilem juris canonici doctorem do¬ 
minum Lanfranchum de brixia, qui, ut asserit, omnia ab expertis personis 
didicit, dum ibi esset. Ad laudem eius, qui trinus regnat et vnus. Amen. 
Dies Schriftchen ist das kürzeste von Allem, was der dünne Foliant 
enthält, und mag als Probe des Ganzen auszugsweise mitgeteilt sein. Sein 
Text füllt wenig mehr 2 1 /* Spalten. 

[Bl. 16 v , Sp. 1:] BcUnea de Aquario. Locus balneorum de Aquario 
est in territorio regij 1 ) vltra dictum regium per XV miliaria. Terra, 
ubi sunt, vocatur aquaria. Dicta balnea sunt prope Aquariam per vnum 
miliare, que vocatur terarium. 

<[jf Aqua predictorum balneorum claraest, vtcristallus, frigidaactualiter, 
ut aqua puteorum, carens odore sulfuris et aliqualiter participans odore 
camphore. Qui odor placidus est et nature gratus et insuper dicta aqua 
8 ubtilior aqua balneorum porete*) et penetrabilior et cicius confert Om¬ 
nibus infirmitatibus, quibus conuenit, quasi aqua porete, cui aqua hec in 
Omnibus equiperatur, omnes curans egritudines excepta ydropi. Multi 
enim, experti aquam porete et hanc, referunt, istam preualere in omnibus. 
f Qualiter debeat sumi superscripta aqua. 

(jT Summo mane bibantur ex dicta aqua sex uel otto vices, deinde 
paulatim hinc inde ambulet, donec suam operationem perficiat. Tran- 
sacta vero hora vel circa, ex eadem aqua bibat totidem ciatos, videlicet 
sex uel otto, et post parum deambulet et post horam bibat, utcunque 
potest etiam bibi ex ea plus uel minus secundum maiorem uel minorem 
stomaci debilitatem, et sic agat, usque ad horam decimam ottauam uel 
decimam nonam et tune prandeat temperate et non comedat secundum 
apetitum [!] exigentiam, quoniam hec aqua vehementem inducit apetitum, 
nec cibum assumere presumat, nisi prius operatio aque finita fuerit. An 
vero Aqua adhuc sit in stomaco vel non, quilibet sui iudex esse poterit. 
In die assumptionis somnum fugiat meridianum propter mortis periculum. 
Ex humorum agitacione vehemens somnus inducitur. 

(Jjf Dicte aque potus sit diebus interpellatis [!], videlicet vna die sit 
et altera non et illa die, in qua aquam non bibit, bis balneum ingredi 
poterit, mane scilicet ante prandium et sero scilicet ante cenam [B1.16 v 

*) bei Reggio Emilia, zwischen Parma und Modena. 

*) Die „Bagni della Porretta“, 300 Meter über Bologna im Reno-Tale auf dem Wege 
nach Pistoia-Florenz hin gelegener uralter Schwefelbadeort, der heute noch geschätzt 
wird und im späteren Mittelalter in hoher Wertung stand. 


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Karl Sudhoff 


Sp. 2] et tarn diu moretur in balneo, donec digiti manuum crispi fiant, et 
in balneum stet usque ad os. Cum autem balneum exierit, in stupha intret 
aut in lectum et pannis bene cohoperiatur. Posset tarnen necessitate 
cogente et balneum ingredi et aquam bibere hoc modo, quia hora nona 
vel parum ante intret balneum et in eo moretur, ut supra dictum est; 
et cum exierit a balneo, bibat sex uel octo ciatos aque, cuius vero ope- 
racione finita et non ante prandium accipiat. 

(jjf Balneum hoc modo fit. Nam hospites aquam calefaciunt et eam 
in vase ligneo deponunt, in qua oportet morari vsque ad os et tarn 
diu, donec digiti manuum crispi fiant. 

<JJ? A Quibus est precauendum: 

(jjf Caueatur a coytu, a potu aque frigide, a somno meridiano, a nimia 
repletione, ab aere frigido et yentoso, et quia estiuo tempore ibi regnat 
frigus interdum, laudo quod cape deferantur [?]. Vtatur cibis boni nutri- 
menti et facilis digestionis; cum vero a balneo recesserint, per mensem 
vnum servetur debitum regimen. Et si non obseruaueris, nullum ex 
balneo iuuamen inuenies. 

(jjf Scias etiam, quod, si debitum regimen seruaueris, reliquie ipsius 
aque per annum in corpore remanent et operantur. 

% Quibus competat egritudinibus 

[Ich lasse diesen sehr interessanten Abschnitt, als zu ausschließlich von 
medizinischem Interesse, für diesmal beiseite. Der Schreiber ist unterdessen 
auf Bl. 17 r tibergetreten, und schließt seine Ausführungen dort in der ersten 
Spalte folgendermaßen.] 

(jjf Quo tempore debeat sumi superscripta aqua. 

<üT Aqua predicta sumi potest incipiendo de mense Maij inclusione 
vsque ad mensem septembris. Magis tarnen comendatur eius vsus men- 
sibus intermedijs, videlicet Juni et Julij. 

<f Quanto tempore manendum sit. 

(Jjf In balneis superscriptis manendum est tribus septimanis ad minus, 
semper seruando dictam dietam, et nota, quod in die potus aque debet 
comedi vnica vice tantum et temperate; si tarnen in sero necessitaa cogat, 
pro yirtutis conseruatione colationem leuem ex cibis leuibus digestionis 
et confortatiuis facere potest, ut sunt oua sorbilia et confectiones de 
zucbaro, post recessum vero bis comodere potest, sobrie tarnen, fugiendo 
semper somnum meridianum. Si quis tarnen post aque potum et balneum, 
quis in nocte, dormire non posset, non prohibetur omnino somnus in 
meridie, per mediam horam vel vnam ad plus, licet melius sit abstinere. 
So scharf also hat im Mittelalter die Brunnen-Nixe ihre lebensordnung¬ 
regelnde Gewalt geübt, so scharf die Zügel angezogen! Die Badeärzte hatten 
ihre Kurgäste sicher an der Leine, die gewaltige Wassermengen Stunde 
um Stunde genossen bei schmaler Diät und lange im Wasser weilen mußten 


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Eine italienische Bäderhandschrift 


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und nicht einmal ihr Mittagsschläfchen halten durften — das war lebens¬ 
gefährlich am Tage des Brunnentrinkens! 1 — Daß auch gebildete Skep¬ 
tiker das für sich selbst adoptieren und getreulich durch Aufzeichnen weiter¬ 
kolportieren wie dieser Doktor des kanonischen Rechts aus dem Eisacktale, ist 
ganz besonders interessant. Wir haben hierin ein Spezimen der Brunnenregeln 
fürTrink- und Badekuren in der Emilia, wie sie tatsächlich in solchen Bädern 
üblich waren, von den Ärzten natürlich entworfen und motiviert, aber vom Bade¬ 
publikum in der vorliegenden Form befolgt. Das macht den oben mitgeteilten 
Abschnitt aus einem Baderegimen von der Mitte des 15. Jahrhunderts so ganz 
besonders interessant, wenn auch manches hier nicht Mitgeteilte vielleicht 
noch wichtiger ist. 

Den Schluß des Ganzen macht ein etwas umfänglicheres Stück eines 
mit Namen genannten Autors, der schon in die ersten Jahre des 16. Jahr¬ 
hunderts zu setzen ist, auch nach den Schriftzügen, mit denen es aufge¬ 
zeichnet ist. Die Unterschrift ist durch einen früheren Buchbinder leider 
zum Teil verstümmelt. Ohne zuverlässigen Anhalt ist er durch das in []- 
Klammem gesetzte mit einiger Wahrscheinlichkeit ergänzt: 

Bal[ nea Calderiana] existentia in agre Veronensi (Bl. 17 r Sp. 2]. 
Cum de natura horum balneorum ab antiquis nostris pauca uel nulla 
memoria relicta sit, quae ad manus nostras deuenerunt, sed ut pluribus 
rationibus ibidem naratis et experientijs elicere potui, teneo, mineram 

hanc a predominio ferream participare, tarnen aliquid de sulfure. 

(Bl. 18 r Sp. 1.] — tempus autem, quo adeuntur hec balnea, est estiua. 
Hec sunt scripta magistri Johannis Tollentini Veronensis. 1604. tt 
Mit dieser Bekanntgabe eines bisher unbeachteten Arztes in Verona 1 ), 
der aus dem durch den heiligen Nicolaus bekannt gewordenen Städtchen 
Tolentino stammt, nördlich des Monti Sibillini und südlich von Ancona nahe 
Macerata gelegen, will ich meine Wanderung durch eine Sammlung zum 
Teil völlig unbekannter und doch in das geläufige Bild italienischer balneo- 
logischer Literatur des Mittelalters ungezwungen sich einschließender Bäder¬ 
schriften beschließen, bei der ich auch mancherlei erzählt habe, was mir 
so nebenher aufgestoßen ist. — 

*) Nach freundlichen Mitteilungen des sehr unterrichteten Stadtarchivars und Stadt¬ 
bibliothekars in Verona Cav. Guiseppe Biadego ist Giovanni Tolentino am 17. März 1501 
in das Aerztekollegium zu Verona eingetreten, nachdem er vorher dort Universitäts¬ 
professor gewesen war („quod publice legerit in Studio generali“). Er war der Sohn 
eines Jacobus de Tolentino . Sein Todesjahr ist nicht zn ermitteln; gestorben ist er am 
16. oder 17. August 1516 und bei San Fermo begraben. 1498 soll er zu Pavia den 
„Calculator“ des Engländers Ricardus Sviseth herausgegeben haben und gegen sein 
Lebensende eine neue Ausgabe der „Consilia“ des Ugo ( Benci ) da Siena vorbereitet 
haben, die nach seinem Tode 1518 zu Venedig erschien. Von seinem oben entdeckten 
Badeschriftchen war bisher nichts bekannt. 


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Dora. G. M. Beyssac, 0. S. B. 


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Un misset not6 de Breslau du XIII e siede. 

Par Dom. G. M. Beyssac, O. S. B. 

Moine de Solesmes — Quarr Abbey. 

Les livres d’Eglise appartenant ä TExtr^me-Orient des pays de liturgie 
latine ne paraissent pas fröquemment sur le marchö. Et lorsque, d’aventure, 
on en voit quelqu’un chez un de nos grands Antiquaires de l’Occident, la 
nouvelle ne va pas sans causer quelque Emotion aux amateurs de Liturgie, 
k ceux qu’intäresse l’ätude des anciens rites de l’Eglise romaine. A plus 
forte raison s’il s’agit d’un manuscrit noti contenant au complet, oraisons, 
öpitres, 6vangiles et chants, bref, tout ce qui a rapport au saint Sacrifice 
de la Messe, comme le livre que nous allons döcrire. 

Consid6r6 du point de vue matöriel, ce missel se compose de 10 feuillets 
non chiffrös suivis de 168 feuillets num6rot6s en chiffres romains, plus de 
nouveau 15 folios sans numäro. En tout, 197 feuillets, car il y a encore, 
intercalö aprfes le fol. CXXXXVIIII, un fragment de parchemin qui n’est 
point compt4 dans la foliotation ancienne. Ces 197 feuillets se divisent en 
quatre parties fort distinctes dont voici le dötail: 

1 . Un quaternion d’6criture plus röcente, sur v61in contenant VOrdinaire 
de la Messe. 

2. Vingt-trois cahiers, tous quatemions, ögalement en v61in, actuelle- 
ment sans signature pour la plupart, par la faute du relieur. 

3. Apr&s le folio CLXVIII se trouve intercalö un cahier de papier . 

4. Le manuscrit se termine par un dernier cahier de v61in, de möme 
4criture que la partie principale. Ce cahier contient le Prosaire du missel 
incomplet de son dernier folio. C’est la seule lacune qui se puisse con- 
stater dans le livre. 

Ayant fait connaissance avec le missel nous pouvons maintenant entrer 
dans quelques dötails sur sa partie originale. 

Chaque page est divis^e en deux colonnes, dont chacune comprend 
37 lignes horizontales tracöes k l’encre noire, entre lesquelles courent 36 lignes 
d’une 6criture assez grosse pour les lectures et les oraisons. Le texte devient 
plus petit, comme c’est la coutume, lorsqu’il est destine ä 6tre accompagn^ 


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Un missel not6 de Breslau du XIIl e si6cle 


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de sa notation ; alors une ligne de texte avec sa musique tient lieu de 
deux lignea de texte ordinaire. Dans le Prosaire meme, la lettre et la note 
ae font encore plus menues, de sorte qu’il y a 29 lignes k la page. 

Sans avoir rien de bien particulier ni de remarquable, F6criture est 
assez r6guli6re; la Paldographie Fassignerait au XIII® sifccle, et sans doute 
la Liturgie ne contredira-t-elle point ä ce jugement, comme on le verra. 

Quant k la notation, eile n’appartient pas k un genre bien d6fini. Elle 
tient k la fois de Fallemande et de la messine; eile est teile qu’on la retrouve 
un peu partout dans les 6v§ch6s de FEst de l’Empire, teile qu’elle s’est con- 
servöe dans leurs im prim £s du XVI® sifecle. Elle s'appuie sur quatres lignes 
dont trois express&nent tracdes pour eile sont rouges, tandis que la qua- 
trifeme, prdvue pour le texte dont eile tient la place, est noire. 

Une particularitd d’dcriture: le b6mol ou le b^carre, lorsqu’on les a 
not4s, ne sont pas, ordinairement, Berits au niveau de la note qu’ils affectent, 
mai8 k la tierce au-dessus: c’est une habitude de copiste qu’il est bon de 
connaitre. 

Les marges sont fröquemment couvertes d’additions ou des corrections 
oeuvre d'un reviseur attentif. Les initiales sont simples, rouges, vertes ou 
bleues, et souvent rehaussöes de filets rouges qui se perdent dans les marges 
en gracieuses arabesques. Parmi ces initiales, quelques-unes plus grandes 
signalent les fStes principales du Propre duTemps; il n’y en a aucune dans 
le Sanctoral. De ces lettres plus orales, le fond 6tait form 6 par un gros trait 
d’or qui a maintenant beaucoup perdu de son 6clat primitif. II faut dire la meme 
chose du Crucifix qui commence le canon de la Messe au fol. LXX1I. Le 
Corps du Sauveur, dont l’anatomie est plutot grossere, est 6tendu sur un 
arbre dont le tronc est vert. Le Christ est le seul personnage de ce tableau 
qui mesure 0,09X0,11 cm. Une autre sefene de la Crucifixion se voit dans la 
premifere partie du manuscrit, au verso du quatrifeme feuillet. Notre-Dame 
et S. Jean y sont repr6sent6s au pied de la croix, de chaque cöt£. La fac- 
ture est diffdrente; j’ai d’ailleurs fait d£jä remarquer que ces feuillets sont 
plus rdeents. 

J’ai dit plus haut que ce missel vient d’un dioc&se de l’Est de FEmpire; 
il faut prdeiser davantage. Cependant, remontant le cours de son histoire 
qu’il est interessant de suivre, je dirai d’abord par oü il a pass 6. 

La partie la moins ancienne du Codex est constituöe par les feuillets de 
papier que se trouvent vers la fin, apräs le folio CLXVIII verso, cote lui- 
m6me CLXIX. Ces quelques pages datent du XV® sidcle. En tout premier 
lieu on y voit une messe ainsi intitul4e: 

<Feria quinta signatum officium cum collecta de patronis .» 

Et dans les trois oraisons se lisent les noms des Patrons dont le titre 
parle; voici la collecte: 


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Dom. G. M. Beyssac, 0. S. B. 


tPropiciare quesumus domine famulis tuis per sanctorum martirum tuorum 
ac patronorum nostrorum Viti, Wencezlai, Adalberti, Benedicti, Propii (sic; les 
deux autres oraisons, Secrete et Postcommunion, donnent correctement: Pro- 
copii), Ludmille necnon quinque Fratrum merita gloriosa, ui eorum pia et 
assidua intercessione ab omnibus semper muniamur adversis .» 

Seraient-ce lä. les Patrons d’un 4glise particuliere? II ne semble pas. Tous 
ces saints sont caract6ristiques de la Boheme en general ou des pays imm4diate- 
rnent voisins. De fait cette meine collecte est assign^e, avec peu de variantes, 
k la messe votive: De patronis feria quinta, dans le missel de Prague im- 
primö & Bamberg, en 1489, par J. Sensenschmidt, en ces termes: 

*Propitiare nobis quesumus domine famulis tuis, per sanctorum martyrum 
tuorum ac patronum nostrorum Viti, Wenceslai, Adalberti, Procopii, Benedicti 
cum fratribus atque Ludmille merita gloriosa, ut eorum pia et assidua inter¬ 
cessione ab omnibus semper muniamur adversis. Per .» 

Plus anciennement vers le commencement du XV® sifecle, un missel de 
Prague ne nommait dans cette messe de Patronis que les Saints Vit, Wenceslas, 
Sigismond et Adalbert. Mais ce missel ötait sp(5cialement 6crit pour la Cath4- 
drale de Saint-Vit. 

Si l’on doutaitque l’oraison de notre manuscrit eüt 6t6 6crite dans le diocese 
de Prague, il suffirait, pour se convaincre pleinement, de la comparer avec 
celle que donnent les livres liturgiques du diocese, voisin et suffragant, d’Olmutz: 

«Propitiare nobis quesumus domine famulis tuis per sanctorum patronorum 
nostrorum Wenceslai, Viti, Adalberti, Procopii, Cristini, Benedicti, Matthei, 
Johannis atque Ysaac, Cirilli et Metudii, necnon sancte Ludmille, sancteque 
Cordule merita gloriosa: ut eorum pia et assidua intercessione ab omnibus 
semper protegamur adversis. Per.* 

On voit tout de suite la difference: alors que, 4 Prague, S. Vit est nommä 
premier, il passe au second rang ä Olmutz; k Prague, les cinq Ermites mar- 
tyris6s en Pologne en 1003 sont nomm6s en bloc avec Benoit, leur chef; k 
Olmutz au contraire, ils sont tous 4num4r4s aprfes S. Chr6tien. Prague, enfin 
ne fait aucune mention des saints Cyrille et Methode, non plus que de Ste. 
Cordula. 

Il est dans le manuscrit d’autres indices de son passage, ou plutdt de son 
sejour dans le diocese de Prague, car il s’agit d’additions ou corrections pour 
la plupart anterieures ä la dato du cahier de papier. Teiles sont les messes 
de la translation de S. Wenceslas (fol. 125’), de S. Gothard (fol. 129), de S.Vit 
(fol. 131), des Dix mille martyrs (fol. 132), de S.Procope (fol. 136), de Ste. Anne 
(fol. 138). Ces divers offices sont presque en tout conformes ä la tradition 
de Prague; ils paraissent avoir 6t6 ajoutös au manuscrit, ou corrig4s, dans 
le courant du XIV® sibcle. 

A la meme 6poque nous ramenent les huit premiers feuillets du codex. 


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Un missel not6 de Breslau du XIII e si&cle 


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Je Tai fait remarquer: ils contiennent une copie du Canon de la messe pr6- 
c6dd de diverses autrea priferes; nous y retrouvons Vofficium de Patronis 
notd k la fin du manuscrit, avec quelques variantes dans la collecte: 

«Propiciare quesumus domine nobis famulis tuis per sanctorum martyrum 
tuorum Viti, Wenceslai, Benedicti , Georgii, Adalberti, Stanislai cum fratribus 
tuis(!) Procopii necnon Ludmille merita gloriosa; ut eorum pia et assidua 
intercessione ab omnibus semper protegamur aduersis .» 

Ce sont les m£mes noms que plus haut, seulement le copiste a mala- 
droitement sdparö Benoit de ses fr&res, et a ajout6 k la liste S. George et 
S. Adalbert, qui peut-£tre 6taient dotds d’un culte spdcial dans l’(?glise qui 
se servait du manuscrit. A n’en pas douter, ces premiferes pages repr^sentent 
encore YOrdo missae tel qu’il dtait en usage dans une £glise de Prague au 
XIV® sifecle, et il est bien curieux. J*en extrais quelques priferes parmi celles 
tres nombreuses, qui pr6cfedent Yaccessus ad altare . Elles sont annonc6es par 
le titre: 

zOrdo qualiter preparet se sacerdos ad missam 

Laprdparation commence par la r^citation d'un certain nombre de psaumes 
et de vesets. Puis exuendo vestem, quatre oraisons difif^rentes a dire sans doute 
ad libitum; — Pectinando caput: 

«Rogo te sabaoth, deus altissime, pater sancte, ut me tunica castitatis 
digneris induere, et lumbos meo baltheo tui amoris et timoris ambire, et renes 
cordis et corporis mei igne karitatis exurere; quatenus pro peccatis meis possim 
digne intercedere et astantis populi veniam peccatorum promereri, ac paci- 
ficas singulorum hostias immolare; me quoque domine audacter ad te acce- 
dentem non sinas perire, sed dignare me mundare, pectinare, lauare, omare, 
leniter ac benigne suscipere; presta pater omnipotens, per Jesum Christum 
filium tuum unigenitum, tecum regnantem in unitate Spiritus Sancti per 
omnia secula seculorum.» 

Yiennent ensuite des priferes ad lauandas manus ; dum tergit manus; 
puis celles qui accompagnent le revetement des divers ornement sacer- 
dotaux: ad humerale, ad albam y ad zonam, ad phanonem (-manipulum: 
Stolam innocentie pone domine super manurn meam y et appone iustitiam pro 
iniquitate mea), ad stolam y ad casulanu 

Ce sont alors les pri&res de la Confession, avec cette formule: 

«Confiteor Deo omnipotenti, et beate Marie virgini, et omnibus sanctis 
eius et vobis pater, quia ego peccator peccaui nimis in vita mea cogitatione, 
locutione, delectatione, consensu, verbo, opere, mea culpa, mea culpa, mea 
grauissima. Ideo precor venerabilem Dei genitncem virginem Mariam, istos 
presentes sanctos atque omnes sanctos et te orare pro me.» 

Un peu plus loin la b&i&liction de Tencens se fait: Per intercessionem 
sancti Oabrielis archangeli .. . 


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Dom. G. M. Beyssac, O. S. B. 


Au-dessous de l’image du Crucifix se lisent les noms de quelques bien- 
faiteurs pour lesquels le prßtre devait prier ä l’un des deux Memento: Ducha.cz> 
Welka, Mladota, Welka, Jessek, Vyta et Marzyc. 

H est incontestable que cet Ordinarium Missae täprdsente l’usage de 
Prague, mais je ne saurais dire ä quelle 4glise il a de fait appartenu. On peut 
supposer celle dont la dedicace a 6tä notäe, dans le calendrier au 19 juillet: 
Dedicatio ecclesie, sans plus de d6tail. II est probable que le missel 6tait 
d6j& en Boheme quand fut ajoutee, toujours au calendrier, cette notice n6cro- 
logique qui aiderait, moyennant une connaissance approfondie des choses 
du pays, ä repondre exactement ä la question que nous nous sommes pos4e: 

< VIII Kalendas Junii (25 mai) Martinus Milkonis obiit proxima 
dominica post Urbanum.-* 

(S. Urbain a sa fete marqu4e en ce mSme jour, 25 mai.) Dans la marge 
intärieure, nous avons quelques d^tails suppl^mentaires et sur le personnage 
et sur la date de sa mort: 

c Martinus ßius Milkonis quondatn de Villa Ouenocz (?) obiit post pran- 
diutn dominica qua cantatur Factus est dominus protector, et est sepultus 
in ecclesia .» 

Ainsi donc ce Martin mourut le deuxieme dimanche apres la Pente- 
cöte (Factus est) qui cette ann£e-lä tombait dans la semaine qui suivait le 
25 mai, peut-etre meme prdcisdment le 25 mai — j’abandonne aux drudits de 
Bohfeme les recherches ultärieures. 

Quoi qu’il en soit, un fait reste 6tabli: au XIV 9 siede, — de par l’Ordo 
joint en täte du Codex, et au sifecle suivant, comme en tämoigne l’office de 
Patronis k la fin, le missel dtait ä Prague. Avait-il 4t4 6crit dans ce diocfese? 
Ttäs certainement, non. D’abord, et sans aller plus avant, on ne s’explique- 
rait pas pourquoi ce nouvel ordo missae, alors qu'il y en avait ddjä un 
dans le manuscrit, fol. LXXI—LXXIII. Mais ce n’est qu’un argument prd- 
somptif. Notre exclusiou s’appuie sur des bases plus solides, sur l’examen 
liturgique du missel. 

Yoyons d’abord le calendrier. Les fßtes y sont extremement nombreuses, 
ä tel point qu’il n’y a peut-6tre pas dix jours vides dans l’ann4e. Cela serait 
extraordinaire pour l’4poque du manuscrit; mais on s’apenjoit bien vite 
que la plupart des mentions sont de deuxifeme ou de troisi&me main. En 
täalitä ce calendrier n’dtait pas tout d’abord plus chargd qu’un autre, mais 
on l’a dans la suite garni de saints et fourtä, ä peu prfes ä la fa 9 on d’un 
livres d’heures. 

Ce calendrier a de trfes Stroits rapports avec celui du missel de Breslau 
imprim6 a la fin du XV* sifecle: on peut admettre qu’ils representent l’un 
et l’autre le m6me rite, mais ä deux cents ans de distance. La tädaction de 
notre manuscrit doit en effet se placer dans le troisifeme quart du XIII 9 siede. 


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Un missel notd de Breslau du XIII* si&cle 


89 


S. Stanislag, canonisd en 1249, a sa fdte marqude de premidre main au ca- 
lendrier (8 mai), et, d’autre part, la ffete du Corpus Christi, ddcrdtde le 29 dd- 
cembre 1252 pour 1’Allemagne et dtendue en 1264 ä toute l’Eglise romaine, 
n’a pas encore trouvd place dans le missel. 

J’dprouve cependant quelque hdsitation & attribuer de facjon ferme ce 
missel & Breslau. Les caractdristiques de ce dernier sont les mdmes que 
celles du missel de Posen de 1524, et j’aurais voulu consulter un autre missel 
de Cracoyie que celui de 1546, seul accessible dans nos grandes bibliothfeques 
d’Occident. Un doute reste donc, assez ldger d’ailleurs. Cependant pour 
mettre le lecteur en mesure de juger par lui-meme je donne pour finir la 
liste des Proses de notre manuscrit, avec rdfdrences au Repertorium Hymno- 
logicum du Ch. U. Chevalier (R. H.); j’indique aussi celles qui se retrouvent 
k Breslau (B), celles qui sont dans le missel de Posen (P) dont l’Index 
vient etre publid dans les Lettres de Liopold Delisle, Fase. III, 1912, p. 57—60 
De Cracovie je ne puis rien citer: le Repert. Hymnol. n’indique aucune 
ddition de ce Missel pour aucune de nos Sdquences, mais c’est dvidemment 
parce que aucun livre de cette Eglise n’avait dtd consultd lors de la publication 
de 8es deux premiers volumes: 


Titre 

Incipit 

R. H. 

B. 

p. 

[De Natiuitate Dni in Gallicantu 

Grates nnnc oranes 

7.390 

+ 

+ 

In aurora 

Eya recolamus 

5.323 

O 

o 

Ad missam [maiorem] 

Natus ante secula 

11.903 

+ 

+ 

Stephani 

Hane concordi famulatu 

7.662 

+ 

+ 

Johannis 

Johannes Jesu Christo 

9.755 

+ 

+ 

De innocentibns (sic) 

Letabundus 

10.012 

+ 

+ 

In Ephyphania 

Festa Christi 

6.111 

+ 

+ 

In Purificatione 

Concentu parili 

3.694 

o 

o 

In Pas ca 

Uictime pascali 

21.505 

+ 

+ 

Item in Pasca canitur 

Mane prima sabbati 

10.064 

+ 

+ 

In Ascensione 

Rex omnipotens 

17.479 

+ 

+ 

In die sei Spiritus 

Sancti Spiritus assit 

18.557 

o 

o 

Item de scö Spiritu 

Veni Spiritus eternorum 

21.264 

o 

o 

De Trinitate 

Benedicta semper sancta 

2.434 

+ 

+ 

De scö Johanne Baptista 

Sancti Baptiste Xpi 

18.521 

+ 

+ 

[De scö Petro] 

Petre summe Xpi 

14.871 

+ 

+ 

[In diuisione Apostolorum] 

Celi enarrant gloriam 

3.488 

+ 

+ 

[De scä Maria Magdalena] 

Laus tibi Xpe qui es 

10.551 

+ 

+ 

[De scö Laurentio] 

Laurenti Dauid 

10.489 

o 

o 

[De Assumptione b. Marie] 

Congaudent angelorum 

3.783 

+ 

+ 

[In decollatione sei Johannis B.] 

Psallite regi nostro 

15.758 

+ 

+ 


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90 


Dom. G. M. Beyssac, O. S. B., Un missel not6 de Breslau du XIII e si^cle 


Titre 

Incipit 

R.H. 

B. 

p. 

[In Natiuitate b. Marie] 

Stirpe Maria 

19.504 

+ 

+ 

[De scä Cruce] 

Laudes Crucis 

10.360 

+ 

+ 

[De scö Michaele] 

Summi regis 

19.735 

+ 

+ 

[De Omnibus Sanctis] 

Omnes sancti Serapbin 

14.061 

+ 

+ 

[De scö Martino] 

Sacerdotem Christi 

17.622 

+ 

+ 

[De sei Katherina] 

Salue nobilis regina 

18.080 

O 

o 

[De scö Andrea] 

Deus in tua virtute 

4.449 

+ 

o 

[De scö Nicholao] 

Congaudentes exultemus 

3.795 

+ 

+ 

[In Dedicatione Ecclesie] 

Psallat ecclesia 

15.712 

+ 

+ 

[De Apostolis] 

Cläre sanctorum 

3.336 

+ 

+ 

[De Martyribus] 

Agone triumphali 

772 

o 

o 

[Item de Martyribus] 

0 beata beatorum 

12.670 

+ 

+ 


[Cetera desunt] 


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Bemerkungen 


91 


Nachträgliche Bemerkungen 
zu dem Notizbuch des Cyriacus von Ancona 

(diese Beiträge, Heft I, S. 6—15). 

(Zu S. B, 6 1 ,15.) Ein umfangreiches Autograph des Cyria¬ 
cus über eine spätere griechische Reise ist aus dem cod. Am- 
brosianus-Trotti 373 von R. Sabbadini, Ciriaco d*Ancona e la 
sua descrizione autografa del Peloponneso, in den Miscellanea 
Ceriani, Milano 1910, 181—247 ediert worden (Mitteilung von 
Prof. Chr. Huelsen, Rom). 

(Zu S. 6 unten.) Ueber den griechischen Humanisten Gio¬ 
vanni Simeonachi vgl. R. Sabbadini, Giomale Storico della lette- 
ratura italiana 47 (1906) 33. Der Korrespondent seines Schülers, 
Georgios Trapezuntios, ist bekannt. Die Notiz auf Fol. 31 r ent¬ 
hält nur die Adresse, dann einige Eigennamen, die in andern 
Zusammenhang zu gehören scheinen. 

(Zu S. 9 mit Anm. 6.) Ber. Justinianus ist Bernardo Giu- 
stiniani, ein bekannter Humanist (Mitteilung von Prof. H. Dessau, 
Berlin). 

(Zu S. 11 mit Anm. 1.) Ueber die Verwendung des Wortes 
Accademia mit Beziehung auf eine gelehrte Gesellschaft in der 
Zeit vor der Gründung der platonischen Academie in Florenz 
vgl. Amaldo della Torre, Storia delT Accademia Platonica (1902), 
359, 457, 462. 

Berlin Paul Maas. 


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92 


W. Hengstenberg 


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Koptische Papyri 

heraus ge geben von W. Hengstenberg. 

(Hierzu Tafel XIII sowie 11 Blätter mit autographischer Wiedergabe der Texte.) 

Die im folgenden herauszugebenden koptischen Papyri sind im ver¬ 
gangenen Jahr auf einer Auktion in München aufgetaucht. Daß die Papyri 
nicht frisch aus Aegypten kommen, sondern sich schon seit längerer Zeit 
in Europa befinden, beweist der Umstand, daß sie unter Glas gebracht und 
in etwas antiquierter Weise auf Pappdeckel auf geklebt sind. Es war daher 
leider unmöglich nachzusehen, ob etwa auch die Rückseiten beschrieben 
sind. Über die Herkunft der Papyri ist also nichts bekannt; die dialekti¬ 
sche Färbung, die mehr oder minder allen eigen ist, weist jedoch auf ge¬ 
meinsamen mittelägyptischen Ursprung hin. 

Die Herausgabe dieser Papyri, von denen jeder bedeutende Schwierig¬ 
keiten auf weist, wäre mir nicht möglich gewesen ohne das Vorbild, das 
ich mir in den von W. E. Cr um verfaßten Katalogen der koptischen Hand¬ 
schriften des British Museum und der John Rylands Library zu Manchester 
gestellt sah 1 ). Namentlich die sorgfältigen Indices dieser Kataloge waren 
mir von unschätzbarem Wert. Auch für mündlich erteilten Rat fühle ich 
mich dem genannten Gelehrten zu Dank verpflichtet. 

Nr. 1. 

Brief. 

Faserung t Maße: 1. Stück cm 9,4 X 11,9, 

Datierung: saec. 5. 2. Stück cm 7 X 12. 

Die beiden Stücke sind zweifellos zusammengehörig; wieviel zwischen 
ihnen verloren gegangen ist, läßt sich nicht ermitteln. Der ganze Papyrus 
ist auf der rechten Seite abgerissen, so daß auf jeder Zeile einige Buch- 

*) Coptic Mss. in the Brit. Mus., London 1905 und C. Mss. in the J. Ryl. Libr., 
Manchester 1909. Ich zitiere meist nicht nach den Seitenzahlen, sondern nach den Num¬ 
mern der Hs8. 

. unter den Buchstaben bedeuten unsichere Lesung, 

— unter den Buchstaben bedeuten sichere Lesung, 

[ ] bedeutet Lücke im Original, 

( ) bedeutet Auflösung einer Abkürzung, 

.... bedeuten nicht leserliche Buchstaben infolge von Lücken oder Abschabung. 


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Koptische Papyri 


93 


staben fehlen. Doch ist im zweiten Sttlck die Lücke kleiner; zwischen Linie 
21 und 22 ist vielleicht nichts ausgefallen. Der Schluß ist nicht erhalten. 

Zur Schrift vgl. Ryl. Libr. Nr. 274 und 276 (Taf. 2 und 3). Zu beachten ist 
der fortwährende Wechsel von i longa und i mit zwei Punkten. — Die Ortho¬ 
graphie ist die eines Ungebildeten; einigermaßen konsequent ist der 
Schreiber in der Wiedergabe weicher griechischer Konsonanten durch die 
entsprechenden harten Laute. Die Sprache ist sahidisch mit stark mittel- 
ägyptischer Färbung. 

Der Inhalt des Briefes ist mit Ausnahme der einleitenden Höflichkeits¬ 
phrasen ziemlich dunkel. Er ist von einem Laien an einen Priester gerichtet. 
Dieser ist aber nicht der mit Namen (? David) genannte Archimandrit, sondern 
wohl nur dessen Sachwalter. Trotz des höflichen Tones scheint der Brief 
auf eine Mahnung hinauszulaufen. Der Adressat wird zur Tätigkeit ange¬ 
halten und die Ablieferung einer Steuer wird gefordert. — Uebersetzbar 
scheint mir folgendes: 

I « Als erstes von allen Dingen bitte (napaxaXetv) ich der Nie- 

f 

c drigste (6Xdxiötoq) (2) meinen Herrn, den heiligen Vater David (3) 

p 

«den Archimandriten (dpx-) und küsse ich den Schemel (ünojiö- 
« biov) (4) deiner Füße. Ich richte (weiß) .... (5) von allen am 
«meisten (pdXuJra), daß ... (6) Ehre, welche Gott angetan hat 

< dem ... (7) .. Er auch dir antun möge in Seiner Weisheit. . 
«(8) mir freundlich (dyd^r\) zu teil wird, indem du hörst . . . . 
« (9) unser Herr (= ? der oben genannte Archimandrit) und auch 
«du ... . (10) kommt (Imp.) sagt einen Preiß (n|if|) .... (11) 
«. . meine jungen Söhne Michael ... (12) mit mir 

p p 

II «.(18) nicht hat er Getreide gezogen . . . notwendig 

«(? dvdyxq) . . (19) das Dorf besuchen. Ich habe gesandt . . . 

< (20) indem ich sie hörte. Sei tätig ... (21) wir bedtirfen der 
«Steuern (bqpööjov) unseres Vaters (=?des Archimandriten). Er 

P . 

«sagte: es (22) hört ein Freier (= wohl einwandfreier?Zeuge), 
* daß du nicht hast dergleichen Geschäft (23) an einem andern 
« Ort wie Arbeiter noch (tbq fipydrqc; oöre) .... 

Nr. 2. 

Brief. 

Fasern f Maße: cm 9,1 X 10. 

Datierung: saec. 4-5. 

Bruchstück eines Briefes. Auf der rechten Seite ist der Papyrus abge- 


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94 


W. Hengstenberg 


rissen. Ob der erhaltenen letzten Zeile noch andere folgten, läßt sich nicht 
ermitteln. Jedenfalls ist keine Spur davon erhalten. 

Schrift: Schwere ungelenke Unziale. Vgl. Ryl. Libr. Nr. 269. 403 (Taf. 4) 
und Brit. Mus. Nr. 1224 (Taf. 12). Sprache: Ausgesprochen mittelägytischer 
Dialekt. Man beachte die merkwürdige Setzung der übergeschriebenen Striche. 
Ueber den Inhalt läßt sich nur sagen, daß es sich um Salz und wahr¬ 
scheinlich dessen Bezahlung handelt: 

«Vor allen Dingen.(= danke ich für den Brief,) (2) den 

«du mir geschrieben hast .... (3) Hier ist 1 solidus. Ich 

«schickte.(4) Jeremias der Vater und ihn (= ? solidus) 

c giebt mit. (ö) umsonst, den sie (weiblich!). 

t (6) ein wenig Salz und .... 


Nr. 3. 

Brief. 

Fasern f Maße: cm 14X10. 

Datierung: sacc. 8(-9). 

Ein auch im Innern zerfetztes Fragment eines Briefes. Links ist der 
Papyrus abgerissen. Oben breiter Falz, also wohl Anfang. Der Schluß ist 
erhalten. Schrift: Zugige, schief gestellte Unziale. Die Buchstaben sind 
miteinander verbunden. Neigung zu langen Hasten. Vgl. Brit. Mus. Ms. 
Orient. 6294 a. 843, Crum 1. c. Taf. 5. 

Der Inhalt läßt sich nicht bestimmen. Die Schlußworte sind: 

«.(4) das Kloster (povaorriptov). Sende diese (5). 

» Lebe wohl im Herrn. 


Nr. 4. 

Drei Rechnungszettel. 

Faserung: I f Maße I cm 6,2X11,5. 

II -► II — 6,4 X 8,1. 

III f III — 4,3X11,6. 

Färbung von I und II dunkelbraun, von III grünlich. 

Datierung: saec. 8. 

Di© Schrift der drei Zettel stammt wohl von drei verschiedenen Händen, 
gehört aber der gleichen Zeit und einem einzigen Ursprungsort an. 

Derartige kurze Rechnungszettel sind m. W. bisher in der koptischen 
Papyrusliteratur nicht bekannt geworden. Auch in den von C. Wessely 
edierten griechischen „Urkunden kleineren Formats“ 1 ) habe ich nichts Aehn- 
liches gefunden. 

1 ) Studien zur Palaeographie und Handschriftenkunde, Heft 3 und 8. 


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Tafel XIII 







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Koptische Papyri 


95 


Alle drei Zetttel sind im wesentlichen nach demselben Schema abge¬ 
faßt. In I wird Gemüse, in II werden Binsen verkauft. Der Papas Ptolemaios, 
wahrscheinlich ein Weltpriester, erscheint als der Verkäufer. Die Oberen 
eines Klosters (I), ein Mann namens Papohe 1 ) (II) und der Mönchsschüler (?) 
Phoibammon (III) sind die Käufer. — Die auf allen drei Zetteln wieder¬ 
kehrende griechisch abgefaßte und kursiv geschriebene Formel ist mir rätsel¬ 
haft geblieben. Vielleicht handelt es sich um eine Ortsbezeichnung, bezw. 
um die Uebersetzung des koptischen „großen Gartens“ (s. unten). — Das von 
mir Gelesene übersetze ich folgendermaßen: 

I « Die Oberen (eigentlich „die großenLeute u , wohl eines Klosters) 

«nehmen die Gemüse (2) in dem großen Garten . . Choiak drei- 
« zehn. 

«(3) Oder (Opoicoq?) Gross Choiak (ungültig, mit Tilgungszeichen!?) 
t Ptolemaios 29. Choiak 10. Indiktion. 

II «(1) Der Papa Ptolemai(os). 

«(2) Papohe : die Binsen. 

c (3) Oder (Ofioi'wq): Gross . . . 

«(4) Ptole(maios) Herr. 29. Choiak 10. Indiktion. 

III «(1) Phoibammon der Kleine unseres Vaters. 

< (2) Gross ? Ptol'emaios) 5. Mech(ir) 10. Indiktion. 

Nr. 5. 

Faserung -*• Fluchpapyrus. Maße: cm. 30,5 X 23,3- 

Datierung: saec. 7 circ. 

Schrift: Eine der Buchschrift äußerst nahe stehende sorgfältige Unziale, 
für die ich unter den übrigen koptischen Zauberdokumenten keine Parallele 
wüßte. Die Buchstaben sind häufig miteinander verbunden und zeigen 
einige Neigung zu den späteren engen und erhöhten Formen. Vgl. z. B. 
F. Rossi, Papiri copti vol. II 1 . 3 tav. 1 und was den Schriftstil anlangt, 
Ciasca, SS. Bibliorum Copto-Sahidica Musei Borgiani vol. III (tabulae) 
n. 46 saec. 10 circ. (Pergamenths!) 

Die Sprache ist altertümlich und verrät an einigen Stellen Spuren mittel- 
ägyptischer Herkunft. Aehnlich der sorgfältigen Schrift trägt die Sprache 
einen durchaus regelmäßigen und grammatisch korrekten Charakter. — 
Ebenso tadellos ist die Orthographie. Daß aber der Schreiber oder die 
Schreiberin doch mit einiger Uebereilung den Zauber von einem älteren 

*) Diese Interpretation scheint mir doch wahrscheinlicher, als die dem Wortlaut 
nach ebenfalls mögliche: Ptolemaios (Sohn des) Papohe. 


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% 


W. Hengstenberg 


Stück abkopierte, zeigen die mehrmals yorkommenden Verschreibungen und 
Wiederholungen. 

Der Papyrus ist in der Mitte gebrochen. Die links und rechts sich 
genau entsprechenden Lücken lassen außerdem auf eine Längsfaltung 
schließen. Der Papyrus ist also nicht aufgerollt, sondern doppelt gefaltet 
gewesen. Leider war die Tinte noch naß, als die Faltung vorgenommen 
wurde. So haben sich die obere und untere Hälfte fast vollständig gegen¬ 
einander abgeklatscht, die Verklecksungen erschweren die Lesung fast durch- 
gehends und machen sie an vielen Stellen unmöglich. Infolge dieses Um¬ 
standes und der zahlreichen, z. T. bedeutenden Lücken konnte deshalb der 
Inhalt des Papyrus nicht annähernd vollständig ermittelt werden. — An 
Versuchen, die Lücken zu schließen, habe ich es nicht fehlen lassen. Heines 
der mir bekannt gewordenen Stücke der Zauberliteratur steht aber dem 
vorliegenden Papyrus nahe genug, um mit nennenswertem Erfolg zur Er¬ 
gänzung herangezogen werden zu können. In der Hoffnung, daß die jetzige 
Ausgabe nur eine vorläufige ist, muß ich mich deshalb entschließen, den 
Papyrus in dieser unvollständigen Form herauszugeben. An einigen Stellen 
setze ich die wenigen Buchstaben, die ich lesen zu können glaube, einfach 
ein, ohne daß ich ihren Sinn erraten könnte. Vielleicht gelingt es anderen 
Forschern, mit Hilfe dieser Buchstaben die eine oder andere Lücke zu ergänzen. 

Die Uebersetzung des von mir Gelesenen ist folgende: 

« X10T Emmanuel Ich die Frau die elende 

«Witwe (xnpa) und die Waisen (öp<pavo<;)-kinder (2). 

«in neun Rufen wir alle in einem einzigen Seiifzer (3) wir rufen 
« zum Vater und Sohn und heiligen Geist (nva) und zur (4) wesens- 
« gleichen (öfioouöioq) Dreieinigkeit (rpidq), daß Er (= Gott) hören 
«möge .... (= und tue unser) Recht in Eile mit ? diesem (5) 

«Mann, der mich nimmt.(Du der gesagt hat:) 

«Ich (= Gott) bin der Vater (6) der Waisen (öp<p.) und. 

«.(7) Gott.Waisen (op<p.)- Kinder .... (8) 

«und ruft . . . Recht in Eile.(9). 

«der (= Gott) erschaffen hat (10) den ersten Menschen Adam 

«.(= ? der gehalten hat das Opfer) der Habe (otiö(a) 

«Abels in (11) Ehre und Ansehen (npri), der gegeben hat . . . . 
«(= ? den Kranz) Stefan dem ersten (12) Märtyrer (pdpm;), der er- 
«rettet hat Noah in ... . der Sintflut (xaroxXuopö«;), der (13) 
« Lot geführt hat aus Sodom, er hat ihn errettet.. der 


Ge. IV. 2 
Act. VII 
Ge. VII 
Ge. XIX 


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Koptische Papyri 


97 


Da. VI < (14) Daniel erlöst hat aus der Löwenhöhle, der Hiob Kraft ver- 
c liehen hat, bis (15) daß er trug alle Versuchungen (7ieipacpö<;) 

c des Kummers. (=? und bekämpfte) den Feind, bis daß 

«er ihn besiegte (16) durch seine Geduld (urropovfj). (Du) der 
«Du liebst die . . . . , (Du) welchen die Gerechten lieben, (17) 
Jes. VI, 1 c ich beschwöre Dich, der Du sitzest auf den (!) Wagen (äppa) 
«der Cherubim, während die Seraphim (18) vor ihm (= ? Wagen) 

« stehen.(= ? es stehen vor ihm) Tausend von Tausenden 

«und Zehntausend von Zehn tausenden (19) von Engeln (äyY^ 0 ^» 

«Erzengeln (dpxaYYe^oq).(20).(die 

« Seraphim mit sechs Flügeln), mit zweien.(= bedecken 

«sie) (21) ihr (eigentlich sein) Antlitz und mit zweien .... 
< (= ihre Füße), während sie mit zweien fliegen (22) und rufen 
« beieinander: Heilig, heilig, heilig, heilig, (23) heilig, heilig, heilig 

«.(= ? der Herr Sabaoth). Ich beschwöre Dich mit 

«der Stimme, mit der (24) gerufen.(tu Recht) in Eile 

« mit Schenute dem Sohn (25) des Pamin. Du mögest ihn schlagen 
«(natdooetv), so wie Du geschlagen (iuxt.) hast im Lager (nap- 
4. Kö. IX. 35 « £|ifk>Xi^) (26) der Assyrer (dcsaüpioq) 85000 in einer Nacht. Du 
«mögest bringen (27) über ihn Hitze und Kälte und Gelbsucht 
«(Txrepoq). Du mögest (28) öffnen den Mund seiner Feinde . . . 
«... Er möge fliehen auf demselben Weg, (29) auf dem ihn 

« seine Feinde verfolgen..(30).Du mögest 

«bringen über ihn.(31). 

«.(32).hören . . . 

»mein Recht (33) die Mumie, wohin man sie ... . wird . . . . 

«meine Rache.daß sie (= die Mumie) rufen möge bei 

« Nacht (34) und bei Tag.bis hinüber zu einer anderen 

«Erde, (35) in der man sie begraben wird, zusammen mit den 
« Mumien . , welche dieses Grabmal (36) hier umgeben: sie 

« sollen schreien alle auf einmal das, was auf diesem Blatt (xdp- 
«rr\<;) steht, bis daß (37) Gott hört und unser Recht tut in Eile. 
« Amen. A (7 mal) (38) Q (7 mal). 

Mit dieser Uebersetzung vergleiche man die Bemerkungen am Schlüsse 
der Ausgabe des koptischen Textes. 


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98 


W. Hengstenberg 


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Soviel ist jedenfalls klar, daß der Papyrus zu derjenigen Abart der 
Zauberliteratur gehört, in welcher die Gottheit zur Vernichtung eines per¬ 
sönlichen Feindes veranlaßt werden soll. Im Gebiet der koptischen Papyrus- 
Literatur sind mir nur drei Beispiele dieser Art bekannt: einmal zwei ach- 
mimische Papyri des British Museum, Nr. 1223 und 1224 1 ) > und dann der 
ebenfalls vonW. E.Crum unter dem Titel „Eine Verfluchung“ herausgegebene 
Zauber im Besitz der Bodleiana *). Letzterer zeigt mit dem hier zu bespre¬ 
chenden Papyrus inhaltlich und sprachlich am meisten Aehnlichkeit. Wie 
dieser, war auch der Fluchpapyrus der Bodleiana „in beiden Richtungen 
gefaltet“. Er war außerdem mit einem Bindfaden umwickelt und wahrschein¬ 
lich auch mit Bleisiegeln versehen: dieselbe Art der Verpackung kann wohl 
auch für das vorliegende Stück angenommen werden. 

Während aber der Papyrus in Oxford keinerlei Aufbau in seinem Innern 
auf weist, läßt sich der hier herauszugebende Zauber in folgende Abschnitte 
einteilen: 

A. Linie 1—9 enthält die Einleitung und die Bitte. Wie in Brit. Mus. 
Nr. 1223 ist es eine Frau, die zu dem Mittel einer Verfluchung greift. Sie 
nennt sich Witwe und erwähnt ihre Waisenkinder mehrmals. Leider ist mir 
der Sinn der Linie 2 vollständig unklar geblieben. Ob hier noch andere 
Personen genannt werden, die sich an der Verfluchung beteiligen, oder ob 
eine Ortsbezeichnung darin verborgen ist, konnte ich nicht feststellen (vgl. 
unten!). Linie 5 scheint den Grund des Hasses gegen den zu Verfluchenden 
zu enthalten. 

B . Linie 9—16 enthält eine längere Liste alttestamentlicher Großtaten 
Gottes: Adam- Abel -Noah -Daniel -Hiob werden genannt, außerdem wohl 
als Gegenstück zu Adam noch Stefan der Erzmartyrer. Mit dieser Aufzäh¬ 
lung vergleiche man die ziemlich genau entsprechenden Listen in den Zauber¬ 
gebeten des Kyprianos und des Gregorios Thaumaturgos, die Th. Schermann 
zusammengestellt 8 ) hat. Nur Stefan und Daniel sind neu aufgenommen. 
Aehnliche Zitationen aus dem Alten Testament kommen schon in der vor¬ 
christlichen Zauberliteratur häufig vor 4 ). Indem man die Gottheit durch 
die Aufzählung ehemaliger Wundertaten gewissermaßen identifizierte, glaubte 
man offenbar auch auf ihr Handeln in der Zukunft einwirken zu können. 

C. Linie 17—24: Der solchergestalt nach der Auffassung des Beschwörers 
auf Gott ausgeübte Druck erhält noch eine bedeutende Verstärkung durch 

*) Coptic Mss., S. 505—7 u. Taf. 12. 

*) Zeitschrift für aegyptische Sprache und Literatur (im folgenden AZ. zitiert) 
34 (18%), S. 85—9. 

*) Griechische Zauberpapyri, Texte u. Unters., NF. 34 (1909) 2b, S. 48. 

4 ) Schermann 1. c., S. 4, 47. Vgl. über diese ganze Literatur Th. Schermann, Die 
griechischen Kyprianosgebete, Oriens Christianus 3 (1903), S. 30617. 


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Koptische Papyri 


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die Herübemahme einer der feierlichsten Stellen der christlichen Liturgie, 
nämlich der Paraphrase der Vision Jesaias. Man vergleiche zu unserer Stelle 
das (liturgische) „Ostrakon der Kaiserlichen Eremitage 44 , herausgegeben von 
O. v. Lemm 1 ), ferner die Prosphora in der koptischen Liturgie des hl. Markus 2 ), 
sowie diejenige in der Liturgie des hl. Gregorius 3 ). In ihrem kürzeren Wort¬ 
laut stehen jedoch näher die älteren Zeugen, nämlich die griechische 
Markusliturgie 4 ) und noch mehr die Prosphora des Sarapion von Thmuis 5 ). In 
letzterer beachte man die ähnlich gedrängte Aufzählung der himmlischen 
Heerscharen. — Besonders interessant ist aber das Verhältnis des vorliegen¬ 
den Papyrus zu dem großen Dankgebet in der Anaphora der sogenannten 
klementinischen Liturgie (Apostolische Konstitutionen, Buch VHI) 6 ). Denn 
hier geht der Jesaiasparaphrase, deren Fassung in der Anordnung zwar 
etwas abweicht, im Wortlaut aber fast vollkommen mit unserer Stelle über¬ 
einstimmt 7 ), ebenfalls eine Liste alttestamentlicher Reminiszenzen voraus, 
die mit denjenigen der obengenannten Zaubergebete im wesentlichen iden¬ 
tisch ist. Diese Verbindung einer Danksagung für die im Alten Testament 
von Gott vollbrachten Erlösungstaten mit dem aus Jesaia entnommenen 
Loblied der himmlischen Mächte ist meines Wissens nur der klementinischen 
Liturgie eigen. In vollkommen anderem Geist als zauberkräftiges Mittel 
angewandt, finden wir sie erst wieder im vorliegenden Papyrus. Die klemen- 
tinische Liturgie als dessen unmittelbare Quelle anzunehmen, ist unmöglich; 
ob auf eine andere verschollene liturgische Quelle zurückgeschlossen werden 
kann, weiß ich nicht. Jedenfalls scheint der koptische Zauber in dieser 
Verbindung Spuren hohen Alters zu verraten und auf ein zweifellos grie¬ 
chisches altchristliches Original zurückzugehen. — Auf die Ausfüllung der 
in Lin. 19 und 20 klaffenden Lücken habe ich gerade angesichts der hohen 
Wichtigkeit der hier auftauchenden Fragen verzichtet, zumal da die wenigen 
lesbaren Buchstaben einer einfachen Herübemahme aus der Liturgie zu 
widersprechen scheinen. An dieser Stelle mag auch eine apokryphe Schrift 

l ) Kleine koptische Studien Nr. LVIII in M6m. de l’Acad. Impör. de St. Pötersbourg 
8 e sörie, Bd. 11 (1912), S. 139, 145-6. 

*) Brightman, Liturgies Eastern and Western, Oxford 1896, S. 175. 

*) Moderne Edition: Euchologion der alexandrin.Kirche, Kathol.Typographie des 
hl. Markus, S. 18. Vgl. auch H. Hyvernat, Fragmente der altcopt. Literatur, Römische 
Quartalschr. 1 (1887), S. 337. 

4 ) Brightman 1. c. S. 131. 

8 ) G. Wobbermin, Altchristl. liturg. Stücke, Texte u. Unters. NF. 2 (1899) 3 b, S. 5. 

®) Brightman 1. c., S. 17—8. Vgl. auch Schermann, Texte u. Unters. 1. c., S. 48—9. 
Auf das Verhältnis zum 1. Klemensbriefe, zum Hebraerbrief und zu Justin c. 31 und deren 
gemeinsame, vielleicht liturgische Grundlage sei hier nur hingewiesen. 

7 ) Vgl. ebenfalls die Aufzählung der Heerscharen. 


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W. Hengstenberg, Koptische Papyri 


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den Zauber beeinflußt haben: man vergleiche z. B. die Schilderung der Herrlich¬ 
keit Gottes in dem noch unten zu nennenden Bartholomaeus-Evangelium *). 

D. Linie 24—32: Unmittelbar nach dem Lobgesang der Engel — dies 
ist wohl sicher bewußte Absicht — kommt die eigentliche Verfluchung zu 
stehen, in deren Verlauf der Verfluchte mit Namen genannt wird. Die Wünsche 
der Witwe unterscheiden sich in nichts Wesentlichem von denjenigen, die 
uns auf verwandten Dokumenten überliefert sind. 

E. Linie 33—38: Zum Glück ist uns das Ende des Papyrus ziemlich 
gut erhalten, denn es enthält eine für unsere Kenntnis dieser Gattung der 
Zauberliteratur nicht unwichtige Aufklärung. Die Witwe läßt einen Toten 
ihre Bitte an Gott weitervermitteln, der Zauber soll gelten, auch wenn man 
den Toten ausgraben und an einer anderen Stelle bestatten sollte; und 
Linie 35 ist ausdrücklich von dem Grab die Bede, in welches der Papyrus 
offenbar gesteckt wurde. Von all dem ist in den übrigen mir bekannten 
Fluchpapyri nichts zu lesen; man kann aber annehmen, daß auch sie durch 
die Vermittlung eines Toten ihre Wirkung ausüben sollten. 

Es braucht nur angedeutet, nicht näher ausgeführt zu werden, daß 
diese koptischen Fluchpapyri im engsten Verwandtschafts Verhältnis stehen 
zu den antiken Fluch tafeln. Es handelt sich um nichts anderes als um 
einen rein äußerlich ins Christliche übersetzten heidnisch-abergläubischen 
Brauch. Hier wie dort steht der Tote in keinerlei persönlicher Beziehung 
zu dem Beschwörer; dieser wendet sich an jenen nur, weil er ihn sich als 
der Gottheit näherstehend denkt. Es sind — wie gesagt wurde — „Briefe 
an die Unterwelt“ und wie die Fluchtafel steckte man auch den Papyrus, 
ins nächste beste Grab eines Armen, zu dem man am leichtesten Zutritt finden 
konnte 2 J. — Ebenso ist auch der koptische Zauber zu interpretieren, der auf ein 
jetzt in Florenz aufbewahrtes menschliches Schenkelstück geschrieben ist. Sein 
Herausgeber, A. Pellegrini 8 ), glaubte den Fluch auf den Toten selbst beziehen 
zu müssen; zweifellos ist dieser aber auch hier nur Mittelperson zwischen dem Be¬ 
schwörer und Gott, der den Fluch an lebenden Personen vollziehen sollte. 

Zum Schluß sei noch ausdrücklich festgestellt, daß die Ausdrucksweise derWit- 
wesich durchweginden Grenzen äußerlicher Orthodoxie bewegt. Von irgendwel- 
chengnostischenV orstellungen kann meines Erachtens nicht geredet werden. 

') E.A. Wallis Budge, Coptic Apocrypha intheDialect of Upper Egypt. London 1913, 
S. 19, 194. Aehnlich auch in dem „Testament Isaake“ ed. J. Guidi, Rendic. della R. 
Accad. dei Lincei ser. 5, vol. IX, Rom 1900, S. 242; übersetzt von E. Andersson, Sphinx 7 
(1903), S. 89. 

*) Vgl. A. Audollent, Defixionum Tabellae, Paris 1904, S. CX und R. Wünsch, Sethia- 
nische Verfluchungen, Leipzig 1898, S. 71—2. 

*) Piccoli testi copto-sa'idici del Museo Archeologico di Firenze, in Sphinx 10 
(1906), S. 156—9. Mit den Anfangsworten: „tu dici ecc.“ ist nicht Gott, sondern der 
Tote angeredet. 


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VERLAG JACQUES ROSENTHAL, MÜNCHEN 


SOEBEN ERSCHEINT: KATALOG LXVI—LXX 

Illustrierte Bücher 
des 15.-19. Jahrhunderts 


Der in fünf Folgen erscheinende Katalog enthält die 
bibliographischen Beschreibungen von über 1250 Holz¬ 
schnitt- und Kupferwerken, insbesondere des 15. und 
16. Jahrhunderts. Ungefähr 500 Abbildungen unter- 
stützen den Text. Die Entwicklung der Illustration in 
Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien ist kon¬ 
tinuierlich an zahlreichen typischen Beispielen erkennt¬ 
lich. Der Katalog ist ebenso ein Studienbuch für alle, 
die sich mit der Geschichte der Buchillustration und 
der Graphik überhaupt befassen, als ein wertvolles 
Orientierungswerk für Sammler. 


Der in Lieferungen erscheinende Katalog kann komplett, elegant 
in Leinwand gebunden und mit zwei Künstler- und Städteregistern 
versehen, zum Preise von Mk. 12.— bezogen werden. 


F. ßtuckmann A. G,, München, 


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BEITRÄGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN UND MITTEILUNGEN 
AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 
, MÜNCHEN 

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VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1914 


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Inhalt. 


In memoriam Max Lossnitzer von Dr. Erwin Rosenthal.101 

Fragmente eines Missale von Noyon mit Miniaturen von Villard 

de Honnecourt von Professor Georg Graf Vitzthum ... 102 

Zur Pariser Miniaturmalerei im dritten und vierten Jahrzehnt des 

15. Jahrhunderts von Dr. Friedrich Winkler . *. 114 

Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften von Privatdozent 

Alfons Hilka.121 

Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller von Professor 

Julius Freund.127 

Mitteilungen: Zwei unbekannte Formschnitte des 15. Jahrhunderts . . 147 

Ein französischer Opferkasten um 1500 150 

Zwei unbekannte Teigdrucke.152 


Copyright by Jacques Kosenthal 






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In memoriam Max Loßnitzer. 

Als es sich bei der Gründung der „Beiträge zur Forschung“ darum 
handelte, eine Anzahl von Fachgelehrten für die ständige Mitarbeit zu 
gewinnen, versicherte ich mich auch der Arbeitskraft Max Loßnitzers. 
In freundlichster Weise erbot er sich, stets die Referate über kunstge¬ 
schichtliche wichtige Werke, welche in sein engeres Forschungsgebiet 
einschlagen würden, übernehmen zu wollen. Im dritten Heft erschien 
sein erster Beitrag: über eine frühe deutsche Magelonehandschrift. Die 
erste Seite des vierten Heftes ist seinem Andenken gewidmet. Aus 
einem eminent tätigen Leben heraus war Loßnitzer in den großen Krieg 
gezogen; rasch hatte sich sein unseliges Schicksal erfüllt. 

Als Loßnitzer vor wenigen Jahren von der Universität schied, hatte 
er sich schon auf verschiedenen Gebieten der Kunstgeschichte selb¬ 
ständig betätigt. Unbedenklich berief ihn der Leiter des Dresdner 
Kupferstichkabinetts an eine verantwortungsvolle Stelle dieses Instituts. 
In der kurzen Zeit seines dortigen Wirkens entfalteten sich seine be¬ 
deutenden Fälligkeiten in der schönsten Weise. Es ist nicht auszudeuten, 
was uns mit Loßnitzer verloren gegangen ist. Er war jung und in den 
Anfängen; seine Gaben ließen das Höchste von ihm erhoffen. Er war 
eine ungewöhnliche wissenschaftliche Arbeitskraft; er war aber auch 
ein organisatorisch und praktisch hervorragend tüchtiger Kopf. Ein 
außerordentlicher Lebenstrieb steckte in ihm. Wer ihn kannte, wußte, 
daß bei ihm dem Entschlüsse die Tat folgte, folgen mußte; denn es 
gab kein Unüberwindliches für ihn. Er hatte ein glänzendes Einfüh¬ 
lungstalent, hielt sofort das Wesentliche fest und schmiedete die Teil¬ 
ergebnisse rasch zu einem übersichtlichen Ganzen zusammen. Er ge¬ 
hörte zu den Auserwählten, die immer schaffen und immer treffen. Er 
kannte keine Ästhetenunarten und keine ängstlichen Skrupel. Er war 
eine hinstürmende Kraftnatur; ein geistreicher, voll Heiterkeit und Satire 
steckender Mensch. 

Was Loßnitzer bei seiner Jugend bereits für die Wissenschaft ge¬ 
leistet hat, ist hier nicht anzuführen. Es ist reichlich so viel, daß sein 
Name in der Fachliteratur der Zukunft fortleben wird; aber er würde 
ohne Zweifel in die kleine Zahl der Seltenen, Führenden unserer Wissen¬ 
schaft eingegangen sein, wenn ihm das Schicksal Zeit gelassen hätte 
sich zu entfalten. Darum ist sein Tod so unendlich tragisch und be¬ 
klagenswert. Erwin Rosenthal. 


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102 


Graf Vitzthum 


Fragmente eines Missale von Noyon mit Miniaturen 
von Villard de Honnecourt. 

Von Professor Graf Vitzthum (Kiel). 

(Hierzu Tafel XIV-XVI.) 

1. Beschreibung der Blätter. 

Das im nachfolgenden bearbeitete Fragment besteht aus sechs losen Per- 
gamentblättem, welche aus französischem Besitz stammen. Ihre Größe ist 
433X280 mm. Sie weisen alle gegen den Falz zu die mit dem Zirkel her¬ 
gestellte Punktreihe auf, welche dem mittelalterlichen Schreiber zur Be¬ 
stimmung der Zeilenabstände diente. Die mit dem spitzen Instrument am 
Lineal eingezogene Rubrizierung ist ebenfalls auf allen Blättern deutlich 
sichtbar. Das Pergament zeigt nur geringe Abnutzungsspuren und ist im 
allgemeinen von frischer Erhaltung. 

Die sechs Blätter haben ursprünglich einem Vollmissale von monu¬ 
mentalem Maßstabe angehört; ihre Reihenfolge läßt sich nach dem Text 
noch mit Sicherheit feststellen. 

Fol. 1 enthält die Liturgie zum 1. Adventstage; recto den Introitus 
(Ad te levavi), die Kollekte (Excita), die Epistel (Fratres), verso das Graduale 
(Universi) mit Noten und den Beginn der evangelischen Lektion nach 
Matth. 21,1—9, die jetzt am Palmsonntag gelesen wird, im Mittelalter aber 
wegen ihrer unmittelbaren Beziehung auf den „Advent“ meist dem 4. Sonntag 
vor Weihnachten zugewiesen wurde. 

Fol. 2 enthält die Weihnachts-Präfation, recto das Per omnia secula 
und den Beginn des Vere dignum, verso den Text bis zum Ende „sine fine 
dicentes scs. scs. scs.“ und darunter noch das anschließende große D(ominus 
Deus Sabaoth). 

Fol. 3 setzt recto ein im Text des Evangeliums zum Charsamstag (prima 
sabbati venit Maria Magdalena) und schließt verso linke Kolonne mit der 
Postcommunio dieses Tages (Spiritum nobis). Rechts oben beginnt hier die 
Liturgie des Ostersonntags mit dem Introitus (Resurrexi) und der Kollekte 
bis zu dem Worte „adjuvando“. 

Die Fol. 4, 5, 6 gehören dem Proprium Sanctorum an. 

Fol. 4 beginnt mitten im Text des Evangeliums am Andreastage, 30. Nov. 


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Fragmente eines Missale von Noyon 


103 


(eum et procedens inde . es folgt das Stillgebet (Sarificium) und die 
Communio (Yenite post me). An die Liturgie zum Andreastage schließt 
sich die Kollekte am Todestage des hl. Eligius, 1. Dez., an, dessen 
Liturgie verso weitergeführt wird. Auf sie folgt die Liturgie am Tage des 
hl. Nikolaus, 6. Dez. 

Fol. 5 r enthält den Schluß der Kollekte am Tage des hl. Mutius, 13. Mai, 
dann die Liturgie zur Ordinatio Sancti Eligii, 14. Mai; verso die Litur¬ 
gien am Tage Victoris et Corone, 14. Mai, und Urbani pape, 19. Mai. 

Fol. 6 r beginnt der Text im Stillgebet am Johannistage, 24. Juni (altari 
cumulamus), worauf Communio (Tu puer propheta) und Postcommunio 
(Sumat ecclesia tua) folgen. Hieran schließt die Liturgie am Tage des 
hl. Eligius, 26. Juni, an. Das verso des Blattes bringt die Liturgie am 
Tage Johannis et Pauli, 26. Juni, bis zum Beginn des Graduale (Ecce 
quam bonum et quam jocundum habi |). 

Es ist ein ganz besonderer Gltlcksfall, daß uns in diesen spärlichen 
Fragmenten eines großen Missales gerade die drei ftlr seine Lokalisierung 
entscheidenden Seiten erhalten geblieben sind: die drei Feiern des heiligen 
Eligius von Noyon lassen den Schluß zu, daß das Missale für die 
Kathedrale dieser Stadt geschrieben worden ist. Diese Annahme findet, 
wie wir alsbald sehen werden, ihre Bestätigung in dem Stil der Miniaturen 
und Initialen, die sich in folgender Weise auf die sechs Blätter verteilen: 

Fol. l r oben links ein großes A; der linke Arm wird von einem langen, 
schlanken Drachenleib gebildet, der sich auf etwa ein Drittel der Seiten¬ 
höhe am Bande des Textes hinabzieht und unten in zwei Rankeneinrol¬ 
lungen endet. Im A auf Goldgrund der heilige Gregor, im Profil nach rechts 
an seinem Schreibpult sitzend; eine von rechts heranfliegende Taube gibt 
ihm den Missaletext ein. Er ist bartlos, trägt die Mitra, einen braunen 
Ärmelrock und einen hellblauen Mantel, dessen ganz zarte weiße Lichter 
sich am Oberschenkel und am Knie zu rankenähnlichen Spiralen formen. 

Es folgen zwei kleine Rankeninitialen, E und F, zu Kollekte und 
Epistel; Fol. 1 T enthält nur ein schmales goldenes I ohne Ranken. 

Fol. 2 r beginnt mit einem großen P, dessen Steg fast die ganze Seiten¬ 
länge einnimmt. Es ist aus dünnen Stabranken gebildet, die auf blauem, 
zart gemustertem Polster liegen. Das Rund ist ganz dicht von lila, roten, 
blauen und grünen Ranken gefüllt, die sich zu einer Doppel-8 verschlingen. 
Vier kleine Hunde, zwei rote und zwei gelbe, sind als Verbindung der vier 
Eireise in das Ranken werk hineingesetzt; an den Rändern fünf kleine 
Drachen. — Die ersten drei Zeilen des Textes stehen in goldenen Majus¬ 
keln auf rosa bezw. blauen Feldern. 

In etwa Zweidrittel-Höhe der zweiten Kolonne steht das Vere dignum. Auf 
blau gemustertem, mit Gold umrahmtem Felde liegen die dünnen Ranken, 


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104 


Graf Vitzthum 


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aus denen die bekannte Ligatur sich bildet; nur oben ergeben sich zwei 
kleine mit Blattknospen besetzte Einrollungen, unten tlberkreuzen sich die 
Banken in zwei mit Drachenköpfen besetzten Enden. Auf dem Mittelarm 
liegt ein Medaillon mit dem Lamm und der Kreuzesfahne. Rechts steht, 
die Buchstabenöffnung in ganzer Höhe füllend, die Synagoge, die mit dün¬ 
nem Speer das Lamm durchbohrt; gegenüber hält Ecclesia ihren Kelch 
nahe, wenn auch nicht dicht, an die Seitenwunde des Lammes. Die groß 
empfundenen, kräftig gezeichneten Gestalten der beiden Frauen sind auch 
durch die Farbe zu voller Wirkung gebracht. Ecclesia trägt über einem 
grünen Untergewand, dessen eng anschließender Ärmel an ihrer Rechten 
sichtbar wird, eine wallende, mattrote Ärmeltunica und darüber einen tief¬ 
blauen Mantel; Synagoge hat ein tiefblaues, eng anliegendes Gewand, 
während ein stumpfroter Mantel ihr lose um die Schultern liegt. Die Ge¬ 
sichter sind mit rötlichem Grau gedeckt, in dem sich die roten Wangen¬ 
flecken stark abzeichnen. 

Fol. 2 V enthält ein kleines goldenes E(t ideo cum angelis) und zum 
Schluß das große D(omine), über dessen wieder aus ganz dünnen Ranken 
gebildeter, fast kreisrunder Öffnung ein Drache mit langem, in Ranken¬ 
rollungen endendem Schweife steht. Drinnen sitzt Christus auf grüner, lehnen¬ 
loser Bank, die Rechte segnend vor der Brust erhoben, die Linke mit dem 
Buch auf das Knie gestützt; er trägt über grüner Ärmeltunika einen röt¬ 
lichbraunen Mantel. 

Fol. 3 r drei kleine Initialen; fol. 3 V links ein kleines S, rechts oben 
ein großes R in dünnem Stabwerk ohne alle Blätter auf mattrotem Polster. 
In der großen und ungeteilten Öffnung des Buchstabens Christus aus dem 
Grabe steigend. Der Sarkophag ist wie ein Tisch oder eine Bank gebildet 
als grüne Platte auf drei farbigen Säulen; darauf steht Christus, wie schrei¬ 
tend, in Dreiviertelansicht nach rechts; die Linke hält den ganz dünnen 
Kreuzesstab, die Rechte ist im Segensgestus vor der Brust erhoben und 
der Kopf folgt in starker Neigung nach rechts dieser Gebärde. Ein rot¬ 
brauner Mantel umhüllt den Leib Christi, doch bleiben das linke Bein bis 
zum Knie und die ganze rechte Brustseite entblößt. In vier Medaillons an 
den Ecken des Initials die Evangelistensymbole. 

Die folgenden Blätter enthalten nur kleine Initialen, von denen die 
drei, die die Liturgie der Eligiustage eröffnen, mit figürlichen Darstellun¬ 
gen geschmückt sind; fol. 4 V rechts ein C(oncede) mit der Halbfigur des 
leicht nach links gewendet stehenden Heiligen; er trägt eine rote Mitra, 
eine lila Kasel mit grünem Pallium, in der Linken einen wieder ganz dünn 
gezeichneten Bischofsstab; die Rechte segnet. Ganz ähnlich ist sein Bild 
auf fol. 5 r , nur hat er hier, dem Tage der Ordination entsprechend, noch 
kein Pallium. Auf fol. 6 r sehen wir den Heiligen als Goldschmied, demge- 


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1. Initial P, fol. 2 


2. Villard XV (Detail). — 3. Drache am D, fol. 2 
Initiale Villard XII. — 6. Gregor, fol. 1 r — 7. V 


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Fragmente eines Missale von Noyon 


105 


gemäß noch bärtig, im bürgerlichen Gewand und ohne Nimbus, an seinem 
Tische sitzen, auf dem einige Werkzeuge liegen; links hinter dem Tisch 
sitzt (oder steht) ein König, gewiß einer der Merowinger als Auftraggeber 
des kunstfertigen Meisters. 

2. Der Stil der Miniaturen und ihr Urheber. 

Auf den ersten Blick ergibt sich die hervorragende Qualität der Minia¬ 
turen und die Bestimmtheit ihres Stils in Auffassung, Zeichnung und Ko¬ 
lorit. Daß die Handschrift französisch, nordfranzösisch ist, steht ebenfalls, 
abgesehen von den liturgischen Indizien, auf Grund de 9 Stilcharakters außer 
Zweifel, und bezüglich der Datierung wird man fürs erste sagen: 13. Jahr¬ 
hundert, nicht nach 1250, vielleicht nicht unbeträchtlich früher in der ersten 
Jahrhunderthälfte. Es haben die Gestalten noch nichts von dem feinglied- 
rigen Wesen des Psautier de S. Louis, ihr kräftiger Bau, der schwere Falten¬ 
wurf läßt an Handschriften wie die Bible Moralist in Wien 1179, an noch 
ältere Werke wie den Psautier de Blanche de Castille im Arsenal und den 
Psalter der Ingeburg in Chantilly denken, vor allem auch an Glasfenster 
des früheren 13. Jahrhunderts. Das kräftige Blattwerk der Initialen deutet 
ebenfalls mit Bestimmtheit auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Aber 
alle Vergleiche mit Miniaturhandschriften dieser Zeit wollen über die Fest¬ 
stellung allgemeiner Stilverwandtschaft hinaus zu keinem festeren Resultate 
führen und auch die besten unter ihnen scheinen in einem entscheidenden 
Punkte unseren Miniaturen nachzustehen: in der plastischen Bestimmtheit 
der Figuren, in der organischen Durchbildung der Körper und in der Energie 
und Fülle der Faltenbehandlung. Selbst die großartigen, ganz monumental 
empfundenen Gestalten des Ingeburgpsalters, die in ihrer allgemeinen Hal¬ 
tung, in Gesichtstypen und Faltenmotiven mancherlei Verwandtschaft mit 
den Missale-Bildem aufweisen, können sich in d i e s e r Beziehung mit ihnen 
nicht messen. Die Körper sind mehr als Silhouette gesehen, die vollen 
Falten mehr zu linearen Systemen geordnet; das gleiche ergibt sich für den 
Akt, wenn man etwa den Auf erstehen den hier neben den ins Grab Gebetteten 
in Chantilly, fol. 28 T , hält. Es entspricht diesem Verhältnis der beiden 
Miniaturenreihen, wenn der Ingeburg-Psalter dem Missale koloristisch weit 
überlegen ist, leuchtender in den einzelnen Farben, reicher in der Farben¬ 
skala; nur das tiefe, satte Blau verbindet die beiden. 

Besonders klar können die hohen Qualitäten der Körperdarstellung in 
unseren Miniaturen zum Bewußtsein gebracht werden, wenn man die Ec¬ 
clesia und Synagoge im Vere dignum neben die gleichen Gestalten im 
oben genannten Psalter der Arsenal-Bibliothek fol. 24 v stellt: wie weich 
und flächig erscheinen sie hier, wie herb und plastisch dort! Und so geht 
es bei allen Vergleichen mit den besten Erzeugnissen nordfranzösischer (oder 


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106 


Graf Vitzthum 


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englischer) Buchmalerei der Zeit, an die doch der Anschluß zunächst gesucht 
werden müßte: es ist ein anderer Geist darin; die Bilder des Missale haben 
nicht den reinen Miniaturenstil. 

Dagegen wird man beim Suchen nach verwandten Erscheinungen sehr 
bald in eine andere Richtung gewiesen. Die Faltenbehandlung mit den tief 
und breit eingegrabenen Mulden, den schwerflüssigen und wie mit dem 
Bohrer aufgelösten Bäuschen kennt man zu gut aus dem in jeder Hinsicht 
merkwürdigsten Erzeugnis nordfranzösischer Zeichenkunst des frühen 13. Jahr¬ 
hunderts: aus dem Skizzenbuch des Villard de Honnecourt in der Pariser 
Nationalbibliothek ms. fr. 19093 1 ). 

Es wäre gewiß nicht wunderbar, wenn zwischen den Miniaturen eines 
Missale von Noyon und jenem Skizzenbuche nähere Beziehungen bestünden. 
Denn dieses entstammt nicht nur der gleichen Zeit, Villard, der in der 
Diözese Noyon — wenn auch in einer nördlichsten Ecke — geboren war, 
scheint trotz aller Wanderschaften die längste Zeit seines Lebens im Um¬ 
kreis von Noyon zugebracht zu haben; sein Skizzenbuch enthält Auf¬ 
nahmen nach Bauten in und um Cambrai, in Meaux, Reims und Laon, und 
da liegt ja Noyon überall am Wege — oder, wenn man will, da liegt es 
mitten inne und könnte geradezu den Ausgangspunkt der Studienfahrten 
Villards gebildet, er könnte sehr wohl in dieser Stadt seinen Wohnsitz ge¬ 
habt haben. 

Schlagen wir nun Villards Skizzenbuch auf, um zu sehen, wie weit die 
spontan empfundenen Beziehungen zu ihm wohl reichen, wie weit der vage 
Vorstellungseindruck bei genaueren Vergleichen stichhält — wir werden 
es nicht so bald wieder aus der Hand legen; denn die Beziehungen mehren 
sich, je länger wir prüfen, die Verbindung erscheint nur immer fester, je 
mehr wir nach Belegen für sie suchen. Und die Frage wird immer drängen¬ 
der: sollten wir in diesen Miniaturen eines Missale von Noyon gar eigen¬ 
händige Werke des berühmten Villard de Honnecourt besitzen? 

Machen wir uns nur eines klar: die in verhältnismäßig kleinem Ma߬ 
stab gegebenen, auf das sorgfältigste in Farben durchgeführten Miniaturen 
können mit den großen Federzeichnungen des Skizzenbuches naturgemäß 
nicht absolute Übereinstimmungen bis in die letzten Details der Form auf¬ 
weisen ; es muß unter der Klein- und Feinarbeit des Pinsels etwas von der 
Wucht der Skizzen geopfert werden, es müssen anderseits die farbigen Bilder 
ausgeglichener wirken als die Zeichnungen. Miniaturen Villards werden 

*) Dieses schon im Jahre 1858 von Lassus und Darcel in Lithographie veröffent¬ 
lichte Skizzenbuch liegt jetzt in einer handlichen und allen Interessenten leicht zugäng¬ 
lichen Publikation des Verlages Berthaud Fräres in Paris unter Leitung von Henri 
Omont vor; die im folgenden zitierten Nummern beziehen sich auf die Tafeln dieser 
Publikation. 


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Fragmente eines Missale von Noyon 


107 


notwendigerweise in der Auffassung etwas milder, eleganter, feiner, um 
eine Nuance weniger monumental, in der Durchführung etwas vollendeter, 
sorgfältiger, gleichmäßiger sein, als seine Federzeichnungen. Denn diese 
sind ja durchweg von der großen Kunst inspiriert oder für sie gedacht, 
Nachbildungen von Glasfenstern, Skulpturen, Kirchenmöbeln oder Entwürfe 
für sie. Es wäre methodisch fehlerhaft, bei einem Vergleiche diesen grund¬ 
sätzlich verschiedenen Charakter der in Vergleich gestellten Objekte außer 
acht zu lassen. 

Beginnen wir die systematische Untersuchung an den dekorativen 
Teilen unserer Miniaturen, an den Blatt- und Rankenformen und den mit 
dem Rankenwerk der Initialen eng verbundenen Tieren, so stoßen wir so¬ 
gleich auf diese Schwierigkeiten der Vergleichung. Denn die vielen Bei¬ 
spiele von Blattwerk im Skizzenbuch beziehen sich fast alle auf plastische 
Formen: die Chorstuhlwangen LIV und LVII, das Kruzifix XV, das Lese¬ 
pult XIII, wohl auch der Drache auf der Ranke XXI, das Rankenfeld und 
die Masken X. Als rein zeichnerisches Pflanzenornament blieben nur die 
sehr spärlichen Blattmotive an dem Drachen-Initial S auf Tafel XU. Ebenso 
sind die Tiere nur zum kleinsten Teil (eben dieser Drache und einige kon¬ 
struierte Tiere XXXVI und XXXII) rein dekorativ gedacht. 

Trotz dieser erschwerenden Bedingungen ist ein Vergleich nicht un¬ 
durchführbar. Das Blattwerk ist bei Villard im ganzen reicher, krauser, stoff¬ 
licher als im Missale, dessen typische Initialmotive sich dagegen bei Villard 
nicht finden. Um so wichtiger ist es, wenn sich dann in kleinen Eigen¬ 
tümlichkeiten der Zeichnung am Detail Übereinstimmungen nachweisen 
lassen: die blattbesetzten Rankenenden, die am Stil ansetzenden Blattknospen 
der Initialen entsprechen den Bildungen an den großen Blättern am Kruzi¬ 
fix XV bis in die kleinsten Züge, besonders wie der Kontur des Blattes 
innerhalb des Rankenstammes einsetzt; das gleiche findet sich an der Stuhl¬ 
wange LIV. 

Sehr viel weiter gehen die Beziehungen in den Tieren. Sie beruhen 
zunächst auch hier auf typischen Einzelheiten, lassen sich aber über sie 
hinaus bis in das Prinzip der Stilisierung des Tierkörpers verfolgen. Das 
Umziehen des ganzen Körpers mit festem, gleichmäßig starkem Kontur und 
die erstaunliche Fähigkeit, diese einfache und allgemeine Linie mit starkem 
und individuellem Organgefühl zu erfüllen ist hier das Gemeinsame. Ein 
Punkt, an dem die Verwandtschaft der Körperempfindung und der Stilisierung 
besonders überzeugend zum Ausdruck kommt, ist der Übergang zwischen 
den Schenkeln und dem Leib, wie der Kontur der Schenkel in den Leib 
hineingeführt wird. Die sehr charakteristische Bildung der Ohren bei den 
Hunden und Drachen des Missales als kleine, feste Muscheln begegnet bei 
Villard allerorten, an seinen Drachen, an der Heuschrecke XIV, selbst bei 


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Graf Vitzthum 


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Löwe und Stier XXVI, beim Hirsch XXXV so gut wie beim Schaf XXXVI 
und beim Bär VII: es ist das typische Tierohr Villards. Wie schlagend 
stimmen doch die Beine des Drachen oben am Christusinitial fol. 2 T mit 
denen des Drachen bei Villard XII Uberein in Ansatz und Umriß des 
Schenkels, in den Krallen des erhobenen Beines, in der ganzen Schritt¬ 
stellung. Auch die Drachenköpfe können trotz weitgehender Vereinfachung 
die Abstammung von den scharf charakterisierten Drachenköpfen des Skizzen¬ 
buches nicht verleugnen: man vergleiche besonders die Augen und die Linie 
darüber. Der Adler des Johannessymbols fol. 3 T ist dem Lesepultadler XLIV 
in der Zeichnung des Schnabels, der Schwanzfedern und der Ständer offen¬ 
bar verwandt. 

So käme man angesichts der Tiere schon zu dem Schluß engster stili¬ 
stischer Beziehungen zu Villard und mußte schon jetzt die Miniaturen des 
Missale einem gleichzeitigen und gleichgeschulten nordfranzösischen Künst¬ 
ler zuschreiben. 

Doch haben wir erst an den menschlichen Gestalten ein wirklich ver¬ 
wertbares Vergleichsmaterial, und an ihnen finden wir nun unsere vorläu¬ 
figen Beobachtungen und Schlüsse voll bestätigt — und mehr als das. 

Gehen wir die Gestalten nur der Reihe nach durch, um nicht durch 
willkürliche Ordnung Blick und Urteil in eine bestimmte Richtung zu lenken. 
Der schreibende Gregor hat auf den ersten Blick nichts Bestechendes. Es 
ist etwas ungelenk und matt im Ausdruck, wie er da fast verkrümmt vom- 
übersitzt und den Kopf in die Dreiviertelsicht nach außen dreht. Da halte 
man einmal den Christus in Gethsemane bei Villard XXX 1TT oder den ver¬ 
hüllt an der Erde hockenden XLVI daneben: Das ist doch eine andere In¬ 
tensität der Bewegung, eine viel höhere Art seelischen Ausdruckes im Körper. 
Doch darf man sich durch solchen großen Wurf Uber die Qualitäten Villards 
und über seine Fähigkeit in der Beherrschung und Wiedergabe des Körpers 
nicht täuschen lassen. Wo er die menschliche Gestalt in unverkürzter An¬ 
sicht gibt, stehend oder aufrecht sitzend, da zeigt es sich, daß er sie so 
ganz ebenmäßig niemals durchzubilden vermag; da werden auch seine Men¬ 
schen samt und sonders etwas „ungelenk“ und die Gliedmaßen verlieren 
die feste Proportion. Und was ihm nie gelingt, das ist der Ansatz des 
Kopfes; er scheitert stets am Hals, der meist viel zu dick gezeichnet, oft 
auch nur, fast nach Kinderart, mit zwei leicht konkaven Linien Umrissen 
wird. Nun ist es gerade der dicke Hals, der schwerfällige hintere Hals¬ 
kontur, der den Gregor Gestalten Villards wie dem thronenden König XXV 
nahe verwandt erscheinen läßt, und am Kopf des Heiligen stößt man so¬ 
gleich auf ein weiteres Moment durchgehender Übereinstimmung: unser 
Maler vermag so wenig wie Villard die Kopfbedeckung sicher und fest 
dem Kopfe anzupassen; es gibt immer eine harte untere Abschlußlinie der 


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1. Ecclesia und Synagoge, fol. 2 r - — 2. Ecclesia Villard VIII. — 3. Heimsuchung, Reims. — 

4. Elisabeth, Bamberg. 


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Fragmente eines Missale von Noyon 


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Kronen, Mitren und Kappen, und diese scheinen bald zu klein, bald zu 
groß für den Kopf (vgl. Villard passim mit unserem Gregor, mit den Eligius¬ 
köpfen und dem König fol. 6 V , dessen Krone auch in der Form bei Vil¬ 
lard XXIV wiederkehrt). Die kleine Locke, die beim Gregor in der Mitte 
der Stirn unter der Mitra hervorlugt, ist wieder ein bei Villard sehr häu¬ 
figes Motiv und auch im Missale kehrt sie an fast allen Köpfen wieder. 
Überblicken wir schnell einmal die Gesichter im Missale und bei Villard: 
sie sind wieder schwer zu vergleichen; denn im Skizzenbuch sind es, so¬ 
fern die Köpfe nicht im Profil stehen, merkwürdig ungeschickte, verschobene 
und grobe Gebilde, denen gegenüber die Gesichter im Missale weit voll¬ 
endeter erscheinen. Aber fassen wir die Einzelheiten ins Auge, die kräf¬ 
tigen hakenförmigen Nasen, die scharfen Mundlinien und großen Unter¬ 
lippen, die Augen mit den großen, scharf in die Ecken gedrängten Pupillen 
und dem hieraus sich ergebenden harten Blick, so werden wir wieder Über¬ 
einstimmungen individuellster Art feststellen können. Doch zurück zum 
Gregor I Sein Gewand ist von allen das ruhigste, das am einfachsten ge¬ 
gliederte und scheint mit den bauschigen Gewändern Villards wenig ge¬ 
mein zu haben. Aber auch hier reden die Einzelheiten eine sehr entschie¬ 
dene Sprache. Wenn die Wellen des unteren Rocksaumes sich beim Chri¬ 
stus XXXÜ an der rechten Seite wiederfinden, so will das gewiß nicht viel 
besagen; entscheidend sind dagegen die Falten am Unterschenkel. Wie da 
zwei gleichstarke Faltenstege gabelförmig in spitzem Winkel auseinander¬ 
gehen und gegen den äußeren Umriß des Beines laufen, das begegnet tale 
quäle am rechten Unterschenkel des eben zitierten Christus, an dem bär¬ 
tigen Apostel LV, an dem Sitzenden mit dem Schwert XXIV; es handelt 
sich um einen derart übereinstimmenden Zug der Linien, daß hier schon 
das Urteil kaum anders lauten kann, als: es ist die gleiche Künstlerhand. 
Auch wie sich die Falten am Gesäß ordnen, ist aus dem Skizzenbuch zu 
belegen: der Sitzende XXIV links. Die Stellung des rechten schreibenden 
Armes, sein oberer Kontur, die Falten an seiner unteren Seite, die Mantel¬ 
falte, die sich links darunter hinzieht: all das haben wir, nur etwas voller, 
an dem schon zitierten Apostel LV. 

So ist diese im Gesamteindruck nicht gerade Villardische Gestalt des 
Gregor schon reich genug an Belegen engster Beziehungen im einzelnen. 
Diese vermehren sich auf dem nächsten Bilde, der Ecclesia und Synagoge. 
Hier ist der Faltenstil ganz und gar in Villards Weise ausgebildet, die wie 
mit dem Meißel eingegrabenen Mulden auf der Brust der Ecclesia, die tiefen 
Bäusche an ihrem Ärmel und an ihren Füßen. Doch gehen auch hier die 
Beziehungen bis ins Detail. Die Art, wie der rechte Fuß von den Falten 
auch um die Sohle herum umschlossen ist, vergleiche mit der Humilitö VI, 
der Ecclesia VIII, der Maria XV; auch die Form der Schuhe findet sich 


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bei Villard überall. Der Fall des Mantels vom Kopf auf die linke Schulter 
begegnet an der Humilitä und an der Ecclesia, die Falte über dem rechten 
Knie an der Ecclesia und am Christus L, die Hand der Ecclesia mit den 
eckig umrissenen Fingern am Bischof I, ähnlich auch an der Frau XXVII. — 
Die Synagoge bietet ebenfalls der Analogien zu Villard genug. Man ver¬ 
gleiche ihre Stellung mit der der Frau auf Tafel II (vgl. auch die linken 
Hände), der Falknerin LI und des Jünglings LVIII, der in der Neigung 
des Kopfes der Synagoge besonders verwandt erscheint. Die geschlossene 
Führung des Konturs um die linke Schulter und den linken Arm ist aus 
Villard mehrfach zu belegen. Nicht beweisend doch merkwürdig genug 
ist die Übereinstimmung in der Stellung der beiden Arme mit den die 
Weihrauchfässer Schwingenden auf dem Lesepult XIII. Für die Falten der 
Gürtung vergleiche man Tafel III. Wie die Falten im Schoß der Synagoge 
zusammenlaufen, das findet sich bei dem sitzenden Jüngling XXVII unge¬ 
schickter wohl aber mit der gleichen Tendenz, den Unterleib klar gegen 
die Beine abzusetzen. — Das Gesicht der Ecclesia stimmt in allen Einzel¬ 
formen besonders nahe mit den Köpfen bei Villard überein; man achte bei 
den beiden Frauen auf die schon erwähnte Stimlocke. 

Die Fülle und die Art der Vergleichspunkte, die hier gewonnen sind, 
könnten uns wohl schon jetzt zu einer endgültigen Entscheidung führen, 
doch betrachten wir noch die beiden folgenden Christusbilder und befragen 
sie um Bestätigung oder Widerspruch. Den Sitzenden zunächst. Neben 
allen Gemeinsamkeiten im Typus und im Gewand ist es ein Motiv vor 
allem, das die Figur unmittelbar an Villards Gestalten anschließt: das 
stark nach auswärts gedrehte rechte Bein mit dem klar unter dem Gewand 
durchempfundenen Umriß von Knie und Unterschenkel. Das Skizzenbuch 
bringt es auf Schritt und Tritt, gleich beim Bischof I, bei fast allen 
Aposteln II, bei der Humilit6, wenn auch nicht so stark ausgeprägt wie 
hier, mit aller Energie aber bei den thronenden Christusgestalten XXT 
und XXXII. Wie dann der Mantel schürzenartig um den Leib liegt und 
über die linke Hand herüberfällt, das finden wir am Christus XXI wieder, 
der andere Christus bietet vor allem im inneren Kontur der Haare, in den 
schlingenartig geordneten Locken, im Mund und in den nach oben gedräng¬ 
ten Pupillen, im eckigen Umriß von Hand und Fingern Analogien von 
zwingender Beweiskraft. Daneben mag es von geringerer Bedeutung sein, 
daß die Bank, auf der Christus sitzt, genau so massiv, niedrig und lehnen¬ 
los gebildet ist, wie bei Villard II und VI. 

Wichtig ist hingegen die Überleitung, die der Sitz Christi XXXII zu 
dem Bilde des Auf erstehenden fol. 3 V gibt: der rudimentäre Sarkophag ist 
ja, wir sagten es schon, nichts anderes als eine von drei Säulen getragene 
Bank, die in ihrer Struktur und vor allem in ihrer perspektivischen Zeich- 


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Fragmente eines Missale von Noyon 


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nung mit der stark in Aufsicht von rechts gegebenen Platte jenem Sitz 
Christi nachgebildet zu sein scheint. Nun ergänzt aber die Auferstehung 
unser Vergleichsmaterial noch in einem wichtigen Punkte: im Akt. Die 
Akte Villards, die beiden Gekreuzigten IV und XV, die Ringer XX VIII, 
die beiden nackten Kerle XLIH sind von ausgeprägtester und unverkenn¬ 
barer Eigenart; gewiß nicht anatomisch „richtig“, aber anatomisch reich, 
von einer Kraft im Knochenbau, von einer Schärfe in der Herausarbeitung 
der Muskeln an Armen, Brust, Bauch und Schenkeln, daß sie in der ganzen 
mittelalterlichen Kunst einzig dastehen. So hat kein Zweiter in dieser Zeit 
den Akt, ich will nicht sagen gesehen, aber empfunden und im Bewußtsein 
getragen, so hat sich keiner am Nackten (wenn auch etwas derb) erfreut. 
Nun ist das Nackte am Auferstehenden ganz von der gleichen Art. Eine 
herkulische Gestalt! Wie das Schultergelenk herausgearbeitet ist, das 
Brustbein betont, wie die Rippen (anatomisch sehr inkorrekt) in dünnen 
Horizontalen in die Brust eingezeichnet sind, das ist genau so an den 
Akten XLIH zu sehen. Der hoch heraufgezogene doppelte Bauchkontur 
findet sich an den Kruzifixen, die Linie von der Kniekehle zum Waden¬ 
muskel auf Tafel XXVIII und bei dem Sitzenden XLIH. 

Hiermit mag die Beweisaufnahme als abgeschlossen gelten und das 
Urteil kann gefällt werden: Villard selbst ist der Schöpfer der Minia¬ 
turen. Die Bilder dieses Missale von Noyon bereichern unsere Vorstellung 
von der Kunst dieses einzigen, seiner Persönlichkeit nach bekannten, als 
Individualität greifbaren Künstlers der französischen Gotik. Es ist wohl 
ein überraschendes Ergebnis: Villard, den wir uns gewöhnt haben, einen 
Architekten zu nennen, den wir uns auf den Werkplätzen der großen 
Kathedralen, in der Bauhütte, in den chantiers der Bildhauer und Stein¬ 
metzen und in den Ateliers der Glasmaler heimisch dachten, war Miniatur¬ 
maler! Alle Künste und Fertigkeiten scheinen in ihm vereinigt. Als 
Architekt war er produktiv, wenigstens erfindend: istud bresbiterium in- 
venerunt Ulardus de Hunecort et Petrus de Corbeia inter se disputando 
(Villard XXIV); das Schaffen der Bildhauer verfolgte er mit leidenschaftlicher 
Anteilnahme und vertiefte sich besonders in jenen im eminenten Sinne 
plastischen Stil, den zu seiner Zeit die Heimsuchungsgruppe von Reims 
und ihr verwandte Werke darstellten; die große und breite Art der frühen 
gotischen Glasmaler machte er sich zu eigen, und was er da sah, trug er 
mit festen aber etwas derben Zügen in sein Skizzenbuch ein. Und doch 
besaß er zugleich die Schmiegsamkeit der Hand, die Feinfühligkeit des 
Auges, den Gleichmut des Wesens, um in einem Manuskripte von größtem 
Umfang Bilder kleinsten Formates mit äußerster Vollendung durchzuführen 
— ohne dabei das Beste, was er bei den Bildhauern gelernt, die Einsicht 
in die Zusammenhänge des menschlichen Organismus, zu opfern. Ja in 


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Graf Vitzthum 


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dieser Beziehung scheinen die Miniaturen, Ecclesia und Synagoge vor allem, 
die gleichzeitige Skulptur sogar noch zu tibertreffen. Die im Gewandstil 
so verwandte Heimsuchung von Reims ist ja, was die Konsequenz im 
organischen Aufbau der Gestalt anlangt, recht wenig gegluckt. Der Bild¬ 
hauer beherrschte den großen Maßstab, die üppige Fülle der antiken For¬ 
men, die er sich zum Vorbild genommen, doch nicht genug, um seine Ge¬ 
stalten ganz in ihnen aufgehen zu lassen. An den nach der Bedeutung 
seiner Statuen, der Begrüßungsszene, nach mittelalterlicher Auffassung über¬ 
haupt zu freierem und ausdrucksvollem Spiel berufenen Extremitäten kommt 
es geradezu zum Bruch und kraft- und hilflos starrt der rechte Arm der 
Elisabeth in die Luft. Wie groß und sicher steht dagegen die Rechte der 
Ecclesia da! 

Daß solcher Vergleich zulässig ist, ergibt sich aus der, wie es scheint, 
ganz individuellen Beziehung des Präfationsbildes unserer Handschrift zur 
Heimsuchungsgruppe von Reims. Man fasse einmal die Silhouette der Ec¬ 
clesia ins Auge mit der starken Verschiebung des Oberkörpers nach links 
hinaus, betrachte die Lage des Mantels, wie er straff unter der Brust her- 
Ubergezogen von der den Kelch tragenden Linken zusammengehalten wird, 
ist das nicht ganz klar das Schema der Reimser Maria? Der Fall und Zug 
der Mantelsäume an den Beinen bekräftigt den Zusammenhang. Sollte sich 
Villard, der leidenschaftliche Skizzierer, die Heimsuchung in Reims kopiert 
haben, sollte er so auch den — in seiner Stellung ganz einzigartigen — 
rechten Arm der Elisabeth in seinem Heft aufgenommen und nun, als er 
die Ecclesia schuf, diesen Arm mit dem Körper der Maria verschmolzen 
haben, nicht in äußerlicher Kombination, sondern in ganz innerlicher 
Synthese? 

Dabei hätte er freilich auch das Motiv der Maria noch einmal gründ¬ 
lich durchgedacht und das weiche Halten des Buches durch den energischen 
Griff an den Kelch ersetzt, den idyllischen Charakter des Vorbildes ins 
Heroische gewandelt. Hätte also etwas ganz Ähnliches getan, wie gleich¬ 
zeitig der Bamberger, als er die Visitatio sich zu eigen machte. Die linke 
Hand der Maria in Bamberg steht ganz ähnlich wie die der Ecclesia und 
auch der Mantel hat dort den straffen Zug über den Leib herüber erhalten, 
wie hier. Auch wie das rechte Knie in Bamberg herausgepreßt ist und 
die nächsten Falten unter und Uber ihm gezogen sind, läßt sich den charak¬ 
teristischen Motiven an der Ecclesia vergleichen, mit der die Bambergerin 
auch die volle Umhüllung der Füße durch das Gewand teilt. 

Ist das alles nur Zufall? Oder hätten sich die beiden, Villard und 
der Bamberger, gekannt, in Reims begegnet und irgendwie in Austausch 
gestanden? 

Es gibt von Villard noch eine zweite Ecclesia, in seinem Skizzen- 


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Fragmente eines Missale von Noyon 


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buche VIII. Sie ist von der in der Miniatur recht wesentlich verschieden; 
es fehlt ihr der nach außen gedrehte rechte Arm, der Mantel zieht sich in 
weicher Rundung über den Leib und wird dann von der den Kelch tra¬ 
genden Linken fast übermäßig hoch heraufgehoben, so daß er steil über 
den verhüllten Arm hemiederfällt. Das ist ein kühnes und seltenes Motiv, 
und wo man etwas Ähnlichem begegnet, da möchte man an eine unabhän¬ 
gige Erfindung kaum glauben. Nun sehe man die Elisabeth in Bamberg: 
in vollem Gegensatz zu ihrem Vorbild in Reims hebt sie die vom Mantel 
umhüllte Linke hoch empor, so hoch und kraftvoll, daß man stets gemeint 
hatte, sie habe einen Gegenstand (wie die Ecclesia den Kelch!) gehalten, bis 
Vöge (Repert. f. Kunstw. XXIV) diese Meinung als hinfällig erwies, und der 
Mantel fällt von ihr zur Erde nieder, breit und fest wie eine Mauer. Dieses 
Motiv ist vom Bamberger tausendmal großartiger entwickelt worden, als 
von Villard, aber unabhängig von ihm — oder von seinem Vorbild — kann 
er es kaum gefunden und ausgebildet haben. 

Über diese Andeutungen von Zusammenhängen läßt sich vorläufig nicht 
hinausgehen. Sie mögen auch genügen für die Erkenntnis, daß die neu 
gewonnenen Werke Villards sich als wertvolle und ebenbürtige Glieder in 
das Geschlecht monumentaler Bildwerke des 13. Jahrhunderts einfügen und 
dazu dienen können, das Bild der künstlerischen Tätigkeit im goldenen 
Zeitalter mittelalterlicher Kunst zu bereichern und zu klären. So gewännen 
sie eine Bedeutung, die noch über die einfache Feststellung der Tatsache 
hinausginge, die doch schon wertvoll genug erscheinen mag: daß uns in 
den Miniaturen des vorliegenden Fragments eines Missale von 
Noyon eigenhändige Arbeiten des Villard de Honnecourt er¬ 
halten sind. 


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Friedrich Winkler 


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Zur Pariser Miniaturmalerei im dritten und vierten Jahrzehnt des 

15. Jahrhunderts. 

Von Friedrich Winkler. 

(Hierzu Tafel XVII und XVIII.) 

Unsere Kenntnis von der Pariser Miniaturmalerei im dritten und vierten 
Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts wird durch die Werke eines Künstlers bestimmt, 
der vor allem drei Gebetbücher im Britischen Museum in London (Gebetbuch 
des Herzogs Johann von Bedford, add. ms. 18850), in der Bibliothfeque 
Nationale in Paris (sogenanntes Breviar von Salisbury, ms. lat. 17294) und in 
der Hofbibliothek zu Wien (Cod. 1855) ausschmückte. Die beiden erstge¬ 
nannten Cimelien sind datierbar, da beide für den Herzog Johann von Bed¬ 
ford, den 1435 verstorbenen englischen Regenten in Frankreich, geschaffen 
wurden. Die Entstehungszeit des Londoner Gebetbuches läßt sich sogar auf die 
Jahre 1423—1430 festlegen, während das Pariser Breviar nach der Meinung 
französischer Forscher kurz vor dem Tode des Herzogs bestellt wurde, weil 
es unvollendet geblieben ist 1 ). Man möchte glauben, daß auch das Wiener 
Gebetbuch Johann von Bedford oder einen seiner Verwandten zum Besteller 
hatte, denn es ist in fast allen Teilen das Spiegelbild des Londoner Ge¬ 
betbuchs. 

Alle drei sind wahrhaft verschwenderisch ausgeschmückt 2 ). In goldenen, 
blauen und braunroten Farben sind die Heiligennamen im Kalender ein¬ 
getragen. Spiegelndes Blattgold glänzt von allen Seiten wieder und mischt 
sich mit dem hellen Blau, Rot und Grün der Ranken zu einem juwelen- 
haften Rahmen für die Bilder. Die goldenen Heiligenscheine tragen wunder¬ 
bar zarte Punzierungen, mit höchster Feinheit sind die Hintergründe mit 
Schachbrettmustern und Goldranken ausgeführt. Ein glänzendes Dekorations¬ 
system war hier ausgebildet worden, das der Künstler in allen drei Gebet¬ 
büchern wiederholte. Die schmalen, hohen, oben halbrund abgeschlossenen 
Bilder sind in das dichte Gezweig der symmetrisch über die Fläche ver¬ 
teilten Ranken eingebettet, unzählige Goldpunkte füllen die freigebliebenen 

*) Der Herzog war 1422—1435 Regent in Frankreich. 

*) Vgl. die Abbildungen aus der Wiener Handschrift im Bulletin de la Soc. franc. 
pour reproduct. de manuscr. h peintures, 1913, Taf. V—VIII; aus der Londoner Hand¬ 
schrift Warner, Reproduct. of manuscr., 3. Serie, Taf. 33, 34. 


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Abb. 1. Meister des Herzogs von Bedford Gebetbuch Abb. 2. Französischer Meister um 1430/40 Gebetbuch 

Wien, ilofbibl. München, J. Kosenthal 
















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Zur Pariser Miniaturmalerei 


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Flächen. Zwischen das schwere, lappige Rankenwerk, das das Gerüst der 
Dekoration bildet, sind dünne, mit der Feder gezeichnete Ranken eingestreut, 
an deren Abzweigungen und Enden Goldknospen und Sterne sitzen. Trotz 
der wohlüberdachten Flächenaufteilung würde das Ganze wenig übersicht¬ 
lich sein, würden die zahllosen Goldpunkte und dünnen Ranken das Gerüst 
der Dekoration allzusehr einspinnen, hätte der Künstler nicht kleine, von 
Blattwerk umflochtene Runde in das Rahmenwerk eingefügt (in die 4 Ecken 
und je eins in die Mitte der unteren Breit- und der äußeren Langseite). 

Ausführlich werden hier Einzelheiten geschildert, die auf das Mittel¬ 
bild Bezug haben. Wie die drei Könige bei Herodes nach dem neugeborenen 
König der Juden fragen, wie sie sich dann beraten, sieht man in den Runden 
zur Anbetung der Könige. Die Auswahl ist auf die bekannteren biblischen 
Erzählungen beschränkt und die Durchführung läßt erkennen, daß das In¬ 
haltliche den Künstler nicht allzusehr fesselte. Die Kreuzigung Christi 
ist von Passionsszenen, die Heimsuchung von den bekanntesten Szenen aus 
dem Leben Johannes d. T. umgeben. Hier und da überrascht bei den 
großen Bildern ein individueller Zug, es mag aber dahingestellt bleiben, 
inwiefern er geistiges Eigentum des Miniators ist. Denn er verschmäht es 
nicht, mit fremdem Kalbe zu pflügen, wie seine bekannten Entlehnungen 
aus dem Gebetbuch der Brüder Limburg (Anbetung der Könige) beweisen. 
Die prachtvollen Bilder dieser Künstler boten ihm zahlreiche Anregungen. 
Auch das Rankensystem mit den eingefügten Runden dürfte er von dort 
haben 1 ). Doch hat es in allen Teilen eine wichtige Umbildung erfahren. 
Alles, was bei Paul von Limburg durch Italien angeregt ist, das reich¬ 
blättrige, dicke, plastisch modellierte Ornament, die an Italien gemahnen¬ 
den Architekturen, ist bei ihm — noch nicht restlos — französisch national 
geworden, in dem Sinne, daß diese Rankenformen, die Mischung von Ranken 
mit langgestielten Blumen von den französischen und niederländischen Künst¬ 
lern der Folgezeit als Grundlage ihres Rankensystems unumschränkt über¬ 
nommen und fortgebildet wird. 

Große Vorliebe hegt der Pariser Künstler für gewölbte Innenräume, 
deren Darstellungen er zudem oft durch kreuz und quer darin aufgestelltes 
Mobiliar kompliziert. In mehreren seiner Miniaturen umstellt er sogar das 
Mittelbild mit einer Reihe von Interieurbildern, die durch eine einheitliche 
Außenarchitektur in französisch-italienischem Mischstil zusammengefaßt 
wird. Keck setzt er dann — wie vor ihm schon der Meister der Horen 

*) Vgl. die prachtvolle Verkündigung in den „Heures d’Ailly“ bei Baron Edm. de 
Rothschild (Abb. Gazette des Beaux-Arts 1906). — Das System der Kalenderausschmük- 
kung der Wiener Handschrift stammt von dem in der Handschriften-Gruppe: Bräviaire 
de Belleville-Heures de Yolande de Flandre angewendeten ab, wie S. C. Cockerell schon 
erkannte (The Book of Hours of Yolande of Flanders, London 1905). 


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Friedrich Winkler 


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des Marschalls Boucicaut — irgendwo ein nordisches Fachwerkttlrmchen 
als Bekrönung auf. 

Handschriften, die dem Pariser Miniator, für den ich den Namen 
„Meister des Herzogs von Bedford“ vorschlage, außerdem zugewiesen werden 
können, sind nicht selten 1 ). Noch zahlreicher aber sind die stilverwandten 
Miniaturen, von denen einstweilen noch nicht einmal feststeht, ob sie vor 
oder nach unserem Meister entstanden sind. Zehrten doch alle diese 
Miniaturisten von dem Erbe der Boucicaut- und Terenzmeister, der Lim¬ 
burg usw. Keine der vielen Handschriften aber kann sich im Prunk und 
in der Delikatesse der Ausführung mit den drei Gebetbüchern in Wien, 
Paris und London messen. 

Ein Gebetbuch des Antiquariats Jacques Rosenthal steht in engen 
Beziehungen zu den drei Gebetbüchern. Noch herrscht jenes Dekorations¬ 
system der Vollbilder der Bedford-Gebetbücher. In den vier Ecken sowie 
in der Mitte des äußeren Randes und unterhalb der Miniatur sind Runde 
angebracht. Freilich sind es nur noch die Rudimente jener Runde, bei 
denen das umgebende Blattwerk mehrfach schon durch geometrische Gebilde 
ersetzt ist, in den meisten Fällen fehlt die Umrahmung gänzlich. Obgleich 
aber der Künstler anstatt vielfiguriger biblischer Episoden nur Einzelfiguren 
dem Blattwerk eingefügt hat, hat er sie doch auf jene Stellen verwiesen, 
auf denen sich ursprünglich die Runde befanden. 

Auch die Vergleichung der Details ergibt wichtige Zeugnisse für den 
Zusammenhang. Wie der Pariser Meister stellt er ein gemauertes Gewölbe 
hinter eine Bretterarchitektur, ohne auch nur den Versuch einer organischen 
Verbindung beider zu machen (Abb. 1, 2). Die Verkündigung hat den¬ 
selben chorartigen Bau mit zahlreichen, in gleicher Weise vergitterten 
Fenstern als Bühne (Abb. 3, 4). An dem am weitesten rückwärts befind¬ 
lichen Schlußstein — es sind hier wie dort drei — hängt der gleiche 
Baldachin. Sogar in der Darstellung der Hütte der Geburt Christi mit 
dem von zwei Dachluken flankierten Aufbau auf dem Dach hält er sich 
eng an das von dem Pariser gegebene Vorbild (Abb. 5). Die viel zu kleinen 
Bäume stehen in Gruppen von drei und mehr zusammen. Ihr Blätterwerk 
vereinigt sich über den dünnen Stämmen zu einer undurchdringlichen grünen 
Masse, auf der einzelne Blätter in hellgelber Farbe eingezeichnet sind. 
Ebenso verfährt der Miniator gemäß seinem Vorbild mit den Blumen auf 
dem Rasen, die er in gelber Farbe auf grünem Grund einträgt. Die schema- 

*) Vgl. die Zusammenstellungen im Repertor. f. Kunstwissenschaft 1911 S. 543, 
und in Michels Histoire de l’art IV, 707/8 (Durrieu). Das Missale von St. Magloire, 
das das ungewöhnlich frühe Datum 1412 trägt, möchte ich nicht mehr so entschieden 
zu den eigenhändigen Werken rechnen, nachdem mir zahlreiche Stil verwandte Hand¬ 
schriften bekannt geworden sind. 


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Tafel XVIII 


Abb. 4. Französischer Meister um 1430/40 


MUnchen 


Abb. 3. Meister des Herzogs von Bedford 


Abb. 6. Französischer Meister um \43flf48 


München 


Abb. 5. Meister des Il4*z< 


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Zur Pariser Miniaturmalerei 


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tische Form der Baumzeichnung, die in Paris im Anfang des 15. Jahr¬ 
hunderts ausgebildet wurde, hat dann in den meisten von französischer 
Kunst abhängigen Gegenden Schule gemacht 1 ). Pariserischen Ursprungs 
ist wohl auch die bei beiden Meistern anzutreffende Vorliebe für silberne 
Wolkenbänder auf blauem Himmelsgrund, der oft mit goldenen Sternen 
gleichmäßig bedeckt ist. 

Der Künstler hat an der Darstellung von Innenräumen des Bedford- 
Meisters Gefallen gefunden. Er strebt ihm darin nach, wie er sich auch 
sonst als Nacheiferer seiner Gebetbuchdekoration zu erkennen gibt. Aber 
an der Handschrift fesseln zunächst nicht die nur durch genauere Vergleiche 
feststellbaren Zusammenhänge — die derbere Ausführung, die eyckischen 
Trachten der modisch Gekleideten im Rahmenwerk, realistisch gegebene 
Einzelheiten führen bei der ersten Betrachtung zu ganz anderen Verglei¬ 
chungen — sondern die Individualität des Künstlers, die bei seinem Werk¬ 
stattbetrieb viel stärker als bei dem Pariser Künstler zur Geltung kommt. 
Er verfügt nicht über die technische Meisterschaft seines Vorbildes, dafür 
widmet er aber dem Inhaltlichen der Erzählungen größere Aufmerksamkeit. 
Wörtliche Entlehnungen aus anderen Miniaturen wird man bei ihm kaum 
antreffen. 

Er gibt in dem Gebetbuch eine merkwürdige Darstellung (Abb. 6), wo 
Maria in einem Zimmer mit einem roten Kamin am Webstuhl sitzt, neben 
ihr das Christuskind, vorn ein Engel, der von einer Spindel das Garn in 
Knäueln aufwickelt. Die Früchte seiner Tätigkeit sind in einem Korbe 
vor ihm vereinigt. Die Miniatur ist nicht die einzige, in der der Künstler 
über die kleinen Begebenheiten aus der Jugendzeit Christi so genauen 
Aufschluß zu geben weiß. In der Miniatur der Anbetung der Könige reicht 
Joseph der zweiten Majestät verlegen grüßend die Rechte zum Willkomm, 
das Christuskind stützt sich gar mit der kleinen Hand auf den kahlen 
Kopf des ältesten Königs und segnet ihn. Dieser hat seine Krone abge¬ 
nommen und kurzerhand über seinen linken Arm gehängt. Das Rankenwerk 
der Umrahmung wird bei der Geißelung Christi von einigen Henkersknech¬ 
ten abgesucht, die sich von den Zweigen ihre Ruten brechen. Ähnlich 
zimmern die Henker auf der Gegenseite zum Martyrium der hl. Katharina 
die einzelnen Stücke des Marterinstrumentes, während ihre Genossen im 
Rahmen der Bildseite durch den Steinhagel das wohlverdiente Schicksal 
erfahren. Um die säugende Madonna in der Rosenlaube musizieren die 
Engel in den Ranken, reichen Blumen dar, sammeln neue in ihre Körbe 
und Gewänder. Bisweilen spazieren in den Ranken modisch gekleidete 

1 ) Auch von den Tafelmalern wurde sie Übernommen, wie u. a. die zwei bekannten 
oberdeutschen Gemälde mit der Anbetung der Könige im Nationalmuseum in München 
(Nr. 244) zeigen. 


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118 


Friedrich Winkler 


Herren in eyckischer Tracht, mit der Sendelbinde und langen, pelzver- 
brämten Röcken mit den merkwürdigen Ärmeln, deren jeder zum Durch¬ 
stecken der Hände an zwei Stellen offen ist. Die Frauen tragen die eyckische 
Haube mit den weißen oder bunten über die Stoffkegel an den Schläfen 
gelegten Tüchern. Hie und da klimmen gewandte Kletterer von Zweig zu 
Zweig, Schlangenmenschen winden sich in den Ranken und Gaukler balan¬ 
cieren mit Eifer Schalen auf dünnen Stöcken. 

Mit unserer Kenntnis der Miniaturmalerei im zweiten Viertel des 
15. Jahrhunderts ist es schlecht bestellt. Alle die genannten Merkmale, die 
das Rosenthalsche Gebetbuch auszeichnen, sind noch zu vieldeutig, als daß 
sich aus ihnen eine Entscheidung über die Frage gewinnen ließe, wo die 
neuen Kräfte tätig waren. Sind sie im Schoß der Pariser Kunst zu suchen 
oder waren es nicht vielmehr die nördlichen Landesteile Frankreichs, in 
denen sich der Umschwung vollzog? Erst die zukünftige Forschung wird 
diese Frage beantworten können. Wir vermögen einstweilen nur die Fäden 
bloßzulegen, die diese vereinzelten so originellen Schöpfungen mit dem 
Hochsitz der Miniaturmalerei, Paris, verbinden. 

Beschreibung der Handschrift. 

188 Blätter (20^ cm hoch, 14 cm breit). Mit rotem Samt überzogener 
Holzdeckeleinband. — Auf der Innenseite des vorderen Einbanddeckels die 
Notiz, daß das Gebetbuch 1572 von der Inquisition auf seinen Inhalt ge¬ 
prüft worden ist („Yo fray Joan perez de la orden de predicadores e visto 
y corregido estas horas por comission de los sefiores Inquisidores y assi 
sepueden leer en fe de lo quäl firme esto de mi nombre En predicadores 
121 [?] de noviembre, Anno 1572. Frater Joan perez ordinis predicatorum.“) 
— Dem Kalender fehlt ausgeprägter Lokalcharakter, die angeführten Fest¬ 
tage der Heiligen sind in den meisten französischen Gebetbüchern des 
15. Jahrhunderts anzutreffen. 

Fol. 13 v Gefangennahme Christi. Umrahmung: Kriegsknechte, 1. oben 
Gottvater. 

„ 14 „horae de sancta cruce.“ Umrahmung mit einzelnen geharnisch¬ 

ten Kriegern. 

( Fol. 15 v Geißelung Christi. Umrahmung: Kriegsknechte, Ruten bindend. 
\ „ 16 Umrahmung mit Kriegern. 

FoL 17 v Kreuztragung Christi. 

„ 18 Umrahmung mit ^Wiederholung der gegenüber befindlichen Figuren 

im Gegensinn. 

Fol. 19 Umrahmung mit Kriegern. 

{ Fol. 20 v Grablegung Christi. Umrahmung: Klagende Engel. 

„ 21 Umrahmung mit musizierenden Engeln. 


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Zur Pariser Miniaturmalerei 


119 


{ 

{ 


{ 

< 


{ 

{ 


{ 


{ 


Fol. 22 y Auferstehung Christi. Umrahmung: Engel mit Leidenswerkzeugen. 

„ 23 Umrahmung mit Männern, die in dem Astwerk auf und ab steigen. 

Fol. 24 T Christus in der Vorhölle. Umrahmung: Engel und Teufel. 

„ 25 Umrahmung mit Engeln. 

Fol. 27 T Johannes auf Patmos. Umrahmung: Propheten mit Spruchbändern. 
„ 28 „Inicium sancti evangelii secundum Johannem.“ In der Um¬ 

rahmung Propheten. 

Fol. 29 T Der hl. Lukas. Umrahmung: Männer mit Schriftrollen, Bü¬ 
chern usw. 

„ 30 „secundum Lucam.“ Umrahmung mit tanzenden Männern. 

Fol. 32 y Der hl. Matthäus. Umrahmung: wie fol. 29 y . 

„ 33 „secundum Mattheum.“ Umrahmung: wie fol. 29 T . 

Fol. 35 T Der hl. Markus. Umrahmung: wie fol. 29 y . 

„ 36 „secundum Marcum.“ Umrahmung: wie fol. 29 T . 

Fol. 37 y Maria, das Kind säugend, in einer Rosenlaube. Umrahmung: 

Engel, die Blumen bringen oder in den Ranken pflücken. 
„ 38 „Missa beate marie virginis.“ Umrahmung: Musizierende Engel. 

Fol. 43 y Verkündigung Mariä. Umrahmung: Singende und musizierende 
Engel. 

„ 44 „Horae beate marie.“ Umrahmung: wie fol. 43 T . 

Fol. 61 T Heimsuchung Mariä. Umrahmung: wie fol. 43 T . 

„ 62 Umrahmung: wie fol. 43 T . 

Fol. 73 T Anbetung des Kindes. Umrahmung: Anbetung der Hirten. 

„ 74 Umrahmung: Männer in modischen Trachten. 

Fol. 78 T Verkündigung an die Hirten. Umrahmung: Tanzende Hirten 
und Hirtinnen. 

„ 79 Umrahmung: Waffen schwingende Krieger. 

Fol. 83 T Darstellung Christi. Umrahmung: Frauen mit Geschenken für 
die Darstellung Christi. 

„ 84 Umrahmung: Gaukler, Schlangenmenschen usw. 

Fol. 88 y Anbetung der Könige. Umrahmung: Hirten und andere Figuren. 

„ 89 Umrahmung: Gaukler und Narren. 

Fol. 93 T Flucht nach Ägypten. Umrahmung: Suchende Kriegsleute, 
ein Sämann. 

„ 94 Umrahmung: Engel. 

Fol. 101 T Krönung Mariä. Umrahmung: Musizierende Engel. 

„ 102 Umrahmung: Modisch gekleidete Männer. 

Fol. 107 y Der büßende David. Umrahmung: David dem Boten den Brief 
an Urias übergebend, Urias wird getötet usw. 

„ 108 „Septem psalmi penitentiales“. Umrahmung: Der sterbende 
Urias, David mit dem Boten. 


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120 


Friedrich Winkler, Zur Pariser Miniaturmalerei 


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Fol. 128 T Totenmesse. Umrahmung: Trauernde in schwarzen Kutten 
mit Kerzen. 

„ 129 Incipit officium defunctorum.“ Umrahmung: Männer in mo¬ 
discher Tracht. 

I Fol. 170 T Madonna mit Kind im Zimmer. Umrahmung: Posaunen 
blasende Engel. 

„ 171 „Oratio ad virginem mariain.“ Umrahmung: Wie fol. 170 T . 
Fol. 173 T Marie im Zimmer am Webstuhl. Ein Engel wickelt das Garn 
von der Spindel in Knäuel auf. Umrahmung: Musizierende 
und Blumen pflückende Engel. 

„ 174 „Oratio de beata maria.“ Umrahmung: Engel. 

Fol. 177 y „De dolore beate marie.“ Umrahmung: Betende Engel und 
Cherubim. 

Fol. 179 „Oratio ad crucifixum.“ Umrahmung: Gaukler. 

Fol. 181 „Oratio de sancto francisco.“ Umrahmung: Betende Mönche. 
Fol. 182 v Martyrium der hl. Katharina. Umrahmung: Gottvater und von 
den Steinen getroffene Henker. 

„ 183 „De sancta Katherina.“ Umrahmung: Henkersknechte mit der 
Herstellung des Rades für das Martyrium der hl. Katha¬ 
rina beschäftigt. 

Fol. 184 T Die hl. Maria Magdalena. Umrahmung: Modisch gekleidete 
Frauen. 

„ 185 „Oratio de sancta Magdalena.“ Umrahmung: Frauen in mo¬ 
discher Tracht. 

( Fol. 186 v Christus und die hl. Susanna (?). Umrahmung: Einzelfiguren 
von sich entfernenden Henkersknechten. 

„ 187 „De sancto Susanna.“ Umrahmung: Leute in modischer Tracht. 


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Dr. Alfons Hilka, Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften 


121 


Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften 1 ). 

Von Alfons Hilka (Breslau), 
a) Romanische Texte. 

/. Boeve de Haumtone . Pergamenthandschrift, 52 Blätter von 22,5 cm 
Länge und 17 cm Breite umfassend, die einspaltig mit einer großen und deut¬ 
lichen Schrift etwa aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bedeckt 
sind. Zumeist stehen 27 Zeilen auf jeder Seite. Die ersten Buchstaben 
der Verse sind herausgerückt und fast alle Anfänge der Baissen bieten bald 
rote, bald blaue kunstlose Initialen. Wie die Kustoden auf Bl. 6, 14, 22, 
30, 38, 46 zeigen, haben wir zunächst 6 quaternionen und zuletzt einen temio, 
nämlich BL 47—52. Die erste Lage hat 2 Blätter hinter Bl. 2 eingebüßt 
= y. 1082—1189 der von A. Stimming nach den beiden Bruchstücken be¬ 
sorgten Ausgabe: Der anglonormannische Boeve de Haumtone 
zum ersten Male herausgegeben, Halle 1899 (Bibliotheca normannica VII). 
Die Handschrift hat keine Überschrift, aber ein Explicit in schwarzer Tinte, 
unter der sich ein roter Strich befindet: Explicit b9 • de hampton * amen* 
Beginn des Textes: 

II le wnt prendre mtt estreytement = Ausgabe v. 912. 
a son col pendunt un kartayne pesant 
Dieser Text diente Stimming für den zweiten Teil des Epos als Er¬ 
gänzung der Handschrift Paris, Bibi, nat., fonds francais, nouv. acqu. 4532. 
Entstanden ist der Codex in England, wie schon die anglonormannischen 
Sprachzüge beweisen. Der Kopist hat mit seiner Vorlage sehr willkürlich 
geschaltet, zumal er vermutlich kein Französisch verstand. „In Bezug auf 
Zuverlässigkeit läßt diese Handschrift fast alles zu wünschen übrig.“ 

Stimming hat p. IV—VIH diese Handschrift kurz beschrieben und 
charakterisiert. Es liegt uns somit der Codex vor, der früher dem Pariser 
Verleger Firmin Didot gehört hat. Vor dem Verkaufe war dieser Text 
mit dem gleich zu besprechenden des Ferabras zu einem Bande vereinigt, 
nachher hat er einen besonderen Pergamenteinband erhalten. 

*) Unter dieser Rubrik sollen regelmäßige Mitteilungen über einzelne beachtens¬ 
werte Codices aus dem Besitz des Herrn Jacques Rosenthal, soweit sie romanische oder 
mittellateinische Literatur betreffen, erscheinen. Die Bearbeitung dieses Teiles hat Privat¬ 
dozent Dr. Alfons Hilka (Breslau) übernommen, der es sich auch zur Aufgabe machen 
will, die betreffenden Texte bei dieser Gelegenheit durch knappe Angaben in den Rahmen 
der jeweiligen literarischen Forschung zu stellen und ihre Würdigung vorzunehmen. 


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Dr. Alfons Hilka 


Vgl. Catalogue raisonn6 des livres de la bibliothfeque de 
M. Ambroise Pirmin Didot, t. I, Paris 1867, p. 360 (nr. 978). 
„Reliure du temps tres-fatigu4e et dans un 6tui Ce pr6cieux volume 
est de ceux que l’on d£signe sous le nom de manuscrit de jongleur.“ 

II. Ferabras d'Alixandre. Pergamenthandschrift in einem alten Holzein¬ 
band (Lederschließen abgefallen), 78 Blätter in derselben Ausdehnung, von 
derselben Hand und Ausstattung -wie Boeve de Haumtone umfassend. Es 
ist der zweite Teil des früheren Didot-Codex = Bl. 53—130. Vgl. Nr. 978 des 
Catalogue raisonnä etc. Der Text hat mehrere umfangreiche Lücken erlitten. 
Die Prüfung der Lagen und ein Vergleich mit der bisherigen, ganz unzuläng¬ 
lichen Ausgabe dieser chanson de geste vorwiegend nach der Handschrift 
Paris, Bibi. nat. f. fr. 12603, da nur wenige Varianten anderer Handschriften 
berücksichtigt werden (A. Krceber et G. Servois, Fierabras, chanson de 
geste publ. pour la premifere fois d’aprfes les manuscrits de Paris, de Rome et de 
Londres, Paris 1860 = Les anciens pofetes de la France, t. IV), zeigt folgenden 
Bestand, denn Custoden stehen auf Bl. 60, 68, 76, 82, 90, 98, 106, 114, 122: 
Bl. 53—60 ~ quaternio I 
Bl. 61—68 = quaternio II 

<1. Lücke = v. 837 — 1633 = quaternio HI> 

Bl. 69—76 = quaternio IV 

Bl. 77 + 78 <2. Lücke = v. 2158—2207 = 1 Blatt) 

Bl. 79 + 80 <3. Lücke = v. 2319—2365 = 1 Blatt) ■ = quaternio V 

Bl. 81 + 82 J 

<4. Lücke = v. 2469—3315 = quaternio VI + VH) 

Bl. 83— 90 = quaternio VIII 
Bl. 91— 98 = „ IX 

Bl. 99-106= „ X 

Bl. 107-114= „ XI 

Bl. 115—122 = „ XII 

<5. Lücke = v. 5388-5803 = quaternio XIII) 

Bl. 123—130 = quaternio XTV. 

Das Verhalten des anglonormannischen Kopisten ist auch hier durch¬ 
aus willkürlich. Immerhin wird bei der künftigen kritischen Ausgabe des 
Epos unser Codex wegen seines Alters ersprießliche Dienste leisten können. 
Beginn des Textes ohne Überschrift: 

Seyhs fetes pes si v9 plet si oez 
chanson fere z orible ia meylur norez 
Schluß des Textes: 
z ky cesti escrist ait bon de st ine 
ci finist de ferebo dalixandre 


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Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften 


123 


Darunter das Explicit mit roter Tinte: 

Explicit de ferebras dalixandre. 

Über diese Handschrift vgl. außer demDidot-Catalogue raisonnd, p.360—365 
(mit einer kurzen Inhaltsanalyse) Stimming, Boeve de Haumtone, p. V 
(teilt die erste Seite und die letzte Laisse mit), Gautier, Les 4pop4es fran- 
Qaises, t. II, Paris 1867, p. 307. Die Neuausgabe muß sich aufbauen auf 
folgenden 9 Hss. resp. Fragmenten: 

1. Madrid, Escorial M-lll—21, XIII. Jhdt. 

2. Didot-Rosenthal, XIII. Jhdt. 

3. Paris, Bibi. nat. 12603, XIV. Jhdt. 

4. Born, Vaticana, Regina 16 b, geschr. 1317. 

5. Hannover, Stadtbibliothek 571, XIV. Jhdt. 

6. London, Brit. Mus. Royal 15 E. VI, XV. Jhdt. 

7. Paris, Bibi. nat. 1499, XV. Jhdt. 

8. Metz, Stadtbibi., XHI. Jhdt. 

9. Straßburg, Un. Bibi., XIV. Jhdt. 

Dazu tritt als äußerst wichtiges Kriterium, das bereits zu mancher 

Kontroverse Anlaß bot, die provenzalische Übersetzung in der Handschrift 
der fürstlichen Bibliothek zu Wallerstein (geschr. 1230—1240), hgb. Im. 
Bekker, Der Roman von Fierabras, Berlin 1829. Für das Handschriften- 
verhältnis sind abschließende Ergebnisse nicht erzielt worden, da das ge¬ 
samte Material keiner der drei bisherigen Untersuchungen zugrunde lag. 
Diese sind: 

G. Gröber, Die handschriftlichen Gestaltungen der chanson de 
geste Fierabras und ihre Vorstufen, Leipzig 1869; ferner: Zu den 
Fierabras-Handschriften = Eberts Jahrbuch fllr romanische und eng¬ 
lische Sprache und Literatur, Neue Folge, Bd. I, Leipzig 1874, 


p. 111 ff. 

V.Friedel, Deuxfragments du Fierabras = Romania XXIV(1895),p. 1-55. 
C. Reichel, Zur handschriftlichen Überlieferung der chanson de geste 
Fierabras = Beiträge zur romanischen und englischen Philologie, dem 
X. Deutschen Neuphilologentage überreicht, Breslau 1902, p. 143-176. 


III. Jehan de Paris. Papierhandschrift in klein-Folio, 70 Blätter von 27,5 cm 
Länge und 19 cm Breite umfassend, die einen modernen dunkelbraunen 
Ledereinband und Goldschnitt erhalten haben. Auf dem Rücken eingepreßt: 
LE ROMENT DE JEHAN DE PARIS. XV* SIECLE. Die Blätter sind 
einspaltig mit einer sehr sorgfältig ausgeführten grossen Schrift des aus¬ 
gehenden 15. Jahrhunderts auf liniertem Untergrund bedeckt. Auf jeder 
Seite stehen 21 Zeilen, die Kapitelabschnitte sind rot ausgeschrieben, die 
Initialen abwechselnd rot und blau. Kustoden auf Bl. 16, 24, 32, 40, 48, 


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Dr. Alfons Hilka 


56, 64; demnach ist der Kodex unversehrt erhalten und bietet acht Lagen 
von je acht Blättern, an die sich eine letzte Lage von sechs Blättern an¬ 
schließt. Der Prosaroman, der sich einer außerordentlichen Beliebtheit er¬ 
freut hat (vgl. zu seinem Hauptmotiv R. Köhler, Kleinere Schriften, Bd. II, 
Berlin 1900, p. 607, A. Hilka, Neue Beiträge zur Erzählungsliteratur des 
Mittelalters [S. A.], Breslau 1913, p. 6—8, ferner die Gesamtbetrachtung von 
W. Söderhjelm, La nouvelle fnu^aise au XV* sifecle, Paris 1910 [Biblio- 
thfeque du XV* sifccle, t. Xn], p. 192—216), zeigt die rote Überschrift: 

Cy commence vng noble et tres excellät 
Romant nomme Jehan de paris Roy de france 

Hinter dem Schlußwort Fin nennt sich ein wohl gleichzeitiger Besitzer 
, des Codex: Ce liure est a moy Jehan Sala. Soll damit der Bolo¬ 
gneser Domherr Jean Sala (gest. 1499) gemeint sein? Aus allem ergibt sich, 
daß uns jene bereits verloren geglaubte Handschrift vorliegt, die im wesent¬ 
lichen für seine Ausgabe A. de Montaiglon neben einer zweiten Hand¬ 
schrift, Bibi, nat., f. fr. 1465, verwertet hat (Le Romant de Jehan de 
Paris, roy de France, revu pour la premifcre fois sur deux manuscrits de 
la fin du quinzi&me sifccle par A. de Montaiglon, Paris 1874). Er beschreibt 
sie p. XXXIX—XL als „le manuscrit Gaullieur“. (Dieser Schweizer be¬ 
saß sie noch 1856, und 1858 sah sie Montaiglon beim Pariser Buchhändler 
Potier (vgl. p. XXIV). Die Identifizierung wäre vollständig, wenn nicht 
das Fehlen der von ihm berichteten zwei Lücken der Handschrift dem 
entgegenstünde. »Le premier cahier a perdu ses trois premiers feuillets 
et le huitifeme. Comme le roman finit au sixifeme feuillet du dernier cahier, 
cela a caus£ la perte des deux premiers feuillets de ce cahier, aprfes qu’un 
des possesseurs a arrachö les deux feuillets qui le terminaient, soit pour ce 
qui s’y trouvait 6crit, soit pour en employer le papier blanc.“ Nichts fehlt 
hier weder von der ersten noch vom Anfang der letzten Lage. Sicher 
abgetrennt wurden seitdem nur die Schmutzblätter, die nach Montaiglon 
(p. XL) allerlei spätere Eintragungen enthielten (un compte de mailles de 
tricot — Amor vincit omnia — un W avec un paraphe — Rien ou cela — 
Riens sans cela — Sancta et individua trinitas); sie sind ersetzt vom und 
hinten durch drei Doppelblätter mit drei verschiedenen Wasserzeichen 
neueren Ursprungs: VANDERLEY, ein Ritter mit Schild und Speer in 
einem ovalen, von einer Krone überragten Rahmen, C WISE 1829. 

So bleibt nur die Annahme übrig, daß späterhin das Fehlende (Bl. 8, 
47, 65, 66, die einen frischeren Eindruck machen) aufgefunden und dem 
Codex einverleibt wurde. Die Prüfung des Textes selbst bestätigt es, daß 
diese Handschrift identisch ist mit dem ms. Gaullieur, denn es stimmen auch 
sämtliche von Montaiglon im Anhänge: Notes et variantes (p. 125 sq.) mitge¬ 
teilten Lesarten, darunter befindet sich auch das Fehlen der Überschrift p. 40. 


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Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften 


125 


Ferner ist zu beobachten, daß Montaiglon nicht philologisch genau 
seine Edition eingerichtet hat: so hat er oft die Schreibungen modernisiert, 
manche Auslassungen vorgenommen (ich erwähne nur den Augensprung auf 
p. 21: appartenoit <et fut mis en sepulture et lobsecque fait cöme 
a luy appartenoit) La royne), mitunter auch manches verlesen (z. B. p. 48 
zuletzt: aulcuns soirs ftlr alcunes foiz 1 ). Mithin dürfte der Wunsch 
nach einem neuen, auch paläographisch getreuen Abdruck des Prosaromans 
nach diesem schönen Rosenthal-Codex durchaus berechtigt sein. 

IV. Italienische Prosa-Übersetzung der sogenannten Historia Alexandri 
Magni de preliis. Papierhs. im modernen Pappband, 55 Blätter enthaltend von 
21 cm Länge und 28 cm Breite, die mit einer flüchtigen italienischen Kursiv¬ 
schrift vom Beginn des XVI. Jahrhunderts bedeckt sind. Auf jeder Seite stehen 
zumeist 30 Zeilen. Der Text stellt sich als eine rasche Kopie dar, bei der 
die Überschriften und Rubren nicht mehr zur Ausführung gelangt sind, so- 
daß leere Spatien zwischen den einzelnen Kapiteln vorliegen und teils die 
ersten Zeilen, teils die Anfangsteile der neuen Abschnitte fehlen. Von Ein¬ 
tragungen bemerkt man: Bl. 1 oben: Petrus franc(iscu)s de Cennini 
(bekannte Malerfamilie in Florenz), darüber 3 luglio 1520, daneben eine 
Zahlenberechnung und die ausgeschriebene Zahl cinquanta uno. Rechts 
unten ist ein Stempel: Adler und Krone und EXPEOTO. Bl. 33 v und 34 r 
wurden vom Schreiber übersprungen (der Text hat keine Lücke), Bl. 34 v oben 
epo 1534, Bl. 45 r oben: 1528. Auch Bl. 44 r und 44 v wurden nicht für den 
Text benutzt. In späterer Tinte wurde die Seite 44 r durch einen Kinder¬ 
brief ausgefüllt: 

groliosso icciello 
Al mio caro amacto 

Al mio caro amato padre salucte questa sara una per farui intendere 
ecome leccosfe uanno Molto bene echosfoma alegrezza e cosfi speriami per 
farui intendere le sallucte 

Lorenzzo Philippo (Hs. Hilippilipo) Strozzi. 

Darunter eine angefangene Kinderzeichnung (Auge, Nase, Stirn aus- 
geftihrt). 

Anfang: ]tto sapeuano la misura della terra distingieuano londe del 
mare e chonosceuano le chose celestialj cioe el chorso delle stelle chome 
danno chiarore a tutto lmondo per lalteza da dottrina et per magiche vir- 
tudj dichono ditanabus che flu loro Re chera huomo marauigliosamente sauio 
e propiamente in istrologia e anche era pieno de magiche uirtudj. 

1 ) Dies bieten richtig auch die ältesten Drucke, auf denen die Edition von Emile 
Mabille aufgebaut ist (Le roman de Jehan de Paris, publi6 d’apräs les premi&res 
editions et pr6c6d6 d’une notice par E. Mabille, Paris 1855 [Bibliothöque elz6virienne]). 


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Dr. Alfons Hilka, Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften 


Schluß: E pero singnori ognuno si brighi addio seruire ed aquistare 
il rengnio del cielo che mai non fallera. che bene auete udito chome le 
singnorie di questo mondo sono vane e brieui Qui finissce Alexandro che 
tutto e detto del suo nasscimento insino alla fine. 

Unser Text ist eine Übersetzung der als J* bekannten interpolierten 
Version der ursprünglichen Historia de preliis des Archipresbyters 
Leo. Vgl. jetzt die Neuausgabe von Friedrich Pfister, Der Alexander¬ 
roman des Archibresbyters Leo, Heidelberg 1913 (= Sammlung mittellat. 
Texte, Heft 6), p. 14 ff, ferner dessen Studie Die Historia de preliis und das 
Alexanderdepos des Quilichinus = Münchner Museum I (1912), p. 251 ff. Eine 
größere Arbeit über sämtliche italienische Fassungen der Alexandersage ver¬ 
spricht G. Vandeili, Versioni italiane della Historia de preliis' = N. Festa 
e G. Vandelli, Miscellanea, Firenze 1898 (Nozze Rostagno Cavazza). — 
Nach zwei Hss., die er B und C nannte (unterdessen fanden sich die als A 
bezeichneten Fragmente aus der Riccardiana in der Berliner Kgl. Bibliothek, 
Ms. ital. quart. 33 wieder, vgl. Bi ade ne, Giorn. storico della lett. ital. X, 
p. 355ff., Vandelli 1. c., p. 20ff., sie enthalten aber die Version J 8 ) druckte die 
italienische J* vollständig ab G. Grion, Inobili fatti di Alessandro Magno, 
romanzo storico tradotto dal francese nel buon secolo, Bologna 1872, wäh¬ 
rend das lateinische Original von J 2 einer Erstausgabe harrt, da die Va¬ 
rianten einer einzigen Seitenstetter Hs. bei O. Zingerle, Die Quellen zum 
Alexander des Rudolf von Ems. Im Anhänge: Die Historia de preliis, 
Breslau 1885, nur eine unvollkommene Vorstellung von dieser für die Vulgär¬ 
literaturen ungemein wichtigen Rezension geben. 

Auch Grions Edition bedarf einer Neuauflage, da er lediglich einen 
Mischtext aus B und C geliefert hatte. Für diesen Zweck bietet unsere Hs. 
sehr willkommene Ausbeute: im allgemeinen stimmt sie zu Grions Hs. B, 
da sie nicht die Zusätze von C enthält, vgl. Grion, p. 2 die gleiche Lücke, 
ferner p. 55 die gleiche Kürzung, selbst denselben Fehler, p. 176: Meglio ci 
era a morire tutti con tutto (statt teco) und denselben Augensprung, p. 57 ff. 
hinter Lacedemonia. Aber es verdient hervorgehoben zu werden, daß unser 
Codex berufen ist, trotz dieser Verwandtschaft mit B umfangreiche Lücken 
dieser Hs. auszufüllen; vgl. Grion, p. 105—109, denn unser Text bietet weiter: 
e cliomando che tutti quegli di macidonia se trassino da una parte e i persiani 
da un altra poi monto alessandro in su[r u]no poggio e ffe chomandare che fusse 
escoltato. usw. Desgleichen ergänzt unsere Hs. die große Lücke von B bei 
Grion p. 118—123 in wünschenswerter Weise. 


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Julius Freund, Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller 


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Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller. 

Ein Beitrag zur Geschichte der modernen Legendendichtung. 

Von Julius Freund (Sheffield). 

Herder, der große Wiederer wecker so manches Vergessenen, hat auch 
das Interesse an den frommen Heiligenlegenden des Mittelalters neu belebt. 
Seine Legenden erschienen zuerst in den „Zerstreuten Blättern u , Sechste 
Sammlung, Gotha 1797. Unter den ersten, die durch Herder angeregt, die 
Legende im ernsten Ton wieder in die deutsche Literatur einführten, war 
Gotthard Ludwig Theobul Kosegarten, der als Probst zu Altenkirchen auf 
Rügen zwei Bände „Legenden“ veröffentlichte (Berlin, in der Vossischen 
Buchhandlung 1804). In der dieser Sammlung vorangehenden „Zuschrift 
au Ihre Apostolischen Majestäten“ heißt es: „Das ächte Schöne ist nicht 
allein von jedem Zeitalter und jedem Himmelsstrich, es ist auch von jeder 
Kirche und jeder Konfession. Auch dem Eremiten in der tliebaischen 
Einöde schlug ein menschliches Herz in der behaarten Brust. Der Dichtung 
kristallner Quell sprang in dem heißen Sande der nitrischen Wildnis so 
gut, wie in Sikeliens und Thessaliens wollüstigen Fluren.“ In der 
„Vorrede“, die am 10. Februar 1804 geschrieben ist, sagt Kosegarten u. a.: 
„Eine verständige Legendensammlung gehört zu den Bedürfnissen unseres, 

und im Grunde jedes Zeitalters.-Anlangend meine Hülfsmittel, habe 

ich für die ältere Legende benutzt die Apokryplia und Pfeudepigrapha (sic) 
der ersten christlichen Jahrhunderte, ferner die Schriften der Kirchenväter, 
hauptsächlich des Hieronymus, des Ambrosius und Johannes Damascenus; 
ferner die sogenannten Vitae Patrum. Für die spätere Legende habe ich 
die hauptsächlichsten Lektionarien und Passionale des Mittelalters durch¬ 
gemustert, unter welchen ich dann der Lombardischen oder sogenannten 
goldenen Legende des Jacobus a Voragine, welche zu Anfang des 14. 
und dem Passional des berühmten Sebastian Brandt, welches zu Ende des 
15. Jahrhunderts kompiliert wurde, das meiste zu verdanken bekenne.“ 
Die „Vorrede“ schließt mit einem kurzen Nachruf auf den eben verstor¬ 
benen Herder. Kosegarten nennt sich hier Herders „Freund, Schüler in 


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Julius Freund 


des Wortes edlerem Sinne und herzlicher Verehrer“ und sagt: „Er wußte 
um diese Sammlung, und ich habe Ursache zu glauben, daß er ihrer Er¬ 
scheinung sich würde gefreut haben.“ 

Kosegartens Legenden wurden noch einmal, 1810, in neuer unverän¬ 
derter Auflage gedruckt, dann nicht mehr. Schon Gottfried Keller nannte 
das Buch in einem Briefe an Ferdinand Freiligrath vom 22. April 1860 
„einen vergessenen Schmöker“ (Baechtold II, 461). Heute sind Kosegartens 
„Legenden“ äußerst selten. Kürzlich hat Herr Hofantiquar Jacques Rosen¬ 
thal in München ein Exemplar des ersten Bandes der Ausgabe von 1804 
erworben und mir in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt. Dieser 
erste Band ist für die neuere Literaturgeschichte von ganz besonderer 
Wichtigkeit, denn er gab bekanntlich den Anstoß zu der schönsten Blüte 
der deutschen Legendendichtung; aus ihm schöpfte Gottfried Keller, der 
anmutigste Vertreter der modernen Legende, die Anregung und zum größten 
Teil den Stoff für seine „Sieben Legenden“. Die Quellen der „Sieben 
Legenden“ Gottfried Kellers finden sich sämtlich in diesem ersten Bande 
der Kosegartenschen Sammlung. Dieser erste Band besteht aus zwei Büchern 
mit fortlaufender Seitenzählung. Das erste Buch bringt die Legenden in 
Versen und nur eine einzige Legende in Prosa, „Die Jungfrau und der 
Böse“; diese ist die Quelle der ersten Marienlegende Kellers. Die Vorlagen 
der andern sechs Legenden Kellers stehen im zweiten Buche, das nur Prosa 
enthält. Bei der großen Seltenheit des Werkes dürfte es an der Zeit sein, 
diejenigen Legenden Kosegartens, die den Sieben Legenden Kellers zugrunde 
liegen, wieder einmal abzudrucken und dadurch der Forschung zugänglicher 
zu machen als sie bisher waren. 

Über das Verhältnis seiner Sieben Legenden zu ihrer Quelle äußert sich 
Keller selbst in dem angeführten Briefe an Freiligrath: „Ich fand nämlich 
eine Legendensammlung von Kosegarten in einem läppisch frömmelnden 
und einfältiglichen Stile erzählt (von einem norddeutschen Protestanten 
doppelt lächerlich) in Prosa und Versen. Ich nahm sieben oder acht Stück 
aus dem vergessenen Schmöker, fing sie mit den süßlichen und heiligen 
Worten Kosegärtchens an und machte dann eine erotisch-weltliche Historie 
daraus, in welcher die Jungfrau Maria die Schutzpatronin der Heiratslustigen 
ist. Wenn Gutzkow den Handel entdeckt, so wird er mich des Plagiats 
beschuldigen.“ Kosegarten erzählt durchaus im Geiste der älteren Legenden¬ 
sammlungen, aus denen er schöpfte. Marienwunder, Askese, Märtyrertum 
und die Macht des heiligen Wortes bilden den erbaulich-lehrhaften Inhalt 
der Stücke, die Keller zur Nach- und Umdichtung aus dem ersten Bande 
der Legenden Kosegartens auswählte. Wie er dabei mit dem Geiste dieser 
frommen Erzählungen schaltete, soll im Anschluß an ihren Neudruck hier 
kurz erörtert werden. 


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Die Quellen der Sieben Legenden von Gottfried Keller. 

Eugenia. 

Kosegarten I, 190- Die Legende von der heiligen Eugenia. 

(Eugenia mar bie Sochter beS SßfjtfippuS, eines eblen (Römers, welker, ba üjm 
oom Senat bie ©tatthalterfchaft oon (Egqpten übertragen mürbe, mit feiner ©attimt 
(Staubia, mit feinen beiben Söhnen, ©ergiuS unb 8Ioitu8, unb mit jener feiner 
einigen Sndjter nach MIejanbrien gog. §ier befugte (Eugenia bie Stufen ber Söetfen, 
in melden fte ber $f)t(ofopf)te, ber Sjtateftil unb 3if)etorif mit fordern (Eifer oblag, 
bafj enbtich ihre ßefjrer felbft nicfjt mefjr im ©tanbe maren, il)re SBifjbegierbe gu 
befriebigen. ßmeen Süngfinge, ©öljne oon greigetaffenen, bie in ifjreS Vaters $aufe 
geboren unb ergogen maren, unb (ßrothuS unb $t)agintf)u8 fjiefjcn, feilten alte 
itjre ©tubien, unb malten ebenfalls in ben SBiffenfdjaften gute gortfchritte. 31(8 
(Eugenia funfgetjn 3at)t alt mar, geroann SlquitinuS, ber ©otjn bcS HonfutS, fie 
tieb, unb bemarb ficfj um ihre £anb. (Eugenia aber fagte gu itjm: gu einer gufriebnen 
(Sfje bebarf eS meniger ber ©Ieicf)f)eit beS ©tanbeS, als ber ©teidjljeit ber ©efinnung. 
Um biefe .Qeit fielen ifjr bie ©Triften beS SIpoftctS (ßautuS in bie £>änbe; biefe taS 
fte mit großem gteijje, unb mürbe burd) fie für baS ßfjriftent^um geroonnen. 

9htn mar ben S^riften erlaubt roorben, in ber (Röhe ber $auptftabt auf bcm 
Sanbe ifjreS ©otteSbienfteS gu pflegen. 91(8 (Eugenia (Eines ©onntagS Vergnügens 
falber mit ihren beiben 3ugenbgefäf)rten auf ein benachbartes ßanbgauS fuhr, unb 
ber SBeg fte eine Hirche ber (Stiften oorüberführte, hörte fte bie VJorte beS (ßfaltnS 
fragen: Set §eiben ©ötter ftnb ©ögen; ber §err aber h at ben $immet gemacht. 
$ört ihr auch, fprach fte gu ihren ©efährten, roaS biefe fragen? 3ft bie 2Baf)rf)eit 
auf ihrer ©eite, fo hoben unfere SRebner, Sichter unb SBeifen, fo hoben SIriftotelcS 
unb ißlaton unS irregeführt, unb mir befinben uns auf bem Stöege gunt Verberben. 
SDleine greunbe, fuhr fte fort, burch bie ©eburt bin ich eure ©ebieterinn geroorben, 
burch bie VkiSgeit aber eure ©chmefter. ßaffet unS oottenbs Vrüber, Iaffet unS 
(Sljriften roerben. Sie 3ünglinge maren eS rooht gufrieben. Sogleich oertaufchte 
(Eugenia ihren meiblichen 9tngug mit männlicher flteibung, unb begab fich fammt ben 
Süngtingen gu einem nahen ÜDtönchSftofter ber $etenuS=Vorftabt. £>e(enu8 mar ein 
ÜJlann ©otteS. 8118 er einftenS mit einem Heger biSputirte, unb burch ©rünbe feiner 
nicht mächtig merben tonnte, lieh cr ein großes geuer angünben, unb ging, ©ott 
anrufettb, mitten hinburd), ohne einigen Schaben gu nehmen. SaS burfte ber Heger 
nicht roagen, unb beftanb barüber mit ©chanben. Siefem $elenu8 fteQte (Eugenia ftch 
unb ihre Begleiter als brei junge 2Jtünner oor, roelche, ber SBelt mifjtrauenb, für 
ihre ©eete forgen rooHten. (SS mar jebodj bem (Manne ©otteS baS ©efihtecht ber 
(Eugenia burch ben ©eift geoffenbaret morben. Obgleich er nun fonft tein SBeibSbilb 
in feiner (Rähe gu bulben pflegte; fo fprach er hoch gu biefer: SEBierooht tein (Mann, 
ift gleichmohl beine $anbtungSroeife eines (ManneS mürbig. hierauf lieh cr fie ben 
geifttichen $abit angietjn, unb nahm fte auf in bem Hlofter. (Eugenia galt hier all« 
gemein für einen (Mann, unb (geh nicht anberS, als Vruber (EugeniuS. 


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Julius Freund 


9118 inbeffen tfjr ©Jagen leer gu §aufe gelotntnen war, gerieten il}re (Eltern in 
bie äufjerfte Unruhe, unb liefen fte aufs forgföltigfte fudjen. 9118 fie nirgenb gu 
ftnben war, befragte ifjr ©ater bie ©Jahrfager, welche ihm angeigten, bafi feine Mochtet 
non ben ©öttem entrüdt, unb unter bie Sterne oerfeftt feg. hierauf lief) Iß^ilippuS 
ihre ©tatfle in ben Xempeln auffteüen, unb befahl, ihr göttliche Sljre gu ergeigen. 
©litlerweile führte (Eugenia fammt ihren ©eföljrten ein ^eiliges Heben, unb, a!8 ber 
SBorftefjer beS ÄlofterS ftarb, würbe ber ©ruber (EugeniuS oon ber Kongregation gu 
beffen 9lachfolger ernannt. 

©amalen lebte gu Sllejanbrien eine ©iatrone oon gutem ©tanbe unb oieletn 
3leicf)tl|um, 9lamenS 3Mattia. 3)iefe erhanlte am oiertägigen gieber, unb warb 
burtfj ba8 ©ebet unb bie ©emühungen be8 SruberS (EugeniuS wieber fjergefteHt. 
®afür war fte feljr banfbar, fcfjitfte ihm häufige ©efcfjenle, bie er nie annahm, be=> 
fudjte ifjn auch guweilen in feinem fllofter. Sogleich aber machte bie Schönheit feiner 
Ißerfon unb bie ©nmuth feines Umgangs einen folgen (Sinbruct auf fie, ba| fte enblich 
®ag unb SRacfjt leine SRulje hatte, fonbern nur immer barauf fann, wie fte feiner 
Hiebe unb feines SefitjeS ttjeilfjaftig werben möchte. Um gu ihrem Qmedt gu ge« 
langen, ftetlte fie fid^, als feg fie aufs neue Iran! geworben, unb tief) ben ©ruber 
(EugeniuS bitten, fte gu befudjen. flautn aber hotte er ft<h an ihrem Sette ehtge» 
funben, als fie ihm in ben feurigften ©uSbrüden iljre Hiebe entbedte, gugleidj auch 
il)m um ben $ats fiel, ihn mit großer 3nbrunft lüfjte, unb auf bie fdjaamlofefte 
©Jeife gut ©ünbe reigte. (EugeniuS aber rifj fich mit 9lbfdjeu oon iljr Io8, unb fpradj 
oerweifenb: Klickt mit Unrecht, wahrlich, wirft bu UJlelania*) genannt, bie bu 
eiterft oon geheimer ©oSfjeit, ein Äinb ber ginfternifj bift, unb eine (Srbittn ber 
IjöHifdjen glammen. ©tetania, oon ilgn oerf^mfifjt fid) fehenb, unb beforgenb, bafj 
er ihre ©c^anbe offenbaren möge, glaubte, üjnt guoorfomtnen gu müffen, erhub ein 
gctergefchrei, unb ergäljlte ben hergueilenben ©tägben, ba& ber ©tönd} ihr habe ©ewalt 
antljun wollen. föiemit nicht gufrieben, ging fte gu bem Statthalter ^ß^iligapuS, unb 
rebete alfo: (EugeniuS, ein cfjriftlicfjer fllofterbruber, lam gu mir, als ich Iran! war, 
unb erbot fidj, mir 9trgenei gu geben. 9I1S er fi<h aber allein mit mir fanb, muthete 
er mir SdjnöbeS gu, fiel über mich hei, unb würbe feinen fc^änblitfien ©JiCen mit 
mir öottbradjt hoben, wenn nicht meiner ©tägbe eine, bie auf mein ©efdjrei h^bei* 
eilte, mi<h oon feinen Rauben erlöfet hätte. ®er ©tatthalter gerieth in einen heftigen 
Sorn, unb fchwur, bah biefer Söfewicht ben witben Xhierert foHe oorgeworfen werben, 
gugleith fanbte er bie £äfcher auS, unb befahl ihnen, bie färnrntlidjen ©rüber jenes 
ßlofterS oor ihn gu führen. 3h r (Beleuchten, fprach er gu ihnen, h°t euer ©leifter 
euch gelehrt, unter ber Haroe ber ßeiligleit ein unreines ®erg gu oetbergen, unb 
fthaamloS bie Sucht unfrer grauen gu oerhöhnen? (Eugenia, bie 9Iugen nieberfenlenb, 
batnit ber ©ater fte nicht lennen möge, antwortete mit befcheibner Suoerficht: Unfer 
©leifter hot bie ©einigleit geprebigt, unb benen, bie ftch oon ber ©Jelt unbefledt 


•) b. t. ©cfjroarginn. 


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erhielten, baS ewige ßeben oerheifjen. bafj biefe ©telania eine falfcfje 3euginn feg, 
lönnen wir beweifen. Söffe man bodj jene ©lagb erfdjeinen, auf bie fte ftdj beruft, 
ob biefe auch baS $erj ^aben möchte, uns in» Slngeftdjt auf ihrer Sage ju beharren, 
bie ©lagb warb oorgeforbert, bezeugte eben, als bie oon ©letanien erlauft unb 
abgerichtet worben, baff ihre ©ebieterinn bie lautere SBafjrfjeit gefprodjen habe; 
baffelbige bezeugte auch baS fämmtliche $au 8 geftnbe. 3eftt hielt Sugenia ftcfj nicht 
Iftnger. bie 3 e it beS Schweigens, fprach fte, ift oorüber, unb bie 3eit beS ©ebenS 
ift erftfjienen. ©ott will nicht, bafe feine ^eiligen ber ©ottlofigfeit gediehen werben, 
unb bah bie ©oSheit ftege; fo will ich bann bie ©ahrtjeit barthun, nicht 511 meiner 
Sflechtfertigung, fonbetn ©ott ju Sfjren. 3118 fte bieS gef proben, fahte fte ihr ©emanb, 
jerrih eS oon ber ©ruft bis aum ©ürtel herab, unb ftanb als 3ungfrau ba. (Sr* 
fenne beine bodjter, fpraeh fte ju bem Statthalter. (Srfennet eure Sdjwefter, fprach 
fte 3 U ihren baneben ftehenben ©rübern. 3<h bin (Sugenia, bie ihr fo fthme^lidj 
richtet. $ier biefe finb SßrotfjuS unb ^gajinthuS. 3118 ber Statthalter feine Tochter 
erfannte, fiel er ihr um ben §alS mit lautem ©einen, baffelbige thaten auch bie 
©lütter unb bie ©rüber, hierauf warb (Sugenia mit gülbnen flleibern angethan, 
unb auf ben Schultern beS ©olfeS nach §aufe getragen, ©telania aber unb ihre 
©titfchulbigen würben burch Seuer 00 m £>immel ju Slfthe oerbrannt. 

barnach, als (Sugenia ihre (SItern, ihre ©rüber, unb ihr ganzes $auS jum 
(Shriftenthum belehrt hotte/ entfagte Philippus ber Statthalterfchaft, unb warb von 
ben ßhriften jum ©ifchof erwählt. ©idjt lange hernach warb er, im ©ebet beharrenb, 
oon ben Reiben erfchlagen. ßlaubia lehrte mit ihren Stittbern, wie auch mit IßrothuS 
unb ^qajinthuS, nach 91om gurüd, wofelbft oiele ©tenfcfjen burch f te belehrt würben. 
311S nun ©alerianuS, ber ber ßljriften geinb war, an baS ©eich gelangte, befahl 
er, (Sugenien mit einem an ben §a !8 gebunbenen Stein in bie biber ju oerfenfen; 
allein ber geläfete Stein oerfanl, unb Eugenia wanbeite unbefchäbigt auf ben ©eilen, 
hierauf warb fte in einen glühenben Ofen geworfen, welcher gleich einer tühtenben 
Saube ihr gemahnte, darnach warb fie in einen büfteren flerfer eingefdjloffen, toelcher 
atSbalb oon überirbifcher Jtlarheit erglänjte. ©adjbem fte barinnen eilf bage ohne 
einige Speife jugebracht hotte, erfchien unfer $err (SfjriftuS ihr, reichte ihr baS aller* 
weifcefte ©rob, unb fprach*. ©imnt biefe Speife oon meiner £anb. 3<h bin berjentge, 
ben bu bis in ben bob geliebet hoft. 5arte noch eine Heine ©eile. 31m bage, ba 
ich bie ©eit gelommen, will ich bidj oon bet ©eit erlöfen. 31m heiligen ©eih* 
nachtstage trat ber ©adjrichter ins ©efängnifj, unb fchlug Sugenien baS §aupt ab. 
3 n berfelbigen ©acht erfchien fte ihrer ©lütter, unb oerljiefc ihr, bah fie om nädjften 
Sonntag ihr folgen folle. ber nädjfte bonnerftag erfchien, unb ßlaubia gab betenb 
ihren ©eift auf. IßrothuS unb $gajinthu 8 würben in ben bempel gefchteppt, um 
ben ©öttem ju opfern, burch bie Straft beS ©ebetS jermalmten fte bie ©ötjenbitber, 
unb gewannen hierauf bie ©tärtgrerlrone. 3118 man fdjrieb nach UnferS $erm 
©eburt: 3 ®eil>unbert fechS unb funfjig. 


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Julius Freund 


Die Werbung des Aquilinus ist bei Kosegarten eine belanglose Episode 
im Leben der Legendenheldin. Diese ist bereits durch die Schriften des 
Apostels Paulus fllr das Christentum gewonnen. Bei einem Ausflug an 
einem Sonntagmorgen tönt ihr aus einer Kirche frommer Mönchsgesang 
entgegen: „Der Heiden Götter sind Götzen; der Herr aber hat den Himmel 
gemacht.“ Diese Worte bestärken ihre Zweifel an der Wahrheit der heid¬ 
nischen Religion und Philosophie und bringen den Entschluß, Christin zu 
werden, bei ihr zur Reife. Sie tritt mit ihren Jugendfreunden in ein Kloster 
ein, um für sich und diese das ewige Seelenheil zu erwerben. Diesen Schritt 
hat Keller anders motiviert. Er verknüpft die Abweisung des Aquilinus 
und den Eintritt ins Kloster ursächlich miteinander. Eugenia leidet unter 
den Qualen ihrer uneingestandenen Liebe zu Aquilinus. An jenem Sonntag¬ 
morgen vernimmt sie die Worte des Psalms: „Wie eine Hindin nach den 
Wasserquellen, so lechzt meine Seele, o Gott! nach Dir! Meine Seele 
dürstet nach dem lebendigen Gott!“ Während bei Kosegarten die zufällige 
Berührung mit dem christlichen Gottesdienst eine Yerstandeserwägung aus¬ 
löst, wird bei Keller das Herz des ruhelosen Mädchens getroffen, und sie 
geht ins Kloster, weil auch ihre Seele lechzt und dürstet, um dort den 
Frieden zu finden, den sie seit der Werbung des Aquilinus verloren hat. 
Und während bei Kosegarten die Kirche, aus der der Gesang ertönt, und 
das Kloster, in dem Eugenia Aufnahme findet, zwei getrennte Stätten sind, 
kehrt Kellers Eugenia, nachdem sie männliche Kleider angezogen, nach 
demselben Kloster zurück, aus dem ihr der erste verheißungsvolle Ton 
einer Befriedigung ihrer Herzenssehnsucht entgegengeklungen war. Bei 
Kosegarten verschwindet der abgewiesene Freier aus Eugenias Leben, ohne 
eine Spur zu hinterlassen. Keller dagegen überträgt alle die amtliche und 
richterliche Gewalt, die bei Kosegarten Eugenias Vater eignet, auf Aqui¬ 
linus. Dieser hat die obrigkeitliche Bewilligung dazu zu erteilen, daß 
Eugenias Bild im Tempel auf gestellt wird, bei ihm verklagt die Witwe 
den Mönch Eugenius und vor ihm hat sich Eugenia zu rechtfertigen. Welch 
geniale Erfindung Kellers: statt der anstößigen Gerichtsszene, in der Eugenia 
sich vor Vater, Mutter, Brüdern und allem Volke entblößt, die von keusche¬ 
ster Intimität überhauchte Erkennungsszene unter vier Augen; statt der 
wiedergefundenen Tochter die wiedergefundene Geliebte! Kellers Eugenia 
endet mit einer glücklichen Heirat! Schon hat Keller die Feder fast aus 
der Hand gelegt, da besinnt er sich plötzlich auf seine Pflicht als Legenden¬ 
schreiber, trägt mit schalkhafter Gewissenhaftigkeit nach, was „die Legende“ 
noch weiter von Eugenia und ihren Angehörigen berichtet und krönt seine 
Heldin und ihre Genossen zu guter Letzt mit einem Heiligenschein. Aber 
dieser Heiligenschein ist wirklich nur Schein. Von dem Geiste der alten 
Legende, die das Mönch- und Märtyrertum eines glaubensstarken Mädchens 


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Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller 


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feiert, ist in Kellers „Eugenia“ nichts übriggeblieben. Die Legende be¬ 
wundert Eugenias Eintritt ins Kloster als eine Tat männlicher Geistesstärke 
und Selbstverleugnung in einem Weibe: „Wiewohl kein Mann, ist gleich¬ 
wohl deine Handlungsweise eines Mannes würdig.“ Dagegen läßt sich 
Keller aus dem Munde des Aquilinus vernehmen: „Was soll um aller Welt 
willen eine Mönchskutte und das Leben unter siebenzig Mönchen für ein 
Verdienst und Heil sein auch für die gelehrteste und frömmste Frau?“ 
Keller verspottet das, was die Legende verherrlicht. Er benutzt den 
Legendenstoff zu einer Satire auf das Blaustrümpfchen, seine „Sucht, den 
Mann zu spielen“, sein „Verlangen, sich vom Herkommen des Hauses und 
der Gesellschaft zu befreien“, und er schwelgt in dem Gedanken, daß 
Eugenia „in große Verlegenheit geraten durch ihre männlichen Liebhabe¬ 
reien, schließlich doch die Hilfsquellen ihres natürlichen Geschlechts anrufen 
mußte, um sich zu retten.“ So wichtig ist ihm diese Tendenz seiner 
Emanzipationsnovelle, daß er ihr in den drei ersten Absätzen besonderen 
Ausdruck verleiht; „Eugenia“ ist die einzige von den Sieben Legenden, 
die eine solche Einleitung hat. 

Keller ging in seinen Sieben Legenden von dem Gedanken aus, daß 
mancher frommen Heiligengeschichte eine ursprünglich weltliche Erzählung 
zugrunde liegt, die im Sinne der christlichen Kirche umgedichtet worden 
sei: eine Annahme, die von der neueren Legendenforschung vollauf bestä¬ 
tigt wird. Wenn ich hier einer vagen Vermutung Raum geben darf, so 
sei mir der Hinweis gestattet, daß der Kern der Legende von der heiligen 
Eugenia vielleicht in einer antiken Erzählung gefunden werden könnte, die 
unter Hygins Fabeln überliefert ist (Hygini Fabulae edidit Mauricius Schmidt. 
Jenae 1872 S. 150, CCLXXIV): 

Antiqui quia obstetrices non habuerunt, unde mulieres verecundia 
ductae interierant (nam Athenienses caverant, ne quis servus aut f[o]e- 
mina artem medicinam disceret) Agnodice quaedam puella virgo con- 
cupivifc medicinam discere * quae cum concupisset, demptis capillis habitu 
virili se H[i]erophilo cuidam tradidit in disciplinam * quae cum artem 
didicisset et f[o]eminam laborantem audisset ab inferiore parte, veniebat 
ad eam, quae cum credere se noluisset existimans virum esse illa tunica 
sublata ostendebat se f[o]eminam esse: et ita eas curabat • quod cum 
vidissent medici se ad f[o]eminas non admitti Agnodicen accusare coe¬ 
perunt, quod dicerent eum glabrum esse et corruptorem earum et illas 
simulare imbecillitatem * quod cum Areopagitae consedissent Agnodicen 
damnare coeperunt * quibus Agnodice tunicam allevavit et se ostendit 
f[o]eminam esse * et validius medici accusare coeperunt * quare * tum 
f[o]eminae principes ad iudicium convenerunt et dixerunt: vos coniuges 
non estis sed hostes, quia quae salutem nobis invenit eam damnatis • 


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Julius Freund 


tune Athenienses legem emendarunt ut ingenuae artem medicinam 
discerent. 

Das Motiv, daß Agnodice sich vor dem Areopag entblößt, ihr wahres 
Geschlecht offenbart und dadurch die falsche Anklage niederschlägt, zeigt 
eine auffallende Ähnlichkeit mit der Gerichtsszene der Legende. Sollte 
Keller die Hyginfabel gekannt und eine Beziehung zwischen ihr und der 
Eugenienlegende vermutet haben? Wenn man dies annehmen durfte, so 
ließe sich daraus vielleicht ein merkwürdiger Wortanklang zwischen Hygin 
und Keller erklären: „quod dicerent cum gl ab rum esse et corruptorem 
earum“ — „Deshalb halte ich Dich nach wie vor für einen glatten un¬ 
bärtigen Kauz von Betrüger, dem ich garnicht traue!“ — 

Die Jungfrau und der Teufel. 

Kosegarten I, 34. Die Jungfrau und der Böse. 

Sin getoiffer fefjr reidfjer unb fefjr mächtiger Sftitter, meldjer burdj unseitige freigebig» 
feit fein Out beträdjtlidj gefdjtoäcfjet, gerietf) am Snbe in foldje ©ürftigfeit, bafj er, meldjer 
fonft baS ©röjjte auSjufpenben pflegte, fegt beS flleinften beburfte. SS fjatte aber ber* 
felbige eine überaus süchtige unb fromme Sfjegenoffin, toeldje bet ^eiligen Jungfrau all 
if)te Cebctage mit fonberlii^er 3lnbacfjt 3 U gebenten pflegte. 8 US nun eine gemiffe geftlidj* 
feit ftdj nafj’te, bei melier befagter Stitter grofje Vergabungen auSjut^eilen gemoljnt 
mar, er aber nidjt fjatte, mooon er bieSmal geben fönne, geriet^ er in grofje §erjen 8 * 
angft unb Setümmerntfj, befdfjtofj enblidj, fo lange jene geftlidjjleit bauerte, über ßanb 
ju reifen, unb oertiefte fidj in eine müfte, feiner Xraurigleit angemeffene, Oegenb, um 
bort feiner Vefümmernifc nadfjsuljängen, ber Vefdfjämung aber ju entrinnen, ©ielje, 
ba fprengte mit einemmafjfe ein geroiffeS feljr gräfjlidjeS SRofj auf ifjn an, meines 
einen nodj oiel gräfjti<$eren SReuter auf feinem Sftücfen trug, melier iljn fofort an« 
rebete, unb nad) ber Urfadj feines flummerS formte. 8118 er ilpn nun alles, maS 
ftdj begeben Ijatte, nadE) ber Orbnung auSeinanber gefeget, fagte jener: SBenn bu 
mir ju SBiflen fegn millft in einer einzigen ganj geringen @ad(je, fo miß idj bir ju 
größerem Slnfeljen unb Veicijtljum oerfjelfen, als bu oorljin jemalen befeffen. ©ogleid) ge« 
lobte jener ftdfj bem gürften ber ginfternifj 3 u getreuen ffiienften, unb oerfjiefj alles 
3 u tljun, maS er ifjrn beföhle; nur foße er fein Verfpredjen erfaßen, hierauf fagte 
ber Vöfe: ©elje nadfj §aufe, unb fudfje nadj an bem unb bem Orte; fo mirft bu 
fo unb fo oiel fßfunb OolbeS, fo unb fo oiel $entner ©ilberS, unb einen großen 
Raufen löftlidfjer Sbelfteine finben. dagegen begehre iclj roeiter nichts oon bir, als 
bajj bu an bem unb bem Xage beine Sfjegenoffin 3 U mir Ijerfüljren mflgeft auf 
biefen felbigen Ort. Vadjbem ber fftitter foldjeS oerfprodfjen, lehrte er nadj $aufe 
3 urücf, fut^ete nadfj am beftimmten Sßlafte, unb fanb aßeS, maS iljm mar oetljeijjen 
toorben. ©ogleidfj ljub er an, fßallöfte 3 U bauen, Vergabungen 3 U fpenben, bie oer* 
pfänbeten ©runbftüdfe mieber ein 3 ulöfen, Ertappen unb ftnedljte ftdj 3 U 3 ulegen, mie 
normalen. 3118 aber ber anberafjtnte Sag fidj nafjte, rief er feiner ©emafjltnn unb 


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fpracg gu igr: Siebe grau, fege bieg eiligft gu Ißferbe, benn bu gaft einen weiten 
SBeg mit mit gu matten. Sie fromme grau erfcgraf oon $ergen, gub an gu gittern unb gu 
beben, wagte gleicgtoogl nicgt, bem ögegemagl gu wiberfprecgen, fonbem befahl 
fug in bie §ut bet geüigen gungfrau, unb folgte igrent SJtanne. 3118 fie nun eine 
giemlüge ©trede fortgeritten, unb unterwegs eine flircge gefunben, ftieg bie fromme 
grau oom Sßferbe, unb trat in bie ßircge, toägrenb ber SJtann gauffen garrete. 3IIS 
fie nun gier ber geitigen gungfrau fug auf baS aHeranbädjtigfte befoglen, ift fie 
plöglicg in einen tiefen unb fügen ©cglumtner gefallen, unb ift bagegen bie glor» 
würbige gungfrau oom Hltar gerunter getreten, gat alle ©eftalt unb ftleibung be« 
fagter grauen angenommen, ift ginauSgcgangen, unb gat fug gu ißferbe gefegt, wügrenb 
jene fcglafenb in ber ftircge gurQct blieb. SS roufite aber ber Witter nicgt anberS, 
als bafj eS feine $auSfrau wäre, welcge igm folgte. 31IS fie nun an ben bewußten 
Ort gelangten, ftürmte ber gürft ber ginfterntg bager geraaltiglicg, unb fprengte 
gegen fie an mit grofjem UngeftQm. ©obalb er aber näger getommen, gub er an gu 
gittern unb gagen bermafjen, bafj aucg feine ftniee fcgroanften, unb feine ©cgentel 
unter igm gu bre(gen fcgienen. Unb fpracg gu bem SRittec: D bu allerungetreue« 
fter bet Wtenfcgen, wie gaft bu micg fo böSlicg betrogen 1 wie oergiltft bu mir 
foIcgeS für alle meine ©uttgaten 1 Seine Sgegenoffin follteft bu mir bringen, unb bu 
bringft mir bie Wtutter ©otteS felber. Seine ©attinn wollte icg gaben, unb bu 
bringft mir bie aHerfeligfte Wtaria. Sein 2öeib, baS mir oon feget oiel gebranntes Serge» 
leib gugefügt, wollte iig peinigen an biefem Ort, unb bu bringft mir meine aller« 
grimmigfte geinbinn, bie mein Weicg gewaltiglidg unb unoerfögnlitg oerftflret. 8118 
fotcgeS ber WitterSmann görte, entfegte er ftcg über bie SDlagen fegt, unb oermocgte 
oor gurcgt unb SBerwunberung aucg lein SBörtlein gu reben. Sie geilige gungfrau 
aber fpracg gu bem 33öfen: £> bu Wrger, wie gaft bu bieg oermeffen mögen, meiner 
Sienerinn, bie mir gemibmet ift, gu fegaben. ©olcge greeggeit foH bir nicgt ungeftraft 
auSgegen. gagre ginunter augenblicflicg an beinen Ort, unb nimmer wieber oerfuege 
einer fotegen gu fegaben, welcge micg mit Slnbacgt anruft. 811fo fagte bie gungfrau, 
unb oon ©tunb an fegieb ber SBöfe oon ginnen mit grofjem ©egeul unb SBegttage. 
Ser Witter aber ftieg oom ißfetbe, unb warf ftcg ber geitigen guttgfrau gu gügen. 
Siefe, naegbem fte bie ©ünbe igm auf baS fegürffte oerwiefen, befagl igm gu ber 
fiircge gurüdgutegren, wo er feine SauSfrau noeg fcglafenb finben würbe, fofort aber 
alle ©cgüge beS SBöfen oon ftcg gu werfen. Ser Witter tgat wie igm befolen, unb 
tegrte gurüd gu feiner fegtafenben ©attinn, welcge er wedte, unb alles waS begegnet 
war, igr getreulieg ginterbraegte. 3I1S fte nun gu Saufe getommen, unb alle ©egäge 
beS SöfewiegtS oon fug geworfen gatten, ftnb fte aU igr Sebetage begattet im ßobe 
unb Sienfte ber aüerfeligften Jungfrau. Unb gat bie geilige Jungfrau ignen in ben 
fotgenben Sagen größere Sgre unb Weicgtgümer gugewanbt, als fte oorgin femalen befafjen. 

Die Jungfrau der Legende bleibt Sieger auf der ganzen Linie. Der 
Teufel wollte ibre fromme Vertreterin peinigen, aber sie vereitelt es in 


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eigner Person, sie schickt zuerst den Teufel heim und dann den Teufels- 
btlndner, ja sie gewinnt in ihm einen neuen Verehrer. So leicht macht es 
Keller der Jungfrau nicht; hat sie es übernommen, die Rittersfrau vor 
dem Teufel zu vertreten, so muß sie auch mit dem Teufel kämpfen! Kellers 
Teufel will die Minne eines guten irdischen Weibes in der Mainacht ge¬ 
nießen, um das Paradies zu vergessen und den ewigen Untergang leichter 
zu ertragen. In seiner Leidenschaft erkennt er die Jungfrau nicht (wie bei 
Kosegarten), und sie schließt ihn in ihre Arme. Nun ringt er mit Titanen¬ 
gewalt, sich aus der Gefangenschaft loszuwinden; aber auch die Jungfrau 
muß alle Kraft zusammennehmen, um am Ende doch einzusehen, daß sie 
zuviel unternommen, und nach halbem Siege etwas ermüdet in ihr Kirch¬ 
lein zurückzukehren. Die Jungfrau der Legende verleiht ihren Verehrern 
größeren Reichtum, als der Teufel jemals geben konnte. Diese mate¬ 
rialistische Nutzanwendung des Mariendienstes widerstrebte Keller und es 
verletzte sein Rechtsgefühl, daß der Verräter eines so braven Weibes mit 
einem Verweis aus dem Munde der Jungfrau davonkommen und gewisser¬ 
maßen noch obendrein belohnt werden sollte. Die Wiedervereinigung der 
beiden Gatten hat etwas Erniedrigendes für die Rittersfrau und für Maria 
selbst, auf deren Geheiß sie geschieht. Hier hat Keller mit kräftiger 
Chirurgenhand in die Überlieferung eingegriffen und die Würde der Frauen 
gerettet. Der treulose Gebigo bricht den Hals. Alle Liebe zu ihm ist aus 
dem Herzen seiner Witwe weggetilgt, „unerklärlicherweise für sie“, aber 
nicht für den Leser, der hierin das Wirken der Jungfrau erkennt, die sich 
bereits nach einem anderen Manne für Bertrade umsieht, „der solch an¬ 
mutiger Liebe würdiger wäre als jener tote Gebigo“. 

Die Jungfrau als Ritter. 

Kosegarten I, 124. 

mar einmal ein SRitter, ber Ijiefe 2Batteroon33itberg. 2>erfelbige Ijatte Unfre 
Siebe grau fcfjr lieb, unb ritt einflenS in einen Xurnier. 3118 er nun untermegg an eine 
ftircfee (am, bat er feine ©efeüen, juoor mit if)tn eine 9fteffe ju fjören. 2>iefe rootlten nidjt, 
unb ritten fflrbafe. Sllfo blieb SRitter SBalter alleine bort, liefe Unfrer Sieben grauen ju 
©f)ten eine 3Jleffe fingen unb opferte mit grofeer Slnbadjt. S)ann ritt er in ben Stornier. 
Unterroeg8 begegneten ifern oiele ÜRenftfeen, melcfje fagten, bafe ber Stornier bereit« oorüber 
rofire. ®r fragte, mer am beften geflogen fjabe? 2>ie fagten, ba8 feat ®err ÜBalter oon 
Sirberg getfjan, ben rüfemet man oor allen anbern. 2)a8 nafem ben SRitter Sßunber; bod) 
ritt er fürbafe, unb !am notf) frütje genug, um ben Stornier fammt anbern SRittem mit 
grofeem Sobe ju enben. SRadj geenbigtem Stornier lamen oiele SRitter ju ifern, unb befahlen 
fief) feiner ©nabe, al8 foldje, melclje im ©teeren oon ifem mfiren übermunben morben. 
S)a erlannte er mol)l, bafe foldje (Sljre ifjm oon Unfrer Sieben grauen ©nabe mieber* 
faferen märe, unb banfte ifer mit grofeer Slnbadjt, unb biente ifer, bermeil er lebte. 


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Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller 


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Für „die Jungfrau als Ritter“ fand Keller bei Kosegarten nur diese 
kurze Andeutung des Marienwunders, das den Kern der Legende bildet. 
Alles andere ist seine Erfindung, besonders auch die enge Verknüpfung 
der beiden ersten Marienlegenden durch die Person der schönen Bertrade, 
deren Hand die Jungfrau dem Ritter Zendelwald erkämpft. Auch die 
Tendenz ist die gleiche wie in der vorhergehenden Legende: hat es die 
Jungfrau einmal übernommen, den Ritter beim Turnier zu vertreten, so muß 
sie auch die zärtliche Liebhaberrolle des Tumiersiegers spielen! 

Die Jungfrau und die Nonne. 

Kosegarten I, 117: 

3n einem fllofter mar eine fcfjöne fJtonne, bie fjief) 23eatriy, unb roar ftüfterinn, 
Diefelbe warb non fünblicfjen ©ebanten gar fjeftig angefocfjten. 9118 fte e8 nun nicht 
länger ju ertragen oermochte, trat fte eines 9lac$t8 oor ben 9l(tar Unfrer Sieben 
grau unb fpradj au ihr: £), bu aüerliebfte grau SJlaria, ich l)abe bir bisher gebient 
auf baS befte, als ich nur oermochte. 91ber fegt nimm bu bie Schlüffe! ju bir; ich 
lann baS ßeiben in meinem $erjen nicht länger ertragen. 9118 fie baS gefprodjen, 
legte fie bie ©cfjlüffel auf ben 911tar, ging aum fflofter hinaus, unb ergab ftch bem 
gemeinen ßeben ooHe fünfzehn 3«h r - bie fünfzehn 3oh rc um waren, empfanb 
fie grofje 9teue in ihrem $erjen, ging ju ber fßforte beS ÄlofterS, unb fprach au 
ber fßfdrtnerinn: Äennft bu eine grau hier inne, welche SSeatrij; fjeijjt, unb ift Äüfte* 
rinn? Sie fßförtnerinn fprach: Stecht gut fenne ich fie. ©>e ift eine fromme grau, 
unb auS ber SRaften bemüthig, unb hat ftch aHaeit wohlgehalten. 9118 baS Seatrij 
härte, wollte fie wieberum gehen. Sa trat Unfre ßiebe grau au if)r, unb fprach: 
ffomm nur wieber herein, unb beffere bidj; ich bin bie ganäe Qeit über Äüfterinn 
gewefen an beiner Statt. Sa ging ®eatrij wieber in baS fllofter unb that ®ufje, 
unb eraäljlte allen grauen, wie grofee ©nabe ihr oon Unfer Sieben grauen wieber* 
fahren feg. 

Keller beseitigte die grob-sinnliche Begründung der Klosterflucht, das 
gemeine Dimenleben und die ihm folgende Reue. Kellers Beatrix geht 
nicht unter in der Welt, nach der sie sich aus den Klostermauem gesehnt 
hat, sondern schafft sich ihr Glück darin. Zum Lohn für die Treue, die 
sie Wonnebold bewiesen, wird sie dessen rechtmäßige Gemahlin. Nach 
mehr als zwanzigjähriger glücklicher und kinderreicher Ehe kehrt sie ins 
Kloster zurück, ohne an der Pforte zu zagen, ohne erst von der Jungfrau 
zum Eintritt aufgefordert zu werden; denn sie hat nichts zu bereuen und 
braucht sich nicht zu bessern. Hören wir schon aus dem milden Vorwurf, 
mit dem die Jungfrau sie am Altar empfängt, daß selbst der Mutter Gottes 
der lange stellvertretende Küsterinnendienst ein wenig langweilig geworden 
ist, so trägt der von Keller hinzugedichtete Schluß der Legende die kloster- 


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feindliche Tendenz an der Stirn: Beatrix hat der Jungfrau die reichste 
Gabe dargebracht; ihr zweckvoll verbrachtes Leben ist der Jungfrau lieber 
gewesen als unfruchtbare Abgeschiedenheit im Kloster. 

Das Marienwunder hat Keller in allen drei Marienlegenden beibehalten 
und damit den eigentlichen Grundcharakter der Legendenart bewahrt. Er 
nimmt die naiv-anthropomorphische Auffassung der Mutter Gottes scheinbar 
gläubig an, aber er verspottet sie, indem er sie folgerichtiger und kühner 
durchführt als seine Quelle. Er schrickt nicht davor zurück, die Jungfrau 
ein paar recht gewagte Abenteuer bestehen zu lassen, um zu zeigen, in 
was für Lagen sie kommen muß, wenn sie die Rollen, die die Überlieferung 
ihr zuteilt, wirklich voll und ganz ausfüllt. So nimmt er die katholische 
Mythologie beim Wort und bekämpft sie mit ihren eigenen Waffen. Ander¬ 
seits aber macht er aus der schulmeisterlich-altjüngferlich strafenden und 
lohnenden Gottesmutter „Kosegärtchens“ eine prächtige, lebensvolle, echt 
menschlich und mütterlich fühlende Frau und er sorgt dafür, daß sie nicht 
zur Beschützerin sittlich anfechtbarer und abstoßender Charaktere wird. 
Er verurteilt den elenden Gebigo zu einem jähen Tode, statt ihm die 
besondere Gnade der Jungfrau zuzuwenden und er adelt die Figur der von 
ihr beschützten Beatrix und erhöht dadurch das Bild der Jungfrau Maria 
in bewußtem Gegensatz zu Kosegarten. 

Der schlimm-heilige Vitalis. 

Kosegarten I, 212: Die Legende von der heiligen Thais der Buhlerinn. 

Sie Sufjterinn 2f)at8 mar non fo auSerfefenet Schönheit, bah niete 3üng* 
finge um ihretroiHen tfjr ganjeS Sermögen oerfdjmenbeten, unb am ®nbe in bie 
bitterfte 9frmutlj gerieten. 9futfj mar ihre $au 8 tf)ür ber Xummetpla| unaufhörlicher 
Salgereien, unb ifjre Sdjroelfe mar häufig gefärbt mit bem Stute ber eiferfüdjtigen 
ßiebfjaber. 9118 ba 8 ber heilige IßapljnutiuS f»örte, 30 g er einen meftfidjen $abit an, 
ftecfte einen ©oltbuS 3 U fi<h, unb reifte 3 U ihr, bie in einer (Sggptifdjen Stabt ihr 
SBefen trieb. 9TI8 er nicht ohne SKü^e cor fie gefommen mar, reichte er if|r ben 
©otibuS ftatt be 8 SünbenlohneS. Sie nahm ba 8 ©elb, unb fpracf) 3 U ihm: Safe 
un 8 in bie Kammer gehn. 9118 fte in bie ftammer famen, unb bie Suhlerinn ihn 
einlub, ein prächtiges, mit reifen Sieden gegiertes Sette 3 U befteigen, fprach ißaph* 
nutiuS: ÜBenn bu ein geheimeres ©ernadj fjaft, fo fajj unS in biefeS gehn. Sie 
führte ihn in ein foIdjeS, bann in ein britteS, bann in ein oierteS unb fünftes. 
3 mmer noch bauchte eS bem gremben nicht geheim genug. 3 ntmer noch befolgte er, 
bah ihn jemanb fehen möge. XfjaiS fpracf): 3 ch habe freilich noch ein ®emadj, mo 
eS unmöglich iß' bah ein menfdjficheS 9fuge uns finben möge. Scheueft bu bich 
aber tor ®ott, fo bebenfe, bah fein ®emach fo geheim ift, rootjin fein 9fuge nicht 
bringe. 9U8 baS IßaphnutiuS hörte, fpradh er 3 U ihr: ©0 meiht bu alfo, bah ein 
®ott feg. Sie fprach: 3<h ®eih, bah ein ®ott ift, unb auch, bah eS eine oergeltenbe 


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Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller 


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Cwigfeit giebet. ®a fprach bet 9lbt: SBenn bu bo8 weifet, warum haft bu benn 
fo niete Seelen gu Orunbe gerietet? SBiffe, bafe bu niefit blofe für beine Seele, 
fonbem aud) für bie tätigen wirft ftrenge Stechenfchaft geben müffen. 91(8 baS bie 
»ut)lerinn hörte, fiel fte gu be8 StbteS güfeen, unb fprach, unter »ergiefeung nietet 
2^rfinen: 3<h weife, bafe e8 aud) eine »ufee giebt, unb feoffe burth bein (Sebet bie 
Vergebung gu erlangen. So bitte icfj bitf) bann, bafe bu mir nur einen breiftünbigen 
Suffdjub gewäfereft; hernach will id) gehn, wohin bu wiUft, unb tljun, wa8 bu mich 
(jeifeeft. Stäubern ber 8tbt ifer hierauf einen Drt begegnet batte, wo fte gu ibm 
tommen foKe, trug fie alles gufammen, waS fte mit ihren Sünben erworben batte, 
machte einen grofeen Raufen barauS, unb oerbrannte e8 9lngeficht8 be8 SßolfS auf 
öffentlichem SJtarlt. 68 betrug aber ber SBertl) be8 ®angen nicht weniger, benn 
einbunbert (ßfunb ®olbe8. 91(8 alles in 9lfche oerwanbeit war, ging fte an ben Drt, 
ben ihr ber 9lbt beftimmt batte. SDiefer führte fie in ein Sungfrauenf (öfter, unb 
oerfcblofe fte bafetbft in einer gang Keinen Seile. 2)ie Ib flr oerftegelte er mit »lei, 
unb liefe nur ein engeS genfterdjen übrig, burch welches er ihr täglich ein wenig 
Stob unb SBaffer gu reichen befahl. 9(18 fte beim 9Ibfchieb ihn fragte, wie unb auf 
wa8 SBeife fie gu (Sott beten foKe, fprach er: bu bift überall noch nicht würbig, ben 
^eiligen unb (Reinen gu nennen. §üte bi<h, feinen Slawen au8gufprechen, unb beine 
$änbe gen §imme( gu beben; benn beine Sippen ftnb nod SchmugeS, unb beine 
§änbe ood UnratbS. »egnüge bi<b, auf bem »oben (iegenb, unb gen Hlorgcn 
fchauenb, bisweilen auSgurufen: ®er bu mich gebilbet baft, erbarme bich meinl 9118 
(EbaiS auf biefe SBeife brei 3af)re eingefchloffen geblieben war, jammerte ^apfjnutiuS 
ihrer, unb er reifte gum heiligen 9lntoniu8, um non ihm gu erfahren, ob (Sott ihr 
ihre Sünben erlaffen habe. 9lntoniu8 rief bie »rüber gufammen, unb legte ihnen 
ben gaH oor; bann befahl er ihnen, bie Stacht gu burchwachen, unb jeber für ft<h 
im ®ebet gu beharren, ob eS etwa (Sott gefallen möchte, feinen äBiden gu offenbaren. 
®iefer Offenbarung würbe 9lntoniu8 ältefter Schüler, ber 9lbt (ßauluS, gewürbigt. 
68 fahe nämlich (ßauluS im geuer beS (SebeteS ben Fimmel offen, unb in ber »litte 
beffelben ein löftUcheS, reich oergierteS »ette flehen, beffen brei Sungfrauen mit leuch* 
tenben 9lngefichtem hüteten. ®ie erfte Sungfrau war bie gurcht ber gulünftigen 
Strafen, welche baS ®emüthe nom »Öfen abgiefjt; bie gweite war bie Schaam über 
bie begangne Sünbe, welche bie »ergebung erwirbt; bie britte bie Siebe beS ©uten, 
welche ben ®eift gum $immel erhebet. 9118 nun (ßauluS fragte, ob fo grofee $err* 
lidjleit nicht etwa bem heiligen 9lntoniu8 bereitet feg, warb ihm bie 9lntwort: Sticht 
beinern »ater 9lntoniu8, fonbem ber Sünberinn ®hai8. 9lm folgenben SDtorgen 
ergählte »auluS bieS ©eftcfjt in noHer »erfammlung, unb »aphnutiuS, jegt beS gött* 
liehen SBiHenS gewife, gog fröhlich hei«t/ eilte gu ber ®hai8 Bede, unb entftegelte bie 
Xljüre. ®h°i8 bat, bafe ihr oergönnt werben möchte, noch länger brinnen gu bleiben. 
»aphnutiuS aber fprach: ®ehe heraus, meine lochtet; benn beine Sünben finb bir 
oergeben. Sie fprach: ©ott ift mein Beuge, bafe, feit ich biefen Drt betreten, ich 
aus allen meinen Sünben 6inen »ünbel gemacht, unb folgen oor mich hrrrflcftcltt 


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Julius Freund 


f)af>e; fo wenig nun ber St^cm ftd> non ber 9tafe entfernt, fo wenig ftnb mente 
©ünben au$ meinen Stugen oerfdjwunben, unb id) $abe nidjt aufgcljört ju meinen, 
inbem id) fte betrachtete. $apljnuttu8 ermieberte: Glicht beiner SJufce halber Ijat bk 
©ott bie ©ünben erlaffen, fonbern weit bu bie gurdjt nicht auS beinern ©emüthe Uejjeft. 
SUfo ging 2d)ai8 aus ihrer 3tUt fjeruor, leb** noch big in ben funfgehnten Xag, unb 
entfchlief in grieben. 

Neben der Legende von der Jungfrau als Ritter ist die vom schlimm- 
heiligen Vitalis in den stofflichen Einzelheiten die selbständigste unter den 
sieben Legenden Kellers. Außer der Figur des heiligen Mannes, der als 
Liebhaber verkleidet zu der Buhlerin geht, und ein paar geringfügigen 
Wortanklängen hat Kellers Novelle vom schlimm-heiligen Vitalis mit Kose¬ 
gartens Legende von der heiligen Thais nichts gemein. Paphnutius gehört 
dem Kreise des heiligen Antonius in Ägypten an. Keller verlegt die Be¬ 
gebenheit nach Alexandria, dem Schauplatz der „Eugenia“ und in den An¬ 
fang des achten Jahrhunderts und erweitert den einzelnen Fall zu der Dar¬ 
stellung der Abenteuer eines Mönchs, der es sich zur besonderen Aufgabe 
gemacht hat, verlorene weibliche Seelen zur Tugend zurückzuführen. Die 
Geschichte der langen dornenvollen Laufbahn des Vitalis als Hetärenbe¬ 
kehrer ist ganz und gar Meister Gottfrieds eigne Erfindung. Die „Legende 
von der heiligen Thais, der Buhlerin“ veranschaulicht die Macht des heiligen 
Wortes an dem Beispiel der Bekehrung dieser Sünderin durch Paphnutius. 
Keller verkehrt das Motiv ins Gegenteil: er läßt die geistliche Beredsam¬ 
keit seines Helden zuschanden werden. Vitalis scheitert mit seinen Be¬ 
kehrungsversuchen zunächst bei der gefährlichen „roten Löwin“. In seinem 
asketischen Eifer erträgt er freudig das Martyrium des denkbar schlechtesten 
Rufes, ja sogar Gefängnis; er wird zum Totschläger, Kirchenräuber und 
Dieb, nur um immer wieder zu der Sünderin zu gelangen und die ganze 
Macht seiner Beredsamkeit aufzubieten. Sie läßt sich fünfmal von ihm be¬ 
kehren, aber jedesmal nur zum Schein, und alle diese Opfer sind umsonst 
gebracht. Dann beginnt er bei dem feinen Kaufmannstöchterlein Jole seine 
schönsten Predigten, die er je gehalten. Joles Schönheit ruft seine erhöhte 
Beredsamkeit hervor, aber „es war das erste Mal, daß ihm seine Bekehrungs¬ 
kunst so rund fehlgeschlagen“. Ja vor Joles sittigen Reizen bleibt seine 
gewohnte Redekunst schließlich in seinem Halse stecken, und statt zu be¬ 
kehren wird er selbst bekehrt: Jole macht aus dem wackeren Märtyrer 
einen noch besseren Ehemann. So ist Vitalis ein Gegenstück zu Eugenia. 
Beide sind Heilige, die zu Kindern der Welt werden. „Eugenia“ und „Der 
schlimm-heilige Vitalis“ sind keine Legenden mehr. In diesen beiden humor¬ 
vollen Novellen entfernt sich Keller am weitesten von dem Geist seiner 
Quelle. Ein beiden gemeinsamer Zug bezeichnet die gemeinsame Tendenz: 


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nach jahrelanger Überspannung der Kräfte in widernatürlichem Beginnen 
macht sich bei Eugenia und Vitalis ein starkes Ruhebedürfnis geltend, und 
die Krise der Umwandlung der Mönche Eugenius und Vitalis zur Ehefrau 
und zum Ehemann, die innere Oesundung vom verfehlten zum wahren Beruf, 
die Rückkehr zur Natur, vollzieht sich bei beiden in einem erquickenden 
Schlaf. Von Eugenia heißt es, „daß sie ganz vergnüglich schlief, wie je¬ 
mand, der sich von ausgestandenen Beschwerden erholt“, und 
von Vitalis: „da war es ihm, als ob er nun vorerst von langer Mühsal 
ausruhen möchte und siehe da, mein Vitalis neigte sein Haupt zur Seite, 
nach Jolen hin, und schlief ohne Säumnis ein und bis die Sonne aufging“. 

Wie in den Marienlegenden ist im schlimm-heiligen Vitalis die Jung¬ 
frau Maria „die Schutzpatronin der Heiratslustigen“. Wie sie Bertrade mit 
Zendelwald vereinigt und die Ehe zwischen Beatrix und Wonnebold segnet, 
so schreitet sie auch hier ein und benutzt Jole als unbewußtes Werkzeug, 
um den verirrten Mönch auf einen wohlanständigen Weg zu führen. Sie 
erscheint hier als Nachfolgerin der Juno, der „Beschützerin ehelicher Zucht 
und Sitte“, und indem sie Uber die Liebesnot ihres Verehrers Vitalis zu 
lächeln scheint, beschleunigt sie selbst als Marmorbild den Gang der Dinge, 
die zur Ehe fuhren. 

Dorotheas Blumenkörbchen. 

Kosegarten I, 182: Die Legende von der heiligen Dorothea. 

Doru8, bet 9tdmifdjen Senatoren einer, mar fefer reich an Siedern unb beerben, 
an ißattäften, ßanbljäufern unb Weinbergen. 3118 aber eine Ijerbe Berfolgung über 
bie Befenner Sfjrifti auSbradj, oerliefe er alles um Sferifti mitten, unb fIofte mit 
feiner ®attinn Xljea, mit jrnei Dödjtem, Sferifte unb Sallifte genannt, über 
baS SJleer in ba8 ßanb Sappabocia, in beffen §auptftabt ©äfarea er feinen Wohn* 
PS nahm. $iet mürbe ifjm eine Dotter geboren, roetcfje ber Bifcfjof be8 DrteS heim» 
lieh taufte, unb augleidj ihr einen Stauten gab, ber au8 benen beS BaterS unb ber 
ÜDtutter gufanunengefeftt mar. Dorothea marb fdjon als ein jarteS SDtägblein mit bem 
heiligen ®eift erfüllt. 3118 fte aber feeranroudjS, übertraf fie alle Sungfrauen ber 
$auptftabt, mie an leiblicher Schönheit, fo auch an Sucht, Weisheit unb grömntig» 
feit. Da8 oerbrofe ben Srbfeinb atteS ®uten, unb er befchlofe, nicht ju ruhen, er 
habe benn bie fromme Jungfrau entroeber leiblich ober geiftig oerberbet. 3« folgern 
Cnbe entjünbete er baS $etj be8 ßanbpflegerS gabriciuS gegen bie 3ungfrau, 
unb gab ihm ein, mit Darbietung aller feiner Schäfte um fte ju merben. Doch ber 
heiligen Dorothea bauchten alle Schäfte ber Srbe oerächtlicher, al8 taube Spreu, unb 
auf baS beftimmtefte erftärte fie, roie fie feines anbem Bräutigams begehre, als 
beffen, ber mit feinem Blute fte ju feinem ©igenthum erroorben hohe. 

Dajumalen hotten Diocletian unb SDtajimian bie atterleftte unb attergraufamfte 
Berfolgung über bie ftirdje oerhängt, groh beS BormanbS, feftte gabriciuS f«h 


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Julius Freund 


auf feinen 9 ticf)terftut)I, unb Ijtefs bie Sungfrau non intern ©tauben Sieb* unb Snt« 
wort geben. Sa nun Sorotljea fid) ni<fjt nur öffentlich gutn S^riftent^um befannte, 
fonbern auch bie >C^or^eit unb Sünblichteit beS ©ögenbienfteS mit einbringenber 
Serebfamleit barthat, befahl gabriciuS, fie in ehr ©efäh »oU fiebenbeS OeleS gu 
fegen. SaS fchabete bet ^eiligen Jungfrau fo wenig, bah f te vielmehr mit einem 
löftlidjen Salfarn gefalbet, unb nur noch f<h®ner unb fchimmember geworben gu fetjn 
fcfjien. Surdj biefeS SSmtber würben oiel Reiben belehret. gabriciuS aber fchrieb eS 
jauberifchen fünften 3 U, unb befahl, Sorotheen in ben flerler gu legen, worinn fte 
neun Sage oerblieb, ohne bah »h r baS geringfte an ©peife unb Scan! gereichet 
warb; beffen fte benn auch nicht beburfte, als bie oon ihrem hitntnlifthen Sräutigam 
fattfam unb überflüfftg gefpeifet würbe. 

Sltn zehnten Sage lieh gabriciuS eine h°^ e ©äule errichten, unb auf beren 
©pige ben 3I6gott StpoHo fegen. Sann h«h er Sorotheen hüten, unb befahl ihr, ben 
©ögen angubeten. ©ie fprach: 3<h bete ©ott an, unb leinen Särnon. $uglei<h fiel fte 
nieber, h u b §änbe unb 9lugen gen Fimmel, unb bat ben 3lHmächtigen, bah er bodjj 
ein Reichen bewahren möge, bah er allein ©ott feg, unb aufjer ihm lein anbrer. $lög= 
lieh traf ein Sonnerftraljt bie ©äute, unb germalmte fte bergeftalt, bah auch lein 
©täubchen weber oon ihr, noch von bem ©ögenbitbe gu finben war. Sie ftiehenben 
Sämonen aber fegrien in ber ßuft: Sorothea, Sorothea, waS oerfolgft bu unSl Sa 
würben oiel taufenb Reiben gläubig, betannten ftch taut gu ©grifto, unb brängten 
fich gum SJtartertobe. Sorothea warb an ben güfjen aufgehenlt, mit Süthen gehauen, 
mit ©lorpionen gegeihett, mit eifemen flämtnen gerriffen, mit brennenben gadeln 
gefengt. $aI 6 tobt warb fte in ben fterlet gurüdgeführt. 3lm Storgen war alte ©pur 
einiger Verlegung oerfchwunben. 

Sarüber oerwunberte fich ber ßanbpfleger felber. Sorothea, fprach er, anmuttjigeS 
Slägblein, bu bift genug gegüdjtigt worben. ÜJtödjteft bu wenigftenS fegt noch eines 
Seffern bich beftnnenl Unb er befahl, fte gu ihren ©djweftem, (Eh r tfte unb Eallifte, 
gu bringen, welche auS gurcht beS SobeS 00 m ©Iauben abgefallen waren, tjoffenb, 
bah »hr Seifpiet auch bie ©chwefter gum Stbfatt bewegen würbe. Statt beffen aber 
rebete Sorothea ihren ©chweftern gu mit fo erweichenber greunbtichleit, prieS bie 
©ühigleiten ber göttlichen ßiebe ihnen mit foldjer Segeifterung, fchilberte bie greuben 
beS ewigen ßebenS ihnen in fo glühenben garben, bah fte, ihren StbfaH fchmetglith 
bereuenb, ftch oufS neue gu 3efu Ehrifto wanbten. 3118 baS ber ßanbpfleger erfuhr, 
befahl er, beibe, Süden gegen Süden gebunben, ins geuer gu werfen. 8 Hfo errangen 
biefe bie Stärtgrertrone. 

Qu Sorotheen aber fprach er: 2Bie lange, bu 3auberinn, willft bu unfer fpotten? 
Sntweber opfre, bah bu lebeft, ober wiffe, bah baS SobeSurtgeil über bich fprechen 
werbe, ©ie fprach: ©0 fprich eS benn fein halbe. Schon längft oerlangt mich, gu 
meinem ßiebften gu gelangen, in beffen ©arten ich Sofen unb Sepfel pflüden, unb 
mich ewig mit ihm laben werbe. Ser Sgrann ergrimmte, unb befahl, üjt amnutljigeS 
Slngefidjt bermahen gu gerfegen, bah aut h leine ©pur ihrer Schönheit übrig bliebe. 


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Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller 


143 


2 >a8 traten bie genfer, unb jetarbeiteten ftdj bermafeen übet bem graufamen ©e* 
fdjüfte, bafj tf)re State enbltcf) etmübet nieberfanfen. 3n bet SRacfjt abet Reifte EljriftuS 
feine liebe ©raut, unb gab iljr bie oerlorne ©djönfjeit gönjlidj roieber. 

Srn folgenben Sage fpratfj bet ßanbpfleger baS £obe8urtf)etI über ©orotljea. 
818 fte nun jum 3fjor bet ©tabt Unausgeführt rourbe, unb oiet ffioI!S ifjr folgte, 
gebaute Xf)eopf)iIu8, bet ©efjeimfcfjreiber, an bie SBorte, roeldje fte junt ßanbpfleger 
gefprodjen Ijatte, unb bat oerf)öf)nenb, ihm bocf) auch oon ben frönen Stofen unb 
Sepfetn ju fc^itfen, bie fie int ©arten ifjrcS ßiebften pflöcfen mürbe. 2)aS oerfpracf) 
bie Sungftau, unb 2f)eopI)iIu8 tad^tc beS eitlen ©erfprecfjenS. 9U8 abet Dorothea 
betenb niebertniete auf bem SRidjtpfaj}, um ben ©djmertftreidj ju empfafjen, ftelje, 
ba ftanb ein Änabe oot ihr, angetfjan mit einem purpurnen SJtantel ooH golbnet 
Sterne; fein Qaa t mar frauS, bie güfie bloß, fein ßirtgcftcfjt fefjr fdjön unb t)oIb=» 
felig. 3" $ftnben trug et ein Äörbcfjen, morinn brei Stofen unb brei Slepfel lagen, 
bie reifte et Sorotljeen. ©orotljea abet fpracfj ju ifjm: £f)ue mit ben ©efaüen, 
lieber ©ruber, unb bringe biefe Slepfel unb Stofen bem ©efjetmfthreiber X^copbjiluS. 
hierauf befahl fte fidj ©ott, empfing ben ©chmertftreich, unb gelangte felig jum 
Snfdjaun beS f)tmmltfcf)en ©etiebten. ®a8 geföah an bem 3bu8 beS gebruar, im 3ah r 
Ehrifti 3roeif)unbert a<ht unb achtzig. 

Xfjeopt)iIuS ftanb im ©aüaft beS ßanbpflegerS am genfter. ©lötjlidj ftanb bet 
ffnabe oot ihm, jog ihn bei ©eite, unb fpradj ju ihm: 2)iefe Stofen unb Sepfel 
fc^icft meine ©djmefter SJorothea bit auS bem ©arten ihres ßiebften. SIS et foIcfjeS 
gefprodjen, oerfchroanb er. Sugenblitflich brach XEjeop^ituS auS in laute ßobpreifungen 
3efu Ehrifti unb bet heiligen Dorothea. 8udj mürbe butch bie ©emalt feinet ©rebigt 
unb butch bi* Snmuth beS 3ei<henS faft bie ganje ©rooinj ju Ehrifto belehrt. SIS 
baS bet ßanbpfleger erfuhr, befahl er, 2fjeopf|ituS noch graufamet ju martern, 
als Sorotljeen gefchehen mar, hierauf aber ihn in fleine ©tücfe ju jerljauen, unb 
bie ©tücfe ben $unben oorjumerfen. Stfo marb 23jeopf)iIu8 getauft mit SBaffer unb 
mit ©lut, unb Dorothea empfing ihn freunblich im ©arten beS ©eliebten. 

Keller propfte der Legende das zarte Reis der Liebe zwischen Doro¬ 
thea und Theophilus auf und machte aus der von Marterqualen strotzenden 
Blutzeugenlegende ein Liebesidyll rom feinsten poetischen Schmelz. Als 
ein seelenkundiger Führer erzählt er uns die Geschichte dieser Liebe. Er 
erklärt Dorotheas schwärmerische Frömmigkeit als den natürlichen Ausfluß 
unbefriedigten Herzensdranges nach selbstverschuldeter Enttäuschung in der 
Liebe und begründet so Dorotheas Hinwendung zum Christentum auf die¬ 
selbe Weise wie Eugenias Eintritt ins Kloster. Er macht aus Theophilus, 
der bei Kosegarten nur eine episodenhafte Nebenfigur ist, einen zweiten 
Helden der Legende. Er entwickelt den Charakter dieses Mannes und 
seiner Liebe aus seiner Jugendgeschichte und seiner Stellung als Neben¬ 
buhler seines Vorgesetzten Fabricius. Nicht höhnend, wie bei Kosegarten, 


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144 


Julius Freund 


sondern im höchsten Seelenschmerz bitter lächelnd, fordert Theophilus 
Dorothea auf, ihm von den Bosen und Äpfeln ihres himmlischen Bräutigams 
zu senden. Sie schickt ihm aus dem Jenseits drei leicht angebissene Äpfel, 
er ißt sie auf, und von leidenschaftlicher Sehnsucht nach der toten Geliebten 
erfüllt, verkündet er das todbringende Bekenntnis. So mißt Keller dem 
"Wunder die Bedeutung und Wirkung eines antiken Liebesgrußes bei. Aber 
trotz der erotisch-weltlichen Motivierung ihres Bekennertums sind Dorothea 
und Theophilus die Helden einer Märtyrerlegende geblieben. „Dorotheas 
Blumenkörbchen“ mit dem wundervollen Schluß, der das Wesen der Liebe 
in himmlischen Sphärentönen besingt, wurzelt tief in dem Boden des 
frommen Glaubens, aus dem alle Legendendichtung hervorgewachsen ist. 
Die Verschmelzung der „kirchlichen Fabulierkunst“ mit einer „mehr pro¬ 
fanen Erzählungslust oder Novellistik“ ist hier restlos gelungen, und 
„Dorotheas Blumenkörbchen* ist nach meiner Ansicht das stilreinste Kunst¬ 
werk der modernen Legende. 

Das Tanzlegendchen. 

a) Kosegarten I, 118: 

(ES mar ein gräulein non ritterbürtigem ©efdfjledfjt, baS tangte gar gerne. (Eines 
XageS {am ein Sßrebiger in ifjreS SBaterS ©auS; ber fragte, maS beS gräuleinS 
Iiebfter 3ehoertreib unb größtes SBergnügen feg? ÜJtan fagte ifpn: Xa8 Xattgen. 
SDa fpradj er gu if)r: Siebes gräulein, möchtet iljr mof)I (Einen Sag lang eudj aller 
t$röl)tidE)feit enthalten, um barnadf) ein gangeS 3af>r lang nad) eures ©ergenS ßuft 
in f$<euben gu leben? Unb möchtet iljr moljl ein gangeS 3aljr lang beS XangenS 
müfjig geljn, bafern if)t Ijernarf) all euer Sebelang fo oft unb fo oiel langen bürftet, 
als iljr nur immer begehrtet. XaS gtöulein fprad): XaS möchte idf) gang gerne. 
SBeiter fpracf) ber 2Jtönd): SBotttet if|r nidjt ablaffen non ber Siebe ber SBelt, unb 
baS oergänglidje eitle Xangen oerfcfjmäfjn, bamit iljr bermaleinft mit ©ott ber emigen 
greube genöffet, unb tangen unb fpringen möchtet mit feiner lieben ÜDtutter Sftaria 
unb mit allen Ijimmlifdjen ©eerfc^aren? 2)a fdjroieg baS gräulein ftille eine lange 
SBeile, unb feufgte fdjroerlid). (SnblidE) fpracf fte: Um einiges oergänglidjen ©uteS 
mitten möchte idj baS Xangen nicf)t oerf^roören, rooijl aber um mit ©ott unb feinen 
©eiligen beS emigen XangeS gu genießen, üönnt iljr mir nun beroeifen, bafj man 
au<fj im ©itnmel tanget unb fpringet, fo mitt idj attem irrbifdjen Xang abfagen, unb 
mitt tljun maS il)r micfj Ijei^et. Xa bemieS ifjr ber SJlöndfj auS bem ein unb breifjig* 
ften Kapitel beS 3eremia§, imgleidjen auS ben Sßfalmen XaoibS, unb auS vielen 
anbern ©teilen ber ©dfjrift, bafj audj im ©itnmel getangt merbe. 8Iucf) fagte er: (ES 
ftefjet gefdjrieben, baf} bie Seligen im ©itnmel fotten bie ootte ©enüge Ijaben in attem 
maS fte begehren, ©efefct nun, fte überfänten eine SBegierbe gu tangen, unb eS märe 
im ©itnmel lein Xang, fo Sötten fte nitfjt bie ootte ©enüge, fonbern es gebräche 
itjnen ein Xing, beffen fie begehrten, baS märe gegen baS Hare SBort ©otteS. 8118 


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Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller 


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ba8 baS grftulein fjörte, gelobte fte bem SDtöncfj, bafj fte ba8 langen laffen rooHe, 
Sötte unb feiner lieben Mutter gu Sieb. Zejj mürben ifjr 93ater unb iljre Mutter fefjr 
frol), unb liefen iljr ein geiftli($ ffleib machen, rote fte e8 roünfdjte; barinnen biente 
fie Sötte in ibjrer (Eltern $aufe mit großer gnnigteit. 9118 oier 3af)re um mären, 
morb fte heftig hon!, unb oergie^e ficf» be8 2cben8. Zie greunbe unb SSermanbten 
rieten i^r, bafj fte fidj möchten berieten laffen. ©ie fpratf): 3<f) rotH märten bamit 
bi8 mein geiftlidjer 93ater fömrnt; id) bin geroifj, itf) roerbe nicfjt fterben fo lange er 
nidjt ba ift, id) 1)abe meinen Sräutigam, gefum Gfjriftum, barum gebeten, unb er 
l)at e8 mir gemästet. Za fam ber ißrebiger, burdj ®otte8 ©d)icfung, au8 fernen 
fianben, unb roufste nidjt, bafj ba8 gräulein han! feg. gu b«n fpradj ba8 gräulein: 
Sieber SSater, id) roerbe nun non Rinnen fcfjeiben mit eurem Urlaub. 33a oerforgete 
ber ißrebiger fie mit unferS ©erm grofjnleidjttam unb mit bem ^eiligen Dele. ©ie 
aber manbte bie Hugen gen §immel unb fafjc ben ißrebiger fröljlidj an unb fpradj: 
Sieber 93ater, als bu mid) befe^rteft, gelobteft bu mir, bafi aud) im Fimmel gelangt 
unb gefprungen merben foUe; be8 ®elübbe8 entfaff’ id) bid); benn eben jetjt gur 
©tunbe 1jabe idj unfern lieben $erro mit feiner lieben Mutter unb ben fjeiligen 
gungfraun im Fimmel in einem fdjönen lange gefetjn; bcrfelbige Zang ift audj mir 
bereit in Sroigleit. 8118 fte foldjeS gefptocfjen, oerfdjieb fte in großen greuben. 

b) Kosegarten I, 126: 

©anct ®regoriu8 gebenft einer gungfrau, 91amen8 Mufa, bie tangte aufjer 
ber Mafien gerne; unb oor unb nad) bem 23ange biente fte Unfer Sieben grau mit 
großem ffimfie. 8118 biefe einftenS im ®ebet begriffen mar, fam Unfre Siebe grau 
gu Ujr mit oieten fdjönen gungfrauen, bie tangten mit einanber einen gar anmutigen 
Zang. Maria fragte bie gungfrau, ob fte rooljl auf biefe SBeife eroiglidj mit ben 
Sungfrauen tangen unb fpielen möcfjte? ©ie fprad): Stecht gerne. 2)a fpraef) Maria: 
So lafj bein Zangen mir gu Sieb’ oon fjeut an bis in ben breifjigften Zag; unb 
am breifjigften Zage roill idj roieber gu bir fontmen, unb miH bid) gu bem eroigen 
greubenreigen führen. Zarnit oerfdjroanb Unfre Siebe grau. Zie 3ungfrau aber 
beichtete unb tljat SSufje, unb gütete ftdj oon ©tunb’ an oor bem Zange unb oor 
anbem ©ünben. Unb am breifjigften Zage fam Unfre Siebe grau, mie fte gelobet 
Ijatte, unb Ijolte bie gungfrau gur emigen greube. 

In dieser kürzeren Fassung fand Keller die Namen des Gewährsmannes 
und der Heldin und die erste Vision, bei der er statt der Jungfrau Maria 
ihren königlichen Ahnherrn David erscheinen läßt. Aus der längeren 
Fassung nahm er die mehrjährige Bußzeit und die Krankheit der Heldin 
und die Vision in der Todesstunde. Keller erzählt die Geschichte dieses 
entsagungsvollen Verzichtes auf die weltliche Freude scheinbar ganz im 
Geiste des asketischen Ideals der Legende und doch nicht ohne manchen 
Zug einer leisen Ironie. Zu solcher Beimischung schien die längere Fassung 
Kosegartens wie von selbst einzuladen, denn sie berichtet, wie die Jungfrau 


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Julius Freund, Ludwig Theoboul Kosegarten und Gottfried Keller 


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lange zögerte, ehe sie gelobte, das Tanzen zu lassen, wie sie den Beweis 
dafür forderte, daß im Himmel auch wirklich getanzt würde, und wie ihre 
Bedenken und Zweifel erst durch eine sehr eingehende Beweisführung über¬ 
wunden werden mußten. Auch die in der längeren Fassung Kosegartens 
überlieferte Freude ihrer Eltern über ihre Heiligung war ein Zug, den 
Keller sich nicht entgehen ließ, ohne ihn ein wenig zu würzen, indem er 

hinzufügte: „Ihre Verwandten und Freunde-freuten sich über den 

Besitz einer solchen Heiligen und hüteten die Einsiedelei unter den Bäumen 
wie einen Augapfel. Viele kamen Hat und Fürbitte zu holen. Vorzüglich 
brachte man junge Mädchen zu ihr, welche etwas unbeholfen auf den Füßen 
waren, da man bemerkt hatte, daß alle, welche sie berührt, alsobald leichten 
und anmutvollen Ganges wurden.“ Kellers ureigenste Zutat aber ist der 
Schluß, der Festtag im Himmel, der anfangs zwar die neun Musen mit der 
Jungfrau Maria und andern Heiligen traulich vereint, dann aber in einem 
lang hinrollenden Donnerschlag ausklingt, der die Musen zum Schweigen 
bringt und für immer aus dem Himmel verbannt. Hier, am Schlüsse seiner 
Sieben Legenden, zeigt uns Keller auf einmal ein ernstes Gesicht: ver¬ 
schwunden ist der Zug leiser Ironie, der um seine Lippen spielte, und 
wehmütig grollend beklagt er — wie einst Schiller in den Göttern Griechen¬ 
lands — den Sieg der christlich-asketischen Weltanschauung über das schön¬ 
heitstrunkene Lebensideal und den heiteren Gottesdienst der Antike. 

So steckt denn bei aller Anmut und Kunst doch auch recht viel pole¬ 
mische Tendenz in Kellers Sieben Legenden. Polemik gab ja den ersten 
Anstoß zu ihnen. Die Wiedergabe der Legenden der alten Kirche durch 
einen norddeutschen protestantischen Geistlichen hatte Keller zum Wider¬ 
spruch gereizt. Und so trat an die Stelle der erbaulich-lehrhaften Wunder¬ 
erzählung mittelalterlichen Ursprungs die durch ihre Tendenz in anderem 
Sinne lehrhafte „Reproduktion“ eines modernen Freigeistes. 


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Tafel XIX 



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Metallschnitt des 15. Jahrhunderts. 


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MITTEILUNGEN 


Zwei unbekannte Formschnitte des 15. Jahrhunderts. 

I. Maria mit dem Kinde unter heiligen Frauen. 

(Hiertu Tafel XIX.) 

Maria sitzt in der Bildmitte auf großem gotischen Thron. Das Kind neigt 
sich nach links herab, wo die heilige Katharina mit dem Schwert in der Rechten, 
das Rad neben sich, sitzt und mit der Linken dem Kinde den Ring hinaufreicht. 
Ihr gegenüber sitzt Barbara, das aufgeschlagene Buch auf dem Schoß, den Turm 
neben sich. Hinter Katharina und Barbara gruppieren sich zu beiden Seiten 
des Thrones heilige Frauen. Von diesen sind an den Attributen erkennbar die 
heilige Dorothea (Rosenzweig) und die heilige Clara (Monstranz) hinter der 
heiligen Katharina; die heilige Margaretha (Drache), Agathe (Zange), Lucia 
(Augen in der Schale) hinter der heiligen Barbara. Über den Gruppen links 
und rechts vom Thron je ein Engel, der eine die Harfe, der andere die Laute 
spielend. Unten abschließend ein Textstreifen: • Ista * est • speciosa * inter * 
Alias * iherusalem *. Im Abstand von ca. 1,5 cm ist eine Zierleiste gelegt: 
Wolkenband mit Sternmusterung; in den vier Ecken die Evangelistensymbole. 
Metallschnät ca. 1465. Kolorit: rot (Lack), gelb, grün. 250x170 mm ohne, 
325x250 mm mit der Bordüre. 

Das in der Literatur nicht bekannte Schrotblatt überrascht rein äußerlich 
durch seine Größe sowie durch den Figurenreichtum der Darstellung. Die 
schlichte, edle Komposition mit der wohlerwogenen Verteilung der Figuren und 
der geschickten Füllung des hellen Grundes durch Engel ist in anderen Metall¬ 
schnitten des 15. Jahrhunderts schwer zu finden. 

Auch das Thema: die Verlobung des Christuskindes mit der heiligen Ka¬ 
tharina in einer großen Gruppe heiliger Frauen, ist in der frühen Graphik eine 
seltene Erscheinung. Ich kenne nur eine graphische Darstellung, welcher die 
unsere zur Seite gestellt werden kann: den berühmten niederländischen Holz¬ 
schnitt in Brüssel mit der Jahreszahl 1418 (Sehr. 1160). Bekanntlich ist der 
Schnitt wesentlich später anzusetzen. Hier gruppieren sich um die Mutter mit 
dem Kinde Katharina und Barbara, Dorothea und Margaretha. Unsere viel reichere 
Gestaltung zeigt einen unleugbaren Zusammenhang mit der niederländischen 
Malerei, wo das Thema besonders heimisch war. Hier hat sich offenbar eine 
ganz feste Ikonographie gebildet, wobei jeder Heiligen stets der gleiche Platz 
zukam. Ein Bild wie der — freilich spätere — Altarflügel Memlings im Louvre 
mit der Verlobung der heiligen Katharina muß dem Künstler unseres Schrot- 


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Mitteilungen 


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blattes als Vorbild gedient haben. Damit erklärt sich auch die, wie vorhin er¬ 
wähnt, für ein Schrotblatt auffallende Komposition; dafür spricht die Übereinstim¬ 
mung in der Anordnung der Heiligen, dafür sprechen die beiden schwebenden Engel 

Das einzige, im Thema an unseren Metallschnitt anklingende Schrotblatt 
ist im Germanischen Museum in Nürnberg x ). Es stellt Maria mit dem Kinde 
dar; links steht Katharina (aber ohne den Ring zu empfangen), rechts Barbara. 
Diese weit einfachere Darstellung ist auch nur aus niederländischer Quelle ab¬ 
leitbar. Die beiden Heiligen sind in der niederländischen Malerei mit Vorliebe 
Maria beigesellt. Die Marienfigur selber führte Lehrs, der das Nürnberger Blatt 
besonders schätzt, auf den Meister von Zwolle zurück. Sicher ist, daß wir es 
mit einem Blatt niederländischer Grundlage zu tun haben und auch von dieser 
Seite eine Stütze für die niederländische Herleitung des von uns publizierten 
Metallschnittes erhalten. 

Die künstlerische Eigenstellung des Blattes wird durch eine entwickelte Metall¬ 
technik bestimmt, die durch vielfache, geschmeidige Faltenzeichnung und ein 
reich ausgebildetes Netz von Kreuzschraffuren eine weiche Stofflichkeit bewirkt 

Wo ist nun dieser Metallschnitt entstanden? Eine durchaus befriedigende 
Antwort erlaubt der heutige Stand der Forschung noch nicht. Molsdorf 2 ) hat 
zum erstenmal methodisch eine Gruppe zusammengestellt, welche er für Köln 
in Anspruch zu nehmen vermag. An diese gerade durch große Blätter ausge¬ 
zeichnete Gruppe denkt man zunächst bei der Lokalisierung unseres Schnittes. 
Die niederländischen Elemente würden recht gut dazu passen. Dagegen fehlen 
alle nötigen Übereinstimmungen: von dem für Köln charakteristischen Hang zu 
landschaftlicher und szenenreicher Ausgestaltung des Grundes findet sich nichts in 
unserem Blatt; desgleichen widerspricht sich die Technik; die Wolken-Bordüre, 
welche in Köln eine Anzahl von Schrotblättern erhielt, ist zwar mit unserer 
äußerst ähnlich; aber die Kirchenväter fehlen der unseren 3 ); desgleichen sind 
Detailabweichungen nicht zu übersehen. 

Überzeugende Parallelen ließen sich auch anderwärts unter den bekannten 
Schrotblättern nirgends finden. Es bleibt daher nur die niederländische Erfindung 
zu betonen. Die Entstehung in den Niederlanden selbst wäre möglich. Außerdem 
ist wohl nur an ein Grenzgebiet zu denken, an Burgund oder an den Niederrhein. 

II. Der heilige Bernhard. 

(Hierzu Tafel XX.) 

Der Heilige mit Bart und Nimbus hat die Rechte redend erhoben; im 
linken Arm den Abtstab haltend, faßt er mit der linken Hand die beiden Enden 

*) Vgl. die Abbildung in: Die Schrotblätter des Germ. Museums zu Nürnberg. Str&ßburg 1908 
(Heitzsche Einblattdrucke). 

9 ) Molsdorf, Die Bedeutung Kölns für den Metallschnitt des XV.Jahrhunderts. 1909. 

3 ) Eine Kopie unserer Bordüre, verkleinert und derber geworden, findet sich um den Madonnen* 
Metallschnitt gelegt, den Bouchot (200 incunables) unter Nr. 60 bespricht und abbildet. 


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Einzel-Holzsclmitt des 15 . Jahrhunderts 


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J 


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eines Bandes, welches dem vor ihm stehenden Teufel um den Hals gelegt ist. 
Die Teufelsgestalt ist gehörnt, mit langen Ohren, haarigem Körper und Tier¬ 
klauen versehen. Auf dem Oberkörper erscheint ein fratzenhaftes Gesicht. 
Hinter den Figuren rechts ein Pfahl, um den sich ein Rebstock mit Blättern 
und Trauben windet, links ein Ährenbüschel. Oben schließt ein Wolkenband 
ab, aus welchem eine Hand sowie einige Strahlen hervorragen. Eine größere 
Anzahl von Hagelkörnern ist zwischen dem Wolkenband und dem Boden aus¬ 
gestreut. Über dem Bilde ein Textstreifen: O sant bernhart behüt win und 
körn. Holzschnitt, schwäbischen Ursprungs um 1470. 193 x 129 mm. Kolorit: 
grün, braun, gelb, grau. 

Der bisher vollkommen unbekannt gebliebene Einblattdruck ist zunächst 
durch seinen Inhalt von Bedeutung. Offenbar handelt es sich um den heiligen Bern¬ 
hard von Menthon, den Gründer des Bernhard-Hospizes. Von ihm erzählt die Legende, 
daß er dem Teufel seine Stola um den Hals geschlungen habe, um ihn so zu 
überwinden. Nach einer Überlieferung soll der Teufel versucht haben, den 
Heiligen durch Wind, Blitz und Hagel von sich fern zu halten. Aus eben 
dieser Angabe scheint sich ein lokaler Bemhardkultus entwickelt zu haben, 
welcher den Heiligen als Saatenbeschützer feiert. Der Zeichner hat diesen Inhalt 
in knappe künstlerische Form gebracht. Im Sinne der komplettierenden Dar¬ 
stellungsweise setzt der Zeichner die Kampfszene des Heiligen zusammen mit 
dem Ährenbündel und dem Weinstock, welche die blühende Ernte versinnbild¬ 
lichen und deutet durch einige Hagelkörner das Unwetter an, welches der Heilige 
bannt. Die Entstehung des Schnittes möchte man sich in einer weinreichen 
Gegend, also etwa am Rhein, vorstellen. Die Formengebung und die Technik 
sprechen jedoch stark für schwäbischen Ursprung und machen Augsburg als 
Entstehungsort wahrscheinlich. 

Es sei noch hinzugefügt, daß das Thema unseres Holzschnittes durchaus 
ungewöhnlich und in der Graphik des 15. Jahrhunderts ohne Parallele ist. Ein 
einziger Holzschnitt ist mir bekannt geworden, welcher ebenfalls den heiligen Bern¬ 
hard von Menthon enthält und im Zusammenhang mit unserem erwähnt zu 
werden verdient. Es ist ein Schnitt von kleinen Dimensionen (90x125 mm) 
und offenbar vom Ende des Jahrhunderts. *) Der Heilige steht da zwischen zwei 
Teufeln, die sich über die Seele eines Sterbenden hermachen. Im Hintergrund 
sehen wir interessanterweise ein Aehrenbündel, das von Hagelschlossen über¬ 
schüttet wird; darüber eine Strahlen aussendende Wolke mit dem Auge Gottes. 
Es ist für uns wichtig, daß diese Szene gleichsam als Nebenhandlung eingeführt 
wird, während sie durch die Haupthandlung durch nichts bedingt ist. Die 
übergeschriebene einzeilige Legende ist lediglich eine kurze Bitte des Sterbenden 
an Sankt Bernhard um Erlösung. So war bisher die kleine Hintergrundszene 


T ) Sehr. 2931 (1276 a), Leidinger: Einblattdruckc der Kgl. Hof-und Staatsbibliothek München. 


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Mitteilungen 


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unverständlich. Jetzt kommt neues Licht von unserer großen Darstellung her. 
Aus ihr haben wir gelernt, daß der heilige Bernhard als Saatenbeschützer galt 
und vorgestellt wurde. So erklärt sich jetzt die Einfügung der Hagelszene auf 
dem kleinen Schnitt als notwendige ikonographische Beigabe, gewissermaßen 
als Erkennungsschild, welches der Zeichner dem Heiligen beizufiigen gewohnt war. 

E. R. 


Ein französischer Opferkasten um 1500. 

(Hiertu Tafel XXI.) 

Im XXIX. Bande der Preußischen Jahrbücher (1908) hat Lehrs auf die so¬ 
genannten Opferkasten aufmerksam gemacht, kleine eisenbeschlagene Holzkasten 
mit eingeklebten Holzschnitten, welche in der Zeit um 1500 angefertigt wurden. 
Die Entstehung aller Lehrs bekannt gewordenen Kasten und deren Schnitte ist 
in Frankreich zu suchen. Das im nachfolgenden zu beschreibende Kästchen ist 
bisher unbekannt geblieben und sein Holzschnitt noch unbeschrieben. Sie reihen 
sich zwanglos der von Lehrs zusammengestellten Gruppe an. 

Hölzerner, mit Leder überzogener und Eisenbändern längs und quer be¬ 
schlagener Kasten; Länge 23 cm, Breite 18 cm, Höhe 13 cm. Der Deckel ist 
nach der Mitte zu gewölbt. An der vorderen Längsseite das alte Schloß, über 
diesem am Deckel eine eiserne Schließe. An den Längsseiten eiserne Oesen 
(zum Umhängen des Kastens). Das Innere des Kastens ist mit Leinwand be¬ 
zogen. In den Deckel ist ein Holzschnitt eingeklebt, der die Verkündigung 
darstellt. Die Abbildung macht eine Beschreibung überflüssig. Der Schnitt 
ist auf der linken Seite stark beschädigt. Unten fehlt ein größeres Stück in 
dem Streifen des Textes, der aus dem Hymnus „Ave maria stella“ stammt. 
Da der erste Teil dieser Strophe fehlt, kann man vermuten, daß über dem 
Schnitt der Anfang der Strophe geschrieben stand; auch läßt sich erkennen, 
daß unten noch der Schluß folgte. Es ist endlich aus den Resten der Um¬ 
fassungslinie zu sehen, daß ursprünglich das Blatt größer war. Beim Einkleben 
kam es eben nur auf den Holzschnitt an. Die Maße des Büdes selbst sind: 
192x154 mm. Kolorit: wässrig-helles Rot, Grün, Gelb, Blau. 

Es gibt zwei Holzschnitte, einen Schmerzensmann (Sehr. 880) und einen 
heiligen Franziskus l ), deren Zugehörigkeit an eine französische Werkstatt richtig 
erkannt ist. Auf Grund stilistischer und palaeographischer Uebereinstimmung 
hat jüngst Molsdorf 2 ) diesen beiden einen völlig gleichartigen Schnitt angereiht, 
der sich im Kupferstichkabinett in Dresden befindet. Es ist die Darstellung 
„Christus als Gärtner und Magdalena“ (Sehr. 554); Schreiber wie Singer 3 ) hatten 

x ) Bouchot (200 incunables), Nr. 157 und Nr. 101. 

9 ) Molsdorf: Schrifteigentttmlichkeiten auf älteren Holzschnitten. Straßburg 1914. 

3 ) Singer: Unika und Seltenheiten im K. Kupferstichkabinett zu Dresden. 1911. 


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Tafel XXI. 



Französischer Einzel-Holzschnitt um 15U0 


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Mitteilungen 


151 


diesen Schnitt auch schon als französisch angesprochen. Den so zusammen- 
gebrachten drei Arbeiten der gleichen französischen Werkstatt fügt sich nun 
der Verkündigungsschnitt unseres Kastens mit unzweifelhafter Sicherheit an. Die 
Behandlung der Körperformen, die Kopfhaltung, die Haaransätze, die Hände, 
dann die Gewandbehandlung, desgleichen die Behandlung des durch Häuschen 
belebten landschaftlichen Grundes stimmen völlig überein. Dazu kommt die 
identische Handhabung der technischen Ausdrucksmittel sowie die Gleichheit 
der Schrifttypen. 

Die Annahme Molsdorfs, daß das Dresdner Blatt einer Serie von Erbau- 
ungsbildera angehört, erfährt nun ihre Bestätigung ! ). Dieses und der von uns 
mitgeteüte Schnitt stimmen sogar in den Maßen überein. Den nun zusammen¬ 
geordneten vier Arbeiten reiht sich als fünfte die * Auferstehung Christi“ in einem 
Kasten des Berliner Kabinetts an, welche Lehrs unter Nr. 3 seiner Opferkastenschnitte 
bereits mit dem Dresdner Schnitt des „noli me tangere“ zusammenbrachte. Ich 
glaube, man darf nun unbedenklich als sechste Arbeit der gleichen Hand den 
schönen Madonnenschnitt aus dem Basler Kasten anreihen, den Lehrs in Licht¬ 
druck abbildet. Die Uebereinstimmungen sind zu schlagend, als daß man sie durch 
den gemeinsamen Charakter der meisten französischen Schnitte jener Zeit erklären 
könnte. Der Christus auf dem Dresdner Schnitt und die Basler Madonna ent¬ 
sprechen sich im Gegensinn in der auffallendsten Weise. Man verfolge den Mantel: 
wie er sich über der Brust teilt, um den herausgreifenden Arm einen Bogen bildet 
und sich hierbei umschlägt; wie er auf dieser Seite in langen Falten und einigen 
Brechungen fallt und auf der anderen Seite nach geradem Herabfallen ein Ueber- 
e in an der von Dreiecksfalten bildet. Der Kopf der Jungfrau stimmt anderseits mit 
dem der Maria auf unserer Verkündigung völlig überein. Es ist nicht der gleiche 
Typus, sondern Strich für Strich die gleiche Bildung. Die Gleichheit in der 
Zeichnung der Augen, des Mundes, der eigentlich im Profil gesehenen Nase 
und der Haare ist auf den ersten Blick einleuchtend. Ich möchte besonders 
nur noch die übereinstimmende Einzeichnung der kleinen Schraffen am Hals 
und die gleiche Bildung des Nimbus betonen. 

So haben wir eine kleine Gruppe französischer Schnitte zusammengestellt, 
deren Entstehung in der gleichen Werkstatt außer Zweifel steht und die offen¬ 
bar alle von einer Hand gezeichnet sind. Es bleibt noch ein Wort zur Datierung 
zu sagen übrig. Das Dresdner Blatt läßt Schreiber 1460—1470 entstanden sein. 
Diese frühe Datierung geht natürlich nicht an. Unsere ganze Gruppe gehört 
einer Periode an, welche Lehrs mit vollem Recht um 1500 ansetzt E. R. 

x ) Molsdorf selbst reiht dem Dresdner Blatt eine Pietä an, die ich aber nicht in meine Zu¬ 
sammenstellung einbeziehe, da mir kein Exemplar des dieselbe enthaltenden Missale zugänglich 
war, welches mir die Nachprüfung gestattet hätte. Desgleichen konnte ich bisher weder das Original 
noch eine Reproduktion des Gottvater-Schnittes zu Gesicht bekommen, welchen Schreiber unter 
Nr. 750 seines Manuel beschreibt und der „analog“ dem Dresdner Blatt sein soll. 


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152 


Mitteilungen 


Zwei unbekannte Teigdrucke. 

(Hierzu Tafel XXII.) 

I. Martyrium des heiligen Sebastian. 

Der Heilige, von zahlreichen Pfeilen durchbohrt, ist links an einen Baum¬ 
stamm (?) gebunden; rechts schießt ein Krieger einen Pfeil auf ihn ab. Der 
Boden zeigt reichlichen Graswuchs. 90x65 mm. Teigmasse braunschwarz. 

II. Der heilige Johannes Baptista 

in ganzer Figur; rechts und links ein Spruchband mit der Inschrift: Inter natos 
mulierum non est maior Johanne Baptista. 91x63 mm. Teigmasse braunschwarz. 
Auf dem Oberrand mit Tinte in alter Schrift der Text des Spruchbandes. 

Die beiden Teigdrucke, welche in der Größe nur minimal differieren, sind 
auf ganz gleichartiges, dünnes Papier gedruckt. Sie waren offenbar nie in Bücher 
eingeklebt. 

Die durch ihre große Seltenheit stets geschätzten Teigdrucke sind in den 
letzten Jahren vor allem von Geisberg und Leidinger zum Gegenstand der 
Forschung gemacht worden, wobei die ihnen zukommende Bedeutung neuer¬ 
dings ins rechte Licht gestellt wurde. Man war in den letzten Jahren auch 
bestrebt, alle noch erhaltenen Teigdrucke in Abbildungen zu veröffentlichen, 
was um so verdienstvoller ist, als die meisten dieser seltenen Stücke Unika sind. 
Es bedarf daher kaum einer Rechtfertigung, wenn nebenstehend zwei Werke 
dieser Gattung reproduziert werden, welche bisher völlig unbekannt waren und 
offenbar auch nur in diesen Exemplaren auf uns gekommen sind. Für die Her¬ 
stellung der beiden Teigdrucke gilt als maßgebend, daß »der Teig ohne vor¬ 
herige Legung eines Grundtohes unmittelbar auf das Papier aufgetragen wurde« 1 ). 
Bekanntlich schließen sich die Blätter dieser Technik zu einer Gruppe zusammen, 
welche Leidinger als die späteste erkannt hat, und welche er in den Beginn des 
16. Jahrhunderts rückt. E. R. 

*) Leidinger in: Teigdrucke in Salzburger Bibliotheken, München 1913. 


Herausgeber: Jacques Kosenthal, München. 
Schriftleitung: Dr. Erwin Rosenthal, München. 


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VERLAG JACQUES ROSENTHAL, MÜNCHEN 


APPENDICES 

AD 

HAINII-COPINGERI 

REPERTORIVM BIBUOGRAPHICVM 

ADDITIONES ET EMENDATIONES 

EDIDIT 

DIETERICVS REICHLING, DR. PHIL. 

GYMMASII REGII PAULINI MONASTERIENSIS PROFESSOR 
FASCICVLI I—VII 


Reicliling sammelte mit großer Sorgfalt alle diejenigen Inku¬ 
nabeln, welche Hain und Copinger unbekannt geblieben oder nur 
ungenügend bekannt geworden waren. Indem er diesen Werken 
eine genaue bibliographische Beschreibung zuteil werden ließ, schuf 
er eine unentbehrliche Ergänzung zu den Arbeiten Hain-Copingers. 
Es war bei Beginn seiner Studien nicht anzunehmen, daß er eine 
solche Fülle unverarbeiteten Materials finden würde, als es sich 
tatsächlich ergab. So entstanden nacheinander sechs Bände. Vor 
allem lieferten die Bibliotheken Italiens eine außerordentlich große 
Anzahl bis dahin nicht beschriebener Inkunabeldrucke. 

‘ Ein eigener Registerband ermöglicht eine rasche Orientierung 
über den Inhalt der sechs Bände und ist durch seine alphabetische 
Zusammenfassung von Druckern und Druckorten selbst wieder ein 
nützliches bibliographisches Nachschlagebuch. 

Preis jedes Bandes M. io.—, des Registerbandes M. 15.—. 

Das vollständige Werk gebunden in zwei starken Halblederbänden 

M. 78.—. 


F. Bruck mann A. G.. München 


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P II 


l FOLGE HEFT VI 


BEITRÄGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN UND MITTEILUNGEN 
AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 


VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1915 


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4 ^"° cö? fov 

DEC J719I9 

Inhalt. 

Tagebuch der Gattin Mozarts von Dr. Ernst Bücken.153 

Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften von Privatdozent Alfons 

Hilka.164 

Hendrik van Goudt von Erwin Rosenthal.177 

Mitteilungen: Ein unbeschriebener Holztafeldruck vom Jahre 1466 . . 187 

Eine Handzeichnung des Melchior Lorichs.190 


Copyright by Jacque9 Rosenthal 


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Dr. Ernst Bücken, Tagebuch der Gattin Mozarts 


153 


Tagebuch der Gattin Mozarts. 

Von Dr. Ernst Bücken (München). 

Eine für die Mozartforschung in mancher Hinsicht wichtige Quelle be¬ 
sitzt J. Rosenthal in einem bisher noch nicht veröffentlichten, handschrift¬ 
lichen Tagebuch der Gattin Mozarts, das sie nach dem Tode ihres zweiten 
Mannes, des dänischen Etatsrats Nik. von Nissen, in den Jahren 1828—37 
geschrieben hat. Der 124 Seiten starke Quartband trägt auf dem Umschlag 
die Aufschrift: „Tage-Buch meines Brief Wechsels in Betref der Mozarti- 
schen Biographie von mir Constanza Etats-räthin von Nissen heraus gegeben.“ 

Die darin enthaltenen Aufzeichnungen gehen jedoch weit über den durch 
die Aufschrift bestimmten Rahmen hinaus 1 ). Das ist mit größter Freude 
zu begrüßen, da wir durch das Tagebuch einen Einblick in das Seelenleben 
Konstanzes erhalten, deren Charakterbild scharfumrissen zu zeichnen bis¬ 
her immer noch nicht gelang. Wenn es auch nicht meine Aufgabe sein 
kann, an dieser Stelle eine eingehende Schilderung ihres Charakters und 
ihres Verhältnisses zu Mozart zu geben, so soll doch kurz dargelegt werden, 
daß unser Fund hier Lücken ausfüllt, und teilweise ganz andere Schlu߬ 
folgerungen gestattet, als die sind, zu denen die Mozartforschung bisher 
gelangt ist. Zunächst aber mögen — als eigentliches Thema des Tagebuches 
— die mit der Biographie Mozarts zusammenhängenden Aufzeichnungen 
besprochen werden. Konstanze hat die Herausgabe der Biographie, die ihr 
zweiter Gatte Nissen Uber Mozart geschrieben hatte, mit der Hilfe eines 
vertrauten Freundes, des Dr. Feuerstein aus Pirna, bewerkstelligt. Die An¬ 
nahme Schurig's (W. A. Mozart, 1913 , 2. Band, S. 292 Anm.), daß Feuer¬ 
steins Anteil an Nissens Biographie, über den „nichts Bestimmtes bekannt“ 
sei, „wahrscheinlich nicht unbedeutend“ sei, wird durch das Tagebuch in voll¬ 
stem Masse bestätigt. Nach Eintragung vom „8 julli 1832 “ forderte Kon¬ 
stanze von Feuerstein „alle Manusscripten“ zurück, die mit dem Nissen- 
schen Werke zusammenhingen. Daraus können wir schließen, daß Feuer¬ 
stein diese Materialien erhalten hatte, um die letzte Hand an die unvoll- 

l ) Die Tagebuch-Aufeeichnungen dürften wohl zunächst zur persönlichen Orientierung 
Konstanzes geschrieben sein, weiterhin aber auch zu der ihrer Söhne, wie eine Eintragung 
vom 26. Februar 1829 erweist 


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Dr. Ernst Bücken 


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16-1 


endete Arbeit Nissens zu legen, zu der er auch das Vorwort geschrieben 
hat. Konstanze hat diesen „würdigen Mann“, den „so tätigen Freund“, wie 
sie ihn (Tageb. 9 . September 1828 und 1. August 29 ) nennt, auch mit der 
Wahrung ihrer geschäftlichen Angelegenheiten betraut. Sie teilt ihm die 
Namen der Subskribenten des Nissenschen Werkes mit und schickt ihm 
deren Einzahlungen. So erhielt Feuerstein auch die bedeutendste Summe, 
die ihr durch Spontinis Bemühungen zufloß, nämlich 1510 Taler (Tageb. 
19 . Juni 1830 ). Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Verkehr der beiden recht 
freundschaftlich. Am „9 merz 1830 “ betrauert sie aufrichtig den „guten 
Vater“, dem „sein geliebtes Söhngen“ gestorben war, und sie fügt hinzu 
„gott sende ihm einen Engel des Trostes und schenke ihm wieder einen 
Sohn, doch Herr! dein Wille geschehe“. Bald aber trat ein Stimmungs¬ 
umschwung ein. Konstanze fordert jetzt Feuerstein mehrmals auf, ihr Rech¬ 
nung abzulegen, jedoch ohne andern Erfolg, als daß dieser ihr am 13 . Au¬ 
gust 1832 (Tageb.) ein „medicinisches Buch“ zusendet, mit der sonderbaren 
Bitte, „es um die Hälfte Rabat in Verlag zu bringen“. Aber Konstanze 
läßt nicht nach; sie verlangt die Rechnungslegung wiederholt. Am 6. Fe¬ 
bruar 1833 (Tageb.) schreibt sie Feuerstein „derb“ und wirft ihm vor, daß 
er sie „nicht wie ein Mann von Ehren behandle“. — Als auch darauf keine 
befriedigende Antwort erfolgt, droht sie ihm „ohne Gnade“ mit der gericht¬ 
lichen Klage (Tageb. 5 . August 1833 ). Sie hat diese im Jahre 1835 auch 
wirklich erhoben, wie aus einem ihrer Briefe an Herrn H. Sattler in Er¬ 
langen hervorgeht (Veröflentl. von R. Gen6e i. d. Mitt. f. d. Mozart-Ge¬ 
meinde i. Berlin. 19 . Heft, S. 326 ). Aber Konstanze hatte damit keinen 
Erfolg. Feuerstein leugnete alles ab, auch den Empfang der Geldsummen, 
und so war ein großer Teil der Einnahme für die Biographie für sie ver¬ 
loren. Da Feuersteins Vermögens Verhältnisse sich überdies sehr verschlech¬ 
tert hatten, tröstete Konstanze sich — wie Mozart in ähnlichen Fällen 
zu tun pflegte — mit einem Wort der Verachtung darüber, daß „da wo 
nichts ist, der Kaiser sein Recht verloren habe“ (ibid.). — Mit der Ord¬ 
nung der Feuersteinschen Angelegenheit betraute Konstanze den Freund 
ihres Hauses, Anton Jähndl, den Chorregenten auf dem Klosterchor zu 
Nonnberg. Hirn übergab sie auch Briefe Leopold Mozarts, von denen sie 
am 9 . Februar 1830 aufzeichnet (Tageb.). daß sich „viele“ in der Hinter¬ 
lassenschaft ihrer Schwägerin Marianne vorgefunden hätten, die sie aber 
„noch nicht Zeit gehabt zu lehsen“. Nach einer Eintragung vom „13 may“ 
( 1831 ) hat Jähndl die „Briefe vom alten Leopold Mozart in bessere Ord¬ 
nung gebracht“. Wenn auch Konstanze aus den allgemein bekannten Grün¬ 
den sich dieser brieflichen Hinterlassenschaft nicht selbst annehmen mochte, 
so hat sie doch an den Briefen ihres Schwiegervaters in diesem Fall nicht 
pietätlos gehandelt. Daß sie die „bessere Ordnung“ sogar ausdrücklich ver- 


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Tagebuch der Gattin Mozarts 


155 


zeichnet, läßt ihre Mitwirkung bei den Entstellungen und Fälschungen der 
in der Nissenschen Biographie veröffentlichten Briefe Leop. Mozarts, die 
"Wycewa dem Nissenschen Ehepaar vorwirft (Wycewa-Foix, W. A. Mozart, 
(1913) Introduction p. X), immerhin fraglich erscheinen. — Jähndl hatte 
den beiden Söhnen Mozarts ein kleines Kapital von 266 fl. geliehen, für 
das Konstanze „ihm gut stand“ (Tageb.). — Die größte materielle Unter¬ 
stützung fand Konstanze bei der Herausgabe der Biographie, wie ich schon 
andeutete, bei Gasparo Spontini. Diese Handlungsweise ist einer der hellsten 
Lichtblicke in dem durch Haß und blinde Parteileidenschaft vielfach ver¬ 
dunkelten Leben des Künstlers, und sie beweist, daß er wohl imstande 
war, das wahrhaft Große anzuerkennen (vgl. die Beilage zu dem Briefe 
Zelters an Goethe vom 28. April 1830). 

Spontini steht an der Spitze der Subskribenten der Nissenschen Bio¬ 
graphie mit 12 Exemplaren, während der österreichische Kaiser sich mit 
einem bescheidet. Durch Spontinis Bemühung kam auch die französische 
Übersetzung der Biographie zustande (Tageb. 24. August 1828). Das Tage¬ 
buch gibt auch Kunde von dem regen Briefwechsel Konstanzes mit dem 
.höchst geschätzten Freund Spontini“. Welch herzliche Dankbarkeit sie 
für den Komponisten empfand, beweist ein Brief an dessen Gattin vom 
21. April 1829. (Das Datum ist im Tagebuch verzeichnet; der Brief selbst 
wurde veröffentlicht in den Mitteil. f. d. Mozart-Gemeinde in Berlin, 4. Heft, 
S. 129/30.) Da sich eine Stelle des Tagebuches auf ihn bezieht, soll er im 
folgenden mitgeteilt werden. 

* 

[An Madame Spontini.] 

„Wie kann ich meiner so innigst geliebten Freundin Spontini meinen 
Dank genug an den Tag legen? Ja gewiß haben Sie und Ihr Herr 
Gemahl Unannehmlichkeiten große, sorgen und Last gehabt; worüber 
ich oft mit meinen Freunden sprach. Allein sie haben auch alles mög¬ 
liche geleistet und mir fehlen nur Worte Ihnen genugsam dafür danken 
zu können. Dr. Feuerstein bekam also 700 Thaler und hat Hoffnung 
noch 300 zu bekommen. Wie glücklich bin ich dieses zu wissen. Hätten 
andere Nationen sich so ausgezeichnet wie Preußen so wäre ja nichts 
zu wünschen übrig, allein ich hatte auch nur einen Freund Spontini, 
ein zweyter ist nicht mehr in dieser Welt. Nehmen sie dahero noch- 
mahls meinen unaussprechlichen Dank an, und glauben sie, daß ich 
ihn mit gerührtem Herzen gebe. Ach könnte ich nur wissen, auf welche 
weise ich auch Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl eine Freude machen 
könnte? O wie glücklich würde mich dieses machen. Ich habe wohl 
einen plan, sie beste Freundin, mit einem Gegengemälde zu dem, wel¬ 
ches mein theurer Freund so gütig war von mir anzunehmen, zu über- 


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156 


Dr. Ernst Bücken 


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schicken, und dieses Pendant solte auch wirklich schon in Ihren lieben 
Händen seyn, wenn der Mahler Zeit gehabt hätte. Es stellt Mozart 
seine Frau und Kinder vor, welches ich bitte zu meinem Andenken 
in Ihr Kabinet zu hängen. Es ist freulich wenig für alles was sie so 
unerhört gütig waren zu thun, allein sie sehen doch daraus, wie sehr 
gerne ich Ihnen dankbar seyn mögte, und werden meinen guten willen 
nicht verkennen und so habe ich das Glück mich Ihnen und Ihrem 
Herrn Gemahl gehorsamst zu Empfehlen und zu Verbleiben 

Ihre höchst dankbare Dienerin 
Constanza von Nissen 

Salzburg am 21. ap: 1829.“ 

Das in dem Briefe erwähnte Familienbild hat Konstanze am 20. Juli 
desselben Jahres an „ihren sehr lieben Freund Spontini“ abgesandt (Tageb.). 
Es erübrigt noch anzumerken, daß Konstanze die Briefe Spontinis Feuer¬ 
stein tibergab, der sie, wie wir bestimmt annehmen können, ihr nicht zu¬ 
rückerstattet hat. — Einen andern bekannten Namen nennt uns das Tage¬ 
buch in dem Maler Peter Cornelius. Am 22. Dezember 1828 schreibt Kon¬ 
stanze an Feuerstein (Tageb.), daß sie wünsche „bey der Erscheinung der 
Biographie in der Politischen und Allgemeinen Zeitung viel von den Haupt¬ 
werken und seynen so sehr gelungenen bildnissen zu sagen, daß selben 
von den besten Künstlern in München unter der Direktion des genialen Ritter 
von Cornelius gemacht (?) werden“. Die Bilder, um die es sich hier handelt, 
sind folgende: „Mozart als Knabe von sieben Jahr“ (Nissen, S. 63). Dieses 
Bild (gern. 1762) befindet sich im Mozartmuseum in Salzburg (Katalognum¬ 
mer 4). Das Familienbild von de la Croce; die beiden Langeschen Bilder 
(Mozart und Konstanze), und das Bild: Mozarts Söhne (gern. 1788). Wahr¬ 
scheinlich hängt eine Reise Konstanzes nach München, über die ein Aus¬ 
gabenverzeichnis im Tagebuch steht, mit der Bilderangelegenheit zusammen. 
An Cornelius schreibt Konstanze am 6. Januar 1829, und am 13. Juni des¬ 
selben Jahres verzeichnet sie seine Bezahlung der Biographie mit 8 fl. 51 x 
(Tageb.). Ein uns nicht erhaltenes Mozartdenkmal (Schurig II, S. 361) er¬ 
wähnt Konstanze, als sie am 9. Dezember 1828 Feuerstein „die Allegorie 
des Monumentes von Deyerkauf“ sandte, mit der Bitte, ihr dieselbe wieder 
zurückzuschicken. Wurzbach (Mozartbuch S. 179) schildert das Denkmal in 
folgender Weise: „Es stellt vor Mozarts Bildnis, um welches Genien und 
die Musen umherstehen, die Göttin der Ewigkeit krönt Mozarts Büste und 
Minerva mit dem Speere schmettert den Neid zu Boden. Die Buchstaben 
M. T. I. A. M. bedeuten: Mirabilia Tua In Aeternum Manebunt. Die mit 
ihrem Speere den Neid niederstechende Minerva ist eine Anspielung auf Salieri, 
von dem im Volke sogar der Glaube ging, daß er Mozart vergiftet habe.“ 


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Tagebuch der Gattin Mozarts 


157 


Von Mozarts Kompositionen erwähnt das Tagebuch zunächst die Kan¬ 
tate „Davidde penitente“, von der Konstanze durch A. Jähndl eine „copia- 
tur tt anfertigen ließ 1 ), für die sie am 30. November 1828 „12 Salzburger 
Gulden M bezahlte. Demnach scheint — entgegen Köchels Angabe (Verz. 
2. Aufl. Nr. 469) — doch ein vollständiges Autograph unter dem Titel 
„Davidde penitente“ bestanden zu haben. Bekannt sind bisher nur die Auto- 
graphe der zwei, zu den Stücken der C-moll-Messe hinzukomponierten, 
Arien und die Kadenz für die drei Singstimmen, die sich auf der K. Biblio¬ 
thek zu Berlin befinden (ibid.). Die „copiatur“ des „Davidde“ sandte Kon¬ 
stanze am 3. Dezember 1828 an Feuerstein (Tageb.). — Nach einer Eintra¬ 
gung vom „24 juni 1832“ besaß A. Jähndl „die 2 Kyrie von Mozart, so 
wohl das Manusscript als auch die Copie“. Diese beiden Werke hatte Mozart 
unvollendet hinterlassen; die Stimmen waren nicht ganz ausgeschrieben, 
und bei dem einen, das später als „Regina coeli“ herausgegeben wurde, 
fehlte der Schluß. Die letzten sechzehn Takte dieser Komposition sind von 
Abt Stadler ergänzt worden, wie aus einem Briefe Konstanzes an diesen 
hervorgeht (Mitteil. f. d. Mozart-Gem. i. Berlin, 1. Heft, S. 23). Konstanze 
schreibt an Stadler, daß sie die 2 Kyrie „bisher für ihren grösten Schatz“ 
hielt... „Nun aber der Zeitpunckt gekommen ist,“ fügt sie hinzu „wo ich 
glaube meinen Söhnen ein Capethal dadurch zu Verschafen, zaudere ich 
nicht und bin erbötig sie herzu geben.“ — Dieses „Capethal“ sind zweifellos 
jene „266 f“ gewesen, die Jähndl — laut Tagebuch — den Söhnen Mozarls 
gegeben hat, für die dann Konstanze ihm die zwei Kyrie wohl als Pfand 
gelassen hat. Später, als sie in der Lage war, das Geld zurückzuzahlen, 
hat sie die Kompositionen von Jähndl wieder erhalten (Tageb.). Es handelt 
sich bei dem nicht näher bezeichneten Kyrie zweifellos um das unvollendete 
Werk, dessen Autograph durch die „Widmung der Witwe Mozart-Nissen 
vom 15 Oktober 1841 u in den Besitz des Mozarteums zu Salzburg gekom¬ 
men ist (Köchel Nr. 322). — Die wichtigste Nachricht dieser Art gibt uns 
der Tagebuchvermerk vom 27. Sept. (1828), denn er betrifft eine stark um¬ 
strittene Komposition Mozarts, nämlich das Wiegenlied. Die betreffende 
Stelle lautet: „am 27 Sep wieder an D: F. [euerstein]... und statt des Wiegen¬ 
liedes eine andere composision meines Mozarts bey gelegt.“ 

Damit liegt eine Erklärung der Gattin Mozarts vor, daß sie das Wiegen¬ 
lied für eine Komposition ihres Mannes hält. Der Brief Nissens an Hofrat 
J. A. Andrd vom 26. Febr. 1826 (mitget. bei Köchel V. S. 651), in dem er 
angibt, daß die Schwester Mozarts um das Wiegenlied nicht gewußt habe, 
kann jetzt vor der stärkeren Beweiskraft der Worte Konstanzes nicht mehr 
herangezogen werden, wie dies noch Deiters getan hat (Jahn, Mozart, 

l ) VgL den Brief W. Mozarts (Sohn) an Konstanze vom 12. Oktober 1827 in Nissens 
Mozart-Biographie (S. 604 f.). 


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158 


Dr. Ernst Bücken 


4. Aufl., II. Bd. S. 72Anm.). Konstanze hat bei der Herausgabe der Nissen- 
schen Biographie eine solche Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit bewiesen, 
wovon das Tagebuch Zeugnis ablegt, daß ich an die skrupellose Heraus¬ 
gabe einer fremden Komposition unter Mozarts Namen, wie Friedländer an¬ 
nimmt (Vierteljahrsschrift f. Musikwissenschaft 8. Bd. S. 285) nicht glaube. 
Ob ihr, als sie das Lied veröffentlichte, nur die Abschrift, oder die Mozart- 
sche Niederschrift vorlag — das Wiegenlied ist unter den von Mozart hinter- 
lassenen Fragmenten und Entwürfen aufgeführt (Nissen, Anhang HI) — ist 
nicht festzustellen. Die in der Gesamtausgabe der Mozartschen Werke 
(Serie VII, No. 12) von Nottebohm geänderten, fehlerhaften Stellen können 
ebensowohl auf die skizzenhafte Niederschrift Mozarts, wie andrerseits 
auch auf eine ungenaue Abschrift zurückgeführt werden; ein Beweis gegen 
Mozarts Autorschaft aber sind sie keineswegs. Ebensowenig kann als solcher 
der Fund Friedländers gelten, der in einem Sammelbande der Hamburger 
Stadtbibliothek den seltenen Musikdruck eines „Wiegenliedes von Götter 
in Musik gesetzt von Flies“ fand. (Jahrbuch Peters 1896, S. 69). Wenn diese 
Komposition auch mit der Mozartschen übereinstimmt, so folgt doch daraus 
noch nicht, daß gerade Mozarts Werk das untergeschobene sein muß. Kann 
sich nicht auch der kleine Herr Flies auf Kosten des großen Mozart be¬ 
reichert haben? Wir wollen — als festen Angelpunkt in dem Streite der 
Meinungen — das klare Zeugnis Konstanzes, das sie uns in ihrer Tagebuch- 
Notiz hinterlassen hat, gelten lassen, und das kleine Blatt an dem großen 
Baume des Mozartschen Werkes kann weiter grünen. — 

Außer den mit der Veröffentlichung der Nissenschen Biographie zu¬ 
sammenhängenden Aufzeichnungen enthält das Tagebuch noch eine Fülle 
von Notizen, die für die persönliche Beurteilung der Schreiberin von großem 
Werte sind. Von Konstanzes außerordentlicher Gutmütigkeit und Wohl¬ 
tätigkeit zeugt ihr Verhalten gegen ihre Schwester Aloisia (Lange), die 
Jugendliebe Mozarts. Konstanze hat dieselbe, als sie in Not geraten war, 
in rührender Weise unterstützt, wie zahlreiche Stellen des Tagebuches zeigen. 
Die Briefe der „lieben, guten Schwester Lange“ beantwortet Konstanze 
meist am gleichen Tag, und fügt ihnen mit einer fast selbstverständlichen 
Regelmässigkeit die Summe von 12 fl. hinzu. Am 2. Dezember 1830 läßt 
sie durch ihren Vetter Hönig bei ihrem Bankhaus 50 fl. erheben, und be¬ 
zahlt damit die Schulden der „guten Schwester Lange“. Noch mehrmals 
schickt Konstanze ihr größere Beträge, so am 14. August 1832 auf einen 
„jahmer vollen Brief der armen Lange sie zu trösten 3 Banenoten, eine 
iede zu 6 fl. tf . Hier mögen auch verschiedene irrtümliche Angaben über das 
Langesche Ehepaar berichtigt werden, die sich durch alle Lexika und Mozart- 

*) Vgl. zu dieser ganzen Frage den 12. Jahresb. der Intern. Stift. Mozarteum (S. 42), 
in dem Job. Jos. Engl für die Echtheit des Wiegenliedes eintritt. 


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Tagebuch der Gattin Mozarts 


159 


biographien hindurchziehen, nämlich die, daß Joseph Lange im Jahre 1827 
und Aloisia im Jahre 1830 zu Frankfurt gestorben sind. Laut Tagebuch- 
vermerk vom 9. Juni 1830 hat Konstanze an die „liebe Schwester Lange 
nach Wien geschrieben und ihr viel Glück und Segen zu ihrem Nahmens- 
tag, welcher am 21 dieses fält, gewunschen.“ Am 25. antwortet Aloisia ihr 
aus Wien, und am 21. August 1830 gibt Konstanze dem Vetter Hönig die 
Nachricht von der glücklichen Ankunft „unserer geliebten Schwester Lange “ 
(in Salzburg). Die letzte Kunde von Aloisia gibt der Eintrag vom 16. Nov. 
1834, wo Konstanze ihr die üblichen 12 fl. zusendet. — Aloisias Gatte Jos. 
Lange hat sein bisher angenommenes Sterbedatum noch um vier Jahre über¬ 
lebt. Am 24. September 1831 schreibt Konstanze in ihr Tagebuch: „Am 
28 wieder Brief von ihr [der Lange] erhalten mit der todtes Nachricht 
ihres Mannes, der am 18 dieses an alters schwäche gestorben ist“. „gott 
habe ihn selig“, fügt sie hinzu. 

Das Tagebuch gibt uns auch Kunde von dem sehr regen Briefwechsel 
Konstanzes mit ihren beiden Söhnen. Der älteste, Karl Mozart, lebte als 
österreichischer Beamter in Mailand, von wo er im Jahr 1829 die Mutter 
besuchen wollte, um gleichzeitig auch mit seinem Bruder Wolfgang zusam¬ 
menzutreffen. Die Reise kam nicht zustande; denn am 30. Juni (1829) schreibt 
Konstanze (Tageb.) — «von meinem Karl wieder Brief erhalten, worin er 
mir leider sagen mußte, daß er nicht kommen kann.“ — Welcher Art das 
Hindernis war, erfahren wir nicht. Vier Jahre später findet sich folgende 
beachtenswerte Notiz über Karl: „am 26 [schrieb ich] an meinen Karl, 
von dem ich am 24. merz (1833) die höchst traurige Nachricht bekam, daß 
seine Konstanza an den folgen bössartiger Blattern gestorben ist.“ — Dieser 
Angabe steht die eigene Karl Mozarts gegenüber, der in einem Briefe*) an 
Adolf Popelka in Prag vom Jahre 1856 bekundete, daß er „unverheiratet“ 
sei. Der Name „Konstanza“ läßt wohl darauf schließen, daß Karl damals 
ein Töchterchen verlor, und daß wir das Wort „unverheiratet“ in seinem 
Briefe jetzt in dem Sinne von „verwitwet“ aufzufassen haben. — Konstanzes 
Herzen am nächsten stand von den beiden Söhnen der jüngere, Wolf gang, 
ihr „Wolf“, wie sie ihn auch nennt (Tageb.); der Sohn, der Mozart „ähn¬ 
lich war an Gestalt und edlem Gemüt“. — Diesen armen Menschen, der 
zu seinem Unheil den Beruf des Vaters ergriff, hat die Wucht des Namens 
Mozart, dem er keinen eigenen Glanz verleihen konnte, zu Boden geschmet¬ 
tert. Die Mutter hat nach besten Kräften versucht, das herbe Schicksal des 
Schwergeprüften zu erleichtern, worüber das Tagebuch mehrfach Aufschluß 
gibt. Konstanze schreibt über Wolfgang (Tageb.): „am 11 julli 1829 bekam 
ich von meinem geliebten Sohn Wolfgang selbst die frohe Nachricht, daß 


*) 13. Jahresb. des Mozarteums (1893), S. 40. 


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er, abens als am 8 julli von Wien nach Linz abreissen wird und am 12 
hofte in meinen Armen zu seyn.“ Am nächsten Tage verzeichnet sie: „Am 
12. julli 1829 ist mein geliebter Sohn Wolfgang von Lemberg über Wien, 
in meine Arme gekommen, wo ich ihn recht an mein Herz drückte.“ Wäh¬ 
rend dieses Aufenthaltes ließ Konstanze den Sohn von dem Maler Spitzer 
„zweymal malen“, für sich und das „andere mahl für ihn selbst“ und sie be¬ 
zahlte Spitzer 18 fl. dafür (Tageb.). Am 20. August reiste Wolfgang wieder 
mit Konstanzes „Mütterlichen Segnungen nach dem garstigen Lemberg“ ab. 
Traurig schreibt Konstanze an dem Tag in ihr Buch: „Der Allmächtige 
wird wissen, ob ich ihn noch in dieser Welt sehen soll oder nicht, sonst 
sehen wir uns ia dort! Wie mein himmlischer Vater will!“ — Als Wolfgang 
auf dieser Reise von Augenschmerzen geplagt wird, verzeichnet die besorgte 
Mutter selbst diese unbedeutende Tatsache, und sie beklagt sich ein ander¬ 
mal, wenn der Sohn sie zu lange auf Antwort warten läßt. Da e 3 stets 
des Sohnes Mozarts Wunsch, wie der seines großen Vaters, gewesen war, 
in Wien eine Anstellung zu finden, verwendet sich die Mutter für ihn bei 
Kapellmeister Eybler in Wien (Tageb.). Sie erhielt dessen Antwort am 
„25 Dez. 1830“, die für Wolfgang resultatlos war. Als Konstanze von ihm 
— eine Folge der politischen Wirren — einen Brief ,,ganz durchstochen* 
erhält, ist sie in größter Sorge um den Sohn und sie schreibt in ihr Tage¬ 
buch: „Gott schütze ihn! Heute als am 16 antwortete ich ihm und bath 
ihn Lemberg eh die Gefahr noch größer wird zu verlassen, und sagte ihm, 
daß ich herzlich gernen für seinen unterhalt sorgen will, gott gebe, daß 
er meinem Mütterlichen Rathe folgt. Herr! Dein Wille geschehe! Dir sey 
meine Sorge und Angst geopfert.“ — Drei Tage darauf läßt sie Wolfgang 
durch ihr Bankhaus 200 fl. überweisen, und die nächsten Eintragungen, 
die fast nur von Wolfgang handeln, zeugen von ihrer großen Liebe zu 
diesem Sohn. Elf Briefe hat sie in kurzer Zeit bis zum 4. September 1831 
von Wolfgang erhalten, und sie faßt ihre Freude darüber in die kurzen 
Worte zusammen, die Bände reden: »Der liebe Sohn!“ (Tageb.). Wenn wir 
dies innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn betrachten, in das uns 
das Tagebuch Konstanzes einen Einblick tun läßt, werden wir die Ansicht 
Schurigs nicht teilen (Mozart 11 S. 344), daß sie Wolfgang, als sie diesen 
zur Beerdigung ihres zweiten Mannes nach Salzburg kommen ließ, eine 
»Huldigungsfahrt vor aller Welt“ aufgezwungen habe, die das „Unglaub¬ 
lichste“ bedeutet, „was Konstanze je getan hat“. Soll sie deswegen „kein 
Gramm Gemüt und Schamgefühl“ besessen haben? (ibid.) Jetzt dürfte uns 
diese „Tat“ Konstanzes doch nicht mehr als so schlimm erscheinen, und 
es dünkt uns sogar natürlich, daß der gute Sohn bei dem für die Mutter 
so traurigen Anlaß kam, und daß es eines moralischen Zwangs gar nicht 
bedurfte. 


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Tagebuch der Gattin Mozarts 


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Am 4. September 1831 vermerkt Konstanze in ihr Tagebuch: „An Wolf¬ 
gang geschrieben und ihm gesagt, daß ich mein Testament und alle noth- 
wendige Papiere zum Magistrat geben werde.“ Der Inhalt dieses Testaments 
ist im 16. Jahresbericht der Intern. Stift. Mozarteum (1896) S. 35 ff. ver¬ 
öffentlicht. Konstanzes Hinterlassenschaft betrug danach: 600 fl. 44 kr. in 
bar und 25136 fl. in Obligationen. An Legaten vermachte sie 2100 C. M., 
darunter „200 fl. an die armen Studenten in Salzburg“. Im folgenden soll 
ein Tagebuch-Eintrag mitgeteilt werden, der für Konstanzes Söhne bestimmt 
war und der den Charakter einer letzt willigen Verfügung trägt: 

„Bis zum Ersten Jenner 1829 habe ich durch die Güte meiner braven 
Cousine Schonstrup die zinsen von meinem capithal welches in Copenhagen 
bey dem gewirz-kremer Holms ligt und 7200 gülden ist, richtig erhalten. 
Ebenso hatte ich auch von Schüller und Comp, bis zum Ersten Jenner alle 
Zinsen erhalten. Dies Capithal ist 15000 schwere gülden; dies schreibe ich 
zur Nachricht meiner Söhne (im Falle mein Himmlischer Vater mich gnä¬ 
digst von dieser Irdischen Welt in eine bessere rufift): damit sie wissen 
woran sie sind. Dabey ist aber mein Wunsch: daß meine Söhne der armen 
Familie Falk dessen ältesten Sohn mein guter Nissen zu Gevatter stand 
das kleine Vermächtnis, das ihm Nissen zugestanden und welches er, oder 
seine arme Mutter (2 Worte unleserlich) haben soll, indem der arme unglück¬ 
liche Sohn georg fast ganz blind ist (folgen mehrere dick durchstochene 
Zeilen) und bo wird sich in meiner Schatulen noch ein Testament in betreff 
meiner guten Schwester Sophie Haibl finden, welches ich auch nach meinem 
Tode wünsche, daß es gehalten wird, und so lebet samt meinem Mütter¬ 
lichen segen w’ohl behaltet euere Mutter in gutem andenken. 

Constanze von Nissen geschrieben am 26 Feb: 1829.“ 

Dazu ist zu bemerken, daß laut Testament die „arme Susanna Falk 
100 fl“ erhielt, und daß Konstanze ihrer Schwester Sophie Haibl außer 
„250 fl zur Einrichtung auf zwei Zimmer“, Kleidern, Wäsche, noch eine 
jährliche Rente von 400 fl. zudachte, die die beiden Söhne als Universal¬ 
erben zu gleichen Teilen auszuzahlen verpflichtet waren. Aus Konstanzes 
letztwilligen Verfügungen spricht ein echtes, schönes Wohlwollen. Wir 
werden an Mozarts Worte erinnert, die er als Bräutigam an seinen Vater 
über seine „liebe, gute Constanze“ schrieb, daß sie die „gutherzigste unter 
ihren Schwestern“ sei und das „beste Herz von der Welt“ habe (Brief vom 
15. Dez. 1781). Die Sorgen derer, die Konstanze nahe stehen, sind auch die 
ihren. So liegt ihr das Schicksal der „armen Schwester Lange“ beständig 
am Herzen, und Uber eine traurige Nachricht von ihrer „guten Schwester 
Sophie“ bekümmert sie sich so, daß sie nachts nicht schlafen kann (Tageb.). 
Konstanze war eine schlichte Frau von einer Einfachheit des Denkens und 
Fuhlens, die manchmal — so in religiösen Dingen — zur Einfalt wird. 


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Einen Einblick in ihr Leben lassen vor allem die Seiten unseres Tagebuches 
tun, die von einer Badereise handeln, die sie am 10. September 1829 mit 
ihrer „Kammerfrau Mona a nach Gastein unternimmt. Wenn sie in der Frühe, 
nachdem sie „der ganzen Menschheit einen fröhlichen guten Morgen“ ge« 
wünscht hat, mit „Gottes Hülfe ein Bad genommen“ hat, versäumt sie nie¬ 
mals die Kirche zu besuchen, und sie zürnt dem schlechten Wetter, wenn 
dieses sie an der zur Gewohnheit gewordenen Pflicht verhindert. Für die 
Genüsse einer guten Tafel ist sie nicht unempfänglich, und sie verzeichnet 
ebenso gern, wenn sie „bei Straubinger ein Glas Bier getrunken“, als wenn 
sie „recht gut gespeist“ hat. Ihre geistigen Bedürfnisse befriedigt Konstanz© 
durch eifriges Lesen; sie liest ihrer Begleiterin Kotzebues Menschenhaß 
und Reue vor, oder sie blättert mit dem Apotheker von Gastein in Mozarts 
Lebensbeschreibung, und freut sich über den Anteil, den er daran nimmt. 
Als sie in der Zeitung liest, daß die „fürstin von Leurtenberg ihrem gemahl 
ein Monument sezen wird lassen“, von dem Landsmann ihres „seligen Nissen 
Torwalzen“(!) und sie vernimmt, daß „der große Künstler von Rom selbst 
kommen wird, es aufzusetzen“ (Tageb.), interessiert sie das so, daß sie in 
ihr Tagebuch schreibt: „dieses möchte ich wohl sehen.“ 

Konstanze war eine in hohem Maße haushälterische und geschäfts¬ 
kundige Frau, wie ihre Tagebucheintragungen bekunden. Alles was mit 
der Veröffentlichung der Nissenschen Biographie zusammenhängt, ferner die 
einlaufenden Zinsen, ihre Schulden und Abzahlungen, hat sie peinlich genau 
aufgezeichnet. Als Konstanze von Feuerstein einmal eine Summe in einer 
Münzart, die sie nicht kannte, erhielt, wies sie das Geld unter einem andern 
Vorwand zurück, in der Tat aber, weil sie „dabei verlieren sollte“ (Tageb.). 
Aber sie kleidet die Zurückweisung — und das ist ein Zug, auf den ich 
besonders hinweisen möchte — in eine Form, die den Absender nicht ver¬ 
letzen sollte. — Es kann bei dieser kurzen Charakterschilderung Konstanzes 
nicht meine Absicht sein, von der Zeit des Tagebuches allgemeine Rück¬ 
schlüsse auf die ihrer Ehe mit Mozart anzustellen. Menschen können sich 
zu verschiedenen Lebenszeiten gewaltig ändern. In unserm Fall glaube ich 
freilich nicht an eine so bedeutende geistige Umwandlung, wie sie Schurig 
in seiner Schilderung von Konstanzes Charakter gibt. Daß sie die Größe 
des Mannes, mit dem sie fast ein volles Jahrzehnt verlebte, nicht erkannt 
hat, sei gerne zugegeben, nimmer aber, daß Konstanze Mozart „unmöglich 
geliebt hat“. (Schurig II S. 8). — Die Aufzeichnungen Konstanzes haben 
uns einen Blick tun lassen in ein warmfühlendes Menschenherz, das 
von Liebe zu seinen Mitmenschen erfüllt war. Und dieses Herz sollte 
Mozart, den trotz mancher Schwächen so liebenswerten Menschen, der 
sein Weib vergöttert hat, nicht wiedergeliebt haben? Vieles mag Kon« 
stanze in ihrer Ehe mit dem ehrenwerten Durchschnittseuropäer Nissen 


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Tagebuch der Gattin Mozarts 


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gelernt haben, ihre schöne Menschenliebe hat sie sicher nicht von ihm 
gelernt. 

Wie Konstanze auch noch in späterer Zeit von „ihrem Mozart“ dachte, 
davon mag eine, in ihrer Schlichtheit dreifach beredte, Stelle des Tagebuches 
Zeugnis ablegen: 

„Mein liebes Clavier / worauf Mozart so viel gespielt und componiert 
hat, als die zauberflöte la Clemenza di Tito, das Requiem und eine frei- 
maurer Cantate / Erhalten, wie sehr froh ich darüber bin, bin ich nicht im 
stände zu beschreiben! Mozart hatte dies Clavier so lieb, und desswegen 
habe ich es doppelt lieb.“ 

Das sind nicht Worte, die sie dem Andenken des von aller Welt ver¬ 
ehrten Künstlers, sondern dem Menschen Mozart widmet, der ihr, da er lebte, 
lieb und teuer war. Gewiß, in allem ist Konstanze Mozart gegenüber nicht 
ohne Schuld, und ihre größte ist die Vernachlässigung seines Grabes ge¬ 
wesen. Aber was Konstanze hier gefehlt hat gegen das, was sterblich war 
an Mozart, wir können es ihr verzeihen, weil sie nach besten Kräften be¬ 
müht war, ihm ein Denkmal seines unsterblichen Werkes zu setzen. Und von 
dieser Tat legt unser Tagebuch Zeugnis ab. 


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Dr. Alfons Hilka 


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Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften. 

(Fortsetzung ) 

Von Dr. Alfons Hilka (Breslau). 

V. Le roman du levrier Archilis (Fragmente). 2 Pergamentblätter von 
24 cm Höhe und 16,4 cm Breite als äußere Blätter einer Lage, deren Aus¬ 
dehnung sich nicht mehr bestimmen läßt. Die Schrift ist einspaltig, von 
einer französischen Hand des beginnenden 15. Jahrhunderts, auf jeder Seite 
stehen 25 Zeilen, aber auf Bl. l v am Rande ist ein vom Kopisten ausgelassener 
Vers von einem späteren Korrektor nachgetragen worden, so daß in beiden 
Bruchstücken nur 101 Verse des uns sonst völlig unbekannten Tierepos er¬ 
halten sind. Eine Überschrift fehlt. Die Dichtung beginnt eine Goldinitiale 
mit jetzt verblaßten blauroten Arabesken, die bei einer neuen Laisse vor 
der Initiale in einfacherer Form erscheinen. Beginn des Textes: 

On dist aucune fois en comune rayson 
que rayson figuree est vne ficcdn 

Schluß des 2. Blattes: 

hardiz preux z fors z scet son auantaige 
prandre a son ennemy greuer par vasselage 

Die in gereimten Zwölfsilbnern abgefaßte Dichtung (v. 1—43 Tirade 
-on, 44—51 -6, 52—67 -ie, 68—96 -ez gemischt mit -6s, 97—101 -age 
nebst -aige) scheint die Heldentaten des wackeren Jagdhundes Archilfes 
zu preisen. 

Die Ausgabe dieser Bruchstücke nebst kurzer Einleitung und dem Fak¬ 
simile der ersten Seite ist bereits durch A. Thomas, Le roman du lövrier 
Archilös, fragment d’un pofeme fran<;ais composö en Italie = M61anges offerts 
k M. Emile Picot, t. I, Paris 1913, p. 481—486 gegeben worden. Den ziem¬ 
lich unbedeutenden Dichter versetzt Thomas nach Norditalien, an dessen 
kleinen Fürstenhöfen der französische Kultureinschlag bis an den Anfang 
des 15. Jahrhunderts von großer Bedeutung gewesen ist. 

VI. Ponthus et Sidoine . Papierhandschrift im rotgelben Ledereinband, 
auf dessen Rücken der Titel HISTOIRE DU CHEV PONTHUS. Stammt 
aus der Sammlung des Sir Th. Phillipps, wie vorn der Vermerk Phillipps 
Ms 3594 zeigt. 85 Blätter von 28 cm Höhe und 20 cm Breite = 5 Lagen 


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Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften 


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zu je 6, eine zu 5 und die letzte zu 8 Blättern, wie die Kustoden auf 
Bl. 12 v , 22 v , 34 r , 46 v , 58 t , 70 v beweisen. Je 2 Schmutzblätter vom und hinten. 
Flüchtige Kursivschrift aus der Wende des 15. Jahrhunderts, auf jeder Seite 
29 Zeilen. Rote Initialen, Kapitelanfänge sind nur durch verstärkte größere 
Schrift in schwarzer Tinte kenntlich gemacht. 

Eine kritische Ausgabe dieses in zahlreichen Handschriften und Früh¬ 
drucken verbreiteten mittelfranzösischen Prosaromans von Ponthus und 
Sidoine steht noch aus. Bekanntlich bietet er eine Nachahmung des Ro¬ 
mans von Horn und Rimenhild, aber mit lokalisierender Umänderung der 
Eigennamen, nach P. Meyer, Romania XV, 275 ein schwaches Werk, hin¬ 
gegen gelobt von G. Paris, Romania XXVI, 469, der die herrschende An¬ 
sicht einer tendenziösen Abfassung des Romans zu Ehren des Ponthus de 
la Tour Landri, wofür nur die Szenerie Westfrankreichs (Bretagne, Anjou, 
Poitou) zu sprechen scheint, zurück weist, seinerseits aber die noch näher 
zu begründende Theorie aufwirft, der Verfasser dürfte Geoffroi de la 
Tour Landri selbst sein, der bekannte Autor des Livre pour Renseigne¬ 
ment de ses Alles, über dessen Werk sich zuletzt Peter Stolingwa in 
seiner Breslauer Diss. 1911 unter Zuhilfenahme einer Hs. der Breslauer 
Stadtbibliothek verbreitet hat. 

Unser Text beginnt ohne Überschrift: 

Compter vous vueil vng noble hystoire ou len pourra aprendre moult 
de bien et dexemplaire. 

Schluß Bl. 83 r : Ponthus et sidoine vesquirent ases longuement et res - 
gnerent au plaisir de dieu et a la grace du pais et finerent Et finerent a 
grät regret (Bl. 83 v ) de leur pais et du peuple Mais ainsi est de la vie mon - 
daine que si beau si bon si riche si vaillant nest qui ne faille au soir laisser 
ce siecle Amen. Dahitner das Explicit Finitus Liber ponthus. 

Diese Hs. stimmt mehr zur Hs. Cambridge (vgl. P. Meyer a. a. O.), 
ist dagegen verschieden von der Hs. des Britischen Museums (vgl. H. Ward, 
Catalogue of romances, vol. I p. 469), weicht auch ab von der Hs. auf der 
Hamburgischen Stadtbibliothek, über die R. Heiligbrodt, Neupliilol. Bei¬ 
träge zum 1. allgem. dt. Neuphilologentag, Hannover 1886, S. 68 ff. aus¬ 
gezeichnet berichtet hat. Über weitere Hss. unseres Romans vgl. Gröbers 
Grundriss II 1, S. 1196, über die Drucke Brunets Manuel s. v. Ponthus, 
Heiligbrodt a. a. O. S. 72; editio princeps Genf 1478 vgl. Gaullieur, 
Etudes sur la typographie gendvoise, Genfeve 1855, p. 66 sq. Eine Analyse 
des französischen Ponthus findet man außer bei Gaullieur bereits in den 
M41anges tir4s d’une grande bibliothfeque, t. X, Paris 1780, p. 1—61. Die 
englische Version des King Ponthus and the fair Sidone gab nebst 
einer allgemeinen Einleitung F. J. Mather, Publications of the Modem Lan- 
guage Association of America, vol. XII (1897), p. 1—150 heraus. 


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Bl. 83 v —85 r sind durch eine Dichtung über die Allmacht des To¬ 
des ausgefüllt, 12 Strophen in Achtsilbnem mit einem Refrain: Cor a tous 
fault passer le pas. 

Anfang: (I) Mourir fault cest chouse cömune 
nulluy ny peult remede mectre 
Mort prent les personnes cöe vne 
Qui pour donner ne pour promectre 
Y peult a aultruy pour soy cömectre 
La mort eust de largeur gras tas 
Mais a sa loy nous fault soubmectre 
Car a tous fault passer le pas. 

Schluß: (XII) Mectons peur de viure au dieu 
q la uie ait la chair voire 
tat que habiter puissons au lieu 
ou est p durable memoire 
jour sans fin et chose voire 
de paradis en la grät gloire 
Amen. 

VII. Storia della cittä di Troia. Papierhandschrift in einem neueren 
Leineinband mit Lederrücken, worauf eingepreßt STORIA DELLA GUERRA 
E DELLA DISTRUZIONE DE TROIA - M. S. CARTACEO DEL S. XV, 
darunter ein Besitzerwappen (im Felde 3 Halbmonde), von einer Krone über¬ 
ragt. Auf Bl. l r unten ergibt der Stempel mit der Umschrift EXPECTO 
dieselbe Herkunft wie bei Nr. IV (Strozzi). Außer 2 Schmutzblättern vorn 
und hinten erhalten wir 138 Blätter von 21 cm Breite und 29 cm Höhe 
mit der alten Zählung 2—139, angeordnet in Lagen zu je 8 Blättern, die 
letzte Lage aber zu 6 Blättern. Jede Seite bietet 34—36 Zeilen. Schrift 
italienische Kursive des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Die ganze Aus¬ 
führung ist schmucklos, nur zu Anfang finden wir ganz einfache, heute 
verblaßte Initialen, ursprünglich graugelb, dann Bl. 6 und 7 rot, Bl. 8 nur 
schwarz, hierauf ist ihre Ausführung entweder ganz unterblieben oder sie 
sind für den Rubrikator durch kleine Buchstaben am Rande gekennzeichnet 
worden. 

Inhalt: italienische Trojageschichte in Prosa, nach der Historia Troiana 
des Guido delle Colonne und noch anderen Quellen, eingeteilt in 170 Ka¬ 
pitel ohne Überschriften. Das Werk beginnt mit einem längeren Prolog Bl. 2 r : 

A vegnia Iddio chello nostro Criatore sommo bene et sia inogni luogho 
et specialniete sia inumerabile si chome esso narra nella säta scrittura... 
(Bl. 2 y ) e utile pensai di copilare la pura verita della citta grande di Troia 
anticha fosse distrutta e disfatta da grei eile grandi batagle lasciando 


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discriuere le fauole degli antichi poeti che frutto nullo sarebe cioe a cötare 
dogni loro mendazio cioe de omerio e ouidio et vergilio ma singularmete 
di darete frigio detto grecho giugniendo in alchuna chosa che p loro nö 
fu a pieno scritto Tnalchuno luogho chome meglio mi cöciedera di dire Iddio 
il quäle e Ifinito secula seculorum amen ~ 

Vor die Trojageschichte ist die Erzählung vom ägyptischen Könige 
Vizzone und seinem Zuge gegen die Scythen gesetzt = cap. 1 u. 2. 

Bl. 2 T Avea antichamenle nelle parte degitto vno re di grande potere et no- 
minäza lo quäle era chiamato p nome vezzone lo quäle fu si magnianimo 
darme chegli si pensaua veramete tutto luniuerso mondo volere cd suo 
bastone sottomettere et soggioghare ... 

Bl. 5 r e cosi torno sinopes adrieto cd tutte quelle donzelle che rimase erano 
7 mansonia (die Amazonenepisode). 

Hierauf der Trojaroman = cap. 3. Ora in questo tenpo propiamente regna 
nelle parte di grecia vno re chiamato p nome pelleus della prouincia di 
tesaglia gli quali abitatori erano detti e chiamati Mermidon. 

Auf die Trojageschichte folgen die Schicksale des Aeneas. Nach einer 
Einleitung hierzu in cap. 159 Bl. 126 r : anchora gli suoi avenimenti sono bene 
degni di viua memoria in 'Pcio conseguente la storia troiana iscriue tutti 
gli suoi auenimenti dallora chegli si parti da troia i fino chegli coquisto 
P sua virtue lo regnio di licisia e regni ditalia si chome vergilio scriue nel 
suo libro chiamato Enedax: ~ 
setzt cap. 160 mit diesem bedeutenden Anhang ein: 

Bl. 126 r [E] nea e anchisse suo padre et ascanio figliuolo di Enea e molti 

gientili huomini Troiani dopo la distruzione di Troia tolsono tutto lo loro 
tesoro e aconciaronsi p partire ... 

Schluß: Bl. 137 T dopo la morte di Enea fue Ichoronalo de regnio aschanio 
suo figliuolo lo qucde fue eccellentissimo signiore e molto molti (Bl. 138 r ) — 
pricho quelle prouincie e chosi viuette p grande spazio di tenpo infinita 
sechula sechulorum amen deo gratias: ~ 

Explicit: finito libro esto referamus gratias xpo amen — 

Es liegt uns demnach die von E. Gorra, Testi inediti di storia Trojana, 
Torino 1887, cap. IIIunter nr.5, p. 174 sq. untersuchte Versione d’anonimo 
vor, die durch ihre Zusätze Beachtung verdient. Gorra nennt 5 Florentiner 
Hss., dazu eine Kopie in Palermo, ferner druckt er im Anhänge p. 458—480 
die Medeaepisode (Bl. 8 T —23 r = cap. 7—23 in unserer Hs.) ab. Ob die An¬ 
gabe oberhalb des Prologs unserer Hs. von späterer Hand Di Agostino 
Sarasini uns den bisher unbekannten Verfasser dieser Version erbringt, 
konnte ich nicht entscheiden. Bl. 138 T und 139 r der Hs. sind von anderer 
Hand durch einen Osterkalender fllr die Jahre 1340—1486 ausgefüllt: 

Tauola della pasqua di risoresso. E(t) dinicisftja a mercha- 


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Dr. Alfons Hilka 


tanti alchuna volta di sapere i che mese e i che di dellano viene la pasqua 
di risoresse e p cio lansegnieremo loro qui apresso ... et p vederla brieue- 
mete poremo fatta la tauola p ciento anni 


1380 

1381 

1382 

.... 

1484 

1485 

1486 

di 16 

di 8 

di 31 

.... 

di 18 

di 3 

di 26 

daprile 

aprile 

marzo 

• • . • 

aprile 

aprile 

marzo 


Will. Mandeville (italienisch). Papierhandschriffc in einem modernen 
braunen Ledereinband mit Goldschnitt, dessen Bücken den aufgepreßten 
Titel trägt MANDEVILLE. 111 Blätter, die den Kustoden gemäß in Lagen 
von je 7 Blättern geordnet sind, von 19,5 cm Breite und 28,5 cm Höhe. 
Bl. 1 und 2 sind leer, ebenso die letzten 22 Blätter, nur der obere Band 
von Bl. 91 r ist noch ausgefüllt. Jede Seite enthält 33—34 Zeilen. Italien. 
Hand aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, der Schreiber begann 1469 
seine Arbeit s. u. Bemerkenswert sind die mitunter recht ausgedehnten roten 
Kapitelüberschriften, dazu Bubren innerhalb des Textes und rote Initialien. 
Den Inhalt des Codex bildet die italienische Version der fabelhaften Be¬ 
schreibung der Orientreise des sogen. Johannes de Mandevilla (Sir John 
Mandeville), die nach dem Urteil des besten Kenners dieses merkwürdigen 
Literaturdenkmals, Uber das von ihm eine abschließende Gesamtstudie zu 
erwarten ist, J. Vogels (jetzt Gymnasialdirektor in Köln) auf eine Über¬ 
setzung aus dem französischen Original zurückzuführen ist. Vgl. seine grund¬ 
legende Studie: Das Verhältnis der italienischen Version Mandevilles zum 
Original = Festschrift des Gymnasium Adolfinum zu Moers, Bonn 1882, 
S. 37-45. 

Die rubrizierte Überschrift lautet Bl. 3 r : 

Questo Libero (sic) fo Conposto p vno nobilissimo Caualer dingeitera 
Chiamato p nome mis' zuane de mediauila (sic) el quäle Se parti de 
lixola dingeitera p andare p suo deuotiö in tera Santa alla nobele zitade 
de Jeruxale al Stö Sepulchro et partisse dellano 1322 del mexe de Sepfebr 
et zonto a Jeruxalem \ Se despoxe totaliter riö se partire che el vederia tuto 
el paexe e tute le deuotiö Come ordinatamente qui dessoto el ditto mis' 
zuane de mediauila denotera et chi unqi Legera. Se ne trouasse erore 
niuno Coregialo et Concilo po da quelo tenpo a qsto poria essere state 
molte Cosse et questo ho principiato a chopiar a di 10 Marzo 1469. 
Beginn des Textes: DOuete Sapere che La tera Santa di pmissione Sopra tute 
Le altre ella piui excelente ella piu degna e dona sopra le altre tere... 
Bl. 4 r rote Überschrift: Come mis’ zuane fexe el prologo et nomino parte dele 
puenzie doue el uoleua andare et doue lor a stato Abschnitt: Io Joharti 
de mandeuila caualieri conzosia indegno natto e nutrito di Ingeltera della 
Citta de Santo Albano El quäle passai el mare Läno del nfo signore 


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169 


M° CCC°XXII el zorno di Santo Michelo et dapoi sono siato oltramare 
gran tenpo e o ueduto e circondato molti paessi molte e diuersse pro - 
uinzie molte stranie regione et ixolle diuersse ... 

Schluß: Bl. 90. Io Johane de mediauila(f) soprascritto El quäle me parti 
del nro paexe e passai el mare dellano del nro Signore M° CCC° XXII. et 
o zerchato infinite terre moltissimi paexi e stato in molte bone 9pagnie e 
veduto asai fatti belli quätüqs io riö ne faziesse mai nissuno ne bela iripxa 
ne altro bene di chui se diebia parlare Ora sforzato p malle di gotle che 
mi stringono fortemente sono amalgiato mio uenuto astancho Riposso Et 
P fugire el tenpo chö alchuno piacere ricordandomi el tenpo passaio Se- 
chondo chio me o reduto alla memoria o notato le sopreditte cosse nelano 
del nro Signore M CCC°LVII che sono traschorssi anni. XXXV . poi che 
io mi parti da caxa Et priego tuti qlli che in qste mie chosse notate legie- 
rano et qlli che odirano che pregano dio per me ... (Bl. 91 r ) .. .el quäle 
in vnitade perfetta viue e regna p tuti i seculi e p tuti Li tenpi Amen 
Explicit (rot): Finito Libro Referemus gratiasxpo. 

Unsere wertvolle Hs. enthält einen besseren, wie es scheint auch voll¬ 
ständigeren (und dialektlich interessanten) Text als die Ausgabe von Fr. 
Zambrini, J. Viaggi di Gio. da Mandavilla, Bologna 1870 = Scelta di curio- 
sitä letterarie, disp. 113 u. 114. 

IX. Rime e Trionfi di Francesco Petrarca. Prachtkodex, Pergamenthand¬ 
schrift im älteren roten Ledereinband mit Goldschnitt, Goldpressung und 
Aufdruck auf dem Rücken: RIME DI FRANCESCO PETRARCA M. S. 

2 Schmutzblätter vorn aus Pergament, auf dem 2. Notiz: Questo manoscritto 
b venuto da Carpentras. Elk. Auch hinten 2 Schmutzblätter. Der sehr wert¬ 
volle Codex enthält 145 Blätter von 15 cm Breite und 20 cm Höhe. Anord¬ 
nung nach Quinionen, wie Kustoden zeigen. Schöne Schrift noch des XIV. 
Jahrhunderts. Abwechselnd rote und blaue Initialen. Bl. l r Goldinitiale nebst 
bunten Blumenranken, unten ein halbverwischtes Wappenschild. Bl. 80 r und 
114 T farbige Goldinitiale. 

Inhalt: 1) Auf den von der alten Folierung nicht betroffenen ersten 

3 Blättern dreispaltig ein alphabetisches Verzeichnis der in der Hs. 
enthaltenen Gedichte, der Canzonen wie der Sonette, nach den ersten Buch¬ 
staben geordnet. 

2) Bl. l r —113 v der Canzoniere ohne Überschrift. Auf jeder Seite 33 
bis 36 Zeilen, der Text nicht fortlaufend, sondern bereits nach Versen unter¬ 
einander geordnet. Vereinzelte Randnotizen, auch über dem Texte in latei¬ 
nischer Sprache. Eine Goldminiatur eröffnet BL. 80 1 den II. Teil der Sammlung. 
Beginn: |Joi chascultate in rime sparse il suono 
di quei sospiri ondio nodriual chore 


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170 


Br. Alfons Hilka 


in sul mio primo giouenile errore 
quandera inparte altruom da quel chi sono ... 

Schluß: II di sappressa z nö pote esser lunge 
si cöre il tempo z uola 
uergine unica z sola 
el cöre or consciencia or morte punge 
racomandami al tuo figliuol uerace 
homo z uerace dio 
chaccolgal mio 
spirto ultimo in pace. 

Finit opus: 

Die Anordnung der Gedichte weicht nur gegen Schluß von der ge¬ 
wöhnlichen Reihenfolge ab. Ich füge die Nummern nach Le rime di Fr. 
Petrarca, da Giov. Mestica, edizione critica, Firenze 1896, bei: 1—290. 
304. 309. 291. 302. 303. 304. 312 (Son.) 27 (Canzone) 28 (Canzone). 313 bis 
317. 305. 306. 308. 307. 29 (Canzone). 

3) Bl. 114 r —143 T die Trionfi ohne Überschrift. Auf jeder Seite 36 Vers- 
zeilen. Reichlicher lateinischer Commentar in lateinischer Sprache. 


Beginn: J^El tempo che rinnoua i meisospiri 
por la dolce memoria di quel giomo 
che fu p’ncipio a si lungi martiri 
Scaldaua il sol gia luno z laltro cono. 

Anordnung der Trionfi: NE1 tempo che rinnoua i mei sospiri = I 

(nach der krit. Ausgabe von C. Appel, Halle 1901) 
ORa si pieno il cor di merauiglie = II 

POscia che mia fortuna I forija altrui = HI 
QUando ad un giogo Z ad un tempo quiui = IV 
QVella legiadra z gloriosa döna = V 

QVanti gia ne leta matura z agra = IVa 

LA nocte che segui ISribel caso = Va 

NE1 cor pien damarissima dolce<ja = Via 

STancho gia di mirar nö satio ancora = Ha 
DApoi che morte t’umpho nel uolto = VI 
Pien dinfinita z nobel meraviglia = VH 

I non sapea da tal uista liuarme = VHI 

DE1 aureo albergho collaurora Inan^i = IX 
DApoi che socto ciel cosa nö uidi = X 

Schluß: Felice saxo chel bei uiso sera 

che poi caura ripreso il suo bei uelo 
se fu beato chi la uide interra 


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171 


Or che fia dunque a riuederla in cielo 
Amen: 

Franciaci Petrarce Laureati Poete 
Triüphus . VI 9 . et ultimus explicit: 

Die Betrachtung der Varianten lehrt unter Zugrundelegung der sorg¬ 
fältigen Untersuchungen und Listen C. Appels in seiner kritischen Aus¬ 
gabe des Trionfi zunächst, daß unsere Handschrift zur Gruppe B (vgl. 
Appel p. 131 und 137) gehört, weil das 2. Kapitel den richtigen Abschluß 
der späteren Fassung bringt, sodann daß sie einzureihen ist wegen der 
Reihenfolge des Triumphkapitel in die Klasse II D. 1 (vgl. Appel p. 107), 
also die größte Ähnlichkeit mit den Hsa. Bo 5, M A 4, P 5, R C 5 aufweist. 
Eine nähere und genauere Untersuchung des kostbaren Codex dürfte noch 
allerlei Wertvolles zum Texte der Trionfi selbst beibringen, wozu diese 
fluchtige Skizze nur anregen will. 

X. Profezie varie. Papierhandschrift im mit Pergament überzogenen Papp¬ 
band. Außer einem Schmutzblatt vorn und hinten 24 Blätter von 10 cm 
Breite und 15 cm Höhe, eine Lage bildend. Italienische Schrift des XV. 
Jahrhunderts, erst von Bl. 21 T einige Rubren nebst roten Initialen. 

Inhalt: 1) Bl. l r Prophetie, die in die Vision eines Friedenskaisers 
aus deutschem Geschlecht ausklingt. Überschrift: Infra e vna astra- 
logia e judicio cb dura cento anni cu fu pdicata. Einspaltig zu je 
7 Reimstrophen in Form der frottola oder serventese (Verkettung durch 
Kurzverse, die hier einfach an den 3. Vers angekettet sind). Die interessante 
Dichtung hat 63 Strophen, wovon ich einige Proben mitteile. 

Anfang: (I) Piu volte il uoler mio mha sforzato 

Et mha ditto non tener celato 
Quel eil dio uole sia manifestato / A tuta gete 

(H) Et io si mho imaginato nela mente 
De dire alquante cose breuemente 
E lo principio del Italia possente. / E de so tiranni... 

(V) . . . Tutol seno de re Roberto / nol potrebe scampare 

(VI) Tamborri e trombete uederai tu sonare 
E cäpane a martello martellare 
Quanti sono ch si uedera andare / A la lor morte ... 

Bl. 1 T ‘ (VIII) O dala scala el.te 9uien soffrire 

Laspra vendeta del crudo martire 
E ala fin el te 9uien morire / Con li to sequaci... 


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172 


Dr. Alfons Hilka 


(X) O paduano o signor ardito 

Tu non tacorgi del crudo 9uito . . . 

(XI) O da ferara vna parola ascolta . . . 

(XII) O da mantua vn pocho aspeta . . . 

(XIII) Ora tu da rauena intendi questo .. . 

(XIY) Ora te alegra lombardia bona . . . 

Bl. 2 r (XV) O malatesti chauiti sforzati 

Li populi da uoy dominati.. . 

(XX) O tu fiorenza cn stay in gräde altura 
Or si taparegia de bona armatura . . . 

Bl. 2 T (XXII) El tuo gran tripello sara rotto 

Da li alemani cö lo lor signor dotto 

Poy cö altri acordara el scotto / ch alt’ nö pensa 

(XXIII) A pisa e a luchanö valera defensa 

Tanta sara verso di lor grä forza extensa 
O bö lector fra di stesso pensa / che deue seguire 

(XXIV) Ch’dalemania uedray uegnire 

Vno hö feroce con grande ardire 

ch’ con sua vmbra fara sbigotire / El piu ardito 

(XXV) E tu da Rezo saray al conuito . . . 

Bl. 3 r (XXXII) Vederay tu leuare li Anglexi 

Lun fratello contro laltro a 9texe 

Lance e penoni p fare defexe / vederay tu pötare . . . 

Bl. 4 r (XLVI) Vederay Anglexi a mal mö tratare 

Gente tedescha e Vngari tagliare 
Beato sara cn potra scampare . . . 

(XLIX) Poy che 9sumati sarano li tiranni 

E li preyti mädati con li lor danni 

Vera coluy cn in t’ra de alemani/Sie aleuato 


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173 


Bl. 4 T (L) Costu sara de ogni vertu ornato 

Promesso nela leze e prophetizato 
De la casa del re dauid sara leuato .. . 

(LII) Costu sara sig°r di tuto il mondo . . . 

Bl. 5 T (LX) Al modo may nö sara piu bataglia 

Sara in obprobrio ogni ferro e maglia 
Ne may piu cara sara la vitualia . . 

(LXII) El can cö lorso sara pacificato 

El lupo cö lagnello a9pngnato 
El serpente stara nel fossato / A manducare 

(LXni) Quel die del mondo haue a prophetizare 
Da dio fo inspirato primamente 
El nome so sia laudato deuotaraente / dicendo Amen 

Dieser Text der sogenannten Prophetia fratris Jacoponis (gegen 
1350 abgefaßt), die große Schrecknisse und Umwälzungen fUr das Jahr 1369 
verkündigt und die Hoffnung auf einen starken politischen Messias ausspricht 
(vgl. hierzu Oaspary, Gesch. d. italien. Lit. I, Straßburg 1885, S. 357), bietet 
bedeutende Abweichungen von der Fassung des cod. Yaticanus 4872, die 
D’Ancona, Studj sulla letter. italiana dei primi secoli, Ancona 1884, p. 95 
bis 101 publiziert hat (vgl. auch dessen Anm. p. 85). 

2) Bl. 5 T eine andere Prophetie mit der Überschrift: Astrologie o 
judicio obscuro. 86 Reimstrophen in derselben Form des Serventese, aber 
mit Reimänderung. 

(I) El se mouera vno gatto 

In anni sette diece e quatro 

Che ben zugara de scacho / A la mutesca 

(II) La fede greghesca 

Andara in barbaglio 

Cätara la messa 9 sonalio / la gente patarina 

(III) La cita di Budia e catharina 

Sara piu uolte percossa 
O serua dolorosa / A te tocha prima 

(IV) Portar la disciplina 

De la roda dalbania 

Or ’uien ch cossi sia / la grade ignorantia ... 


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174 


Dr. Alfons Hilka 


(VI) Poy vada a impicarse 
Tuta la V allachia 

Stragonizia e gruacia / pysachi e morlacbi 

(VII) Tuti sarano pagati 

De vna tal moneta 
O bossnia e dalmacia aspeta... 

Bl. 6 r (XIV) E lo Vngaro dara del grogno 

A li cani mastini 

Em qlli zorni p’mi / May nö sauera possa... 

Bl. 7 r (XXIII) p o c’n facendo el sexto 

Le lengue turchesche 
Fauellarano tedesche / Jouerlich 

(XXIV) E quelli dastrelich 

Se meterano in arme 

E sotzonzeran le tharine / Italiani e todeschi... 

Bl. 9 T (LIX) El dito de Brigida 

Me fa lassar merlino 
Anchora p yno quatrino ... 

Bl. 10 r (LXIV) Pietro balardo non menti 

ch’ dice fate penitensia... 

Bl. 10 T (LXXII) Nö lo mettera in zogho 

Quello ch Jouanne canta 

May la Italia con la Franza / Nö hauera pace 

(LXXIII) Ascolta yn pocho se te piace 
El ditto de Masone 

Che putane e robadori / Faran molti baratti 

(LXXIV) Li höi deuentarano matti 

E tal sarano möti e tal des’ti 
E p dinari sarä copti / Lor mali tradimenti... 

Schluß: Bl. 11 T (LXXXVI) E picoli e mazori 

Se grattaran la rogna 

Piu cfcl nö bisogna / E con gran sangue. 


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175 


3) Bl. 11 T eine dritte Prophetie mit der Überschrift: Questa sie vna 
altra astrologia quasi consonante ale preditte dinanzi dicitur 
autem prophetia de Sancta Brigida Vergene. 

60 Strophen in Ottave rime. 

(I) Estima lo cor mio o alto sire 
O uero dio triumpho superno 
Con bei stillo che possa seguire 
De gran male che sara proteruo 
E molti saran fuora dogni lor desire 
Grande alegreza ne hauera linferno 
E sara el mondo tanto a lor molesto 
Chal benfar zascuno parera agresto. 

Schluß: Bl. 21 r (XL) Per. XXIIII. anni portara corona in testa 

Piu che xpano fosse mai nato riuerita 
E sara da gentil sangue e nobel gesta 
La quäl anima da dio sara molto gradita. Amen. 

4) Bl. 21 T eine vierte Prophetie in Prosa mit der Überschrift: Judicio 
infra fu facto a Basilea per Maestro Antonio de Anglia. 

Anfang: El uegnira da mezo giorno vn gründe ho e fortissimo. Credo chl dara 

pexo a la lombardia con la spada. E li soldati intrarano de uoluntate del 
principe e riceaera grandissimo honore da pauia Brusara Bressa con foco 
crudelissimo... (Bl. 22 r ) Cisena e Rimene mutarono signoria ... 
Schluß: et alora per diuirto iudicio morirano tuti quanti li vsurarij cosi preiti 
como layci. e molti notari se conuertirano a dio lassando el lor exercicio 
E alora morirano de molti pouerelli per la carestia E alora sara fato vno 
papa Imlßiale. finis 

5) Bl. 22 r ein Rezept gegen die Ruhr. A mal de pondo zoe de pon- 
tason ... poluer di mastice I poluer di zenzer fino I poluer de garofili fine... e 
questo piu uolte e prouato. 

6) Bl. 22 T Epitaphium Alexandri regis vt infra videtur = 26 Verse 

En ego qui totum mondum certamine vici... 

Qui sum uel qualis lector et ipse vides. Finis 
Abgedruckt von A. Hilka, Studien zur Alexandersage = Roman. Forschungen 
XXIX (1911), S. 70. Dem hier vorliegenden Texte fehlen die Verse 23—26, 
den Lesarten nach gleicht er mehr dem gleichen Sttlck als Schlußzusatz der 
Fassung J 5 der Historia de preliis, wie der kritische Abdruck von Fr. Pfister 
= Münchener Museum I (1911), • S. 275, beweist. 


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176 


Dr. Alfons Hilka, Randglossen zu mittelalterlichen Handschriften 


7) Bl. 23 r Desprexio deli vicij vt infra vldetur = 14 Verse, am Bande 
(rot) S. bernardin'. 

El nro tempo il quäl ho smarito 
Et in vanita ho spexo ogni mia Sorte 
Seguito ho il mondo iraditor si forte 
Chelh e justa cä ehio sia punito ... 

O tu ch legi che pensa ch dolore 
Del essere el mio a vederme in vn ponto 
Pouer. infermo. vechio e peccore. Firns. 

Dahinter 2 lat. Hexameter: 

Quatuor ista timor odium dilectio census 
Sepe solent höiu rectos peruertere sensus 

8) Bl. 23 T Infra sono sette interrogationi da esser fatte p el sacerdote ali infirmi 

qh se dubitasse del morire. A lequal sei infirmo dritamete respondera riö 
e dubio delanima sua. e questo e p beato Anselmo ditto. 

P° se de interrogar linfirmo. Sei crede... 

Septi 0 se de interrogare. sei inimico te uegnera contra metege 9 tra la croxe 
e la passion de X°. 

9) Bl. 24 r Questa sie la scala da X gradi su quäle se ua in vita beata. 

El pP grado sie la monditia di core... 

Lo deci 0 sie lo perseuerare in tute le spirituale cose fin a la fine .zoe fina 
la morte. Am. 

10) Bl. 24 r Questi sono li frutti de la eucharistia. 

El p° frutto sie la sanatiö e möditio de laia... 

11) Bl. 24 T arg verwischt: Nota che le messe le helemosine e le oralione... 

12) Bl. 24 T 41at. Verse, gleichfalls verwischt: 

Qui vult audire missa non debet abire 

Si poteris et non in fine manebis 

Pax tibi nulla datur quia laus in fine probatur 

Absentes careant presentes omnia tollant. 


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Erwin Rosenthal, Hendrik van Goudt 


177 


Hendrik, van Goudt. 

Von Erwin Rosenthal. 

(Hierzu Tafel XXIII und XXIV.) 

Es gibt in der Geschichte der Künstler keine wunderbaren Erschei¬ 
nungen, welche zu einer gewissen Zeit in einem gewissen Lande auftauchen, 
ohne daß sie eine historisch bedingte Stellung einnehmen würden. Wohl 
haben sich gar manche Meister, und darunter nicht die geringsten, dem 
ordnenden Forscher zu entziehen gesucht und es schien dann in solchen 
Fällen, als ob eine wundersame Begabung den Weg in die Kunst der Zeit 
sich gebahnt hätte, unberührt von allem Vorausgegangenen, unabhängig von 
irgendwelchem Meister oder irgendwelcher Doktrin. Eine solche Erscheinung, 
ein Künstler, welcher dem unbefangenen Beschauer eine gänzlich isolierte 
Stellung einzunehmen scheint, ist Adam Elsheimer. Die Forschung ist aber 
auch seinen Quellen nachgegangen und hat seine Eigentümlichkeiten aus 
dem Geiste und den künstlerischen Bedingungen seiner Zeit heraus zu er¬ 
klären gewußt. Sicher aber haftet ihm ein ganz persönlicher Zauber an 
und seine Eigenart wird auch weiterhin beim Laien Entzücken hervorrufen 
und den Historiker zu verstehender Bewunderung anreizen. Wie von einer 
außerordentlichen Kraft angezogen, folgt ein Künstler des Grabstichels dem 
Meister und sein Werk erhält gleich dem, welches ihm als leuchtendes Vor¬ 
bild vorschwebte, etwas Besonderes, Anziehendes, Bedeutendes. Dieser von 
Elsheimers Kunst ganz erfüllte Meister ist Hendrik Goudt. Er war 1585 
in Utrecht geboren und hatte sich dort im Zeichnen ausgebildet. Obwohl 
sehr vermögend, also keineswegs auf Verdienst angewiesen, muß er es mit 
seiner Kunst außerordentlich ernst genommen haben; denn sein erstes Werk, 
welches wir kennen und welches er nach dem darauf stehenden Datum im 
Alter von 23 Jahren gefertigt hat, ist bereits von erstaunlicher Keife. Wir 
wissen denn auch von ihm, daß er in Rom, wohin er sich offenbar ganz 
früh wandte, eine ungemein fleißige Tätigkeit entfaltete. Es muß in den 
ersten Jahren des 17. Jahrhunderts gewesen sein, daß Goudt in Rom die 
Bekanntschaft Elsheimers gemacht hat. Die Bekanntschaft wurde entschei¬ 
dend für das Leben. Mit wahrer Leidenschaft scheint er sich sofort dem neuen 
Freunde ergeben zu haben; wir wissen, daß er nicht nur alle seine Bilder 
kaufte, sondern ihn längere Zeit hindurch ausschließlich für seine Person 


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178 


Erwin Rosenthal 


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malen ließ und wir haben von den allerdings sehr wenig zahlreichen Stichen 
Goudts keinen, welcher nicht nach Bildern Elsheimers gestochen ist. Sand- 
rart berichtet uns von seinen Besuchen, die er in der Mitte der zwanziger 
Jahre bei d^m längst nicht mehr schaffenden und geistig kranken Künstler 
machte, daß dieser in lichten Augenblicken stolz seine Elsheimerschen Ge¬ 
mälde vorzeigte. Das letzte Datum, welches wir von seinen Werken her 
kennen, ist 1613. Wie lange er und ob er überhaupt nach diesem Jahr noch 
gearbeitet hat, wann er nach Utrecht zurückgekehrt ist, wo ihn Sandrart 
sah, ist unbekannt. Wie es mit seiner Gemütskrankheit beschaffen war, ist 
ebenso zweifelhaft, wie bei Elsheimer. Seltsam genug ist es, daß um das 
Ende jener beiden Männer, welche sich im Leben und in ihrem Wirken 
aufs engste berührt haben, ein geheimnisvoller Schleier gebreitet ist. Goudt 
starb im Jahre 1630. 

Nagler hat in seinem Künstler-Lexikon die Stiche Goudts aufgezählt 
und seine Biographie auf Grund der Sandrartschen Überlieferung erzählt. 
Andresen räumte in seinem deutschen Peintre-Graveur dem Stecher, obwohl 
er nie in Deutschland gearbeitet hat, wegen seiner engen Beziehungen zu 
Elsheimer einen ehrenvollen Platz ein. Während er der Biographie nichts 
Neues hinzuzufügen vermochte, gewährte er zum erstenmal den Stichen 
eine eingehende Beschreibung. Das hohe Lob, welches er dem Künstler 
zollte, möge hier folgen: „Man hat von Goudt im ganzen nur 7 Blätter, 
die alle nach Elzheimer gefertigt sind. Sie gehören in guten Abdrücken zu 
dem Schönsten, was man sehen kann. Kein Meister des Kupferstichs hat 
die Wirkungen des Helldunkels und verschiedener Lichter so wahr, meister¬ 
haft und mit solchem Effekt auszudrücken verstanden wie er, keiner Elz¬ 
heimer treuer und richtiger erfaßt.“ Nach Andresen war es Dutuit, welcher 
noch einmal das kleine Oeuvre von Goudt beschrieben hat. Die jüngste Zu¬ 
sammenstellung erfolgte in Wurzbachs niederländischem Künstlerlexikon. 

Wenn mit diesen Zeilen neuerdings auf Goudt hingewiesen wird, so 
geschieht es einmal aus der Erwägung heraus, daß dieser eigenartige, vor¬ 
nehme Künstler noch immer nicht so bekannt ist, wie er zu sein verdient; 
fürs andere soll zum erstenmal der Versuch gemacht werden, das künst¬ 
lerische Wesen und die künstlerische Stellung Goudts zu präzisieren. Wir 
wollen also zunächst das Eigentümliche von Goudts Kunst zu erfassen suchen 
und dann kurz seine Stellung zu Vorläufern und Zeitgenossen bezw. Nach¬ 
folgern beleuchten. 

Es vermag innerhalb des Werkes Goudts keine auf steigende Kurve fest¬ 
gestellt, keine Entwicklung und kein Variieren des Stiles verzeichnet zu 
werden. Sieben Stiche können wir ihm nur mit Sicherheit geben und diese 
sieben Stiche sprechen alle von der gleichen außerordentlichen Beherrschung 
der technischen Mittel. Zwischen 1608 und 1613 ist das kleine Werk des 


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Hendrik van Goudt 


179 


Künstlers eingeschlossen. Das eistere Datum trägt der kleine Stich, welcher 
eine Flußlandschaft vorfuhrt, in dessen Vordergrund Tobias mit dem Engel 
8chreitet(A. 1). Wie ausdrücklich angegeben, ist der Stich nach einem kleinen 
Gemälde Elsheimers gefertigt. Das Blättchen hat in seiner fein abgestuften 
Schwarzweiß-Wirkung eine große Farbigkeit. Das Licht schimmert über 
der Landschaft. Sehen wir nun zu, mit welchen Mitteln Goudt diese male¬ 
rischen Reize erreicht, so ist die erste wichtige Erkenntnis, daß wir es 
mit einer reinen Grabstichelarbeit zu tun haben. Nirgends setzt die Radier¬ 
nadel ein eine Nuance zu schaffen, eine Wirkung zu unterstreichen. Die 
Arbeit ist ein reiner Kupferstich. Entscheidend ist, daß die graphisch- 
künstlerische Wirkung nur in wenigen Fällen durch ein starkes Eingehen 
der Linien auf die Form erreicht wird, das heißt, daß die Linien der Form 
nachgehen, ihr Relief mitmachen; sondern durch ein völlig regelmäßiges 
Liniennetz, welches durch Aneinanderrücken und Abrücken der einzelnen 
Linien von den feinsten Halbtönen bis zu den dunkelsten Schwärzen nuan¬ 
ciert werden kann. Dieses Netz ist durch feine horizontale und vertikale 
Strichztige gebildet, so daß sich diese in einem Winkel von 90° schneiden. 
Es entsteht also das, was wir in den modernen Reproduktionsverfahren 
Kreuzraster nennen. So schematisch diese technische Grundlage ist, so reich 
und überraschend sind die Wirkungen, welche die absolute Beherrschung 
dieses Rasternetzes ermöglicht. Gerade der feine schwarzweiße Schimmer, 
welcher unsere kleine Landschaft mit den Figuren in eine luftige Atmo¬ 
sphäre taucht, ist ein Produkt des mit größter Geschicklichkeit geliand- 
habten Liniennetzes. Dabei ist zu beachten, daß die Formen im einzelnen, 
so z. B. die Elsheimerschen Kugelbäumchen etwas reliefmäßig Hartes haben. 
Dieser plastische Charakter der Formen ist ein reizvolles Gegenspiel zu der 
malerischen Ausdruckskraft der technischen Mittel. Aus diesem glücklichen 
Zusammenstimmen der beiden sich entgegengesetzten Faktoren ist es mög¬ 
lich, daß der Charakter des Elsheimerschen Bildes in dem Stich vollkommen 
wiederauflebt. 

Es ist interessant und lehrreich, daß wir dieselbe Tobiasdarstellung 
in derselben Landschaft auch in einer Radierung von Elsheimers Hand be¬ 
sitzen. Legt man die beiden graphischen Blätter nebeneinander, so ist der 
Unterschied fundamental. Elsheimer hat seine ganze Arbeit mit der Radier¬ 
nadel hergestellt. Was dabei herauskam, ist ein rein graphisches Produkt. 
Die hervorgebrachten Wirkungen zeigen, was man mit graphischen Mitteln 
an zarten landschaftlichen Erscheinungen erreichen kann. Nichts aber er¬ 
innert an die gemalten Werke Elsheimers. Goudt dagegen strebt in repro¬ 
duzierendem Interesse nach einer Lösung, welche dem gemalten Vorbilde 
so nah als möglich kommt. So ordnet der Stecher seine Mittel völlig seiner 
nachbildenden Absicht unter und geht ganz in der Vorstellung des gemalten 


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Erwin Rosenthal 


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Vorbildes auf. Er bringt zwar in der Schwarzweiß-Technik dem Original 
gegenüber etwas gänzlich anderes, aber er schafft es mit der Eindringlich¬ 
keit eines nacherzählenden Chronisten. 

Das Datum 1610 trägt der große Stich mit Ceres und der alten Me- 
tanira (A. 5). Es ist ein Nachtstück. Das Licht der Kerze, welches die 
Alte in der Hand hält, erhellt die Figuren und Teile der Landschaft. Goudt 
ist jetzt in seinem eigentlichen Element. Das Rasternetz ist wohl noch 
straffer, dichter, und der Effekt des tiefsten Schwarz neben ausgespartem 
Weiß mit außerordentlicher Schärfe herausgeholt. Wo die Linien die Form 
mitmachen, so am Kleid der Ceres, wo sie der Rundung des Beines folgen, 
wirkt niemals die einzelne geschwungene Linie an sich, sondern auch da 
bestimmt die Gemeinsamkeit der Linien als eine graue Fläche die Wölbung. 
Das An- und Abschwellen des Hellen und Dunklen soll nie durch ein 
Schwellen der einzelnen Linien bewirkt werden, sondern durch ein Dichter¬ 
werden bezw. eine Auflockerung linearer Komplexe. Oft ist es erstaunlich, 
wie an kleinen Stellen, etwa an Blattoberflächen der Bäume, die feinsten 
Linien in weichen Schwüngen geführt werden; diese sind aber in so zahl¬ 
reichen feinen Parallelen über die kleine Fläche gesetzt, daß eben nicht 
die Linie, sondern das ganze Blatt als Ton wirkt. 

Das kleine Ovalblatt der „Salome“ (A. 4) schließt sich am besten an die 
Ceres-Darstellung an. Die Stellung der Salome erinnert an die der antiken 
Göttin; die Gewanddrapierung und die Beleuchtung sind sehr ähnlich. Über 
das Technische könnte nur das bisher Gesagte wiederholt werden. Das Netz 
ist so eng und die Übergänge sind von einer so glatten, plastischen Wirkung, 
daß etwa der Eindruck einer Gemme erreicht ist. 

Im Jahre 1612 widmet Goudt seinem Bruder, den er einen Freund der 
Malerei und aller guten Kunst nennt, seinen Stich „Philemon und Baucis, von 
Jupiter und Merkur besucht“ (A. 6). Hier ist zum erstenmal, und nach unserer 
Kenntnis von Goudts Werken zum einzigenmal, ein Innenraum gegeben. 
Es ist nicht zu beschreiben, und auch nur an den vorzüglichsten Abdrücken 
zu sehen, wie es Goudt hier mittels seiner Netztechnik gelingt, die eigen¬ 
tümlich weiche, man möchte sagen dumpfe Zimmerluft fühlbar zu machen. 
Weich heben sich aus dem Dunkel des atmosphärischen Raumes die Ge¬ 
stalten und die Gegenstände in grauen Tönen und hellen Lichtpartien 
heraus. Wiederum gelangt die Einzelform zu starker Plastizität und doch 
wird das Ganze zusammengehalten durch eben diesen malerischen Schimmer, 
der das Produkt der Goudtschen Technik ist. 

Es folgen die drei Werke des Künstlers, welche das Datum 1613 tragen. 
Zunächst erwähne ich den Stich, welcher als einziger eine reine Landschaft 
vorführt. Auf alles figürliche Beiwerk, welche die Landschaft zur Folie 
einer mythologischen oder biblischen Szene machen würde, ist verzichtet 


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Hendrik van Goudt 


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und die „Aurora“ (A. 7) wirkt lediglich ala eine am Morgen empfangene 
landschaftliche Impression. Ein blosses schematisches Aneinanderreihen 
paralleler Horizontallinien läßt den Himmel und die Landschaftsferne 
zu einem luftigen Gebilde werden, lediglich dadurch, daß diese geraden 
Striche gelegentlich einmal aussetzen oder um ein weniges mehr zusammen 
oder voneinander rücken. Die warmen Tiefen der Vorderlandschaft sind 
wieder mittels des quadratischen Liniennetzes hervorgebracht. Man denkt 
an die Landschaft des Tobias von 1608. Die Mittel waren damals schon die 
gleichen. Aber es will doch scheinen, als ob hier alles noch konsequenter, 
bewußter gehandhabt wäre. Die Einzelheiten werden mehr unterdrückt 
und alles der Stimmung des Ganzen untergeordnet. 

Dies ist im höchsten Maße der Fall hei der „Flucht nach Ägypten“ 
(A. 3). Es ist das umfangreichste Blatt des Künstlers. Über einer in tiefe 
Nacht gehüllten Landschaft mit Bäumen und Wasser steigt ein gewaltiger 
schwarzer Nachthimmel an. Es dürfte kaum einen zweiten Kupferstich 
geben, welcher aus den reinen Mitteln des Grabstichels schöpfend, eine 
gleich starke Wirkung eines Nachtbildes hervorgebracht hätte. Auch dieser 
gewaltige Himmel ist durch ein blosses Aneinanderreihen gerader Strich* 
horizontalen gebildet. Wir sehen den Mond aus diesem Himmel auftauchen, 
wir sehen die lange Milchstraße und andere Sterne leuchten und wir sehen, 
wie sich um den Mond herum Wolken zusammenballen und dessen Licht 
reflektieren und wir fühlen ein atmosphärisches Flimmern in allem. Und 
all das ist durch jenes Aneinanderlegen gerader Stichelzüge erreicht, wobei 
gelegentliches Aussetzen und Differenzieren der Abstände die malerischen 
Wirkungen hervorruft. Dieser Nachthimmel bleibt ein besonderes technisches 
Kunststück in der Geschichte des Kupferstiches. Von den vielen feinen 
Einzelheiten der Landschaft sieht man fast nichts. Alles wird dem Effekt 
des Gesamteindrucks als Silhouette geopfert. An schlechten, späteren Druk- 
ken kann man erst sehen, wie reich die Landschaft im einzelnen gestaltet 
ist und man bewundert die Entsagung des Künstlers, welcher zur Errei¬ 
chung des gewaltigen Effektes schließlich alles mit Schwarz überdeckt hat. 
Die Lichtflecke auf den Figuren stechen so stark aus dem Schwarz der 
Landschaft heraus, daß sie wie mit weißer Farbe aufgesetzt erscheinen. 
Während hier wieder die plastische Härte zu Worte kommt, spricht aus 
der schimmernden Mondscheibe uud den wundervollen Baumsilhouetten, die 
sich bestimmt und doch weich vom Nachthimmel abgrenzen, das malerische 
Verständnis Goudts. Wiederum ist er dem, was Elsheimer mit dem Pinsel 
zu sagen hatte, aufs engste nahe gekommen. 

Als letztes Werk füge ich den „großen Tobias“ an (A. 2). Es ist vielleicht 
das schönste Blatt, das uns Goudt hinterlassen hat. Während die Flucht 
nach Ägypten die Kontraste aufs höchste spannt, liegt Uber dem Tobias- 


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Erwin Rosenthal 


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stich ein wohltuendes Tageslicht. Dieses Licht, welches an dem wolkigen 
Himmel schimmert, breitet sich in zarten Reflexen über den Boden und das 
Laub und bringt eine malerische Lebendigkeit von hohem Reiz in das Blatt. 
Der Vergleich mit dem kleinen Tobias von 1608 liegt natürlich sehr nahe. 
Wir haben zu Anfang betont, daß in diesem ersten Blatte Goudt seine 
Technik schon vollkommen ausgebildet hatte. Aber der große Tobias zeigt 
doch, wenn auch prinzipiell nichts Neues, eine unübertreffliche Sicherheit 
in der Anwendung dieser Mittel. Was Goudt mit seinem Rastemetz und 
seinen geraden Linienschemen zu erreichen vermochte, das hat er in voll¬ 
kommenster Weise im großen Tobias zum Ausdruck gebracht. 

Zu diesem kleinen Oeuvre ist zunächst zu bemerken, daß nur die aus¬ 
gezeichnetsten Abdrücke eine Vorstellung von dem tiefen Gehalt der Stiche 
geben. Diese ganz schönen Drucke sind sehr selten. Man sieht meistens 
ganz schlechte Abdrücke und diese sind nicht uninteressant; denn die 
schlechten Drucke haben ein so eigenartiges Aussehen, daß man zunächst 
zweifeln kann, ob sie von derselben Platte stammen. Man sieht hier, wo 
nicht mehr der Künstler selbst das Einschwärzen besorgte, Details und 
unangenehm wirkende Konturen, welche auf den guten Abzügen völlig 
unsichtbar sind. Der Gesamtton dieser vielverbreiteten mangelhaften Drucke 
ist ein unschön grauer. 

Dutuit hat für den kleinen Tobias, die Salome und die Aurora zwei 
Plattenzustände festgestellt. Für die Flucht nach Ägypten ist mir ein unbe¬ 
schriebener früherer Zustand bekannt geworden. Das Dresdner Kupferstich¬ 
kabinett besitzt einen wundervollen ersten Abzug, der sich von den bekannten 
dadurch unterscheidet, daß der Mond noch ganz weiß ausgespart ist, während 
er später getönt wird. Man sieht außerdem noch links die abschließende 
Uferlinie sehr stark, und am Himmel allerhand weißliche Lichter. Die Über¬ 
arbeitung geschah im Sinne der Vereinheitlichung, des Unterdrückens sol¬ 
cher Details. Auf diesem Abzug fehlt auch noch der Text. Statt dessen 
steht auf dem Rande handschriftlich: „H. Goudt 1613.“ Es scheint nicht 
zu bezweifeln, daß hier die Schriftzüge des Künstlers selbst überliefert 
sind. Dresden besitzt auch noch einen klaren, tiefen Druck von Philemon 
und Baucis vor dem Text. Von Philemon und Baucis gibt es einen Gegen¬ 
druck vom frischen Original abzug. Noch möchte ich darauf hin weisen, daß 
Abdrücke Vorkommen, welche durch eine kleine Verschiebung des Papiers 
in der Presse gekennzeichnet sind und durch das teilweise Verdoppeln der 
Linien einen weichen Charakter bekommen haben, der ihnen nicht zuge¬ 
hört. Zu den bekannten Kopien nach Goudts Stichen von Wenzel Hollar, 
Comelis Galle, Lucas Vorstermann und Balthasar Moncomet wüßte ich 
keine neuen hinzuzufügen. 


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Tafel XXIII. 





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Hendrik van Goudt: Der „große Tobias“. 


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Hendrik van Goudt 


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Wenn wir jetzt noch kurz die Stellung andeuten wollen, welche Goudt 
in seiner Zeit eingenommen hat, so werden wir zunächst auf die Entwick¬ 
lung des niederländischen Kupferstichs im Laufe des 16. Jahrhunderts ge¬ 
führt. Was Goudt unmittelbar vorfand, sind neben den soliden Arbeiten in 
der Weise der Wierix und der de Passe die eine neue Schule heraufführen- 
den Arbeiten des de Cort und vor allem des Hendrik Goltzius. De Cort 
hatte die Sichtung angegeben. Im Gegensatz zur Technik vom Anfang des 
16. Jahrhunderts hatte de Cort, welcher seine Haupttätigkeit in Italien 
entfaltete, im Zusammenhang mit italienischen Künstlern ein neues Stich- 
System geschaffen, dessen charakteristisches Wesen ist, daß „ durch die 
Wucht der einzelnen, stark für sich wirkenden Linie, durch die genährte, 
in der Mitte stark anschwellende, in kühnem Schwünge die Form rundende 
Taille“ (Kristeller) die Erscheinung der nachzuformenden Gebilde ausge¬ 
drückt wird. Mit dieser selbstherrlichen graphischen Ausdrucksweise, wo¬ 
bei die einzelne Linie besonders spricht, und das Ganze zu einem Gefüge 
solch selbständiger Linien wird, ist die Basis für den Rubens-Stich gegeben. 
So sehr dieser Stich als Reproduktions-Stich sich entwickelt hat und ge¬ 
rade als solcher seine höchsten Triumphe feierte, so bleibt er doch immer 
etwas von dem malerischen Vorbild völlig Getrenntes. Er bringt zwar er¬ 
staunliche stoffliche Nuancierungen hervor, wodurch ein feines Schimmern 
auf der Oberfläche entsteht; aber der Eindruck bleibt immer mehr der einer 
graphischen Glanzleistung, als der einer Wiedergabe mit dem Pinsel ge¬ 
malter Vorbilder. Das bedeutet gerade das Gegenteil von dem, was wir an 
Goudt festgestellt haben und wir können daher die Richtung des de Cort 
und seiner Nachfolger nicht als Grundlage für ihn ansehen. Weit eher hat 
er von Goltzius gelernt. Und zwar nicht von jenem Goltzius, welcher sich 
auch mit de Cort oder Carracci beschäftigt und ihre Systeme mit Virtuo¬ 
sität ausbildet, als vielmehr von jenem Goltzius, welcher sich an die Kupfer¬ 
stichtechnik Dürers anlehnt. Ein Blatt wie die Pietä, wo Goltzius die Tech¬ 
nik der späteren Stiche Dürers mit erstaunlichem Können wieder aufnimmt, 
war für Goudt weit bestimmender als jene italienisierenden Stiche des 
Künstlers, wo das wuchtige Liniengefüge schwellender Taillen den Aus¬ 
schlag gibt. Über Goltzius hinaus hat Goudt ganz offenbar die Dürerschen 
Werke selber studiert. Seine Ceres und sein großer Tobias erinnern nicht 
nur in ihrer bravoureusen Technik und dem stofflichen Glanz an Goltzius, 
sondern erwecken unmittelbar die Erinnerung an die Meisterstiche Dürers, 
wie etwa das Adam-und-Eva-Blatt. Dürer, Lukus van Leyden, Dierk Vel- 
lert hat Goudt sichtlich mehr studiert als seine unmittelbaren Vorgänger. 
Auch die schönsten Porträtstiche Beliams in ihrem Schwarzweiß-Glanz 
kommen einem ins Gedächtnis, wenn man die Lehrer Goudts in weiterem 
Sinne aufsucht. Hier hat jeder Stichelzug Bedeutung und ordnet sich doch 


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Erwin Rosenthal 


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dem Gesamteindruck unter, so daß die feine Gesamttönung entscheidet imd 
nicht ein eigenmächtiges Liniengcftlge. Während Goudt von den Meister¬ 
stechern des 16. Jahrhunderts die Mittel sich aneignet, welche ihn beson¬ 
ders befähigen, gemalte Vorbilder wiederzugeben, so ist für seine Anwen¬ 
dung des Kreuzrasters eigentlich überhaupt keine Vorstufe zu nennen. Nicht 
als ob Liniennetze aus rechtwinklig zueinandergestellten Stichelztlgen etwas 
durchaus Neues wären; aber die konsequente Anwendung des aus langen 
Horizontalen und Vertikalen gebildeten Rasters und dessen wundervolle 
Ausdrucksfähigkeit scheint Goudt in die Kupferstichkunst eingeftthrt zu 
haben. Und wie seine sieben Stiche dadurch als etwas ganz Besonderes aus 
der Produktion ihrer Zeit heraustauchen, so hat seine Kunst auch wenig 
Nachahmer gefunden. Der einzige Stecher, der immer im Zusammenhang 
mit ihm genannt wird, ist der jllngere Jan van de Velde. Die Stiche van 
de Veldes stimmen keineswegs immer mit denen Goudts in der Technik ttber- 
ein. Vielmehr ist es eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Blättern, welche 
man mit diesem zusammenbringen kann. Vollkommen in Goudts Manier 
sind die Stiche Aurora, Nox und Vesper gestochen. Aurora ist überhaupt 
nur eine Variante der Morgenlandschaft von Goudt. Der Nachthimmel auf 
dem Nox-Stich ist völlig unter dem Eindruck des besprochenen Meister¬ 
stücks von Goudt entstanden. Dazu kommen noch ein Nachtstück mit einer 
Gesellschaft im Vordergrund, ein paar Darstellungen aus der Tobias-Ge¬ 
schichte und noch zwei oder drei Arbeiten van de Veldes, worin man von 
Anlehnung an Goudt sprechen kann. In diesen Blättern ist es eben vor 
allem das quadratische Liniennetz und die Anwendung langer Horizontalen, 
was von Goudt übernommen wurde. Die Ähnlichkeit der Wirkung ist 
groß. Bei näherem Zusehen aber erkennt man unschwer, daß die Zeichnung 
und die technischen Mittel bei van de Velde an Ausdruckskraft hinter Goudt 
ein gutes Stück Zurückbleiben. Daß van de Velde und Goudt nicht aus 
einer gemeinsamen Quelle geschöpft haben, sondern daß ersterer ganz be¬ 
wußt diesen in manchen Stichen nachgeahmt hat, scheint ohne weiteres 
festzustehen. Während also bisher Goudt und van de Velde als Vertreter 
einer technischen Richtung betrachtet wurden, muß man unbedingt Goudt 
als die schöpferische Kraft ansehen und van de Velde als seinen Nach¬ 
ahmer. Über Veldes frühe Daten wissen wir sehr wenig; aber die ersten 
datierten Folgen stammen bereits aus den Jahren 1615 und 1616, also aus 
einer Zeit, welche über die Goudtschen datierten Arbeiten hinaus ist. Man 
kann annehmen, daß Goudt nach seiner Rückkehr aus Rom direkt auf 
den jungen Velde eingewirkt hat; es kann jedoch das Verhältnis Veldes 
zu seinem Vorbild auch nur ein indirektes gewesen sein; wie äußerlich er 
das von Goudt stammende Mittel des Rasternetzes manchmal anwendet, 
kann man daraus ersehen, daß er eine Partie, etwa einen Baumschlag eines 


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Tafel XXIV. 



Anonymer holländischer Stich: Pygmalion. 


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Hendrik van Goudt 


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Stiches mit solchem Raster zudeckt, während der ganze übrige Stich in 
freizeichnender Manier gestochen ist. 

Mehr als die Stiche van de Veldes scheint mir ein ganz vereinzelt 
stehender Kupferstich Anspruch zu haben auf engste Beziehungen zu Goudt, 
ein Stich im Besitze des Herausgebers dieser Zeitschrift, welcher weder 
ein Monogramm, noch eine textliche Unterschrift enthält. Die beige¬ 
gebene Abbildung des „Pygmalion“ enthebt mich der Beschreibung. 
(Maße: 157 X 200 mm.) Wir haben es hier nicht nur mit einem Nackt- 
stück und Beleuchtungs-Effekten zu tun, wie wir sie von Goudt her ge¬ 
wöhnt sind, sondern wir finden Schritt für Schritt die gleiche Technik 
und wir sehen das Rasterschema nicht äußerlich angewandt, sondern mit 
der ganzen Geschicklichkeit und Ausdrucksfähigkeit, wie wir sie nur bei 
Goudt gefunden hatten. Wenn ich trotzdem zögere, das Blatt dem Oeuvre 
des Künstlers anzureihen, so ist es, weil eine gewisse Ausgeglichenheit in 
dem Stiche herrscht, welche nirgends jene plastischen Härten, jene schrof¬ 
fen Gegensätze von Schwarz und Weiß hervor kehrt, die wir nun einmal 
bei Goudt immer fanden. Wenn wir 68 mit einem eigenhändigen Werk zu 
tun haben, dann muß es später sein, als die bekannten. Jedenfalls wüßte 
ich vorderhand keinen Künstler zu nennen, welchem dieser Stich mit mehr 
Recht angehören könnte, als Goudt. Bemerkenswert wäre, daß dies dann 
der erste Stich Goudts sein würde, für den kein Elsheimersches Bild als 
Vorlage diente. 

Wie sehr nahe wir mit diesem letzten Stück nach Utrecht gekommen 
sind, lehrt ohne weiteres seine außerordentliche Verwandtschaft mit den Bil¬ 
dern des Gerard Honthorst. Das alte Weib, welches die Kerze hält, und 
der junge Künstler an der Statue sind so echte Honthorst-Figuren — man 
denke an die „Musikstunde“ der Sammlung Steengracht oder an den „ver¬ 
lorenen Sohn“ der Münchener Pinakothek — daß man an ein Bild Hont- 
horsts als Vorlage für den Stich glauben möchte. Diese Beziehung ist uns 
wichtig; denn gleichviel, ob nun die nächtliche Pygmalion-Szene von Goudt 
selber gestochen ist oder nicht, seine Kunst bildet ein bedeutsames Moment 
in der Utrecliter Malerei. Sicherlich war Goudt früher in Italien als Hont¬ 
horst, und aller Wahrscheinlichkeit nach war er bereits wieder in Utrecht, 
bevor Honthorst die Stadt verließ um nach Italien zu ziehen. Goudt war 
also auf jeden Fall mit den italienischen Beleuchtungs-Problemen wesent¬ 
lich früher bekannt geworden als Honthorst, und vielleicht war es gerade 
er, welcher diesen zur Italienfahrt begeisterte. So hätten wir die interes¬ 
sante Erscheinung, daß der Stecher Goudt den wesentlichen Anstoß gab 
für die Richtung der Honthorstschen Kunst, welche ein so bedeutendes 
Kapitel in der Kunstgeschichte des 17. Jahrhunderts wurde; wobei natür¬ 
lich immer im Auge zu behalten ist, daß Goudt der Verkünder Elsheimers 


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Erwin Rosenthal, Hendrik van Goudt 


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ist. Was -wir in Goudts Kunst als bestimmend gefunden baben, die Syn¬ 
these der Plastizität der Formen und der malerischen Werte der Ober¬ 
fläche, das ist nicht nur Grundzug der Honthorstschen Bilder, sondern 
der Utrechter Malerei in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts über¬ 
haupt. So können wir abschließend sagen, daß Goudt als Stecher etwas 
geschaffen hat, was in gleicher Intensität vor und nach ihm Bich kaum 
wiederfindet, daß er als Künstler einen bestimmten Platz in der Utrechter 
Malerei einnimmt und daß er für die Übertragung der caravaggiesken 
Elemente auf die holländische Malerei bahnbrechend gewirkt hat. 


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Tafel XXV. 



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Ilolztafeldruck vorn Jahre 1466. 


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MITTEILUNGEN 


Ein unbeschriebener Holztafeldruck vom Jahre 1466. 

(Hierzu Tafel XXV.) 

Die nebenstehend abgebildete xylographische Ostertafel ist das erste 
ganz vollständige und einwandfrei erhaltene Exemplar solcher Art. 1 ) Über 
den Zweck dieses Osterkalenders, dessen äußere Beschreibung die Repro¬ 
duktion überflüssig macht, sei folgendes bemerkt. Die Überschrift gibt zu¬ 
nächst die Bedeutung folgendermaßen an: Rota . pasche . menses . dies . 
aureus. numerus. Das große aus drei aneinandergelegten Bändern gebildete 
„Osterrad“ enthält in den äußersten Zellen in ständigem Wechsel die beiden 
Monatsnamen: marcii. aprilis. Die Ziffern des zweiten Bandes sind Monats¬ 
daten, die auf dem innersten Ringband die goldenen Zahlen. Das Auffinden 
des Osterdatums eines Jahres ging auf die einfachste Weise vor sich, in¬ 
dem man zuerst die goldene Zahl desselben auf dem inneren Kreise auf¬ 
suchte. In der Zelle darüber fand rfian dann den Tag, in der nächst höheren 
den Monat; also etwa: man suchte für das Jahr 1466 das Osterdatum. Die 
goldene Zahl für 1466 ist 4 — die Feststellung der goldenen Zahl des be¬ 
treffenden Jahres geschah, wie wir gleich sehen werden, am unteren rechten 
Kreis —; fixiert man am innersten Kreisband die IV, so findet man darüber 
VI und am äußersten Kreisband aprilis. Der 6. April ist also das Oster¬ 
datum für 1466. Zum Anmerken der goldenen Zahl am Innenkreis dient nun 
eigentlich die an einem Wollknopf im Kreiszentrum befestigte drehbare 
Scheibe*) mit dem Engel. Die goldenen Zahlen sind auf dem innersten Ring 
so angeordnet, daß der Engel gleichzeitig dieselben für zwei aufeinander¬ 
folgende Jahre anzugeben vermag und zwar so, daß die Hand das Osterdatum 
des Jahres bestimmt, welches dem durch den Fuß angegebenen folgt. Diese 
Fähigkeit des englischen Zeigers ist durch die Umschrift ausgedrückt: do. 

*) Maße: 188x137 mm. Druck: braun. Kolorit: Der Boden, auf dem der Engel steht, 
das mittlere Kreisband, Sonne, Mond und Staubgefäße der drei Blumen: gelb. Der vordere 
Engelsflügel (der umgeschlagene Teil), die erhobene rechte Hand, die beiden Blättchen der 
seitlichen Kosen, welche gegen den Rand stehen und die zwei untersten Blättchen der 
Mittelrose, welche nach aufwärts stehen: grün. Der hintere Engelsflügel, der Fuß, die zwei 
nach innen gekehrten Blättchen der seitlichen Kosen und an der Mittelrose die zwei tiefsten, 
die zwei obersten und die zwei sich zwischen den Stengeln kreuzenden Blättchen: rot, 
Schattenangaben auf den Blütenblättern: grau. — Das Kolorit wurde so ausführlich ange¬ 
geben, weil es in seiner geschmackvollen Bescheidenheit von eindringlicher Wirkung ist und 
einen ganz persönlichen Sinn verrät, so daß es bei vergleichenden Studien Dienste tun kann. 

*) Auf die weiße Scheibe, über welcher die Drehscheibe befestigt ist, ist ein aus 4 sich 
kreuzenden Strichen gebildeter Stern gedruckt. 


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Mitteilungen 


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pede . preteritum . diguto. noto . pasca . futurum . que . numerum . aureum. 
Stellen wir also, um beim vorigen Beispiel zu bleiben, die Scheibe so, dafi 
der Fuß des Engels auf die IV (1466) zeigt, so weist die Hand auf die V, die 
goldene Zahl des Jahres 1467 und es ergibt sich als dessen Osterdatum ans 
den dartlberliegenden Zellen der 29. März. 

Wie schon angedeutet, ist der rechte der beiden unteren Kreise zum 
Feststellen der goldenen Zahl des jeweils interessierenden Jahres nötig. 
Die goldenen Zahlen (1—19) laufen hier in gewöhnlicher Aufeinanderfolge 
um den Kreis herum. In der Mitte steht: Bota. aurei. numeri. M . CCCC . 
LXVI. Von der Zahl 1466 geht eine Punktreihe nach der goldenen Zahl IV 
hin, womit angezeigt ist, daß vier die goldene Zahl für 1466 ist. So ist 
diese also für ein Jahr fixiert und damit läßt sich durch Hinzuzählen von 
je 1 für jedes folgende Jahr die jeweilige goldene Zahl leicht ermitteln. 
Ein Benutzer merkte sich, wie man auf der Abbildung sieht, an der X an: 
hic incipe 1491. Macht man die Probe, indem man am Bad herumzählt, 
so findet man in der Tat, daß zehn im Jahre 1491 die goldene Zahl war. 
Es ist uns nun von großer Wichtigkeit, daß die goldene Zahl fUr das Jahr 
1466 angegeben ist. Daraus kann man mit Sicherheit schließen, daß der 
Holztafeldruck im Jahre 1466 entstanden ist; denn der Holzschneider gab 
wohl zweifellos als Ausgangspunkt fUr die Weiterzählung das Jahr an, in 
dem er eben arbeitete. Das Datum wiederholt sich Übrigens in gleich her¬ 
vortretender Weise im linken Kreise, welcher die Sonntagsbuchstaben fttr 
die gewöhnlichen wie die Schalt-Jahre angibt. Die Inschrift lautet: l(it)tere 
dominicales et bysextiles M. CCCC. L XVI. Damit ist also der Holztafel¬ 
druck an zwei Stellen unzweideutig datiert und wir freuen uns, eine bisher 
unbeschriebene Xylographie in die Beihe der wenigen einfUgen zu können, 
die infolge aufgesetzter Daten Stutzpunkte fUr die Forschung zu bilden 
geeignet sind. 

Bei der künstlerischen Bewertung des Blattes wird der Nachdruck auf 
das dekorative Empfinden des Ausfuhrenden zu legen sein. Wir sehen einen 
Briefmaler, der abseits von der großen Kunst steht, ausgestattet mit der 
Gabe, eine Fläche angenehm zu beleben. In der Gesamtaufteilung des Blattes, 
in der Weise, wie Sonne und Mond, besonders aber die gut gezeichneten, 
leicht stilisierten Blumen als Füllelemente verwertet sind, zeigt sich ein 
ursprünglicher künstlerischer Sinn. Auch die Zeichnung des Engels weist 
gewisse Feinheiten auf und das Hineinsetzen der Figur in das Bund ist 
mit beachtenswerter Geschicklichkeit durchgefUhrt. Freilich ist die künst¬ 
lerische Eigenart nicht in einer Weise ausgeprägt, daß sich ein fruchtbarer 
Schluß auf die Provenienz ergäbe. 

Von unserem Holztafeldruck vermag ich durch einen gütigen Hinweis 
des Herrn Oberbibliothekar Dr. Leidinger (München) ein zweites, freilich 


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Mitteilungen 


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sehr fragmentarisches Exemplar auf der Universitätsbibliothek in München 
anzugeben. Es klebt dort auf der Innenseite des Vorderdeckels einer astro¬ 
nomischen Inkunabel aus Erhard Ratdolts venezianischer Offizin (4°. Inc. 317). 
Die Scheibe mit dem Engel fehlt ganz. Außerdem ist das Blatt reichlich 
schadhaft und im Druck völlig abgeblaßt. 

Ein unserer Ostertafel paralleles Blatt, ebenfalls der Scheibe entbehrend, 
hat Schreiber im IV. Bande seines manuel S. 405/6 beschrieben. 1 ) Das im 
Berliner Kupferstichkabinett liegende Stück stellt sich jetzt als eine mindere 
Kopie nach unserer Xylographie dar. Der Kopist hat nichts von dem deko¬ 
rativen Gefühl des ursprünglichen Holzschneiders gehabt und so kommen 
die Füllstücke (Sonne, Mond, Blumen) ihrer Aufgabe nur schlecht nach. 
Der untere Kreis zur Rechten zeigt das Datum 1468 und diese Jahreszahl 
berührt die VI, welche für 1468 die goldene Zahl war. Diese Kopie wurde 
also ganz offenbar im Jahre 1468 angefertigt. 

Das Berliner Stück hat eine Besonderheit, welche nicht nach unserer 
Xylographie kopiert ist: zwei kleine Hände ragen aus dem großen Kreis 
heraus und deuten auf die unteren Kreise hin. Diese kleine Abweichung 
führt zu der auf der Baseler Universitätsbibliothek befindlichen Ostertafel, 
welche Koegler publiziert hat.*) Diese hat als einzige außer der unseren noch 
die Drehscheibe mit dem Engel; aber die Erhaltung des Blattes läßt sehr 
zu wünschen übrig. Der Engel ist mit ziemlicher Genauigkeit nach dem 
unseren kopiert. Im übrigen erscheinen Abweichungen. Die vier um den 
großen Kreis sich ergebenden Zwickel sind durch die Evangelistensymbole 
ausgefüllt. Die zwei Hände am Unterrand des Kreises sind bereits erwähnt 
worden. Die Mittelblume zwischen den kleinen Kreisen ist auch eine andere. 
Im übrigen bietet die Tafel dasselbe Bild, indem die ganze Einteilung wie 
der textliche Teil gleich geblieben ist. Die Jahreszahl 1466 ist auf dem 
Baseler Blatte vom Nachschneider weggelassen und auch nicht durch eine 
andere ersetzt worden. Die künstlerische Unterlegenheit unserem Blatte 
gegenüber ist ohne weiteres erkenntlich. 

Es ist nun noch einer Ostertafel zu gedenken, welche Murr im vier¬ 
zehnten Teil des „Journal zur Kunstgeschichte“ (Nürnberg 1787) S. 126 be¬ 
schreibt. Diese Beschreibung, welche Murr selbst wieder von dem Biblio¬ 
thekar der Buxheimer Karthause erhalten hatte, deutet am ehesten auf das 


') Eine ausführliche Beschreibung hat dieses Blatt schon durch Sotcmann im Sera- 
petun III. 1842 S. 180/81 erfahren. Schreiber hielt es im manuel für ein Almanachfragment. 
Diese Anschauung ist irrig. Das Blatt hat durchaus selbständige Bedeutung und nachdem 
jetst verschiedene Blätter gleicher Bestimmung bekannt geworden sind, ist es völlig sicher, 
daB es sich um ein Einzelblatt handelt. 

*) Einzelne Holz- und Metallschnitte des 15. Jahrhunderts aus der Universitätsbibliothek 
in Basel. Straßburg, Heitz, 1909. 


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Mitteilungen 


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Berliner Blatt. Doch zeichnet sich das ehemalige Buxheimer Stück durch 
eine Besonderheit aus, welche keinem der erhaltenen Blätter zukommt. 
Es hatte ein Holzschneiderzeichen. Und zwar erkennt man in diesem bei 
Murr wiedergegebenen Zeichen unschwer die Marke, welche uns aus der 
ersten Ausgabe der Ars memorandi (s. Schreiber, manuel IV., S. 136) bekannt 
ist. Die Drehscheibe mit dem Engel hat, nachdem sie in der sonst sehr sorg¬ 
fältigen Beschreibung bei Murr nicht erwähnt ist, auch auf dem Buxheimer 
Blatte gefehlt. Desgleichen enthielt es sicher kein Datum. 

Abschließend ist also hervorzuheben, daß der hier mitgeteilte Holztafel¬ 
druck das ursprüngliche Modell einer Ostertafel darstellt, von welcher bisher 
nur Repliken bekannt geworden waren. Derselbe erhält durch seine Da¬ 
tierung und die überraschend gute Erhaltung einen besonderen Wert. Er 
stellt eine Bereicherung unserer Kenntnis von den holzgeschnittenen Kalen¬ 
dern des 15. Jahrhunderts um so mehr dar, als der Typus offenbar nur einer 
ganz kurzen Zeitspanne — wenigen Jahren — angehört. Die Tatsache, daß 
wir Urbild und Repliken zusammen bringen konnten, hat schließlich noch 
ihr allgemeines Interesse für die Holzschnittgeschichte des 15. Jahrhunderts. 
Je mehr wir von der Produktion dieser Schnitte erfahren, desto mehr häufen 
sich die Beispiele dafür, daß — ähnlich wie die frühen Stecher — die 
Holzschneider skrupellos mit dem Begriff des geistigen Eigentums zu ver¬ 
fahren pflegten. Die Wenigen schufen Typen, die Vielen verbreiteten diese in 
Kopien und mehr oder weniger freien Nachbildungen. Leider sind uns die 
Urbilder zweifellos in sehr vielen Fällen auf immer verloren und wir kennen 
nur die geringeren Nachbildungen. Um so erfreulicher ist es, wenn eines ^ 
Tages ein Urbild auf taucht und uns über die Vorzüge einer originalen Schöp¬ 
fung aufklärt, so wie es in dem hier vorgetragenen Falle der Ostertafel 
von 1466 geschah. E. R. 


Eine Handzeichnung des Melchior Lorichs. 

(Originalmaße: 185X150 mm.) 

(Hierzu Tafel XXVI.) 

Mit dem gesteigerten Interesse, welches man im letzten Jahrzehnt dem 
nordischen 16. Jahrhundert als einer Zeit vorbereitender Kräfte entgegen¬ 
brachte, wurde auch die Figur des vielgereisten Flensburgers Melchior 
Lorichs zum Gegenstand kritischer Untersuchung. Eine Kieler Dissertation 
von 1911 berichtet eingehend über Lorichs’ Leben und Werke. Harbeck 1 ), 
der Verfasser dieser biographischen und bibliographischen Studie, behandelt 

, *) Melchior Lorichs, ein Beitrag zur deutschen Kunstgeschichte des 16. Jahrhunderts. 
Inaugural-Dis8ert. Hamburg 1911. 


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Tafel XXVI 



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Mitteilungen 


191 


gleichmäßig alle Zweige seines Schaffens und stellt dabei auch die ihm be¬ 
kannt gewordenen Handzeichnungen zusammen. Es ist gerade ein Dutzend. 
Hier soll eine dreizehnte in Lorichs’ Werk eingereiht werden. 

Die umstehend reproduzierte Zeichnung ist eine reine Federzeichnung. 
In dieser Technik sind die meisten bei Harbeck notierten Zeichnungen aus¬ 
geführt. Dagegen weicht unser Blatt gegenständlich von allen bekannten 
Arbeiten ab. Es ist ein Kopf und offenbar ein Porträt. Rechts unter dem 
Hals ist ein schwebender Engel skizziert. Dem bekannten Monogramm ist 
die Jahreszahl 1553 beigegeben. Eine eingehende Beschreibung erübrigt 
sich durch die Abbildung. 

Die Jahreszahl ist uns vor allem wichtig, da sie uns ermöglicht, die 
Zeichnung in einen ganz bestimmten Lebensabschnitt des Künstlers einzu¬ 
ordnen. Wir wissen, daß er sich 1551 in Rom auf gehalten hat und von da 
nach Oesterreich gezogen ist. Gerade unsere Jahreszahl 1553 kommt auf einer 
der wenigen erhaltenen Zeichnungen vor und da mit der Beischrift: Zu 
Neuburg an der Donaw g. Wir haben uns also auch unsere Zeichnung am 
Ende des italienischen Aufenthalts oder bereits auf österreichischem Boden 
entstanden zu denken. Die Auffassung unseres Kopfes, als in strenges Profil 
gestellte Büste, besonders auch die Behandlung der Haare, läßt die antiken 
römischen Eindrücke erkennen. Den schwebenden Engel dürfen wir ruhig 
als Italianismus bezeichnen. Das starre Profilschema des Kopfes wandte 
Lorichs acht Jahre später in seinem Aristoteles-Stich so übereinstimmend 
an, daß man denken möchte, er habe sich der vorliegenden Zeichnung er¬ 
innert. E. R. 


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. 









VERLAG JACQUES ROSENTHAL, MÜNCHEN 


- 


Es ist erschienen: 

KATALOG LXXI 

GRAPHIK 

DES 15;, 16,17. JAHRHUNDERTS 

HOLZSCHNITTE KUPFERSTICHE 
RADIERUNGEN 

MIT 90 ABBILDUNGEN AUF 33 LICHTDRUCKTAFELN 
60 SEITEN. IN 40 

PREIS 3 MARK 

Der Katalog umfaßt 533 Nummern und gewährt einen lehr¬ 
reichen Überblick über die graphische Produktion dreier 
Jahrhunderte. Das 15. Jahrhundert ist vor allem durch eine 
Reihe vorzüglicher Holz- und Metallschnitte vertreten. Aus 
den Beispielen der stecherischen Glanzzeit vom Anfang des 
16. Jahrhunderts ragt die Abteilung Albrecht Dürer hervor. . 
Für die Radierung des 17. Jahrhunderts sprechen vor allem 
niederländische Porträts, Tier- und Landschaftsdarstellungen. 
Von speziellem Wert ist die Abteilung Ornamentik, welche 
insbesondere seltene Folgen niederländischer und 
französischer Meister enthält. 


F. Bruckmann A. G„ Manchen. 










... 



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BEITRÄGE ZUR FORSCHUNG 

AUS DEM ANTIQUARIAT JACQUES ROSENTHAL 

NEUE FOLGE 

I 

DIE ITALIENISCHEN 
FRAGMENTE 

VOM 

LEIDEN CHRISTI 

OAS ÄLTESTE DRUCKWERK ITALIENS 


EINE UNTERSUCHUNG 
VON 

KONRAD HAEBLER 


VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1927 



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VERLAG JACQUES ROSENTHAL / MÜNCHEN 

K ONR A D HAEBLER 

Die deutschen Buchdrucker 
des 15. Jahrhunderts 
im Auslande 

26 Tafeln, 4 Bll., 315 Seiten, Folio, Halbleinen 
80 Reichsmark 

„Über die Verdienste, welche sich die deutschen Buchdrucker des 15 . Jahr¬ 
hunderts um die Verbreitung ihrer Kirnst im Auslande erworben haben, be- 
sassen wir bisher ... keine zusammenfassende Darstellung. Diese empfind¬ 
liche Lücke ist durch Haeblers Buch ausgefüllt. Für diese Arbeit vorbereitet 
wie kein zweiter, .. . hat Haebler ein Werk geschaffen, das für jeden, 
der sich mit diesem Gegenstände zu beschäftigen hat, ein unentbehrliches 
Hand- und Lehrbuch werden wird.” 

JE. Voullteme im Zentralblatt für Bibliothekwesen , Jahrgang 42 , Heft 1 

„Der Altmeister der Inkunabelforschung verfolgt in dem vorliegenden Werk 
das Hinausströmen der deutschen Jünger der schwarzen Kunst über das 
ganze Abendland hin. Während zu diesem Thema bisher nur die keines¬ 
wegs erschöpfenden Untersuchungen der Gutenbergfestschriften von 1900 
Vorlagen, wird hier mit peinlicher Sorgfalt alles Wissenswerte zur Persön¬ 
lichkeit der Drucker, ihren Betrieben und ihren Schöpfungen zusammen- 
getragen." 

A. Hessel in m Göttingische gelehrte Anzeigen*, IQ25, Nr. 4—6 


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BEITRÄGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN 

AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 

NEUE FOLGE 

I 


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DIE ITALIENISCHEN 
FRAGMENTE 

VOM 

LEIDEN CHRISTI 

DAS ALTESTE DRUCKWERK ITALIENS 

EINE UNTERSUCHUNG 

VON 

KONRAD HAEBLER 


VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1927 


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Copyright by Jacques Rosenthal 
Munich 1926 


Auf den Tafeln bezeichnen die eingeklammerten Zahlen bei der 1 .— 5 . 
Ausgabe die entsprechenden Blätter der Münchener (sechsten) Ausgabe . 


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Leiden Christi, italienisch (7. Ausgabe), Jacques Rosenthal, München 
Bl. 10a und 10b (Bl. 3a und 3b der Fragmente) 












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Abb. 3 

Leiden Christi, italienisch (7. Ausgabe), Jacques Rosenthal, München 
Bl. 13b und 17a (Hl r,b und 7a der Fragmente) 
















B ei Gelegenheit eines Besuches, den ich dem Antiquariat Jacques Rosenthal 
in der Briennerstraße im Winter 1924/1935 abstattete, wurden mir unter 
anderem auch die Fragmente eines kleinen Druckes in italienischer Sprache 
vorgelegt, die sich in einem ziemlich defekten Zustande befanden. Es waren 
6 Blätter Text und ein Schrotblatt, sowie dürftige Reste von einigen an¬ 
deren Blättern, die, nach den Druckspuren zu urteilen, ebenfalls bildliche 
Darstellungen getragen hatten. Damals konnte ich nur feststellen, daß der 
Text in einer sehr ungewöhnlichen und mir völlig unbekannten Type ge¬ 
druckt war. Auf eine nähere Untersuchung konnte ich midi aber damals 
nicht einlassen. Im Sommer 1925 erbat ich dann von Herrn Rosenthal ein 
Blatt der Fragmente, um die Type etwas genauer zu studieren, und dabei 
wurde mein Interesse für die Fragmente wesentlich verstärkt Es bestätigte 
sich nicht nur, daß sie in einer Schriftart gedruckt waren, die von allen bisher 
bekannt gewordenen italienischen Typen abweicht, sondern die Untersuchung 
ergab weiter, daß in dieser Type noch das alte Gutenbergische System der 
Anschlußbuchstaben, wenn auch nicht gewissenhaft befolgt, so doch durch 
die Herstellung besonderer Buchstabenformen in einem nicht ganz unbe¬ 
trächtlichen Umfange berücksichtigt war. Damit war bewiesen, daß der Druck 
einer sehr frühen Zeit angehören mußte, denn in Italien hat meines Wissens 
nur Ulrich Han in seinem Turrecremata von 1467 dieses Gutenbergische 
Prinzip befolgt Trotzdem ist abermals fast ein Jahr vergangen, ehe ich den 
Fragmenten ein eingehendes Studium widmen konnte, das nun allerdings 
einen großen Teil der Rätsel gelöst hat, die der Druck uns aufgab. 


Die Fragmente bestehen aus 6 doppelseitig bedruckten Textblättem und 
einem einseitig bedruckten Schrotblatte, auf dessen Rückseite handschriftlich 
ein Gebet eingetragen ist. Daneben ist noch von einem Blatte die Ecke und 


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einige schmale falzartige Streifen von drei anderen Blättern erhalten, die er¬ 
kennen lassen, daß auch diese Blätter bildliche Darstellungen und zwar auf 
beiden Seiten getragen haben. Der Text ist in einer ziemlich großen Type — 
30 Zeilen würden 160 mm messen — gesetzt, die aber nicht den Charakter 
einer Missal- oder Auszeichnungsschrift trägt, sondern im Vergleich mit Han’s 
Turrecremata-Type einen schmächtigen oder leichten Eindruck macht Jede 
Seite enthält 15 Zeilen Text so daß der Satzspiegel (130X80 mm) annähernd 
dem der bildlichen Darstellungen (109X77 mm) entspricht Der Text ist aber 
fast ganz ohne Majuskeln gesetzt; von diesen kommt nur das O am Anfang 
jeder Seite vor. Eine aufmerksame Lektüre des Textes enthüllte die Tatsache, 
daß jede einzelne Seite ein in sich abgeschlossenes Gebet trägt das mit einer 
Anrufung beginnt und mit Amen endigt Dieser Umstand erinnerte mich auf¬ 
fallend an das bekannte Unicum der Münchener Staatsbibliothek, das die 
Sieben Freuden Mariä und das Leiden Christi umfaßt wobei jede Seite ein 
Gebet enthält das einer daneben stehenden Abbildung entspricht Und in 
der Tat ergab ein Vergleich des italienischen Textes mit der Ausgabe des 
Münchener Druckes durch Franz Xaver Stöger, 1 ) daß jedes der italienischen 
Gebete einem solchen in der deutschen Ausgabe entsprach, wenn es auch 
mehr eine freie Nachgestaltung als eine eigentliche Übersetzung bildet Damit 
war die literarische Zusammengehörigkeit der italienischen Fragmente 
mit dem Münchener Drucke festgestellt 

Der nächste Schritt war selbstverständlich ein Vergleich des einzigen voll 
erhaltenen Schrotblattes mit den Darstellungen des Münchener Buches. Leider 
ist ja von diesem noch immer keine Faksimile-Ausgabe veranstaltet worden, 
obgleich die Kunsthistoriker — wie man sich bei Schreiber, Manuel in, 
no. 3500 überzeugen kann — den Darstellungen bereits eine recht umfäng¬ 
liche Literatur gewidmet haben, in der auch eine Anzahl Blätter reproduziert 
worden sind. Am umfänglichsten ist dies neuerdings durch Franz Martin 
Haberditzl geschehen, 2 ) der zwar nicht alle 30 Schrotblätter des Münchener 
Druckes, wohl aber 18 von diesen nach Einzelblättem in der Wiener Samm¬ 
lung wiedergibt Darunter befindet sich glücklicherweise auch die in unseren 
Fragmenten erhaltene Darstellung des jüngsten Gerichts, und der Vergleich 
läßt keinen Zweifel darüber bestehen, daß beide Darstellungen von ein und 
derselben Platte abgezogen worden sind. Damit war auch ein ikonographischer 
Zusammenhang der Fragmente mit dem Münchener Drucke sicher gestellt, 
und damit ist der Beweis erbracht, daß unsere Fragmente die Bruchstücke 
einer italienischen Ausgabe des Münchener Leidens Christi darstellen. Und 


*) F. X. Stöger, Zwei der ältesten deutschen Druckdenkmäler. München 1833. 

*) Die Einblattdrucke des XV. Jahrhunderts in der Kupferstichsammlung der Hof¬ 
bibliothek zu Wien. (Wien 1930. 3°.) Bd. 3. S. 5—8 und Abb. 33—50. 


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zwar zeigen die Fragmente den folgenden Bestand. Am Anfang sind zwei 
doppelt bedruckte Textblätter verloren gegangen und mit ihnen fünf bildliche 
Darstellungen, deren letzte, Christus vor Kaiphas, zu dem ersten Gebete ge¬ 
hört, dessen Text uns erhalten ist Der gedruckte Text setzt sich zusammen 
aus zwei noch zusammenhängenden Doppelblättem und zwei einzelnen 
Blättern, die weder untereinander zusammengehangen haben, noch an Fälzen 
befestigt gewesen sind. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß sie ursprünglich 
mit den beiden verlorenen Anfangsblättem zusammengehangen haben, so 
daß der ganze Text eine Lage von 8 Blatt gebildet hat Die Blätter mit den 
bildlichen Darstellungen scheinen wohl gleichfalls eine Lage für sich gebildet 
zu haben, die bequem zwischen dem Texte eingeschaltet werden konnte. 
Allerdings lassen nur die beiden Blätter mit der Geißelung und der Dornen¬ 
krönung einerseits und anderseits mit dem Crucifixus und der Grablegung 
jetzt noch einen Zusammenhang erkennen. Von ersterem Blatte ist eine ganze 
Ecke erhalten, so daß die bildliche Darstellung ohne weiteres zu erkennen 
ist Von dem daran hängenden Blatt ist allerdings nur noch ein ganz schmaler 
Falz vorhanden; wenn man aber diesen auf die entsprechenden Reproduk¬ 
tionen auflegt, so ergibt sich auch da ein einwandfreier Beweis für die Über¬ 
einstimmung. Bei den übrigen Bildern resp. Bildresten hat es jedoch ganz 
den Anschein, als ob sie an Fälzen an den entsprechenden Stellen zwischen 
dem Text eingehängt gewesen seien, zum mindesten ist der gefalzte Streifen 
des Bundstegs nirgends mehr in einer solchen Breite vorhanden, daß sich 
daran die Spur einer zweiten bildlichen Darstellung nachweisen ließe. 

Vergleicht man nun die Fragmente mit dem Münchener Leiden Christi, 
so ergibt sich der folgende Tatbestand. 

Der Anfang fehlt Das fehlende Stück hat aber offenbar auch in der ita¬ 
lienischen Ausgabe, wie in der deutschen, aus fünf Blättern bestanden, von 
denen das erste auf seiner Vorderseite leer geblieben sein wird, während die 
Rückseite eine bildliche Darstellung, den Einzug Christi in Jerusalem, ent¬ 
halten haben muß. Blatt <x und 4 würden dann beiderseitig mit Text bedruckt 
gewesen sein, der aus den vier Gebeten zum Einzug, zur Fußwaschung, 
zur Ölbergszene und zur Gefangennahme bestanden haben wird. Blatt 3 
und 5 dagegen werden beiderseitig Metallschnitte getragen haben, Blatt 3 die 
der Fußwaschung und der Ölbergszene, Blatt 5 die der Gefangennahme und 
des Verhörs vor Kaiphas. Das letztere wird unbedingt dadurch gesichert, daß 
die erste erhaltene Seite das auf diese Szene bezügliche Gebet bringt Auch 
in unseren Fragmenten haben regelmäßig Textblätter mit Blättern bildlicher 
Darstellungen abgewechselt, nur sind von den letzteren, mit der erwähnten 
Ausnahme nur schmale falzähnliche Streifen übrig geblieben. Immerhin läßt 
sich mit ihrer Hilfe feststellen, daß die Abbildungen durchgängig dieselben 
gewesen sind, die wir aus dem Münchener Exemplare kennen. 


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Die kunstgeschichtliche Forschung hat den Nachweis erbracht, daß die 
sämtlichen Schnitte des Leidens Christi nicht nur in Buchform, sondern auch 
als einseitig bedruckte Einzelblätter zur Ausgabe gelangt und vielfach wohl 
auch als eine mehr oder minder umfängliche Passionsserie verkauft worden 
sind. Man nimmt nach dem Zustande der Platten, den die Abzüge verraten, 
an, daß dies der ursprünglichere Zustand gewesen ist, und daß die Platten 
erst nach mehrfachem Gebrauch in die Hände des Buchdruckers gelangt sind, 
der mit ihnen das Münchener Leiden Christi druckte. Dadurch wird es für 
die Nachforschung nach dem Hersteller des Münchener Druckes belanglos, 
daß man den Schrotblättem einen oberrheinischen Ursprung zuweist und 
annimmt, daß sie schon vor der Mitte des XV. Jahrhunderts, wahrscheinlich 
also schon vor der Erfindung der Buchdruckerkunst entstanden sind. Der 
Münchener Druck ist der einzige, in dem uns die ganze Serie von 20 bild¬ 
lichen Darstellungen erhalten ist Es scheint aber, als ob nicht nur die Wiener 
Fragmente einer texdosen Ausgabe, sondern auch die 14 Blatt (ohne Text) 
im Kupferstichkabinet in Berlin und die 8 Blatt (mit Text) im British Museum 
in London einer Serie von 20 Blatt angehört haben. Bei den kleineren Frag¬ 
menten ist es freilich nicht möglich, sichere Schlüsse auf den ursprünglichen 
Umfang zu ziehen; doch liegen auch keine zwingenden Gründe vor, bei ihnen 
eine andere Zahl der Darstellungen anzunehmen. 

Da gewinnt es denn doch eine gewisse Bedeutung, daß offenbar die Anzahl 
der Bilder in der italienischen Ausgabe nicht dieselbe gewesen ist als in 
der deutschen. Die italienische Ausgabe kann nämlich nicht mehr als 16 Ab¬ 
bildungen enthalten haben. In Anbetracht des fragmentarischen Charakters 
der erhaltenen Reste mag diese Behauptung zunächst etwas gewagt erscheinen. 
Sie wird aber ziemlich sicher dadurch, daß die Verschiedenheit des Umfangs 
nicht in dem Teile des Buches liegt, der verloren gegangen ist, sondern daß 
er sich aus der Anordnung von Text und Bildern ergibt, wie wir ihn aus 
den erhaltenen Resten rekonstruieren können. 

Auf das Blatt mit den Gebeten zum Verhör vor Kaiphas und zur Geiße¬ 
lung folgt das Bruchstück eines Bilderblattes, auf dem die Geißelung und 
die Dornenkrönung ohne weiteres zu erkennen sind, da von dem Blatte die 
untere innere Ecke, ein Dreieck von ca. 70 X 60 mm, erhalten ist Das nächste 
Textblatt enthält denn auch das Gebet zur Dornenkrönung und das zum 
Verhör vor Herodes. Die schmalen Falze, die von dem folgenden Bilderblatte 
erhalten sind, lassen gerade noch erkennen, daß es auf der Vorderseite den 
entsprechenden Metallschnitt auf der Rückseite aber das Schweißtuch der 
Veronika getragen hat Von hier an weicht also die Reihenfolge der Texte 
und Bilder von dem Münchner Büchlein ab. Während in diesem nunmehr 
die Kreuztragung und die Nagelung an das Kreuz folgt trägt die Rückseite 
des Textblattes mit dem Gebet zur Veronika bereits den Text zu dem Kreuzes- 


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tode Christi. Darauf folgt zwar wieder der Bilderfalz — es ist derjenige, 
der mit dem dreieckigen Bilderreste zusammenhängt — er ist aber so schmal 
abgerissen, daß gerade nur noch eine Umfassungslinie auf der Vorderseite, 
aber keine eigentlich bildlichen Reste darauf zu erkennen sind. Das Blatt 
jttuß den Crucifixus auf der Vorderseite und auf der Rückseite die Grab¬ 
legung getragen haben, denn das Textblatt, welches nun folgt, bietet das dazu 
gehörige Gebet Gegen das Münchener Exemplar ist also hier wieder die 
Kreuzabnahme (oder Pieta) ausgefallen. Mit den folgenden beiden Gebeten — 
Höllenfahrt und Auferstehung — finden sich die deutsche und die italienische 
Ausgabe wieder in Übereinstimmung. Auch von den Metallschnitten sind 
wieder dürftige Reste vorhanden, aus denen immerhin festzustellen ist daß 
es dieselben, wie in der deutschen Ausgabe gewesen sind. Daß aber auch 
diese Bilder sich auf einem Doppelblatte befunden hätten, ist nicht erkennbar; 
der schmale Falz, der davon erhalten ist erweckt vielmehr den Anschein, 
als ob das Bilderblatt eingehängt gewesen sei. Auf dieses Blatt folgt nun 
noch einmal eine Lücke in der italienischen Ausgabe. Die Rückseite des Text¬ 
blattes, die der Auferstehung gewidmet ist trägt das Gebet zur Himmelfahrt; 
es läßt also die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena ausfallen. Das aber 
ist die letzte Verschiedenheit der beiden Drucke; in beiden folgen nur noch 
auf dem letzten Textblatte: die Ausgießung des heiligen Geistes und das 
jüngste Gericht Von dem vorletzten Bilderblatte, das die Himmelfahrt und 
die Ausgießung des heiligen Geistes getragen hat ist auch wieder ein schmaler 
Streifen konserviert; immerhin genügt das Erhaltene zur Feststellung, daß 
die dem Texte entsprechenden Darstellungen sich darauf befunden haben. 

Von allen Schrotblättem ist nur das letzte mit dem jüngsten Gericht ganz 
erhalten (s.Abb.4). Es ist bekannt daß sich die Platten nach den verschiedenen 
Abzügen, die davon auf uns gekommen sind, in verschiedenem Zustande be¬ 
funden haben, und daß im allgemeinen der Druck der Münchener Staats¬ 
bibliothek einen späten Zustand der Platten darstellt Das wird durch das 
uns erhaltene Blatt vollauf bestätigt Es hat gegenüber anderen den Vorzug, 
daß es nicht farbig illuminiert worden ist so daß die Linienführung der 
Platte deutlicher als bei den kolorierten Exemplaren zu erkennen ist Dagegen 
ist der Abdruck wohl von Anfang an nicht sonderlich scharf gewesen, auch 
hat das Blatt im Laufe der Zeit durch Abnützung und Verunreinigung gelitten. 
Von dem Wiener Blatt unterscheidet es sich vor allem dadurch, daß es statt 
der dort nur undeutlich erkennbaren zwei Nagelspuren deren vier oder viel¬ 
leicht sogar fünf trägt von denen sich zwei links oben, zwei oder drei aber 
in der Mitte und rechts unten bei den aus den Gräbern steigenden Seelen 
befinden. Sonst aber scheint die Platte noch immer so wohl erhalten gewesen 
zu sein, daß alle Einzelheiten der Gewandung und der Verzierung zu voll¬ 
kommen deutlichem Abdruck gelangt sind. Ein Vergleich mit dem entsprechen- 


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den Blatte des Münchener Druckes läßt in dem Zustande der Platte ebenso¬ 
wenig einen Unterschied erkennen. Die großen weißen Nagellöcher, die den 
italienischen Abdruck verunstalten, sind alle auch schon in dem Münchener 
Drucke zu erkennen, obwohl bei diesem die Kolorierung der Deutlichkeit 
etwas Abbruch getan hat Zweifellos sind aber beide Abzüge von ein und 
derselben Platte abgenommen, und damit wird bewiesen, daß zwischen der 
deutschen und der italienischen Ausgabe nicht nur ein literarischer und ikono- 
graphischer, sondern auch ein typographischer Zusammenhang bestanden 
haben muß, indem beide Drucke die gleiche Platte zu der Abbildung benutzt 
haben. Wenn sich das mit voller Sicherheit nur für diese eine Platte be¬ 
weisen läßt, so ist es darnach doch wohl auch für die übrigen verlorenen 
Darstellungen anzunehmen, und die erhaltenen Reste, soweit sie einen Ver¬ 
gleich zulassen, bestätigen das durchaus. Das erhaltene Blatt gestattet uns 
aber außerdem auch noch einen Schluß auf das zeitliche Verhältnis der 
deutschen und der italienischen Ausgabe. In der letzteren nämlich trägt eine 
der Grabplatten im Vordergründe links den Abdruck eines kleinen Nagel¬ 
kopfes, in dessen Nachbarschaft die Platte keinen deutlichen Abdruck zu 
liefern vermocht hat In dem Münchener Abdruck ist diese Stelle durchaus 
klar und unversehrt, und daraus müssen wir die Folgerung ziehen, daß von 
den beiden Abdrücken der der italienischen Fragmente unzweifelhaft der 
jüngere ist Die italienische Ausgabe muß also später als die deut¬ 
sche Ausgabe des Münchener Druckes entstanden sein. 

Die Fragmente sind, wie schon erwähnt, mit einer ganz ungewöhnlichen Type 
gedruckt (s. Abb. I—3). Sie hat die volle Größe einer Missaltype — io Zeilen 
messen 81—83 mm — aber durchaus nicht den Charakter einer solchen. Wäh¬ 
rend die Missaltypen, und ebenso die ältesten Auszeichnungsschriften, besonders 
kräftige Grundstriche und meist ausgeprägt eckige Formen aufweisen, hat 
die Type der Fragmente einen ungewöhnlich leichten Charakter mit abge¬ 
rundeten Ecken, wie man sie sonst nur bei den Brodschriften von geringerem 
Maße zu finden gewöhnt ist Von den Majuskeln kommen in den Fragmenten 
nur zwei vor: zu wiederholten Malen am Anfänge der Gebete ein O und 
auf dem letzten Textblatte ein V. Die Formen dieser Buchstaben sind aber 
gleichfalls ungewöhnlich. Das O mit einfachen Umfassungslinien und einem 
Punkt im Innern ist zwar in einer gewissen Gruppe von Brodschriften mitt¬ 
leren Maßes keine ungewöhnliche Erscheinung. Dagegen kommt es wohl 
kaum sonstwo in einer der Missal- oder Auszeichnungsschrift entsprechenden 
Größe vor. Noch ungewöhnlicher ist die Gestalt des V. Bei allen Formen 
dieses Buchstabens, die unten spitz gestaltet sind, treffen sich die beiden 
Schenkel in einem spitzen Winkel auf der Grundfläche. Bei dieser Type 
hingegen erreicht der rechte Schenkel den fast senkrecht stehenden linken 
schon einige Millimeter oberhalb der Basis, so daß der große Buchstabe nur 


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auf einer Linie, wie auf einem Pflocke aufsitzt Ganz entsprechend, nur noch 
auffallender ist die Minuskel v gestaltet, die fast immer im Anlaute für v 
und u gebraucht wird. Sie hat nicht nur einen ungewöhnlich hohen Grund¬ 
strich, der über die Höhe der andern Minuskeln hinausragt, sondern der 
Körper des Buchstaben ist überhaupt zusammengeschrumpft zu einem an¬ 
nähernd rhombischen Auswüchse von halber Zeilenhöhe, der an der oberen 
Hälfte des senkrechten Grundstrichs hängt, so daß der Pflock, auf dem der 
Buchstabe auf der Zeilenbasis aufsitzt, noch höher ist, als bei der Majuskel. 

Auch die übrigen Minuskeln sind ziemlich eigenartig. Nur wenige Buch¬ 
staben erinnern an die scharfkantigen Formen der Missalschriften. In der 
Mehrzahl sind sie den abgerundeten Formen der Kursive nachgebildet, deren 
Auftakte aber bei der Größe der Schrift natürlich in ausgeprägterer Weise 
als Häkchen zur Geltung kommen. Was an der Type ganz besonders be¬ 
merkenswert ist, das ist der Umstand, daß der Drucker, wenn auch nicht 
mit durchgehender Konsequenz, das Gutenbergische Prinzip der Anschlu߬ 
buchstaben auch in seiner Schrift noch befolgt hat Bekanntlich hatte Guten¬ 
berg, um dem Schriftbilde seiner Drucke die Geschlossenheit zu wahren, wie 
die Schreibschrift sie zeigte, nach allen Buchstaben, die nach rechts ausladen 
(c, e, f, r, 0 , an den Buchstaben, die mit einem Häkchen oder einer Spitze nach 
links beginnen — was bei Gutenberg bei der Mehrzahl der Minuskeln der 
Fall war — diese Häkchen und Spitzen beseitigt, so daß sein Setzkasten fast 
für jede Minuskel zwei Formen enthielt: eine selbständige, besonders für den 
Anlaut dienende, und eine Anschlußform, neben rechts ausladenden Buch¬ 
staben. Außerdem half er sich aber in dem Falle, wo zwei gerundete Minuskeln 
(d, h, o, p mit e und o) nebeneinander standen und das Schriftbild aus¬ 
einander drängten, damit, daß er die Rundung des ersten Buchstabens an der 
Berührungsstelle abschliff, so daß seine Buchstaben-Kombinationen annähernd 
dem Bilde entsprachen, das die Schreiber der Handschriften zu erzeugen 
pflegten. Von dieser Gutenbergischen Praxis haben sich geringe Spuren in 
den großen Missal- und Kanonschriften noch längere Zeit erhalten. Umfäng¬ 
licheren Gebrauch davon haben aber nur die allerältesten Buchdrucker gemacht, 
die noch unter dem unmittelbaren Einfluß seiner Schule gestanden haben. 
Und auch diese nur so lange, als sie sich ähnlich großer Typen, wie Guten¬ 
berg, zum Satz ganzer Texte bedienten. Für die eigentlichen Brodschriften 
traten an die Stelle der Anschlußbuchstaben die Ligaturen, von denen die 
ältesten Brodschriften eine ungewöhnlich große Anzahl aufwiesen. Wenn 
daher ein Druckwerk noch umfängliche Spuren des Gutenbergischen Systems 
der Anschlußbuchstaben erkennen läßt, so dürfen wir mit Bestimmtheit an¬ 
nehmen, daß wir es mit einem Drucker zu tun haben, der seine Schulung noch 
von Gutenberg selbst oder doch von seinen unmittelbaren Nachfolgern erhalten 
hat und noch der ältesten Entwickelungsperiode der schwarzen Kunst angehört 


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Auf italienischem Boden kannte man bisher nur eine einzige Type dieser 
Art Es ist dies die große gotische Schrift, mit der Ulrich Han in Rom im 
Jahre 1467 die Meditationes de vita Christi des Johannes de Turrecremata 
(Hain 15732) gedruckt hat 1 ) In ihr ist allerdings das Prinzip der Anschlu߬ 
buchstaben noch in beträchtlichem Umfange angewendet und mit ziemlicher 
Gewissenhaftigkeit durchgeführt Die Type macht aber in ihrer Gesamtheit 
einen technisch durchaus vollendeten Elindruck. Sie trägt keine Spuren von 
druckerischem Elxperimentieren an sich. An die Stelle der abgeschliffenen Buch¬ 
staben-Kombinationen sind bereits gegossene Ligaturen getreten und selbst 
der Zeilenabschluß, dieses Sorgenkind der ältesten Drucker, ist ziemlich be¬ 
friedigend gehandhabt 

In allen diesen Beziehungen macht die Type der Fragmente einen bei weitem 
altertümlicheren und unbeholfeneren Eindruck. Auch sie trägt dem Prinzipe 
der Anschlußbuchstaben in erheblichem Umfange Rechnung. Sie sind vor¬ 
handen für i, p, r und u, für i sogar in mehreren Formen je nach seiner 
Stellung hinter niedrigen oder hohen Buchstaben. Merkwürdigerweise fehlen 
sie aber für m und n, obwohl diese Buchstaben mit einem recht ausgeprägten 
Häkchen ansetzen, so daß sie, besonders nach r, das Wort in unschöner Weise 
auseinanderziehen. Eigentliche Ligaturen kennt die Type noch gar nicht; aber 
sie behilft sich, wie Gutenberg das getan hatte, damit, daß sie im Bedarfsfälle 
durch Abfeilen einen Buchstaben so weit dünner machte, als der Zusammen¬ 
schluß mit seinem Nachbar das wünschenswert erscheinen ließ. Solche unechte 
Ligaturen begegnen uns für de, do, he, pc, po und pp. Die merkwürdigsten 
Buchstaben seines Alphabetes sind das i und das u. Die Hauptform des i ist 
ziemlich regulär gestaltet mit kleinen Häkchen links oben und rechts unten, 
es fehlt ihr aber durchgängig der i-Punkt Wo ein solcher vorkommt, bedeutet 
er nicht den einfachen i-Punkt, sondern steht als Abbreviatur für ein folgendes 
oder vorausgehendes m, n oder r. Die Abbreviaturstriche über den Vokalen 
haben nämlich immer nur die Form eines rhombischen Punktes, und stehen 
unterschiedslos für m, n oder r. Auch die Konsonanten p und r kommen mit 
solchen Abbreviaturpunkten vor, deren Bedeutung je n^ch Bedarf eine ver¬ 
schiedene sein kann. Den Übelstand, daß die Abbreviaturstriche über den 
Vokalen eine sonst durch mehrere Formen unterschiedene Deutung zulassen, 
hat anscheinend schon der Drucker selbst empfunden. Der einfache Abbreviatur¬ 
punkt ist nämlich überall da, wo er für r steht, handschriftlich nachgebessert 
zu einer aus zwei solchen Punkten zusammengesetzten Schlangenlinie. Eine 
solche konsequente handschriftliche Verbesserung hat dich noch ein zweiter 
Buchstabe gefallen lassen müssen. Die Type besitzt zwar auch einen Buch¬ 
staben z, der wie die Auslautsform des m oder der Ansatz des que in den 

*) Eine Seite dieses Druckes ist reproduziert in Haebler, Die deutschen Drucker des 
XV. Jhdts. im Ausland (München 1924. 2°) Tafel IV. 


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III 


lieber bcrr ibcfu trifte «bar 
euer tuitocr trraane Utct) Der 
mtter rnarter otiD pan ale 
Ir Dir aütnonen Dem tlapD or 
Dir itt Dein beiltntumtDen 
moren ocpaitjen otiD Dar 
natb mit Drein ttaaclnatt 
tut treue? fluenen ottD Dan 
Daltaen Inttjnatn allo aüo 
fponten Dao Dir all Dan aDtr 
Doittctt alonufarbalfo 
lieber btrruerleicb mir ba$ 
iit) autb flCDülbe babt in 
allem raanem lepben apit 


id Du bonin Der eren rote trat 
mit nrotftr matbte onb ne 
malt mit Dü Domen für Die 
bellen uhd baß t?u proeben 
Die pfort Der bclltftbcn furften 
uuD baß Dar au(a neno 
men Die altueter Die Da ttil tat 
aüfDnbnebartbabent 
unDbaßinitDirnefuret 
ittDaoetota lebaialfobe 
brr bcrr trioo mttb armen 
luitDcr uott allen matten 
(uttDctt uttD nor Der oerbam 
nuo Der croinen pan amen 


Abb. 5 



Abb. 7 



Abb. 6 


Abb. 8 


Leiden Christi, deutsch, 6. Ausgabe. München, Staatsbibliothek 
T Oben BI. in und i6a — unten Bl. 13a und 17b 

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13 


späteren Typen gestaltet ist Daneben aber fühlt sich der Drucker bemüßigt 
besonders in der Endung cia die weiche Aussprache des c dadurch kenntlich 
zu machen, daß er ihm eine Cedille anhängt Das ist aber überall nur hand¬ 
schriftlich geschehen mit derselben Tinte, die auch die r-Striche über den 
Vokalen ausgeführt hat Übrigens kommen von derselben Hand auf den Blättern 
auch noch ein paar Druckfehler-Verbesserungen vor. Auf Bl. I verso 1 ) Z. 12 
war für rengracii nur rengraci gesetzt worden. Dann aber wurde neben das i 
handschriftlich noch ein zweiter Grundstrich gesetzt so daß ein Mißverständnis 
der beabsichtigten Worte unmöglich gemacht wurde. Ein zweiter Druckfehler ist 
auf Bl. 3 recto Zeile 11 verbessert worden (s. Abb. i). Hier waren von dem Worte 
macula die beiden letzten Buchstaben im Satz vergessen worden, sind aber 
nachträglich mit derselben Tinte, wie die übrigen Verbesserungen ergänzt 
worden. Endlich ist auch auf Bl. I a Z. 6 in dem Worte lochi aus dem irrtüm¬ 
lich im Anlaut gesetzten i handschriftlich ein 1 gemacht Ebenso ist Bl. ib Z. io 
in da me das e durch handschriftliche Verbesserung aus r hergestellt Trotz 
der handschriftlichen Verbesserungen sind aber noch eine ganze Anzahl von 
Druckfehlern stehen geblieben. Insbesondere hat der Drucker eine ganze Menge 
mal die Buchstaben c und e verwechselt nicht zwar so, daß er e für c ge¬ 
setzt hat wohl aber umgekehrt Es hängt dies vermutlich damit zusammen, 
daß c und e von ein und demselben Stempel hergestellt sind, von dem nur 
der schräge Verbindungsstrich abgeschliffen wurde, um aus dem e ein c zu 
machen. Dieses Abschleifen war wahrscheinlich nicht hinreichend tief erfolgt 
so daß der Schrägstrich zwar im allgemeinen nicht mehr zum Abdruck ge¬ 
langte, wohl aber leicht das Auge des Setzers bei der Wahl der Letter täuschen 
konnte. Manchmal glaubt man eine leise Spur dieses Striches bei dem c noch zu 
erkennen. Aber auch gröbere Druckfehler sind nicht ausgeblieben. In mehreren 
Fällen hat er den einfachen Buchstaben gesetzt wo er ein Abbreviaturzeichen 
tragen müßte (Bl. 3 b Z. 9: recömadasti, 4a Z. 6: guadato) oder umgekehrt 
(Bl. 6 b Z.7: zascadüno) oder er hat in einem Worte den Vokal mit dem 
Abbreviaturzeichen falsch gesetzt (Bl. ib Z. 13: susdgisti). Auf Bl. 4b Z. 9 hat 
er in menasti ein deutliches u statt eines n gesetzt obgleich in seiner Type n 
und u nicht einfach durch Umkehrung für einander verwendet werden können. 
Ebenso steht BL 3 a Z. 2 corano für corona. Dagegen sind es wohl keine 
bloßen Buchstaben-Verwechslungen, sondern vielmehr grammatikalische Ver¬ 
stöße, wenn er Bl. 2a Z. 4/5 faza machiato und Bl. 3a Z. 4/5 pänicello... data 
a s. veronica setzt Er hat es auch nicht bemerkt daß er auf Bl. ib Z. 10 in 
ogn mal den Schlußvokal vergessen hat während er auf Bl. 2 a Z. 9 das me 
zweimal setzt und auf Bl. 3a Z. 13 aus Z. 12 das nui in sinnloser Weise 

x ) Die Blätter sind hier in der Reihenfolge des Fragmentes gezählt ohne Rücksicht 
auf die Stellung, die sie in einem vollständigen Exemplar des Druckes eingenommen 
haben würden. 


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wiederholt, und BL ia Z. 15 ein tego einfügt, das dort unmöglich an seinem 
Platze sein kann. Daß es mit seinem Verständnis für den italienischen Text 
nicht auf das Beste beschaffen war, geht auch noch aus anderen Stellen hervor. 
So setzt er auf Bl. I b Z. 7/8: dal capo infim pianta a la de li pedi, wo zweifel¬ 
los infim a la pianta stehen müßte. Ebenso kann* der Text unmöglich am 
Ende von Bl. 4 a in Ordnung sein, wo auf (ne) me disparta da ti unvermittelt 
le quäle singulare amore ti portauano folgt Auch auf Bl. 6 a Z. 9 ist offenbar 
in li cor de li humiliando ein Wort ausgefallen, und die ganze Stelle von 
Z. 9—12 gehört überhaupt nicht in das Gebet über die Ausgießung des 
heiligen Geistes, sondern müßte eigentlich auf dem in den Fragmenten nicht 
erhaltenen zweiten Blatte bei der Szene der Fußwaschung stehen. 

Doch kehren wir zu den Buchstabenformen zurück. Von dem i ist außer 
der Abbreviatur auch eine Nebenform vorhanden, die nach den rechts aus¬ 
ladenden Buchstaben, wie f, f, t steht Ihr fehlt naturgemäß das Häkchen 
links oben, dagegen besitzt sie einen strichförmigen beinahe wagerechten 
i-Punkt Einen i-Punkt anderer Art weist eine zweite Nebenform auf, die nach 
kurzen Minuskeln, besonders nach c steht Bei ihr steht der nicht strichförmige 
kleine Punkt etwas höher über dem Grundstrich. Sie kommt allerdings nur 
ein paarmal (Bl. la Z. 5, 3a Z. 13, 5 a Z. 6, 5b Z. 6 und Z. 13) vor, fast ebenso 
häufig steht nach c auch die vorerwähnte Form. Da sie aber auf Bl. 5 a zweimal 
zu finden ist, kann es sich auch nicht nur um einen fehlerhaften Buchstaben 
handeln. Ein paarmal kommt es auch vor, daß das i mit dem Abbreviatur¬ 
punkt für das einfache i gesetzt ist, doch wird man das wohl nur als Druck¬ 
fehler anzusehen haben. Aber damit sind die Formen des i noch immer 
nicht erschöpft Es gibt nämlich auch noch eine punktlose Nebenform des i 
ohne Vorderhäkchen, und endlich eine gleichfalls punktlose, aber abermals 
anders gestaltete Form. Dieses i, das allerdings nur sehr vereinzelt aber doch 
auch wieder zweimal auf derselben Seite (BL 5 b Z. 14 und 15, s. Abb. 4) 
sich findet hat ein ungewöhnlich kräftig ausgebildetes Häkchen links oben, 
dagegen fehlt ihm der sonst bei allen Formen vorhandene Ansatz rechts unten, 
so daß es platt auf der Zeile aufsitzt Dieser Buchstabe ist vielleicht nicht 
eigentlich eine Form des i, sondern vielmehr eine Form, mit der der Drucker 
allerlei Experimente gemacht hat 

Die meiste Ähnlichkeit hat dieses i mit dem vorderen Teile des n, und bei 
der geringen Verwendung, die es in den Fragmenten gefunden hat, ist es 
durchaus nicht unwahrscheinlich, daß der Buchstabe in der Tat so hergestellt 
worden ist, daß man von ein paar Lettern des n die hintere Hälfte durch 
Abschleifen beseitigt hat Daß der Drucker sich in dieser Weise zu helfen 
gewußt hat, haben ja seine oben besprochenen Ligaturen bewiesen, und wir 
begegnen den Spuren eines ähnlichen Verfahrens noch einmal wieder bei 
den Formen des Buchstaben u. 


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Daß der Drucker im Anlaut dafür im allgemeinen sein eigentümlich ge¬ 
staltetes v verwendet hat, wurde schon erwähnt Er hat aber vielleicht doch 
sowohl für das u als für das u eine selbständige gegossene Hauptform be¬ 
sessen. Mit unbedingter Sicherheit läßt sich dies allerdings nicht behaupten. 
Schon an dem m und n fällt es auf, daß deren Grundstriche vielfach keinen 
unzweifelhaften Zusammenhang untereinander erkennen lassen. Zudem hat 
der Schlußstrich die Neigung, oben nicht ganz in gleicher Höhe anzusetzen, 
dafür aber unten mit seinem nach außen gewendeten spitzen Fuße unter 
die Zeile herabzureichen. Trotzdem halte ich die beiden Typen für aus einer 
Matrize gegossen, nur glaube ich, daß diese mit Hilfe von zwei Stempeln 
hergestellt ist, deren erster, den ich in der zuletzt erwähnten i-Form wieder 
zu erkennen glaube, für das m zweimal, für das n nur einmal vor dem 
Stempel des Schlußstrichs eingeschlagen worden ist Daß der Drucker tat¬ 
sächlich das m nicht immer aus einer Type gebildet hat, geht daraus hervor, 
daß er auf Bl. ia Z. I und 2 in den Worten sumo und como zweimal das m 
aus drei gleichen Grundstrichen geformt, und daß er es auf Bl. 2 b Z. 7 in 
domandava aus einem n mit der letzten Nebenform des i so locker zusammen¬ 
gesetzt hat, daß der Zusammenhang des Buchstaben vollkommen unterbrochen 
ist In ähnlicher Weise, d. h. durch eine willkürliche Zusammenfügung von 
abgeschliffenen Buchstabenteilen oder von Stempeln einzelner Grundstriche, 
sind wohl auch ein paar andere bemerkenswerte Buchstabenformen zu er¬ 
klären. Es kommt bei verschiedenen der ältesten Drucker vor, daß sie sich 
den Satz von in oder ni in der Weise erleichtert haben, daß sie für diese 
Buchstabenverbindung ein m gesetzt haben. Umgekehrt haben sie dann aber 
auch wieder die Buchstaben ni nebeneinander für m verwendet Etwas dieser 
Art hat auch der Drucker der Fragmente getan. Auf Bl. 3 b Z. 12 (s. Abb. 2) ist 
in dem Worte mei das m unverkennbar aus einem n und einer Nebenform 
des i zusammengesetzt, allerdings einer Nebenform, die in dem ganzen Drucke 
sonst nicht wieder begegnet, vielleicht also auch mehr nur ein zu besonderer 
Verwendung zugeschliffener Grundstrich gewesen ist Jedenfalls kann diese 
Type nicht aus der Matrize des m gegossen sein, denn bei dieser hat der 
dritte Grundstrich des m eine unbedingt abweichende Form. Ähnlich liegen 
die Verhältnisse bei dem niente auf Bl. 2 b Z. 12 . Auch hier finden wir eine 
Form des i, die sonst nicht wieder begegnet Sie ähnelt der Type für i, aber 
der derbe Punkt ist ganz anders geformt, als der Abbreviaturpunkt und 
steht auch erheblich höher über dem Grundstrich, als dieser. Außerdem ist 
aber auch das n nicht die normale Form, sondern es sieht aus, als ob sein 
erster Grundstrich ein abgeschliffenes r gewesen sei. Vielleicht ist das Ganze 
aber auch ein m gewesen, an dem mit der Feile ungeschickt gearbeitet, und 
dem ein i-Punkt in künstlicher Weise beigefügt ist In einer solchen künstlich 
hergestellten Form begegnet uns ein n auch noch einmal auf Bl. 3 a Z. 1/2 


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in dem Worte no||stro (s. Abb. i). Auch dieser Buchstabe kann nicht aus der 
Matrize des normalen n hervorgegangen sein, sondern er erweckt den An¬ 
schein, als sei er aus zwei verschiedenen Grundstrichtypen zusammengesetzt, 
deren erste der vorderen Hälfte des n entspricht, während die zweite offenbar 
dieselbe ist, der wir in dem m von mei auf Bl. 3b Z. 12 begegnet sind. 

Nunmehr kehren wir aber zu den Formen des u zurück. Die Hauptform 
des Buchstabens macht allerdings durchaus auch den Eindruck, als könnte sie 
aus zwei einzelnen Typen zusammengesetzt sein, denn ihre beiden Grund¬ 
striche berühren sich in keinem Punkte. Sie stehen aber doch auch wieder 
beständig in einem so gleichmäßigen Verhältnis zu einander, daß man wird 
annehmen müssen, daß das u aus einer einheitlichen Matrize gegossen ist, 
wenn auch diese aller Wahrscheinlichkeit nach mit Hilfe von zwei i-Stempeln 
hergestellt war. Auch die Anschlußform des u ist wohl ein einheitlicher Buch¬ 
stabe, bei dessen Stempel der selbständigen Form nur durch Abschleifen das 
vordere Häkchen genommen worden ist Anders scheinen dagegen die Ver¬ 
hältnisse bei dem ü zu liegen. Ohne allen Zweifel ist dieser Buchstabe zu¬ 
sammengesetzt aus einem i mit Abbreviaturstrich und einem einfachen Grund¬ 
strich, wie er als Nebenform des i auch anderwärts vorkommt Die Frage ist 
nur, ob diese Zusammensetzung schon bei den Stempeln erfolgt, und mit 
ihnen eine einheitliche Matrize hergestellt worden ist, oder ob tatsächlich in 
jedem einzelnen Falle zwei Lettern für die Gestaltung des ü Verwendung 
gefunden haben. Tatsächlich sind von den 21 ü, die in den Fragmenten Vor¬ 
kommen, 20 untereinander derartig gleich, daß man wohl auch in diesem 
Falle an eine einheitlich gegossene Type wird glauben können. Dennoch 
kommt auch die Zusammensetzung der Type aus zwei Lettern unzweifelhaft 
vor. Auf Bl. ia Z. 2 steht in dem Worte ihü ein ü, das unbedingt aus zwei 
getrennten Lettern gebildet ist, deren Abstand voneinander merkbar größer 
ist, als in der gewöhnlichen Form, und zwar haben zu der Zusammensetzung 
gedient das i mit dem Abbreviaturstrich, und diejenige Nebenform des i, die 
an letzter Stelle behandelt wurde und die auf BL 5 b Z. 14 (s. Abb. 3) repro¬ 
duziert ist 

Auch für r und p hat der Drucker der Fragmente Haupt- und Anschlu߬ 
formen besessen und ziemlich gewissenhaft verwendet Dagegen hat er eine 
dritte Form des r, den gestürzten Buchstaben, der zum Anschluß an gerundete 
Formen, wie das o bestimmt war, höchst willkürlich verwendet Unter 39 Malen 
steht das 2 nur achtmal nach o und zweimal nach p an seinem richtigen 
Platze, sonst aber ist es selbst nach dem weit nach rechts ausladenden g» 
ein paarmal sogar auch im Anlaut der Worte, jedenfalls ohne irgend eine 
erkennbare Methode zur Verwendung gelangt 

Das Eingehen auf alle diese Einzelheiten der Buchstabenbildung war 
geboten, um zu zeigen, in welcher primitiven Weise der Drucker bei der 


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oito oo ottt fromm pnlagt, 
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mcrotu > : 


Abb. 15 


Abb. 16 


f > Leiden Christi, deutsch, London, British Museum 
Di Oben Bl. in lidl > 14b) der ersten — unten Bl. 13a (13a) und 13b (i 4 a) der zweiten Ausgabe. 

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Leiden Christi, deutsch, 3. Ausgabe, Braunau, Dr. Ed. Langersche Bibliothek 

B. ga (8b) u. gb (10a) 











Herstellung seiner Typen experimentiert hat Es geht das erheblich noch über 
das hinaus, was man an den eigentlichen Gutenbergtypen der 36 zeiligen und 
42 zeiligen Bibel zu beobachten Gelegenheit gehabt hat Wenn das nun auch 
unzweifelhaft nur daher rührt, daß wir es mit einem Drucker zu tun haben, 
der sich mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln zu helfen bestrebt war, 
so muß man doch in diesem Archaismus einerseits und anderseits in diesem 
auffallenden Bemühen, die Gutenbergischen Regeln zu beobachten, die doch 
so bald von den Druckern aufgegeben worden sind, sichere Beweise dafür 
erblicken, daß wir es in diesen Fragmenten mit einem Drucker der aller- 
ältesten Zeiten zu tun haben. Das bestätigt schließlich auch noch seine Setzer¬ 
praxis. Der Zeilenschluß der Fragmente ist außerordentlich mangelhaft, und 
trotzdem ist ein gewisses Bestreben, ihn gleichmäßig zu gestalten, nicht zu 
verkennen. Der Drucker gestattet sich nicht, die Worte ganz willkürlich zu 
zerreißen und die Buchstaben einer Silbe willkürlich durch den Zeilenschluß 
zu trennen. Das einzige Hilfsmittel, was er zur Ausgleichung seiner Zeilen¬ 
enden zu verwenden weiß, ist der Punkt Diesen aber gebraucht er in höchst 
willkürlicher Weise. Er dient ihm niemals im Innern der Zeile als Bezeichnung 
des Satzendes. Auch am Ende der einzelnen Blätter, die ja immer mit dem 
Schluß eines Gebetes zusammenfallen, bringt er ihn keineswegs korrekt an. 
Er verwendet ihn ausschließlich zur Raumausfüllung. Zu diesem Zwecke setzt 
er ihn aber gelegentlich auch doppelt — einmal tief und einmal hoch — 
oder selbst einmal zwischen die einzelnen Buchstaben des Wortes am.e.n. 
Hauptsächlich aber gebraucht er ihn, um allzugroße Lücken am Schlüsse der 
Zeilen zu verdecken. Dabei kommt es ihm durchaus nicht darauf an, den 
Punkt zwischen zwei eng zusammengehörige Worte anzubringen, wie Bl. 6 a 
Z. 8 de la.(| terra. Einen Interpunktionswert hat sein Punkt niemals. Dagegen 
hat er ihm aber wieder an einigen Stellen die Bedeutung des Trennungs¬ 
zeichens gegeben. Ist auch dies vielleicht mehr nur um der Ausgleichung 
der Zeilenschlüsse willen geschehen, so kann man ihm doch wohl nicht Zu¬ 
trauen, daß er in Fällen wie satisfa.||za auf Bl. 3a Z. 11/13 oder lani.Qma auf 
Bl. 4b Z. II/13 sich des Charakters dieser Punkte als Divis nicht bewußt 
gewesen sei, denn die Lücke am Ende der Zeile wäre bei dem Wegfall dieser 
Punkte kaum größer geworden, als wir sie sonst auf mehreren Seiten antreffen. 

Wer mag nun der Drucker der Fragmente gewesen sein, und wo werden 
wir ihn zu suchen haben? Für die letztere Frage sind natürlich die dialek¬ 
tischen Formen des Textes von wesentlicher Bedeutung. Ich lasse zunächst 
also einmal dessen Wortlaut unter Auflösung der Abbreviaturen und unter 
Beseitigung der offenkundigen Druckfehler, besonders der handschriftlich 
korrigierten, folgen: 


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ia: O sumo redemptore del mun 
do ihesu cristo il quäl como 
malefactore volisti essere liga 
to impresonato la notte dalor- 
to in la cita fusti menato di 
nan^i a anna e caifa cum lochi 
coperti battuto biastemado e 
calefato cridando li zudei. 
profeteza cristo chi quelo che 
ta batudo la faza toa sancta in 
la quäl li angeli desidrano 
de guardar ha sustinuto es- 
ser machiata cum sputo e tre 
volte io ti prego che ogni bi- 
astema tego per li peccati mei amen. 


ib: O signor ihesu cristo agnelo 
de dio che remoue li pecca¬ 
ti del mundo il quäl crudel. 
mente fusti ligato a la colona 
per lo quäl dolor nui semo 
sanad percosso fiisd e fla- 
gellato che dal capo infim 
pianta a la de li pedi in ti 
loco sano non li fusse remoui 
io d prego da me ogni mal 
vsanza e fa chio le toe dure 
e aspre botte rengra^ii le quäl 
susdgisd a la colona azoche 
a mi le sian medidna per 
tud li mei peccad amen. 


3a: O ihesu cristo re inuincibil 
il quäl portasd vna corona 
de spine imposta al capo cum 
spine pungente e la faza 
machiata cum lo sangue 
tuo colorato e li zudei inge- 
nuchiuni d calefauano cri¬ 
dando dio d salui re de li 
zudei da me io ti prego 
che in questo mundo cum le spi¬ 
ne de la penitenpia satisfa- 
za a li peccad mei e per d 
guida in la celeste patria 
vegna incoronato e senza 
fin laudar te.amen. 

3a: O dio d salui o faza del no- 
stro redemtore in la quäl respira- 
do la belleza del diuino spi- 
andore imposta al pannicello 
bianco como neue data a 
santa veronica in segno da- 
mor dio te salui o beließe 
del mundo spechio de li sand 
la quäl veder desidrano li 
spirid celesti purga nui da 
ogni macula viciosa e anchora 
consongi nui al consordo de 
li bead nui a la patria o feli- 
ce figura a veder la faza 
de cristo cum mente pura amen. 


3b: O piissimo ihesu cristo il quäl 
a la prima hora como ag- 
nello innocente fusd menato 
a pilato cum falso testimonio 
acusato dopo mandato ad 
herode el quäl da te molte 
cose domandaua non li respon- 
disd cum vna uesta biancha 
volisd esser calefato e cum 
gran biasteme per la cita 
fusti menato in lo palazo uenisd 
niente de mancho cason 
de morte alcuna non fu tro- 
uata in d io ti prego guarda 
me da falso testimonio amen. 

3b: O serpente-figurato in lo 
deserto per moyses o fonta- 
na sorgente plena de gracia 
il quäl inchiodato fra dui 
latroni in croze pendisti e al 
tarde pentendose li peccad 
perdonasd cum alta voce lani- 
ma tua in le mani del tuo pa- 
dre recommandasd io ti prego in 
lora extrema non mabando- 
nar mi fa che de li peccad 
mei per vera peniten^ia per- 
donad a d cridar possa in le 
mani tue o signor aricon- 
mando el spirito mio amen. 


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4a: O ihesu cristo principio de 
tute le cose e fine il quäl a lo- 
ra de compieda in sepultura 
noua fusti sepelito da le don- 
ne pianto e da li soldati 
guardato da me io d prego 
dxal cor mio sipi sepelito e 
la passion toa e de la madre 
toa benedetta la compassion 
sempre in lanimo mio pord ne 
alegreza ne trisd^ia ne for- 
tuna ne grande infortunio 
mi disparta da d le quäle 
singulare amore d porta- 
uano cordialmente amen. 


5a: O ihesu cristo lion fordssimo 
il quäl cum la possanza de la 
tua diuinita el di terzo cum 
gran possanza resusitasd da 
morte a le piatose donne 
e a li discipuli dnque volte 
apparendo pace sia cum uui 
dicisti da me io d prego che 
dego in luldmo di cum ale¬ 
greza resusdd acompagnato 
cum quilli ali quali la yoce 
toa sera uegnid benedetd 
del padre mio in lo regno 
mio el quäl a vui e aparechia- 
to dal prindpio del mundo amen. 

6 a: Veni o Santo spirito rempisse 
li cor de li toi fideli e del to 
amor in lor apiglia el foco 
il quäl per diuersita dogni 
lingue in una fede coadunas- 
d laudando dio manda el 
spirito tuo e seranno cread e 
renouarai laspetto de la 
terra o dio il quäl li cor de li 
humiliando signor li pedi non 
tanto de li disdpuli electi ma 
anchora del traditore lauas- 
ti fa io ti prego che de la tua 
grada sia passuto e da ogni 
machia sia lauato amen. 


4b: O ihesu cristo re de gloria il 
quäl dapo che in croce cum 
el gran cridar spirando mori- 
sd cum gran possanza descen- 
disd a linfemo per rumpere 
li ligami de linfemo li pa- 
dri li quali per longo tempo 
taspetauano in el limbo cum 
gran possanza menasti fora 
in la celeste patria colocan- 
do li io d prego libera lani- 
ma mia da ogni mala e 
peruersa consuetudine de 
peccare et de ogni periculo 
et etema dannadon amen. 


5b: O ihesu cristo omnipotente il 
quäl el quadragesimo di 
dopo la toa santta resurec- 
do guardando li discipuli 
toi e la gloriosa madre li 
celi ascendisd a la dextra de 
dio padre omnipotente in gloria 
da me io ti prego per la toa 
santta ascension che lanima 
mia qui in el corpo se pendsca 
dogni peccato per el me- 
rit de la sacradssima toa 
passion azoche ti sequi tan- 
do li celi ascenda tiego 
senza fin salegri amen. 

6b: O iusdssimo iudicio di dio 
che remoui li peccati del 
mundo o iudice iusdssimo ihe¬ 
su cristo il quäl in lultimo di 
in le nubile di celi virai a 
iudicar sopra ogne carae hu- 
mana a zascaduno tribuendo 
secundo li meriü soi d pre¬ 
go per la toa sacradssima 
morte remoui la ira toa da 
li peccati mei e cum li santi toi 
a la mandextra letema be- 
adtudine sia posto a cio che 
io d possa sempre laudare 
in secula seculorum amen. 


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Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß wir es mit einem oberitalieni¬ 
schen Texte zu tun haben. Formen, wie das mehrfach vorkommende faza, 
croze, zudei, azoche, zascaduno, beweisen ohne weiteres einen oberitalienischen 
Ursprung. Aber es fehlt fast ganz an ausgesprochenen mundartlichen Formen, 
so daß es nicht möglich ist, den Druck genauer örtlich festzulegen. Nur die 
Form sipi (Bl. 4 a Z. 7) für sia beweist wohl, daß die Fragmente nicht in 
Venedig selbst entstanden sind. Sie gilt als spezifisch bolognesisch, läßt sich 
aber doch in einem weiteren Umkreise von Bologna bis nach Piacenza hin 
nach weisen. Da die Fragmente aber daneben auch toskanische Formen, wie 
croce (Bl. 4 b Z. 3) oder acioche (Bl. 6 b Z. 13) bieten, so läßt sich von der 
sprachlichen Seite her kaum mehr behaupten, als daß wir es mit einem 
oberitalienischen Erzeugnisse zu tun haben, das im venezianischen Sprachgebiet, 
nicht aber in der Stadt selbst, sondern im Grenzgebiet der Romagna oder 
Emilia entstanden sein dürfte. 1 ) 

Ist es somit nur verhältnismäßig wenig, was wir aus dem Text der Frag¬ 
mente für die Feststellung des Druckorts zu gewinnen vermögen, so können 
wir dagegen in Bezug auf die Zeit der Drucklegung zu ziemlich sicheren 
Ergebnissen gelangen auf dem Umwege über die deutschen Drucke des Leiden 
Christi. Mit diesen werden wir uns deshalb nunmehr etwas eingehender 
beschäftigen müssen. 

Unter ihren Kostbarkeiten verwahrt die Staatsbibliothek in München mit 
der Signatur Cim. 63b einen kleinen Oktavband von 130X101 mm, der in 
einem gepreßten Schweinslederband des XVI. Jahrhunderts zwei kleine Druck¬ 
werke enthält, die zu den ältesten Erzeugnissen des Buchdrucks zu gehören 
scheinen. Es sind dies an erster Stelle auf 9 Blättern Die Sieben Freuden 
Mariä, denen auf 21 Blättern Das Leiden Christi folgt Beide Drucke stimmen 
darin überein, daß jedesmal die Vorderseite des ersten und die Rückseite 
des letzten Blattes unbedruckt geblieben ist; sonst aber stehen immer eine 
Seite Text, die gewöhnlich ein Gebet von ca. 14 Zeilen enthält, und eine 
Abbildung einander gegenüber. Elin Unterschied in der Anordnung besteht 
nur darin, daß die Freuden Mariä auf Bl. ib mit einer Textseite beginnen, 
und auf Bl. 9 a mit einer solchen enden, während das Leiden Christi mit 
einer Abbildung beginnt und ebenso endet. Gedruckt sind beide Werkdien 
mit einer für das Format höchst ungeeigneten großen Missalschrift, deren 
formale Verwandtschaft mit der Type des Albrecht Pfister — die ja selbst 
nur eine Abart der Type der 36zeiligen Bibel und der ältesten Gutenberg¬ 
schrift gewesen ist — zu der Vermutung Anlaß gab, daß auch diese beiden 
Büchlein von Albrecht Pfister gedruckt seien. So behauptet z. B. auch Franz 
Xaver Stöger, der im Jahre 1833 in seinem Buche „Zwei der ältesten deutschen 

*) Den Hinweis auf die sprachlichen Besonderheiten verdanke ich der freundlichen 
Hilfe von Herrn Prof. K. Voßler, München. 


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21 


Druckdenkmäler beschrieben und in neuem Abdruck mitgeteilt“ sich als erster 
eingehender mit ihnen beschäftigt hat 1 ) Die Sieben Freuden Mariä sind mit Holz¬ 
schnitten illustriert, deren künstlerischer Wert nicht eben sonderlich hoch zu ver¬ 
anschlagen ist (s. Abb. 11,12). In dem Leiden Christi dagegen sind die Abbildungen 
in Metall geschnitten und zwar in der besonderen Technik, die man als Schrot¬ 
blätter zu bezeichnen pflegt Diese Schrotblätter (s. Abb. 7, 8) sind künstlerisch 
ungleich wertvoller und haben die Sachverständigen in umfänglicher Weise 
beschäftigt Sie sind nämlich keineswegs nur aus dem Münchener Büchlein 
bekannt, sondern sie haben sich vielfach auch anderweit nachweisen lassen. 
Und zwar kommen sie in zweierlei Weise vor. Das einemal als einzelne 
Blätter, deren Rückseite unbedruckt geblieben ist oder höchstens einen hand¬ 
schriftlichen Text trägt, dann aber auch auf doppelseitig bedruckten Blättern, 
die auf der Rückseite entweder eine zweite Darstellung oder aber einen ge¬ 
druckten Text aufweisen. Allerdings ist in keinem einzigen Falle die ganze 
Serie der Abbildungen erhalten, wie das Münchener Buch sie aufweist Am 
vollständigsten ist die Serie, die die Wiener Nationalbibliothek aus dem Stift 
Nonnberg in Salzburg erworben hat; sie umfaßt nicht weniger als 18 Blatt, 
so daß ihr nur zwei: die Kreuznagelung und die Ausgießung des heiligen 
Geistes fehlen. Auch das Berliner Kupferstichkabinett besitzt eine Serie von 
14 Blatt, von denen aber eins, der Crucifixus, von den Münchener Abbil¬ 
dungen verschieden ist Je drei Blätter der Serie besitzen die Biblioth&que 
Nationale in Paris und das Germanische Museum in Nürnberg, zwei die 
Guildhall-Library in London, einzelne Blätter befinden sich endlich noch im 
Besitz der Bodleian Library in Oxford und des Mr. James E. Scripps in Detroit 
(Mich.). Alle diese Blätter sind nur einseitig bedruckt, und der Plattenzustand 
ist nicht in allen Fällen ganz der gleiche wie im Münchener Drucke; doch 
ist es überzeugend nachgewiesen, daß die sämtlichen Abzüge von denselben, 
nur hin und wieder in einzelnen Partien überarbeiteten Platten herrühren. 
Die Untersuchung hat aber auch weiter ergeben, daß die sämtlichen einsei¬ 
tigen (anopistographischen) Abzüge älter sind, als die doppelseitig bedruckten. 

Für unsere Untersuchung kommen nur die doppelseitig bedruckten Blätter 
in Betracht, und eigentlich auch von diesen in erster Linie nur diejenigen, 
von denen uns nicht nur Abbildungen, sondern auch Reste des Textes er¬ 
halten sind. Auch deren gibt es neben dem ^einzig vollständigen Münchener 
Exemplare nicht ganz wenige. Das umfänglichste Fragment befindet sich im 
Britischen Museum in London; es besteht aus acht Abbildungen und ebenso 
vielen Seiten von Text Das British Museum besitzt aber außerdem noch 
ein einzelnes Blatt, mit Bild und Text bedruckt, das von der ersterwähnten 

*) Auch F. M. Haberditzl spricht in seinem 1920 erschienenen Buche (vergl. S. 2 
Anm. 2) noch immer von dem Münchener Pfisterdruck, obwohl es damals längst be¬ 
kannt war, daß die Typen mit denen des Albrecht Pfister nicht identisch sind. 


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Serie abweicht. Zwei Blätter, Abbildungen und Text enthaltend, besitzt auch 
das Kupferstichkabinett in Dresden, und ein einzelnes Blatt, beiderseits mit 
Text bedruckt, ist in der Dr. Ed. Langerschen Bibliothek in Braunau zum 
Vorschein gekommen. Endlich besitzt noch die Bodleian Library in Oxford, 1 ) 
ein einzelnes Blatt, das beiderseitig mit Abildungen bedruckt ist 

Die genauere Untersuchung dieser Fragmente hatte sehr bald zu der Über¬ 
zeugung geführt, daß es sich fast immer nicht um Bruchstücke des Münchener 
Druckes handeln könne, sondern daß es von dem gleichen Texte und den¬ 
selben Abbildungen eine Anzahl verschiedener Ausgaben gegeben haben 
müsse. Am eingehendsten hatte sich Dodgson*) mit dieser Frage beschäftigt, 
es war aber auch ihm weder gelungen, das Verhältnis der verschiedenen 
Fragmente zueinander und zu dem Münchener Drucke aufzuklären, noch 
hatte er es vermocht, die ganze Gruppe irgendwie zeitlich festzulegen. Im 
folgenden soll der Versuch gemacht werden, beide Fragen in einer befriedi¬ 
genden Form zu lösen. 

Nachdem es mir gelungen war, mir Abbildungen oder Photographien von 
allen doppelseitig bedruckten Fragmenten vom Leiden Christi zu verschaffen, 
ergab sich die überraschende Erkenntnis, daß die sämtlichen Bruchstücke, 
wenigstens soweit sie nicht ausschließlich Abbildungen darboten, alle von 
verschiedenen Ausgaben stammten. Das deutsche Büchlein vom Leiden Christi 
muß darnach zum mindesten sechs verschiedene Ausgaben erlebt haben, von 
denen uns allerdings nur die eine in dem Münchener Exemplare vollständig 
erhalten ist. Diese Ausgaben scheiden sich deutlich in zwei in ihrer Anord¬ 
nung verschiedene Gruppen. In der einen Gruppe ist der Satz so angeordnet, 
daß stets die eine Seite des Blattes ein Bild, die andere Seite aber einen 
Text trägt In der anderen Gruppe dagegen tragen die einzelnen Blätter auf 
beiden Seiten entweder Text oder Abbildungen. In ersterem Falle mußte 
also entweder, und das ist das wahrscheinlichere, jede Seite einzeln für sich 
gedruckt sein, oder es müßten Text und Abbildungen in ein und derselben 
Form gestanden haben, ein Verfahren, das für die ältesten Zeiten des Buch¬ 
drucks unmöglich angenommen werden kann. In letzterem Falle aber konnten 
Text und Abbildungen, jedes für sich, in besonderen Formen gesetzt und 

*) Schreiber, Manuel V. no. 2232, 2243 und 2376, und nach ihm Dodgson, Catalogue. I. 
S. 172 hatten behauptet, das Oxfcfrder doppelt bedruckte Blatt trage das Abendmahl 
und die Auferstehung. Da das dritte Bild die Ölbergszene darstellen sollte, erschien 
es mir wahrscheinlich, daß in diesen Angaben eine Verwechselung vorliege, und auf 
meine Anfrage wurde mir von Oxford bestätigt, daß das doppelt bedruckte Blatt das 
Abendmahl und die Ölbergszene trägt Die Bedeutung der Tatsache siehe unten. 

*) Dodgson, C. Catalogue of early German and Flemish wood-cuts in the British 
Museum. London 1903. vol. I. p. 171 ff. Dodgson vermutete, daß das Londoner Einzel¬ 
blatt und die beiden Dresdener Blätter derselben Ausgabe entstammen möchten. Die 
Vermutung hat sich aber nicht bestätigt 


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von diesen abgedruckt, werden. Die schlechte Erhaltung aller in Betracht 
kommenden Blätter macht es unmöglich, aus äußeren Merkmalen den seiten¬ 
weise erfolgten Druck der ersten Gruppe zu erweisen. Aber da alle äußeren 
Merkmale darauf hindeuten, daß die mit Bild und Text bedruckten Blätter 
früher hergestellt sind, als die getrennt bedruckten, so vermag ich mir einen 
anderen Grund für diese Tatsache nicht vorzustellen, als daß jede Seite 
einzeln für sich gedruckt worden ist 

Wenn ich mich im folgenden einer genaueren Beschreibung der einzelnen 
Fragmente zuwende, so gehe ich von der Voraussetzung aus, daß der Umfang 
der einzelnen Ausgaben wohl immer der gleiche gewesen sein wird, d. h. 
daß sie aus 30 Abbildungen mit den dazu gehörigen 30 Gebeten bestanden 
haben werden. Die italienische Übersetzung hat uns zwar gezeigt, daß es 
wohl auch eine abgekürzte Ausgabe gegeben haben könnte. Die erhaltenen 
Fragmente lassen eine solche aber mit Sicherheit nicht erkennen. 

Das umfänglichste Dokument der Gruppe, bei der Text und Abbildungen auf 
die Vorder- und Rückseite jeden Blattes verteilt sind, ist das größere Fragment 
des British Museum in London (s. Abb. 13,14). 1 ) Seine acht Blätter entsprechen 
den Blättern ioa, Ha, Ilb und 13b—18b des Münchener Druckes. Sie er¬ 
scheinen aber natürlich, da Bild und Text regelmäßig mit einander wechseln, 
in etwas veränderter Anordnung. Auch die Londoner Ausgabe hat aus 
31 Blättern bestanden, deren erste und letzte Seite leer waren; ja sie hat 
sogar auch, wie der Münchener Druck, auf Bl. I b mit einem Bilde begonnen, 
und auf Bl. 31a mit einem Bilde geschlossen. Der Vergleich von Bild und 
Text zeigt dagegen, daß in der ersten Hälfte der Lage der Text links von 
dem Bilde gestanden hat, während er sich in der zweiten Hälfte zur rechten 
Seite von der Abbildung befunden hat Das ist offenbar dadurch zustande 
gekommen, daß das mittelste Bl. II, das mit einem Falze in der Mitte der 
Lage eingehängt werden mußte, abweichend von allen anderen auf beiden 
Seiten mit Text bedruckt gewesen ist Darnach haben die erhaltenen Blätter 
Bl. IO und Bl. 13 — 18 der betreffenden Ausgabe gebildet 

Zu derselben Gruppe gehören die beiden Blätter des Dresdener Kupfer- 
stichkabinets (s. Abb. 19—33). Auch diese Ausgabe ist wie die Londoner 
angeordnet gewesen. Sie entsprechen den Blättern 4a, 5a, 13b und 14b 
des Münchener Druckes und sie sind in ihrer Ausgabe Bl. 4 und Bl. 14 ge¬ 
wesen. 

Endlich gehört auch das kleinere Londoner Bruchstück (s. Abb. 15,16) *) zu der 
Gruppe der gemischt bedruckten Ausgaben. Der Inhalt des Blattes stimmt mit 
Bl. 13a und 14a der Münchener Ausgabe überein, und hat Bl. 13 des be¬ 
treffenden Buches gebildet 

*) Dodgson 1 . c. S. 171-175. 

*) Dodgson 1 . c. S. 175. 


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Daß die drei Fragmente wirklich auch drei verschiedene Ausgaben reprä¬ 
sentieren, ist oben schon erwähnt worden. 

Die jüngere Gruppe der Drucke, in der die einzelnen Blätter entweder 
nur Text oder nur Abbildungen tragen, ist vor allem durch die Münchener 
Ausgabe vertreten, deren Beschreibung schon oben gegeben wurde. Wie 
gesagt ist sie das einzige vollständige Exemplar des Werkchens und deshalb 
empfahl es sich, sie zum Ausgangspunkte der ganzen Untersuchung zu machen. 
Derselben Gruppe gehört das Braunauer Blatt an, das ebenfalls beiderseitig 
mit Text bedruckt ist (s. Abb. 17,18). Die Anordnung dieser Ausgabe muß aber 
eine andere gewesen sein, als in dem Münchener Exemplare, denn der Inhalt 
des Braunauer Blattes stimmt nicht mit irgend einem Münchener Blatte über¬ 
ein, sondern es enthält den Text von BL 8b und ioa der Münchener Aus¬ 
gabe. Es sind das auch in München zwei aufeinander folgende Textseiten, 
diese sind aber durch das mit zwei Abbildungen ausgestattete BL 9 getrennt 
Die Erklärung für dies verschiedene Verhalten besteht darin, daß die Ausgabe, 
der das Braunauer Blatt entstammt, nicht wie die Münchener auf Bl. I b mit 
einem Bilde begann, sondern daß hier diese erste Seite den Text trug. Da¬ 
durch verschob sich die Stellung von Blatt und Bild zu einander durch die 
ganze Ausgabe, die also auch mit einem einseitig bedruckten Textblatt ge¬ 
endet haben muß. 

Ob wir das einzelne Blatt in der Bodleiana in Oxford (s. Abb. 23, 24), das 
nur Abbildungen darbietet, als Fragment einer Ausgabe unserer Gruppe in 
Anspruch nehmen dürfen, ist natürlich nicht mit voller Sicherheit zu be¬ 
haupten. Der Zustand der Platten mit ihren deudichen Nagelspuren erweist 
es aber wenigstens sicher als einer späteren Zeit zugehörig, wie die anopisto- 
graphisch überlieferten Blätter. Das Oxforder Blatt trägt dieselben Darstellungen 
wie Blatt 3 des Münchener Druckes, da aber in der Abendmahlszene zwei 
Nagellöcher, die in der Münchener Ausgabe sehr deudich zu erkennen sind, 
in dem Oxforder Abdrucke noch nicht vorhanden sind, so muß er unbedingt 
abermals einer anderen und zwar einer früheren Ausgabe entstammen; diese 
ist sicher weder mit der Münchener noch, wegen der abweichenden Anordnung, 
mit der Braunauer Ausgabe gleich gewesen. 

Das zuverlässigste Hilfsmittel zur Bestimmung der zeitlichen Folge der 
verschiedenen Ausgaben des Leidens Christi ist der Zustand der Platten, von 
denen ihre Abbildungen abgedruckt sind. Leider können wir uns dieses aber 
nicht in dem erwünschten Umfange zu nutze machen, da für mehr als die 
Hälfte der Ausgaben das Vergleichsmaterial ein ziemlich beschränktes ist 
Dazu kommt, daß der größte Teil der Schrotblätter in der wenig sorgsamen 
Weise koloriert ist, die im XV. und XVI. Jahrhundert für volkstümliche Bilder¬ 
bücher im Schwünge war. Unter den dick aufgetragenen Farbstrichen ist es 
vielfach nicht möglich, ein klares Bild von den darunter befindlichen ge- 


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druckten Konturen zu erlangen. Nichtsdestoweniger können wir aus der Ver¬ 
gleichung der Plattenzustände eine Anzahl von wertvollen Ergebnissen ge¬ 
winnen. Vor allem ergibt es sich mit unbedingter Sicherheit, daß nicht nur 
alle die mit Text verbundenen Abzüge, sondern überhaupt fast alle Abdrücke 
von ein und derselben Serie von Platten herrühren. Allerdings haben zum 
mindesten einige Platten im Laufe der Zeit eine Überarbeitung erfahren 
Besonders deutlich ist dies an der Platte der Auferstehung zu erkennen. Da 
ist bei den Abzügen in Wien und in Nürnberg die vordere Wand des Grabes, 
dem Christus entsteigt, ganz bis auf den Boden hinunter mit einem Muster 
bedeckt, während in den späteren Abdrucken der unterste Teil der Grab¬ 
wand ganz weiß erscheint Auch an dem Hügel hinter der aufgehobenen 
Grabplatte ist die Schrotmusterung in den älteren Blättern ausgedehnter, als 
in den späteren Ausgaben. Ebenso unverkennbar ist die Überarbeitung an 
der Darstellung des Christus vor Kaiphas. Hier ist die Schraffierung von 
dem Gewände Christi in dem Nürnberger Blatte wesentlich verschieden von 
derjenigen des Münchener Druckes. Trotzdem beweisen aber die Nagelspuren, 
die sich übereinstimmend bei allen diesen Platten finden, daß es tatsächlich 
dieselben Platten sind, die sowohl für die älteren, wie für die jüngeren Abzüge 
gedient haben. Soweit sich eine Überarbeitung der Platten erkennen läßt, 
scheint sie immer schon stattgefunden zu haben, ehe diese für die Ausgaben 
mit dem Texte Verwendung gefunden haben. Es läßt sich nicht in Abrede 
stellen, daß die Drucker dieser letzteren mit den Platten ziemlich barbarisch 
umgegangen sind. Auch zum Abdruck der anopistographischen Einzelblätter 
sind die Platten meist schon auf einer Unterlage, doch wohl einem Holzblock 
aufgenagelt gewesen. Aber die älteren Drucker haben dazu nur ziemlich 
kleine Nägel verwendet und diese nur in den äußersten Ecken, meist rechts 
oben und links unten eingeschlagen. In den späteren Ausgaben dagegen 
sind nicht nur an diesen Stellen wesentlich größere Nägel zur Befestigung 
verwendet worden, sondern in vielen Fällen sind auch noch an anderen 
Stellen, und zwar mit wesentlich geringerer Schonung des Bildes Nägel ein¬ 
geschlagen worden. Das läßt sich wohl jedenfalls nicht anders erklären, als 
daß die Platten ohne ihre hölzerne Aufmachung in die Hände der Drucker 
unserer Textausgaben gelangten, und daß sie auch von diesen wieder von 
den Holzblöcken gelegentlich herunter gerissen worden sind. Ich vermag 
mir dafür keinen anderen Grund vorzustellen, als daß die Drucker mit ihrem 
Materiale von einem Orte zum anderen gewandert sind, und daß sie bei 
diesem Ortswechsel in dem Bestreben, den Umfang ihres Gepäcks nach Mög¬ 
lichkeit zu reduzieren, die leicht ersetzbaren Holzblöcke zerstört und nur die 
dünnen Metallplatten mit sich geführt haben. 

Eines wird durch die Vergleichung der Plattenzustände zur unumstößlichen 
Gewißheit, nämlich, daß der Münchener Druck von allen bisher nachweis- 


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baren Ausgaben die jüngste gewesen, und offenbar wieder nach einem Orts¬ 
wechsel entstanden ist, bei dem die Platten von ihren Holzblöcken entfernt 
worden waren. Soweit uns überhaupt eine Vergleichung möglich ist, gibt es 
nicht ein einziges Blatt, bei dem nicht der Münchener Abdruck eine in den 
meisten Fällen sehr rücksichtslos angebrachte neue Nagelspur erkennen ließe. 
Es müssen demnach alle die anderen Ausgaben, die wir oben aufgezählt 
haben, der Münchener vorausgegangen sein. 

Wesentlich schwieriger ist es, aus den Plattenzuständen zu einem Urteil 
darüber zu gelangen, in welchem Verhältnis die anderen Ausgaben zueinander 
gestanden haben. Das Blatt der Bodleiana scheidet ganz aus, denn zu ihm 
besitzen wir, außer dem Münchener, kein Gegenstück. Von den beiden Lon¬ 
doner Ausgaben muß wohl die umfänglichere (8 Blatt) als die ältere angesehen 
werden. Der Crucifixus der anderen Ausgabe (i Blatt) hat zwar die Nagel¬ 
spuren an denselben Stellen, wie die erstere; während sie aber bei dieser 
kleine weiße Löcher bilden, sind es bei jener größere viereckige Nägel, deren 
Kopf besonders rechts unten stark abgedruckt hat Auch die Dresdener 
Blätter scheinen jünger zu sein, als das große Londoner Fragment Der 
Vergleich ist nur an dem Bilde der Pietä möglich (das andere, die Gefangen¬ 
nahme, liegt in London nicht vor), und da scheint auf den ersten Blick das 
Londoner Blatt links unten eine Nagelspur aufzuweisen, die in dem Dresdener 
fehlt. Bei genauerem Zusehen zeigt sich aber, daß diese ganze Ecke in dem 
Dresdener Bilde angestückt ist Offenbar ist die ursprüngliche Platte beim 
Abreißen an dieser Stelle abgebrochen, und durch ein neues Stück ersetzt 
worden. Abnutzung und starke Einfärbung lassen das an dem Münchener 
Abdruck nicht erkennen, er verrät sich aber durch große Nagelspuren oben 
am Kreuz und unten neben dem Schädel als der unzweifelhaft spätere. 

Weitere Aufschlüsse über das relative Alter der Ausgaben dürfen wir dem 
Zustand der Typen entnehmen. Auf deren allgemeine Verwandtschaft mit 
der ältesten Gutenbergtype und der Schrift der Pfisterdrucke ist oben schon 
hingewiesen worden. Die Type weicht aber bei aller Ähnlichkeit der Formen 
nicht nur in der Kegelhöhe — sie beträgt hier 70 mm für io Zeilen, gegen 
ca. 78 bei Pfister — sondern auch in formalen Kleinigkeiten von ihnen ab. 1 ) 
So ist ihr A oben bei weitem weniger geschlossen, ihr M hat drei Spitzen 
gegen zwei bei Gutenberg und Pfister, u. a. m. Das Bemerkenswerteste aber 
ist, daß die Type im Laufe der Zeit erheblichen Veränderungen unterworfen 
ist, die es zunächst durchaus als möglich erscheinen lassen, daß wir es über¬ 
haupt nicht nur mit einem, sondern mit mehreren verschiedenen Druckern 
zu tun haben. 

Schon Stöger hatte bemerkt, daß das häufig vorkommende O in dem 

*) Ein Alphabet der Pfistertype gibt Zedier, die Bamberger Pfisterdrucke und die 
ßözeilige Bibel (Veröffentlichungen der Gutenberg-Gesellschaft X. XI. Mainz 1911) S. 101. 


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Münchener Bande durchaus nicht immer die gleiche Form hat Aber er hat 
es unterlassen, dem Vorkommen der verschiedenen Formen eine eingehendere 
Untersuchung zu widmen, und so war es ihm entgangen, daß man bei der 
Beurteilung der Typen zwischen dem Leiden Christi und den Sieben Freuden 
Mariä streng unterscheiden muß. Noch viel weniger hatte er erkannt, daß 
selbst in den Sieben Freuden die Type nicht eine einheitliche ist Eine genaue 
Untersuchung der sämtlichen Drucke ergibt nämlich folgendes Bild. 

Die Type in der Form, die sich ziemlich genau an die Schriften von Gutenberg 
und Pfister anlehnt, findet sich nur in den beiden Londoner Fragmenten (s. Abb. 14, 
16) und in einem Teile der Sieben Freuden Mariä (s. Abb. 10). Schon oben ist darauf 
hingewiesen worden, daß die Type keineswegs mit der Pfisterschen identisch 
ist Nicht nur die Majuskeln weisen kleine formale Unterschiede auf, auch 
die Gemeinbuchstaben unterscheiden sich erheblich. Ein grundsätzlicher Unter¬ 
schied besteht darin, daß die Type dieser Ausgaben des Leidens Christi 
weder Anschlußformen, noch zusammengesetzte Buchstaben kennt Die Mi¬ 
nuskeln kommen immer nur in ein und derselben Form vor, gleichviel ob 
ihnen ein geschlossener oder ein nach rechts ausladender Buchstabe voraus¬ 
geht Lediglich für das doppelt p besitzt die Schrift eine Form, die auf eine 
gemeinsame Type gegossen zu sein scheint Außerdem kennt sie nur eine 
Anzahl von Abbreviaturen für n und r. Der n-Strich, ziemlich breit gestaltet, 
erscheint außer auf den Vokalen a, e, i, o, u auch noch über dem n, das sich 
aber mit seinen zwei unverbundenen Grundstrichen von dem u überhaupt nicht 
unterscheidet Mannigfaltiger ist die Abbreviatur für r. Sie kommt vor in 
Verbindung mit den Buchstaben a, d, e, i und v, scheint aber wohl nur bei e 
und v in der Form eines gewundenen Punktes mit dem Buchstaben selbst 
gegossen zu sein. Besonders bei dem a fällt die verschiedene Gestalt der 
Abbreviatur in die Augen: der r-Punkt steht manchmal gerade über dem 
Buchstaben, dann aber auch wieder weit links oder auch weit rechts von 
demselben. Das letztere ist auch bei dem i der Fall, von dem allerdings nur 
ein einzelnes Beispiel in den Fragmenten vorkommt Im übrigen kennzeichnet 
sich die Type durch ein a, dessen oberer Bogen fast immer in einer Spitze 
ausläuft durch ein e mit ausgesprochen länglichem Öhr, durch ein f, dessen 
Querstrich auf beiden Seiten fast gleich lang ist und durch ein i mit feinem, 
wenig hochstehendem, fast horizontalem Strichpunkt In dieser Type kommt 
dreimal ein mißratenes h vor (Bl. 14b.8, löb.iound i8b.lo), bei dem die 
Oberlänge abgebrochen oder im Guß nicht herausgekommen ist Dies ist 
die einzige Type, die einen umfänglicheren Gebrauch von Majuskeln macht 
Sie setzt einmal das Wort Amen in solchen, und bringt außer dem O drei¬ 
mal ein A und einmal ein L im Texte. Als Interpunktion kennt diese Type 
nur den einfachen Punkt verwendet diesen aber nicht nur als Schlußzeichen, 
sondern fast noch häufiger als Füllsel, um den sehr mangelhaften Zeilen- 


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Schluß zu verdecken. In diesem Sinne steht der Punkt häufig zwischen 
Artikel und Hauptwort, zwischen Adjektiv und Substantiv oder zwischen den 
Bestandteilen des Zeitwortes. Mit dieser Type sind die beiden Londoner 
Ausgaben des Leiden Christi gedruckt, außerdem sind aber auch vier von den 
acht Textseiten der Freuden Mariä (s. Abb. io) mit dieser Form der Type gesetzt 
Auf ihnen kehrt noch zweimal das Wort Amen in Majuskeln wieder, und 
selbst das verstümmelte h ist einmal (BL 7a. io) darin vorhanden. Sonst ist 
nur zu bemerken, daß in diesen Blättern ein fehlerhaft gegossenes O, bei 
dem die Konturlinie unten unterbrochen ist, dreimal, und davon zweimal 
auf derselben Seite vorkommt Der Fehler muß also schon in der Matrize 
gelegen haben. 

Eine zweite Form der Type bieten die Fragmente von Braunau (Abb. 17,18) und 
von Dresden (Abb. 19, 22). Ihre Übereinstimmung ist deshalb besonders bemer¬ 
kenswert, weil diese beiden Ausgaben der Anordnung nach ja zu verschiedenen 
Gruppen gehören. Sie weichen außerdem auch darin voneinander ab, daß das 
Braunauer Fragment im Gegensatz zu allen anderen erheblich breitere Ränder 
aufweist Der Satzspiegel (99X73 mm bei 14 Textzeilen) ist zwar bei allen 
auf uns gekommenen Blättern der gleiche, während aber die Blattgröße bei 
allen anderen Abdrucken nur um wenige Millimeter größer ist, beträgt sie 
bei dem Braunauer Blatte 130X82 mm. Die Type macht in diesen Bruch¬ 
stücken entschieden einen frischeren, schärferen Eindruck, als in den Lon¬ 
doner Fragmenten; die Minuskeln scheinen aber dieselben zu sein wie dort, 
nur kommt ein verstümmeltes h auf den zwei Blättern nicht vor. Dagegen 
enthält die Type ein paar neue Elemente. In dem Worte pilatus bietet das 
Braunauer Fragment die lateinische Abbreviatur für us (9) und einmal ver¬ 
wendet es in dem durch Zeilenschluß getrennten Worte ihe||su ein Apostroph¬ 
ähnliches Zeichen als Divis. Als Interpunktion oder Zeilenfüllung — der 
Zeilenschluß ist im allgemeinen etwas besser, als in den Londoner Bruch¬ 
stücken — dient anscheinend nur der Doppelpunkt, der gelegentlich sogar 
zweimal nebeneinander gesetzt wird. Endlich aber hat die Type eine neue 
Form des O, der einzigen Majuskel, die darin vorkommt Dies neue O ist 
zwar ähnlich in die Breite gezogen wie das alte, hat aber eckigere Formen, 
und die Konturlinie weist rechts unten einen winkligen Bruch auf, der der 
alten Form fehlt 

Erheblich größer ist der Unterschied, den die Schrift in den andern vier 
Blättern (Bl. Ia, 5a, 5b, 9a) der Freuden Mariä aufweist (s. Abb. 9). Die Type 
muß hier mindestens einen partiellen Neuguß erfahren haben. Das a hat an 
Stelle seiner Spitze einen flacheren Bogen erhalten, das Öhr des e ist kürzer 
geworden, der Querstrich des f ist links fast ganz verschwunden, und das i 
hat jetzt einen höher stehenden deutlich nach unten offenen Bogen. Auch 
das e hat eine neue, durch ihr unverhältnismäßig großes Öhr auffallende 


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Form. Als Interpunktion resp. Zeilenfüllung — der Zeilenschluß ist auffallend 
schlecht — dient aber nur ein einfacher, nach rechts abfallender Punkt, von 
dem ein sehr mannigfaltiger Gebrauch gemacht wird. Einmal werden die 
Buchstaben des Wortes amen durch Punkte getrennt, andere Male werden 2, 
3, selbst 4 Punkte nebeneinander gesetzt, dabei aber stehen diese manchmal 
auch noch absichtlich in verschiedener Höhe. Von Majuskeln werden in den 
vier Blättern J und O gebraucht Ersteres stimmt genau mit der Form der 
Londoner Fragmente und der Pfistertype überein. Das O aber ist aus einer 
neuen Matrize gegossen, denn es kommt nicht weniger als siebenmal in der 
gleichen Gestalt vor. Die Form hat mit den Dresdner und Braunauer Blättern 
die gebrochene Konturlinie gemein, es ist aber mehr zusammengedrängt und 
links oben geschlossen, während es bei jenen an dieser Stelle noch offen war. 

Abermals und zwar sehr wesentlich verändert finden wir die Type in der 
Münchener Ausgabe des Leidens Christi (s.Abb.5,6). Im allgemeinen haben die 
Minuskeln die Formen, die uns aus den zuletzt besprochenen Blättern der 
Freuden Mariä geläufig sind, nur findet sich hier das e mit dem großen Öhr, 
das wir bisher nur aus der Abbreviatur e kannten, auch als einzelner Buch¬ 
stabe außerordentlich häufig, allein auf Bl. 2 a nicht weniger als achtmal 
vor. Zwischen beiden Drucken liegt aber insofern ein gewaltiger Unterschied, 
als die Type des Leidens Christi das Gutenbergische System der Anschlu߬ 
buchstaben wieder aufleben läßt Aus diesem Grunde würde man unbedingt 
diese Münchener Ausgabe an die Spitze der ganzen Entwickelungsreihe stellen, 
wenn nicht der Zustand der Schrotplatten einen so unzweideutigen Beweis 
für das Gegenteil erbrächte. Ein paar angeschliffene Buchstaben kommen 
allerdings wohl auch schon in den Freuden Mariä vor. Da ein solcher aber 
sogar nach a (Bl. ib Z. 12: aus) steht so ist dort mindestens noch keine 
methodische Behandlung der Frage zu erkennen. Auch in den Leiden Christi 
ist das System nicht in vollem Umfange streng durchgeführt Es fehlen z. B. 
vor allem die Doppelformen für m, n und u. Dagegen ist der Gebrauch der 
Nebenform recht streng beobachtet bei i, o, r und t Die Nebenform des i 
muß unbedingt selbständig gegossen sein, denn sie ist länger als die Haupt¬ 
form; trotzdem aber kommen sowohl Haupt- als Nebenform mit und ohne 
Häkchen vor. Bei r kann die Anschlußform wohl durch Abschleifen ge¬ 
schaffen sein, wie das wohl sicher bei dem o geschehen ist Auch von t 
existiert eine Anschlußform; sie steht regelmäßig nach langem s, aber nur 
ausnahmsweise nach e, r oder t Eine Nebenform des h steht stets in der 
Verbindung ch; daß sie aber keine Ligatur ist ergibt sich daraus, daß sie 
auch nach der Majuskel C vorkommt Der merkwürdigste Buchstabe des 
Münchener Leiden Christi ist das u. Im Anlaut wird es fast immer durch v 
ersetzt aber eine eigendiche Hauptform mit ausgeprägtem Köpfchen, wie 
beim n scheint überhaupt nicht vorhanden gewesen zu sein. Nur selten 


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schneiden die beiden Vertikalstriche oben wagrecht ab, sonst sind sie fast 
immer nach rechts zugespitzt Diese Nebenform tritt aber mm nicht nur ein¬ 
fach, sondern auch mit zwei Strichen darüber auf, wie man sonst den Umlaut 
zu bezeichnen pflegt Bei Worten wie müter, das vielfach auch mueter ge¬ 
schrieben wird, könnte man denken, daß die Striche in der Tat für den Um¬ 
laut stehen. Da aber diese Form des u auch in Worten wie „du, czu, auff” 
vorkommt, so muß man sie tatsächlich als eine Form des u anerkennen. 

In den uns beschäftigenden Drucken kommt dieses u ausschließlich in dem 
Münchener Leiden Christi vor; selbst in den Freuden Mariä findet sich nicht 
ein einziges Beispiel davon. Dagegen kommt diese höchst ungewöhnliche 
Form noch in einem anderen Druckwerke vor, das dem Kreise des Leiden 
Christi völlig fern steht, für die Fragen aber, die uns hier beschäftigen, von 
der außerordentlichsten Bedeutung ist 

In den Hundert Kalender-Inkunabeln, die ich zusammen mit Paul Heitz 
herausgegeben habe (Straßburg 1905, gr. Fol.), ist als Nr. 2 ein Kalender auf 
das Jahr 1463 l ) abgebildet, der auf den Meridian von Wien berechnet und 
durchgängig mit einer altertümlichen Missaltype gedruckt ist. Auf den ersten 
Blick scheint sie mit der Type des Leiden Christi außer der Altertümlichkeit 
nicht viel gemeinsam zu haben. In dem Kalender sind Majuskel-Buchstaben 
reichlich verwendet, deren Formen sind aber durchgängig verschieden von 
denen, die in den älteren Ausgaben des Leiden Christi etwas zahlreicher 
Vorkommen. Dagegen fehlt dem Kalender das O, das fast allein in den 
jüngeren Ausgaben zur Verwendung gelangt Auch scheint nach dem Faksimile 
die Kegelhöhe der Schrift nicht unerheblich kleiner zu sein als in den Drucken. 
Unter den Gemeinbuchstaben dieses Kalenders taucht aber wiederholt das ü 
mit den zwei Strichen in der Bedeutung von u auf. Diese höchst imgewöhn¬ 
liche Erscheinung veranlaßte mich, in der Fürstl. Fürstenbergischen Bibliothek 
in Donaueschingen, die das einzige erhaltene Original dieses Kalenders ver¬ 
wahrt, anzufragen, ob etwa Original und Faksimile in der Größe voneinander 
abweichen. Die Antwort war, daß das Faksimile nicht unbeträchtlich verkleinert 
sei, und daß in dem Original die Kegelhöhe von 10 Zeilen ziemlich genau 
70 mm betrage, d. h. also vollkommen mit der Type des Leiden Christi 
übereinstimme. Endlich fand sich in dem letzteren bei dem Gebete zur Aus¬ 
gießung des heiligen Geistes auch noch ein Majuskel C und auch dieses war 
genau dasselbe, das auch in dem Kalender vorkommt Ein eingehender Ver¬ 
gleich der Gemeinbuchstaben brachte auch noch weitere übereinstimmende 
Besonderheiten zutage, von denen weiterhin die Rede sein wird, so daß 
endlich kein Zweifel darüber blieb, daß wir in dem Wiener Kalender eine 
durch zahlreiche Majuskelbuchstaben vervollständigte Probe derjenigen Abart 
der Schrift vor uns haben, mit der die Münchener Ausgabe vom Leiden 

l ) Die Unterschrift lautet irrtümlich 1469, im Texte ist aber richtig 146a gedruckt 


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Christi gedruckt ist. Ein Kalender auf das Jahr 14612 kann nun aber nicht wohl 
anders als 1461 oder ganz im Anfang von 1462 gedruckt sein, und da uns 
die verschiedenen Typenzustände in den Ausgaben des Leiden Christi zeigen, 
daß dessen Drucker anscheinend beständig an seinen Typen änderte, so müssen 
wir unbedingt annehmen, daß die Münchener Ausgabe annähernd gleich¬ 
zeitig mit dem Kalender, d. h. um 1461/62 entstanden sein wird. 

Bei dieser Beweisführung ist allerdings vorgreifend angenommen, daß die 
verschiedenen Ausgaben des Leiden Christi nicht in verschiedenen Werk¬ 
stätten gedruckt worden sind, sondern wenn sie auch vielleicht nicht alle von 
demselben Drucker herrühren, so doch mindestens alle aus einer Druckerei 
hervorgegangen sind, in der eine ununterbrochene Tradition lebendig gewesen 
ist Aber auch das scheint mir das eingehende Studium der Drucke zu beweisen. 

Daß die Metallplatten in allen bisher bekannt gewordenen Ausgaben die 
gleichen sind, würde zu einem vollgültigen Beweise noch nicht ausreichen, 
um so weniger, als wir feststellen mußten, daß die Platten wiederholt aufs 
neue montiert worden sind. Auch ist kaum anzunehmen, daß der Briefdrucker, 
der die alten einseitigen Abzüge hergestellt hat, notwendigerweise derselbe 
gewesen sein müsse wie der, von dem die Ausgaben mit beigedrucktem 
Texte herrühren. Daß im weiteren Verlaufe der Entwickelung Holzstöcke 
vielfach von einer Hand zur andern gewandert sind, ist nur allzu wohl be¬ 
kannt Dagegen darf man hinwiederum nicht außer acht lassen, daß die 
meisten Ausgaben des Leiden Christi der Zeit vor 1462 angehören, einer 
Zeit, in der es in ganz Deutschland noch kein halbes Dutzend verschiedener 
Druckwerkstätten gegeben hat Es müßte doch sehr merkwürdig zugegangen 
sein, wenn unter solchen Umständen mehrere verschiedene Drucker auf die 
Idee verfallen sein sollten, Ausgaben von dem Leiden Christi herzustellen, 
dabei alle miteinander ganz ähnliche, für das Format des Buches durchaus 
nicht besonders geeignete Schriften zu verwenden, und dazu einer von dem 
anderen dieselben Metallplatten mit den Spuren vielfachen früheren Ge¬ 
brauches erworben hätten. Die wiederholte Ab- und Neumontierung der 
Platten läßt sich hinlänglich mit der schon oben erwähnten Annahme er¬ 
klären, daß der Hersteller der Ausgaben ein wandernder Briefdrucker ge¬ 
wesen ist, der, um Umfang und Gewicht seines Gepäcks zu verringern, bei 
jedem Ortswechsel die Platten von ihren hölzernen Unterlagen heruntemahm, 
und sie dann natürlich für eine neue Ausgabe neu auf Holzblöcken be¬ 
festigen mußte. 

Zudem zeigen aber die Schriften der verschiedenen Drucke einen konti¬ 
nuierlichen Zusammenhang. Unter den 31 O in dem Münchener Leiden Christi 
kehrt viermal (BI. 2b Z. I und II, Bl. 6b Z. I und Bl. 14a Z. i) diejenige 
Form wieder, die in den mit der jüngeren Schriftform hergestellten Blättern 
der Sieben Freuden Mariä ausschließlich gebraucht wird. Auch finden sich 


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in den Freuden Mariä schon die ersten angeschliffenen Typen, d. h. also 
Versuche zur Bildung von Nebenformen. Diese Dinge scheinen doch ziemlich 
deutlich auf einen Zusammenhang hinzuweisen. 

Daß die beiden Teile der Freuden Mariä, deren einer die jüngere, der 
andere die ältere Form der Schrift aufweist, deshalb von verschiedenen 
Druckern hergestellt sein sollten, erscheint mir in hohem Grade unwahr¬ 
scheinlich. Es wird dies um so mehr durch den Umstand, daß das Majuskel .J 
der älteren Typenform auf Bl. ib noch zweimal in Verbindung mit der 
jüngeren Type verwendet wird. 

Aus den Braunauer Blättern, auf denen die jüngere Schriftform besonders 
scharf und frisch uns entgegentritt, und aus denen des Dresdener Kupfer¬ 
stichkabinetts, möchte man schließen, daß der Drucker, ehe er seine neuen 
Majuskeln endgültig gestaltete, verschiedene Versuche gemacht hat Das O hat 
hier eine Form, die weder mit der Schrift vom Leiden Christi, noch mit der 
in den entsprechenden Blättern der Freuden Mariä übereinstimmt 

Die Londoner Ausgaben endlich zeigen die Schrift ganz in demselben Zu¬ 
stande, wie die älteren Blätter der Freuden Mariä. Man muß deshalb wohl 
nicht nur für sie einen gemeinsamen Ursprung annehmen, sondern es wird 
auch zwischen all den verschiedenen Ausgaben kein großer zeitlicher Unter¬ 
schied bestanden haben, denn sonst könnten sich kaum in den Freuden Mariä 
die ältesten und die jüngsten Formen der Schrift so nahe berühren. 

Zu alledem kommen aber nun noch gewisse Eigentümlichkeiten in der 
Bildung der Gemeinbuchstaben hinzu, die allen diesen Schriftzuständen ge¬ 
meinsam sind. 

Für die deutschen Drucke, die mit der Type der 3özeiligen Bibel herge¬ 
stellt sind, hat Gutenberg ein w in der Weise geschaffen, daß er vor das v 
seiner lateinischen Type einen einfachen Vertikalstrich, resp. ein i ohne Punkt¬ 
häkchen gesetzt hat. Diese Buchstabenbildung ist aber bei ihm schon in der 
Matrize erfolgt, und sein w ist ein einheitlich gegossener, vollkommen ge¬ 
schlossener Buchstabe. Unter den zahlreichen formalen Eigentümlichkeiten, 
in denen die Type des Leidens Christi mit der Schrift der 36 zeitigen Bibel 
übereinstimmt, befindet sich mm auch dieses w, aber ob dies jemals wirklich 
als einheitliche Type aus einer Matrize gegossen worden ist, erscheint in 
hohem Grade fraglich. Es macht vielmehr durchaus den Eindrude, als ob hier 
das w regelmäßig aus zwei Lettern, einem v und einem punktlosen i zu¬ 
sammengesetzt sei. Abstand und Stellung des i-Striches zu dem v sind keines¬ 
wegs immer gleichmäßig, besonders in der Höhe des ersten Striches weichen 
die verschiedenen Abdrucke des Buchstabens unverkennbar voneinander ab. 
Und zwar geschieht das vollständig gleichmäßig durch alle Typenzustände 
hindurch von den ältesten Londoner Fragmenten bis zu dem Münchener 
Drucke, und ebenso in den Freuden Mariä und in dem Kalender für 1463. 


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VII 




matte a«b »»er Intteru wartet 
wta anotf ttta als tut ut act 
garte oltuett an pctrff aettt 
eti tjtmltfttjf uätcroUesmt 

flltflj in« oao er oett beleb a 
wer marter uou Dir ttrttt uui 
m folcbet augttmig pluertg 
Ituapo itaujelt Silber ber 
Uiß aettt bittere utacter uuo 
analte att uur uFttter an tot 
ett rotraett mtö gib uns ttat' 
tute lebe oaa ewig lebttt a 


Abb. 19 


Abb. 


tauber brrtbeftt (ritte wt' 
autplet nett tuolaeltu t etu 
irab gelegt tueraeu utta uo 
eu frataett pctlßgr uuö /( 
Iber tucraett utta aon am: 
ittent petftiet taeraeu petfu 
t taeraeu pey aettt grab ib 
5 e 4er gib mir aas »4 a«b 
egrab ftt »teuie beute uua 
ern atto putte aas üb aüb' 
wie; aus meutern beuten 
trlieteu tuttae luuaer aüb: 
ttett umette lobtu tu aer: 
tigen trtualtigöatt amen \ 


Abb. ai 


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Gö'Fglft 


Abb. 22 

deutsch, 4. Augabe, Dresden, Kupferstichkabinet 
a (4a) und 4b (5a) - unten Bl. 14a (13b) und 14b (14b) HARVARD UNIVERSITY 

















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Leiden Christi, deutsch, 5. Ausgabe, Oxford, Bodleian Library 
ül. 3 a (3 a) und 3 b (3 b) 






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Den unwiderleglichen Beweis für die behauptete Buchstabenbildung erbringt 
jedoch das Braunauer Fragment, denn hier findet sich auf Z. io der Vorder¬ 
seite in dem Worte „waldest* ein w, dessen Vorderstrich tatsächlich von 
einem i mit seinem Punkthäkchen gebildet wird. 

Das w ist aber nicht einmal der einzige Buchstabe, bei dem der Drucker 
solche Experimente gemacht hat Es ist eine Eigentümlichkeit der älteren 
Form unserer Schrift, daß alle die Buchstaben, die nur aus vertikalen Strichen 
zusammengesetzt sind — i, m, n, u — den Anschein erwecken, als wenn 
alle diese Striche ohne Verbindung nebeneinander hingestellt wären. Besonders 
auffällig wird das in den Fällen, wo eine Anzahl solcher Buchstaben neben¬ 
einander zu stehen kommen, wie jungem, verdamnus. Hier sind höchstens 
minimale Unterschiede in den Abständen wahrnehmbar, die darauf hindeuten, 
daß die betreffenden Buchstabengruppen nicht tatsächlich aus lauter einzelnen 
Strichlettem gebildet sind. Jedenfalls sind n und u, je zwei unverbunden 
nebeneinander stehende Striche, einander so ähnlich, daß auch der Drucker 
selbst sie oft nicht voneinander zu unterscheiden vermochte, und einen für 
den andern gebraucht hat Trotzdem ist aber wohl anzunehmen, daß n und u 
gegossene Buchstaben gewesen sind, die nur ursprünglich dadurch gebildet 
sind, daß ein und derselbe Strichstempel zweimal nebeneinander in die Matrize 
eingeschlagen worden ist Erst die jüngste Form der Type, wie sie im Münchener 
Leiden Christi vorliegt, hat diesen Tatbestand durch ihre besonderen u-Formen 
beseitigt 

Für das m hat die jüngere Typenform von den Dresdener und Braunauer 
Fragmenten an schon eine einheitliche Form besessen. Dagegen kann man 
in den ältesten Fragmenten unbedingt zweifeln, ob hier nicht auch das m, 
wie das w, aus zwei Lettern zusammengesetzt ist Jedenfalls ist die Stellung 
der drei Vertikalstriche zu einander durchaus nicht immer die gleiche, und 
der scheinbar von besonderer Letter abgedruckte Strich erscheint manchmal 
als erster (links) in anderen Fällen als dritter (rechts). In der Mitte allerdings 
tritt er nicht auf, so daß man also auch darin den Beweis für ein schon in 
dieser Schriftform aus einer Form gegossenes n finden kann. Ein deutlich 
aus zwei Typen zusammengesetztes m bietet uns aber der Kalender für 1462, 
der in den Aderlaßtagen des Mai in dem Worte „sampstag” einen i-Punkt 
über dem dritten m-Strich aufweist 

Einleuchtend ist darnach jedenfalls, daß diese eigenartige Behandlung der 
Buchstabenbildung eine weitgehende Übereinstimmung erkennen läßt mit dem, 
was wir bei der Type der italienischen Übersetzung des Leiden Christi beo¬ 
bachtet haben. Die Type selbst ist ja freilich eine völlig andere, wohl nach 
handschriftlicher Vorlage gestochene. Die Hilfsmittel aber, mit denen der 
Schriftgießer sich geholfen hat, um die notwendige Anzahl der Buchstaben¬ 
formen mit einer möglichst beschränkten Anzahl von Stempeln zu bestreiten 
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weisen eine unverkennbare Verwandtschaft mit der deutschen Type aut 
Dazu kommt weiter die auffallende Anordnung von Text und Abbildungen 
auf gesonderten Bogen, der mangelhafte Zeilenschluß, dem in dem italienischen, 
wie in den deutschen Texten durch das zum Teil direkt sinnwidrige Ein¬ 
setzen von Punkten abgeholfen wird, die gelegentlich sogar zwischen die ein¬ 
zelnen Buchstaben eines Wortes eingesetzt werden: alles höchst imgewöhnliche 
Erscheinungen, die in allen Ausgaben, deutschen und italienischen, wieder¬ 
kehren. Da nun die gemeinsame Verwendung der gleichen Schrotplatten an 
sich schon einen gewissen Zusammenhang der italienischen Ausgabe mit ihren 
deutschen Vorgängerinnen zur Voraussetzung hat, so wird man nach diesen 
weiteren Verwandtschaftsmerkmalen wohl darauf schließen dürfen, daß eine 
wirkliche Gemeinsamkeit des Ursprungs vorliegt 

Nach alledem dürften sich die Vorgänge wohl in der folgenden Weise ab¬ 
gespielt haben. Zu der Zeit als Gutenberg und seine Schüler ihre ersten 
Druckerzeugnisse in die Welt hinausschickten, befand sich ein wandernder 
Briefdrucker im Besitz der uns wohlbekannten Serie der zwanzig Schrot¬ 
blätter vom Leiden Christi. Sie waren vielleicht damals schon nicht mehr 
ganz neu, hatten vielleicht zuvor auch schon einem anderen Fachgenossen 
für eine Bilderserie gedient Sie waren aber im ganzen noch wohl erhalten 
und trugen nur geringe Spuren früheren Gebrauches in der Gestalt von 
Nagellöchem in ihrem äußeren Rande. Ihm kam dann der Gedanke, diese 
Abbildungen mit einem Texte zu versehen und mit ihnen ein Buch in der 
Art der neuen Erfindung herzustellen. Er muß selbst eine ganz gründliche 
Schulung in der neuen Kunst des Drückens mit beweglichen Typen durch¬ 
gemacht haben. Vor allem muß er das Stechen und Gießen von Typen ganz 
ordentlich verstanden und daran beinahe eine gewisse Freude gehabt haben, 
denn er hat seine Schriften zu wiederholten Malen umgegossen, und dabei 
fast immer auch gewisse Veränderungen an den einzelnen Buchstabenformen 
vorgenommen. Vielleicht wurde er zu dieser mehrfachen Erneuerung der 
Schrift dadurch gezwungen, daß die Metallmischung seiner Schriften zu wenig 
Härte hatte, so daß seine Lettern trotz einer bescheidenen Verwendung einer 
raschen Abnutzung verfielen. Vielleicht wirkten aber auch andere Ursachen 
zu diesen Umständen mit Unser Briefdrucker ist offenbar kein seßhafter 
Meister gewesen, sondern hat seinen Betrieb, wie das bei seinesgleichen üblich 
war, bald da bald dort ausgeübt Er scheint auch keinen sehr umfänglichen 
Apparat bei seinen Wanderungen mit sich geführt zu haben, den er scheint 
es als zweckmäßig empfunden zu haben, um der Ersparnis an Raum und 
Gewicht willen, bei dem Wechsel von einem Ort zum andern die Metall¬ 
platten von ihren Holzblöcken abzunehmen, obwohl das wiederholte Los¬ 
reißen und Aufnageln diesen durchaus nicht besonders bekömmlich war. 
Anfänglich haben sich seine Wanderungen sicher nur auf oberdeutschem 


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Gebiete erstreckt Die verschiedenen deutschen Ausgaben des Leiden Christi 
weisen untereinander mancherlei kleine Verschiedenheiten der Wortbehand¬ 
lung auf, aber der Lautbestand ist in allen oberdeutsch. Es ist durchaus nicht 
anzunehmen, daß unser Drucker nichts weiter zu drucken gewußt habe, als 
die Gebete vom Leiden Christi. Im Gegenteil beweisen die Sieben Freuden 
Mariä, daß er schon zu einer Zeit, die dem Drucke des Münchener Leidens 
vorausging, mindestens dieses zweite Buch zu drucken verstanden, und ihm 
einen bildlichen Schmuck in einer anderen Technik, nämlich im Holzschnitt 
zu geben vermocht hat Vielleicht hat er im Laufe der Jahre sich an immer 
weitere Aufgaben gewagt, denn um das Jahr 1461/63 hat er auch einen Elin¬ 
blattkalender herausgegeben, und da dessen Zeitangaben auf den Meridian 
von Wien berechnet sind, hat er sich offenbar um diese Zeit auf einer Wan¬ 
derung Donau abwärts befunden. Der Kalender zeigt uns, daß sein Typen¬ 
vorrat zu der Zeit durchaus nicht so beschränkt war, als man das nach dem 
Münchener Druck vom Leiden Christi annehmen könnte, denn er hat hier 
zu seinen weniger veränderten Gemeinbuchstaben ein vollkommen neues 
Alphabet von Majuskeln verwendet Während seine ältere Type sich an die 
Schrift der 36zeiligen Bibel anlehnt, haben für sein jüngeres Majuskel-Al¬ 
phabet die Buchstaben der 42 zeitigen Bibel zum Vorbild gedient, sind aber 
von ihm mit größerer Freiheit als bei seiner älteren Schrift gestaltet worden. 

In diesem Zusammenhang sind zwei Dinge besonders beachtenswert. Da 
der Kalender von 1462 die jüngste Form der Schrift unseres Druckers dar¬ 
stellt, so muß seine ganze frühere Entwickelung vor diesem Zeitpunkte ge¬ 
legen haben. Sie brauchte deshalb allerdings keine eine sehr lange Zeit um¬ 
fassende gewesen zu sein. Im Gegenteil, der Umstand, daß sich in den Sieben 
Freuden Mariä der älteste und der mittlere Zustand der Type mischen, und 
daß dieses Druckwerk uns zusammen mit dem Leiden Christi überliefert ist, 
das den jüngsten Zustand seiner Schrift aufweist, macht es wahrscheinlich, 
daß zwischen den verschiedenen Phasen seiner Druckertätigkeit keine er¬ 
hebliche Spanne von Zeit anzunehmen ist Anderseits deutet die zunehmende 
Mißhandlung der Bildplatten doch auch wieder darauf hin, daß die verschie¬ 
denen Ausgaben zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ent¬ 
standen sind. 

Nach dem Druck des Kalenders für 1462 und der ihm entsprechenden 
Münchener Ausgabe des Leidens Christi ist unser Drucker dann über die 
Alpen gewandert In einer Stadt zwischen der Poebene und dem Arno, aber 
offenbar nicht in einem Zentrum gewerblichen und wissenschaftlichen Lebens 
ist dann die italienische Ausgabe des Leidens Christi entstanden. Daß da¬ 
zwischen eine längere Zeit gelegen haben sollte, ist durchaus nicht wahr¬ 
scheinlich. Die höchst eigenartige Erscheinung, daß unser Drucker erst in der 
spätesten Periode seiner Tätigkeit auf deutschem Boden sich das Gutenbergische 


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System der Anschlußbuchstaben aneignet, dieses System aber auch bei der 
Gestaltung seiner italienischen Type beibehält, spricht unbedingt dafür, daß 
diese beiden Schöpfungen zeitlich nicht allzuweit auseinander gelegen haben. 
Selbst wenn das Leiden Christi nach dem um die Jahreswende 1461/62 ge¬ 
druckten Kalender entstanden ist, kann unser Drucker recht gut noch vor 
dem Ende des Jahres 1462 nach Italien gelangt sein. Unwahrscheinlich ist 
es jedenfalls, daß er, der sein Typenmaterial auch in seinem technisch-metho¬ 
dischen Teile vor 1461/62 so rasch gewechselt hat, dann Jahre lang an einem 
Prinzip der Schriftgestaltung festgehalten haben sollte, das ganz allgemein 
mehr und mehr zurückgedrängt wurde, und zu dem ihm aus den örtlichen 
Verhältnissen nicht die mindeste Anregung erwuchs. Ich bin überzeugt, daß 
auch die italienische Ausgabe des Leiden Christi nicht lange nach 1462 ent¬ 
standen ist Ich halte sie unbedingt für älter als die Drucke von Subiaco 9 
und bin überzeugt, daß sie nicht nur das älteste bis jetzt zum Vor¬ 
schein gekommene Druckwerk in italienischer Sprache, sondern 
auch das älteste auf italienischem Boden entstandene Druckwerk 
vorstellt 

Daß dieses erste Aufleuchten der neuen Kunst des Buchdrucks auf italie¬ 
nischem Boden in der Öffentlichkeit keine Beachtung gefunden hat, darf uns 
nicht wundem. Aus dem venetianischen Einfuhrverbot von 1441 und den 
Bologneser Dokumenten von 1446 l ) wissen wir doch, daß die italienischen 
Briefdrucker schon vor der Erfindung der Druckerkunst dazu übergegangen 
waren, neben den Bilderwerken auch kleinere Texte (donadi e psaltiri) mecha¬ 
nisch herzustellen. Wenn nun ein zugewanderter deutscher Fachgenosse die 
Gebete, die seine Bilder begleiteten, einmal in einer anderen als der ge¬ 
wohnten Technik des Holzschnitts herstellte, so war das kaum sehr geeignet, 
die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Das kleine Heftchen von ganzen 
17 Blättern wird unter der Menge gleichartiger Erzeugnisse, die auf den 
Markt geworfen wurden, um so weniger Beachtung gefunden haben, als seine 
Bilder erhebliche Defekte aufwiesen und seine drucktechnische Gestaltung 
durchaus nicht geeignet war, einen überwältigenden Eindruck zu machen. 
Das Werkchen war weder nach Umfang noch nach Inhalt dazu geeignet, 
dem Beschauer eine Vorstellung von den unermeßlichen Perspektiven zu 
eröffnen, die Gutenbergs Erfindung für die gesamte wissenschaftliche Welt 
bedeutete. Erst wir, die wir in mühseliger Forschung nachzuspüren bestrebt 
sind, wie sich die schwarze Kunst aus ihren ersten Anfängen herausgearbeitet 
und wie sie ihren Weg über den gesamten Erdball genommen hat, erst 
wir können ermessen, welche Bedeutung die imscheinbaren Bruchstücke be¬ 
sitzen für die Erkenntnis davon, daß auch nach Italien die Kunst des Buch- 

M Vergl. Haebler, Die deutschen Buchdrucker des XV. Jahrhunderts im Auslande 
(München 1925) S. 6 . 


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drucks nicht gleich in ihrer vollen Vollendung in denkwürdigen Erzeugnissen 
von kaum zu übertreffender Schönheit gekommen ist, sondern daß ihr auch 
jenseits der Alpen bescheidenere und unscheinbarere Versuche vorausge¬ 
gangen sind, deren historische Bedeutung erst eine späte Nachwelt in vollem 
Umfange zu würdigen vermocht hat Auch in Deutschland weiß die zeit¬ 
genössische Überlieferung nichts von den Kalendern, Donaten und Abla߬ 
briefen, die aus Gutenbergs Versuchs Werkstätten hervorgegangen sind; erst 
das große Werk des Bibeldruckes erregte soweit das öffentliche Interesse, 
daß die Zeitgenossen von ihm die Erfindung des Buchdrucks datierten. Da 
kann es uns nicht wundem, daß auch in Italien die Tat des unbedeutenden 
Briefdruckers, der zuerst den Text zu seinen frommen Bildern mit beweg¬ 
lichen Lettern setzte, den Eindruck auf die Allgemeinheit verfehlte, und daß 
man erst in den gelehrten Foliobänden, die aus der Druckerei von Subiaco 
hervorgingen, die Erstlinge des italienischen Buchdrucks erkennen wollte. 
Nach dem aber, was uns die bescheidene Tätigkeit desDruckers vom Leiden 
Christi verrät, müssen wir doch in ihm den Pionier anerkennen, der als 
erster die Erfindung Gutenbergs über die Alpen getragen hat 


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TABELLARISCHE ÜBERSICHT 
der erhaltenen Schrotblätter und Ausgaben des „Leiden Christi”. 

A. Einseitig bedruckte Schrotblätter. 

1. 18 Blatt in der Wiener Nationalbibliothek aus dem Stift Nonnberg in Salzburg. 
Reproduziert in F. M. Haberditzl, Die Einblattdrücke des XV. Jahrhunderts in der 
Kupferstichsammlung der Hofbibliothek zu Wien (Wien 1950. 2 °) Bd. II. Nr. 33—50. 

2. 13 (14) Blatt im Kupferstichkabinett in Berlin. Nicht reproduziert Vergl. Max 
Lehrs, Geschichte und kridscher Katalog des deutschen niederländischen und fran¬ 
zösischen Kupferstichs im XV. Jahrhundert. Bd. I (Wien 1908) S. 78, 80, 156,157. 

3. 3 Blatt in der Bibliotheque Nationale in Paris. Vergl. Eugene Dutuit, Manuel 
de l’amateur d*estampes. I. (Paris-Londres 1884) S. 37 mit zwei Reproduktionen in 
Kupferstich. 

4. 3 Blatt im Germanischen Museum in Nürnberg aus der Sammlung Weigel. 1 ) 
Nicht reproduziert 

5. 2 Blatt in der Guildhall Library, London. Reproduziert in Holzschnitte der Guild- 
hall-Bibliothek zu London (Graphische Gesellschaft XX. Veröffentlichung. Berlin 
1914. 2°.) Tat 18. 

6. 1 Blatt in der Bodleian Library, Oxford. Nicht reproduziert. W.L. Schreiber, Manuel 
de l’amateur de la gravure etc. (Berlin 1891—95) vol. III. Nr. 3376. 

7. I Blatt im Besitz von Mr. J. E. Scripps in Detroit, Michigan. Schreiber 1 . c. Nr. 3324. 

B. Ausgaben mit Text 

I. In deutscher Sprache. 

a) Text und Abbildung auf der Vorder- und Rückseite desselben Blattes. 

1. Ausgabe. Fragment von 8 Blatt im British Museum, London, aus der Samm¬ 
lung Weigel,*) entsprechend Bl. 10a, na, nb, I2b-i8b des Münchener Druckes. 
Vergl. Dodgson, Catalogue of early German and Flemish woodcuts... vol. I. p. 171K» 
Bd. 5 b (=M. 16a), reproduziert in Catalogue of early printed books in the British 
Museum. Vol. III (London 1913. 2°), pl. LXVI (s. Abb. 13,14). 

2. Ausgabe. Ein einzelnes Blatt im British Museum, London, gleichfalls aus der 
Weigelschen Sammlung, 1 ) entsprechend 13a und 14a des Münchener Druckes. Vergl. 
Dodgson, 1 . c. vol. I., p. 175 (s. Abb. 15,16). 

') Weigel, T. O. & C. Zestermann, Die Anfänge der Druckerkunst in Bild und Schrift (Leipzig 1866. 9 °.) 
Bd. EL S. 953. Nr. 340, 341* 

*) Weigel, T. O. & C. Zestermann 1 . c. Bd. IL S. 949—959. Nr. 338. 

•) Weigel, T. O. & C. Zestermann. S. 959. Nr. 339. 


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4. Ausgabe. 9 Blatt im Kupferstichkabinett in Dresden, entsprechend Bl. 4 a, 5 a, 
13 b und 14b des Münchener Druckes (s. Abb. 19—99). 

b) Text und Abbildungen auf besonderen Blättern. 

3. Ausgabe. I Blatt in der Dr. Ed. Langerschen Bibliothek in Braunau (Mähren), 
entsprechend Bl. 8b und 10a des Münchener Druckes (s. Abb. 17,18). 

5. Ausgabe (?) I Blatt in der Bodleian Library, Oxford, entsprechend Bl. 3a und 
3b des Münchener Druckes. Schreiber 1 . c. Nr. 9939 , 9943 (s. Abb. 93,94). 

6. Ausgabe. Der Münchener Druck, 90 Schrotblätter mit ebensoviel Seiten Text. 
Reproduziert sind Bl. ib und 9 a bei Stöger, Frz. Xav., Zwei der ältesten deutschen 
Druckdenkmäler (München 1833. 8°). Ta£ III, IV und Bl. 16 b und 17 a bei Muther, 
Rieh., Die deutsche BUcherillustration der Gothik und Frührenaissance. (München 
und Leipzig 1884. 9°.) Ta L I. (Vergl. Abb. 5-8.) 

II. In italienischer Sprache. 

7. Ausgabe. Die Rosenthalschen Fragmente, entsprechend Bl. 6a, 6b, 8a, 8b, 10a, 
19b, 14b, 16a, 16b, 18a, 90a, 90b und 9ia des Münchener Druckes (s. Abb. 1-4). 


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Dr. C. Wolf & Sohn, München 


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VERLAG JACQUES ROSENTHAL / MÜNCHEN 


APPENDICES 

ad 

HAINÜ-COPINGERI REPERTORIUM BIBLIOGRAPHICUM 

edidit 

DIETERICUS REICHLING 

6 Fasciculi, Indices, Supplementum. Lex.-8° 

Broschiert 75 Reichsmark 

Unentbehrliches Nachschlagewerk für die Inkunabelkunde 

LE BOCCACE DE MUNICH 

par 

LE COMTE PAUL DURRIEU 

Reproduktion der teilweise dem Jean Foucquet zugeschriebenen Miniaturen des be¬ 
rühmten Manuskripts der Bayer. Staatsbibliothek mit ausführlich beschreibendem 

und kritischem Text 
91 Abbildungen auf 58 Tafeln. Folio 
Auf Büttenpapier in Leinwandmappe 100 Reichsmark 
25 Exemplare auf japanischem Shizuoka-Bütten in Pergamentmappe 540 Reichsmark 

COLLECTANEA VARIAE DOCTRINAE 

LEONI S. OLSCHKI 

bibliopolae Florentino 
sexagenario 
obtulerunt 

L. Bertalot - G. Bertoni — W. Bombe — C. Frati — L. Frati 
V. Goldschmidt — G. Gronau — K. Haebler — Chr. Huelsen 
P. L. Öliger —R.Siliib — L.Sighinolfi — G.Vitaletti — K. Vossler 
Mit 8 Tafeln und vielen Textabbildungen. Lex.-8° 

Broschiert 17 Reichsmark 

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UNGARN BETREFFENDE IM AUSLAND GEDRUCKTE 
BÜCHER UND FLUGSCHRIFTEN 

Gesammelt und beschrieben von 

GRAF ALEXANDER APPONYI 

III. Band 

(Neue Sammlung, Band I) 

Herausgegeben von L. DEZSI 
VIII und 413 Seiten. Lex.-8°. Broschiert 70 Reichsmark 

Der vierte (letzte) Band befindet sich im Druck. 


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/ 


( 



VERLAG JACQUES ROSENTHAL / MÜNCHEN 


Neuerscheinung: 


BIBLIOTHECA 
MEDII AEVI MANUSCRIPTA 


PARS PRIMA 


Einhundert Handschriften des abendländischen Mittelalters 
vom neunten bis zum fünfzehnten Jahrhundert 
Mit einer Vorrede versehen von 
Dr. Ernst Schulz 


Mit einer Farbenlithographie, 30 Lichtdrucktafeln 
und vielen Text-Illustrationen. VIII, 106 Seiten 
Gr. 4. Buckramband mit Titelaufdruck. 15 RM. 


Der Bearbeiter, Dr. Emst Schulz, ein tüchtiger, scharfsinniger Historiker und 
Mittellateiner, von dem wir noch andere gute Leistungen erwarten können, 
verzeichnet die Wertstücke in einer dem heutigen Stande der Forschung 
angemessenen Weise.... Und mit der wissenschaftlichen Qualität des Inhalts 
stimmt die Ausstattung aufs beste überein. Der Besitz dieses Kataloges wird 
für jeden, Sammler wie Gelehrten, eine Freude sein. 


Professor Dr. Paul Lehmann. 


. . . diese Beigaben machen den Katalog zu einer Augenweide für den biblio¬ 
philen Feinschmecker wie für den wissenschaftlichen Paläographen. Den 
Wünschen beider kommt die ungewöhnliche Ausführlichkeit (nie Breite) in 
der Behandlung der Äußerlichkeiten und der Beschriftung entgegen. Alle 
nicht ganz bekannten Autoren und Werke werden dem Leser durch kurze 
von souveräner Stoffbeherrschung und seltenem Takt zeugende Charakte¬ 
ristiken ins Gedächtnis zurückgerufen oder seinem Gedächtnis näher ge¬ 
bracht. Der Katalog ist in allen Teilen mit gleichmäßiger, vollkommener 
Sachkunde, mit absoluter Zuverläßigkeit gearbeitet. 


Dr. Ludwig Bertalot. 


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BEITRAGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN 

AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 

NEUE FOLGE 

II 


VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1929 


lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllillllliiliillllllllllilllllillüllllllllllllriT 


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HAEBLER, Konrad. Die Wiegendrucke von Albi . Seite i 

ROSENTHAL, Erwin. Casper, Ein Formschneider des 

XV. Jahrhunderts . Seite 13 

STANGE, Alfred. Eine oberrheinische Handschrift aus der 

Mitte des XV. Jahrhunderts. Seite 25 

BERTALOT, Ludwig. Die älteste Briefsammlung des Gaspa¬ 
rinus Barzizza . Seite 39 















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BEITRÄGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN 

AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES, ROSENTHAL 

NEUE FOLGE 


VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1929 


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Munich 1929 



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DIE WIEGENDRUCKE VON ALBI 

VON KONRAD HAEBLER 

HERRN HOFANTIQUAR JACQUES ROSENTHAL 
DEM EIFRIGEN N U M EIS T E R-F O RS C H E R 
ZU SEINEM 75. GEBURTSTAGE 
IN HOCHACHTUNG UND FREUNDSCHAFT 
DARGEBRACHT 

I n dem ersten Bande seiner Antiquites typographiques de la France, der den 
Untertitel trägt: Origines de rimprimerie ä Albi en Languedoc (1480—1484). 
Les peregrinations de J. Numeister 8 c c. (Paris 1880) hat Anatole Claudin den 
Nachweis erbracht, daß die Meditationes des Johannes de Turrecremata, die 
nach der Unterschrift zu Albi am 17. November 1481 vollendet wurden, von 
Johann Numeister gedruckt worden sind. Er stützt seine Beweisführung einer¬ 
seits darauf, daß die in einer sehr ungewöhnlichen Technik ausgeführten 
Metallschnitte dieses Buches vollkommen identisch sind mit denen einer an¬ 
deren Ausgabe desselben Werkes, deren Unterschrift besagt, daß sie am 3. Sep¬ 
tember 1479 durch Johannem Numeister clericum maguntinum her^estellt ist, 
anderseits darauf, daß Johann Numeister in den Akten der Stadt Lyon, in 
denen er von 1483 bis ca. 1531? nachweisbar ist, besonders am Anfang wieder¬ 
holt als maitre Jean dAlbi bezeichnet wird, und daß er in dieser Stadt ein 
Breviarium Viennense herausgebracht hat, an dessen Ende es heißt: Impres¬ 
sum Lugduni per magistrum Johannem meunister (m und n haben aus Ver¬ 
sehen ihre Plätze vertauscht) de maguncia dictum Albi. Darnach konnte es 
als gesichert gelten, daß Johann Numeister, den man als Drucker in Foligno 
(1470—73), in Mainz (1479) und von 1487 ab in Lyon 1 ) kannte, im Jahre 1481 
in Albi im Languedoc gedruckt hatte. 

Die Meditationes von Albi 1481 sind mit einer einzigen mittelgroßen gotischen 
Type gedruckt, die keine besondere Eigenart verrät Sie gehört einer Familie 
an, die weite Verbreitung auch in Italien, Frankreich und Spanien gefunden 
hat Sie scheint aber von keinem anderen Drucker ganz mit den gleichen 
Formen wie von Numeister verwendet worden zu sein. Man darf deshalb an¬ 
nehmen, daß auch ein paar andere Drucke, die ganz mit der gleichen Schrift 

l ) Claudin, Hist. gen. de rimprimerie T. III p. 356 sieht den vom 4. März 1483 (84) 
gedruckten Proces de Belial als seine Erstarbeit in Lyon an. Da das Buch aber keinen 
Druckort nennt und mit der Turrecremata-Type gedruckt ist nehme ich an, daß es 
noch aus Numeisters Werkstatt in Albi hervorgegangen ist. 

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ausgeführt sind, von Johann Numeister herrühren und wahrscheinlich von 
ihm in Albi hergestellt sind. Es sind dies vor allem ein Proces de Belial, ohne 
Ortsangabe und Druckemame, aber mit dem Datum des 3. März 1483, den 
Claudin in einer Privatsammlung in Amiens nachgewiesen hat und ein Cicero, 
Paradoxa, von dem eine Seite unter der Nummer 379 in den Woolley Photo- 
graphs reproduziert worden ist Da Numeister, als Jehan d’Alby, bereits 1485 
in Lyon nachgewiesen wird, so muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, 
daß er auch seine Turrecremata-Type nicht nur in Albi, sondern auch noch 
in Lyon verwendet hat Sicher hat er dies mit einer anderen Gruppe von 
Typen getan. Es existiert nämlich in der Bibliotheque Mazarine in Paris ein 
Missale Romanum mit der Schlußschrift: Ordo libri missalis secundum usum 
Romanae ecclesiae impressus albie finis feliciter. Daß wir auch in diesem 
Drucke eine Arbeit des Johann Numeister zu erblicken haben, geht daraus 
hervor, daß ganz mit dem gleichen Druckmateriale im Jahre 1487 ein Missale 
Lugdunense erschienen ist, als dessen Urheber mit aller Deutlichkeit magister 
Johannes alemanus de magontia bezeichnet wird, der kein anderer als unser 
Johann Numeister gewesen sein kann. 

Damit ist aber noch immer die Zahl der Frühdrucke von Albi nicht er- 
erschöpft In der am Eingänge erwähnten Schrift hat Claudin auf zwei weitere 
Erzeugnisse hingewiesen, die nach ihren Schlußschriften in Albi entstanden 
sind. Es ist dies eine Epistola Enee Silvii de amoris remedio und eine Historia 
septem sapientium. Während aber alle zuvor erwähnten Drucke mit gotischen 
Schriften • gesetzt waren, sind diese beiden Werke mit einer mittelgroßen 
Antiquaschrift hergestellt, die nach einzelnen in charakteristischer Weise ge¬ 
stalteten Buchstaben unschwer von anderen ähnlichen Schriften zu unter¬ 
scheiden ist Beide Drucke nennen weder den Namen des Druckers noch geben 
sie die Zeit ihrer Entstehung an. Da man aber in Albi von keinem anderen 
Drucker als Johann Numeister wußte, so glaubte Claudin auch diese Drucke 
ohne weiteres für Numeister, der ja in Foligno auch schon mit einer Antiqua 
gedruckt hatte, in Anspruch nehmen zu dürfen, und setzte ihre Entstehung 
unmittelbar vor dem Drucke des Turrecremata, also um 1480/81 an. 

Diese Ausführungen von Claudin fanden zunächst allgemeine Anerkennung. 
Thierry Poux reproduzierte auf Tafel XXVIII, 5.6. Proben des Turrecremata 
und des Aeneas Silvius als Drucke des Johann Numeister, und als Robert 
Proctor 1899 seinen Index of early printed books veröffentlichte, führte er 
als einzigen Drucker von Albi den Johann Numeister an, und zählte unter 
dessen Schriften als Type 3 auch die Antiqua der zuletzt erwähnten Drucke 
auf. Allerdings besaß damals das British Museum noch keinen Albi-Druck. 
Erst in seinem Supplement 1899 konnte Proctor unter no. 8755 A einen Cepolla, 
de contractibus — tatsächlich ist es vielmehr die mit dem gleichen Titel be- 
zeichnete Schrift des Jacobus de Erfordia — verzeichnen, der mit der Antiqua 


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von Albi gedruckt war. Dabei bemerkt er auf p. 13, daß eine Reihe juristischer 
Drucke in dieser Type auf Papier mit dem für Frankreich charakteristischen 
Wasserzeichen des gezähnten Rades gedruckt sind, und daß dazu auch eine 
Ausgabe der Decisiones rotae romanae gehöre, die er zunächst für den Drude 
eines ungenannten römischen Druckers gehalten und deshalb unter nr. 4005 
unter Rome, unknown printers aufgeführt hat In diesem Drucke trete neben 
der Antiqua noch eine eigenartige gotische Auszeichnungsschrift auf. Aber 
auch diese Type wies er zunächst noch als Type 3* dem Johann Numeister 
zu. Erst in seinem Supplement 1900 kommt er auf p. 20 auf diesen Gegen¬ 
stand zurück und trennt die Antiqua-Drucke von dem Numeisterschen Werke 
ab. Die Veranlassung dazu gab ihm jedenfalls das Erscheinen von Bd. I des 
Catalogue general des incunables des biblioth&ques publiques de France von 
MUe Pellechet Darin wird nämlich unter nr. 1889 ein Bartholomaeus Pisanus 
de Sancto Concordio, Summa de casibus conscientiae aufgeführt, der zwar 
aller Druckangaben entbehrt, der aber mit der Antiqua-Schrift von Albi ge¬ 
setzt sein sollte. Bei der Aufzählung der Exemplare macht MUe Pellechet die 
Bemerkung, daß ein Exemplar in Verdun einen Rubrikationsvermerk von 
1478 trage. Da sich diese Jahrzahl nicht wohl mit dem vereinigen ließ, was 
man von Numeisters Tätigkeit in Albi wußte, bildete Proctor in seiner vor¬ 
sichtigen Weise aus den Antiqua-Drucken eine besondere Gruppe, die er 
einem Vorläufer des Johann Numeister zusprach, für den er die Bezeichnung 
„Drucker des Aeneas Silvius“ einführte. Auf diesem Standpunkte ist die 
Forschung bis zum heutigen Tage stehen geblieben, ohne daß sich jemand 
veranlaßt gefühlt hätte, auf Grund aU der neu ermittelten Tatsachen eine 
erschöpfende Untersuchung darüber anzustellen, ob wirklich die Antiqua- 
Drucke von Albi einem besonderen Buchdrucker zugeschrieben werden müssen, 
oder ob sie sich etwa doch mit der Tätigkeit des Johann Numeister in dieser 
Stadt in Verbindung bringen lassen. 

Über die Lebensgeschichte des Johann Numeister sind in den letzten Jahren 
ein paar neue Funde gemacht worden, die zwar auf seine Tätigkeit in Albi 
kein neues Licht werfen, für die Gesamtcharakteristik der Persönlichkeit aber 
von wesentlicher Bedeutung sind. Bekanntlich ist sein erster Druck ein Leo- 
nardus Aretinus, De bello italico adversus gothos (Hain 1558), dessen Unter¬ 
schrift besagt: Hunc libellum Emilianus de Ursinis Fulginas et Johannes 
Numeister theutunicus eiusque socii feliciter impresserunt Fulginei in domo 
eiusdem Emiliani anno domini millesimoquadringentesimoseptuagesimo feli¬ 
citer. Ein zweiter Druck derselben Werkstätte, die Epistolae familiäres des 
Cicero (Hain 5160), trägt zwar keine Jahrzahl, ist aber in seiner metrischen 
Unterschrift noch ausführlicher, als der Aretinus. Sie lautet: 

Emilianus auctor Fulginas: et fratres una 

Ingenio prestante viri. Numeister et auctor 

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Johannes Almanus recte qui plura peregit, 

Tulli ducenta nuper pressere Volumina recte, 

Que viserat probus episcopus Aleriensis. 

Fulginei acta vides, et laribus Emiliani. 

Die hier erwähnten Ursini gehörten nicht dem berühmten römischen Ge- 
schlechte der Orsini an, sondern hießen in Wirklichkeit Orfini oder Orphini, 
und waren ein ansehnliches Patriziergeschlecht von Foligno. Die näheren 
Umstände der Druckergesellschaft zwischen Johann Numeister und den Brüdern 
Orphini sind nicht bekannt Emiliano de Orfinis war Goldschmied und später 
Münzmeister in Rom und da die Druckerei in seinem Hause eingerichtet 
wurde, so ist wahrscheinlich er es gewesen, der dem Unternehmen den finan¬ 
ziellen Rückhalt gewährte. Diese Annahme wird bekräftigt durch eine Urkunde 
vom 15. Dezember 147o, 1 ) aus der hervorgeht, daß Mariotto di Pier Matteo 
de Orfinis zugleich im Namen seines Bruders Emiliano zu Foligno von Pier 
Francesco di Nicola und Teodoro Florii einen Posten von 80 Ries Papier 
zum Preise von 32 bolognini für das Ries und zwar zum Zwecke des Buch¬ 
drucks — pro libris imprimendis seu scribendis cum formis — gekauft hat, 
ohne daß dabei der Name des Johann Numeister auch nur erwähnt wird. 
Unmittelbare Belege für die Frage, wie lange dieses Zusammenarbeiten der 
Orfini mit Numeister angedauert hat, sind nicht überliefert. Man glaubte, 
es mindestens bis 1473 ansetzen zu dürfen, denn am II. April dieses Jahres 
erschien in Foligno die Erstausgabe der Divina Comedia des Dante (H. 5938) 
die abermals in einer metrischen Schlußschrift von ihrem Ursprung Nachricht 
gab. Diese besagt nämlich: 

Nel mille quattro cento septe et due 
Nel quarto mese a di cinque et sei 
Quest* opera gentile impressa fue. 

Io maestro Johanni Numeister opera dei 
Alla decta impressione e meco fue 
El fulginato Evangelista mei. 

Diese Schlußschrift und besonders deren letzte Zeilen haben zu sehr ver¬ 
schiedenen Vermutungen Anlaß gegeben. Die einen glaubten darin einen Be¬ 
weis für die Fortdauer der Verbindung Numeisters mit Emiliano de Orfinis 
zu finden, indem sie diesen als den Fulginato ansahen, und das evangelista 
mei dahin deuteten, daß Orfini der Verkünder des Ruhmes für den Drucker 
gewesen sei. Andere — und zu diesen gehörte Jacques Rosenthal — glaubten, 
daß der Fulginate Evangelista Mei ein neuer Genosse Numeisters gewesen 
sei, doch gelang es weder eine Familie Mei in den zeitgenössischen Urkunden 
nachzuweisen, noch ließ sich ein Evangelista ermitteln, der mit diesem Hin- 

*) Vergl. Valenti, Tom. GFinizi della tipografia degli Orfini in Foligno. In: La Biblio- 
filia vol. XXVII. (19*5/6) p. 348 ff. bes. p. 368 ff. 


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weise hätte gemeint sein können. Durch neue Funde 1 ) ist inzwischen diese 
Frage aufgeklärt Das „mei" steht in der Tat in dem Sinne, wie es die An¬ 
hänger der ersten Hypothese annahmen, als „mein“. Der Evangelista ist aber 
doch eine eigene Persönlichkeit, und zwar lautet sein voller Name Evangelista 
Angelini. Auch ist er nicht eigentlich Fulginate, sondern gehört einer Familie 
von Trevi an, hat aber zeitweise in Foligno gelebt Daß diese Persönlichkeit 
wirklich mit dem Evangelista mei gemeint sein muß, ergibt sich aus einigen 
neu entdeckten Urkunden. Evangelista Angelini hat offenbar für die neuer¬ 
fundene Kunst des Buchdrucks ein sehr lebhaftes Interesse besessen, denn er 
hat, als die Erstpresse von Trevi bei dem Weggange des Johannes Reinardi 
im Jahre 1471 aufgelöst wurde, eine Presse und Schriften im Gewichte von 
113 Pfund in seinen Besitz gebracht jedenfalls in der Absicht sich damit auch 
im Buchdrude zu versuchen. Das hat er dann offenbar in dem Dante von 
Foligno getan, in dessen Schlußschrift sein Name genannt wird. Ganz klar 
über seinen Anteil an dem Buche vermögen wir allerdings nicht zu sehen. 
Der Dante ist nämlich nicht mit den Typen der Presse von Trevi, sondern 
mit der Numeisterschen Foligno-Schrift ausgeführt Auch scheint Angelini bei 
dem Unternehmen nicht in dem Verhältnis eines Gesellschafters gestanden 
zu haben. Das kann man aus einer anderen neu aufgefundenen Urkunde er¬ 
schließen,*) in der dem Evangelista Angelini ein päpstlicher Schutzbrief gegen 
eventuelle Verfolgungen wegen Schulden erteilt wird. Angelini hatte nämlich 
in Foligno gegen Mariotto de Orfinis eine Bürgschaft für 50 Dukaten über¬ 
nommen, die dieser dem Johann Numeister vorgeschossen hatte. Eigentlich 
hatte Numeister ihm dafür 50 Exemplare seines Druckes als Sicherheit ab- 
liefem sollen, Numeister hatte aber weder die Schuld an Mariotto de Orfinis 
bezahlt, noch dem Angelini die versprochenen Bände geliefert, so daß der 
letztere ihn hatte in Schuldhaft setzen lassen. Darnach ist also offenbar weder 
Mariotto de Orfinis noch Evangelista Angelini an dem Drucke des Dante als 
Gesellschafter beteiligt gewesen, und Numeisters Anerkennung für Angelini 
in der Unterschrift erscheint in einem eigenartigen Lichte. Auch Numeister 
schließt dabei nicht gut ab, und es erscheint keineswegs ausgeschlossen, daß 
seine Beziehungen zu den Orfini nur deshalb nicht in der alten Weise fort¬ 
bestanden haben, weil sich auch da schon Unstimmigkeiten ergeben hatten. 
Sein Verhalten gegen Angelini zeugte jedenfalls von wenig Gewissenhaftig¬ 
keit, wenn es auch vielleicht — nach der Schlußschrift zu urteilen — mehr 
aus optimistischem Leichtsinn als aus böswilliger Absicht zu erklären ist 

Ich glaube nicht, daß Numeister nach diesen Vorgängen noch einmal dazu 

*) Valenti, Tom. Per la storia dell’arte della stampa in Italia. La piü antica Societä 
tipografica (Trevi-Umbria 1470). In: La Bibliofilia vol. XXVI (1904/5) P* 105ff. 

*) Valenti, Tom. Un documento decisivo per il „Dante” di Foligno (1473). In: La 
Bibliofilia, vol. XXVII. (1935/6) p. 131 ff. bes. p. 141 f. 


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gekommen ist, in Foligno zu drucken. Man glaubte, das annehmen zu müssen, 
auf Grund eines zweiten Cicero, Epistolae familiäres, den Reichling 1 ) in der 
Biblioteca Riccardiana zu Florenz gefunden hatte, mit der Unterschrift: M. 
T. Ciceronis Epistolarum ad Familiäres Über explicit MCCCCLXXim. Ful- 
ginei per Joannem Numeistier. Scholderer 2 ) hat aber nachgewiesen, daß es 
sich bei dem Bande der Riccardiana um ein Exemplar der früheren Ausgabe 
handelt, in dem einige Blätter, die abhanden gekommen waren, im XVIII. Jahr¬ 
hundert durch einen Nachdruck ersetzt worden sind, der die oben angeführte 
frei erfundene Druckangabe aufweist Wir sind also berechtigt, anzunehmen, 
daß Numeister Foligno ungefähr ebenso mittellos verlassen hat, als er dort 
eingetroffen war, und zwar dürfte das wohl im Herbste des Jahres 1473 ge¬ 
schehen sein, denn der Schutzbrief für Angelini, der die Tatsache seiner 
Verhaftung anführt, ist vom 8. Juni 1473 datiert Was zwischen diesen Dingen 
und seinem Auftreten in Mainz 1479 liegt, darüber fehlen uns alle dokumen¬ 
tarischen Nachweise. 

Ebenso wenig läßt es sich erweisen, daß er sich schon vor dem Druck 
der Meditationes des Johannes de Turrecremata in Albi befunden habe. 
Warum Claudin die beiden Antiqua-Drucke von Albi vor dem Turrecremata 
angesetzt hat, darüber gibt er keine Erklärung ab. Er ordnet sie aber zeitlich 
immittelbar neben dem Turrecremata d. h. ca. 1480/1 ein. Daß das letztere 
ein Irrtum war, wird die weitere Untersuchung ergeben; aber die Ansetzung 
vor dem Turrecremata war an sich richtig. Tatsächlich ist der Antiqua-Drucker 
von Albi bei weitem produktiver gewesen, als Claudin geahnt hat. Eis lassen 
sich ihm bis jetzt schon mindestens neun verschiedene Drucke nachweisen, 
und da er offenbar die Gewohnheit gehabt hat, seinen Arbeiten überhaupt 
keine, oder doch nur unvollkommene Ursprungszeugnisse mitzugeben, so 
steht zu erwarten, daß fernere Untersuchungen noch weitere Erzeugnisse 
seiner Pressen ans Licht bringen werden. Vorläufig setzt sein Werk sich aus 
folgenden Gruppen von Drucken zusammen. Zunächst sind da zu nennen 
die beiden schon von Claudin angeführten Drucke, die auch Albi als ihren 
Ursprungsort nennen: Aeneas Silvius, De remedio amoris und Historia septem 
sapientium. Der Aeneas Silvius ist nur in einem Exemplar in der Bibliotheque 
Mazarine in Paris erhalten. Von der Historia septem sapientium sind min¬ 
destens drei Exemplare nachweisbar: in Paris, Bibliotheque de TArsenal, in 
Kopenhagen, königliche Bibliothek, und in einer Privatbibliothek in Chambery. 
Das Exemplar der Arsenal-Bibliothek enthält sogar einen Besitzvermerk. Doch 
ist dieser undatiert und besagt nur, daß das Buch früher den Coelestinem 

*) Reichling, Appendices ad Hainii-Copingeri Repertorium bibliographicum. fase. IV 
p. 30. no. 1177. 

8 ) Scholderer, Vict. A supposed Foligno edition of 1474. In: The Library. Fourth 
Series. Vol. V. (1935) p. 169 f. 


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von Sens gehört hat Eine zweite Gruppe von Drucken der gleichen Werk¬ 
stätte weist Rob. Proctor nach. Zu dem in seinem Supplement 1899 ange¬ 
führten Cepolla fügt er im Supplement 1900 drei weitere Drucke hinzu: die 
Admonido de profectu animae und den Liber pastoralis des Gregorius Magnus 
im Bridsh Museum und einen Manipulus curatorum des Guido de Monte 
Rotherii in der Bodleiana in Oxford. Alle diese Werke haben keinerlei Druck¬ 
vermerk, auch ist mir nichts bekannt, daß sich in ihnen Provenienz-Angaben 
gefunden haben. Sie sind aber alle ausschließlich in der Antiqua von Albi 
gedruckt, und die Wasserzeichen ihres Papieres scheinen mit den Drucken 
übereinzustimmen, die Albi als ihren Ursprungsort nennen. Auffallenderweise 
unterläßt es Proctor an dieser Stelle die Decisiones rotae romanae zu er¬ 
wähnen, die er auf Grund ihrer Typen doch schon im Supplement 1899 den 
Albi-Drucken zugezählt hatte. Sie sind sogar eigentlich der interessanteste 
Druck der ganzen Gruppe, und dank der freundlichen Unterstützung von 
Dr. Vict Scholderer vom British Museum in London bin ich in der Lage, 
über ihn einige nähere Angaben machen zu können, Die Decisiones rotae 
romanae sind der einzige Druck, in dem neben der Antiqua, mit der auch 
hier der gesamte Text gesetzt ist, noch eine zweite Schrift zur Anwendung 
gelangt Zur Hervorhebung der Abschnitte dient nämlich eine mittelgroße 
Auszeichnungsschrift mit einem M49, in ihrem Stile ähnlich den Schriften, 
mit denen Peter Schenck und Caspar Ortwin in Vienne und in Lyon gedruckt 
haben, noch ähnlicher aber der Type, die Johann Besicken in Rom verwendet 
hat Letzterer Umstand ist jedenfalls der Anlaß dazu gewesen, daß Rob. 
Proctor in den Decisiones anfänglich das Erzeugnis einer römischen Druckerei 
vermutete. Wie bei den meisten Albi-Drucken ist auch in den Decisiones 
das Papier nicht einheitlich. Zumeist weist es allerdings das Wasserzeichen 
des gezähnten Rades auf, dessen Gebrauch anscheinend ganz auf französische 
Papierfabriken beschränkt ist Daneben kommen aber auch ein q, ein Ochsen¬ 
kopf und eine eigenartige Krone, aus der ein großer dreiteiliger Zweig hervor¬ 
wächst, als Wasserzeichen vor. Leider befindet sich das Buch in einem Maro¬ 
quinband des XVIII. Jahrhunderts. Wenn der ursprüngliche Einband frühere 
Besitzer hat erkennen lassen, so sind diese Spuren bei dem Umbinden zer¬ 
stört worden. 

Eine auffallende Unterlassungssünde haben sich Proctor, der sonst mit äußer¬ 
ster Gewissenhaftigkeit allen literarischen Spuren nachzugehen pflegt und alle 
späteren Bibliographen in diesem Zusammenhänge zuschulden kommen lassen. 
Unter der Nummer 1889 des Catalogue general des incunables, die Proctor 
zum Anlaß gedient hat die Antiqua-Drucke von Albi als besondere Gruppe 
zusammenzufassen, verweist Mlle. Pellechet auf einen von ihr verfaßten Artikel: 
Quelques hypotheses sur rimprimerie en Languedoc, der anscheinend voll¬ 
kommen unbeachtet geblieben ist Wahrscheinlich ist daran allerdings Mlle. 


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Pellechet selbst nicht ganz ohne Schuld. In dem Literaturverzeichnis des Cata- 
logue general findet sich nämlich die Angabe, der Artikel sei im Journal du 
libraire von 1893 erschienen. Ob eine solche Zeitschrift tatsächlich existiert, 
vermag ich nicht anzugeben. Auf meine Anfrage bei der Auskunftstelle in 
Berlin erhielt ich jedenfalls einen negativen Bescheid, und erst mit Hilfe des 
Gesamtkatalogs der Wiegendrucke war es zu ermitteln, daß der Aufsatz im 
Journal de Timprimerie et de la librairie, und zwar in der Chronique du 
Journal &c. 1893 p. I4ff. erschienen ist Er beschäftigt sich zunächst mit den 
Tumer-Hus-Typen von Toulouse und Lyon, bringt aber am Ende auch einen 
Hinweis auf einige Drucke, die in der Antiqua-Type von Albi hergestellt sind, 
und bildet von zweien derselben die Schlußseiten ab. Wir begegnen da zunächst 
dem auch von Proctor gefundenen Liber pastoralis des Gregorius Magnus, von 
dem Mlle. Pellechet (Cat. gen. 5387) noch vier Exemplare in Paris BN, Avignon, 
Chalons und Mende nach weist Weiter aber verzeichnet sie einen Joh. Andreae, 
Casus breves super decretalibus et Clementinis (Cat gen. no 674 in Le Mans 
und Mende), einen Isidorus, Soliloquia (in Mende und Grenoble), einen Nico¬ 
laus de Ausmo, Summa Pisanella (in Verdun), und als kostbarstes Stück und 
eigentlich geradezu epochemachende Entdeckung einen Angelus (de Gambi- 
lionibus) de Aretio (Cat gen. no. 1149 in Paris BN und Mende). Die eminente 
Bedeutung dieses Druckwerkes besteht darin, daß es, wie das von Mlle. Pellechet 
reproduzierte Kolophon ausweist, vom 15. April 1477 datiert ist. Es fehlen 
allerdings auch hier die Angaben über Druckort und Drucker, wir gewinnen 
aber damit ein unmittelbares Zeugnis für die Zeit, in der die Antiqua-Drucke 
von Albi entstanden sind, und Proctor hätte sie statt nach dem Rubrikations- 
vermerk von 1478 nach diesem Druckdatum noch um ein Jahr früher an¬ 
setzen müssen, wenn ihm der Artikel der Mlle. Pellechet nicht entgangen 
wäre. Sie selbst ist freilich auch nicht über die Bedeutung ihrer Funde klar ge¬ 
wesen. Im Catalogue general nämlich weist sie unbegreiflicherweise sowohl den 
Angelus de Aretio, als auch den Joh. Andreae, allerdings mit der Beifügung 
eines Fragezeichens, einer Presse des Johann Numeister in Toulouse zu, von 
der sonst nicht das geringste bekannt ist Zu allen diesen neuen Funden kommt 
mm noch hinzu der Baptista Pisanus de Sancto Concordio, Summa de casibus 
conscientiae, den Mlle. Pellechet im Catalogue general unter no. 1889 als einen 
Albidruck anzeigte. Er ist natürlich nichts anderes als der Druck, den sie in 
ihrem Artikel von 1893 als Nicolaus de Ausmo, Summa Pisanella bezeichnet 
hatte. Er ist wohl nicht nur der umfänglichste, sondern auch der am weitesten 
verbreitete Druck der ganzen Gruppe, denn Mlle. Pellechet konnte Exemplare 
davon in zwei Pariser Bibliotheken, in Albi selbst, in Auch, in Toulouse und 
in Verdun nachweisen, auch machte sie schon die Angabe, daß ein Exemplar 
von Verdun im Jahre 1478 rubriziert worden sei. Merkwürdigerweise ist nie¬ 
mand dieser wichtigen Angabe weiter nachgegangen, obwohl doch gerade sie 


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für Proctor den Anlaß geboten hatte, aus den Antiqua-Drucken von Albi eine 
besondere, von den Arbeiten Numeisters getrennte Gruppe zu bilden. Durch 
die Freundlichkeit des Mr. Baron Renault, Direktor der Bibliotheque Municipale 
und des Museums von Verdun bin ich in den Besitz einer Photographie dieser 
wichtigen Eintragung und von ergänzenden Notizen über das Buch gelangt. 
Zunächst war es ein Irrtum, daß Mlle. Pellechet der Bibliothek von Verdun den 
Besitz von zwei Exemplaren des Druckes zusprach. Es ist nur ein Exemplar dort 
vorhanden, das in einen unbedeutenden glatten Pergamentband gebunden ist. 
Glücklicherweise hat sich die Eintragung nicht in einem Buchdeckel befunden, 
sondern auf dem Schlußblatte des Druckes unmittelbar unter den letzten 
Worten der Tabula und dem Deo gracias. Da heißt es nun: Fuit rubricata 
presens tabula anno domini millesimo quadringentesimo septuagesimo octavo 
et die xx a mensis aprilis per me L. Decruce (?) notarium et presbiterum loci de 



cadalonhio. 1 ) Leider ist der Name nicht einwandfrei sicher zu stellen. Der geist¬ 
liche Notar hat seinen Namen der gerichtlichen Praxis gemäß zwischen zwei 
Parafen gesetzt und deren erste ist durch einen Tintenklex verunstaltet, der bis 
an den Namen heranreicht. Unter demselben steht noch ein weiteres Wort, das 
ich als Prop (= manu propria) lesen möchte, doch muß ich bekennen, daß mir 
die Namensfrage nicht mit Sicherheit lösbar zu sein scheint. Sie wird auch nicht 
gefördert durch eine zweite Unterschrift, die sich auf demselben Blatte etwas 
tiefer befindet Sie hat den zunächst etwas rätselhaften Inhalt: Kstf lkbfr frs 

l ) Cadalonhium ist wohl eher der schon im XII. Jahrh. erwähnte Flecken Cadalen, 
Dept. Tarn als eines der verschiedenen Chalons. Diese Annahme wird mir brieflich 
von Mr. Renault bestätigt. 


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dpm knk Mbthfk bpfrk prfsbktfrk lpck df cbdblhpnkp df prfsfntk hbbktbtprks 
cxk dfxs dft bpnbm xktbm ft lpngbm bmfn Mboerij Ita est Es ist eins jener 
kleinen kryptographischen Kunststücke, wie sie sich im ausgehenden Mittel- 
alter in Handschriften und gelegentlich auch noch in den Eintragungen in 
gedruckten Büchern finden. Hier besteht das Geheimnis darin, daß an Stelle 
der Vokale stets der darauffolgende Konsonant gesetzt ist Stellt man darnach 
die Vokale wieder her, so ergibt sich die Notiz: Iste über est domini Mathei 
boeri 1 ) presbiteri loci de cadalhonio de presenti habitatoris cui deus det bonam 
vitam et longam amen. 

Während der Bartholomaeus Pisanus von Verdun die Tätigkeit des An¬ 
tiqua-Druckers von Albi um mindestens drei Jahre vor den Drude des Turre- 
cremata durch Johann Numeister zurück verlegt, rückt ein anderes Exemplar 
die Entstehungszeit des Druckes fast um ebenso viele Jahre weiter in die 
Vergangenheit hinauf. Exemplare des Bartholomaeus Pisanus haben sich 
nämlich nicht nur in Frankreich erhalten. Auch das British Museum in 
London ist in den Besitz eines solchen gelangt, und zwei weitere Exemplare 
befinden sich in Deutschland: das eine in der Dombibliothek zu Freiburg i. B., 
das andere im Besitz des Herrn Jacques Rosenthal in München. Dieses letztere 
ist es, das uns durch einen weiteren handschriftlichen Eintrag belehrt, daß 
der Bartholomaeus Pisanus bereits im Jahre 1475 abgeschlossen vorlag. Auch 
dieses Exemplar befindet sich in einem weißen Pergamenteinband modernen 
Datums, ist aber vorzüglich erhalten und vollkommen vollständig. Auch hier 
ist das Papier, auf dem es gedruckt ist, nicht einheitlich. Allerdings weisen 
die meisten Bogen das Wasserzeichen der Schwurhand (la main qui benit) 
in den beiden charakteristischen Formen auf, die Claudin, Antiquites pl. XTV 
nach dem Aenas Silvius und nach der Historia septem sapientium abgebildet 
hat Daneben finden sich aber noch mehrere andere Wasserzeichen vor und 
zwar so, daß die betreffenden Bogen durch den ganzen Band hindurch, be¬ 
sonders aber gegen das Ende hin, zwischen die Schwurhandbogen verteilt 
sind. Außer einem stehenden Vierfüßler — es soll wohl ein Ochse sein — 
von 48 mm Höhe und 55 mm Länge treten noch zwei verschiedene Formen 
eines Ochsenkopfes auf von 50, resp. 60 mm Höhe, der zwischen den Hörnern 
eine Mondsichel trägt. Das Gebilde ist sehr reich an Linien und kommt oft 
nicht deutlich zur Gestaltung, so daß ich nicht anzugeben weiß, ob es sich 
nur um diese beiden Formen handelt Auch das gezähnte Rad scheint ein 
paarmal vorzukommen, doch ist diese Figur stets sehr undeutlich. Deutlicher 
sind dagegen zwei Formen eines dreiblättrigen Kleeblatts mit Stil von 36, 
resp. 45 mm. Es sind das also fast alles Wasserzeichen, die in anderen Drucken 

*) Der französische Name dieses Boerius wird wohl jedenfalls Bouyer gewesen sein, 
es ist mir aber nicht gelungen, einen Matthieu Bouyer aufzufinden oder ihn mit dem 
Drucker Jean Bouyer in Poitiers in Verbindung zu bringen. 


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der Antiqua-Gruppe von Albi ebenso wenig zu finden waren, wie in dem 
Numeisterschen Turrecremata. Auch hier befindet sich der handschriftliche 
Besitzvermerk auf dem letzten Blatte in der Hauptsache unter der ersten 
Spalte. Dort heißt es: Jste über est michi anthonio de fayeto de salemo 
claramontensis diocesis quem emi tholose In domo magistri glaudij durandj 
anno domini M°cccc mo septuagesimoquinto In presencia sociorum meorum 
videlicet magistri anthonii perrinj de montbrison magistrj ymbertj bennoti de 
lugduno magistri Johannis tubicensis de sant roma de tarn et fratris suj 
videlicet domini sacriste Vabrensis In dicta domo commorancium. Darunter 


manifefeis - 

Vfura quinto de feruitori 
bus et faütotibus et fami 
lia vfurarii« 

V fura fexto de reftitutio- 
nevfuramm 


Explicit fumma 015 
tabula didta de cafib3 
alias pifana* 

% 

DEO-GRACIAS- 


Übet 

Ort^ H ' 


zwischen zwei Parafen noch einmal der Name des Besitzers in französischer 
Form: Dufayet Diese Eintragung läßt keinen Zweifel darüber bestehen, daß 
die Anfänge des Buchdrucks in Albi mindestens bis in das Jahr 1475 zurück- 
reichen; da das Buch in diesem Jahre bereits auf dem Markte in Toulouse 
zu haben war, ist es möglicherweise sogar noch früher entstanden. Der Aeneas 
Silvius und die Historia septem sapientium dürften ihm zeitlich nahe stehen, 
da für diese drei Drucke in der Hauptsache das Papier mit der Schwurhand 
gedient hat Die Decisiones rotae Romanae sind dagegen wohl in einem 
größeren zeitlichen Abstande von den vorgenannten drei Drucken hergestellt, 
da der dazu verwendete Papiervorrat durchgängig aus anderen Quellen be¬ 
zogen worden zu sein scheint Da in diesem Drucke auch noch die sonst 
nirgends nachgewiesene gotische Auszeichnungsschrift verwendet wird, so 
dürften wohl die Decisiones das jüngste Erzeugnis dieser Presse gewesen sein. 


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Die Untersuchung ergibt also, daß die Druckerwerkstätte, aus der die Antiqua- 
Drucke von Albi hervorgegangen sind, keineswegs eine flüchtige Wanderpresse, 
sondern ein ganz ansehnliches Unternehmen gewesen ist, aus dem eine ganz 
erhebliche Anzahl von Druckwerken hervorgegangen ist Wenn sein Schriften¬ 
vorrat auch ein ziemlich beschränkter gewesen ist, so hat er ihm doch er¬ 
laubt, seine Tätigkeit über eine Reihe von Jahren (1475—77) fortzusetzen, ohne 
daß seine Typen wesentliche Spuren von Abnutzung erkennen lassen. Aller¬ 
dings hat sich sein Inhaber auf den reinen Schriftdruck beschränkt und hat 
seine Erzeugnisse, soweit wir bis jetzt wissen, weder mit Initialen noch mit 
Holzschnitten geschmückt In dieser Beschränkung aber können sich seine 
Leistungen vollkommen mit denen der gleichzeitigen anderen Drucker in 
Frankreich messen. 

Wie steht es nun aber mit der Urheberschaft des Johann Numeister an den 
Antiqua-Drucken von Albi? Wann Numeister aus der Schuldhaft wieder ent¬ 
lassen worden ist, in der er sich anscheinend noch im Juni 1473 befunden 
hat, und wohin er sich nach wieder erlangter Freiheit zunächst gewendet hat, 
dafür fehlt uns bis jetzt jeder Hinweis. Wir finden seine Spur erst im Jahre 
1479 wieder, wo er vermutlich in Mainz seine erste Ausgabe der Meditationes 
des Johannes de Turrecremata herstellte. Eine materielle Unmöglichkeit, daß 
er sich in der Zwischenzeit schon einmal in Albi als Drucker betätigt habe, 
liegt also nicht vor. Die Wahrscheinlichkeit, daß dies der Fall gewesen sei, 
ist aber außerordentlich gering. Es läßt sich weder zwischen seiner Foligno- 
Type und der Antiqua von Albi, noch zwischen der Auszeichnungsschrift der 
Decisiones und seiner Textschrift in den Meditationes von Albi irgend welche 
Verbindung hersteilen. Nicht nur die Druckschriften sondern auch die in den 
Drucken verwendeten Papiersorten sind, soweit bis jetzt unsere Nachrichten 
reichen, vollkommen voneinander verschieden. Es bleibt uns also vorläufig 
nichts anderes übrig, als an der Trennung der Gruppe der Antiqua-Drucke 
von dem Werke des Johann Numeister festzuhalten. Eines aber dürfte die 
Untersuchung einwandfrei festgestellt haben: Daß der Buchdruck in Albi nicht 
erst um 1480, wie Claudin annahm, auch nicht um 1478, wie man nach dem 
Bartholomaeus Pisanus von Verdun annehmen mußte, sondern bereits um das 
Jahr 1475 in Albi seinen Einzug gehalten hat, so daß diese Stadt unter den 
französischen Druckorten des XV. Jahrhunderts von dem neunten Platze, den sie 
bis jetzt einnahm, auf die dritte Stelle, unmittelbar nach Paris und Lyon, rückt 


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CASPER 

EIN FORMSCHNEIDER DES XV. JAHRHUNDERTS 

VON ERWIN ROSENTHAL 

PAUL KRISTELLER ZU GEEIGNE1 

N achdem Schreiber alle gegen Ende des XIX. Jahrhunderts erreichbaren 
Einzelholzschnitte in einem bibliographischen Sammelwerk großen Stils 
verzeichnet hatte, zeigte sich der weiteren Forschung die Notwendigkeit, mög¬ 
lichst bald das gesamte Material in Reproduktionen vorgelegt zu erhalten. 
Auch diese Forderung versuchte Schreiber selbst im Verein mit dem Verlag 
Heitz zu erfüllen. Freilich stellte sich heraus, daß das gewählte Reproduktions¬ 
verfahren den Ansprüchen der Einzelforschung nicht zu genügen vermochte. 
Mit vorbildlichen Wiedergaben trat erst die „Graphische Gesellschaft“ hervor. 
Ihr Leiter, Paul Kristeller, wurde bald zum Führer auf dem Forschungsgebiet 
des frühen Formschnitts. Er hatte erkannt, daß man nur Schritt für Schritt 
dem spröden Gebiet näherzukommen vermöchte und sich zunächst mit der Zu¬ 
sammenstellung stilistisch ähnlicher Blätter zu kleinen und kleinsten Gruppen 
begnügen müßte. In den letzten Jahren, seit Kristellers Absage an die Wissen¬ 
schaft, ist es wieder besonders still geworden. Wichtige Einzeluntersuchungen, 
welche seit etwa 19 IO erschienen sind, sind Wilhelm Molsdorf zu verdanken. 
Curt Glaser griff im Text zu einem schönen Abbildungswerk beachtlich in 
die Frage der Datierung frühester Schnitte ein. F. M. Haberditzl erschloß das 
reiche Material der Wiener Einblattholzschnitte in musterhaften bildlichen 
Wiedergaben, eingeleitet durch einen äußerst sorgfältigen kritischen Katalog. 

Wer die Klippen kennt, welche den Wegsucher durch das Gebiet der frühen 
Einzelschnitte bedrohen, wird auch heute noch jeden bescheidenen neuen 
Beitrag gerne entgegennehmen. Insbesondere muß man jedes Blatt will¬ 
kommen heißen, welches mit einem bestimmten Namen zu verbinden ist 
So ist es angenehm, zwei bisher unbekannte Blätter in die Wissenschaft ein¬ 
zuführen, deren eines einen Eigennamen trägt und deren zweites sich zwang¬ 
los als die Arbeit des gleichen Holzschneiders ergibt. 1 ) Der Name selbst ist 
nicht imbekannt Ein Reihe von Blättern, welche ihn tragen, sind uns erhalten 

*) Durch verspätete Drucklegung des vorliegenden längst abgeschlossenen Aufsatzes 
konnten die beiden im folgenden beschriebenen Blätter bereits durch Schreiber publi¬ 
ziert werden. Beide Schnitte gingen in den Besitz des amerikanischen Sammlers James 
C. Mc Guire in New-York über und erschienen kürzlich in der Veröffentlichung: Holz¬ 
schnitte, Schrotblätter und Teigdrucke des XV. Jahrhunderts der Sammlung James C. 
Mc Guire in New-York. Heitz LXV, Straßburg 1958. Herrn Professor Schreiber hatte 


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geblieben. Es scheint aber, als sollten wir auch da, wo der Forschung endlich 
Namen in die Hand gegeben werden, nicht zur Ruhe kommen; denn größer 
ist wohl in den letzten Jahren die Anzahl der Blätter geworden, welche den 
Namen Casper tragen, aber damit sind uns eher neue Zweifel gekommen 
über die Frage: Ist es der Name des Holzschneiders, oder der eines Werkstatt- 
vorstehers, wenn nicht gar ein Verlegemame? Denn nicht alle Schnitte würde 
man zunächst der gleichen Hand zuteilen. Freilich gebieten die Jahrzehnte, über 
welche sich offensichtlich Caspers Werk erstreckt, die Annahme einer stän¬ 
digen Entwicklung; der Stil Wechsel aber scheint uns nicht eindeutig im Sinne 
zeitlichen Weiterreifens faßbar. Hier, wie immer beim frühen Holzschnitt, 
wirken verwirrend besondere Voraussetzungen mit, so das Hereinragen von 
Vorbildern, das Weitertragen von Typen, die Anpassung an fremde Techniken. 

Neu aufgefunden sind zwei große, in den Maßen gleiche Schnitte, der eine 
den heiligen Florian, der andere den heiligen Wolf gang darstellend (Schnitt¬ 
größe je 25 : 16,5 cm). Der Florianschnitt (Tafel I) zeigt gegen den linken 
Unterrand den Namen: Casper. Der Wolfgangschnitt (Tafeln) ist unsigniert 
Die Druckfarbe ist beide Male grauschwarz, beim Florian vielfach als reines 
Schwarz erscheinend, beim Wolfgang durchgehender auf Grau gestellt. Das 
übereinstimmende Kolorit verteilt sich: 

a) bei Florian: Mantel, Nimbus, Dächer und Flammen lackrot; Rüstung, 
Haare, Faß, Gebäude, Brücke und Stab gelb; Rasen hellgrün, Fluß braun¬ 
grau, Mauer und Boden teile rosa; 

b) bei Wolfgang: Mantel, Inneres der Mütze, Teile am Bischofstab, Kirch¬ 
turm und Kissen lackrot; Kleid und Kissen grau. Untere Einfassung, Mantel¬ 
futter, Kirchturm und ein Stück der Schleifen am Halse grün. 

Der signierte Holzschnitt zeigt den heiligen Florian als schlanken jungen 
Mann, dessen graziler, in gotischer Rüstung steckender Körper vor eine groß 
umrissene Mantelfläche gestellt ist. Dieser dünne Körper und die geringe 
Festigkeit seines Stehens weisen auf einen Entwurf, welchen man in das 
zweite Drittel des XV. Jahrhunderts versetzen möchte. Die weiche Schnitt¬ 
technik spricht weiter für die Entstehung in der Zeit vor dem Buchholzschnitt 
Am fortgeschrittensten sind die großen scharfen Faltenlinien des Mantels, an 
welchem auch einige Schraffuren verwendet sind. Mit den sechziger Jahren 
wird man zunächst das Jahrzehnt der Entstehung festlegen können. 

ich von dem Inhalt des jetzt publizierten Aufsatzes Kenntnis gegeben und er war so 
freundlich, in seiner Notiz über den Florian-Schnitt bereits auf diese Studie hinzuweisen. 
In einer soeben erscheinenden, außerordentlich inhaltsreichen Arbeit „Die Einblattdrucke 
des Klosters Strahow in Prag“ (Mitteilgn. d. Ges. f. vervielfält. Kunst. Wien 1928) kam 
Dr. Kurt Rathe, welchem ich die beiden Schnitte gezeigt hatte, anmerkungsweise auf 
den Wolfgang-Schnitt zu sprechen. Herrn Dr. Rathe danke ich an dieser Stelle nochmals 
für freundliche Anregungen. Ebenso fühle ich mich Herrn Dr. Martin Weinberger für 
mündliche Mitteilungen dankbar verpflichtet. 


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Casper, Der heilige Florian (Originalgröße 35 : 16,5 cm). 


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Die enge Zusammengehörigkeit des Wolfgangschnittes mit dem Florian 
gibt sich sogleich kund. Wieder fällt rein technisch der flüssige Strich auf, 
welcher manchmal an- und abschwillt In der Zeichnung stimmen sodann die 
Gesichter, was die Bildung der Augen, der Nase und des Mundes betrifft, 
durchaus zusammen. Besonders kennzeichnend ist jeweils die weiche volle 
Lockenbildung. Weiterhin läßt sich der gleiche Künstler an den sicher greifen¬ 
den, einfach und klar gezeichneten Händen erkennen. Die Stadtkulisse des 
Florian und das Kirchenmodell des Wolfgang erweisen sich ebenfalls als 
Zeichnungen der gleichen Hand. Es steht also außer Zweifel, daß der aus 
dem gleichen Buch 1 ) wie der Florian stammende Wolfgangschnitt, der sich 
rein äußerlich in den Maßen und dem Kolorit als eng dazugehörig erwiesen 
hatte, ebenfalls ein Werk Caspers darstellt Wiederum spricht die Gesamt¬ 
haltung sowie der weiche Gewandstil für die „zweite Stilstufe" (Kristeller); 
am Mantel und in der unteren Partie des Kleides kommen dann wieder 
größere, eckig verlaufende Faltenstriche, welche das Ende dieser Stilstufe an¬ 
künden. Da es sich jedoch in beiden Schnitten nicht so um das Einsetzen 
des eckigen Zeichenstiles handelt, als um bestimmte Bildungen, welche — wo¬ 
von noch zu sprechen sein wird — aus den Niederlanden einströmen, möchte 
man mit der Datierung der beiden Schnitte den Beginn der sech¬ 
ziger Jahre nicht überschreiten. Diese Festlegung gewinnt an Glaubhaftig¬ 
keit, wenn man nun die weiteren Arbeiten Caspers betrachtet und von ihren 
zeitlichen Eigentümlichkeiten aus noch einmal auf den Stil der beiden neu¬ 
gewonnenen Schnitte zurückschließt 

Von diesen neuen Werken findet man am leichtesten den Anschluß an jenen 
großen Holzschnitt der Stigmatisation des heiligen Franziskus (Schreiber 
1423^)*) in der Bayerischen Staatsbibliothek, welcher auch Caspers Namen 
trägt Das Blatt befindet sich auf der Innenfläche des Rückdeckels eines Bre- 
viarium Romanum (Basel, 1493, Cop. II, 1303). Die Gesichtszeichnung des Hei¬ 
ligen (Tafel III) und seines Begleiters, des Bruders Leo, erinnert in ihrer ein¬ 
fachen, abkürzenden Weise an die des Florian und Wolfgang, ohne freilich 
durchaus übereinzustimmen. Überzeugender ist schon die für Casper so wich¬ 
tige zeichnerische Beherrschung der Hände. Die Rechte des Heiligen geht in 
ihrer sicheren Bildung der Finger, den geschickten Überschneidungen mit der 
Zeichnung der Hand Florians und Wolfgangs unmittelbar zusammen. In der 
Gewandzeichnung kennt man ebenfalls Casper sofort wieder, aber sie scheint 
zeitlich um ein weniges vorgerückter. Die hakigen Striche, die Eckigkeiten 


*) Die zwei Schnitte sind auf die Innenseiten gotischer Einbanddeckel geklebt. Es 
konnte festgestellt werden, daß sie eine Handschrift umschlossen; irgendwelcher Hin¬ 
weis für Zeit- und Ortsbestimmung konnte nicht gefunden werden. 

*) Abb. (und Beschreibung) in: G. Leidinger, Einzelholzschnitte d. I5.jahrh. i. d. 
Staatsbibliothek München, Heitz XXI, Tafel 33. 


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der Form nehmen zu, die Schraffen sind noch spärlich, aber nicht ohne Be¬ 
deutung. Das Blatt ist als künstlerische Leistung getadelt worden. Dies wird 
verständlidi gegenüber der spröden Landschaft mit den derben Tieren und 
den wenig sorgfältig durchgezeichneten Bauten; auch hier ist der Anschluß 
an den Florian zwanglos gegeben; mit Raum und Landschaft weiß Casper 
wenig zurechtzukommen. Um so stärker aber fallt die feine, edle Figur des 
Franziskus als eine meisterliche, selbständige Schöpfung auf. Wie beim Florian 
handelt es sich um eine sehr empfundene und frei gesehene Gestalt, wie 
sie, was vorausgenommen sein mag, im weiteren Werk Caspers nicht mehr 
Platz hat Damit wird aber auch ein allgemein zeitlicher Hinweis gewonnen; 
denn um 1480, wie man das Blatt ansetzen wollte, ist der Einzelholzschnitt 
weit weniger imstande, solche aus freier Anschauung heraus entwickelte 
Figuren zu zeichnen; da entwirft man einen Körper in viel festerer Ge¬ 
bundenheit an den Formalismus der Zeitform des späten Jahrhunderts. Die 
freie Franziskusfigur wird dagegen sofort verständlich, wenn man sie jetzt 
auch zeitlich nahe an den Florian heranrückt, der sich ihm in einzelnen 
Momenten als nahe verwandt erwiesen hat Die weiche Schnittechnik mit 
den teilweise schwellenden Strichen, die helle Druckfarbe und das Kolorit 
bleiben noch als übereinstimmend zu bestätigen. Die erwähnte Gewand¬ 
zeichnung scheint am ehesten für spätere Entstehung zu sprechen — doch 
wird man sich höchstens einen Abstand von ganz wenigen Jahren vorzu¬ 
stellen haben. Auf jeden Fall muß auch der große Franziskusschnitt 
noch in den sechziger Jahren entstanden sein. 

Eingeklebt in den Vorderdeckel der Folio-Inkunabel, welche rückwärts den 
Franziskus eingefügt enthält, befindet sich ein gleich großes Blatt mit der Dar¬ 
stellung Christi in der Kelter (Schreiber 841a). So sehr das gleiche Kolorit 
— nur ein Gelbbraun kommt neu hinzu — das gleiche Format und das Vor¬ 
handensein in ein und demselben Bande für die Zusammengehörigkeit spre¬ 
chen, so hat man doch aus Gründen der zeichnerischen Verschiedenheit dieses 
imsignierte Blatt (Tafel IV) nicht Casper zuzuweisen gewagt In der Tat fallt 
die Entscheidung schwer. Ergab sich zwischen dem Franziskus und den beiden 
neugefundenen Schnitten sofort eine Reihe verwandter Einzelheiten, so steht 
man jetzt vor einem durchaus anders gezeichneten Schnitt, welchem man nicht 
ohne Mühe einige verwandte Züge mit Caspers Werken abringen kann. Es finden 
sich Ähnlichkeiten in der Zeichnung der Gesichter; an der Hand Gottvaters fallt 
das gerundete Linienpaar auf, welches Handfläche und Finger trennt und das 
genau ebenso beim Franziskus zu beobachten ist; am Christuskörper zeigt sich 
eine eigenartige Vorliebe des Holzschneiders, kleine Längsstriche für Muskel¬ 
modellierung anzuwenden — eine Besonderheit, welche sehr verwandt auf dem 
später zu beschreibenden Dreieinigkeitsblatt Caspers in der Breslauer Bibliothek 
auftritt; auch die Zeichnung des Thorax, die Schattenangabe unter den Achseln 


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HARVA 





Tafel IV 



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stimmen in den beiden Christusdarstellungen überein. Trotzdem spricht das 
Trennende eindringlich. Was nun die Entscheidung für oder gegen Caspers Ur¬ 
heberschaft so sehr erschwert, das ist die Tatsache, daß der große Münchner 
Schnitt keine Eigenerfindung, keine reine Originalarbeit darstellt Die Typen 
und die Formen weisen ihn trotz der deutschen Texte unzweifelhaft als eine 
Kopie eines niederländischen Originals aus. Wie enge der Zeichner an diesem 
festgehalten hat, das möge eine Figur wie der Engel in der rechten Unter¬ 
ecke bezeugen, der wie die Kopie einer Figur aus der Apokalypsis anmutet 
Möchte man also gegen Caspers Urheberschaft einwenden, daß beispielsweise 
die vorzüglich gezeichneten Tiere nichts mit der wenig geschickten Tier¬ 
wiedergabe des Franziskus zu tun haben können, so bleibt sofort der Gegen¬ 
einwurf bereit: Hier handelt es sich um eigenes Können und Gestalten, dort 
jedoch um die Nachzeichnung eines formklaren niederländischen Vorbildes. 
Unter dieser Voraussetzung bleibt die Urheberschaft Caspers durchaus mög¬ 
lich. Sie gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn hier gleich gesagt wird, daß uns 
die Anlehnung an niederländische Vorbilder weiterhin im Werk Caspers be¬ 
schäftigen wird, daß er im Laufe der Entwicklung seine Technik unter neuen 
Anleihen bei jenen Mustern abwandelt, sie überhaupt völlig verwandelt Das 
niederländische Vorbild zu Christus in der Kelter gehörte, wie leicht zu sehen 
ist, der ersten Jahrhunderthälfte an. Da dieser Stil sicher übernommen wurde 
und nicht, wie sich in der Londoner Kreuzigung (vgl. S. 20) erweisen wird, in 
wesentlich spätere Formen umgegossen wurde, so wird die Entstehung des 
Schnittes wiederum im Frühwerk Caspers zu suchen sein. Man möchte auf 
das Datum um 1460 kommen und wäre nicht abgeneigt, ihm den bisher 
besprochenen drei Schnitten gegenüber den zeitlichen Vorrang zu geben. Man 
würde dann ein an den Niederlanden geschultes und enge an dem Vorbild 
haftendes Blatt den freien, 1 ) selbständigen Werken des Florian, Wolfgang und 
Franziskus vorausgehen lassen. Der Schnitt als solcher aber steht in einer 
Reihe deutscher Arbeiten, welche zu Beginn der sechziger Jahre niederländi¬ 
sches Gut verarbeiteten; man denke allein an die deutsche Apokalypsis-Aus¬ 
gabe, wo stilistische, besonders technische Einzelheiten auftreten, wie man sie 
gerade auch in der Gewandbehandlung des Franziskus- und Wolfgangschnittes 
Caspers bereits beobachten konnte. 

„Der ältesten Zeit des Buchholzschnittes” gehört nach den Worten Kristellers 
der große, Casper signierte Holzschnitt mit der Darstellung der Venus und 
eines knieenden Jünglings sowie der zahlreichen symbolisierten Schmerzen 
der Liebe an (Schreiber 1975 m), welcher sich seit einer Reihe von Jahren im 


*) Frei — trotz Zugehörigkeit an ikonographische Tradition. Gerade im Vergleich 
mit seinen uns erhaltenen Bruderschnitten gewinnt etwa der Wolfgang Caspers seine 
besondere Eigenart. 

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Kupferstichkabinett zu Berlin befindet (erworben 1908 von Jacques Rosenthal, 
München). 1 ) Nimmt man voraus, daß die grauschwarze Druckfarbe sowie die 
Kolorierung wieder genau mit den bisher besprochenen Schnitten überein¬ 
stimmen, so erkennt man auch in zeichnerischen Gepflogenheiten Caspers 
Hand, wenngleich dieses Werk technisch etwas sorgloser geschnitten erscheint 
als Wolfgang und Florian. Die Gesichtszeichnung ist wieder ähnlich schema¬ 
tisch — freilich nicht ganz so ausdrucksvoll, wie sie trotzdem bei den beiden 
Heiligen wirkte — wogegen man in der eine Lanze umgreifenden Hand der 
Venus die Begabung Caspers für die Zeichnung der Hände wiedererkennt 
Die starke Umrißführung des Aktes, die schematisch gezogene Linie, welche 
neben dem linken Kontur des Körpers entlangläuft, ebenso die einfachen 
Strichangaben am Bein und an den Armbiegungen lassen an die Behandlung 
des Christuskörpers auf dem Blatt „Christus in der Kelter” denken; und ins¬ 
besondere führen die summarischen, von Körperkenntnis zeugenden starken 
Umrisse zum Christus der Breslauer Trinitätsdarstellung hinüber, welche uns 
gleich beschäftigen wird. Das auf dem Franziskusblatt und dem Kelterschnitt 
beobachtete Linienpaar zwischen Handfläche und Fingern ist wieder bei des 
knieenden Jünglings rechter Hand zu finden. 

Beim Versuch, dies Venusblatt im Werke Caspers zeitlich festzulegen, bleibt 
vor allem die konventionelle spätgotische Schreitstellung der Venus dem 
früher anzusprechenden Standmotiv Florians gegenüber zu vermerken. So¬ 
dann bieten die sehr langgespitzten Schnabelschuhe einen gewissen Anhalt 
für den zeitlichen Ansatz. Man trifft diese Schuhtracht beispielsweise in der 
1467 datierten Fechthandschrift Thalhofers. Geht man noch von einem mo¬ 
tivisch ganz verwandten Holzschnitt, der neben den Pfau gestellten nackten 
Göttin im Ulmer Aesop aus, so zeigt sich die Caspersche Form entschieden 
altertümlicher, naturalistisch weniger entwickelt Man wird also die letzten 
sechziger Jahre, jedenfalls rund die Zeit um 1470 für die Entstehung 
festzuhalten haben, was mit Kristellers oben zitierter Datierung übereinstimmt 

Zwei im Originalformat monumental wirkende Blätter Caspers in der 
Universitätsbibliothek zu Breslau sind uns seit wenigen Jahren erst durch 
Wilhelm Molsdorf 2 ) bekannt gegeben worden: Die Darstellung des Papstes 
Sixtus IV. im Gebet, mit beigeschriebenem Ablaß und eine große Darstellung 

*) In einer sehr versteckten Veröffentlichung hat Dr. Karl Th. Parker überzeugend 
nachgewiesen, daß Urs Graf in seiner in Basel aufbewahrten Zeichnung einer Satire 
der Liebesschmerzen auf den Venus-Schnitt Caspers zurückgegriffen hat; vgl. Anz. f. 
Schweizerische Altertumskunde Neue Folge XXIV 1933, Zürich 1933. 

*) Zwei unbekannte Holzschnitte des Formschneiders Casper in der Breslauer Staats- 
u. Universitätsbibliothek. Aufsätze Fritz Milkau gewidmet. Leipzig 1931. - Die daselbst 
zum Abdruck gebrachten beiden Klischees wurden mir von der Fa. Karl W. Hiersemann 
in freundlichster Weise zur Verfügung gestellt, wofür ich auch an dieser Stelle meinen 
besten Dank zum Ausdruck, bringe. 


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Tafel VI 



Casper, Die Dreieinigkeit (Originalgröße 36,2:54,5 cm). 


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der Dreieinigkeit (Schreiber 1878 m und 736a). Die in sich gleichartig be¬ 
malten Schnitte (Tafel V, VI) stimmen wieder ganz mit dem Kolorit der uns 
bekannt gewordenen Casperblätter zusammen. Die Inkamatangabe ist leicht 
gelb-rötlich. Die greifende Hand der Maria auf dem Sixtusblatt, insbesondere 
aber die haltenden Hände Gottvaters auf der Dreieinigkeit verraten die Ur¬ 
heberschaft Caspers. Auch die betenden Hände des Papstes sind trotz ihrer 
wenig ausführlichen Zeichnung überzeugend gestaltet Das Gesicht des Papstes 
scheint differenzierter im Ausdruck als etwa das des heiligen Florian — man 
achte auf die mehr durchgezeichneten Augen — und ebenso ergibt sich im 
Stofflichen eine stärkere Durchbildung. Die auf dem Boden lagernden Stoff¬ 
teile des päpstlichen Mantels sind reicher beobachtet und plastischer gestaltet, 
als die Gewandstücke auf den Schnitten des Florian und des Wolfgang. Die 
Schraffenanwendung nimmt entsprechend zu, die eckigen, brüchigen Formen 
werden häufiger. (Man verfolge die Zeichnung der Ärmel des Papstkleides!) 
Der Dreieinigkeitsschnitt gibt wenig Gelegenheit zur Ausbreitung eines Mantels, 
doch ist es umso lehrreicher, die am Boden sich stauenden Stoffteile mit 
denen des Wolfgangkleides zu vergleichen; man trifft auch jetzt auf stärkere 
Differenziertheit, größeren Reichtum der Formen; der an sich sehr einfach 
gehaltene Thron Gottes bedeutet gleichfalls gegenüber dem Sitz des heiligen 
Wolfgang ein Hervortreten und Sichhäufen der einzelnen Formteile, welche 
durch Anwendung von Schraffierung — beim Wolfgang fehlte sie ganz — in 
der Plastik der Wirkung gesteigert werden. Hierzu stimmt die vielgliederige 
architekturale Rahmung, welche die Dreieinigkeitsdarstellung umschlossen hält 
Aus dem. bisherigen folgt bereits ohne weiteres, daß die Breslauer Schnitte 
einer späteren Entwicklungsphase Caspers angehören. Hierfür spricht mm noch 
besonders die Zeichnung des Kopfes Gottvaters mit der darunter fliegenden 
Taube. Sieht man recht zu, so scheint dieses Gesicht ganz fremd in der übrigen 
Zeichnung darin2ustehen. Wir können es auch aus dem Werk Caspers, wie 
wir es jetzt kennen lernten, nicht ableiten. Der zarte, mit feinen und sehr 
präzisen Strichen arbeitende Feinschnitt verleugnet seinen Ursprung nicht: 
Casper übernimmt hier skrupellos die Zeichenweise niederländischer Holz¬ 
schneider — nunmehr aber nicht mehr jener aus der Zeit der Apokalypsis, 
sondern einer vorgeschritteneren Stilstufe. Diese subtile Schnittweise, welche 
gleichmäßig dünne Striche für die Zeichnung verwendet und in dem klaren 
Gesamtcharakter des Strichgewebes bald nur von den venezianischen Beherr¬ 
schern des Holzschnitts gegen Ausgang des Jahrhunderts übertroffen wurde, 
zeigt sich beispielsweise in einem frühen Hauptmonument, der berühmten 
niederländischen Madonna des Berliner Kupferstichkabinetts (Schreiber 1108). 
Während die Engel, welche sie umfliegen, noch stark den Apokalypsestil zeigen 
und die Gewandzeichnung die ebenfalls aus diesem stammenden gehakten 
Striche zu besonderer Größe steigert, weisen die Gesichter von Mutter und 


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Kind, weisen Haare und Hände den neuen niederländischen Feinschnitt auf. 
In diesem um 1460 entstandenen Blatt scheidet sich also auch der Kopf der 
Hauptfigur technisch von der Gesamtbehandlung des Schnittes. Freilich steht 
das Madonnengesicht nicht so unvermittelt im übrigen, wie der Kopf Gott¬ 
vaters, da der Niederländer den Holzstock in allen Teilen sehr viel beherrschter, 
meisterlicher handhabt 

Der Stil, unter dessen Elinfluß Casper jetzt geraten ist, mag noch durch 
Nennung des Hieronymusholzschnittes in Paris (Schreiber 1549) oder die gleiche 
Darstellung im Domgymnasium zu Magdeburg (Schreiber 1527) illustriert 
werden. Mit dem Magdeburger Hieronymus zusammen fand man einen 
großen Holzschnitt der Heiligen Christophorus und Antonius, der sich auch 
als niederländisches Original dieser Gruppe ansprechen läßt (Schreiber 1379a). 
Hier haben wir nun einen Fall, wo wir auch gleich den deutschen Kopisten 
mit Namen zu nennen vermögen. Der von Ludwig, Maler zu Ulm, gefertigte 
Nachschnitt befindet sich in der Landesbibliothek zu Stuttgart und ist 1468 
datiert. Nehmen wir gleich dazu, daß Ludwig von Ulm ein niederländisches 
Blockbuch, die Ars Moriendi nachgeschnitten hat, so erscheint jetzt Casper als 
ein gleichzeitiger deutscher Holzschneider, welcher die vorbildlichen nieder¬ 
ländischen Arbeiten für seine Zwecke zu verwenden wußte. 

Aus dem uns nunmehr offenliegenden Werk Caspers ergibt sich, daß die 
beiden Breslauer Blätter ihrer stärkeren Weiterentwicklung wegen nicht mehr 
in die sechziger Jahre fallen können, in welche noch das eben zitierte Blatt 
Ludwigs gehört Ergab sich allenthalben ein wesentlicher Abstand, insbesondere 
von den Schnitten des Florian, Wolfgang und Franziskus, so kommt ein äußerer 
Anhalt der Datierung der Blätter entgegen. Sixtus IV. ist erst 1471 Papst ge¬ 
worden. Man hat außerdem den Inhalt des Ablaßgebetes zum Anlaß genom¬ 
men, die Entstehung des Holzschnitts frühestens 1476 anzusetzen. Mag der 
letztgenannte Grund stichhaltig sein oder nicht, wir haben nunmehr Casper 
hinlänglich kennengelemt, um zu wissen, daß der Sixtusschnitt sowie die 
Dreieinigkeitsdarstellung nicht anders als im Verlauf der siebziger Jahre 
entstanden sein können. 

Haben wir uns bereits daran gewöhnt, Casper nicht nur aus sich heraus, 
sondern unter Verwertung fremden Gutes arbeiten zu sehen, so stehen wir 
doch mit neuer Überraschung und Befremdung vor dem Kreuzigungsschnitt 
(Schreiber 943) des British Museum (Tafel VII). 1 ) Man darf getrost sagen, daß 
man ihn niemals Casper zugeschrieben hätte, wenn er nicht an auffälliger Stelle 
den Namen des Verfertigers trüge; denn man findet schlechterdings weder 
formal noch technisch eine Stütze für diese Zuschreibung. Ja, man beginnt am 
Namen selbst zu deuteln, indem er hier Caspar und nicht wie sonst Casper 

*) Herrn Campbell Dodgson danke ich an dieser Stelle für die Überlassung einiger 
noch unveröffentlichter Reproduktionen. 


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Tafel VII 





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Casper, Christus am Goldschmiedekreuz (Originalgröße 31:18,8 cm). 


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geschrieben ist — eine orthographische Schwankung, wie sie freilich in der 
Zeit durchaus bedeutungslos ist Es mag daher sogleich das große Blatt der 
Heiligen Anna Selbdritt aus dem Jahre 1494 herangezogen werden (Schrei¬ 
ber 1191), welches nicht minder fremd den bisher besprochenen Schnitten gegen¬ 
übersteht und welches wieder Casper signiert ist; der Schriftduktus des Namens 
stimmt hier insbesondere mit dem der Sixtussignatur überein (Tafel VIII). 
Gehen wir also lieber von diesem durch die richtige Namensnennung ausge¬ 
zeichneten und durch ein Datum zeitlich festgelegten Holzschnitt der heiligen 
Anna aus, um von hier wiederum die Erklärung für den befremdenden 
Kreuzigungsholzschnitt in London zu finden. Man bemüht sich vergebens, 
eine durchaus bestehende Verwandtschaft in der Zeichnung des Thrones der 
Anna mit dem Gottvaters vom Breslauer Blatt für die Notwendigkeit der 
Verfertigung von gleicher Hand heranzuziehen. Es bleibt an dem Annaschnitt 
wesentlich: der typische Formalismus der Holzschneider an der Jahrhundert¬ 
wende. Es gibt nur die Erklärung, daß Casper, der nunmehr, wo wir sein 
Frühwerk bis auf 1460 zurückverfolgen, als ein Mann von gut fünfzig Jahren, 
wollend oder gezwungen, den Formen und Formeln folgte, welche der Tag 
gebot. Wenn der Annaschnitt nichts mehr von den Eigenschaften aufweist, 
welche wir für Casper charakteristisch finden, wenn er uns so recht un¬ 
persönlich als einer jener vielen Schnitte der neunziger Jahre entgegentritt, 
welcher nicht mehr aus der Technik des Holzschneiders überhaupt geboren 
erscheint, der sich vielmehr in seinem malerisch fluktuierenden Schwarz-Weiß 
wie die Reproduktion eines gotischen Bildes oder einer gotischen Plastik 
darstellt — so muß nun einmal die Frage gestellt werden: Wie hätte das 
Publikum der Zeit die Schnitte entgegengenommen, welche den früheren 
Eigenschaften seiner Holzschnitte entsprochen hätten? Wenn wir recht sehen, 
so können wir nunmehr Casper als einen, wenn auch nicht der großen, so 
doch in ihren Anfängen starken, aber auch für die Zeitbedürfnisse klarsich¬ 
tigen Arbeiter erkennen, welcher die raschen Stilwandlungen des letzten 
Drittels des Jahrhunderts auf seine Weise mitmachte und sich dadurch er¬ 
klärlicherweise mit dem Spätwerk weit von den Grundlagen seiner früheren 
Werke entfernen mußte. 

Es ist sicher, daß die Kreuzigung in London näher an den Schnitt der 
heiligen Anna, als an die vorhergegangenen Blätter heranzurücken ist Die 
Behandlung des Christuskörpers, die vielfältigen Stoffstauungen, die reiche 
Schraffentechnik führen mindestens in die achtziger Jahre. Und wenn wir in 
der Hoffnung, wenigstens irgend ein Herkommen von den Breslauer Blättern 
erweisen zu können, getäuscht werden, so wird der Fall dadurch nur noch 
unklarer, daß sich der Kreuzigungsschnitt als eine ganz unselbständige 
Arbeit erweist Er ist in engem Anschluß an ein niederländisches Vorbild 
hergestellt. Ein solches ergibt sich zwanglos in dem niederländischen Holz- 


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schnitt 1 ) des British Museum (Schreiber 941), der spätestens wohl den sechziger 
Jahren angehört Zudem ist es sehr wahrscheinlich, daß ein Zwischenglied, eine 
noch genauer übereinstimmende Vorlage von Casper benutzt wurde; denn 
wir kennen heute einen weiteren großen Kreuzigungsschnitt, der, selbst nicht 
niederländisch, immittelbar auf ein solches Original zurückgeht und anderseits 
Einzelheiten aufweist, die im niederländischen Original des British Museum nicht, 
in dem Casper-Nachschnitt jedoch vorhanden sind. Dieses ebenfalls abgeleitete 
Blatt ist der Kreuzigungsschnitt des Firabet aus Rapperswil (Schreiber 942)/) 
Ist der Schweizer Nachschnitt das Werk eines sorgfältig arbeitenden, hervor¬ 
ragend geschulten Technikers, so bleibt die Kopie Caspers flüchtig und derb 
in der Ausführung. — Daß übrigens Casper den eigenen Namen auf seine 
Kopie setzte, spricht nicht etwa für moralische Minderwertigkeit Firabet tat, 
wie wir sehen, das gleiche und weiter oben wurde auf das Blatt des Ludwig 
von Ulm hingewiesen, welches er, obwohl es eine Kopie war, signierte. Es 
wird hiermit lediglich einem Brauch gefolgt, welcher dem Begriff des geistigen 
und künstlerischen Eigentums der Zeit entsprach. 

Am Ende der Betrachtung des Gesamtwerkes Caspers angelangt, bleibt man 
am wenigsten befriedigt von der Zugehörigkeit des Schnittes Christus in der 
Kelter und der Londoner Kreuzigung an seine ausführende Person. Mehr 
äußerliche Momente haben dazu gedrängt, den großen Kelterschnitt in sein 
Frühwerk einzureihen. Wie soll man aber formal und der technischen Übung 
nach eine Hand genau wiedererkennen, wenn sich erfahrungsgemäß Form¬ 
schneider gleichsam völlig hinter einer angenommenen Form und übernom¬ 
menen Technik zu verbergen wissen? Jener Zeitgenosse Ludwig, der durch 
seinen Kontakt mit den Niederländern besonders nahe mit dem Werdegang 
Caspers zusammenhängt, hat in seiner Ars Moriendi dem niederländischen 
Vorbild jede Eigenheit geopfert Niemals würde man ihn in dem Stutt¬ 
garter Christoph-Antonius-Schnitt zu erkennen vermögen, zeugte nicht der 
gleiche Name dafür. Und wie schwer vermag man auch nur einen Stammes¬ 
unterschied zwischen der deutschen Replik der Apokalypsis gegenüber ihrem 
niederländischen Vorbild zu erkennen! Solange wir urkundlich keine Auf¬ 
klärung erhalten, bleibt es kaum möglich, in das Werkstattgeheimnis der 
frühen Formschneider einen durchaus klaren Einblick zu gewinnen. Dem 
ganzen Charakter und Vertrieb ihrer Arbeiten nach dürfte man jedoch 

*) Neuerdings wird der niederländische Ursprung dieses Goldschmiedekreuzes in 
Frage gezogen. Zweifellos wird man sich ein noch besseres Urbild vorzustellen haben. 
Solange kein bündiger Beweis dafür erbracht wird, daß das Londoner Blatt eine sehr 
enge, sich an das niederländische Vorbild haltende deutsche Kopie bedeutet, möchte ich 
es doch selbst als in den Niederlanden entstanden annehmen. 

*) Beste Abbildung in: Auktionskatalog Gilhofer 8 c Ranschburg, Luzern, Mai 1935. 
R. Bemoulli-Zürich führte den Formschneider erst mit seinem richtigen Namen in die 
Literatur ein und setzt seine beiden bislang bekannten Werke „um 1480“ an. 


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kaum an eine Art Verlag denken, in welchem eine Reihe von ausübenden 
Personen saß. Wohl aber wurden dauernd Typen, benachbarte wie weit 
entlegene, aufgegriffen und teils mehr, teils weniger getreu wiedergegeben. 
Dieses Ineinander von eigentlichen Originalarbeiten und weitergetragenen 
Vorbildern erschwert die Sonderung der einzelnen Hände beträchtlich. Audi 
für Caspers Schnitte des heiligen Wolfgang und Florian sind bekanntlich 
einige andere Einzelschnitte gleicher Darstellung aus dem XV. Jahrhundert 
zum Vergleich vorhanden. In diesen Fällen aber fehlt ein striktes Abhängig¬ 
keitsverhältnis. Am nächsten kommt dem Casperschen Wolfgang die Dar¬ 
stellung des gleichen Heiligen im Berliner Kupferstichkabinett, Schreiber 1735. 1 ) 
Früher entstanden muß Schreiber 1736 (ebenda) sein. 

Die letzte Frage bleibt, ob in den heute bekannten Beständen sich noch 
unsignierte Arbeiten Caspers feststellen lassen. Hat man gesehen, daß selbst 
solche mit seinem Namen versehene sich seinem Werk zu entziehen scheinen, 
so wird man nicht allzuviel Mut zu derartigen Zuschreibungen aufbringen. 
In seine Nähe möchte man einige Blätter rücken, welche sich am ehesten 
den beiden Breslauer Schnitten anschließen, Blätter, in welchen der nieder¬ 
ländische Stil von ca. 1460 mit seinen scharf geschnittenen Gesichtem und 
den langen Faltenlinien durchwirkt Ein solches Blatt ist beispielsweise der 
große Schnitt mit den vier Heiligen in der Biblioth&que Nationale zu Paris, 
Schreiber 1789. Diese Andeutung mag genügen. Es kann sich in solchem 
Falle wohl mehr um eine Stärkung der Zusammenhänge, als um die Be¬ 
reicherung des einzelnen Lebenswerkes Caspers handeln. 

Trotzdem das Werk Caspers mm eine verhältnismäßig große Anzahl von 
Schnitten aufweist, verläßt man es ohne Sicherheit über die Örtlichkeit, mit 
welcher Caspers Name verbunden werden müßte. Wiederum stehen da noch 
große allgemeine und unüberwindliche Schwierigkeiten, da es sich vielfach 
um wandernde Formschneider gehandelt hat, da weder der Dialekt*) noch 

*) Es ist durchaus wahrscheinlich, daß der Holzschneider des Berliner Blattes 
(Sehr. 1735) den Wolfgang Caspers gekannt und benützt hat. Auch Herr Dr. Rathe 
erkennt dieses Abhängigkeitsverhältnis an. 

*) Um jedenfalls die Möglichkeit einer Feststellung auf Grund der sprachlichen Eigen¬ 
tümlichkeiten zu erschöpfen, wandte ich mich an Herrn Professor Dr. Otto Mausser 
(Universität München), der in entgegenkommender Weise die Legenden des Kelter¬ 
schnittes, der Kreuzigung, des Sixtusschnittes und der Anna Selbdritt untersuchte. Das 
mir freundlichst überlassene Resultat läßt sich kurz so zusammenfassen: Christus am 
Goldschmiedekreuz und Anna Selbdritt gehören in das ostfränkische Sprachgebiet, 
also etwa in das heutige Oberfranken bezw. in die östlichen Teüe von Mittel- und 
Unterfranken. Will man das Gebiet durch Städtenamen charakterisieren, so kämen 
beispielsweise Bayreuth, Kulmbach, Coburg, Lichtenfels oder Bamberg und südlich 
auch noch Erlangen und Nürnberg in Frage. Für das von uns wesentlich früher ange¬ 
setzte Blatt der Kelter Chrisü ist raittelrheinfränkischer bis nordrheinfränkischer Dialekt 
gegeben. Damit käme man also in das nördliche Hessen (Oberhessen), in die Gegend 


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die Art der verwendeten Schrifttypen zuverlässige Handhaben bieten. Man 
spricht von Regensburg und kam auf. benachbartes Gebiet mit dem Hinweis 
darauf, daß die Münchner Inkunabel mit dem Franziskusschnitt im XV. Jahr¬ 
hundert in Ingolstadt gelegen haben dürfte. Man kann jetzt darauf weisen, 
daß der neugefundene Wolfgangschnitt den in Regensburg besonders ver¬ 
ehrten heiligen Bischof dieser Stadt darstellt Schreiber hält die Entstehung 
daselbst nunmehr für gesichert und die Mundartenforschung würde dem 
nicht widersprechen (s. Anm. unten). Man muß sich aber letzterhand damit 
bescheiden, auf eine sichere Lokalisierung des ganzen Werkes verzichtend, 
in Casper einen süddeutschen Formschneider zu erkennen, dessen Arbeiten 
wir rund zwischen 1460 und 1495 nachzuweisen vermögen, der sich, 
jedenfalls wandernd, in dieser Zeit teils mittelbar, teils unmittelbar an nieder¬ 
ländischen Schnitten schulte und der den Stil seiner Werke durch die Jahr¬ 
zehnte hindurch im Sinne der künstlerischen Gesamtentwicklung abwandelte. 


der Städte Alfeld, Marburg, Gießen, Riedberg. Der Sixtussdinitt, welchen wir zeitlich 
zwischen das Kelterblatt und die beiden späten Holzschnitte von London und Stock¬ 
holm gesetzt haben, würde dem Dialekt nach als bayerisch anzusprechen sein und dem 
Sprachgebiet südlich der Donau bezw. östlich des Lech zugehören. Diese sprachliche 
Verschiedenheit der vier Blätter würde sich zunächst am leichtesten dadurch erklären 
lassen, daß der ausführende Holzschneider sich wandernd den jeweiligen Dialektge¬ 
pflogenheiten seines wechselnden Aufenthaltsortes angeschlossen hat. Man hat außer¬ 
dem zu berücksichtigen, daß der Holzschneider Legenden schnitt, die ihm wohl in den 
meisten Fällen durch Kleriker vorgeschrieben waren. Wir kennen Handschriften, welche 
den Dialekt des Entstehungsortes vertreten, obwohl der Schreiber aus einer mundart¬ 
lich ganz verschiedenen Landschaft zugereist war; und wir wissen anderseits von 
Schreibern, die in fremden Arbeitsstätten ihre heimatliche Sprache beibehalten haben. 
So wird nur allzu erkennbar, wie verwickelt das Lokalisierungsproblem des frühen Holz¬ 
schnittes selbst da liegt, wo dialektische Proben bestimmte Richtungen zu weisen scheinen. 


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EINE OBERRHEINISCHE HANDSCHRIFT 
AUS DER MITTE DES XV. JAHRHUNDERTS 


VON ALFRED STANGE 

I m Besitz des Hauses Jacques Rosenthal befindet sich eine nicht sehr umfang¬ 
reiche Handschrift, deren Miniaturen merkwürdig in mehrfacher Hinsicht 
zum Verweilen und genauerem Studium auffordem. Das Bändchen und seine 
Bilder stammen aus einer Zeit, da die Buchmalerei gemeinhin nicht mehr in 
der ersten Linie steht, sondern meist Industrieprodukt nur noch von ferne 
die zukunfteröffnenden Bewegungen mitmacht, da der größte Teil rasch und 
schematisch mit der Feder und wenig Farbe ausgeführt wird, da die Einzel¬ 
leistung von sich allein aus kaum noch weiteres Interesse erregen kann. 
Wenn die kunsthistorische Forschung aus diesem Grund die Spätzeit deut¬ 
scher Buchmalerei fast völlig ignoriert, 1 ) so ist das von einem rein ästhetischen 
Standpunkte wohl verständlich, sie begeht damit aber eine Unterlassungs¬ 
sünde, die bedingt, daß sowohl kunsthistorisch wie auch soziologisch manches 
in der Physiognomie des Jahrhunderts verschwommen und unfaßlich bleibt 
Von der deutschen spätmittelalterlichen Schreibstube, ihrer Arbeitsweise und 
ihren Produktionsgesichtspunkten aus, ist die Entstehung des Holzschnittes 
und Kupferstiches, selbst auch des Buchdruckes vor allem zu verstehen. Die 
gesellschaftlichen Voraussetzungen, die jene neuen Künste ermöglichten, wer¬ 
den da wie sonst nirgends faßbar. 

Von vollkommen anderer Art ist die vorliegende Handschrift Sie muß aus 
anderen künstlerischen Voraussetzungen wie die üblichen Schreibstubenpro¬ 
dukte dieser Zeit entstanden sein; nur so sind die hohen künstlerischen und 
kunsthistorischen Werte zu verstehen, die sie in sich birgt und die sehr wohl 
eine eigene, gesonderte Betrachtung für sie veranlassen oder fordern dürfen. 

In einem Sammelband, der im übrigen nicht illustriert ist, steht voran 
ein deutscher Prosatext der 15 Zeichen vor dem Jüngsten Gericht mit einer 

*) Noch immer steht die grundlegende Arbeit von R. Kautzsch, Diebolt Lauber und 
seine Werkstatt in Hagenau (Zentralblatt für Bibliothekswesen XII [1895]) allein in der 
Behandlung dieser Probleme. Alle in diesem Buch und in den Einleitenden Erörte¬ 
rungen zu einer Geschichte der deutschen Handschriftenillustration im späten Mittel- 
alter (Studien zur deutschen Kunstgeschichte 3 [1894]) ausgesprochenen Wünsche für 
künftige Arbeiten sind nach wie vor unerfüllt. 


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Miniatur zu jedem Zeichen. Die Anordnung von Text und Bild ist im all¬ 
gemeinen so, daß auf jeder Seite ein Zeichen behandelt wird. Den oberen 
Teil nimmt in verschiedenem Ausmaß der Text, den unteren je nachdem 
größer oder kleiner eine das Zeichen veranschaulichende Miniatur ein. Ab¬ 
weichend nur das 13. Zeichen, wo einem ganzseitigen Text eine ganzseitige 
Miniatur gegenübersteht, und das 15. Zeichen, wo der Text fünfviertel Seiten 
lang auf das Verso übergreift und darunter wie üblich die Miniatur folgt 
Die Handschrift umfaßt 9 Pergamentblätter, deren Seitengröße 208x143 mm 
beträgt Der Inhalt der einzelnen Seiten ist folgender: 
fol. I r : leer. 

fol. I v : Der heilig her sant Jeronimus der schreibet uns von den XV zhai 
chn, dy da geschehent vor dem yüngsten tag und schreibt uns also. An 
dem ersten tag so steigt das mer über sich auff wol XL daumeilen über 

all perg und stet den als vest als ein mauer. 1 )-Miniatur (75x132 mm): 

Rötlichbraune und graue Felsen, an den flacheren Hängen Grün, auf den 
Kuppen einige Baumgruppen. In der Mitte steigt aus einem Talkessel das 
Meer blaugrün über die Berge empor. Fische, Schlangen, Krebse beleben es. 
Der Himmel am Horizont licht — Pergament ausgespart —, am oberen Bild¬ 
rand dunkelblau. 

fol.2 r : An dem andern tag so steigt das mer wider ab und scheint als 

klam, das man es hart siecht-Miniatur (111x130): Felsige Landschaft, 

eine Art Grube bildend, seitlich von zwei kahlen grauen und bräunlichen 
Felskulissen abgeschlossen. Auf den rückwärtigen Bergen einige Baumgruppen 
mit kugeligen und spitzen Kronen. In der Grube hocken vor einem Wasser¬ 
tümpel, in dem ein Krebs und mehrere Fische sichtbar sind, fünf Menschen, 
alles Männer. Ihre Gewandung: lila Kittel und grüne Hosen oder blaue Kittel 
und lila Hosen; andere gelb, blau, rot (Tafel IX). 

fol. 2 v : An dem dritten tag so lazzent sich alle mer wunder und alle 

merische tier sehen und lassen ain grozzes geschrey.-Miniatur (140x114): 

Aus einem von zackigen Felsen umstandenen See tauchen Meerungeheuer 
und Tiere auf; ein Meerweib mit Flossen statt Füßen, Krebse, Fische, ein 
Tier mit einem Pferdeleib, aber ohne Vorderfüße; außerhalb des Wassers ein 
ähnliches zweifüßiges Tier mit Kamelhals und -köpf und ein Krebs. Diese 
nur leicht grau getönt Der aus dem Wasser auftauchende Oberkörper des 
Meerweibes ist blaßrot Die Felsen verschiedenfarbig braun, rot, grün, bla߬ 
weinrot; einzelne Bäume auf ihnen, auf der höchsten Spitze eine Gruppe. 

fol. 3 r : An dem IUI tag so wirt das mer prinnent-Miniatur (113x120): 

Seitlich zerklüftete Felslandschaft grün, rot braun und gelb, zum Teil mit Weiß 
gehöht; nur mit wenigen Bäumen besetzt Das dazwischenliegende bewegte 
Meer in kleinen gelben und roten Flämmchen brennend. Fische im Wasser. 
*) Wir zitieren nur die Textanfänge mit der Angabe des betreffenden Zeichens. 


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Tafel IX 


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Das zweite Zeichen vor dem Jüngsten Gericht; fol. 3r. 


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Tafel X 





Das fünfte Zeichen vor dem Jüngsten Gericht; fol. 3v. 


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fol.3 v : An dem funfften tag so swiczend alle pawm laub und gras alles 

plutigen swaiz vor vorchten dy sie habent-Miniatur (159x133): Große» 

ganzseitige Landschaft Zwischen zwei mit Baumgruppen besetzten Felskulissen 
hindurch und über einen niederen zwischen ihnen liegenden bebuschten Block 
hinweg blickt man in eine in grauem Dunste liegende Niederung, aus der 
einzelne grüne Bäume verschwommen auftauchen. Die Felsen grau und braun, 
rechts liegen auf dem Abhang weinrote Schatten. Das Laub der Bäume und das 
Grün des Vordergrundes rot gesprenkelt von dem blutigen Schweiß (Tafel X). 
fol. 4 r : An dem VI tag so vallent alle zimmer und alle paw nider zu der 

erden.-Miniatur (133x113): Ein bräunlichgrauer Holzbau knickt nach 

rückwärts nieder, links stürzen von einem Hügel einige Bäume herab. Der 
Erdboden grau, grünlichgrau der Felshügel. Die Tiefe graublau, der Himmel 
nur am obersten Rande lichtblau. Die Schlagschatten der Balken und nieder¬ 
gestürzten Bäume sind mit besonderer Betonung eingezeichnet 

fol. 4 V : An dem VII tag so zerprestent all stain — als ain wachs. — — 
Miniatur (113x133): Graue Felslandschaft, mittels dunklerer Töne modelliert 
Die Schattierung, besonders kräftig auf der linken Seite, ist so gegeben, als 
ob das Licht von beiden Seiten einfiele. Zahllose Sprünge durchziehen das 
Felsmassiv; bald im Zickzack, bald in größeren durchlaufenden Linien. 

fol. 5 r : An dem VTII tag so kumt ein gemain erpide in all werlt — — 
Miniatur (97x131): Links eine Kirche, vom Chor gesehen, rechts eine burg¬ 
artige Anlage mit Tor, Mauerkranz, einem kleinen Gebäude, zu dem eine 
Treppe hinanführt, und einem Wachtturm. Dieser rotbraun, mit einem breit 
ausladenden hölzernen Abschluß. Sonst die Bauwerke steingrau, dunkelgrau 
und blau schattiert Chor der Kirche rötlich; die Dächer mit roten Ziegeln 
gedeckt Die Gebäude zeigen Sprünge, der Glockenstuhl bricht in sich zu¬ 
sammen, die graubraunen Glocken stürzen herab. 

fol. 5 V : An dem VTIII tag so wirt alle weit eben.-Miniatur (105x130): 

Eine weite, nach der Tiefe zu bräunliche Ebene von starker Tiefenillusion. 
Am Himmel Sonne und Mond. Die Sonne eine gelbe Scheibe mit acht¬ 
zackigem Strahlenkranz; ihr Gesicht mit helleren und bräunlichen Tönen 
modelliert Der Mond eine gelbe Sichel, im übrigen Kreissegment ein Gesicht 
mit Weiß und Blau modelliert. Nur an Mund und Augen wenige Federstriche, 
fol. 6 r : An dem X to tag so get als menschleich gesiecht aus den holen da si 

verporgn warn.-Miniatur (86 x 131): Eine kahle olivgrüne bis braune Ebene. 

Am Himmel Sonne und Mond wie auf dem vorhergehenden Bilde. In der Mitte 
eine Menschengruppe, darunter eine Frau in langem blauen, rot gefütterten 
Mantel und weißem Kopftuche; die Männer in verschiedenfarbigen Röcken 
und Kitteln: braun, blau, rot, sandfarben. An den Seiten steigen noch zwei aus 
Gruben heraus: links einer in blaßlila Kittel und roten Hosen, rechts einer in 
langem, grünen Gewand mit lila Kragen und roter Sendelbinde auf dem Kopfe. 


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fol. 6 V : An dem XI tag so erstent dy pain d’totn.-Miniatur (117x117): 

Landschaft kahl und öde wie auf dem vorhergehenden Blatt, doch grünlich 
im Ton. Sonne und Mond helleuchtend. Himmel am Horizont leicht gerötet 
Aus Gräbern stehen die Toten auf; nicht Gebeine. Links eine Frau mit langem 
Haar. Die meisten haben die Hände betend erhoben. Zuvorderst kriecht ein 
Mann aus dem Grab heraus; in der Bewegung ausgezeichnet 

foL 7 r : An dem XII tag so vellet als gestim nider auch geschehent zaichn.- 

Miniatur (137 x 117): Kahle Ebene vom Pergamentton über Grün zu Braun gegen 
den Horizont zu dunkler werdend. Die Gesichter von Sonne und Mond braun, 
bezüglich rotbraun; auch die Mondsichel und die Strahlen der Sonne braun. 
Über die Fläche gelbe Sterne verteilt, um die Gestirne je einige goldene, 
fol. 7 V : An dem XIII. tag so sterbent alle dy dy danoch lebentig sind, 
fol. 8 r : Miniatur (195x133): Auf einer nach dem Horizont dunkler werden¬ 
den Ebene liegen kreuzweise sechs Menschen, zuvorderst eine Frau. Sie sind 
in lebhaft leuchtende Gewänder gekleidet Die Frau trägt ein langes, blaues 
Kleid und weißes Kopftuch; die Männer rote, lilae, grüne, gelbe Röcke, Kittel 
und Hosen. Die Gesichter sind blaß, nur mit Grau und ganz wenig Rot 
modelliert Haare graubraun; Schuhe ebenso (Tafel XI). 

fol. 8 V : An dem XIIII tag so virt der himel und das ertreich und die lufft 

prinnet.-Miniatur (133x113): Grünlich blau schattiertes Erdreich brennt 

in kleinen roten und gelben Flämmchen. Am obersten blauen Teil des Himmels 
wagrechte gelbrote Flammenwellen. 

fol. 9 r : An dem XV tn tag so wirt himelreich und ertreich vemewt 
fol. 9 V : Miniatur (155X136): In einer blau-grün-gelb-rot-blauen Mandorla sitzt 
Christus auf gleichfarbigem Himmelsbogen, die Hände nach unten ausbreitend. 
Er trägt ein lila Gewand und einen gelblichweißen, blau gefütterten weiten 
Mantel. Von seinem Munde gehen zwei rote Schwerter mit grauen Griffen 
aus. Auf der braun getönten Erde knieen Maria und Johannes, die Gottes¬ 
mutter in blauem, innen violettem Mantel und weißem Kopftuche, der Täufer 
in rotem Mantel. Die Nimben sind gelbbraun, der Christi trägt ein rotes 
Kreuz. In den oberen Ecken zwei Engel aus Wolken auftauchend mit den 
Leidenswerkzeugen. Sie haben weiße Gewänder; ihre Flügel sind innen lila, 
außen grün gefiedert. Unten zwischen den Fürbittem zwei weitere Engel 
gleicher Art, die Posaunen des Gerichts blasend. Ein paar Tote stehen aus 
den Gräbern auf (Tafel XII). 

Die Frage, woran das Nahen des Jüngsten Gerichtes zu erkennen sei, be¬ 
schäftigte die Christenheit seit ihren frühesten Tagen. Christus hatte den 
Zeitpunkt als ein Geheimnis Gottvaters erklärt (Markus 13, 33). Auf die Frage 
der Jünger antwortete er in der Apostelgeschichte (1, 7): Es gebührt uns nicht 
zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht Vorbehalten hat, 
und ermahnt sie Matthäus 34, 43 zur Wachsamkeit. Schon die Kirchenväter 


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Tafel XII 


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Das fünfzehnte Zeichen vor dem Jüngsten Gericht; fol. gv. 


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Lactantius, Augustinus und Hieronymus suchen in ihren Schriften, zum Teil 
auf Grund der Sibyllinischen Bücher, nach einer Antwort Der ordnende Geist 
des Mittelalters stellt sodann Zeichen in bestimmter Auswahl und Reihen¬ 
folge zusammen, die dem Weltgericht vorausgehen müßten. Anfangs ist ihre 
Zahl noch unbestimmt Beda Venerabilis setzt die Zahl der Zeichen auf fünf¬ 
zehn fest, und daran hielten alle mittelalterlichen Bearbeiter, auch Petrus 
Comestor (+ 1178) und Thomas von Aquino (+ 1274) f est 

Nölle 1 ) ist der Geschichte der Legende von den fünfzehn Zeichen nach¬ 
gegangen, für deren Beliebtheit während des gesamten Mittelalters eine außer¬ 
ordentliche Verbreitung und ihre Aufnahme in die Legenda aurea zeugen, 
und hat mehrere Gruppen unterschieden, die von Beda Venerabilis, Petrus 
Comestor und Thomas von Aquino ausgehen. Nach seiner Aufstellung ergibt 
sich, daß der Text unserer Handschrift dem Vorbilde des Petrus Comestor 2 ) 
folgt, und zwar inhaltlich wie auch in der Reihenfolge der Zeichen. Eine 
wichtige Voraussetzung für alle spätmittelalterlichen Bearbeitungen war wohl 
die Behandlung der Legende in der Legenda aurea, die in Anordnung und 
Auswahl der Zeichen gleichfalls auf Petrus Comestor aufbaut Wie die Er¬ 
weiterung des Textes, der gegenüber diesen beiden Quellen wesentlich aus¬ 
führlicher, zu erklären ist entzieht sich unserer Kenntnis. Gleich den meisten 
spätmittelalterlichen Darstellungen sind die über das Vorbild hinausgehenden 
Ausführungen moralisierend, wie sie sich ähnlich auch in München cod. lat 8483 
fol. 185 fr. finden. Die Berufung auf Hieronymus, die sich allgemein findet dürfte 
auf einem Irrtum beruhen; seine Werke bieten keinerlei Anhaltspunkte. 8 ) 

Die Nachfolge Petrus Comestors ist bei weitem die umfangreichste. An sie 
knüpfen auch die bekannteste Illustration der fünfzehn Zeichen, das Block- 

l ) Die Legende von den 15 Zeichen vor dem Jüngsten Gericht Beiträge zur Geschichte 
der deutschen Sprache und Literatur, hrsg. von Paul und Braune VI (1879) S. 413. 
Weiterhin Carolina Michaelis de Vasconcellos in Herrigs Archiv Bd. 46 S. 33, E. Sommer 
in Zeitschrift für Deutsches Alterthum III (1843) S. 523. Umfassende Literaturangaben 
auch bei Ehrismann, Geschichte der deutschen Literatur II. 1 (1922) S. 160 Anra. 4. 

*) Petrus Comestor schreibt in seiner Historia evangelica, cap. CXLI: Hieronymus 
autem in annalibus Hebraeorum invenit signa XV dierum ante diem judicii, sed utrum 
continui futuri sint dies illi, an interpolati non expressit. Prima die eriget se mare XL 
cubitis super altitudinem montium stans in loco suo quasi murus. Secunda tantum 
descendet, ut vix posset videri. Tertia marinae beluae apparentes super mare dabunt 
rugitus usque ad caelum. Quarta ardebit mare et aquae. Quinta herbae et arbores 
dabunt rorem sanguineum. Sexta ruent aedificia. Septima petrae ad invicem collident. 
Octava fiet generalis terrae motus. Nona aequabit terra. Decima exibunt homines de 
cavemis et ibunt velut amentes, nec poterunt mutuo loqui. Undecima surgent ossa 
mortuorum et stabunt super sepulcra. Duodecima cadent stellae. Tredecima mortient 
viventes, ut cum mortuis resurgant Quartadecima ardebit caelum et terra. Quinta- 
decima fiet caelum novum et terra nova et resurgent omnes. 

’) Nölle a. a. O. S. 419. Siehe auch Mätzner in Sprachproben I S. 121, Carol. Michaelis 
a. a. O. S. 55. 


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buch des Entkrist und der fünfzehn Zeichen, und ein bisher unbekannter 
illustrierter Text aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in München cod. 
germ. 436 fol. 80 r — 83 v an. Nölle behandelt den Entkrist unter den nicht 
gruppierbaren Darstellungen, 1 ) doch darf man auch ihn zur Gruppe des Petrus 
Comestor rechnen, 8 ) wenn er ihm auch freier und in veränderter Reihenfolge 
der Zeichen folgt. Stilistisch zeigt der Entkrist ®) zu der Rosenthalschen Hand* 
schrift keinerlei Beziehungen. Diese ist mehrere Jahrzehnte vor dem Block¬ 
buch entstanden und kann keinesfalls, wie dieses wohl, fränkisch sein. Höch¬ 
stens so wenig variable Darstellungen wie der Brand von Himmel und Erde 
ließen sich vergleichen. 

Die erwähnte Münchener Handschrift hilft gleichfalls nicht weiter, obwohl 
sie im Gebiet von Konstanz und Basel entstanden ist, also, wie noch zu 
zeigen sein wird, der vorliegenden räumlich und zeitlich eng benachbart 
Aber die Art, die Zeichen bildlich darzustellen, ist vollkommen verschieden. 
Der Maler der Münchener Handschrift bedient sich noch allenthalben der 
stenogrammäßigen Abkürzungen des 14. Jahrhunderts und zeichnet und malt 
in der üblichen flüchtigen Schreibstubenmanier. Allen vom 15. Jahrhundert 
aufgeworfenen Darstellungsproblemen geht er aus dem Wege. Es ist be¬ 
zeichnend, wenn er beim neunten Zeichen nicht die wüste ebene Erde selbst 
gibt — denn das Raumproblem ist für ihn nicht aktuell —, sondern zwei 
sich unterhaltende Menschen auf schmalem Bodenstreifen. Das Zerreißen der 
Felsen und den Kampf der Steine behandelt er rein dekorativ. Er gibt nicht 
eine Felslandschaft, sondern aus verschiedensten Schwüngen gestaltete Gebilde, 
die Steine vorstellen sollen, sind in drei Reihen nebeneinander geordnet. 
Anderseits treten auf dem zehnten Zeichen die Menschen wirklich aus Höhlen 
heraus. Er hält sich also zum Teil enger an den Text, nie aber eignet ihm 
die Schlagkraft und Überzeugungsfahigkeit wie dem Meister der Rosenthal¬ 
schen Handschrift. Von hier ist keine Hilfe für eine exakte kunsthistorische 
Einordnung der vorliegenden Handschrift zu erhoffen. Und auch die Sprach- 
form des Textes weist in keine eindeutige Richtung. 4 ) Allein die stilistische 
Analyse kann weiterführen. 

Die Miniaturen sind Deckfarbenbilder; 6 ) die Feder ist nur sparsam ver¬ 
wendet zur Festlegung der Konturen der Figuren, der Binnenformen ihrer 

l ) a. a. O. S. 454. 

*) So auch Reuschel, K., Untersuchungen zu den deutschen Weltgerichtsdichtungen 
des XI. bis XV. Jahrhunderts. Diss. Leipzig 1895 S. 41. 

*) Schreiber, W. L., Manuel de l’amateur de la gravure sur bois au XV siede. IV 
(1903) S. 217 ff- 

4 ) Der Dialekt ist alemannisch-oberrheinisch, weist aber auch bayerisch-österreichische 
Merkmale auf. 

ft ) Der Erhaltungszustand ist allgemein gut, nur das Wdtgerichtsbild ist an einigen 
Stellen abgerieben. 


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Gesichter, zur Maserung der Holzbalken, bei Architekturen und Baumkronen; 
meist auf das Notwendigste beschränkt Nur im letzten Bilde sind die Falten 
im Gewand des Weltenrichters genauer detailliert Sonst ist die Durchgestal¬ 
tung der Formkomplexe stets mit dem Pinsel erreicht Durch ihn haben auch 
die Gesichter letztlich entscheidend ihre Form erhalten; mit seiner Hilfe 
sind die tiefen Augenhöhlen und die häufig eckigen Wangen herausgearbeitet, 
nicht mit der Feder. Deren Arbeit ist nur eine vorbereitende. Die Farben 
sind bei Gewändern, Baumschlag, Architekturen kräftig. Nur wo es die Kom¬ 
position erfordert, wie auf dem Bilde des Sterbens der Menschheit, ist ein¬ 
mal eine Figur fahl gekleidet Der Erdboden ist fast durchwegs grau oder 
hellbraun, stille Folie für die auf ihm lebenden Dinge, aber in der Tiefe 
erhält dann auch er kräftige dunkle Töne. In den meisten Bildern herrscht 
eine lebhafte Farbenskala; wo es nicht der Fall — fol. 4 V und 7 r —, da be¬ 
dingt es der Bildinhalt. Aufgetragen sind die Farben breitflächig, in den Ge¬ 
sichtem in breiten Tupfen, nie sind sie ineinander sorgfältig vertrieben, 
aber stets modellieren sie und kolorieren nicht nur. Schon allein dies kann 
lehren, daß dem Maler mehr das Ganze, denn das Einzelne bedeutsam ist, 
daß er nicht Wirkungen im Kleinen, sondern im Großen sucht 

Es ist im Text der Handschrift bedingt, daß Figuren auf nur wenigen 
Darstellungen Vorkommen. Das Bild des Sterbens der Menschheit zeigt sie 
schlank und hager, dennoch sind sie doch das Gegenteil von vornehm und 
elegant; derb und ungelenk, mehr Bauern als Städter, mit eckigen kräftigen 
Schädeln. Ihre Kleidung ist einfach. Die Männer tragen Rock oder Kittel und 
Hosen, die Frauen langes Gewand, ohne besonderen Schmuck. Die Gewänder 
betonen das Volumen und die Wölbung der Körper, denen sie straff an- 
liegen; nur wenige parallele Falten beleben meist die schlichten Flächen. Die 
Köpfe sind durchwegs außerordendich lebensvoll. Wie verschieden ist das 
Mienenspiel der fünf Männer, die in der Grube hocken und das Verschwinden 
der Wasser beobachten: die rückwärtigen, jeder auf seine Art, beobachtend, die 
vorderen das Wunder besprechend, wobei der erste mit schlauem Ausdruck 
dem Disput der anderen zuhört Oder jene einzigartige Darstellung des Ster¬ 
bens des menschlichen Geschlechtes. Hinter- und schräg übereinander sind die 
Figuren geschichtet mit verschiedenstem Ausdruck im Gesicht, aber alle sind 
sie tot Sie liegen nicht nur da, sie schlafen nicht, sondern sind gefallt leblose 
Materie. Nur im letzten, der auf der Seite liegt und den Kopf halb auf¬ 
richtet ist noch eine Spur von Leben. Umso lebloser erscheinen die vorderen. 
Etwas Elementares liegt in dieser Art Menschen zu charakterisieren, die vom 
Vielerlei in Kleidung und Bewegung absieht und sich mit wenigen, aber umso 
eindrucksvolleren plastischen Formen und mimischen Momenten begnügt 
Die Landschaftsdarstellungen zeigen dieselbe Beschränkung im einzelnen; 
sie sind nicht die Summe zahlloser Detailbeobachtungen. Die Vordergründe 


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schmücken nidit Gras und einzelne betonte Blumen; häufig sind sie ganz 
kahl — nichts anderes als der freigelassene Pergamentgrund. Neue, originelle 
Naturbeobachtungen hat der Maler in dieser Hinsicht nicht gemacht; die 
zackigen Felsen, die niederen Bäume und Baumgruppen sind fast noch von 
derselben Art, die das späte XIV. Jahrhundert ausbildete. Hier steht er ganz 
in alten Gleisen, und nirgends findet sich ein Hinweis auf die Naturgläubig¬ 
keit französischer oder burgundisdier Landschaftsschilderungen. Diesen gegen¬ 
über ist es schon bezeichnend, daß er sich noch immer mit kleinen Natur¬ 
ausschnitten begnügt und nicht große Prospekte gibt, wozu die Themen wohl 
hätten verführen können. Neu aber ist die Art, wie die Motive in Zusammen¬ 
hang gebracht sind. Da zeigt sich ein von Grund auf originelles Raum¬ 
empfinden. Ohne daß eine klare Erkenntnis der perspektivischen Gesetze 
vorhanden wäre, sind die Dinge doch richtig hintereinander gegeben. Aber 
eben die Tiefenillusion ist nicht mit linearen Mitteln erreicht, sondern allein 
mit der Farbe. Nicht als Formkomplex, aber als Farbträger ist jeder Gegen¬ 
stand neu erlebt. Er interessiert nicht an sich, sondern vor allem als Farb¬ 
wert an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Lichte, in einer ge¬ 
wissen Atmosphäre. Wie das zu verstehen ist, macht die Blutregenlandschaft 
deutlich, wo auf dem rechten Abhang lila Schatten liegen, wo vor allem 
aber der Hintergrund in einen grauen Nebeldunst gehüllt ist, aus dem die 
grünen Kronen von einigen Bäumen auftauchen. Die breite Malweise schließt 
Differenzierungen und koloristische Feinheiten nicht aus. Von ganz erstaun¬ 
licher Beobachtung zeugt in diesem Bilde die Luftperspektive. In den meisten 
Bildern ist die Tiefenschattierung von grundsätzlich anderer Art als in den 
westlichen Miniaturen und der altniederländischen Malerei. Nicht von Dunkel 
nach Hell, von Braun über Grün zu Blau, sondern umgekehrt von Hell zu 
Dunkel folgen die Farben nach dem Hintergrund zu aufeinander. Auf dem 
Blatt der Auferstehung der Gebeine oder dem Fall der Sterne ist die öde 
Erdenebene vom Pergament im Vordergrund über Grau und Braun zu einem 
tiefen Sepiastreifen am Horizont verdunkelt Und wenn die Bildräume auch 
nicht unbegrenzt in die Unendlichkeit zu gehen scheinen — Erinnerungen an 
den Streifenraum des späten XIV. Jahrhunderts sind noch immer vorhanden —, 
so ist die Illusion doch ähnlichstark wie in Raumgestaltungen nach der nieder¬ 
ländischen Farbkonvention. Es wäre falsch, diese Farbstufung widernatürlich 
zu nennen, es handelt sich hier um Sehkonventionen, die gleichberechtigt 
nebeneinander bestehen. Sind die niederländischen Landschaften gewisser¬ 
maßen mit der Sonne im Rücken, so diese gegen die Sonne gesehen. Ähn¬ 
lich wie die Erde ist dann auch der Himmel von Hell nach Dunkel abgestuft 
Am Horizont gegen den dunkelsten Erdstreifen setzt er licht an — das Perga¬ 
ment ist hier nur mit ganz wenig Blau belebt —, am oberen Bildschluß steht 
aber stets ein tiefdunkler blauer Streifen. 


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Sehen wir recht, so weisen diese Eigenschaften nach dem Oberrhein. Schon 
Kautzsch 1 * * ) hat darauf hingewiesen, daß die Begabung der oberrheinischen 
Maler in der Darstellung charakteristischer, individueller Köpfe lag und die 
neuere Forschung hat dies bestätigen können.*) Gewiß beträchtlich altertüm¬ 
licher, zeigen doch die Wandbilder der Nikolauskapelle des Konstanzer Mün¬ 
sters 8 ) die gleiche Art, menschliche Charaktere lebensvoll zu erfassen. Die 
Figuren dieser Bilder sind vom selben bäurischen Geschlecht, tragen die¬ 
selben lebensvollen, derben Schädel. Andererseits scheint die oberrheinische 
Landschaftsmalerei nur zögernd zu so weiten, w grenzlosen ” Raumdarstellungen 
gekommen zu sein, wie sie die südostdeutsche Malerei schon sehr früh kennt 
Auch in den meisten Bildern der vorliegenden Handschrift klingt, wie schon 
betont, noch der Bodenstreifen des XIV. Jahrhunderts nach. Aber anders als 
die südostdeutschen Schulen vermag der Oberrhein auch in kleinen, noch mit 
altertümlichen Requisiten gestalteten Landschaftsausschnitten — und unab¬ 
hängig vom Westen — eine starke Raumillusion zu geben infolge seiner 
koloristischen Begabung, „die nicht nur die alten Felsschemata, sondern auch 
die vegetabilischen Gebilde auflöst in rein malerische Vorstellungen und die 
auf diesem Weg allein auch das Raumproblem löst, nämlich die Bodenstreifen 
in zerklüftete Gebirge verwandelt und hintereinander türmt, den fernen Wald 
nur andeutet und so Tiefenvorstellung ohne eigentliche Linearperspektive 
erzeugt“. 4 * ) Diese Art Landschaften zu bilden ist grundsätzlich verschieden 
etwa von der in der Mettener Benediktus-Regel von 1414 (München cod. 
lat 820l d ), die dem im Westen geprägten Schema folgt 

Der Art der fünfzehn Zeichen entspricht das für den Oberrhein gesicherte 
Leben der hl. Maria Magdalena in Karlsruhe, St Georgen LXVI. 6 * ) Hier ist 
in den letzten Bildern der Handschrift Seelandschaften, der vordere Teil der 
Wasserfläche licht der rückwärtige schwarzblau. Brandt tat die zitierte Äuße¬ 
rung anläßlich der Besprechung des Zins-, Nutz- und Urbarbuches der Veste 
Rheinfelden in Wien, Archiv Nr. 132. Dieses, unzweifelhaft oberrheinischer 
Herkunft 6 ) ist nun der Rosenthalschen Handschrift aufs engste verwandt ist 
gewissermaßen sein Vorgänger. Die Miniaturen des Urbarbuches sind gleich- 

l ) Einleitende Erörterungen S. 55. 

*) Vor allem Brandt H., Die Anfänge der deutschen Landschaftsmalerei. (Studien 
zur d. Kunstgesch. 154.) Straßburg, 1912. 

•) Gramm, J., Spätmittelalterliche Wandgemälde im Konstanzer Münster (Studien 59). 
Straßburg 1905, sonderlich Tafeln XIV —XVI. 

4 ) Brandt a. a. O. S. 77. 

•) Brandt a. a. O. S. 69, Taf. V. 

•) Burgers Versuch — Die deutsche Malerei vom ausgehenden Mittelalter bis zum 
Ende der Renaissance S. 218 — das Rheinfeldener Urbar in Südostdeutschland zu lokali¬ 

sieren, ist völlig verfehlt; hier würde es isoliert sein, während es am Oberrhein eine 

Reihe Verwandte besitzt. 

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falls in Deckfarbenmalerei ausgeführt 7 ) Das Kolorit verwendet dieselben kräf¬ 
tigen hellen und dunklen Farben; es finden sich gleiche Zusammenstellungen. 
Die Menschen sind die gleichen urwüchsigen, erdverbundenen Gestalten mit 
ausdrucksvollen Gesichtem. Das Temperament des Malers scheint freilich 
anders, der Pinsel ist lebhafter geführt, manchmal geradezu erregt Und nicht 
zu verkennen ist, daß das Urbarbuch älter, altertümlicher in den Lösungen. 
Seine Bildräume sind nicht so tief und klar, der Flächenzwang ist in den 
Kompositionen noch stark fühlbar. Man versteht die Beziehungen dieser beiden 
Handschriften besser, wenn man die Miniatur der Vision Daniels in einem 
Bande der Postille des Nikolaus de Lyon, Basel, Universitätsbibliothek A. II, 5, 
hinzunimmt 2 ) 

Der um 1400 tätige Maler der Vision Daniels knüpft an die Art des Meisters 
von Wittingau an. Er wertet die landschaftlichen Motive nicht räumlich aus, 
nicht einmal in der bescheidenen Weise des XIV. Jahrhunderts, sondern be¬ 
zieht sie wie dieser expressiv auf die Figuren. Die Konturen, überhaupt alle 
linearen Werte sind bedeutungslos gegenüber den den Bildeindruck bestim¬ 
menden Tongegensätzen; die Figuren in hellen Gewändern heben sich vom 
dunklen Grund ab. Im wesentlichen ist das alles auch noch im Rheinfeldener 
Urbarbuch der Fall, aber anderseits ist hier doch eine beträchtliche Verräum- 
lichung nicht zu verkennen. Die Fischereibilder spielen in einem wenn auch 
schmalen, doch faßbaren Raum. Mehr oder weniger erfüllt alle Bilder des 
Urbar eine gewisse Räumlichkeit, nicht nur malerisch-expressive Eindrücke 
vermitteln sie wie die Vision Daniels, aber eben die Landschaften sind doch 
noch immer den Figuren und ihren Bewegungen untergeordnet Den nächsten 
Schritt stellen sodann die Miniaturen der fünfzehn Zeichen dar, wo die Land¬ 
schaften so aij Selbständigkeit gewonnen haben, daß sie nicht mehr dem 
Figürlichen untertänig, sondern ihm gleichberechtigt sind und wo sie nur 
noch sehr bedingt ausdrucksmäßig verwendet werden. Im Urbarbuch sind die 
Figuren noch Ausgangspunkt der Bildgestaltung; sie sind genau vorgezeichnet, 
bevor der Pinsel sie farbig formt, und sie sind verhältnismäßig eingehend 
detailliert — Hinweise für ihre Entstehung gegen Anfang des Jahrhunderts. 
Die Gewänder sind trotz Verwendung des Pinsels fast noch zeichnerisch be¬ 
handelt, ihre Form, die Falten sind mit zahlreichen Strichelchen eingetragen. 
Von der großflächigen, auf plastische Werte abzielenden Gestaltungsweise der 
fünfzehn Zeichen, wo wenige markante Striche die Formen runden und zwei 
oder drei Falten eintragen, ist hier noch nichts vorhanden. Hinter diese klein- 
teilig durchgestalteten Figürchen sind im Urbarbuch nachträglich die Land- 

‘) Brandt a. a. O. S. 73-89, Tafeln VI-IX. 

*) Escher, K., Die Miniaturen in den Basler Bibliotheken, Museen und Archiven. 
1917. S. 107 u. Taf. 33. Auch Escher in Basler Zeitschrift für Geschichte und Alter¬ 

tumskunde XIV (1915) S 304. 


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schaftsmotive gelegt, und zwar sie nun in raschen, breiten Pinselstrichen; 
vor allem deutlich auf den Zinsschweinen und Zinssalmen. Und nie wird dem 
Blick eine größere Tiefe gewährt, Felskulissen oder Baumreihen schließen 
bald die Tiefe ab. Die Bildräume sind nur so groß, als die handelnden 
Figuren sie brauchen, und die sie gestaltenden Motive sind in Anordnung, 
Zahl und Richtung in erster Linie von diesen bestimmt 

Die Vision Daniels ist in den Jahren um 1400 entstanden, das Rheinfeldener 
Urbarbuch um 1430 l ): die fünfzehn Zeichen mögen zwischen 1440 und 1450 
anzusetzen sein. Bei der Frau auf dem zehnten Zeichen finden sich undulie¬ 
rende Gewandsäume und Gehänge, aber sie sind schon nicht mehr symmetrisch. 
Weiterhin sind die meisten Gewänder eng anliegend und von jener Form, 
die für die späten dreißiger und vierziger Jahre bezeichnend ist Dazu stimmen 
die straffen, hageren Figuren mit den knappen eckigen Konturen und nicht 
zuletzt die Raumgestaltung. Der Flächenzwang ist überwunden, die Hinter¬ 
gründe sind nicht mehr dunkel und schwarz oder neutralfarbig wie bei Ar¬ 
beiten vom Beginn des Jahrhunderts. Die Figuren und landschaftlichen Motive 
sind ausgesprochen koloristisch gesehen, gleichzeitig aber auf ihre plastischen 
Formen hin gestaltet Auch dies scheint eine Datierung in das Jahrzehnt vor 
der Jahrhundertmitte zu bestätigen. 2 ) 

Wenigstens zeitlich steht zwischen den beiden Handschriften die Bibel von 
1435 in Karlsruhe, Aug. XXVII und XXVIII. 3 ) Sie gehört nicht bedingungs¬ 
los in diesen Zusammenhang, einzelne Darstellungen wie die Tobiasinitiale 
(fol. 278 v ) fügen sich aber stilistisch recht gut ein. Diese Bibel zeigt in den Dom¬ 
blattranken, in den mit feingrätigen Ranken gemusterten neutralen Hinter¬ 
gründen, vereinzelt auch in den Figuren und Kompositionen deutlich franzö¬ 
sische Einflüsse. Brandt hat diese auch bei Besprechung des Rheinfeldener 
Urbarbuches betont Mancherlei ist zweifelsohne nur so zu erklären, allein 
man wird gerade beim Urbar die französischen Einflüsse keinesfalls über¬ 
schätzen dürfen. Denn wie hier die Landschaften und Bildräume gestaltet 
sind, kann — wie gezeigt — auch aus der deutschen Tradition ohne fremde 
Anregungen abgeleitet werden. Vielleicht wird man, wenn das Material 
vollständiger erfaßt ist, in der südwestdeutsch-oberrheinischen Buchmalerei 
der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts verschiedene Richtungen nebenein¬ 
ander erkennen. Neben Werken, in denen das XIV. Jahrhundert vermischt 

1 ) Hiezu die genaue Untersuchung bei Brandt a. a. O. S. 72 ff. 

*) Diese Ansetzung unterstützen einige Jahreszahlen, die sich in den rückwärtigen 
Teilen der Handschrift befinden: fol.39 r : 1449» 59 v : 1449 » 70 r : 1451. Freilich ein ent¬ 
scheidendes Kriterium können diese Angaben schon deshalb nicht sein, da diese Teile 
von anderen Händen geschrieben sind. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, müßte 
man doch mit Abständen von Jahren zwischen den einzelnen Teilen rechnen. 

•) Brandt a. a. O. S. 145 ff., Taf. XVI. 

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mit verschiedensten neuartigen Anregungen und Einflüssen — französischen 
und böhmischen — nachklingt wie in der Toggenburger Bibel des Berliner 
Kupferstidikabinettes, 1 ) neben Werken ausgesprochenen Schreibstubenstiles, 
wie sie aus der elsässischen Werkstatt von 1418 hervorgingen, 2 ) stehen zwei 
Gruppen, von denen die eine jene besprochenen Werke in Basel, Wien und 
die Rosenthalschen fünfzehn Zeichen, die andere französisierende: das Jeroni- 
mianum des Johannes Andree in Karlsruhe, cod. Aug. XL VIII, 8 ) Boners Edel¬ 
steine in Basel, Universitätsbibliothek A. N. III. 17 4 ) und den in seiner Bedeu¬ 
tung noch nicht erkannten Cyrill in München cod. lat 3801 umfaßt. Die Vorbilder 
für diese Handschriften müssen im Kreise des Jacques Coene gesucht werden, 
etwa in Werken wie dem Livre de la Chasse (Paris, Bibi. Nat ms. fr. 616), 
dem Livre des Merveilles du monde (Paris, Bibi. Nat ms. fr. 3810), den Heures 
du mar^chal de Boucicaut (Paris, Bibi. Nat ms. fr. 23379), den ersten Blättern 
der Antiquites et Guerre des Juifs de Josephe (Paris, Bibi. Nat ms. fr. 247), 
dem Livre d’heures der Bibi. Mazarine ms. 469 und dem Livre d’heures in 
Brüssel ms. 10767 und 11051. Die französischen Quellen sind eleganter und 
schärfer in der Beobachtung, doch handelt es sich in dieser Hinsicht nur 
um graduelle Unterschiede, denn die für sie bezeichnende Naturgläubigkeit 
und die Freude an einer aus hunderterlei Kleinigkeiten sich zusammen¬ 
setzenden Welt 5 ) das haben sie diese oberrheinischen Handschriften gerade 
gelehrt. 

Daß auch im Urbarbuch einzelne französische Einflüsse wirksam sind, soll 
nicht bestritten werden, allein sie bestimmen nicht die Physiognomie, die 
Vorstellungsweit dieser Handschrift und ihres Malers ist von Grund auf eine 
andere. Noch geringer ist ihre Bedeutung in den Miniaturen der fünfzehn 
Zeichen; an einer Stelle aber sind sie unerkennbar. Das Weltgerichtsbild fällt 
mit seiner eleganteren Formbehandlung und der zarteren Beseelung der 
Figuren aus der Reihe der übrigen Blätter heraus. Die Falten des Mantels 
Christi sind weicher, gleitender. Die Komposition ist ausschließlich in der Fläche 
gedacht Die Andersartigkeit und dazu Altertümlichkeit des Blattes erklärt 
sich, wenn man ein französisches Vorbild aus der Zeit um 1400 etwa von der 
Art des letzten Bildes im Livre de la Chasse: Gaston Ph^bus vor Gottvater 


! ) Brandt a. a. O. S. 58 ff. 

*) Brandt a. a. O. S. 59. Wegener, H., Bilderhandschriften des späten Mittelalters in 
der Heidelberger Universitätsbibliothek. 1927. S. uff. 

*) Wingenvoll und Gröber in Schau ins Land XXXVI (1909) S. 21. Brandt a. a. O. 
S. 62. Escherich, M., Konrad Witz (Studien 183). Straßburg, 1916. S. 66. Escher, Minia¬ 
turen in Basler Bibliotheken S. 126. 

4 ) Escher a. a. O. S. Ii5ff., Taf. 36—42. Escher in Basler Zeitschr. für Geschichte und 
Altertumskunde XIV S. 304. 

*) Weese, A., Skulptur und Malerei in Frankreich vom 15. bis 17.Jahrhundert. S. 98. 


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knieend, annimmt 1 ) Hier findet sich die gleiche Gewand- und Faltenbehand¬ 
lung, die gleiche Art eine Nase zu zeichnen, die Figuren sich bewegen zu lassen. 

Eine jüngere, zu der von der Daniel-Vision ausgehenden Reihe gehörende 
Handschrift ist die der vierundzwanzig Alten in Heidelberg von 1457 (Uni¬ 
versitätsbibliothek, cod. Pal, Germ. 332).*) Auch sie vermag die Datierung der 
Rosenthalschen Handschrift auf die vierziger Jahre zu stützen. Das allein hier 
in Frage kommende, in Deckfarbenmalerei ausgeführte Bild des Johannes auf 
Patmos (fol. 5 V ) hat Brandt mit der Kunst des Konrad Witz in Verbindung 
gebracht Zweifelsohne steht es diesem sehr nahe und entfernt sich damit 
gleichzeitig von unserer Handschrift Vor allem unterscheidet es sich von ihr 
durch die „nackte Härte des Tastbaren”. Die Natur ist in den fünfzehn Zeichen 
immer in einer weicheren und farbigeren Atmosphäre gesehen. Die Bilder 
erfüllt stets eine gewisse malerische Fluktuens, mag auch die Plastik der 
Formen so stark wie auf dem Sterben der Menschheit betont sein. Die Ge¬ 
sichter sind nie so metallisch, die tupfend aufgetragenen, modellierenden 
Pinselstriche geben ihnen eine Weichheit und eine Beweglichkeit des Aus¬ 
drucks, die Witzschen Figuren wie auch dem Heidelberger Johannes völlig 
fehlen. Verglichen mit diesem sind die Menschen der fünfzehn Zeichen un¬ 
endlich beseelter. Gemeinsam haben sie unmittelbar letztlich nicht viel mehr 
als die großen ungeformten Hände. Was sie sonst verwandt macht, ist be¬ 
dingt in der zeitlichen und räumlichen Nähe ihrer Entstehung. 8 ) 

Was an Witz denken läßt, sind nicht stilistische Übereinstimmungen, son¬ 
dern die Gesinnung der Bildgestaltungen. Könnte man aus der malerischen 
Gestaltungsweise Witz gegenüber auf ein höheres Alter des Meisters der 
fünfzehn Zeichen schließen, in der Größe der Bildanschauung ist er ihm 
in der Tat nahe verwandt Seine Art ein Bild aufzubauen, ist nicht die Art 
eines gotischen Buchmalers. Es ist wohl tief in seiner Kunstanschauung be¬ 
gründet, wenn er sich noch mit altertümlichen Landschaftsrequisiten begnügt 
Die Naturerfahrung an sich gilt ihm nichts, das Motiv ist ihm nur als kom¬ 
positorischer Wert bedeutsam, sei es als Farbträger in Landschaftsräumen, sei 
es als plastischer Wert in figürlichen Kompositionen wie in dem Bilde des 
Sterbens der Menschheit Wie in diesem die Figuren in die Fläche und zu¬ 
gleich in den Tiefenraum gefügt sind, wie die Frau die Ecke füllt, die anderen 

*) Hrsg, von Omont in Reproductions de Manuscrits et Miniatures de la Biblio- 
theque Nationale. Paris, Catala. Taf. 90. 

*) Brandt, H., Eine Bilderhs. aus dem Kreis des Konrad Witz. Monatshefte fiir 
Kunstwissenschaft VI (1913) S. 18. Brandt a. a. O. S. 193. Burger-Sdimitz-Beth a. a. O. 
S. 498. Wegener a. a. O. S. 53. 

*) Und ebenso wenig lassen sich überzeugende Beziehungen zu den Miniaturen der 
Hss. der Vullenhoe-Gruppe, etwa dem Brevier Friedrichs ze Rhin der Basler Universi¬ 
tätsbibliothek A. N. VIII. 28 u. 29 erkennen. Vgl. Escher in Basler Zeitsdir. XIV (1915) 
S. 279; Esdier, Miniaturen S. 144ff., sonderlich 150ff. Brandt a. a. O. S. 153, Taf. XVII 


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parallel oder in konsonanten Winkeln dahinter geschoben, lehrt, wie elementar 
rechnend er seine Bilder aufbaut Die Gesetze der Buchmalerei sprengen 
diese Landschaftsbilder und figürlichen Darstellungen; sie binden sich nicht mit 
der Schrift, verlangen keine Ranken, sondern sind in sich geschlossene selb¬ 
ständige Bilder. Sowohl neben den lavierten Federzeichnungen wie neben 
Miniaturen von der Art des Basler Boner oder des Jeronimianum, deren 
französischer Einschlag sich gerade auch darin dokumentiert, erscheinen die 
fünfzehn Zeichen wie nur zwangsweise in Oktavformat Im Grunde sind sie 
nicht als Miniaturen, sondern für einen wesentlich größeren Maßstab konzipiert. 


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DIE ÄLTESTE BRIEFSAMMLUNG DES 
GASPARINUS BARZIZZA 


VON LUDWIG BERTALOT 

Am 9. September 1441 schrieb der herzogliche Sekretär und Professor Guini- 
j_\jfortus Barzizza in Mailand dem 20jährigen Vittorinoschüler Gianlucido 
Gonzaga in Mantua: 

Cum pro singulari in illustrissimum principem et excellentissimum mardiionem 
patrem tuum deuotione mea tibi deditus sum, tum excellens ingenium ac prope 
diuinum, quo te praeditum et ex Guilielmo tuo Sala saepius audiui et ex tuis 
ad eum epistolis ipse cognoui, tui me studiosum atque obseruantissimum reddit. 
Hunc in le animum, quoniam praesenli datum non est, absens eo uno sequor 
genere officii quod honestissime conferre possum. Nam quid vel te magis eaepectare 
ex me adhuc intellexi quam patris mei Gasparini philosophi ac rhetoris orationes 
aut epistolas vel tuis ego studiis aptius afferre quam id quod expetis me posse 
sperabo? Neque enim is mihi videris qui ad virtutes sublimi principe dignas, ad 
praeclarissima bonarum artium studia, ad excelsas res appetendas monitore egeas , 
cum et natura innatus ad hoc tibi Stimulus videatur, et ab ipsis usque incunabulis 
ita institutus sis, ut nihil non honestum, non magnificum, non amplissimum cogites. 
Neque is ego sum qui, cum tibi obsequi debeo, ipse me praeceptorem praebere velim. 
Quando itaque neque aliud est quod longiorem epistolam desideret neque meo in - 
genio parta ulla studiorum suppellex mihi succurrit quam tibi suppeditem, et bre- 
uior in scribendo fio et in hereditaria bona inieci manus atque in ea quidem quae 
tibi accommodatissima fore arbiträrer . Epistolas enim complures exercitationis 
gratia pater meus olim ediderat, quarum etsi pars maxima nescio quorum mali- 
gnitate periit, tarnen quae asseruatae fuerunt tantam suauitatem in se habent, ut 
magnam delectationem earum lectio afferre possit, tantum sucum, ut nemo tarn 
ieiunus atque inops in dicendo sit, qui non breui se refectum, si auide hauserit, 
atque ditatum sentiat, nemo in rebus agendis tarn nouus atque ineaqaertus, quem 
non prudentiorem ad quaeque tractanda, siue publica siue priuata, siue pacis siue 

Es war mir eine hohe Befriedigung, vor mehreren Jahren im statdichen Vorrat von 
Renaissance-Handschriften des Antiquariats Jacques Rosenthal in München, Brienner- 
straße 47, das Epistolar eines Humanisten zu finden, der seit langem meine besondere 
Aufmerksamkeit geweckt Die Einladung der Herren Rosenthal, ihren codex der Epistolae 
familiäres des Gasparinus Barzizza in den „Beiträgen zur Forschung” zu bearbeiten» 
war mir willkommen, und ich empfinde es dankbar, daß der Rahmen der Sammlung 
in diesem Fall der Wissenschaft und mir zulieb weiter als sonst gespannt wurde. 


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belli, siue quietis siue negocii se obtulerint, ac velut exercitatum, si familiäres eas 
habuerit, accessurum affirmare audeam . Has in codicillum, si non omate ac spien - 
dide, quantum decuisset, fideliter certe, quantum et librarii diligentia et mea cura 
valuit, redactas ex Guilielmo tuo meo nomine accipe, munus quidem, si corticem 
inspicias, parum idoneum dignitate tua, si medullam gustaueris, non insuaue 
(opinor) futurum. Id quo tibi gratius erit, eo magis tua causa gaudebo. Quod si 
et meum , ab quo proficiscitur, deuinctissimum tibi animum acceptum fuisse cogno - 
uero, immortales tuae humanitati gratias debebo. Vale et illustrissimo principi 
marchioni excelso patri tuo me dede. 1 ) 

Guinifortus Barzizza ließ also durch Wilhelm Sala einem mantuanischen 
Prinzen ein gutes Exemplar der Übungsbriefe seines Vaters (soweit sie sich er¬ 
halten hatten) als Zeichen der Wertschätzung und Ergebenheit überreichen. In 
denselben Tagen empfing ein anderer junger päpstlicher Protonotar, Theodor 
von Montferrat, die gleiche Gabe*) aus Salas Hand; das fast gleichlautende 
Widmungsschreiben bezeichnet sie als epistolas quamplures exercilationis gratia 
ad omnem artis rationem accommodatas, quarum pars maior nescio quorum 
malignitate periit (codex Paris lat 7059 f. 45). 

Die Musterbriefe sind Gasparinus Barzizzas verbreitetstes und durch die Gel¬ 
tung eines Jahrhunderts sein dauerhaftestes Werk. 8 ) Nachdem sie als Vorbilder 
reinsten ciceronianischen Stils ihren Verfasser in Italien um ein volles Menschen¬ 
alter überlebt hatten, spielten sie nördlich der Alpen nach dem Pariser Erstdruck 
(1470) diese Rolle als epistolographisches Lehrbuch noch ein halbes Jahrhun¬ 
dert fort. Eine Textlücke (Furietti S. 317) mahnt, daß die Ausgabe 4 ) nicht ohne 
Störung erfolgt sein mag. Nun erzählt der Sohn Guinifortus von böswilliger 
Verstümmelung und Unvollständigkeit des bewunderten Buches. Daß diese Ver¬ 
lustnachricht, so befremdend sie klingt, wohlbegründete Familientradition ist, 
lehrt codex 519 der Jagellonischen Bibliothek in Krakau, dessen Anfang, Ciceros 
partitiones oratoriae, Dominicus de Bayardis aus Fermo am 15. November 1414 
in Konstanz durchkorrigierte, dessen Kern ein teils diplomatisches, teils lite- 

l ) Handschrift II HO der Biblioteca Comunale in Ferrara Bl. 76 nach einem von 
Commendatore Fava geschenkten Lichtbild. 

*) Die captatio benevolentiae hat sich gelohnt. In den auf Filippo Maria Viscontis Tod 
(1447) folgenden Wirren fand Guinifortus Barzizza Zuflucht bei Johannes Palaeologus. 

') Die Handschriften sind sehr zahlreich; z. B. kenne ich in der Ambrosiana, in der 
Marciana, in der Bibliotheque Nationale je 3 Exemplare Den im Gesamtkatalog der 
Wiegendrucke (III 1938, Nr. 3675—3689) verzeichneten Incunabeln folgten nur noch wenige 
Drucke, zuletzt die Ausgabe Furiettis: Gasparini Barzizii Bergomatis et Guiniforti filii 
opera, Romae 1753, 1 , S 220- 336. — Einzel überlieferte Musterbriefe sind ziemlich selten. 
Die Briefpaare 150—1 144—5 (Furietti 326 —7 323—4) haben im Epistolario di Guarino 
Veronese n. 946 C-F (ed. Sabbadini II 1916,688—690) eine unverdiente Erneuerung erfahren. 

4 ) Ich kenne ihren Zeitpunkt nicht. Der älteste mir bekannte codex, Balliolensis 132 
von 1435 * hatte natürlich Vorgänger. Darauf deutet auch das epistolario di Gaspare Bar - 
zizza in einem Bücherverzeichnis von 1427 (vgl. II libro e la stampa 1907, S. 153). 


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rarisches Bologneser Zibaldone und dessen Schluß ab Bl. 130 epistole tulii bilden, 
welche sich als Barzizzas Musterbriefe in primitiver, von der Vulgata ganz ab¬ 
weichender Fassung, Anordnung und Zahl (nicht Briefpaare, sondern lange Reihe 
von 250 Einzelbriefen) entpuppen. 1 ) Gewiß ein merkwürdiger Fall, daß ein pol¬ 
nischer Konzilsteilnehmer den Urtext des Buches eines italienischen Professors 
konserviert, der dem Verfasser selbst abhanden gekommen. 

Da das vermeintliche Meisterwerk des Bergamasker Scholarchen uns heute 
keine Bewunderung mehr abnötigt,*) so buchen wir den Krakauer Fund vor¬ 
nehmlich aus antiquarischer Gewissenhaftigkeit und nicht als Gewinn an sich. 
Wir teilen kaum das Bedauern des Guinifortus über den angeblichen Verlust 
von 100—200 Stilübungen seines Vaters. Vielmehr bedauern wir, daß der Sohn 
der Erhaltung und Ordnung der wirklichen Briefe des Vaters nicht ähnliche Sorge 
gewidmet wie seinen eigenen minderwertigen Produkten, und daß Gasparinus 
selbst die Sammlung seiner Epistolae familiäres sich nicht mehr hat angelegen 
sein lassen. Aber wir buchen als Gewinn, daß das Antiquariat Jacques Rosenthal 
der Forschung einen neuen bedeutsamen codex dieses Briefcorpus vorlegt, es in 
seinem weiteren Bereich beleuchten und über die gesamte epistolographische 
Produktion Barzizzas berichten läßt 8 ) 

Da weitaus die meisten Barzizza-Briefe der Jahresangabe ermangeln, sind die 
wenigen. Handschriften mit bestimmter oder bestimmbarer Zeit der Niederschrift 
von doppelter Bedeutung. Drei solche aus der Zeit des Autors sind erhalten. 

Codex Vaticanus lat. 52 23, um 1410 für Donato degli Albanzani in Fer¬ 
rara geschrieben, enthält Bll. 85—93 als Nr. 62—75 14 von Padua nach Venedig 
gerichtete Briefe Barzizzas in guter Empfänger-Überlieferung: I Brief an Zacharias 
Trevisanus, 2 an Daniel Victurius, 4 an Laurentius Bontius, 7 an Andreas Juli¬ 
anus. 4 ) — 6 der letzteren stehen kompakt in einer Sammlung von 17 Barzizza- 
Briefen an A. Julianus in Basel cod. Inc. 581 und Paris lat 16594. Einen (Brief¬ 
text 11) hat der Empfänger also vom späteren vollständigeren Corpus ausge¬ 
schlossen, und zwar gerade den interessantesten, weil er die Freunde nicht in 
der Toga auf Ciceros Spuren, sondern als Genießer in Bacchus* Gefolge zeigt. 

*) Die ersten 70 Briefe entsprechen den ungeraden Nummern der Druckausgaben des 
Briefstellers, während deren Antworten, die geraden Nummern, in Krakau fehlen. — 
Von den 180 der Vulgata fehlenden, nur im Cracoviensis überlieferten Musterbriefen 
ist mir ein einziger anderwärts begegnet: der Beileids- und Trostbrief Bene de te iudico 
cum in hiis que tibi durissima acciderunt .. (nämlich gleichzeitiger Verlust von Vater, 
Brüdern, einem Sohn und eigene Verbannung) in Krakau f. 156* ist in Würzburg M ch F 60 
f. 142 irreführend Oracio Gasparini pergamensis lamentosa ad filium suum überschrieben. 

*) Hätte der Humanismus nichts Besseres geleistet und wäre er nicht über Barzizza 
hinweggeschritten, so wäre er wirklich der Totengräber der lateinischen Sprache ge¬ 
worden, wie Eduard Norden zu Unrecht von ihm behauptet 

*) Mitteilungen aller Art haben L. Frati-Triest, Dean P. Lockwood-Haverford, Vit- 
torio Rossi-Rom beigesteuert, besonders wertvolle R. Sabbadini-Pisa. 

4 ) Tabelle Casinis in Propugnatore N. S. I 2 (1888) 319-320. 


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Wenig jünger, spätestens 1414, vielleicht in Bologna, sicher nach oberitalie- 
nischen Quellen geschrieben, ist der Codex Cracoviensis 519, der auf B 1 L 
83 t —106 außer einigen Reden Barzizzas 35 (und vielleicht mehr) seiner Briefe 
und 2 an ihn gerichtete enthält Alle sind anonym und ohne Datum, somit offen¬ 
kundig nur als Stilmuster kopiert, 2 erscheinen unter dem Namen des Johannes 
Campianus aus Noto in Sizilien, der sich durch dies plumpe Plagiat als Urheber 
oder wenigstens als entscheidend mitwirkend bei der Entstehung der epistolo- 
graphischen Sammlung verrät 1 ) — 12 Barzizza-Briefe und noch weitere Ano¬ 
nyma hat der Cracoviensis gemeinsam mit dem ersten Achtel des codex III 64 
der Biblioteca Nazionale in Florenz (Magliab. VI 144). 

Diese frühen und alle späteren Barzizza-Brief-codices überragt an Bedeutung 
die Ende 1425 vom Procurator Damian Gallinetta aus Pola*) in Padua geschrie¬ 
bene Sammlung 132 des Balliol-College in Oxford. Von ihren 146 Nummern 
(vgl. das Inventar S.35—44) sind drei (128,130,142) nur hier erhalten, zwei (15,87) 
Reden für andere, eine (122) ein Brief an Barzizza. In 4 Briefen (11, 43, 49, 127) 
ist der Schreiber des codex mit Namen genannt; er war also gewiß kein bloß 
mit der Hand arbeitender Kopist, aber doch nicht der Sammler. Der letzte Brief 
ist der jüngste, die Kopie im Ball(iolensis) nur 2 Jahre nach der Abfassung. Jeden¬ 
falls verbanden langjährige Beziehungen Damian mit dem Haus Barzizza; so 
lesen wir im codex Flor. Laur. Gadd. 90 sup. 116,3: Has expositiones Dantis super 
infemo secundum benuenutum de Immola emi ego damianus de pola die iouis 
ultima augusti 1424 a iohanne augustino de barziziis padue ducatos ll os auri et 
solui sibi . Ego tarnen non darem librum hunc pro ducatis sex auri . 

Die Nummern 1 —141 des Balliolensis von denen drei Dubletten sind (71, 
75 , 133), sind in ungleicher Vollständigkeit in noch 7 nicht daraus und nicht 
von einander abgeleiteten Handschriften des 15. Jahrhunderts überliefert: 

C = Oxford Bodleiana Canonic. misc. 225 = West Ms. 19701 122 B.-Briefe 

R = München Rosenthal 120 vom Jahr 1443, vom verstümmelt 114» w 


A = Mailand Ambros. H 49 inf..106 „ „ 

P = Paris Bibi. Nat Ms. lat 8634.102 „ w 

V = Rom Bibi. Vatic. Vatic. lat. 5126 f. 37 v —143.100 „ w 


M = Rom Bibi. Vatic. Rossi 377 f. 2^23 vom Jahr 1458 8 )... 99 „ w 
O = Oxford Bodl. Can. misc. 319 =West. Ms. 19795 verstümmelt 80 „ „ 

l ) Wir sind versucht, im literarischen Dieb den faktischen Dieb zu sehen, der unserm 
guten Meister Gasparin seinen Briefsteller gestohlen. Auch an der Überführung des 
Crac(oviensis) nach Konstanz mag Campianus beteiligt gewesen sein; vgl. seinen aus 
Bologna dorthin gerichteten Brief Nimium rare . . in London Harley 2268 f. 64 = München 
lat. 5369 f. 92. (Diese Handschrift ist Campianus’ Epistolar); vgl. S. 8. 

*) Vgl. A. Segarizzi, Per Damiano da Pola in Scritti storici in memoria di Giovanni 
Monticolo, Venezia 1922, S. 277-9. 

•) Die ersten B.-Briefe hat L. V. ord. praedic., der Eigentümer des codex, geschrieben, 
wohl Leonardus Matthaei, vulgo de Utino; vgl. Hurter, Nomenclator II* 1906, 887. 


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Alle diese Handschriften stimmen im Kern überein und weichen in der Einzel¬ 
folge von einander ab. 1 ) Jede hat ihre Vorzüge und interessanten Besonderheiten. 
Wir möchten keine missen; so vortrefflich ergänzen sie sich z. B. in den Daten. 
Denn Ball, läßt trotz bester Herkunft, hohen Alters und unübertroffener Reich¬ 
haltigkeit genug Fragen ofiFen, auch die wichtige Frage des Umfangs. — Ist es 
Zufall, daß die Briefe von drei oder vier Handschriften eine Zenturie bilden? 

Eine Sammlung dieses Umfangs ist ohne Mitwirkung des Verfassers kaum 
denkbar. Sie fällt ihrem Inhalt nach zwischen die beiden Mailänder Aufenthalte 
Barzizzas, also in seine Venetianer und Paduaner Periode (1408—1420) und ist 
als Paduaner Arbeit anzusprechen. Über 100 Briefe sind aus Padua datiert, nur 
3 aus Venedig.*) Die starken Abweichungen der Überlieferung (in der Reihen¬ 
folge, nicht im Bestand), der fragmentarische Charakter einiger Texte, den ich 
nicht auf Konzeptüberlieferung zurückführen möchte, und verschiedene Unge¬ 
reimtheiten zeigen, daß das Briefcorpus ohne geordneten redaktionellen Abschluß 
vorzeitig ans Licht gebracht worden ist 

Der gleichlautende Titel der Handschriften C (Bodl. west ms. 19701) und M 
(Rossi 377) Gasparini Barzizii pergamensis oratoris clarissimi epistolarum fami- 
liarium liber und die ähnliche Unterschrift des codex Rosenthal deuten auf eine 
zum Zweck der Veröffentlichung veranstaltete Sammlung. Damit trifft ihren ganzen 
Bestand der Verdacht der Überarbeitung. Erwiesen ist sie nur in wenigen Fällen. 
Originalfassung nach Riccard. 779 Überarbeitung nach Ball. n. 129 

f. 140 r und Cons. 

Gasparinus Pergamensis Gasparinus M. p. s . (so Paris lat 16594) 

nobilissimo viro Marco Dandulo s. p. d. Audio ab his qui de urbe tua frequen- 
Diligo te plurimum tuo merito et tuam tes ad nos veniunt, pestem illam quae 

amicitiam tanti facio, ut de tua salute iam dudum patriam tuam afßigere cepit, 

cogar non minus quam de mea sollicitus magis ac magis in dies augeri . Quare, si 

esse . Audio enim ab his qui de urbe tua me satis audies, nulla res tanta erit quae 

ad nos veniunt pestem illam quae du- tuum discessum remoretur, non etiam si 

dum lenta fuit, magis atque magis in te res ipsa publica retineret. Sunt enim 

dies augeri multosque ciues tuos quibus deo gratias illo in senatu multi patres 

vita carior est, veile opes iam suas et se homines grauissimi atque sapientissimi 

inde subducere. Qpare, si me satis au- qui per se ipsos possint vestram amplis- 

dies, nulla res tanta erit, quae tuum dis- simam dominationem suo consilio re- 

cessum remoretur, etsi ipsa te respublica gere et propter eam aetatem in qua sunt 

retineret Sunt enim deo gratias illa in minus huiusce morbi vim timere. Tibi 

*) Als Beispiel diene eine Konkordanztabelle der Mailänder Hs. Ambros. H. 49 in£ 
Bll. I — I3 r = Vatic. lat 5126 f. 72 v —100. Bll. 1 — 22 = Rosenthal f. 25 — 58 (mit 2 Ab¬ 
weichungen). Bll. 25 —33 = Canon. 225 £ l -6 = M (Rossi) £ 2 - 6 *-. Bll. 32 v -38 = Paris 
8634 f- 114 — 124. Bll. 40-52 = Paris £ 124^ — 142 

Ä ) Ausnahme in jeder Beziehung ist Nr 80 aus Zara (vgl. S. 33; wird bald anderwärts 
ediert). Der letzte Brief des Ball, aus Mailand gehört nicht zum Corpus. 


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vero longe alia conditio est. Nam et eum 
aetatis cursum tenes, ut non diu ibi 
possis sine magno periculo esse, et ipsa 
respublica id potius a te uelit, ut vitam 
tuam incolumem ad meliora tempora 
serues, quo te diutius frui possit, quam 
hoc praesenti maiori cum periculo tui 
quam commodo sui opera tua uti. Con- 
serua itaque te ipsum quantum potes et 
patriae et tuis et omnia pro tua salute 
posthabeas. Amo enim te plurimum et 
tuam amicitiam ita caram habeo, ut de 
te non minus possim esse quam de me 
ipso sollicitus. Qpod nisi esset, hoc certe 
animo neque his ad te verbis scriberem. 
Multa sunt praeterea quae tuam prae- 
sentiam Optant. Nam T. 1 noster videtur 
aliud vitae genus quam litterarum ocium 
spectare. Si adesses, puto aliquid inter 
nos de hoc adolescente commentaremur, 
quod in sua re esset et utrique nostrum 
gratum. Ad quam rem pluribus verbis 
te hortarer, nisi te iam esse in naui spe- 
rarem. Fac valeas, Marce mi egregie, et 
cito ad nos aduola. l paulus Paris 16594. 

Den Stempel der Autorenüberlieferung trägt das letzte Dutzend des Paduaner 
Briefcorpus, auf das man den treffenden Titel von Vatic. lat 5126 f. 134 Rerum 
uariarum ad franciscum zabarellam Gasparini pergamensis epistolarum liber 
übertragen möchte und das sichtlich ein corpusculum für sich bildet, in der Durch¬ 
führung der Singularform der Anrede. Ein Philologe duzt einen zur Eminenz 
emporgestiegenen Universitätskollegen nicht, wenigstens nicht in bei aller mar¬ 
kierten Vertraulichkeit feierlichen Briefen. Den dokumentarischen Beweis dafür 
liefert zum Überfluß ein konventioneller demütiger Dankbrief außerhalb der 
Paduaner Serie Gasparinus Pergamensis Francisco Zabarellae. Nisi magnitudo 
tuorum in me beneficiorum .. (Crac. 519 f. 96 v , Basel Inc. 581, Paris 16594 f* 75 )» 
der im Rosenthalschen Zibaldone Padovano 162 f. 6 r , Mailand Ambros. P4 £ 35 , 
München lat 5369 f. 37 r , in einem Prager und zwei Würzburger Codices durch¬ 
gängig die ursprüngliche Pluralanrede zeigt. Nr. 133 hat im Ball., Vatic. 5126 und 
Ambros. P 4 eine von der großen Mehrheit der Handschriften abweichende Fas¬ 
sung. Nr. 142 ist eine nach Florenz gerichtete und entsprechend variierte Dublette 
des nach Bologna gerichteten, die Vulgata darstellenden Briefes 139. 


republica atque senatu multi patres qui 
propter aetatem in qua sunt securius 
hoc tempore et corpore et animo in re- 
bus agendis versari possunt quam tu 
qui, cum teneas medium aetatis cursum, 
non potes sine summo periculo ibi esse. 
Serua te, Marce mi insignis, et patriae, 
quae certe te vult esse incolumem, et tuis 
quibus tua salus plus quam tibi ipsi est 
non solum utilis sed etiam necessaria. 
Multa sunt praeterea quae praesentiam 
tuam desiderant. Nam Thomas noster 
videtur ad aliud genus vitae quam litte¬ 
rarum ocium spectare. Si adesses, ali¬ 
quid inter nos de hoc nostro adolescente 
commentaremur, quod in sua re 1 esset et 
utrique nostrum gratum. Ad quam rem 
pluribus verbis te hortarer, nisi te iam 
esse in naui sperarem. Fac valeas, Marce 
mi egregie, et tuum ad nos accessum 
matura. Vale. 

1 republica cod. Ricc. 


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Meiner aus dem Titel Epistolarum familiarium liber gezogenen Folgerung 
widersprechen freilich zwei Briefe durch ihren Inhalt Nr. 128 ist gar wenig für 
die Öffentlichkeit geeignet; denn, wenngleich im Epistolar die barzizzianische 
Familienwäsche ohne Scheu gewaschen wird, einem venetianer Patrizier gegen¬ 
über galt das Gesetz der Diskretion, und die Weglassung der Adresse oder Gru߬ 
formel verhüllte die Indiskretion nur unvollkommen. Ebenso war der akephale 
Brief 80 höchstens zur Zirkulation im engsten Kreis bestimmt; er ist nach Sabba- 
dinis scharfsinniger Kombination von Zacharias Trevisanus, dem venetianischen 
Podesta von Zara, an Ognibene Scola in Padua gerichtet Der ungewöhnlich inter¬ 
essante Text war 1410 dort hochaktuell; das hohe Lob des neuen Pontifex 
Johannes XXIII mochte damals gelten, io Jahre später, als das Paduaner Corpus 
entstand, wirkte es als Anachronismus. An der dem Forscher von heute will¬ 
kommenen Einreihung dieser Extravagante in die Barzizza-Serie ist dieser selbst 
gewiß unbeteiligt Denn der Mantuaner und der Bergamaske waren Rivalen 1 ) 
an der Paduaner Universität. Ognibene erscheint nicht in Gasparins Briefen, und 
nach seiner Ächtung durch die Venetianer Behörde 1414 hatte der ängstliche 
Professor einen Grund mehr, ihn davon auszuschließen. Und wenn die Epistolae 
familiäres Blüten der epistolographischen Kunst sammeln sollten, so durfte man 
darin nicht de retro pontificibus schreiben. — Hier ist der Finger auf zwei weitere 
Briefe zu legen: Nr. 18, in seinen Beziehungen höchst unklar, wohl dem Stil, 
aber nicht dem Inhalt nach zu Barzizza passend, könnte von ihm für einen lom¬ 
bardischen, nach Padua verschlagenen Landsmann (Offizier) verfaßt sein. Nr. 31 
stimmt nicht recht zu Denk- und Schreibart Gasparins. 

16 mit Adressen an II verschiedene Personen versehene Briefe sind über das 
ganze Corpus verstreut und mögen Empfängerüberlieferung darstellen. Sicher 
ist das aber nur bei den 3 Briefen an Petrus Thomasius, den man als Sammler 
dieser Art kennt. 2 ) Die Erhaltung und Verbreitung des Briefes 103 wird man trotz 
Adresse schwerlich auf Rechnung der Empfänger setzen. So ist es auch beim 
restlichen Dutzend nicht ganz ausgeschlossen, daß die Originale vor der Ab¬ 
sendung in allen Teilen im Haus Barzizza kopiert wurden. Vom Verdacht der 
Stilisierung sind diese 16 Briefe natürlich frei. Die Frage mit ihren Konsequenzen 
hat in unserem Fall nicht entfernt die Bedeutung wie etwa beim Epistolar Enea 
Silvios entsprechend der bescheidenen Sphäre, in der das Leben unseres kinder- 
und sorgengesegneten Philologen verlief. Nach dem spärlichen Vergleichsmaterial 
zu urteilen, waren die vorgenommenen Veränderungen nicht tiefgreifend und 
hauptsächlich von stilistischen Erwägungen diktiert Immerhin sollte der Benutzer 
von Furiettis Ausgabe nie vergessen, daß dieselbe vorwiegend auf dem Paduaner 
Corpus und nicht einmal auf seinen besten Vertretern beruht, und daß allerlei 

l ) Die Rivalität ist uns nicht hinreichend klar. Cessi (Archivio storico Lombardo 1909 
II, in) scheint sie, irregeführt durch ein trügerisches Dokument, zu übertreiben. 

f ) Vgl. Emst Walser, Poggius Florentinus, Teubner 1914, 454 f. 


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Interpolationen — die meisten Jahreszahlen gehören dazu — sich darin finden« 

Nächst der Paduaner Sammlung ist der Florentiner cod. Riccard. 779 
der wichtigste, dessen 60 Barzizza-Briefe zu einem erheblichen Teil einzige Über¬ 
lieferung in reinster Textverfassung sind; die verhältnismäßig wenigen Briefe 
aus dem letzten (Mailänder) Jahrzehnt unseres Professors sind darunter und 
unsere Texte 18, 30, 39, 42, 43 (= Ricc.). 

Ein um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandener ungemein reichhaltiger 
Beccadelli-codex aus Vercelli (= Verc.; in Privatbesitz) bietet 34 Barzizza-Briefe, 
von denen die ersten 16 aus dem Paduaner Corpus abgeleitet sein dürften 
und 15 im cod. Harley 2 368 des British Museum (=Harl.) wiederkehren; 
letzterer zeigt deutlich den trüben Einfluß des Sizilianers Johannes Campianus. 1 ) 

Manuscrit latin 16594 der Bibliotheque Nationale f.73—97 mit 
53 Briefen vereinigt die Korrespondenz an seine venetianer Verehrer, darunter 
unsere Texte 1,2, 5 — io, 13,14,16, 21, 22, 47, offenbar Empfänger-Überlieferung; 
vorangehen Briefe an Papst Johann XXIII und Kardinal Zabarella, augenschein¬ 
lich Autoren-Überlieferung (= Par.). 2 ) 

Codex lat. XI 21 (3814) der Marciana in Venedig f. 14—38 überschrieben 
Incipiunt quedam epistole familiäres eloquentissimi oratoris Gasparini de barziziis 
pergamensis liefert 35 Briefe, darunter mehrere wichtige dem Paduaner Corpus 
fehlende Texte, so auch Ball. Nr. 143—6 (= Marc.). 

Anno 1452 kopierte Johannes Bemardus de Vallibus in Padua 9 Barzizza- 
Briefe in München lat 78 f. 135—8. Etwas älter ist die Aufnahme von 8 Briefen 
Barzizzas in Hans Pirckheimers rhetorisch-epistolographische Paduaner Antho¬ 
logie Arundel 70 in London, deren Ableger München Univ. 2° 607, Wien 3330 s ) 
und Prag Domkapitel GXX (1011) f. 315—451 sind. 

In der Würzburger Handschrift M ch F 68 f. 140—150 hat ein Deutscher 27 z. T. 
seltene Barzizza-Briefe kopiert, aber kaum einen verstanden (= Würzburg 68), 
darunter unsere Texte 10, 12, 40, 41, 52, 54. Ebenso paaren sich Seltenheit 
und Wert des Inhalts mit philologischer Minderwertigkeit im Codex Würzburg 
M ch F 60, dem wir die Texte 24, 27, 33, 53 entnehmen. In den 15 Barzizza- 
Briefen der Zwillings-Handschriften München lat 5350 und Salzburg S. Peter 
b IX 8 ist die schlechte Textqualität durch verfälschte Adressaten-Namen noch 
verschärft 


l ) Bl. 65▼ 66 r stehen 2 Briefe desselben Nunquam animo tarn sum turbatus quin.. 
und Cum multa cottidie ad me referantur de.. überschrieben Gas. pergamen. (in Verc 
f. 126 v —7 Idem) und davor Plinius Epist 1 1 mit derselben Überschrift. 

*) Eine andere Pariser Barzizza-Handschrift hat R. Cessi in Scritti varii in onore 
di Rodolfo Renier, 1912, 737 -9 inventarisiert (Ms. latin 5919B). 

*) Über diese Hss.-Gruppe vgl. Bertalot in Quellen und Forschungen aus italienischen 
Archiven und Bibliotheken hrsg. vom preuß. histor. Institut in Rom XX 1929, 335-9. 


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HANDSCHRIFT BALLIOL 132 
Dieser aus 206 Pergamentblättem bestehende Oxforder codex enthält meh¬ 
rere Schriften des Gasparinus Barzizza. Der Schreiber nennt sich am Ende der 
Übungsbriefe: Has epistolas Gasparini Pergamensis viri eloquentissimi scripsit 
Padue Damianus de Pola eductas ex corruptissimo exemplari, et compleuit die 
decima mensisNouembris 1425. DiePaduaner Briefsammlung füllt Blatt 88—141. 1 ) 

1 f. 88 r Gasparinus Pergamensis plurimam dicit salutem suo Lazarino Reste 
(Teste B). Gratulor tibi quod...aliquid referes. Vale semper sane. Furietti S. III —2 
und V datieren Patauii VIII kal. ian ., C III kal. ian., M 4 0 kal ian. 

2 f. 88 r Gasparinus Pergamensis dicit salutem suo Andree Iuliano. Quod omnes 
recte... accesserit. Vale. Für. in, C M V datieren Patauii XI kal ian. 

3 f. 88 G- P- d. salutem suo Danieli Victurio (uiclurino B). Nuper Lazarinus... 
carum habebis. Vale. Die Parallelhss. und Für. 113 datieren Patauii XI kal. ian. 

4 f. 88 v Quia michi onus familie...gracias habebo. Vale. Für. 114—-5. In ACM 
P V und Berlin lat 4 0 567 f. 62 T an Lodouico Bonifacio gerichtet und undatiert 

5 f. 88 v — 9 r G- P- Iohanni Chaudio p. d. s. Numquam patrem tuum conuenio ... 
poteris facere. Vale semper sane. Die Parallelhss. und Für. 204—5 datieren Pata¬ 
uii IX kal. iunias, Lucca 341 f. 90 v — 91 r kal. iun. 

6 f. 89 G- P- plurimam dicit salutem Lodouico Bonifacio. Si commentarii ... 
afficeretur. Vale semper sane. (Patauii idibus iunii CMO V). Gedruckt Text 45. 

7 f. 90 r G- P- p. d. s. Federico suo Parmensi. Recepi et litteras et munera...ex- 
hibeam. Vale mi Federice. Für. 212—3. A C M P V undatiert 

8 f. 90 Gaspar. Perga. Nycholao salutem dicit. Mitto ad te oracionem... extemam 
differas. Vale. Für. 149—151. ACMPV und London Arundel 70 n. 88 undatiert 

9 f. 90 T G- P- Facino Ventrarie salutem. Cupio maxime si...doctior in dies fiat. 
LondonHarley 2268 f.76 T ,JenaBud.4 0 I0 5 f.48,Vercelli f.l24,Wien 3160 f.2l8\ 

10 f. 90 v G- P- Nycholao filio salutem. Moleste fero quod.. .ipsam apperiat. Vale. 
Handschrift Vercelli f. 130, London Harley 2268 f. 7ö r . Gedruckt Text 28. 

11 f. 91 r G- P- Antonio Fantaxello doctissimo viro p. d. s. Damianus noster.. . 
uti possim. Vale. Für. 139. Mehrfach datiert Patauii VII idus dec. Basel F VIII 
18 f. I2 r , London Harl. 2492 f. 278, München 5350 f. 102, 5354 f- 354 r » *4*34 
f. 164 r , Stuttgart Poet et philol 4 0 40 S. 106, Vercelli f. 122 v , Wien 3160 f. 2I7 T . 

12 t 91 T G- P- salutem d. fratri Prosdoximo. Si nichil ad te.. .profuture sint. 
Vale. Für. 115—6. London Harley 2268 f. 71, Wien 3160 f. 217 v , Vercelli f. 132 
G- P- Marcho Veneto s. p. d. (irrig). 

13 f.gi v — 2 r Gasparinus Pergamensis Iohanni salutem. Expectabam litteras tuas... 
mittere. Vale et perseuera ut cepisti. London Harley 2268 f. 76 v , München lat 78 
f. I36 v , Vercelli f. I30 v G- p- Nicolao füio s.p. d. (irrig). Gedruckt Text 34. 

l ) Der Hauptteil liegt mir in Photographie vor. Herr J. R. S. Needham vom Depart¬ 
ment of Western Mss. der Bodleian Library gab mir unermüdlich Auskünfte über diese 
und andere Oxforder Hss.; ich stehe dafür tief in seiner Schuld. 


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14 f. 92 Ad Phylippum Mariam tercium ducem Mediolani Gasparinus Pergamensis. 
Gaudeo plurimum illustrissime ... me recommissum habe. Für. 151 — 3. Berlin lat 2 ° 
613 f.31, Bologna UB. 3720 f. 147 —8 r , Florenz Ricc. 779 f. 273, Bibi. Naz. II VII 4 
f. 93 » Prag UB. III G 18 (lat 543) f. I54 v — 5, Rom Vat Ottobon. 3021 f. 39, Troyes 
1531 f. 456» Venedig Marc, lat XI 21 (3814) f. 21, XI 102 (394<>) f. 22 v — 23 - 

15 f. 92 v —94 r G- P- pro summo interprete iuris ciuilis Seniorino Homodeo ad 
eundem ducem Mediolani. Quantum tue felicitati... bonorum omnium consules. 
Vale principum optime et me commendatum tibi habeas. Für. 36—39. Fava e Pel- 
lini, Humanae litterae I 1911,145—9. Bergamo A 5 16; Berlin lat 2° 613 f.3l T —32, 
Brescia Quirin. A VII 3 f. 145 v — 7; Einsiedeln 308 S. 4—7; Florenz Bibi. Naz. II 
I 64 f. 26—27» n Vm 129 f. 98 — 100, VI 134 f. 44 — 45 r » Ricc. 779 f. 65 v — 67 r ; 
London Harley 2268 f. 3 V —4; Mailand Ambros. L 69 sup. f. 229 v —232 r ; Paris 
59 i 9 b f- 63—64, 7808 f. 34 v —36; Prag III G 18 (lat 543) f. I 55 v —7 u. 203—5 r ; 
Oxford Bodl. Canon, misc. 217 f. 53, 360 f. 118—120; RomAngelic. 1139 f.83—84; 
Vatic.Ottobon. 1834 f.lo8 v —llo r , 2293 f- 44 ” 45 » 3021 f.40—41 r , Vatic. lat3910 
f. 18— I9 r ; Venedig Marc, lat XI 102 (3940) f. 23 v —25 r ; Wien 3160 f. 216—7 r , 
3281 f. 110 — 2 r , 3494 f* 39 » 4139 f- 8 T —9; Würzburg M ch f.6o f. 138*—140. 

16 f. 94 r Postquam Ferraria discessi ... procures. Für. II6. C M datieren Patauii 
17 ian. A P adressieren Erudito ac diserto viro magistro Facino pergamensi. 

17 f. 94 Gasparinus Pergamensis Nycholao füio salutem. Qpod (Qvot B) omnia 
perfeceris ... ac omnes nostros . In C M R V und Bodl. Canon, misc. ioi (19577) 
f. 254 v datiert Patauii V idusfebr. Für. 1 16—8. Venedig Marc. lat. XI21 (3814) f.37 

18 f. 94 v —5 r Magnifice comes et domine mi singularissime magnam leticiam... 
uidebitis. Valete. In den 8 Hss. des Paduaner Corpus ohne Überschrift; in A f. 33 v 
von alter Hand non est Gasparini. In Arundel 70 n. 87 f. loo r G- P- magnifico 
comiti Francisco [Carmagnolae] s. p. d .; nach dessen Abschrift Wien 3330 gedr. Sab- 
badini, Archivio storico LombardoXIII 1886, 565. London Harl. 3568 f. l66 v —7. 

19 f. 95 r Maximas habeo tue uirtuti ... recomendes. Vale et me ames. patauii VI 
kal. febr. In den Hss. ohne Überschrift Für. 214—5 adressiert Zanino Ricio. 

2° f. 95 r G- P- d. p. s. Federico Cornelio adolescenti patricio. Qpia uiatoribus no- 
stris ... negocium quam celerime a te conficiatur. Vale et me dilige. Text 26. 

21 f. 95 v A tergo . Insigni pho ac medico eloquentissimo Magistro Petro Thomasio 
fratri et amico. Gasparinus Pergamensis d. p. s. Petro Thomasio medico eloquen¬ 
tissimo. Qpod ad famam Guilgelmi nostri...ei amicum esse. Die Parallelhss. und 
Für. 191 — 2 datieren Patauii pridie kal. ian. 

22 G- P- Paulo gramatico ferrariensi d. p. salutem. Recepi non multis diebus... 
obsequi. Vale semper sane. M R V datieren Idibus iunii. Für. 199. 

23 f- 95 v — 96 Gasparinus Pergamensis p. d. s. nobilissimo comiti Lodouico Boni - 
facio homini primario. Qpo die reddite...minuit. Vale. Die Empfangerüberliefe- 
rung Bodl. Can. misc. ioi (19577) datiert Patauii VIII kal. ian. 1413 , widerlegt 
also Furiettis (118—120) freierfundene Zeitangabe. Rom Angelic. 1139 f. 103. 


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34 f- 96 v —7 r Gasparinus Pergamensis Nycholao et xpoforo filiis salutem. Si me tan- 

tum amaretis.. .fr ansmittet. Valete. Meist mit Datum und Adresse Patauii 17 ian. 
Studiosis iuuenibus Cristoforo et Nicolao Pergamensibus filiis dilectis. Für. 130—I. 

25 f. 97 r G- P- mille salutes adolescenti Comelio Federico patricio. Noli putare 
me tuum .. .longe antecedis. Vale. Patauii XIV kal. febr. Für. 153—4. 

36 f. 97 Etsi priusquam tue littere ... effici poterit. Vale. An Carolus Zenus. Für. 
154—5. Die Parallelhss. und Arundel 70 n. 82 datieren Patauii IV id. apr. 

27 f. 97 v — 98 Hac die reddite sunt... habeat aut legat. C M V ohne Überschrift. 
O G. Francisco s. d. R Idem G. ad franciscum barbarum. M V datieren data Ve- 
netiis die XI ian. 1409 . R bricht unfertig mit der verzweifelten Bemerkung ab 
Nota quod ulterius hanc Epistolam non prosequor in scribendo, qm corruptissi - 
mam eam reperi. Die Hs. steht deswegen den andern an Qualität nicht nach. Einige 
Zeilen bei Sabbadini, Epistolario di Guarino Veronese III, Venezia 1919, 9. 

38 f. 98 v —9 r Kalendis Ianuariis accepi...commendat. Vale rursus et me tue sa- 
lutis sepe cerciorem redde. In C M R V datiert Patauii II idus ian. In M O über¬ 
schrieben G- P- Marco suo s. p. d. In R V überschrieben Qpedam alie partes 
epistole, aber vollständig. Ambros. P4 f. 37 und Bologna UB. 3730 f. 151 v — 3 r * 

29 f. 99 r Habui nuper tabellas tuas...ego opto. Vale (Venetiis XX febr. M V). 

30 f. 99 r Qpod (Quot B) vnis dumtaxat litteris mecum... tuas miseris. Vale. Stude. 
Si quid superest temporis ad me scribe. Item vale. (Venetiis XX nou. C M R). 

31 f. 99 Fuerat animus michi nundum ... destino. Vale anime mi Francisce. R über¬ 
schreibt Gasparinus suo Francischo barbaro s. p. d. Gedr. Sabbadini, Storia e 
critica di testi latini, Catania 1914, 103—4. 

32 f. 99 v Duo sunt Francisce mi... aut coniicies. Vale ut supple etc. M überschreibt 
Gasparinus Pergamensis Francisco suo salutes plurimas dicit,RIdem ad eundem F. b. 

33 f* 99 v — loo r Si bene uales bene est auidissimum Xe plm... fortune obsequar etc. 

34 f. 100 O mi Zadiaria quantum lacrimarum... atque impetrat. Vale feliciter etc. 
Selbständig nur in C. In B M R V ohne Trennung an 33 anschließend. In M R V 
haben 33 34 die gemeinsame Überschrift Qpedam partes cuiusdam epistole. C 
schließt impetralum. Vale. Patauii XIII kal. nou. t M V schließen Vale padue XIIII 
mensis nouembris 1410 , R schließt Vale Patauii 14 nou. 1410 . 

35 f. loo v — I r Serto nonas octobres.. .putabo. Vale et me dilige. Patauii IV nonas 
octobres. In den Parallelhss. ohne Überschrift Für. 181 — 3 Henrico Veronensi. 
London Arundel 70 n. 85 G- P- suo Francisco Barbaro s. p. d. 

36 f. 101 G- P- Andree Iuliano p. d. s. Nisi te et Danielem ... cerciorem facias. 
(Patauii XII kal. nou. C M R V). Für. 165—6. Hss. Basel cod. Inc. 581, Florenz 
Rice. 779 f. 133, Mailand Ambros. P 4 f. I7 V —18, Paris lat 16594 £ 94 v_ " 95 - 

37 f. ioi v —3 r G- P- modestissimo uiro danieli uicturio p.d.s. Qpanto sim do¬ 
lore ...sencies. Vale et memineris te Danielem esse. (Patauii kal. nou. C M R V) 
Für. 166—8. Hss. Crac. 519 n. 97 f. 90 v , Ambros. P4 f. 19 — 30, Paris 16594 f. 95 — 96, 
Rom Angel. 1139 f. 104, Vatic. lat 5197 f. 119, Venet Marc. XI 31 f. 33. 

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38 f. 102 Gasparinus Pergamensis Andree Iuliano p. d. s. Consecutus essem statim 
... permiserit. Vale Patauii kal. nou. Für. 169. Hss. Basel cod. Inc. 581, Ricc. 779 
f. 135, Ambros. P 4 f. 17, Paris 16594 £ 94 » Venedig Marc, lat XI 21 f. 33. 

39 f. I02 v —3 G- P- suo Andree Iuliano p. d. s. Habui nuper a Daniele .. .intellexi* 
Vale Patauii pridie ydus decembris. Für. 170—2. Hss. Bas. Ricc. Ambr. Par. 

40 f. I03 v —4 G-P- p.s.d. Danieli Victurio. Postridie nonas ... desideres. Vale mi 
Daniel Modestissime (Patauii pridie idus dec. C M R V). Für. 172—5. Hss. Basel F 
Vm 18 f. io, Harley 2492 f. 275 v “6, Ambros. P 4 f.22—23,Vercelli f. II9 T —121. 

41 f. I04 v G- P- p. d. s. Danieli Victurio. MatheusParmensis...tuam sequaris.Vale. 
Für. 175—6. Hss. Basel F VIII 18 f. 12 v , Harley 2492 f. 278, Ambros. P 4 f. 23, Salz- 
burgS. Peter b VI31 f.26,Rom Vatic. lat 5126 f. 82 beginnen Matheus Pergamensis. 

42 f. I04 v —5 r G- P- p. d. s. Andree Iuliano. Tercio die postquam ... senserim. Vale. 
Für. 176. Hss. Basel F Vm 18 f. 4 r , London Harley 2492 f. 272, Mailand Ambros. 
P 4 f. 24, Paris lat 8580 f. 13 v , Venedig Marc, lat XI 21 f. 20. 

43 f. 105 G- P- discretissimo viro Antonio Fantaxello p. d. s. Habui nuper a te... 
contendam. Fac ut ualeas mi anthoni. Für. 134—5. Hss. Basel F VIII 18 f. 4—5 r , 
London Harley 2492 f. 272 v , Paris lat 8580 f. 14 r , Vercelli f. 109. 

44 f. I05 v G- P- Zacharie Barbaro sal. Nisi te meorum semper...quam me diligas. 
(Patauii II idus maias C M R V) Für. 179—180. Florenz Ricc. 779 f. 179, Lucca 341 
f. 89 r , Paris 16594 £ 92 » Venedig Marc, lat XIV 221 f. 91. 

45 f. 105 v —6 r G- P- Danieli Victurio sal. Possem nisi tantum .. .cariorem habeas. 
Für. 176—7. Hss. Basel F VIII 18 f. 5 r , London Harley 2492 f. 273, Ambros. P4 
f. 36 v , Paris 16594 £ 92 v — 93 » Vercelli f. no v . Text 14. 

46 f. 106 r G- P- Zacharie Barbaro p. d. s. Gaudeo te saluum...ad te ueniam. Vale . 
(Patauii XV kal maias CMPRVJ Für. 179. Hss. Basel f. 8, Krakau 519 n. 131 
Harley 2492, f. 273 » Paris 16594 f. 91 v , Rom Ottob. 2992 f. 52 r , Vercelli f. Iio. 

47 f. 106 G- P- lob et Lazarino p. d. s. Reddite mihi.. feratis. IIIIkal. iunias. Für. 93 — 4. 

48 f. 106 v — 7 Serenissima et illustris Regina , sepe mecum institui... commendatum 
habeatis. Für. 96—98. Hss. Basel F VIII 18 f. 5 V —6, Florenz Ricc. 779 f. 272—3 r , 
London Harley 2492 £ 273—4,Venedig Marc. XI 21 f. 26 v —27, Vercelli f. 107-9. 

49 f. I07 v G- P- litteratissimo uiro Anthonio Fantaxello p. d. s. Nimis te amo... 
cumulus accedet. Vale. (Patauii X kal. apriles CMPRVj Für. 135—6. Hss. Basel 
F VIII 18 f. 6 V —7 r , Harley 2492 f. 274, Ambros. P4 f. 25, Vercelli f. 114*. 

50 f. io8 r G- P- p. d. s. doctissimo uiro Heinrico Veronensi. Intellexi et sermone et 
litteris...quantum vis utere. (Patauii X kal. apriles C R V) Für. 136—7. 

Hss. Basel F VIÜ 18 f. II, London Harley 2492 f. 277 v —8, Vercelli f. I2l v —2. 

51 f. 108 r G- P- Anthonius amicus... animo iudicet.Vale. (VIII kal. maiasCMRV) 
Für. 146. Basel F VIII 18 f. 7 r , London Harley 2492 f. 274, Paris lat 8580 f. I5 V . 

52 f. 108—9 G- P- p. d. s. Danieli Victurio et Valerio Marcello. Etsi paulo ante... 
certiorem facite. Patauii 7 kal. marcias. A tergo Ad litteratissimos et insignes 
uiros D. Victurium et V. Marcellum fratres et amicos optimos. Für. 141—3. 


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Original fro-m 

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53 £ log T Gasparinus Pergamertsis Valerio Marcello pl. d. s. Cum iam absoluissem 
...feremus. Vale et me sepe nostris patribus comenda. (Patauii VI kal. marcias 
C M V, maias R) (A tergo Ad insignem et patricium virum drim Valerium Mar - 
cellum fratrem et amicum singulärem AMPRVj Für. 145. Hss. Basel FVTII 18 
t 7 v , London Harley 2492 f. 274 T , Vercelli f. 115. 

54 f. 109 v —llo r Eloquenti et optimo viro dho Laurencio Boncio fratri precipuo. 
Posteaquam a grauissimis.. .conficere. Fac ualeas meque ut soles diligas. (Padue 
XX dec. 1407 M R V Vatic. 5233 n. 64 f. 85 y ) Gaspar ille de Barciciis tecum unus . 
Die erste Zeile von B ist in A M R V als Adresse A tergo bezeichnet Für. 183—4. 
Hss. Basel F VIII 18 f. 8, Krakau 519 n. 138 f. 103 r , 1956 8.990—1,19618.324—5, 
2038 S. 77, London Harley 2492 f. 274 v , München lat 5350 £ 103 r , 14134 f. 171 v , 
Nikolsburg (Mähren) II 52 £ 129, Paris lat 8580 f. 16, 16594 f- 76, Venedig Marc, 
lat XII 139 (4452) f. 43, Vercelli f. 115 v —6. 

55 £ Iio Nesciebam hercle ... animam. Stude ut ualeas. (Patauii XXV dec. 1417 
dum me ab ignauia uendico C M R V) Für. 213—4. Hss. Basel FVm 18 f.8 v , 
Krakau 519n. 144 f. 104,1956 S.987,1961 S.321 —2, Harley 2268 f.71 v —72, 2492 
f. 275, Ambros. F S V 21 f. 12 v , P4 f. 11, Paris 16594 £76 v —7, Vercelli £ 1 i6 v —7 r . 

56 £ I lo v —l r G- P- Marcho Lipomano p. s. d. Cum pridie .. Anteiligeres. Vale. 
(Patauii VI kal. marcias. A tergo Doctissimo et insigni viro dno Marco Lipomano 
fratri et amico AMR V) Für. 144. Hss. Basel F VIII 18 £ 8 a , London Arundel 70 
n. 84, Harley 2492 f.27ö v —7, München 78 £ 137 v , Vercelli £ 117, Wien 3160 £ 218. 

57 £ 111 r G- P- p. d. s. anthonio Fantaxello (vincentino R). Milto ad teFacinum... 
fuissent. Vale et me ama. (Patauii VI idus apriles C M R V) Für. 138. Hss. Basel 
F Vm 18 £ 8 V —9 r , London Harley 2492 £ 277, Paris 8580 £ I7 T , Vercelli £ 118. 

58 £ III G- P- Lazarino Reste salutem. Qpamuis tarde... a te possit. Vale. (Pata¬ 
uii V kal. iulii C M R V) Für. 95. Hss. Basel £ 9, London £ 277, Vercelli £ Il8 v . 

59 £ 111 y G- P- Nobilissime femine Luchine ex mardiionibus Malaspinis salutem 
dicit. Si ex bona causa ... amabo. Vale (Patauii VI kal. sept. C M R V). Für. 147. 
Hss. Basel F VIII 18 £ 9 V , Harley 2492 £ 275 v , Venet Marc. XI 21 £ 27 v —8. 

60 £ III V —2 r G- P- p. d. s. nobilissimo uiro Francisco Bicarano. Si fieri potuisset 
...agi oppottet. Vale. (Patauii pridie idus quintiles C M R V) Für. 180—I. 

61 £112 Gasparinus Pergamertsis p. d. s. Anthonio Cermisono insigni hac nostra 
etate phisico. Qpid de Hecthore... secuturus sis. (Patauii 4 sept. RV, 5 sept. C, 
4 dec. M) Für. 106—7. Hss. Ricc. 779 £ 199, Marc. Venet lat XI 21 £ 34^—5. 

63 £ II2 V — 3 r G- P- p. d. s. lohanni Alliardo (allhdro B) patri optimo. Merus 

noster...cerciorem feceris. Vale. (VII kal. sept. M V, Patauii VI kal. sept. C Mün¬ 
chen lat. 5350 £ 6. Für. 98—100. Stuttgart poet et philol. 4 0 40 S. 83—85. 

63 £ 113 G- P- lohanni suo p. d. s. Consolarer te...studia insurgens. Vale. (Patauii 

pridie kal. sept. C M R V) Für. 100 — I. Hss. Flor. Ricc. 779 f.67 v , Ambros. H 192 
inf. 42 v München lat 5350 £ 6 V , Rom Angel. 1139 £ 17 v —18, Stuttgart poet et 
philol. 4 0 40 S. 86 —88, Wien 3160 £ 217, Würzburg M ch 2° 60 £ I42 v —3. 

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64 f. 113 v —4 Lugubres et acerbissimas...a me dicatis. Valete. (Data Padue 1 ° sept. 
CMRJ M überschreibt G. P. A. et B. s. p. d., R Idem G. ad quosdam sibi beni- 
uolos, AP G. P. lohanni Aliardo et Zebedeo de Ponte. Für. 101—3. Marc. Venet 

65 f. 114 v A tergo Nobili et constanti viro dho Andree lüliano hört fratri et amico 
prestantissimo. Qpantam ex litteris ... adimpleas. (Vale Patauii VIII marcii Mün¬ 
chen lat. 6731 f. 256) Für. 198. Hss. Bergamo A II 32 f. 50 v —51 r , Basel cod. Inc. 
581, Florenz Naz. III 64 f. 46*, Krakau 519 f. I03 r n. 137, Mailand Ambros. F S 
V 21 f. u v — I2 r , P4 f. 9, Paris lat 5919 B f.49 v “50, 16594 f- 79 > Rom Vatic. 
lat 5333 f. 88 v n. 69, Würzburg M ch 2° 60 f. I45 r , Würzb. 68 f. 146*—7 r . 

66 f. II4 V —5 r G-P- Simoni Morigie salutem. Sipatri tuo nundum...maximasfades. 
Für. 201 — 2. Hss. Ambros. P 4 f. 24 v —35 r , Marc. Venet. XI 21 f. 35 v —36 r . 

67 f. 115 G. P. p. d. s. Simoni Morigie (mortagie BJ. Pridie quam tue... grauissi- 
mam. Vale et me ama . Für. 202—3. Hs. Marc. Venet XI 21 f. 36—37 r . 

68 f. 115 v Cum Anthonius Pergamensis.. .percepisse. (Patauii XII kal . aprilis Am¬ 
bros. P 4 f. I3 V —14O Fehlt in den Parallelhss. Krakau5l9n. 127. Unten Text 23. 

69 f. 116 r Petrus familiaris tuus ... imprimis dilige . (Patauii X kal. apriles Ambros. 
P 4) An Marcus Dandulus. Krakau 519 f. 101 r n. 126, Paris lat 16594 £ 93 - 

70 f. Il6 v Cum Anthonius necessarius...intercede. Vale et meos dilige. (Patauii 
XVI kal! Ambros. P 4 f. 15 T ) An Zacharias Barbarus. Hss. Bologna 2730 f. 139 v , 
Krakau 519 f. 102 v n. 134, München lat 78 f. I3Ö T , Paris lat 16594 f. 91. 4 Zeilen 
bei Sabbadini, Epistolario di Guarino Veronese III 1919, 89. 

71 Gaudeo te saluum ad tuos ... breui ad te ueniam = Nr. 46. 

72 [Danieli Victurio] Doctus sum ab Andrea ... iniuria. Vale. Für. 199. Hss. Bologna 
2720 f. 139 v , Krakau 519 f. 102 v n. 132, München 78 f. I37 r , Paris 16594 £ 9 * T * 

73 [A. Iuliano] Scripsit ad me anthonius... intelligo. Vale. Für. 200. Cracov. Paris. 

74 f. 117 r [eidem] Anthonius noster maximas...meos dilige. Für. 200. Cracov. Paris. 

75 Nisi te meorum semper... diligas = Nr. 44. 

76 f. 117 Spectabilis et egregie doctor ac dne mi singularis. Vestris lacius rescri - 
berem litteris ... oculos habet assidue. Ohne Überschrift in BC Crac. 519 n. 84. 

77 f. 117 v Nisi persuasum haberem constantissime vir Andrea... cogitaciones refere- 
bat. Crac. 519 n. 110 f.96 v , Ambros. P 4 f. 34 v , Würzburg 68 f.147. Unten Text 13 . 

78 f. 117 Y —8 T Sepe me per tuos qui huc.. .natum pules.Vale. Ambros. P 4 f. 13 über¬ 
schreibt Gasparinus Pergamensis p. s. d. lohanni Comario doctissimo et optimati 
viro. Ricc.779 f. 131. Von Iohannes Campianus plagiert in Cracov. 519 n. 83 f.87 r . 

79 f. Il8 r (G- P- A. Iuliano Marc.) Recognoui pristinum...ipsum tibi, fac iterum 
ualeas. Hss. Cracov. 519 f. 97 v , 1961 S. 297, Rom Vat Ottob. lat 2993 f. 55 Y . Text 4. 

80 f. 118 Non possum tuis ex litteris ... Omnebonum mi .. .menses aliquot. Vale. 

81 f. H9 r Sepius ad te scriberem Daniel.. Anteiliges. Vale semper. (Patauii 19 dec. 

München lat. 6731 f. 355) 305—6. Hss. Bergamo A II 33 f. 51 v , Florenz Naz. 

II I 64 f. 46, Cracov. 519 n. 141 f. I03 v , Ambros. F S V 31 f. II v , P 4 f. 8, Nikols¬ 
burg II 52 f. I 39 r , München lat. 5350 f. I03 r , 14134 f. I 7 l r , Paris 16594 £ 80 v , 


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Rom Vat. lat 5223 n. 63 f. 85 v , Marc. Venet lat. XI 80 f. 156 r , Würzburg 68 f. 149. 

82 f. 119 G-P- ThomeDandulop.d.s. Nisi te in dies. .. cerciorem.V ale. Für. 206—7. 

83 f. II9 V G- P- Andree salutem. Propinquus tuus... et me feras. (Patauii 2 ° kal. 
martii Vatic. lat 5223 f. 89* n. 71). Für. 178—9. Hss. Basel cod. Inc. 581, Ber¬ 
gamo A II 32 f. 50 v , Florenz II I 64 f. 46 v , Ambros. F S V 21 f. 12 r , P 4 f. 9 v , Mün¬ 
chen lat 5350 f. 104 r , 14134 f. 172 r , Krakau 519 n. 90 f. 88 v , Paris 16594 f. 79 v . 

84 f. II9 V —I20 r G- P- Andree salutem. Litteras tuas pridie...acceptum habuit. 
Für. 207—8. Hss. Basel Inc. 581, Bergamo A n 32 f. 51 r , Bologna 2720 f. 148 v , 
Krakau 519 n. 108 f. 96, Mailand F S V 21 f. 12 r , P4 f. 10, München lat 5350 f.l03 v , 
14134 f. 171 v , Paris 16594 f- 80, Rom Vatic. lat 5223 n. 72, Würzburg 68 f. 147*. 

85 f. I20 r G- P- Danieli Victurio salutem dicit. Nisi tu adhuc restares ... sencies. 
Vale et me dilige . Für. 208. Hs. Paris lat 16594 £ 8o v —81. 

86 f. 120 G- P- Francisco suo Barbaro sal. Numquam tarn pulchre ... frui possim. 
Vale . (Patauii VIidus oct. R V) Für. 211 — 2. Hss. Arundel 70 n. 83, Paris 16594 f. 81. 

87 f. I20 v Exordium factum apud papam . Sanctissime in xpo pater ac domine 
noster beatissime cum serenissima ducalis dhacio nostra de rebus maximis.. . prin - 
ceps nr dux ueneciarum ... tempus constitutum esse intelligemus. 13 Zeilen. 

88 G- P- d.p. s. Troiulo uiro discretissimo. lohannes noster ualde me...esse iudices. 
Vale. (Patauii IV non. maias MJ Für. 192—3 Francisco Barbaro. 

89 f. I20 v —I r G- P- Facino suo d.p.s. Libellum platonis...ad bonas artes. Für. 193. 

90 f. 12l r Qpod (QvotB) bene de me...uterer. Für. 194 Hieronymo Anzelerio. 
M V G- P- Ieronimo phisico medico , R Idem ad Ieronimum phisicum medicum. 

91 f. 121 Gasparinus Pergamensis Iohanni Iuliano phisico eruditissimo. lohannes 
Iussanus nuper ad...attineat. Vale. Für. 121—2. 

92 £ I2I V G- P- d. p. s. Reste homini eruditissimo. Ionas tuus... ualeas. Text 55. 

93 G- P- d. p. s. suo Stephano Theotonico. Lodouicus noster... militet. Vale. (Patauii 
idibus iunii 1413 Oxford Bodl. Canon, misc. ioi f. 259 r ) Für. 194—5. 

94 f. 12 l v —2 r Clarissimo uiro Iohanni Comelio Gasparinus suus p. d. s. Bartholo- 
meus sacerdos...me cogites. Patauii XI kal. se&iles. Für. 209—210. Text 48. 

95 f. 122 G- P- d. p. s. Facino suo. Recepi naturalem...eum releues. Text 49. 

96 f. 122 v Gasparinus Pergamensis d.p.s. Lazaro Reste homini litteratissimo. Nisi 
tuus discessus...presens faciam. Vale. Für. 113—4. Hs. Venet Marc. XI 21 f. 29 v . 

97 f. I23 r G- P- p. d. s. Andree Bragatie homini doctissimo. Nemo a nobis...locis 
extricem. Für. 124—5 Patauii VIII kal . sept. 1411 . O f. 54 v Patauii IX kal. sept. 

98 f. 123 Ad Andream Bragaciam. Qpociens habeo... mea euertat.Vale. Für. 125 — 6 
Patauii VII kal . sept. 1411 . Hss. Krakau 1956 S. 986, 1961 S. 318. 

99 f. 123 v G- P- Lazaro Reste p. d. s. Nisi in tanto... incepit. Vale. Patauii XI kal. 
dec. Für. 133. Hss. Krakau 1956 S. 998, 1961 S. 330—I. 

100 G- P- Iohanni (filio AMJ salutem. Christoforus noster...nos aduolet . Text 35. 

101 f. I23 v G- P- Andree Bragacie p. d.s. Qparta die posteaquam a te...me scri- 
bas. (Patauii pridie kal. sept. MJ Für. 126. 


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io:? f. I?4 r (Clarissimo militi ac famosissimo iuris utriusque doctori d. Iacobo Iso- 
lano Gasp. p. d. 5. M) Tardius quam ... diligatis (Patauii idibus iunii Für. 127. 

103 f. 134 Spectabilibus et egregiis uiris dominis reformatoribus studii bononiensis 
G- P- pl. d. sal. Cum ad septimum. . .implicet. Valete. Für. 128. Hs. Marc. Venet 
3814 lat. XI 21 f. 23 v . Datum und Adresse nur in M Patauii idibus iunii. Specta¬ 
bilibus .. wie oben .. bononiensis honorandis patribus et dominis singularissimis . 

104 f. I24 v —5 r G- P- Paulo Mafeo sal. Nusquam pro...diligar. Für. 189—190. 

105 f. I25 r G-P- Iohanni suo d. salut.Veniebam ad...facias.Vale. Für. 185—6. Marc. 

106 f. 125 G-P- Iohanni p. d. sal. Egi gracias... facias. Patauii pridie kal. dec. Für. 130— I. 

107 f. 12 5 Y G-P- Iohanni sal. Qpid moriens... adesse. Vale Patauii (6 °sept. M). Für. 106. 

108 G- P- Iohanni Barzizio sal. Dum animum tuum quam...vtemini. Fac ualeas. 
(Patauii 9 kal. sept. M) Für. 129. Hs. Marc. Venet 3814 XI 21 f.30 v —31 r . Text 36. 

109 f. 125 v G- P- Petro Suardo homini nobilissimo sal. Scribis quod omnem . .Text 44. 

HO f. I2ö r G- P- s. d. nobilissimis adolescentibus Baldo et Iohanni Suardis. Spera- 

bam post uestrum reditum... uobis consulam. Valete. Für. 122. 

111 G- P- p. d. s. humanissimo uiro Francisco Barbaro. Cum pridie quam a te... 
gras habebo. Vale. Patauii III nonas marcias. Für. 146. 

112 G- P- p. d. s. Anthonio Fantaxello uiro doctissimo. Rem gratissimam olim michi 

... amplissimum. Vale. Patauii XIIII kal. iulias . Für. 190— I. Hss. Florenz Ricc. 779 
f. 140, Venet Marc, lat XI 21 f. 37 38 r . 

113 f. 126 G- P- Facino Ventrarie sal. Si me tantum amares... irasci. Vale. Für. 130. 

114 f. I26 v G- P- p. d. s. Petro Thomaxio medico et oratori egregio. Qpa die ... Vale. 

115 f. 12 6 y —7 T Prudenti et studioso iuueni Iohanni de Barziziis filio suo krmo. 
Binas a te litteras habui.. .fieri expectem. Vale. Für. 161 — 2. Hss. München lat 78 
f. 138 r , Venedig Marc, lat XI 21 f. 31. Text 38. 

116 f. 127 r Gasparinus Pergamertsis d. salut. Postquam tuis litteris. ..dilige ut facis. 

117 G-P- Anthonio Fantaxello d. salut. Qyianto desiderio illos... habebo. Vale. Für. 192. 

118 f. 127 G- P- Iohanni salutem. Certis bonis respectibus.. .uiuas. Vale. Text 37. 

119 f. 127 Y G- P- d. p. s. Petro Thomaxio phisico eloquentissimo alr A tergo Eru- 
dito ac insigni arcium et medicine doctori magro Petro Thomasio homini elo¬ 
quentissimo ac fratri optimo. Prius absolueram litteras reddendas...per me im- 
percias. (Patauii X kal. dec. C V) Für. 195. 

120 f. 127 v — 8 r G- P- p. d. s. suo Danieli Victurio. Lazarinus Resta... numeraturus. 
Vale. Für. HO Patauii X kal. dec. 1410 . Hss. Ricc. 779 f. 145, Marc. XI 21 f. 31 v . 

121 f. 128 r G- P- p. s. d. Iratissimo viro Lazarino. Qpo sis caucior... nro reddendas. 
(Patauii X kal. dec . V) (A tergo: Nobili et karissimo viro domino Lazaro Reste 
honorando fratri et amico carissimo. A PJ Für. III. 

122 f. 128 —9 Etsi multa ad me posse...desideras refocilato [Daniel Victurius an 
Gasp. Barzizza, Threnos auf seinen Bruder Andreas Victurius]. C R O V Bologna 
U.-B. 2720 f. 149-151, Krakau 519 n. 101 f. 92-93. 

123 f. I29 v G- P- Danieli Victurio. Possem nisi me...habeas = n. 45. 


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124 £ I 3 ° r [Jacobo de Barziziis] Nescio frater miserande ... animum tuum sub- 
stenta. Hs. Paris 16594 f. 93 v —94- 

125 f. l3o v Ingentes habeo tibi gras... esse. Vale. Hs. München 5350 f. 102. Text 51. 

126 [M. Dandulo] Petrus Thomasius homo phisicus .. .maxime diligas. Text Nr. 50. 

127 f. 130 v — l r Habui nuper a te litteras...gaudii participem. Text Nr. 46. 

128 f. 131 [Marco Dandulo] Thomas nepos tuus...ex animo colam. Vale. 

129 f* 131 v [Marco Dandulo] Audio ab illis... nos aduola. Gedruckt oben S. 31—2. 

130 f. 13 l v — 2 r Si litteras meas ad te non statim dedi.. .libenter totum perficiam. 

131 f. 132 [Franc. Zabarellae] Qpod (Quot B) nullas adhuc... colam. Patauii IV kal . 
apriles. Für. 103 —5. Hss. Lucca 1756 f. 53 v , Mailand Ambros. P 4 f. 38—39 r und 
55 v - 56, München lat 504 f.317,5350 f. 101 v -2 r , Prag GIII18 lat 543 f. 164*-5, 
Rom Angel. 1139 f. 92 v —93, Troyes 1531 f. 455, Venedig Marc. 3814 lat XI 21 
f. I5 v -i 6, 3940 lat XI 102 f. 21 — 22 r . 

132 f. 133 r [Zabarellae] Cum superiores ad te ... rescripte. Vale Patauii HU° kläs 
Apriles. Für. 137. Hss. Basel cod. Inc. 581, Lucca 341 f. 53 v , Ambros. P 4 f. 39 und 
56% München 504 f. 317 v , Paris lat. 16594 f. 75 v , Prag, Rom, Venedig a. a. O., 
Würzburg M ch 2° 60 f. 152 v . 

133 f- *33 [Zabarellae] Etsi nullum adhuc satis...dignitati gratulari. Vale Patauii VI 
kal. iulias. Dieselbe Fassung in V und Ambros. P 4 f. 57. Sonst die Fassung Furietti 
122-4, 80 Krakau 519 n. 123 f. 100, 1956 S. 988-9, 1961 S. 322-3, München 
504 f. 318, Prag III G 18 (lat. 543) f. 166, Rom Angel. 1139 f. 93 “ 94 * Venedig 
Marc. XI 21 f. 17 —l8 r , Wien 3160 f. 22 —23, Würzburg 60 f. 149—I50 r . 

134 f. 133 v —4 Rmo in xpo patri dho Francischo Zabarelle cardinali. Qpod (Qvot B) 
mee littere ... ualet. Vale Patauii XII kal. augustas. Für. 131 —3. Hss. Ambros. P 4 
f. 58 v , München 504 f. 319, Prag BI G 18 f. 167 —8 r , Rom Angel. 1139 f. 94 v —95, 
Venet Marc. f. 18, Würzburg 60 f. 150, Oxford Bodl. Canon, misc. 317 f. 60 v . 

135 f. I34 v — 5 Rmo in xpo patri dno Francischo cardinali florentino Gasparinus 
Pergamensis s. d. Qpo animo sim pater ... positam amittam. Vale. Patauii etc. 
Für. 155—9. Hs. Rom Angel. 1139 f. I9 V — 21 r und 95 v —96. 

136 f. 135 v [Zabarellae] A die qua superiores ... imputare.Vale quomodo etc. Für. 140. 
Hs. Rom Angel. 1139 f. 96^—97 r . 

137 f* *36 [Zabarellae] Qpid ad te scribam...esse miserum. Patauii VIII kal. nou. 
Für. 108—9. Hss. Krakau 1956 S. 986, 1961 S. 318, Rom Angel. 1139 f. 97. 

138 f. 136 v [Zabarellae] Nullum pretermisisti ... defendent. Vale pater amplissime. 
Patauii VII ydus dec. Für. 148 — 9. Hss. Basel cod. Inc. 581, Florenz Ricc. 779 
f. 146—7 r , Mailand Ambros. P4 f.50—51 r , Krakau 1956 S.984—5. 1961 S. 317—8, 
Paris 16594 f* 74 “ 75 > Rom Angel. 1139 f. 98, Würzburg M ch 2° 68 f. 143—4 r » 

139 f- 137 [Zabarellae] Cum de his rebus que.. .confidendum. Vale et ut soles me 
valde ama. Patauii nonis quintilibus. Für. 159—161. Hs. Krakau 1961 Rom Angel. 

140 f. 138 [Zabarellae] Iohannes sacerdos .. .repetes. Vale. Für. 162—4. Rom Angel. 


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141 f. I38 v [Zabarellae] Etsi nihil possit michi...ratum habebo. Vale. Patauiipridie 
nonas augustas. Für. 164—5. P. P. Vergerii Epistolae ed. Combi 1887 n. 146 
S. 220— 1. Hss. Berlin lat. 2° 667 f. 61 v , Chemnitz 57 f. 77, Krakau 1961 S. 332, 
London Arundel 70 n. 81, Stuttgart Poet et Philol. 4 0 40 S. 185—6, Oxford Bodl. 
Canon. 166 f. 273, 484 f. 26 v , Venedig Marc. XI 21 f. 38. 

142 f. 139 [Zabarellae] Cum tibi de rebus que...sepe cogita . Patauii nonis quintili - 
bus. Hec epistola supradicta scribetur dho Francisco Zabarelle cardinali. Andere 
Fassung von n. 139, nach Florenz gerichtet. 

143 f- I39 v —140 r Gasparinus Pergamertsis Nycholao filio salutem. Etsi tua adhor- 
tacione ... uos futurum. Vale. Patauii XIII kal. marcias. Gedr. von Cessi in Scritti 
varii in onore di R. Renier,Torino 1912,740 — I nach Marc. Venet XI21 f. 33 v —34 r . 
Hs. Würzburg M ch 2° 60 f. I44 v —5 r . Text 27. 

144 f. 140 G- P- Nicholao filio salutem. Scribis uos omnes. ..cariorem futurum.Vale. 
Patauii XIII kläs maias. Marc. Venet f. 34. Text 30. 

145 f. 140*—l r Spectabili et doctissimo uiro dno Iohanni Francisco Gailine hono- 
rando maiori et amico singulari. Mediolani. Nichil a me pretermissum ... fortuna. 
Vale. ExPatauio pridie kläs septembres.Tuus quicquid est Gasparinus pergamensis. 
Nach cod. Marc. Venet XI 21 f. 22 — 23 gedr. Cessi, Spigolature Barzizziane, Nozze 
Fumagalli-Guttmann, Padova 1907, 17 —19. 

146 f. 141 C. V. ac insigni dno Valerio Marcello compatri optimo et amico singula- 
rissimo. padue. etc. Qvam res michi omnes...feras. Vale et me optimopontifici ac 
patri reuerendissimo dno. p. Marcello fratri tuo quo soles Studio commenda etc. 
Für.186 — 8.Hss.Brescia Quirin. C V 26 f.48,Marc.Venet.XI 21 f. 24,Wien3136 f.171. 


Der nunmehr in den Besitz der Hamburger Stadtbibliothek übergegangene 
Codex Rosenthal 120 von 1443 enthält Barzizzas Epistolae familiäres in nach- 
stehender Reihenfolge: Bll. I—51 (= 8—58 alter Zählung) stehen die Briefe 5,6, 
11—26, 135, 131, 132, 27, 38, 30-64, Bll.58-80 (=65-87) die Briefe 65. 67, 
81-84, 86, 88, 90, 91, 93, 95,139, 97-101,103-6, 108—115, 117, 119,120,121, 
76» 77, 79, 122—7, 69, 70, 133, 136-8, 140, 141, 73, 74, 44 des Codex Balliol. 

Ms. latin 8634 der Bibi io theque Nationale (=P) bietet zwischen Barzizzas 
Musterbriefen und unserem Text II (S. 49) auf Bll. 59 v —142 die Briefe 14, 15, 
36-47, 49, 50, II, 51—67, 81-86, 94, 1-3, 138, 4—10, 12, 13, 16, 17, 23—26, 
135, 134, 88-93, 95, 131, *39, 96-121, 133 der Paduaner Sammlung und in 
der Mitte eingeschoben 4 weitere Episteln unseres Autors. 

Codex Rossi 377 der Bibi. Vaticana von 1458 (= M) liefert die Nummern 
I —3, 138, 4—26, 135, 131 — 2, 27 — 67, 82 — 108 des Codex Balliol und dazwischen 
den Brief Nisi his diebus .. (Für. 177—8), der in A P wiederkehrt und somit dem 
Paduaner Corpus zugehören könnte, also zusammen genau 100 Barzizza-Briefe. 


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TEXTE 1 ) 

I — 12 Briefe an Andreas Julianus 

I. Gasparinus Pergamensis Andreae Iuliano s. d. 

Non possum de te non esse sollicitus, Andrea mi carissime. Tantum enim in lauta 
parte cupio te esse, ut quamuis te unum aequalium tuorum et vigilantissimum et pru- 
dentissimum esse intelligam, non tarnen satis in tua duntaxat causa virtud tuae fidam. 
Quare te per singulärem tuam quaeso constantiam, vigila, circui partes tuas, contrarias 
sollicita. Diligentia persaepe fortunam vincit. Quid si virtutem diligentiae coniunxeris, 
quid si nobilitatem, si fauorem ciuium, si omnium denique gratiam et multarum artium 
et Studium et famam copulaueris? Libet hoc loco te laudare, ut tuis maius adiiciam 
calcar studiis. Nullus est eorum quos noui, in quem plures natura dotes contulit quam 
tibi — pace dixerim aliorum tuorum vel aetate vel genere parium. Nihil aliud summae 
deest nisi ut hanc naturae gratiam excites. Noli tanti muneris ingratus esse. Produc 
incepta. Si quid est quod te impediat, statim vel solue vel abrumpe. Multi sulcant maria, 
superbas Euri minas et duras ferunt hiemes, ut opes congerant. Alii saeui Martis arma 
tractant, omnem sibi requiem negant, ut honorem, ut gloriam sibi parent et quaerant. 
Infinita praeterea sunt hominum studia, quorum labor omnis incassum est et omnis 
cura vana. Tu solus eam ingressus viam es, quam nisi deserueris, nunquam tui pigebit 
te consilii. Cuncta cedent tibi, opes honores gloria, quodque inter prima numero, vera 
tibi continget virtus quae, si verum est quod placet Stoicis, sola ad bene beateque vi- 
uendum sufficit. Quid plura quaeris? Sed longius iam sum quam institueram progressus. 
Redeo unde recesseram. Cura, mi Andrea, ut tuos competitores ita sollicitudine vincas 
sicut sapientia et virtute. Magnum quidem, si vincis, argumentum video id quod agitas 
propositi successurum tibi. Fac valeas. 

Ex codicibusVatic. 3223 f.8Öv—87*, Cracov. 510 f104 r Basel Inc. 58 i, Paris 16394 f • 7& 

% Gasparinus Pergamensis Andreae Iuliano s. 

Etsi certo putem orationes illas quas a me requisiueras cum litteris meis ad te de- 
latas esse, tarnen a te certior fieri optabam. Sed ut video illae tuae occupationes assiduae 
et immensae magnam tui partem mihi subtraxerunt Semper et tibi et Danieli nostro 
summos in vestra florentissima et ampla urbe honores affectaui, tum quia eo vos cognos- 
cebam ingenio, ut neminem aequalium nostrorum iudicarem, cui aliquando patria vel 
(actis vel consiliis plus deb<er)et, tum quia ita vobis vestris afficiebar meritis Nunc vero 
haec animi mei sententia immutata est, et incipio pro vobis modestius optare, non 
quod virtus vestra ullo est loco remissa aut extimatio mea de studiis vestris diminuta 
— nunquam enim maiora de vobis vel concepi vel speraui —, sed quia vereor, ne magni- 
tudo negociorum vestrum a me officium abducat, careamque illa iocundissima scribendi 
consuetudine, qua persaepe studia mea non modicum acuistis. Quare, mi suauissime 
Andrea, non te tantum his forensibus causis mergas, in quibus iam omnium opinione 
ceteros vincis oratores, quin etiam quandoque te amicis tuis praebeas et in primis mihi 
qui vel minima scripta tua tanti facio, ut nulla me possit ea die perturbare causa, in 
qua aliquid ex te legam. Fac igitur huic meo desiderio summo et honesto verbum 
scribas. Quod si feceris, plane intelliges nihil te vel mea expectatione dignius vel tuo 
in me amore attestatius potuisse facere. Vale. Patauii V idus februarii. 

Ex codicibus Basil, et Paris. 

*) Der Verzicht auf Mitteilung von Lesarten möge den Leser nicht täuschen über die MUhe, die die Text¬ 
gestaltung bereitete, und Uber die Sorgfalt, die auf sie verwandt wurde. R. Sabbadini-Pisa war mir dabei ein 
selbstloser Helfer, dessen philologische Meisterschaft ich bewundern gelernt habe. 


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3. Gasparinus Pergamensis s. d. quam pl<urimam) Andrcae Iuliano. 

Nihil constitueram scribere ad te vel ad Danielem nostrum, donec utrique satis- 
fecissem; quod certe a me perfectum esset, nisi aliud magnum aut magis necessarium 
officium a re iam incepta et prope exacta plane me reuocasset. Sed non conquiescam, 
nisi prius me absoluero: me quo semper officio vestro utamini. Nunc vero ad te scribo, 
ut Facinum necessarium et amicum meum per litteras tibi commendem et eo quoque 
magis quam olim cum maxime illum recommendabam quo se digniorem facerem qui 
vehementius a me tibi commendetur. Noli pati quenquam eorum a te minus diligi 
quos <a me) amari intelligis. Commater tua suis rebus domesticis te impartit et 
bene valere cum suis cupit. Vale. 

Ex codice Bonon. uniu. 2720 f. 139 v . 

4. Ad insignem et doctum virum dominum Andream Iulianum, 
fratrem et amicum Optimum. (Balliol. 79) 

Gasparinus Pergamensis Andreae Iuliano s. p. d. 

Recognoui pristinum amorem tuum his recentibus litteris quas ad me dedisti. Com- 
mendas mihi, quantum necessitudo nostra et officium exigit, egregium adolescentem 
filium optimi viri Francisci Cauci. Ipse tibi referet, quanti fecerim in re sua amorem 
tuum. Cetera de quibus me monuisti, habuerunt illum exitum quem ego volui. Particulae 
tuarum litterarum tune responsum dabo, cum te et Danielem nostrum videbo; cui, si 
non es mecum iratus, afferas aliquas contumelias, donec sibi praesenti exponam totum 
animum meum interim iube quod me diligat. Vides has litteras quam similes illi 
crepusculo, in quo sine lumine eas ad te scripsi. Vale. 

Vide ut commendatum habeas prüdentem virum et legum doctum Iohannem Perga- 
mensem conciuem meum, a quo intelliges quid se consequi oporteat, modo tu quic- 
quam pro ipso possis, et fac ut mihi de te gratias agat. Quem, si opus est, Danieli 
nostro non minus commendabis quam ego ipsum tibi recommendo. Fac iterum valeas. 

Datum iam atra nocte sine lucema. Nonis iunii. 

5. Gasparinus Pergamensis Andreae Iuliano s. 

Nisi pridie, cum ad te scriberem, pluribus verbis id apud te contendissem, ut Ion- 
giores epistolas a me de cetero non desiderares, maxime nunc praecipue breuitatem 
meam incusarem. Sed cum tune nostrarum occupationum rationem etsi gratam, neces- 
sariam tarnen tibi reddiderim, facile veniam ex te spero, praesertim cum te magistro 
breuitatis utar. Habeo tarnen in hoc tibi gratias et magnas certe. Cum enim nec breues 
quidem, postquam te totum amicis et rei publicae praebueras, litteras a te acciperem, 
id accidit, ut etsi breues, crebras tarnen postea perceperim. 

Vt autem ad rem veniam, scio, mi Andrea, tuam in nullo curam cessasse, ut frater 
meus et idem tuus primum haberet locum. In qua re quid aduersus valitudinem tuam 
egeris, quid Daniel meus, velim credas, et vobis tacentibus latere me non possunt. 
Tantum dicam: Id egistis vestra sollicitudine, ut quanquam negocio infecto ad me 
reuersus esset, aliquanto plus voluptatis ex vestris in fratrem meum studiis percepissem 
quam molestiae, quod tot labores conatusque incassum cooperati essent. Considera 
igitur quid de hac re sentiam, cum et diligentiam vestram quae tanta fuit, ut maior 
esse non potuerit, et successum qui talis extitit, ut fortunae nedum non male imprecer, 
sed ultro gratiam dicam, et sensi et intellexi. Bene se res habuit et forsan quo tardius 
eo gratius. Voluit enim fortuna hanc ipsam difficultatem non impedimentum sui muneris 
esse, sed fidei et amoris nostri probationem et documentum. 

Duplicasti autem mihi gaudium, cum ad me nouissime scripsisti te exemplar illius 


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commenti in epistolas Senecae tenere. Mitto ut iubes ultimum quatemum, ut expleatur 
pars deficiens usque in finem. Cura ut id perficiatur quam citius fieri potent Scis me 
hoc in primis optasse ita ut nihil amplius. Epistolas ad Atticum quas optas, cum 
potui ad te misi. Citius id perfecissem, sed neque apud me erant neque cui tuto com- 
mitterem praesto erat Vale et nostrum Danielem quantum opto iube saluum esse. 

Data Pataui V nonas iulii [1408] (cod. Paris 165Q4, IX idus decembris cod. BasiL). 

6. Gasparinus Andreae Iuliano suo sal. 

Quod perbreues ad me scribere soleas epistolas, non admiror nec accuso, sed mihi 
assumo causam ad te scribendi; quae si nulla esset, ego ipse aliquam confingerem. 
Nescio quid usu dbi euenire soleat. Ego tibi illud ingenue fatebor: nullam, ita me 
deus amet, voluptatem maiorem habent studia mea quam dum crebras ad te et ad 
Danielem nostrum scribo litteras. Ex quo saepe mihi irascor, qui non subduco ali¬ 
quam particulam tempori quam in vos totam non transferam. Siue igitur in tuam 
breuitatem verbis inuectus ero siue prolixitatem perstrinxero, illud ex me habeto, quod 
nulla tarn breuis tua redditur epistola, quin illa mihi sit instar magni voluminis. Vnde 
id ipsum contingat, fortassis quaeres. Ego dbi respondebo quod solet euenire deambu- 
landbus artam et breuem porticum, qui diem plerunque totam et noctis partem con- 
tinuo motu ducunt; non miraberis puto, si viatoris longinquam ingressi peregrinadonem 
passus vel antecesserint vel aequauerint. Illud idem in me experior. Tuas crebra lec- 
done et longas facio epistolas, ut nullas posthac legam. Quare nihil est quod tuam 
breuitatem verearis. Quanto enim breuiores, tanto saepius omnes eas repetam. 

Mitto commentarios Beneuenud in primam comediam Dantis, misissemque omnes 
si de sentenda animi tui mihi constidsset. Quare vide ne transferantur in Cyprum. 
Spero me breui lecturum Dantem. Quare ne insigni contumelia sub nomine necessi- 
tudinis quae dbi cum illo est et amicitiae nostrae uterque nostrum decipiatur, edam 
atque edam caue. Quod maxime dmerem, nisi prudendam tuam cognoscerem. Gaudeo 
plurimum commentarios in epistolas Senecae transcribi. Mittam breui pecunias pro 
parte, dehinc supplementum, cum scripseris summam predi. Muld doctores quaerunt 
augmentum. Sis attentus quid agatur, ut exemplum in re mea capiam. Amo te, mi 
Andrea, amo te. Patauii IV nonas augusti. 

Ex codicibus BasiL Inc. 581 et Paris lat JÖ504. ut epistulae 2, 5, 7— 10. 

7. Gasparinus Pergamensis Andreae Iuliano s. p. d. 

Si per occupationes nostras mihi ad te, quantum et quodens veilem, scribere con- 
cessum esset, nulla hinc solueretur nauis quae non meas ad te et Danielem nostrum 
epistolas et quidem longas ferret Sed cum tu grande onus amicorum et rei publicae 
subieris, et me studia mea sine intermissione teneant, eo fit ut raras et breuiores ad 
te daturus sim. Remittes igitur hanc olim tuam consuetudinem, si mea ud voles in tua 
causa venia. Quid nunc igitur occupatus occupato scribo? Verecundia facit, ne hoc gra- 
dssimum officium tarn cito interrumpam, quanquam tu ia'm id ipsum feceris. Cum enim 
Danielis mei litterae mihi redditae forent, nunquam ullam tuam, ne minimam quidem 
aspexi. Scio tuam in nullo cessasse operam, neque ulla dbi fuit occupatio tanta, quin 
fratris mei negocium per te omnibus posthabitis propositum dbi primum fuerit. In qua 
re etsi amicidae nostrae satisfecisti, non tarnen hodie dbi negabo meum desiderium. 
Saepe ad manus aspexi eius quem ad vos miseram, ut pauculas digitorum tuorum litteras 
aspicerem, vel in hunc modum: * Andreas Iulianus pl. d. s. Gasparino suo. Si vales bene 
est, ego quidem cum commatre tua et filius noster bene nos habemus * Cum itaque 
neque quid tantulum feceris, tu mihi quam excusadonem parasti tuam expecto. 


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Nunc quid in re fratris mei est dicam. Fortuna decepit propositum, de quo tibi et 
Danieli scripseram. Restat ut quod prius negabatis repetatis denuo. Scis ut arbitror quo 
in statu sim et quam tenues mihi sint fortunae meae, nisi cura tua Studio et diligentia 
succurratur. Subduc aliquam tuis negociis particulam et in partes meas transfer. Si digni- 
tati et virtuti fratris mei inseruiri non potest, inseruias tempori: praestat aliquid quam 
nihil facere. Scis quam inimicum sit ocium viro studioso, et quam iniqua hiis qui 
extra patriam sunt paupertas sit. Quid facio? Vado in legem meam. Cum pauca tibi 
denuntiarem, longior factus sum, sed iam pedem reprimo. Vale et me dilige. 

8. Gasparinus Andreae Iuliano sal. 

Solebam breues a te recipere epistolas, teque ut memini de hac tua breuitate ali- 
quando accusaui. Sed id perfecisti, ut nihil sit ex his quae a te opto, quod post con- 
spectum tui magis optem quam hac tua breuitate perfrui. Quodlibet enim 'Andreas 
Iulianus Gasparino sal*. et si qua alia est epistolae pars minor, nunc esset mihi mag- 
num volumen. Tantum aliquid ex te vel minimum cupio prospicere. Danielem meum 
non audeo accusare, ne simul duos lacessam. 

Spero te sensisse de lectura epistolarum Senecae. Si operam dederis, ut expletos 
habeam commentarios, facies mihi rem gratissimam ac necessariam. Cupio etiam Quin- 
tilianum domini Petri. Sed puto quod eius copiam ab amico non poteris impetrare. 
Fac valeas et me diligas. Patauii XII kal. nou. 

9. Gasparinus Pergamensis Andreae Iuliano sal. p. d. 

Nisi eo usque nostra peruenisset amicitia, ut verbis gratias agere nec gratum nec 
fortassis honestum iudicandum sit, pluribus certe verbis quam adhuc mea tulerit con- 
suetudo, id apud te fecissem. Sed cum et tu mihi notus sis et ego ille sim qui id 
conari debeo, ut me tibi quam gratum animo praebeam, hoc vulgare scribendi genus 
facile omitto. Nihil itaque aliud ad te scribo nisi quod egregium tuum munus percepi, 
dignum quidem quod et a locupletiore viro mitteretur et ab homine magis digno sus- 
ciperetur. Sed dum tu magnitudinem animi tui magis quam fortunas inspicis, id agis 
ut me saltem dignum fingam. 

Gaudeo te armarium ab auunculo tuo, liberali et optimo viro, impetrasse. Mittam 
illud breui acceptum. Paraui cameram tibi et Danieli nostro. Bibliotheca sita erit inter 
me et utrunque vestrum, ut ipse locus sit communis. Cupio sine iniuria vestra causam 
aliquam vobis esse, ut aliquo tempore mecum essetis. Spero id ipsum tantum commo- 
dorum secum afferre, ut neque ulla res alia commodior neque iocundior esse possit 

Expecto summo cum desiderio, quod Daniel meus mihi per suas nuntiet litte ras 
infantem sibi natum meque ad promissam compatemitatem vocet, ne saepius mihi 
dicat: 'si putassem, non putabam’. Ego quidem ita uniuersitati huius studii prosum, 
ut nulli futurum sit molestum, si duos impendo amicis meis dies. Cum ad te veniam, 
quod breui spero, cura, ut illum exoptatum Quintilianum commentariosque epistolarum 
habeam. Vale, mi compater suauissime. Patauii III kal. nou. 

10. Gasparinus Pergamensis Andreae Iuliano s. p. d. 

Quarto die postquam signatas ad te litteras meas dederam, tuae ut expectatae sic 
periocundae ad me delatae sunt, quae mihi visae sunt multum in se illius antiqui moris 
eloquendae romanae habere et veterum nostrorum leges amicitiae et instituta sequi, 
praesertim cum scribis, ut nobis deinceps liceat quid quisque sentiat libere ad alter- 
utrum scribere. Magnam certe ex illa particula tuarum litterarum voluptatem sensi, 
cum me intellexi consuetudini meae per te restitutum esse et antiquam illam ad te 


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scribendi quidquid collibitum esset libertatem confirmatam. Scis olim apud te crebro 
me gloriari solitum, quod unus esses ex numero omnium amicorum quos haberem, 
ad quem summa cum securitate perscriberem quidquid et veilem et sentirem. Et hoc 
erat, Andrea mi suauissime, quod hoc officio libenter et saepe utebar, nec aliud quic- 
quam erat, quo ad quenquam magis delectarer. Tantum de te uno mihi persuadebam. 
Quare amori meo ignosci per te oportuit, si in tanta scribendi licentia non omnia tibi 
visa sunt vel prudenter cogitata vel ad unguem ducta. Quod vero meas aliquando veteres, 
interdum nouas repetis litteras, in quibus acquiescas post illas graues et inmensas tum 
forenses tum publicas occupadones tuas, ingentes tibi gradas habeo, qui ita me diligis, 
ut omnia mea dbi placeant, neque meum hodie dissimulabo gaudium. Nihil me hercule 
omnium est quod me magis delectet quam quod saepe audio tuas et Danielis mei 
voces summam mihi attribuere laudem, quoniam exhortadonibus meis ac litteris non 
nihil profecerids, tametsi plurima intelligam tum ingenio vestro tum Studio edam 
antequam vobis notus essem percepisse. Nam haec summi amoris vestri in me vera et 
certa sunt indicia. Quid enim si per me tantum assecud essetis, quantum dicitis, nonne 
feliciter mecum actum esset? cum interim, etsi eo me genere laudis indignum esse 
mihi conscius sim, tarnen afficiar tantum quantum vix alius vera laude mouetur. Gau- 
debo itaque et doctrinae et virtutis vestrae aliquam et ad me partem referri et patiens 
ero in ea re mihi principatum assignari, in qua vos ante alios Stare semper optaui 
ac plane de vobis mihi promisi et speraui. Praecurre itaque, mi Andrea, et nostrum 
Danielem tecum inuicem currentem adhortare, ut primi omnium teneads portum, a 
quo vos non mul tum abesse sendo et laetor. Vestra quidem omnis gloria mea est Nam 
eo usque nostra creuit amicitia, ut nulli ex nobis quidquam possit in utranque partem 
condngere, quod iam non sit omnibus commune. Vale et te cum Daniele meo 

semel vel inexpectatum referas. Patauii II idus mardi. 

II. [Gasparinus Pergamensis Andreae Iuliano s. d.]. 

Litteras tuas accepi de manu cuiusdam non satis mihi noti. In quibus ut amori tuo 
verba data sunt, sic non sads aeque de officio nostro iudicas. Ita submissum te geris, 
cum tarnen supra me sis. Verum tu de me iudicabis, ut tuus feret animus; ego de te, 
ut aequum erit. Sed de hoc satis. 

Bacchanalibus tuis sensim inuidere incipio. Tu qui taedio eorum affectus es, totum 
dedisd te religioni. Nec tarnen sads exploratum habeo, idne feceris ex animo sibi ali- 
cuius erroris conscio, an plane quadam voluptate quae non minus persaepe renouatur 
absdnenda quam amaris quandoque dulcia recreantur. Quicquid in te sit, longe dbi 
sum dissimilis. Tu nunc totus in sobrietate pronus es. Ego iam fractus hoc ieiunio tua 
illa triaterica semel adhuc dari quam maxime opto. Te iam illius tui decembris piget, 
me autem absdnendae meae. Praeteriit ille dies nescio quomodo. December iste, ut est 
apud Senecam 1 tuum, olim fiiit mensis, nunc vero annus est. Ego quidem id non sendo. 
Olim fortassis vel annus vel mensis fuit, sed per pol nunc dies factus est. Quin illud, 
quo magis mireris, dicam: non ante sensi diem illum affuisse quam mihi nundatum 
fuit ventosa legumina salsos pisculos et olera todens ventrem soluentia cum magno 
tumultu in mensam aduenisse. Sane perturbatus fui, utpote qui diem illum siccus et 
sobrius egi, nisi forte ita me dixeris madidum fuisse vel forsan temulentum, ut tum 
cum maxime usque ad nasum illi sacro inmersus essem oleo, sobrium et ieiunum me 
credi veilem. Quicquid fuerit nescio: vel somnus vel vigilia. Illud scio quod vix me 
pedes mei ferunt. Iam totus mihi videor mutatus. Puto, nisi breuientur hi dies, ut Echo 
illa sic et ego vox sine corpore breui ero.* Nescio omnino quid agendum. Ita me ani¬ 
mus, ita consilium desdtuit. Expecto quid super hoc de me sendas. Melius quid con- 


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ueniat mihi perspicere te confido. Id veilem ut plenam summi sacerdotii auctoritatem 
haberes. Spero pro summa caritate et tua in me obseruantia huic meo periculo auxi- 
lium dares. Verum cum id ipsum pro nunc tibi non sit concessum, tuis me iuuabis 
consiliis. Vale et stadm refer. 

Pataui, manu languida, 17 martii. Tuus ille vocalis* Gasparinus. 

A tergo Nobili et constanti viro 

domino Andreae Iuliano honorando fratri et amico praestandssimo. 

Ex codicibus Monac. lat. 6721 f. 257, Paris lat 8634 f. 143 , Roman. Vatic. lat. 5223 f. 8g- 
1 Senecae epist. 18, /. * cf. Ovidii Metam. III 33g. • ibid. 357. 

ist. Gasparinus Pergamensis Andreae s. p. d. (Balliol 77) 

Nisi persuasum haberem, constandssime vir Andrea, plus apud te virtutem quam 
animi aegritudinem valere, tanto et tarn recenti maerori tuo non praesumerem obuiam 
ire. Sed cum saepe ceteris in rebus perspectus mihi sit animus tuus, non dubitaui et 
in hac re quid de te sendrem perscribere. Quanquam enim summam in te prudendam 
et modestiam esse non dubitem, vereor tarnen, ne tua pietas maiorem de te sibi partem 
vendicet quam padentia. Velim igitur, si id in tanto et tarn recend dolore tuo per te 
mihi liceret, parumper te padentem et attentum praebeas. Ego nisi fatear, mi Andrea, 
hunc tuum casum talem esse, qui vel ligneo possit lacrimas mouere, iniquus sum. 
Amisisd quidem patrem opdmum — sed haec iactura dbi communis est cum republica —, 
quem unum et fateri et praedicare fas est suorum ciuium integerrimum et aequi con- 
standssimum exdtisse, cui frons minime blanda, summum Consilium, fides sacradssima, 
quodque maxime nunc te cruciat, qui tuorum semper auidissimus fuit studiorum. Te 
unum intuebatur, in te spes omnis posita, in te senectus fessa recumbebat, ad quem 
unum post suam rempublicam omnes curas, omnes cogitationes referebat. Vale. 

13—1*4 Briefe an Daniel Victurius. 

13. Gasparinus Pergamensis p. s. d. Danieli Victurio. 

Puto ex Andrea nostro te intellexisse magnam inter nos de amore nostro conten- 
tionem his diebus habitam. Cuius omnis disputatio etsi aliquid acrimoniae visa sit 
a principio habere, tarnen, quod amantium exitus habet, non paruam consecuta est 
lenitatem et gratiam quae summa inter nos erat, ac beniuolentiam duplicauit. Multum 
ac diu res ista crebris ad alterutrum agitata fuit litteris. In qua re reddi litteras tuas 
mihi maxime optabam, ut arbiter partibus factus sententiam tuam in medium afferres. 
Veilem igitur ex te scire, quae te potissimum illo tempore occupationes habuerint, cum 
res communis ageretur, et tu unus omnium esses qui et sapienda et fide tua visus 
utrique sis qui pugnam istam penitus comprimere et omnes belli causas tollere potueris. 
Sed arbitror te spectatorem non iudicem ideo stetisse, ut victorem fessum ac simul 
victum aggredereris et ut solus hac victoria frui posses, cum utrunque victum traheres. 
Egimus itaque inter nos de pace et omni contentione dimissa arma posuimus. Vide 
ergo ne quid inconsulte in nos moliaris, ne unus opprimaris a duobus. 

Iocor tecum libenter, mi Daniel. Sed aliquanto libentius ad rem seriam descendo. 
Miror quod de tuis studiis iam diu nihil ad me perscripseris. Quamuis te curam illam 
nunquam intermittere certo sciam, tarnen ex litteris tuis maxime id optabam cognos- 
cere, non ut tuum magis inflammarem animum, quem opdmarum artium semper 
cupidum agnoui, sed ut ex tuo profectu maius ad me perueniat gaudium. Refer igitur 
quam primum de te mihi, ut et ego tecum aliquam voluptatem et gratuladonem sen- 
tiam. Vale et me dilige. Patauii, idibus martii. 

Ex codicibus Ambros. P 4 f. 15, Paris lat 16504 f. 82, Vatic. lat 5223 f.go v n. 74. 


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14 * Gasparinus Pergamensis Danieli Victurio salutem. (B. 45) 

Possem nisi tantum, Daniel mi suauissime, te amarem, et meo calamo et tuis oculis 
parcere. Sed cum ex his quae me delectant, nihil ferme sit gratius quam, dum ocium 
est, aliquid de te cogitare, iuuat quo solummodo possum, tecum esse primum apud 
me, dehinc tecum loqui. Veilem igitur a te scire, quid cum Andrea nostro de vestris 
communibus studiis tractes. Puto iam utrunque sub egregio poeta et oratore Laurentio 
Monaco vestris aliquid dignum ingeniis haurire. Sic enim discedens a me constituit 
vir studiosus Andreas; ad quod eum pluribus verbis hortatus sum et nunc impense 
utrunque et hortor et rogo; nihil enim habeo quod aut aetati vestrae melius aut meae 
in vos beniuolentiae vel aptius vel honestius hortari et persuadere possim. Cupio tertium 
ex vobis esse Bonzium nostrum, quem singulari virtute sua et ardenti versus me fide 
caritate praecipuum et carum habeo. Spero quidem eum aliquid temporis occupationi- 
bus suis eripere et id totum quantumcunque est in commune Studium conferre. Gaudeo 
itaque ac laetor, si manum operi conseruistis, sed firmiorem ex his quae sic esse vestris 
ex moribus coniecto, voluptatem capiam, si mihi rem totam ordine tuis explicabis litteris. 
Cura ut valeas meque in dies cariorem habeas. Patauii. Ille tuus Gasparinus* 

15. Gasparinus Pergamensis Danieli Victurio p. s. d. 

Ex litteris quas ad me pridie quam huc accederes, misisti, summam grauitatem et 
modestiam tuam percepi. Quantum enim Andream nostrum praesentem dilexeris et 
absentem desiderares, cum saepe alias tum maxime superioribus litteris ostendisti. 
Illud maxime admiror, quod tarn sapienter feras tantum amici talis desiderium. Quan- 
quam enim eo semper animo esse te cognouerim, ut aequi atque honesti ratio plus 
in omnibus rebus apud te valuerit quam vel consuetudo vel tua utilitas, tarnen propter 
recentem eius a te discessum non putaui te huic aegritudini ita vel mature vel cele- 
riter posse mederi. Nihil itaque est quod de te non sperem, cum in hac ipsa aetate 
modum his affectibus facias, quibus maiores natu et iam senes plerunque cedunt. Sed 
de hoc alias. 

Redeo ad epistolam tuam. Cupis ex me scire, utrum visionis et collocutionis copia, 
ut verbis tuis et grauibus et omatis utar, quae ab amicis maxime desideratur, an 
profectus huius nostri Andreae, quem ex communibus studiis nostris deportabit, tanti 
desiderii causa fuerit. Sed quid huius rei causam a me requiris? Certe est vix magis 
edoctus quam tu ipse qui et consiliorum et vitae societate semper ei coniunctissimus 
fuisti ac huius suae profectionis socius et adiutor. Non enim hoc ipsum ut a me dis- 
cas, scribis, sed ut ex sententia animi mei iudicium tuum confirmes. Dicam igitur quid 
de eo sentiam et paene iam exploratum habeam. Ego tanti nostrum Andream facio, 
ut vel ingenio vel multarum artium cum scientia tum experientia vix neminem ex 
numero suorum eiusdem aetatis ciuium pluris existimem, quanquam illam ipsam 
urbem vestram multis et praeclaris ingeniis florere nec minus ceteras Italiae urbes hoc 
ipso quam iustitia et fide excellere cognoscam. Quare cum semper tecum tanto flagra- 
uerit amore illarum disciplinarum, a quibus summa et maxima vitae omamenta petun- 
tur ac optima augendae ac conseruandae reipublicae adiumenta, nemo melius iudicare 
potest, quid eum huc impulerit, quam tu ipse qui et morum conuenientia et Studio- 
rum communione ac singulari quadam admirabilis ingenii praestantia ei quam similis 
es. Quod autem hunc animum recte a nobis tripartitum dicis, ita egregie suum uni- 
cuique statuis officium, ut, si quid nostris occupationibus vel sponte omissum vel 
negligentia praeteritum esset, tua virtute et prudentia totum id emendetur et corri- 
gatur. Facimus itaque sicut nobis persuasum esse vis. Eritque inprimis eius officii 
nobis cura et maxima quidem, quod utrique nostrum tua sanctissima et amplissima 


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patria imposuit. Quicquid autem ei superfuerit, ex magna parte ad priuata utriusque 
studia conferetur. Optas deinde te ad haec studia ex nobis duobus tertium. Vtinam 
id, mi Daniel, fieri posset sine iniuria vel patriae vel rei familiaris tuae, pro quibus 
nimium mihi attentus videris esse. Scis enim, et cum absens et cum praesens mecum 
esses, multum ac diu de hac re tecum egisse. Sed cum id te audissem appetere, sed 
assequi non posse ex te intelligerem, cum plus patriae et parentibus quam tibi ipsi 
<debere) pulcherrima ratione demonstrares, fecisti, ut de hac re, ne tuum animum frustra 
inflammarem, nullum amplius verbum facerem. Postremo apud me questus es te in tanta 
hominum turba post separationem Andreae tui solum viuere. Quamobrem constituisti 
quantum temporis dabitur, donec Andreas ad te redibit, in optima studia a te locatum 
in. Quid aliud huic <rei> respondebo quam nihil potuisse te melius aut sapientius mente 
prouidere quam te ipso et praeceptore et socio uti. Hoc enim uno modo confido non 
minus apud te quam apud nos te ipsum profecturum. Vale. 

Es codicibus Ambros . P 4 et Monac. lat . 6721, ut epist. 17. 

16. Gasparinus Pergamensis Danieli Victurio 8. 

Vehementer gaudeo, mi Daniel praestantissime, per te approbari amorem meum 
et ea quibus tuo merito feror in te studia et accepta et grata fore. Scriberem, nisi te 
cognoscerem, qui me magis quam oculos tuos diligis, quod interdum verba de me 
faceres apud clarissimum genitorem tuum meque illi recommissum haberes. Multis 
virtutem et excellentiam doctrinae in hac uniuersitate concedo et eis tanquam superio- 
ribus meis defero, sed labore et industria profecto nulli cedo. Licet apud te semper 
verum loqui: non arbitror virum esse qui me non dico praecedat, sed fere qui medium 
studiorum meorum attingat. 

Scripseras ferias trium duntaxat dierum mihi fore decretas, sed medius fidius non 
fuerunt nisi duorum dierum; tanta est auiditas audientium. Multorum superbiam, ne 
fatuitatem dicam, ferre non possum nisi patiendo et bene agendo. Vti cessi eonim 
furori, cognoui non <in> intentione sua, sed in alio studia mea versari. Nunc id sum asse- 
cutus, ut dietim crescat bona de me opinio. Augentur in dies auditores, etiam partim 
praelati et docti viri me virtute sua libenter audiunt. Instatur cum magno feruore quod 
orationes legam, ut faciam eis copiam earum. Quare vos quaeso cum primum sine 
vestro fieri potest incommodo, transmittite illas quinque. Copiantur hic certe. Quae 
vobis erunt, cum opus erit, promptae. Vale. VI kal. febr. [1413] 

Es codice Parisino lat . 16504 f. QO t ut epist. 21, 22, 47 . 

17. Gasparinus Pergamensis Danieli suo mul tarn salutem dicit. 

Quod Andreas noster assumptus sit ad quaesturam, tanto me afiecit gaudio, quanto 
nescio an ullo tempore magis affectus fuerim. Non minus tarnen summa modestia 
animi tui delector, quae facit ut, cum a tanta circa honestissima studia vestra consue- 
tudine et summo rerum omnium consensu diuellaris, ita sapienter amici tui desiderium 
feras, ut plus amicitiae nostrae quam tibi tribuas. Sic enim aliam tibi quaesturam 
peperisti, in qua nullas sibi partes desumpsit populus, nulla tentasti suffragia, nihil 
fortunae debes. Rata enim ex te est, quam ut arbitrio muldtudinis non assumpsisd, 
ita nec pones. Vide ergo ut sicut facis inconcussum feras animum tuum per hunc 
totum annum, quo mecum Andreas meus erit, et quicquid studiis eius hoc tempore 
adiectum fuerit puta tuis accessurum esse, nisi quod ego te maxime hortor, illud potius 
velis curare quod in locum alterius collegae sufficiaris. Hoc si feceris et res dbi ut 
spero successerit, scito nihil omnium esse quae dbi et mihi ante omnia optaui, quod 
maiorem possit fructum et laetitiam afferre. Vale et Andreae meo pro me gratulare. 


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l8. Gasparinus Pergamensis Danieli Victurio. 

Nondum superiores litteras ad te absolueram, cum Gallus mihi tuas reddidit, qui- 
bus me vehementer hortaris, ut Omnibus posthabitis nouos edam commentarios in 
rhetoricam Aristotelis. Ego vero tibi assentior nihil ab antiquis scriptoribus huius artis, 
in qua ambo magnam operam consumpsimus, ad nostras manus peruenisse magis 
necessarium his institutis quae ab Aristotele inuenta fuerunt. Et est res ut dicis quae 
nondum est ab aliquo ex nostris Latinis satis artificiose exposita. Sed non video quid 
tibi possim ad ea respondere, nisi de me ipso prius tecum deliberem. Quod si ut potes 
rem meam prius constabilieris, omnia studia mea in te unum et in tuam rempublicam 
conferam. Nec alias fuit maior mihi ad huiusmodi res illustrandas animus quam postea- 
quam litteras tuas perlegi. Sed ut dixi necesse est, ut, cum de summa rerum inter 
nos deliberandum sit, non litteris ut hucusque, sed in praesentia totum hoc negocium 
transigatur. Facies etiam rem gratissimam socero tuo praetori nostro 1 , qui hestemo 
vesperi, cum apud eum essem, multum sermonem de te et commatre mea fecit, ex 
quo intellexi eum magnopere tuam et filiae praesentiam desiderare. Si vero tan tum 
rei publicae causa impeditur iste tuus aduentus totiens promissus atque expectatus, 
ut nobis sperare illum non liceat, fac me certiorem, ut saltem ego ad te nauigem. 

De commatre mea bene significas, qui prius de conualescentia quam de morbo 
ad me scripsisti. Cuius periculum si citius Lucretia et ego audiuissemus, maximo 
certe timore affecti essemus. Omnia itaque ut facis remedia adhibe, quibus tarn bona 
uxore ac tui tantum et filiorum amantissima quam diu frui possis. Dicito tarnen ei, 
cum se melius confirmauerit, ut caueat ne tot filias pariendo regnum Amazoniae in 
tuam familiam reducat; sed ridens et iocans ut ego ista sibi a me renuntiabis. Vale. 

Ex codice Riccard. 770 f- I44 v —5 r . Erste Hälfte bei Sabbadini, Studi di Gasparino 
Barzizza su Qpintiliano , Livorno 1886, 1—2. 

1 Leonardo Mocenigo Podestd von Padua 1413 —4. 

19. Gasparinus Pergamensis Danieli Victurio s. p. d. 

Quid agam et utrum aliquid scribam quod sit studiis nostris dignum, cupis certior 
fieri. Dehinc plurimis verbis me hortaris quod id faciam. Sed maxime circa ipsa Ari¬ 
stotelis praecepta — haec accuratissime ut semper facis — nuper ad me scripsisti, quod 
te magis facere pro tuo ingenio meditor quam quod ad ea quae a me velis tantopere 
adhortandum putes. Cum enim scias has me exercitationes semper appetisse et tuam 
voluntatem tanti facere, ut nullius hominis magis, nullis erat ad hanc rem suscipiendam 
<opus> litteris, sed ocio atque ingenio. Multa de hoc alias ad te scripsi et plura hoc tem¬ 
pore scriberem, nisi accusandi a me essent homines amicissimi, qui cum facillime po- 
tuerunt maximam commoditatem ad eam rem parare, facere id neglexerunt Quid postea 
in statu meo nouatum fuerit et ad quam spem sim excitatus, sed minime accommo- 
datus ad haec exercitia, nosti. Ex quo perfectum est, ut nihil tale quäle exigis sperare 
aut polliceri possim, quod forte a me raptim et in cursu ederetur quod vix adolescen- 
tibus nostris mediocriter doctis prodesset, nihil tarnen ad te quem ego semper iudicaui 
nedum acutissimum in videndo quae artis essent, sed etiam grauem et copiosum in scri- 
bendo. Quare si etiam maior vis ingenii et copia ocii existeret, nundum tarnen con- 
fiderem posse aliquid excogitare, quod tua lectione dignum esset, non quod mea scripta 
a te irrideri putem — nihil meum unquam contempsisti —, sed quod illa esse deridenda 
ipse mihi conscius essem. Est praeterea ut scis opus multorum dierum et non mediocris 
ocii neque harum occupationum quotidianarum. Mihi vero, quantum animo possum 
diuinare, non satis spatii ad hanc rem si incepta fuerit perhciendam restat. Sunt negocia 
quae noua dietim oriuntur. Sunt artes nostrae quibus nostra respublica me propositum 

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esse voluit, ut volentibus apud me proficere satisfacerem. Est res familiaris iniquior 
paulo quam veilem. Sunt non nullae aliae curae quibus etiamsi velim non possum carere. 
Considera nunc quam sit mihi possibile in tantis molestiis et in tantis curarum fati- 
gationibus aliquid scribere. Vale. 

20. Gasparinus Pergamensis Danieli Victurio salutem. 

Non possum facere quin te accusem, iam te et palam reprehendam, qui neque 
in tanto periculo times neque eos Casus reformidas, quos nemo tarn insipiens est, qui 
si honeste potest, non deuitet ac timeat. Viderisque mihi non bene de tua re publica 
sentire, si putas illam non tarn salutem appetere tuam quam tu appetis suam. Vult 
enim, crede mihi, his ciuibus quibus ipsa se commisit, posse quam diutissime £rui, 
quae res ei minime contingeret, si rationem eius administrandae malles in praesens 
tempus quam in futurum habere. Quare te illi quantum potes serua, et liberos quos 
magis patriae quam tibi genuisti, non tuo solum sed etiam amicorum consilio inco- 
lumes producas. Elige itaque tibi ac eis aliquem locum salubrem et in quo nulla sit 
huius pestis suspicio, si Patauium non placet. Quanquam omnis morbi vis iam ex 
omni parte resedit, transfer te aliquo. Satis enim multa loca habes, in quibus tute ac 
iocunde esse poteris, donec pestis ista, qua nunc tua ciuitas laborat, omnino desierit. 
Sed maturatione opus est et illud maiorum prouerbium obseruandum 'cito longe tarde*, 
quod ab eis ita exponi solet: qui enim cito ex locis infectis discedunt et partes quam 
remotas ab omni suspicione petunt tardeque eo, unde se ex periculo subduxerunt, 
redeunt, demum ii veteri huic medicorum prouerbio tutissima ratione obsequi videntur. 
Sapientemque te putabo, ut semper in ceteris rebus iudicaui, si mihi obsecutus fueris 
et te potius in periculo vitae non minus timidum videri voles quam audacem. Vale. 

Die Pest grassierte 1416 in Venedig . Vgl. auch den S . 3/ f. mitgeteilten Brief. 

21. Gasparinus Pergamensis Danieli Victurio salutem. 

Redditae mihi sunt quaedam tuo nomine litterae, quibus etsi saepe alias, nunc 
tarnen accuratius vim ingenii tui copiose et grauiter expressisti. Vt autem ad earum 
summam me referam, scis, mi Daniel optime, nos verba non ut nostra vita nec ut 
mores erant, sed prout tempus illud dabat, quenque pro se fecisse neque id quidem 
omnino praeter maiorum consuetudinem. Ciceronem enim tuum apud Macrobium 1 legi 
saepe cum amicis, ut nuper inter nos egimus, multa per lusum quadam effusa iocandi 
licentia dixisse, non ex animo, sed ut vel hoc uno modo graues suae rei p. curas in- 
terdum remitteret et lapsam continuis laboribus animam subinde relaxaret ac reficeret- 
Alii vero alio usi sunt genere, ut hinc Socrates, inde Laelius et Scipio, legere calculos 
aut piscium conculas ut clarissimi duces illi, siue cum paruis obequitare filiis ut grauis 
ille philosophus *; nec tantum iuuat quantum ex vetere Ciceronis more iocari simul 
verbis pedestribus et comice scribere; nec si id non magis iuuaret, tale nobis conces- 
sum est ocium. Te quidem sine me persaepe litus maris habet. Me vero vel rotundos 
hic reperire lapillos aut testas litoreas non satis est facile. Paruulos autem quibuscum 
modo Socratis supposita cruribus arundine iocemur, et natos ex nobis — deo gratias 
— habemus et multos quidem, sed hanc et gratuitam et naturalem voluptatem cum 
nutrices, tum alia etiam maiora subducunt studia et quibus non alienum est hoc scri- 
bendi genus. Non ergo inepte nec improbato penitus more tu ipse primum in te, ego 
vero in utrunque nostrum iocatus fui. Si vero id ipsum iam demum incipis sentire nec 
grauitati nec moribus nostris conueniens fuisse, habes quo me reprehendas, qui maior 
natu verba verbis reddidi. Sed non concedam, ut mihi causam integram ascribas soli. 
Ego te in ius vocabo et tecum amorem tuum reum faciam, nec dubito: si ullum feceris 


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verbum, illico te conuincam, et ex tuo iudicio ipse me absolues. Sed quid tecum hoc 
contendo, quasi vel de tua mansuetudine dubitem vel te parum legisse vetera instituta 
et antiquas leges nostrorum patrum putem. Concesserunt quidem nec inique nobis 
ludum velut necessariam quandam et iustam quietem. Qui si ex tempore et post hone- 
stos labores admissus sit, nec intempestiuus nec turpis potest esse, modo illud medium 
teneat quod sOTpairzXtav Graeci nominant. Facile quidem labitur in extremum, quod 
vos peripatetici ßiofioXo/lav appellatis.* De qua re plura scriberem, nisi tibi scirem in 
eo maxime variis doctorum hominum praeceptis praesertim Aristotelis tui iam dudum 
aures callere. Illud vehementer in te laudo et libenter cognosco, quod post hos lusus 
rem seriam maturius egisti. Deelarasti quidem ita, ut, si antea mihi fuisset incognitum, 
nunc primum ex te discerem vegetiora consurgere post iocum nostra ingenia et tum 
scribendo interdum etiam disputando et maiora et acriora fieri. Hortor itaque, mi Daniel, 
atque etiam rogo, ut non in totum abhorreas vel ab hoc genere iocandi. Quod si rarum 
sit, tarnen delectat plurimum, tum etiam confert nec auersum est penitus ab honestate. 
Viuant utcunque alii et in omnes proni sint voluptates, non eis december tan tum mensis 
existat sed etiam annus 4 , nec solaris duntaxat sed vel Iouis vel Satumi. Optent etiam 
si placet illum magnum Platonis annum qui longa firmamenti reuolutione et tardis 
anfractibus XXXVI milium nostrorum annorum spatia secum inuoluit 6 . Nobis autem 
nec hic december nec diecula erit 4 nec sic unquam actum, ut palatum nostrum irritet. 
Sequimur tarnen quo nos voluptas naturalis ducet et de hoc mense, ne offendamus 
Epicurios, vobiscum nonnunquam fabulabimur. Fac me diligas memor fratris mei. Vale. 

1 Saturn. II 3. * cf. Vater. Max. VIII8. * Barzizza kannte die beiden griechischen 

Worte wohl aus Leonardo Brunis Vorrede zu seiner Übersetzung der nikomachischen Ethik 
(vgt. Hans Baron , Leonardo Bruni Aretino Humanistisch-Philosophische Schriften. Teubner 
IQ28, 78—70) oder eher noch aus der mittelalterlichen Übersetzung Ethica vetus (vgl. Concetto 
Marchesi, L’Etica Nicomachea nella tradizione latina medievale, Messina IQ04, p. VIII). 

4 cf. Senecae Epist. i8 f 1. 6 cf. Macrobii Saturn. II //. 

35. Gasparinus Pergamensis Danieli Victurio s. 

Expecto bacchanalia proxime futura non sine magno gaudio, ut illo ipso genere 
iocandi et liberali et honesto quo solemus utamur. Dum enim ceteri comessationibus 
et ebrietatibus vacant, nos verba quae, ut Senecae 1 dictum usurpem, risum euocare 
etiam lugentibus possent, ad alterutrum scribamus. Interim autem salutabo te hoc 
munusculo quod ad te mitto, ut bonis possis ominibus alio quam ceteri pacto solent 
ad amicos scribere. Te ad haec satumalia fortem ac patientem praebe. Fac valeas et 
aliquid ad me rescribas. Patauii V febr. 1 Epist. 29,5. 

23. Gasparinus Pergamensis Danieli suo s. p. d. 

Cum Antonius Pergamensis re imperfecta ad me reuersus fuerit, probaui consilium 
tuum tum ex oportunitate re rum tum etiam multo magis ex tempore quod minime 
aptum erat nauigationi et vecturae talium mercium. Nunc vero cum Thomas Dandulus 
ciuis tuus et hospes meus illuc accederet, visum est mihi admonere te, si commodum 
tibi videtur, hoc ei negocium committere. Posset enim suo nomine totam hanc rem 
transigere. Quae sententia si tibi non placet, ne absente patruo suo quiequam ex se 
ipso moliatur, potes de hoc sermonem habere cum Iohanne Sauino, qui posset idem 
perficere per nepotem eius familiärem et discipulum meum illuc venientem et breui 
ad me rediturum. De qua re ad eundem scribo, ut, si ipsum conueneris, illud faciat 
quod ei persuaseris et in re mea sit necessarium. Litteras ad eum datas prius ad te 
misi, ut si aliter faciendum existimaueris, non des ipsas. Feras me, si tot rebus occu- 

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patum detineo te in his, quae si ad te solum pertinerent, horum certe curam alten man- 
dares. Sed non habeo cui ea quae ad me pertinent mandem nisi tibi. Accusabis itaque 
potius fortunam meam, quae neminem tibi similem praeter te mihi comparauit, quam 
importunitatem scribendi. Facias ut libet. Nihil potes vel agere vel omittere, quod ego 
in bonam partem non accipiam. 

Matthaeus Pergamensis persequitur in Lucio Floro, sed cartae sibi desunt ad ex- 
plendum. Rescribas quid me super hoc agere constituas. 

Vale et, si magnis rebus non es detentus, ad nos venias, prout constituisti. Putabo 
enim, cum te videro, quae superius tibi commisi et alia multa quae in futurum raan- 
daturus eram, simul percepisse. Patauii 12 kal. aprilis. 

24 Gasparinus Pergamensis suo Danieli salutem. 

Qui locus unus omnium acerbissimus, ubi me fortuna percutere posset, relictus 
erat, eo me his diebus afflixit Excessit enim feria proxime praeterita ex rebus humanis 
commater tua sedecim filiis ac nepotibus derelictis. Et quod mihi acerbissimum in hac 
tanta calamitate fuit, duo cum ea inter labores partus filii perierunt 1 In quo meo do¬ 
lore nullae me litterae philosophorum satis iuuant, sed omnia faciam quae humanitas 
mea patietur. Expecto autem litteras tuas quas eo plus consolationis huic meo tanto 
maerori allaturas quam philosophos spero, quo grauius non solum sententias eorum 
afferent sed etiam illos affectus, quibus me semper cum in prosperis rebus tum in 
aduersis omni officio prosecutus fuisti. 

Mitto Oratorem et litteras ad Laurentium Bontium*, quas ubi correxeris obsignabis 
et ad eum, si habebis cui recte committas, deferendas curabis. Scio me non potuisse 
inter dolendum satis omnia perspicere. 

1 Frau Lucretia Barzizza starb 1418; s. Sabbadini, Giom. stör . lett. ital. XXVII (l8g6) 333 . 

* Text 53 - 


25—33 Briefe an und über Nicolaus Barzizza. 

25 . Gasparinus Pergamensis Nicholao filio salutem. 

Quod omnia perfeceris de quibus a vobis discedens multis verbis te admonueram, 
tuo in hac re officio perfunctus fuisti. Sed nimis tardus es in scribendo ad me de Om¬ 
nibus rebus nostris, et facis ut saepe tibi absenti irascar. Nemo deberet, ut saepius ad 
te scripsi, a portu vestro nauem soluere qui vel ad urbem venetam vel ad nos iter 
haberet, quin ei litteras ad me dares; vix posset fieri quod ex tot litteris saltem unae 
ad me non perferrentur. Non dubito multas ex meis ad te delatas esse, quibus et tuum 
desideraui officium, et saepe te accusaui, quod in scribendo esses nimis negligens. In 
ceteris laudo non minus studia quae sumpsisti in officia Ciceronis quam diligentiam 
tuam qua usus es in commutatione librorum nostrorum. 

Habeo gratias Lodouico nostro, homini nobilissimo, qui me tantum diligit. Cum enim 
multa sibi pro summa eius in me beniuolentia debeam, incredibile est, quanto illi bene- 
ficio deuinctus sim, quod sua opera Bartholomaeus Mella valde me amat ac diligit; 
semper enim amicitiam eius propter suas egregias virtutes concupiui. Sed cum ipse in 
rebus magnis versaretur et plurima consilio suo transigerentur quae ad publicum statum 
principis sui pertinerent, nundum fortuna nostra permiserat me in notitiam suam venire. 
Tantum his diebus quibus ad vos accessi, conueni eum. Pauca verba inter nos fecimus 
propter summas occupationes, quas tum pro statu publico in manibus habebat. Sed visus 
fuit mihi homo, in quo nulla virtus abesset et qui esset a me toto animo colendus. Scri- 
bam autem ad eum, cum ocium erit, et ita scribam quod intelliget me nullius hominis 
amicitiam pluris facere quam suam. Quod autem scribis Vgutionem Contrarium habere 


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mc inter suos et omnia egisse quae ad res nostras attineant, is quidem ut cetera ita 
et hoc magnifice atque humanissime egit. Sed plura de ipso alias ad te scribam; multa 
enim sunt quae vel ab eo sapienter dicta vel constanter facta; cum ea audio, maxime 
admiror. Epistolam vero quam olim scripseram ad Lodouicum nostrum de morte filii 1 , 
mecum deferam, cum proximis diebus accedam ad vos, quanquam non video, quid 
Uli opus sit mea admonitione. Nunquam hominem vidi sapientius ferre casum suum 
quam is tulit obitum huius filii, cum praesertim ea esset in illo adolescentulo indoles, 
ut pater omnia sibi de eo et promittere et sperare merito posset. 

Cetera de quibus ad me scribis prope diem perficiam. Tu fac interim praebeas te 
attentissimum in philosophia. Nec tantum in oratorias artes consumas, quod maiora 
studia a te negligantur. Vale et multa salute pro me impertias Lucretiam matrem tuam 
ac omnes nostros. Patauii quinto idus februarii [1413]. 

Nach der originalen Empfänger-Überlieferung des codex Oxon. Canonic. misc. 101. 
Ball 17 und die andern Hss. des Paduaner Barzizza-Corpus bieten revidierte Autoren- 
Überlieferung wie Für. 116-8. 1 Furietti 118—120. 

26. Gasparinus Pergamensis pl. d. s. Federico Comelio adolescenti patricio. (Balliol. 20) 
Quia viatoribus nostris terrestre iter Patauio Ferrariam non est satis expeditum, 
saepe tua opera utor apud patrem tuum, hominem clarissimum ac mihi summum 
amicum. Curabis ergo ut per aliquem ex patemis amicis litterae, quas ad Nicolaum 
filium scribo, Ferrariam ad eum deferantur. Mitto etiam ducatos XXV quos nulli alten 
volo quam matri adolescentis consignari. Vide ut omnia prudenter conficias, maxime 
autem negocium quod ad pecuniam pertinet. Scio enim patrem tuum Omnibus ordi- 
nibus gratiosum esse et semper homines habere qui omnia sua causa suscipiant. Perfides 
igitur hanc unam rem mihi, Federice mi suauissime, nec ullam occasionem praeter- 
mittas, quin totum hoc negocium quam celerrime a te conficiatur. Vale et me dilige. 
Patauii idibus februariis. 

Dieselbe Bitte läßt Barzizza dem Vater Giovanni Corner durch den Hauslehrer Facinus 
Ventraria übermitteln im Brief Ball. 16 Postquam Ferraria (Furietti 116). 

27. Gasparinus Pergamensis Nicolao filio s. p. d. (B. 143) 

Etsi tua adhortatione opus mihi non esset, qua mecum litteris egisti, ut tractatum 
illum cito perficiam, quem Guiniforto nostro disciplinae suae causa pollicitus fueram, 
tarnen fratemo amore tuo in illum puerum maxime delector. Hoc velim scias me de 
nulla re inter illas summas occupationes meas cogitare saepius quam de hoc puero 
formando atque effingendo. Omnes cogitationes meae, omnes curae atque vigiliae ad 
illum unum referuntur. Et puto grauissimis curis prope confectus essem, nisi huius unius 
pueri maxima spes me releuaret, praesertim cum tot annos nihil ut nosti prospere 
nobis successerit, cum tarnen interim nusquam diligentia mea, nusquam labor aut 
Studium cessauerit. Sed cum ad puerum hunc reuertor, quanquam futura omnia incerta 
sint, tarnen non possum non bene rebus nostris fidere et sperare in hoc uno omnia 
reposita esse, quae aliquando ad bene viuendum sint nobis a summo deo reseruata. 
Non oportebat ergo te dubitare de meo in illum Studio aut sollicitudine habenda. 
Cum enim te et fratres tuos tantum amem quantum ceteri parentes bonos filios, certe 
hunc puerum iam plus diligo quam animum meum, plus etiam quam ea quae mihi 
sunt in vita carissima. Non est igitur ulla res quae me reddat magis sollicitum quam 
omnia conquirere quae possint illum et doctiorem et meliorem facere. Nuper autem 
priuata quaedam studia neglexi quae cum quibusdam amicis meis de oratore instituendo 
ingressus fueram, ut plus mihi ocii esset ad conscribendum ea quae ad eruditionem 


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ac disciplinam eius pertinerent Ero itaque deinceps totus in ea re, quantum ratio 
publici officii permittet, nec quiescam, donec hoc totum negocium illi confecero. Tu 
vero et Iohannes noster omnem curam adhibebitis circa hunc puerum. Scis illum capa- 
cissimum ingenium habere et tantum posse quantum a nobis curabitur. Et quanquam 
adhuc in prima aetate sit, tarnen cum doctrina omnes aequales antecedat et multis 
maioribus natu sit aequalis, iam cepit in admiratione multorum esse. Valerius autem 
Marcellus, homo nobilissimus et egregie eruditus in his artibus quae optimo ciue et 
libero homine dignae sunt, ita delectatur huius pueri ingenio ut nemo magis. Saepe 
enim ut Cicero 1 noster Octauianum aureum Iunonis partum, cum adhuc infans esset, 
aliquando dicere solitus erat, ita is Marcellus meus hunc nostrum puerum modo suo 
diuinum appellat. Sed de hoc satis et super. Video quidem nimio me amore prouehi et 
forsan immoderato. Sed ignoscendum est, quia et pater sum et admirator magnorum 
ingeniorum. Scribes autem quam saepissime ad me de illo. Quotiens enim aliquid de 
eo contingit audire, incredibile est quanta voluptate aflicior. Sed ut iam finem faciam, 
curabis ut illum boni mores non minus quam litterae oblectent. Magis enim ad rem 
pertinet quae virtutes sint in nobis quam quae artes. Aliud non est quod ad te scribam 
nisi ut matrem tuam ac omnes domesticos pro me saluos esse iubeas. Renuntiabisque 
eis me breui apud vos futurum. Vale. Patauii XIII kal. martias. 

1 Ps. Cic. epist. ad Octauianum 6; ed Sjögren (Opera Teubner vol. XI) IQ14, 146 . 

58. Gasparinus Pergamensis p. d. s. Nicolao filio. (B. 10) 

Moleste fero quod non saepius ad me scribis de valitudine Pauli nostri ac de toto 
statu vestro. Scis quam aegre feram absentiam vestram. Tu vero facis ut hanc molestiam 
minus aequo animo patiar, quotiens occasionem ad me scribendi negligis. Summa est: 
Fac me de Omnibus quae a vobis geruntur certiorem, nec patiaris aliquem nobis notum 
a portu vestro discedere, cui litteras ad me non committas. Tonolum Mapheum ad- 
hortaberis, ut curam adhibeat circa negocium nostrum. Si vero non potest res expediri 
ut volumus, expediatur ut potest, et amittamus aliquid, dummodo argentum numeretur. 
Non intendo quod mater tua et ceteri, de quibus dixi tibi, ultra dies vigind ibi sunt 
Relinquere autem omnia impedimenta in suo discessu perincommode mihi accideret, 
praesertim quia ut scis magno aere alieno teneor et obligatus sum ad usuras. Quare 
aduigila, ne in te culpam reiiciam, si res ista minus quam velim mihi successerit 
Guinifortum meum dbi et Iohanni commendo ita ut nihil magis. Videte ut illum non 
minus profecisse intelligam, posteaquam a vobis discessi, quam superiori tempore, cum 
his feriis pascalibus ad vos accedens eum comperi longe docdorem quam sperarem. 
Sed in omnibus illum modesdssime et suauiter admoneatis. 

Mitto illam orationem cuius voluisti copiam, priusquam limata esset, ut quaedam 
a me immutata corrigas in tuo exemplari. Facies autem quod Prosdocimus noster, homo 
honestissimus et summus amicus domus nostrae, illam videat; quam ubi pro commodo 
suo tenuerit, curabis ut eam tibi reddat. Admonebis autem illum, ne cuiquam rem ipsam 
aperiat Iohanni dices quod librum reddat Antonii Cottae ipso numerante ducatos 
XII et libras tres. Vale et ad omnia rescribe. Patauii IV idus aprilis. 

39. Gasparinus Pergamensis Nicolao filio s. p. d. 

Nullas ad me litteras scribis, Nicolae fili, et cum in maximo ocio sis, pateris ab 
homine occupatissimo vinci hoc officio scribendi. Cogita nihil minus et iuuenis et filii 
esse quam non antecedere eos cura et sollicitudine qui iam aetate procliues sunt et 
patres natura. Scribe quo in statu res vestrae sint, et id quam saepissime facias. Non 
possunt deesse tibi quibus litteras tuas committas, si attentus fueris. Scis quot naues 


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quotidie a portu vestro discedant quae petant urbem Patauii. Non potest ficri quin in 
tot nauibus una sit, cuius patronus non sit nobis amicus aut in ea non sit aliquis nobis 
notus. Si posthac cessaueris, non satis modeste feram negligentiam tuam et ut hodie 
sic et saepe alias te praeueniam. 

Matri tuae dices nos omnes bene valere et nihil magis optare quam ut saepissime 
audiam de sua salute et vestrum omnium. Addes etiam me ad se venturum causa re- 
ducendi familiam Patauium proxima die sabbati idest nonis maii (7. Mai 1412), 

Interim facies me certiorem de valitudine Pauli nos tri et omnium domesticorum. 
Non obmittes ad me scribere, quid a vobis actum sit de vino et quam parata sint 
omnia quae in suo discessu sunt necessaria. Vale et persaepe ad me scribe. 

30. Gasparinus Pergamensis Nicolao filio sal. d. 

Scribis vos omnes de mea salute valde sollicitos esse, quia quidam ex nostris ho- 
minibus qui ad vos veniunt, referunt quod pestis incepit inficere quasdam partes huius 
urbis. Ego vero miror, quid sibi velint haec verba aut a quibus conficta sint. Omnes 
quidem hic valemus. Nunquam enim alias medici nostri longiores ferias habuerunt. 
Aut si qui male se habent, ii soli sunt fortassis, quia bene valent ceteri. Si quid autem 
mali patimur, hoc fere omnibus populis est commune. Sed hic tanto leuius quam 
ceteri patiuntur. Nos vero solum annonae caritudinem habemus. Bella vero quae fere 
totam Italiam peruagantur, magis timore oppresserunt hanc urbem quam aliquo alio 
malo, quanquam et haec res et illa quotidie leuior fit ac magis remissa. Diuino enim 
consilio huius amplissimi senatus ducalis effectum est, ut non minor rerum copia in 
omnibus ciuitatibus et oppidis suis abundet, quam si annus iste maximam fertilitatem 
habuisset. Timor nostrorum hostium iam fere nullus restat Augetur enim in dies noster 
exercitus. Confluunt ab omni parte copiae, et omnibus in locis habentur firma praesidia. 
Expectatur autem in dies aduentus fortissimi viri ac sapientissimi ducis Caroli Mala¬ 
tes tae, qui si cum lectissimo exercitu quem habet accesserit, audies maximas res a 
nostris geri. Sunt enim omnia summa in hoc homine. Nam et egregia quaedam mili- 
taris disciplina et virtus et auctoritas et fortuna ita in hoc duce concummt, ut non 
solum nostris ducibus anteferendus sit, sed multis etiam ex antiquis comparandus. 1 
Nihil ergo est, Nicolae fili, quare de me debeatis esse tan tum solliciti, cum ciuitas 
ista ab his malis sit libera, quae alias urbes solent agitare et inquietas reddere. Tu 
vero fac te praepares attentissimum ad ea quae te digna sunt et a me vehementer 
expectata. Quod si feceris, scito, cum semper mihi fueris carissimus, te multo cariorem 
futurum. Vale. Patauii XIII kalendas maias. cf. Cic . de oratore 1 3O. 

31. Gasparinus Pergamensis Nicolao filio suo s. p. d. 

A die qua Patauio discessisti ad hoc usque tempus neque litteris neque sermone 
hominum aliquid de profectione tua in urbem Bononiam audiuimus. Quae res ut pluri- 
mum admirationis usque adhuc attulit, ita nunc multum molestiae afferre incipit. Cum 
enim saepe ad nos scripturum de toto statu tuo pollicitus fueris nec ullae omnino 
litterae sint a te nobis post tuum discessum redditae, puto non te admirari, si admira- 
mur. Postea vero quam iter illud quod hinc Ferrariam egisti, vexari iam dudum latroni- 
bus et siccariis nuper intelleximus, exanimauit paene matrem tuam ac me iste metus 
et haec suspicio, quam vel hoc unum maxime auxit, quod nihil prorsus, postquam hinc 
soluisti, vel de nauigatione tua vel applicatione percepimus. Quare nos ex hoc metu 
atque ex hac suspicione libera et litteras frequentes committe his qui partes istas petunt, 
neque hoc intermittas officium, donec litteris nostris certior factus eris tuas litteras 
nobis esse redditas. Scribes autem de his omnibus quae ad te attinent quasi cominen- 


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tarios quosdam aut codicillos, ut nihil a te hoc toto superiori tempore actum sit aut 
in posterum prouisum, quod non sit nobis omnibus notissimum. Quod si a te neglectum 
fuerit, nos ipsos maximis implicabis malis et parentum beniuolentiam a te alienabis. 
Vale. Patauii pridie kal. sextiles. 

32 . Gasparinus Barzizza an seinen Sohn Nicolaus in Bologna . 

Multis modis gaudeo omnia tibi ex sententia animi tui obtigisse. Sed etiam atque 
etiam prouidendum est, ne frequens iste concursus litteratorum hominum qui ad te 
fit propter haec nostra oratoria studia, propositum altioris disciplinae interpellet et 
ab illo ipso cursu, quo omnes aequales tuos longe antecedebas, in litus, a quo nauim 
soluisti, cum iactura aliqua famae et rerum te reducat. Instandum potius est et portus 
ille petendus, qui te altius ex turba hominum vulgarium promoueat. Nec pulchrius 
puta has nostras artes docere quam leges et iura pontificum discere, sine quibus nemo 
poterit satis instructus orator esse. Olim enim qui oratores haben insignes volebant 
et ceteris in dicendo praestare, magnum Studium et assiduam operam circa ius ciuile 
ponebant Nam fere totum illud in quo se tantum Romana eloquentia extulit, intra 
cancellos forenses clausum erat. Nunc paene totum hoc Studium languit, et paucissimos 
eloquentes causidicos inuenies, quia qui lites audiunt non tarn putant eos qui bene 
dicunt audiendos quam qui sapienter, quod etiam ego recte institutum dicerem, si 
alterum tantum horum sequi oporteret. Sed cum utrunque fieri poscit ratio eorum, 
non mihi videntur probandi qui uno neglecto alterum sequuntur. Vt enim oratio illa 
inanis ac puerilis dicenda est, quae apud iudices habita ignara iuris ciuilis est ac legum 
ieiuna, ita parum honesta videtur mihi illa disceptatio quae nullam dicendi dignitatem 
habeat Quam rem possem tibi rationibus multis et exemplis probare, nisi latius de 
his rebus esset a Crasso tuo apud Ciceronem primo de oratore disputatum. Totum 
ergo dicendi certamen hodie mihi translatum videtur ad eos qui ius pontificum in 
curia Romana tractant. Hi non minus Student ut eorum oratio omata quam ut docta 
videatur, quod apud eos dicunt, qui in summa dignitate constituti sunt. Quare neces- 
sarium mihi videtur, si honores illos respicis, multo maius Studium in iure pontificum 
discendo praebeas quam in has artes oratorias alios docendo. Satis enim in his tibi 
profecisti. Reliquum est, ut eas ipsas grauiter possis et sapienter tractare, quod minime 
sine hac quam saepe dixi iuris pontificum scientia tibi continget. Sed haec satis. Non 
puto haec te ignorare, sed vereor, ne ista hominum doctorum (requentia quae te audit, 
nimis animum tuum intendat et a maioribus rebus abstrahat Vide igitur ut tuorum 
studiorum certum delectum habeas. Sic enim fiet, ut nec tibi nec aliis defuisse ho- 
mines dicant. 

Andream Barbatiam multa salute verbis meis impartias. Plura enim ei quam putet 
debeo, et quod summus amicus noster est et quod unus omnium suorum ciuium meo 
iudicio cum optimus tum etiam sapientissimus. Vide ut accuratissime apud illum me 
excuses, quod totum hoc tempus iam praeteritum nullas ad se litteras dedi; non quia 
minus eum amarem aut sui oblitus essem, haec res accidit, sed partim propter occu- 
pationes in quibus sine intermissione fui, partim quod nulla se mihi ingerebat occasio 
scribendi ad eum. Sed curabo, ne deinceps officium hoc meum desideret: si nihil se in 
medium dabit, aliquid inueniam, vel ‘quod in buccam venerit* (Cic. ad Att. 1 12,4) potius 
quam nihil scribam. Hoc certe nunc fecissem, si per celeritatem nuntii hoc mihi licuisset. 

Amicum illum Senensem conuenies et ei dices non posse me in annum sequentem 
aliquid ei spondere — sum enim conductus —, sed cum tempus erit, si ab eo aut ab 
his qui suae rei publicae praesidebunt, appellatus de ea re fuero, non eis spem mei 
adimo. Non possum plura ad te scribere, ita instat tabellarius. Vale. 


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33 * Gasparinus Pergatnensis Nicolao filio suo. 

Binas ad te litteras dedi, posteaquam nullae mihi redditae fuerunt. Quae tua negli¬ 
gentia non solum accusanda est sed vehementer et reprehendenda. Si enim qui inter 
se negociantur aut aliqua familiaritate coniuncti sunt, ofilcium hoc saepe a se ex- 
postulant ac se ab amicis desertos dicunt, nisi de rebus omnibus certiores fiant, quid 
accidere eis putas qui summa necessitudine inuicem coniuncti sunt? Noli, cum maxime 
inter nos omnes de tua salute ac studiis tuis cupiamus audire, ita nos negligere, ut 
de nostra molestia et sollicitudine curare nihil prorsus videaris. Nam neque de tuo 
statu neque de praemiis quae tibi ex aerario publico exsoluuntur neque de studiis aut 
de exercitatione, in qua circa rationem dicendi versaris, certum aliquid aut tuis litteris 
aut sermone aliorum percepimus. Quare nos hac molestia non parua liberes et quid agas, 
cum quibus verseris, apud quos aut qua in societate sis diligentissime perscribas. Item 
de aere publico ut quid aut quantum percipias intelligam facito quam primum sciam. 

Magna est expectatio de tuis studiis circa ius pontißcium apud nostros Florentinum 
cardinalem et Placentinum. Idem sperant ceteri patres concilii quibus noti sumus, 
maxime cardinalis Ostiensis vicecancellarius, dominus de Flisco, dominus Pisanus, 1 qui 
omnes pro sua humanitate quae singularis est, valde me diligunt. Cogita quanta ad 
summos prope honores tibi facultas sit, quanta commoditas, si te illum efficies quem 
futurum pro te non solum eis spem dedi, sed paene etiam de praestando ex stipu- 
latione promisimus. Laudabam propterea reditum tuum, et ut umbram illam honoris 
et dignitatis ad quam assumptus es, te hortabar pro tanta expectatione ac tanto bono 
ne negligeres, traderesque totum te Studio ac scientiae sacrorum canonum. Ad quam 
commoditatem assequendam nusquam melius quam Patauii esse potes propter doc- 
torum excellentem quandam in utroque iure scientiam et reliquas commoditates multas, 
quas facilius apud tuos assequi quam in ciuitate externa poteris. Sed parum adhuc 
meae te litterae ad scribendum commouerunt. In quo si diutius nihil scribere perse- 
uerares, coges me non magis de tuis commodis cogitare quam te veile intelligam.* 

1 dominus de Fisco Pisanus Codex. Die genannten Cardinäle sind Franciscus Zabarella 
(f 26. Sept. 1417), Branda Castiglione, Johannes de Bronhiaco , Ludovicus de Flisco, Ala - 
mannus Adimari. * aus Konstanz, von wo Barzizza Anfang 1418 nach Venedig 

heimkehrte; vgl. Poggios Brief an Barbarus Matthaeus Barucius (ed. A. C. Clark, The 
Classical Review XIII i8gg, 125). 

Diese Reihe könnte der Brief Quod mihi res an Valerius Marcellus (Für. 186-8. Ball. 146) 
beschließen, in dem Barzizza Nicolaus ’ Tod (um 1424) beklagt. 


34—38 Briefe an Neffen und Sohn Johannes Barzizza. 

34. Gasparinus Pergamensis pl. d. sal. Iohanni nepoti. (Balliol. 13) 

Expectabam litteras tuas quibus me certiorem faceres de valitudine Pauli mei. Sed id 
fortassis per occupationes tuas non tibi licuit, aut quibus illas committeres non habebas. 
Veilem autem nullam ad me scribendi occasionem praetermitteres, quotiens habebis qui 
praesto illas ad me deferat. Scis quam sim meorum amantissimus et auidus audiendi 
saepe, quo in statu sint. 

Guinifortum meum amabis, quantum illum a me amari intelligis, et curabis ut melio- 
rem illum mihi reddas quam a me acceperis. Quod non erit tibi difficile, si egregiam 
eius naturam et illam vim diuinam ingenii sui industria et sollicitudine tua saepe acueris. 

Lucretiam adhortaberis ad bene viuendum et omnes domesticos nostros. Odoraberis- 
que diligenter, si pestis anni superioris cepit herum in urbe illa recrudescere. Quidam 


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enim ita esse scripserunt. Nollem vos in eo periculo esse, ne aliquando sero vestrae 
saluti a me prouisum esset 

Mittes etiam ad me omnes libros solutos qui sunt extra capsas et armarium aliorum 
voluminum; quos diligenter conclusos et sigillatos dabis alicui nuntio, cuius fidem 
exploratam habeas. Christophorum nondum possum remittere. Sed cura ut respon- 
sum habeas a patre abbatis. Litteras quas dedi ad Franciscum Barbarum, con- 
signabis ei; et apud eum, cum illum pro me salutaueris, maxime instabis, ut illos libros 
quos ab illo repeto, consignet tibi, ut cum ceteris possis illos tuto mittere. Vale et 
perseuera ut cepisti. 

35. Gasparinus Pergamensis Iohanni filio salutem. (B. 100) 

Christophorus noster ad te accedit, a quo melius intelliges, quid sim acturus. Tu fac ne 
in mora sis, ut, cum de meo discessu ad te scribam, omnia parata habeas. Puto enim 
me nauigaturum prope diem. Et quia continue expectantur qui renundent interclusa 
esse itinera, necessarium est ut maturemus omnia. Aliter forte subeunda erunt pericula, 
a quibus vix extricare nos poterimus. Vale. Et cura ut Christophorus ad nos aduolet. 

36. Gasparinus Pergamensis Iohanni Barzizio salutem. (B. 108) 

Dum animum tuum potius quam sententiam meam sequeris, paene te et patrem tuum 
subuertisti. Nihil enim accidit tibi quod non longe ante diuinauerim. Sed bene se habet 
quod fortuna in te mitior fuit quam ipse dbi fueris. De qua re non solum plura ad 
te scriberem, sed etiam palam te obiurgarem, si res ista ad integrum posset resdtui. 
Verum omnia sic transeunt et ut sunt transacta, ita habeantur. Quod instat maiori pru- 
dentia a te curetur. Nunc autem illud videas, ne ullam aliam rem agas studiosius quam 
ut cito valeas. 

Si dbi opus est pecunia, scribe, et sine mora per me omnia oportuna consequere. 
Interim mittas ad Iohannem Cornelium, qui dbi non deerit, si quid expediens erit. 
Est enim summus amicus noster et qui libero animo est in omnes meos. Non habeo 
hoc tempore quem in amicida maioris faciam. Si quid autem mutuo sumpseris ab eo, 
cura ut id statim sciam, ne me ignorante negligens aut ingratus in talem amicum videar. 

Aliud non est quod ad te scribam nisi quod Facinum per litteras meas accusaui, quia 
nihil de tua aegritudine ad me scripsit. Neque adhuc de tuo casu quicquam percepissem, 
nisi Petrus Thomasius homo doctissimus et amantissimus omnium nostrum de tua 
valitudine et suo in te officio mihi retulisset. Quare neque tu neque Facinus posthac 
simili negligentia, si carus vobis sum, utamini. Fac valeas. Patauii IX kal. sept. 

37. Gasparinus Pergamensis Iohanni filio dilecto s. p. d. (B . 118) 

Certis bonis respecdbus mitto ad te Michaelem fratrem tuum. Spero edam hoc tibi 
gratum fore, sibi vero tantum ut nihil magis. Incredibile enim est quanto afficiatur 
taedio mecum esse, quamuis in omnibus melius a me tractatus sit quam Iohannes 
Augustinus frater est. Curam eius habeas, nec reponas eum in doctrina et moribus 
peiore loco quam externos. Suadeo etiam ne concedas ei ud nimia libertate, quae semper 
adolescentes perdidit et abstraxit ut a virtute ita ab omnibus bonis studiis. Multos enim 
cognoui magno ingenio qui potuerunt pad se posthaberi omnibus podus quam aliquid 
contra animum suum facere. Nollem ut iste sequeretur viam perditam et misernmam. 
Haec ad te non scribo sine causa. Deus est testis mihi quo animo in vos omnes fuerim. 
Fortassis et vos aliquando ita esse iudicabitis, sed sero. Aliud non scribo nisi quod 
tradas illam pelandam Iacobi Facino nostro et recte viuas. Vale. 

A tergo Erudito ac diserto viro Iohanni Pergamensi filio dilecto. 


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38—43 Briefe an und über Guiniiortus Barzizza. 

38. Gasparinus Pergamensis s. p. d. studioso iuueni Iohanni de Barziziis. (B. 115.) 

Binas a te litteras habui, quibus tuam diligentiam et summum Studium nobilissimi 
viri Valerii Marcelli in res nostras ad me scripsisti. Ego vero ut illius ofßcium ita indu- 
striam et sollicitudinem tuam laudo et te hortor, ut non defatigeris maxime hoc tempore 
omnia ut facis ratione et consilio perficere. Et saepe ad me scribas quo in statu omnia 
nostra sint. Vehementer autem a te quam saepe litteras ad me dari desidero, quid agat 
puer ille diuini ingenii Guinifortus meus. Scis quantum eo delecter propter illam incredi- 
bilem vim naturae, quae annos suos ultra indolem omnium puerorum quos ego nouerim 
iudicio meo antecessit. Nihil, Iohannes mi, potes facere quod magis a te expectem quam 
te summam curam huius pueri gerere. Quantum enim proficiat in te est, cum in dis- 
cendo ut nullus terminus ita ctiam nulla ei molestia sit. Seruabis autem in eruditione 
et doctrina illius non solum diligentiam sed etiam modestiam et humanitatem. Nun- 
dum enim ut nosti agit annum septimum, quamuis iam par sit multis adolescentibus 
qui circa prima rudimenta satis instructi sunt. Trahitur ergo multum aetas illa ad amorem 
litterarum blanditiis et quasi ludo magis quam timore et flagellis. Hac ratione puto 
veteres appellasse eos qui his litteris et huic aetati sunt propositi, magistros ludi, quod 
ludo quodam pueri sunt ad rem eis nouam ac insuetam alliciendi. Haec ad te non 
scribo, quia de tuo Studio dubitem — omnes enim qui a te ad nos veniunt, curam ac 
sollicitudinem tuam in omnibus rebus nostris cum laudarunt, tum illud te accuratissime 
facere aiunt, quod ad Guinifortum meum pertinet —, sed ut intelligas me tanti hoc 
ofßcium tuum facere, ut nulla res sit quam pro nostra necessitudine magis a te ßeri 
expectem. Vale. Patauii. 

Hierher gehört inhaltlich der Brieftext 27. 

39. Gasparinus Barzizza an Cardinal Branda Castiglione. 

Reuerendissime in Christo pater ac domine, domine mi singularis. Quia nulla bene- 
ficia occurrunt et gratiae expectatiuae, nisi optimam habeant datam, 1 parum utiles sunt, 
dominationem vestram non solum rogo, sed etiam obsecro, quod, si possibile esset 
impetrare pro Guiniforto vestro a sanctissimo domino nostro, ut in rotulo familiarium 
suorum describeretur, dignemini veile uti consueta in me benignitate et gratia vestra. 
Seit enim vestra dominatio, quanta familia grauatus sim, quam tenues sint mihi facul- 
tates. Si vero indolem ingenium litteraturam pueri huius dominatio vestra considerauerit, 
si beniuolentiam eius diligentiam Studium curam eius in nepotes vestros, spero nihil 
esse tarn difficile quod non vestrae dominationi facile videatur pro tali puero omando 
atque augendo. Ad quam rem assequendam non dubito reuerendissimum dominum 
meum dominum Pisanum et adiutorem et socium futurum. Idem dico de omnibus 
dominis meis dominis cardinalibus Venetis, praesertim de domino Lando et domino 
Veronensi; confido etiam reuerendissimum dominum Hostiensem, si opus erit, concur- 
surum vobiscum.* Sed nihil volui attentare nisi consilio vestro prius fretus. Mitto itaque 
litteras vestrae dominationi, quae ad eos diriguntur, ut, si res auxilio vel omnium vel 
aliquorum egebit, dominatio vestra faciat eis reddi. Quicquid enim assecutus ero vestrum 
erit. Ceteris vero secundas gratias habebo. Et si dominationi vestrae videbitur commo- 
dius posse rem istam transigi, si in locum meum ponatur — intellexi enim (me inter) 
secretarios in familia domini nostri numerari 1 —, facietis, prout vestrae dominationi 
visum erit. Quodsi omnia haec nos fallent, si videtur, impetretis in mea persona in 
casu quod postea in Guinifortum possim transferre. Bullas autem expectatiuas veilem 
concedi in ciuitate Paduae de ducatis trecentis vel circa sine cura. Sunt enim hic optimi 


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canonicatus, quorum aliquem si aliquando possem assequi, sperarem tan tarn posse 
familiam traducere. Adducerem preces, rogarem, obsecrarem, instarem denique modis 
omnibus, nisi haec et vulgaria essent et diffidentiam nonnullam arguerent. Nemo itaque 
melius de hac re vobiscum loquetur quam animus vester qui semper ad omnia honesta 
sua sponte satis accensus atque erectus füit Valete, benefactor mi singularis ac 
domine praestantissime. 

1 d. h. die Verleihung muß vordatiert sein. * Die genannten Kardinäle sind 

Alamannus Adimari, Franciscus Landus , Angelus Barbadicus (f 16. August 1418), Iohannes 
de Bronhiaco. * Martin V ernannte den Gasparinus Barzizza am 24. November 

1417 zum päpstlichen Sekretär. Aus dieser Zeit, und zwar aus Konstanz, stammt also der Brief. 

40. Gasparinus Pergamensis Guiniforto filio s. 

Tandem, fili carissime, litteras tuas accepi, quibus mihi de facto bibliae satisfacis. 
In eo vero me gaudio exples quod nullum tibi finem facis quaerendi argumentandi 
disceptandi nunc apud tuum illum et patrem et praeceptorem humanissimum ac om- 
nium qui sunt fuerunt eruntque iudicio meo iureconsultorum completissimum 1 , nunc 
apud alios quos praestare inter studiosos ciuilis scientiae nosti. 

Guiniforte fili mi, quanto me obseruari minus vides a ceteris fratribus tuis minusque 
ac minus in dies coli, quanto vides illos in me spoliando, si quid reliquiarum superest 
promptiores, tanto maiore Studio omnes cogitationes tuas ad me referas. Continens sis, 
parcus non auarus, liberalis non prodigus, metuens dei, parentis iam senis obseruans, 
praeceptoris tui amantissimus et ei, ut uno verbo concludam, moribus sapientia Studio, 
postquam non ingenio dissimilis es, simillimus studeas esse. Nec graueris interdum 
aliquid ad me litterarum dare, quibus me certiorem facias de tuo profectu, et quando 
speres te repetitionem aliquam aut disputationem sollennem publice facturum, non 
quod temere aliquid moliaris, sed omnia mature ac diligenter et secundum consilium 
patris tui domini Raphaelis 1 facias, saepeque de toto statu et tua incolumitate scribas. 
Omnia, crede, mea desideria, omnes spes, cogitationes, consolationes in te uno sunt 
In ceteris nihil voluptatis sentio; omni ex parte curis laboribus molestiis vigiliis ob- 
sessus sum. Quare si, qua semper eximie praeditus fuisti, pietas senis patris habet te, 
vincas te ipsum et, si ulla potest ad superiorem industriam ac laborem tuum accessio 
virtutis fieri, enitere, fili mi, ut expectationi patris satisfacias cumulatissime. Sed haec pro 
hoc tempore satis. Saepe alias olim de iis et deinceps, si tempus dabitur, ad te scribam. 

Quod superest Iohanni Augustino verbis meis dicas litteras me unas ab eo cum 
tuis accepisse, cum ego plures quam quattuor scripserim, quibus nihil respondet Ex 
quibus summam animo molestiam percepi. Scribit enim nominatim libros qui vel apud 
Hebraeum vel apud vos sunt, et non plures esse dicit Nullam mentionem facit de 
omnibus operibus Senecae uno volumine conclusis, nullam de Dante optimo manibus 
ac digitis meis glossato, nullam de scripto quodam politicorum et quibusdam aliis quos, 
cum ocium erit inuestigabo. Sed quos nominaui hii preciosi sunt. Scribit ita confuse, 
nec est qui possit intelligere quid sibi illa verba velint, quibus significat accepturum 
se illos nouem du ca tos Lucae de Brabante et de suis additurum; nec causam nec rem 
explicat. Video ipsum ad ingenium redire pristinum. Sed caueat mentiri aut fallere 
aut clam aut palam quidquam praeripere, quia per omnem quam in te locaui spem 
adiuro: nisi quae mihi pollicitus est seruet, ego illum omnino ex animo meo abdicabo 
et necessaria ad Studium eius et ad vitam subtraham omnia. Dixi. Vera esse magis 
quam Delphici Apollinis oraculum experiatur. Et ita ei dicas. Circa domum magnam 
locandam pedibus manibusque enitatur, quod aut sicut scripsit illi praelato locet aut 
alicui nobili Veneto. Spero, facile multos nunc reperiet Venetos qui plus ofierent spatio 


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sex mensium quam alii in anno integro. Non patiatur talem bolum ex ore decidere. 

Ducatos XX pro duodena tua misissem iamdudum, sed modus nullus mittendi secure 
fuit; mittam per totum praesentem mensem, nisi cogitata mea fallunt; si aequaliter 
commodum esset d. Ra<phaeli> 1 quod hic alicui numerarem, statim faciam; nam paratos 
ei seruo. Iohannes Augustinus debet pecunias adhuc habere; rescribat rationem 
pecuniae a me receptae et expensae, et si opus erit, mittam etiam ei ad sufficientiam; 
nec me ludificetur studeatque mone non minus virtutibus quam iuri ciuili. Vale. 

Ex Mediolano. Quinto ianuarii. 1 Raphael Fulgosius. 

41. [Gasparinus Pergamensis Iohanni Augustino filio suo s. d.] 

Inuentarium tandem cum litteris tuis accepi; excusationem tuam accipio; probo 
quae egisti. Iter tutum est, sed propter alia multa ad nostram rem familiärem 
pertinentia non amplius differendum. Illi perfido et ingratissimo, qui tantas lites 
mouit propter illum suum librum, de fratre Salomone loquor, dicas quod per syndicum 
aliquem unum mittam in mala fortuna eius et importunitatis suae. Magistro Dio- 
nysio satisfaciam vel eum quietum reddam. Nihil de libris qui sunt apud Bene- 
dictum Albertum, scribis nec de pignoribus; agenti quotiens scripsi debere vendi <potius) 
quam usurae <subiici>. Domino Valerio me commendo; litteras suas singulari suo 
in me amore plenissimas accepi. Tempus non (habui) scribendi quicquam ad 
dominationem de mea excusatione; quia tarde et sero sto in specula, ut, quotiens fieri 
commode potent et cum honore, suo et meo desiderio satisfaciam. Nihil est quod hoc 
me delectet; in deo omnia facta sunt; non usque ad rem minimam mihi bene succedit. 

Christophorus nihil scripsit, quid facturus sit circa Polyxenam. 

Guinifortus frater tuus licentiatus et doctoratus est in artibus. Non est auditum cum 
dei gratia a multis seculis quenquam ita mirifice se egisse aut quod tanto concursu 
ac frequentia hominum doctissimorum sit expeditus. Omnes eum diuinissimum puerum 
dixerunt, alii eum senem iuuenem, alii angelum. Dominus Christophorus de Castilione 
omnibus audientibus dixit ei: 'beatus venter qui te portauit’ (Luc. XI 27). Vna die 
respondit mane de duabus difficillimis quaestionibus in philosophia, post prandium 
de aliis duabus et de quolibet, de quo aliquis dubitare voluisset. Omnibus stupentibus 
satisfecit mirabiliter, et id palam dictum est eum etiam doctores famosos excessisse. 
Deus sine dubio in eo fuit, quia naturaliter impossibile fuisset eum sic respondisse. 
Fecit principium suum, infcpio tanta fuit eius dignitas grauitas suauitas modestia or- 
natusque in pronundando, ut omnes vel anteisse vel aequasse oratores huius meae 
aetatis visus sit. Vale. <1432). 

43. Gasparinus Pergamensis Guiniforto artium doctori sal. d. 

Nemo ex his quibus litteras commisisd, ad me rediit, quae res facit, ut nullum tibi 
responsum dederim. Nunc vero cum haberem, qui praesto eas tibi redderet, quas a me 
desideras, nolui tarn bonam occasionem negligere. Non conducit nostrae rei familian 
quos petis fasciculos candelarum ad te mitd, primum quod non deteriores vestrae 
candelae nostris sunt, dehinc quod aut publicani fallendi cum periculo et infamia nostra 
sunt, qui ex publico aerario viuimus, aut multo maiori pretio redimendae ex hoc loco 
erunt quam ubi es vendantur. Mutatoria quae requiris parata sunt, sed qui illa ferat 
nullus. Tu partes illas tuas suscipies, ego meas. Spero non diu posse te illis carere. 

Quod ad Iohannem pertinet, nollem verbum ullum a te, cum apud me esses, factum 
esse. Sed acta transacta sint. 


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Conuenias Zaninum Ghisulfum grammaticum et summum amicum nostrum et ei 
verbis meis dicas, ut omne Studium suum adhibeat, si locari posset cum aliquo ciue, 
apud quem victum haberet seruiendo filio uni aut pluribus in domo, ferendo eis libros, 
docendo et erudiendo in primis litteris minores atque in bonis moribus. Quod etsi ipse 
facturus suapte sit, tarnen rem verbis omabis et ei adfirmes isto adolescentulo nihil 
humanius aut studiosius fideliusue posse ea aetate ac fortuna reperiri. Taceo quam 
beniuolentiam nobiscum ii contracturi sunt apud quos ille fuerit. Satis de hoc. 

Quae de familia et re familiari scribis, laudo omnia, modo studiis tuis et fratris tui 
nullo impedimento sint. Cetera quae de te, fili mi, audio, maxima voluptate senectutem 
meam afficiunt. Solus es per quem adhuc me iuuat viuere. Spero etiam optime de fratre. 
Nolite expectationem meam fallere. Omnes enim meae cogitationes, omnes meae spes 
in te atque in fratre sitae sunt. Tota ad vos domus respicit. De me iam prope modum 
actum est. Si qualis in vos fui, tales in fratres adhuc infantes eritis, satis amplam vobis 
omnibus hereditatem sine ullis opibus reliquisse arbitrabor. Vale. 

43. Gasparinus Bergomensis sal. plur. dicit insignibus viris 
domino Guiniforto artium doctori et Iohanni Augustino filiis carissimis. 

Male habeant hi tabellarii qui ex tot litteris nullas ad vos detulerunt. Nouissime ad 
vos alias scripsi et quidem breuissimas, ne ulla possent excusatione uti: prolixae oneri 
nimio sibi forent. Caput omnium litterarum quas ad vos dedi, fuit, quod, si vos bene 
valetis, si vos expectatione patris afficitis, nos dei gratia valemus omnes. Nec valere 
omnino aliter possumus. Tota enim domus ad vos spectat, cum ego iam exacta ferme 
aetate morientem me quotidie sentiam. Annum enim quartum sexagesimum ago aeta- 
temque magis ac magis ingrauescentem in dies sentio. Maturandum itaque vobis est et 
omni celeritate contendendum, ut priusquam moriar praeteruectos vos omnes scopulos 
illos videam famae ac honoris vestri, per quos nauigetis necesse est, donec publicum 
conuentum priuato ac publico examine insigni laurea ometis, non ut ceteri, sed ut om¬ 
nium praestantissimi debeatis videri, ego vero laborum meorum fructum, antequam 
deficiam, videam. Iniquum enim esset agricolam neque arborum quas ipse seuit, neque 
seminum quae terrae mandauit, fructus aut messem ullam colligere, sed posteris fruenda 
omnia relinquere, quanquam nullam ego maiorem a vobis mercedem peto quam ut 
vobis et fratribus vestris bene consuluisse videar. Si hoc vos consecutos video, nihil 
est cur male actum putem: viuam animo tranquillissimo, nec mors mihi grauis erit 
Currite ergo ad eum quem instituistis finem, et, si fieri potest, annus sequens summam 
vestris studiis imponat. 

Quid secutum sit post litteras quas ad Christophorum nostrum scripsi, nihil prorsus 
a vobis audiui, de quo miror. Facite me quid et quantum acceperitis certiorem et quo- 
modo aedes nostrae locatae sint. Si non est redditus libellus ille de compositione 
Bartholomaeo Vicentino, viro doctissimo ac vestri amantissimo, vel in praesentia red- 
datur vel anulus suus, Guiniforte, ei restituatur. 

Cupio ex te, Iohannes Augustine, scire, an librum digestorum, de quo discedens 
mentionem fecisti, emeris, item de ceteris libris tuis, si illos recepisti. Fac ut publice 
et priuatim conferas in iure ciuili et ita milites, ut nullus te pudor deterreat — nihil enim 
potest ineptius esse quam ubi nihil opus est vereri —, ne tempore alieno, id cum nihil 
vos iuuabit, sero a vobis fiat. Tarn hoc te admonendi causa quam cohortandi et cur¬ 
rentem ut dicitur <incitandi> scribo. Idem de te, Guiniforte, dico et maiorem in 
modum suadeo vobis, de omnibus rebus vestris ad me copiose et saepe scribatis, licet 
a me nullas acceperitis. Valete. (Mediolani) 


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44~55 Briefe über Bücher und Studien. 

44. Gasparinus Pergamensis Petro Suardo homini nobilissimo salutem. (Balliol 10g) 

Scribis quod omnem curam adhibeam circa venditionem libri tui. Ego vero pro tuo 
in me amore et mea in te obseruantia nihil praetermittam, ut hanc rem tibi ut vis per- 
ficiam. Sed quia pretia librorum sunt valde minuta, nec is est Über tuus quem satis 
homines docti laudent, puto quod non poterit negocium tuum bene confici. Scribas ad 
me ultimum eius pretium, ut, si fortuna adiuuerit, possim totam rem expedire. Aliud 
ad te non scribo nisi quod ut tuus sum ex animo, ita me vehementer diligas. Vale. 


45. Gasparinus Pergamensis s. p. d. Ludovico Bonifacio comiti Veronae. (B . 6 ) 

Si commentarii quos petis mitti a me per tabellarium tuum apud me essent, non 
solum tibi instand illos concessissem, verum ultro etiam gratias haberem, quod omnia 
quae a me scribuntur te delectant, non quia ego illa tanti faciam — sunt enim ieiuna 
ac cruda —, sed quia hoc est signum te magno desiderio mei teneri et me vehementer 
amare. Sed culpa amicorum meorum factum est vel potius temporum, ne illos possim 
tibi absolutos mittere. Cum enim his superioribus annis cepissem edere hos comraen- 
tarios ac animus esset eos explere, primo optare, dehinc etiam suadere ceperunt, ut 
veilem hoc opus in aliud tempus differre et prius expedire sentendas, quas illi magno 
Studio colligebant, cum eis exponerem epistolas Senecae. Feci quod illi voluerunt, et 
Ciceronem meum quem iam in manibus habebam, dimisi, ut amicidae suae morem 
gererem. Nescio quid ceteris usu euenire soleat. Mihi enim ita accidit, ut nulla in re 
minus constans sim quam ubi aliud mihi, aliud amicis meis visum est. Facile enim 
patior ab illis vinci et meas rationes suis posthaberi. Quae tempora postea secuta sint 
nosti. Cupiebam maxime ad officia Ciceronis redire et facere, ut amicidae non negli- 
gentiae meae dari posset quicquid studiorum intermissum fuerat aut in aliam rem 
translatum. Sed propositum meum e manibus extorsit fortuna, quae ita agitare omnia 
cepit, ut etiam qui se maxime a tumultu et a negociis abducunt, non possint in ocio 
esse. Nunquam ergo magis procul ab hac spe fui quam hodiemo die. Video enim 
omnia fere bona studia esse immutata. Olim enim in pretio fuerunt hae artes, quas 
tu maxime affectas et in quibus iam egregie eruditus es. Et erant principes qui studiis 
illarum delectarentur. Praeterea caros habebant omnes qui ingenio atque exercitatione 
aliquid in eis dignum fama consecuti essent. Quid homines nostri temporis sequantur, 
aliud hoc loco non dico, nisi quod timendum, ne artes quae maximo quondam oma- 
mento fuerant illis qui eas didicerant, nunc sint oneri, nundum audeo dicere infamiae, 
quamuis hodie paupertas maximo opprobrio hominibus sit. 

Redeo ad illud unde discesseram. Non habeo quomodo possim huic tuo desiderio 
satisfacere, nisi tu forte aliquid in re mea prospicis, qualiter me possis aut per te ipsum 
aut pertuos iuuareapud illum'magnificum principem tuum 1 , qui more maiorum suorum 
aliquam mihi viam aperiat ad bene de se sperandum. Sed ubi rebus aliis occupatus 
sit et animo intentus circa maximos motus qui videntur ubique maiores quam olim 
imminere, consulo ne sis tarn ardens in hac re quam etiam me maxime optante non 
possis consequi. 

Alios quintemos quinque commentariorum in epistolas Senecae ad te mitto. Tu des 
operam ut quam celeriter negocium conficias, ne, si a me aliud innouandum esset, 
alter nostrum aliquo incommodo afficeretur. Vale. Patauii. Idibus iunii. 

1 Marchio Ferrariae Estensis. 


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46. Habui nuper a te litteras, quibus me de summa beniuolentia tua mones. 
Ego vero etsi amore tuo in me plurimum delecter, nihil tarnen a te noui percipio. 
Vetus enim est iste tuus animus et consuetudo in amando eos maxi me, quos ali- 
quando ad illas egregias artes et nobilia studia tua vel praeceptores vel socios tibi 
elegisti, de qua re, si ocium mihi esset, plura ad te perscriberem. 

Redeo ad ea quae a me requiris. Fui cum Damiano tuo cui statim reddidi litteras 
tuas et omnia exposui quae tu ab ipso exigebas. Sed cum nihil eorum quae sibi dis- 
cedens commiseras, perfectum ab eo intelligerem, multis verbis eum accusaui. Ipse 
vero omnem istam culpam a se remouebat, reiiciebatque in alium, cui ut ait negocium 
pecuniae dimiseras, dixitque purgaturum [se] apud te suspicionem hanc, si qua in te 
remansisset. 

Commentarios vero in officia Ciceronis apud me habebam ceperamque intermissum 
opus illud repetere. Sed alia nescio quae causa me inde retraxit et tempus illud, quod 
ad eam ipsam rem accommodaueram, nolente me de manibus extorsit. Manet certe 
propositum redeundi ad illa studia, quae si aliquando perfecero, fadam te per meas 
litteras certiorem. Habeo tarnen quod desiderium tuum leuet, si aegre fers hanc dila- 
tionem. Perfeci quidem alios in epistolas Senecae ad Lucillum, itidem etiam ad Paulum 
commentariolos meos quos tibi expletos cum aliis quatemis tuis remittam per primum 
quem ad me tu mittes, modo ipsum citra kalendas octobres non matures. Nolo tem- 
poris auarus esse, ne iure possis vel fidem vel amicitiam meam accusare. Susdpiam 
etiam animo libenti onus commentariorum Dantis, si rescripseris quid a me velis fieri. 

Plura ad te scribere conceperam de his quae ad me pertinent, licet pauca habeam 
quae me delectent. Sed me alio retrahunt multae et magnae curae, quas aut ego ipse 
— cum amicis omnia cupio quae ipsi a me expetunt ultro facere — aut fato quodam 
iam vetere non possum effugere. Spero tarnen, si quando aut plus odi mihi ad scri- 
bendum fiierit aut liberiori animo extitero, omnem hanc scribendi vel tarditatem vel 
inopiam correcturum. Vale. Et si quid habes in quo apud tuam fortunam bene exceptus 
sis, fac me ut nuper tui gaudii participem. (Balliol. 127) 


47. Gasparinus Federico Parmensi sal. d. 

Nisi amor noster mihi persuaderet nihil te cogitare quod sit contra fiindamenta quae 
dudum ut scis iecimus, immutassem illam sententiam quam de te mihi feceram. Non 
te fugit, mi Federice, quod te diligo, quod amicitiam nostram non magis propter utile 
quam propter honestum expetendam putaui. Sane peruertis iudidum quod de te con¬ 
ceperam. Quare si me carum habes, noli muneribus certare mecum, his praesertim quae 
ex tuo grege non percipis. Sic argentum aut aurum mittere poteras. Haec sunt illis con- 
grua qui propter diuitias amant. Ego vero posteaquam te amare cepi, non tua sed te 
spectaui. Vide itaque ne ea deinceps mihi mittas quae pecunia emas. Scio te honesto 
animo cuncta facere. Sed prouidendum est ut id facias quod utrunque deceat. 

Cassiodorum meum ad te mitto. Nundum potui habere illum de quo tecum locutus 
fui, cum apud te essem. Meo quam familiariter utaris. Fortassis aliqua se nobis interim 
grata fortuna exhibebit. Scio, expectas me tibi debere aliquid quod ingenium tuum 
delectet. Mitto tibi bucholicam Petrarchae, quia geminatam habeo. Lucretia et pueri 
te saluum Optant esse. Si quid est quod apud nos tibi gratum sit scribe. Vale, mi Fede¬ 
rice, meque ut facis dilige. Patauii III kal. nou. 


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48. Clarissimo viro Iohanni Comelio Gasparinus suus pl. d. s. (ß. 04) 
Bartholomaeus sacerdos Plinium tuum et litteras reddidit ac multa retulit de tua in 
me summa beniuolentia, quae etsi mihi non tantum usitata sed quotidiana sit, magna 
tarnen voluptate afficior, quotiens aliquid de tuo amore in me audio. Sed ut ad Pli¬ 
nium redeam, magnas habeo tibi gratias, quod tarn faciliter passus es me libro tibi 
carissimo uti. Nisi tuo cum incommodo fiet, curabo, ut celeriter transcribatur. Sed prius 
cupio certior a te fieri, an aliquem alium correctiorem tuo audieris esse apud aliquem 
ex ciuibus tuis. Nollem enim in summa caritudine pecuniae male tantum sumptum 
locare. Vbi vero alius emendatior non reperiatur, constitui potius libro non bono uti 
quam omnino carere. Non poterit esse quin ex cumulo re rum quas dignissimus is auctor 
complexus fiiit libris 36, multa possim elicere quae commentariolis meis commodis- 
sime inserantur. Quae res si a me unquam perfecta fuerit, maiorem partem laborum 
meorum tibi vendicabis qui etiam studiorum maximus adiutor et socius mihi fueris. 

Liuium olim Donati Casentini nundum habui, nec res ista potest sine te expediri. 
Sex ducati defidunt ad summam pretii. Facias quaeso ut ii numerentur Hieronymo An- 
zelerio homini physico. Scribo ad Antonium Fressum duem Ferrariensem *, quod librum 
committat illi cui tu negocium mandaueris. Cum enim über ille carior mihi sit oculis 
meis, non audeo curam illius ad me deferendi alteri committere quam ei cui tu hoc 
negodum imposueris, qui cum sis homo tuorum ciuium litteratissimus et mihi summus 
amicus, maiorem in hac re diligentiam adhibebis quam alius mihi notus posset Ad- 
monebis tarnen amicum tuum, quod librum caute ferat propter publicanos qui cum 
ubique sint praedandi auidissimi, multo auidiores sunt in solo Ferrariensi. Cum vero 
Liuium nostfum hospitio tuo susceperis, postquam sibi litaueris, concedes ei ut in urbem 
suam nauiget. Sum enim et Plinio tuo auctore Veronensi et hoc alio Euganeo ple- 
runque in scriptis meis usurus. Vale et saepe de me cogitcs. Patauii XI kal. sextiles. 

1 Antonius de Flesso. Antonio da Fiesso, Schwiegersohn und Erbe des Donato degli Al - 
banzani; vgl desseh Testament vom 8. III1411 (ed. Novati , Arch. stör, ital i8go t 377—381). 

49. Gasparinus Pergamensis Facino suo s. p. d. (B. 05 ) 

Recepi naturalem historiam Plinii et magnas habeo gratias domino Iohanni nostro 
qui me tantum amat. Nunquam aliquid ab eo optaui, quin ultro mihi satisfecerit. Non 
possem tibi dicere quam necessariam rem studiis meis fecerit in hoc libro. Sed timeo, 
ne, cum ipse summa liberalitate in me usus sit, ego in eum rusticus futurus sim, dum 
fortassis cum aliquo eius incommodo diutius re sua utar quam sit aequum. Constitui 
ergo, nisi cognouero me rem molestam ei facturum, dare operam, ut quam citius fieri 
poterit, liber iste transcribatur, si prius ad me scribis, quid ipse sentiat de perfectione 
eius in comparatione ad alios qui reperiuntur. Nullum adhuc legi correctum; et in hoc 
etiam paene errores plures sunt quam bene dicta. Sed adeo pemecessarius est sententiis 
summorum virorum a me commentandis, ut nullo modo videar posse negocium istud 
conficere, nisi ea quae pluribus locis ab hoc homine conscripta fuerunt, commentariis 
meis inseruero. Quae res si aliquando a me deo adiutore perfecta fuerit, non parua 
laudis meae pars, si qua erit, ad dominum Iohannem nostrum perueniet, qui meorum 
studiorum adiutor fuerit. Sed noli omittere quin de sua voluntate certiorem me facias. 

Circa negocium panni, quia maiori usui meo accedet, constitui non vendere. Facies 
rem mihi pergratam, si curabis quod contingantur brachia XII in morello atro qualis 
est bruna causa induendi dominam Catharinam. Reliquam partem conseruabis, donec 
aliud ad te scribam. Roga dominum Iohannem quod mandet hanc curam negociatori 
suo vel alteri ex familiaribus suis, qui sit idoneus ad huiusmodi officium. Vale. 

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Vt facis, bene procura Federicum nostrum. Guinifortus commendat se domino Petro. 
Dicito domino Iohanni quod det sex ducatos magistro Hieronymo Anzelerio physico, 
si eos requiret. Et quia inurbanum mihi videtur tali viro mandare rerum minimarum 
curam, rogo suscipias hanc prouinciam et sis quaestor meus, si quando contigerit aliquas 
pecuniolas meas apud te esse, et ex nunc hoc labore eum releues. 

50. Gasparinus Barzizza an Marcus Dandulus . (B, 126) 

Petrus Thomasius, homo physicus, ad me scripsit his diebus, ad se accederem causa 
unius Plinii de naturali historia, quem magna diligentia cupienti mihi perquisieraL 
Asserebatque librum illum perrarum et singulärem qui fere nusquam reperitur, nec 
aliter posse rem istam conficere, nisi ego praesens essem. Aiebat enim dominum libri 
nolle concedere quod ad me deportaretur. Ego vero cogitaui ipsum vel dubitasse qua 
fide homo essem vel humanos Casus timuisse. Scribo itaque ad te sicut olim ad Danielem 
meum, ut pro me sponsionem facias vel pretium de quo inter nos conuenerit infra dies 
octo persoluturum vel librum te redditurum. Quod si impetrare potueris, vide ut stadm 
librum habeam per nuntium proprium, cui prouidebo velut scripseris, nisi alius sufiiciens 
tibi daretur qui alia ex causa Patauium veniret. Ego vero intra terminum constitutum 
mittam aut librum aut argentum de quo inter vos pactum fiierit. Cura ut hanc rem 
mihi perficias, et ego id inter maxima beneficia tua numerabo. Fac valeas et me ut 
soles maxime diligas. 

51. Gasparinus Barzizza an Petrus Thomasius. (B. 125) 

Ingentes habeo tibi gratias quod in re mea nullum tuum officium desideraui. Nam 
etsi multis antea signis quo in me esses animo dedaraueris, tarnen in hac re quam 
mihi esse magnae curae intelligebas, ita attentus fuisti, ut vel ego in meo negocio vel 
tu in re tua maiori Studio sollicitus esse non potueris. Sed duo mihi in hac re quam 
tanta diligentia pro me suscepisti, maxime obstant: quod neque ego ad te nauigare 
possum sine periculo et perturbatione mearum occupationum neque ille nescio quis 
rei suae dominus satis confidit librum suum ad me deferri, quod non nullam coniec- 
turam mihi faceret latens aliquod vitium illi suo Plinio subesse, nisi tu prius fidem 
in hac re fecisses, cum tantum illum mihi per binas litteras inter alios laudasti. Habes, 
Petre mi doctissime, quae causae desiderium meum remorentur. Scribo tarnen Marco 
Dandulo, homini ut nobilissimo ita summo amico meo, quod ubi condidonem hanc 
venditor accipiat, ipse pro me sponsionem faciat, quod nisi librum istum infra dies octo 
domino restituerim, ipse pecuniam de qua pactum inter nos fuerit, pro me dependat. 
Si vero intra constitutum diem integrum atque saluum restituero, tune amicum meum 
a sponsione soluat. Quod si a te perfid poterit, plane intelliges gratiam quam adhuc tibi 
maximam habeo, multo maiorem non tantum habiturum, sed etiam, si usus vel facultas 
tulerit, ipsa re acturum esse. Vale et me dilige. 

52. Oratorem nostrum, pater reuerendissime, tabellarius tuus cum litteris quas d 
commiseras, satis tempesdue tuo nomine mihi reddidit. Nec est quod excusatione 
temporis apud me utaris, si paulo tardius is über a te absolutus est, quam te illum 
redditurum pollicitus fueras. Noui enim tuas et frequentes et magnas in rebus diuinis 
atque humanis occupationes. Nec contra officium unquam esse duxi aut quae quis 
promisent differre aut praeterire omnino, si, dum id conatur, res illum maiores interim 
grauioresque anteuerterunt. Quod tibi, pater optime, accidisse ita exploratum habeo, 
ut multo magis Studium tuum ac diligentiam in hoc libro celeriter absoluendo admiratus 
sim quam tarditatem in differendo. 


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Quod ad fragmentum illius de oratore pertinet et ad 1 Brutum, scito me non solum 
unas pro his quatemionibus litteras, sed binas temas quatemas et amplius litteras 
scripsisse. Non conquiescam, donec re optata potiaris. Celeritas tabellarii in discedendo 
facit, ut breuior in scribendo sim. Vale, pater reuerendissime, et saepe de me cogita. 

Ex codicibus Monac. lat. 28137 f. 116 et Würzburg M ch 2° 68 f. I44 y —5 r . Partem 
edidit R. Sabbadini , Storia e critica di testi latini, Catania IQ14 , 106. 1 pertinet ad Sabbad. 

53. Gasparinus Pergamensis d. s. Laurentio Bontio viro doctissimo. 

Cum officio meo satisfacere quam cumulatissime cupio, neque tibi neque mihi satis- 
facio. Tanta est vel incuria eorum vel iniquitas quibus aliquid mando quod ad tua 
studia attineat, vel temporum ac rerum difficultas. Male superi omnes his librariis 
faciant qui me totiens vel te eluserunt. Nam cum studeo rebus in omnibus tibi obsequi, 
ne quidem una in re morem tuae voluntati adhuc gessi, qui, nisi unus omnium con- 
stantissimus in amando esses, iam dudum me certe amare desiuisses. Quis enim ferre 
amicum posset, in quem cum ipse officiosissimus sit, ille quasi dedita opera se prorsus 
inofficiosum praebeat. Sed hoc vitium etsi in me esse minime te suspicari arbitror, 
tarnen propter alios, quibus non fortassis idem accidat, reddenda mihi est et consiliorum 
et officiorum meorum ratio. 

Cum enim ex tuis litteris commonefactus a te essem, non semel tantum sed iterum 
ac tertio, ut, si quod ad effingendum Ciceronem auxilium satis ex promptu haberem, 
nollem tarn honesto desiderio tuo deesse, videbam huiusce rei initia nusquam posse 
melius quam ab eo ipso repeti quem in dicendo exprimere optares, non quod tibi 
grauitas in scribendo aut copia defexit, sed ut tua virtute illam Ciceronis imitareris 
quam Cicero ad Q. fratrem de oratore perfecto inscripsit. Continet quidem non veteris 
illius graecae disciplinae praecepta quae ab antiquis fuerunt in umbra atque in ocio 
conscripta, sed exercitationem potius illam callet quam tot forenses ac senatoriae causae 
genuerant Quanta vero in eo libro sit vel sermonis comitas vel disputandi elegantia 
vel sententiarum ac verborum dignitas, nemo tarn ab his nostris studiis auersus est 
qui non intelligat. Dum ergo studeo hanc Tusculanam disputationem ad te quam emen- 
datam mittere — erant enim omnes fere commentarii vitio librariorum corrupti — ,quo 
magis id maturabam, eo tardius munus hoc atque officium meum absolui, quod non 
tarn occupationibus meis quae infinitae sunt, quam perfidia eorum factum est quibus 
hunc librum iam a me pluribus locis correctum exemplandum commiseram. Litteras 
autem nullas interim ad te scripsi, non negligentia ulla aut obliuione tui, sed quod 
mihi inanes videbantur, nisi aliquod ad id quod expectabas auxilium attulissent. 
Pudebat enim me quod, cum tuas ego nunquam sine munere aliquo reciperem, meae 
nihil ad te nisi verba deferrent. Nunc vero hos defectus in correctionibus meis partim 
exemplariis antiquis imputabis, ex quibus et quidem multis in unum collatis vix tan- 
dem potui correctionem hanc excutere. Et quia partitio in rebus magnis ac obscuris 
recte habita reliquam dictionem totam illustret, singulos libros in capita quaedam et 
in partes diuisi et quod in uno quoque genere continetur breui aperui. Quod Studium 
meum si approbaueris, magnum ex mea industria fructum capiam, quod homini doc¬ 
tissimo haec partitio placeat; si minus, dabo operam, ut, cum ocio magis habundabo, 
aliquid expoliam quod tua haec studia etsi non multum acuat, tarnen oblectet. 

Cepi ad Danielem nostrum de partitionibus rhetoricis scribere, quae res maioris et 
ocii et ingenii egeret. Sed ubi saxum quod e conuerso constitui ex arbitrio posuero, 
non despero quin Danieli nostro et dbi satisfaciam. Interim hac praeceptione oratoria 
uteris. Cui si animum cogitationemque tuam intenderis, multa legendo consequeris, 
quae tuae illi copiae et grauitati incredibilem quandam dicendi scribendique suaui- 
tatem et gratiam adiicient. Vale. Ex Patauio. <1418) 

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54. Reuerendissime in Christo pater et domine, domine mi singularissime. Red- 
diti mihi sunt quinterni quinque in finem Quintiliani, ex quibus tantam voluptatem 
animo iocunditatemque percepi, quantam qui maximam ex rebus optatissimis, si frai 
eis contingat, capit. Animo nostro, pater ac domine mi praestantissime, posse ‘par pari 
referre religio est mihi dicere*, ut verbis Terentii poetae comici utar (Eun.443, Heaut.228), 
timor est mihi affirmare. Nam cum tan tum virtute quantum dignitate excellads, necesse 
est, ut primas vobis partes in omnibus rebus honestis concedam. Pecunia non compen- 
sationem facile recipit, et spero me aliquando gratiam relaturum. Quod autem in eo 
officio vincar, quod non in fortuna sed in virtute positum, aequo animo fero, et quia 
vestra summa dignitas nihil magis proprium habet quam ceteros homines virtute an- 
teire, et quia recte facta satis magnum praemium vel conscientia vel cogitatione prae- 
stant. Quae meae partis sunt gratias et quidem singuläres dico ac multo maiores habeo, 
referam etiam si non pares, saltem aliquas, nisi fortuna propositum meum e manibus 
extorserit Plura in hanc rem scriberem, nisi vel haec ipsa nimis multa apud domi- 
nationem vestram essent vel assentationis quandam speciem possent fortassis apud 
alium videri habitura. Satis itaque de Quintiliano. 

Reliqua ad pueros vestros pertinentia curantur hic omni Studio ac diligentia. Domi¬ 
nus Francischinus plerunque eos audit 1 . Iohannes Augustinus filius non deficit. Ego ut 
saepe dixi ad gubemaculum sedeo. Valete, pater ac domine mi humanissime, et 
me recommissum habeatis. Patauii pridie kal. aprilis. 1 adit Sabbad. 

Wohl an Cardinal Branda di Castiglioni; vgl. Sabbadini, Storia e critica (1414), 391. 

55. Gasparinus Pergamensis d. p. s. Lazarino Restae homini eruditissimo. (B. 92) 

Ionas tuus et ego magnam voluptatem percepimus, quod prius de tua conualescentia 
quam de aduersa valitudine intelleximus. Dlud autem maiorem in modum rogamus, 
ut tuam incolumitatem attentius quam olim custodias. Nimis enim te vigiliis et assiduo 
labore maceras et es magis quam tuae naturae conueniat in legendo scribendoque 
assiduus. Vide ut te quam diu amicis tuis conserues. 

Litteras quas ad me scripsisti, nuper accepi cum ducatis XX, quos tibi remitto per 
Iohannem necessarium meum. Cupio enim illos a te seruari, donec visum tibi fuerit 
bullas pro Iohanne Augustino impetrare. Nescio utrum illa siue necessitas siue auaritia 
se adhuc remiserit. Non audeo palam scribere. Quicquid sit, tu depositum meum apud 
te seruabis, quousque beneficium illud commodius transferri potent. Si quid ad sum- 
mam deerit, tu me admonitum facies. Interim non recusabis bunc laborem qui nullam 
pro me unquam molestiam fugisti. 

Scripsi pro Aelio Spartiano ad Fadnum Pergamensem, qui dabit operam, ut quantum 
voles eo libro utaris. Est enim in praesentia apud Iohannem Comelium, hominem ut 
nosti bonarum artium cupidissimum. Nam sdo sine ullo studiorum suorum incotnmodo 
potent illum tibi reddere. 

Negocium Bononiense nundum est confectum. Nesdo quid debeam sperare. Videntur 
mihi drca rem pecuniariam nimis esse attenti. Nec parum mihi offiiit, quod Nicolaum 
filium illuc miserim. Nocuerunt etiam litterae et studia amicorum. Quo enim maiori 
cura gerebantur omnia, eo me auidiorem buius rei iudicabant Non tarnen multum 
inter nos distamus. Rescribo ad eosdem qui huic negocio praesunt Si quid deliberatum 
fuerit per eos, faciam te certiorem. Fac valeas. 

Der Brief ist zwischen Libellum Platonis (Ball. 89 = Für. 193) und Nisi tuus discessus 
(Ball. 9 6 = Für. 113) einzureihen , 


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BEITRAGE ZUR 
FORSCHUNG 


STUDIEN 

AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 

NEUE FOLGE 

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VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1930 




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Messe des heiligen Gregor, Ulmer Einblattholzschnitt gegen 1470. 


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BEITRÄGE ZUR 
FORSCHUNG 

STUDIEN 

AUS DEM ANTIQUARIAT 
JACQUES ROSENTHAL 

NEUE FOLGE 


VERLAG VON JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN 1930 


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Copyright by Jacques Rosenthal 
Munich 1930 


JACQUES ROSENTHAL 
MÜNCHEN/BRIENNERSTRASSE 47 


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EIN WIEDERGEFUNDENER FRÜHDRUCK 
AUS HARTMANN SCHEDELS BESITZ 


VON DR. ERWIN ROSENTHAL 

D ie Bücherei Hartmann Schedels, eine der umfangreichsten Gelehrtenbiblio¬ 
theken Deutschlands um das Jahr 1500, ging in der Mitte des 16. Jahrhun¬ 
derts endgültig der Familie verloren und wurde von Hans Jacob Fugger in 
Augsburg erworben. Nicht ganz zwei Jahrzehnte blieb sie in Fuggers Hause. 
Dann erfolgte im Jahre 1571 ihre Überführung an den neuen Besitzer Herzog 
Albrecht V. von Bayern nach dessen Residenzstadt München. Im einzelnen 
lassen sich die verschiedenen Abstoßungen aus der Bücherei vom 16. bis zum 
19. Jahrhundert nicht mehr ganz genau verfolgen. Mehrere hundert Hand¬ 
schriften und Druckwerke sind heute, aufs beste erhalten, in wenigen Samm¬ 
lungen vereint Weitaus den größten Bestand birgt die Bayerische Staats¬ 
bibliothek, an zweiter Stelle steht die Stadtbibliothek in Nürnberg. Seit der 
sorgfältigen Monographie, welche Richard Stäuber vor rund 20 Jahren dem 
Sammler und seiner Sammlung gewidmet hat, ist meines Wissens neues 
Material zum Thema der Schedelschen Bibliothek von der Wissenschaft nicht 
beigebracht worden. 1 ) Die Liste des uns erhaltenen Bestandes läßt sich nun 
immerhin um einige Werke vermehren. Das wichtigste Monument tauchte 
erst in alleijüngster Zeit auf, wichtig in mehrfacher Hinsicht: durch seinen 
künstlerischen Schmuck, die Eintragung der Familienwappen, die eigenhän¬ 
digen Rubrizierungen und schriftlichen Einträge Hartmanns, wichtig endlich 
durch eine Bildniszeichnung von Künstlerhand.*) Es ist Schedels Exemplar 
von: Petrus de Abano, Conciliator differentiarum philosophorum ac praecipue 
medicorum. Tractatus de venenis. Mantua, Johann Wurster und Thomas 
Septemcastrensis von Hermannstadt, 1472 (Hain 1). 

Unsere Kenntnis vom Umfang und Gehalt der Schedelschen Bibliothek 
gründet sich auf seinen uns erhaltenen handschriftlichen Katalog, in welchem, 
nach verschiedenen Disziplinen geteilt, über 600 Werke verzeichnet sind. 

*) R. Stäuber und O. Hartig. Die Schedelsche Bibliothek, Freiburg, Herder 1908. 

*) Der Band gelangte gelegentlich der Versteigerung der Bibliothek des letzten Be¬ 
sitzers, Herzogs G. N. von Leuchtenberg (Schloß Seeon) zur öffendichen Auktion. Vgl. 
Paul Graupes Auktionskatalog 87, Berlin 1929. 

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Dieses Büchereiverzeidhnis befindet sich in Hartmanns Notizbuch, welches als 
Clm 363 in der Bayerischen Staatsbibliothek verwahrt wird. 1 ) Auf Fol. I48r 
liest man als Überschrift für eine Reihe angeführter Werke: Libri usuales 
de libreria inferiori. In dieser Abteilung, welche also offenbar einen besonders 
viel gebrauchten Teil der Handbibliothek darstellte, findet sich das Buch des 
Petrus de Abano folgendermaßen aufgeführt: Differentie Conciliatoris cum 
tractatu de venenis petri de abano. Impress. Stäuber bezog den Eintrag 
auf das ebenfalls in der Bayerischen Staatsbibliothek befindliche Exemplar 
dieses Buches, welches früher die Signatur 2 ° Inc. c. a. 89 trug und neuer¬ 
dings als Rar. 853 aufgestellt ist. Dieses war das Handexemplar von Hart¬ 
manns Onkel, Hermann Schedel, 2 ) welcher es von italienischer, anscheinend 
ferraresischer Miniatorenhand mit einer schönen Bordüre versehen ließ. Das 
nach italienischer Weise gemalte Besitzerwappen zeigt den von altersher in 
der Familie Schedel geführten Kopf eines Mohren. Zu Textbeginn ist ein 
Bildfeld geschaffen, welches einen stehenden Arzt in roter Amtstracht vor¬ 
stellt Der gepreßte Ledereinband ist ebenfalls noch in Italien entstanden. 
Auf jeden Fall läßt sich schon an dem Stil der Minierungen erkennen, 
daß die Bestellung durch Hermann Schedel in den siebziger Jahren und 
wahrscheinlich schon bald nach dem Erscheinen im Jahre 1473 erfolgt sein 
muß. Daß dieses Exemplar, welches auch eigenhändige Einträge enthält, aus 
Hermann Schedels Bibliothek nach seinem am 14. Dezember 1485 erfolgten 
Tode in den Besitz des Neffen Hartmann übergegangen ist, braucht durchaus 
nicht bezweifelt zu werden. Wie sich aber jetzt herausstellt, hat der jüngere 
Hartmann keineswegs auf dieses Buch verzichten können, bis es ihm eines 
Tages durch Erbschaft zufallen würde, sondern er hatte längst ein Exemplar 
auf eigene Rechnung erworben. 8 ) 

Dieses neu aufgetauchte Handexemplar Hartmanns befand sich jedenfalls 
1553 noch in dem Gesamtblock der von Hartmann Schedel hinterlassenen 
Bücher, welche sein Erbe Melchior nunmehr an Johann Jacob Fugger in 

*) In dem schönen Berliner Codex, welcher eine Abschrift der Schedelschen Familien¬ 
geschichte aus dem 16. Jahrhundert enthält (MS. Germ. Fol. 447), ist auch der Schedel- 
sche Katalog wiederholt und auf Fol. 376 V der Abano genannt. Es handelt sich hier 
lediglich um die Abschrift des Münchner Notizbuches, welche von einem Lateinkundigen 
stammt; er hat im Nominativ Plural „differentie“ das in der Handschrift Schedels 
fehlende a eingefügt und die Abkürzung „impress.“ mit Bezug auf das Hauptwort in 
„impressae” aufgelöst. 

*) Hermann war schon in seiner Studienzeit auf den in Padua besonders verehrten 
Petrus Aponensis nachdrücklich gewiesen worden. Einem um das Jahr 1440 in Padua 
begonnenen Codex fügte er bald nach seiner Heimkehr nach Deutschland eine Abschrift 
des Traktates De Venenis (Clm 184) an. 

*) Über die Person des berühmten mittelalterlichen ärzdichen Schriftstellers (1350 bis 
1315) unterrichtet besonders: Ferrari, S. I tempi, la vita, le dottrine di Pietro d’Abano* 
Genova 1900. 


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Augsburg verkaufte. Wir wissen, daß dann Schedels Bücherei aus Fuggers 
Besitz an AlbrechtV., Herzog von Bayern, überging. In diesem Augenblick aber 
befand sich das neugefundene Abano-Exemplar nicht mehr bei Fugger. Das 
erklärt sich aus dem Eintrag auf dem ersten Textblatt, welcher (aufgelöst) lautet: 
Magnificus et generosus Dominus Dominus 
Johannes Jacobus Fuggerus etc. 

Joanni H. Munch(i)o Dono Dedit 
Ex Schedelianis. 

Johann Jacob Fugger hat also während der rund 30 Jahre, während welcher 
er Besitzer der Schedelschen Bücher war, die Erstausgabe des Petrus de Abano 
einem ihm bekannten Manne namens Munch zum Geschenk gemacht Über 
die Persönlichkeit des Beschenkten konnte nichts näheres festgestellt werden. 
Eine Familie des Namens Munch, einen Mönch im Wappen führend, ließ 
sich erst um das Jahr 1700 in Augsburg nach weisen. 

Hartmanns Abano-Druck kam nun nicht wie der seines Onkels illuminiert 
und gebunden aus Padua nach Deutschland, sondern Hartmann bezog ihn 
offenbar, wie das seinerzeit sehr üblich war, in Lagen. Für ihn hatte das einen 
besonderen Vorteil, da er ja selbst die Schmückungsarbeit an seinen Büchern 
vorzunehmen wünschte und insbesondere die reichen Rubrikaturen selbst anzu¬ 
bringen pflegte. Auch vermögen wir sowohl aus Notizen wie an einer großen 
Reihe erhaltener Originale nachzuweisen, daß er seine Handschriften und 
Drucke in Nürnberg binden ließ. So wurde nun auch diesem Frühdruck, nach¬ 
dem er im Hause Schedels angelangt war, die sorgfältigste Behandlung zuteil. 

Wir beginnen die Betrachtung mit der ersten Textseite, welche von Minia¬ 
torenhand reich geschmückt wurde. In den ausgesparten Raum zwischen Über¬ 
schrift und Text ist die U-Initiale in ein viereckig gerahmtes Bild gestellt, in 
welchem die Idealgestalt des Verfassers Petrus von Abano, auf einer Lehr¬ 
kanzel sitzend, erscheint Der Gelehrte ist ganz in einen roten Mantel ge¬ 
kleidet, der weiß besetzt und mit einem dunklen Pelzkragen versehen ist 
Die Mütze ist ebenfalls rot der große Lehrstuhl gelb, der Baldachin grün, 
die Initiale selbst karminrot mit Gelb und Weiß gehöht die Bodenfläche 
grün. Der Hintergrund zeigt Goldmuster auf blauem Grund, die Einfassungs¬ 
leiste wechselt in den Farben rot gelb, grün, blau, violett Alle diese Farben 
kehren in der Zierleiste, welche sich seitlich und über der ersten Text¬ 
kolonne entwickelt wieder. 

Das Doppelwappen mit der Helmzier, welches bis auf einige bläuliche Töne 
durch Rot und Schwarz wirkt ist durch seine inhaltliche Zusammensetzung 
auffallend. Denn während der Mohr Hartmann Schedels Familienwappen dar¬ 
stellt ist das durch die gekreuzten Schaufeln gekennzeichnete Wappen weder 
das der ersten noch der zweiten Gattin Hartmanns. Über die Führung der 
Wappen in der Familie gibt der Berliner Codex, welcher die Schedelsche 

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Familiendironik enthält, reichlichen Aufschluß. 1 ) Danach kann mit Sicherheit 
gesagt werden, daß das hier figurierende Wappen der Mutter Hartmanns, 
der geborenen Anna Grabner zugehört, welche. bereits fünf Jahre nach der 
Geburt des Sohnes im Jahre 1445 gestorben war. (Der Vater Hartmanns 
starb 1451.) Die Führung des mütterlichen Wappens kann nun wohl nur so 
erklärt werden, daß sich Hartmann desselben bis zu seiner ersten Verehe¬ 
lichung bediente. Am 16. Januar 1475 heiratete Hartmann Anna HeugeL Man 
darf ohne weiteres schließen, daß von diesem Tage an das Doppelwappen 
die Verbindung des Schedelschen mit dem Heugelschen darstellte.*) Sicherlich 
auch würde nach dem Tode der Anna Schedel-Heugel im Herbst 1485 auf 
eine Kombination Schedel-Grabner nicht mehr zurückgegriffen worden sein. 
Am 6. Februar 1487 heiratet dann Hartmann zum zweitenmal, und zwar 
Magdalena Haller, welche das bekannte Wappen ihrer Familie mitbringt 
Stäuber hatte in Hartmanns Büchern nie die Kombination des Schedel- 
Grabner Wappens angetroffen, gelegentlich aber das Schedelsche vereint mit 
dem der jeweiligen Gattin aus den Geschlechtern Haller und HeugeL Zumeist 
jedoch findet sich nur der Mohrenkopf, also das eigene Familienwappen 
allein. Hieraus ergibt sich, daß die Illuminierung vor der ersten Verheiratung 
d. h. vor dem 16. Januar 1475 stattgefunden haben muß. Der Drude ist 1472 
erschienen, offenbar also sehr rasch schon in Schedels Hand gelangt. Stilistisch 
spricht nichts gegen diese Entstehung zwischen 1472 und 1475; vielmehr er¬ 
weisen das Initialbild und der Dekor gerade den Stil der siebziger Jahre. 

Man möchte zunächst die Frage für berechtigt halten, ob Schedel selbst 
diese Dekoration vorgenommen hat Sie kann entschieden verneint werden. 
Es wird noch davon zu sprechen sein, daß die erhaltenen Zeichnungen Hart¬ 
mann Schedels durchaus im Dilettantischen stecken blieben. Wohl hat er 
wiederholt in selbstgeschriebene Codices wie in Drucke sein Wappen an den 
Unterrand gesetzt, sich gelegentlich auch zur Einmalung ganzer Figuren auf¬ 
geschwungen. Der Erfolg ist aber stets ein geringer, und das Wappen besteht 
immer aus einem kleinen primitiven Schildchen mit einem fast kindlich 
darauf gemalten Mohrenkopf. Die Versehung mit einer Buchmalerei war eben 
eine andere Angelegenheit als die Rubrizierung, die ja Schedel mit Vorliebe 
und so auch in dem Petrus de Abano-Band durchführte. Wenngleich wir es 
übrigens mit einer unverkennbar deutschen Miniatur zu tun haben und an 

l ) Die Berliner Handschrift beginnt mit einer größeren Reihe genealogischer Tafeln, 
welche in ausgezeichneter Minierung die Wappen der Vorfahren Schedel und Grabner 
wiedergeben. Beide fangen mit dem 12.Jahrhundert an; hier zu Beginn ist jedes Wappen 
besonders schön mit dem Helmzier eingemalt. 

8 ) Das Heugelsche Wappen enthält gleich dem Grabnerschen zwei gekreuzte Werk¬ 
zeuge; keineswegs aber die zum Graben bestimmten Schaufeln, sondern zwei Garten- 
Hacken; der Zusammenhang des Bildes mit dem Namen war durch ein Verbum „heigen“ 
gegeben, das eine derartige Arbeit des Hackens bezeichnet. 


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ihrer Entstehung in Nürnberg oder zum mindesten in der fränkischen Heimat 
nicht zu zweifeln brauchen, so fallt doch auch ein fremdes Element auf. Die 
Einstellung der Sitzfigur mit Sessel und Baldachin in das Buchstabenfeld er¬ 
innert an die ersten Nürnberger Holzschnittillustrationen, so den sitzenden 
Kaiser Justinianus mit dem Szepter; aber sofort fallt die koloristische Haltung 
als nicht nümbergisch auf, wenn man gerade die frühen Nürnberger Holz¬ 
schnitte auf ihre Kolorierung hin vielfach verfolgt hat Dieses Kolorit hier 
ist bunter, preziöser, enthält ein Karminrot welches in der Bordüre bis in 
lila übergeht neben einem ganz zarten Gelb, hellem Blau und gebrochenem 
Lichtgrün. Das ergibt eine Skala, welche durch fremde Einflüsse erklärt werden 
muß. Hiefür spricht nachdrücklich auch die Form der Ranke. Gegenüber der 
sich reich entfaltenden spätgotischen Blattranke, welche in Nürnberg in den sieb¬ 
ziger Jahren — bis in die Dürerzeit — eine erkennbare Besonderheit aufweist, 
steht hier eine andere Formäußerung: Das nur mäßig ausladende Blattwerk 
wickelt sich um einen Stab, der an einer Stelle von einem Band umschlungen 
wird. Diese formalen wie koloristischen Abweichungen vom fränkischen Typus 
dürften am sichersten durch niederländische Beeinflussung des Illuministen 
erklärt werden. In dem Bordürenwerk holländischer Miniaturenhandschriften 
ist das Motiv des Stabes mit dem herumgewundenen Band 1 ) wiederholt 
nachweisbar und die nicht allzuweit ausladende, sondern sich mäßig ent¬ 
wickelnde Blattomamentik charakteristisch. Das Vorhandensein des auffallen¬ 
den Violett findet insbesondere auch durch die Annahme der Berührung mit 
holländischen Vorbildern seine Erklärung. 

Wir wenden uns nunmehr der Vermerkung dessen zu, was Hartmann Schedel 
mit eigener Hand in diesen Frühdruck eingefügt hat Zunächst hat er ihn 
rot durchfoliiert; das erste weiße Blatt ist Fol. I, das letzte weiße Fol. 366. 
Auf Fol. Ia befindet sich unter der nachher zu besprechenden Bildniszeichnung 
(Tafel I) folgender, eigenhändig verzeichneter Text (Abkürzungen aufgelöst): 

Petrus de Abano, paduanus. Conciliator. 

Hic nostre Regie urbis spectaculum dignissimum decus amplissimum 
Petrus padubanensis.et peripateticus.italicorum omnium illustrissimus 
Parisiensi ciuitate doctor celeberrimus: Librum ibidem discolias in medi- 
cina sedantem inchoantem Conciliatorem fama cognitum: tandem in 
propria euganea urbe foeliciter terminauit.Hic Anno legis gracie.1310. 
profundissimum illud propleumatum Aristotelis commentarium edidit: 
propter cuius intentum Constantinopolitanam urbem ut grecum disceret 
permeauit: quo tandem instructissimus multa Galieni Volumina non pa- 
rum medicis accommoda ex ydeomate greco transtulit in latinum.Hic 
sub nostre regie urbis communi populorum regimine floruit Liberalium- 
que omnium peritissimus.pater in Astronomia In qua plurimum enituit 
Lucidatorem opus in quam grauissimum compilauit.Hic igitur etsi aule 

. *) Ursprünglich ein italienisches Motiv. 


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nostre speciosissime forcius posterius memoratur dignum ydolo marmo- 
reo confecerimus.Propter sublime tarnen eius ingenium sydereas arces 
euolasse non ambigimus Juxta illud psalmi xvii Ascendit super cherubin etc. 

Scripta hec, sub ymagine eius.Padue. 
in pallacio. exarata. cemuntur. 

Nach der letzten Textzeile erscheinen hier — wie auch später im Buche — 
die Anfangsbuchstaben von Hartmanns Namen, H A, mit welchen Schedel 
seine Texte und Rubrikaturen gerne signierte. Setzt hier auch schon der 
Wechsel von blau und rot ein, so zieht sich nun Seite für Seite den starken 
Band hindurch eine ungewöhnlich reiche und sorgfältige Rubrizierung in den 
beiden Farben. Alle größeren Buchstaben sind wechselweise blau und rot ein¬ 
gemalt und die zahlreichen, in den gleichen Farben abwechselnden Rubriken 
ergeben eine schmucke Begleitung zu dem ruhigen Satzbild der schwarzen 
Antiquazeilen. An den weißen Oberrändem sind die „differentiae” derartig 
markiert, daß ein großes blaues D zur Linken und eine große römische Zahl 
in Rot rechts aufgesetzt ist. Zur Erleichterung der Auffindung einzelner Ab¬ 
teilungen sind sie dann an den Seitenrändem nochmals in ihrer Kapitel¬ 
unterteilung durch stilisierte römische, von I—IV laufende Zahlen gekenn¬ 
zeichnet Eigenhändige Randnotizen stehen neben dem Text, und ein bestimmtes 
Zeichen merkt — innerhalb der ersten Lagen — die Stellen besonders an, an 
welchen der Verfasser Petrus von sich selbst spricht Die Erklärung hierfür 
bietet uns das letzte weiße Blatt, Fol. 366 a, auf welchem Schedel alle diese 
Sätze zusammenzustellen beginnt, welche eine Selbstcharakterisierung des 
Petrus Aponensis enthalten. Die für eine Gesamtbeurteilung dieses Mannes 
zweifellos guten Erfolg versprechende Arbeit wurde leider nicht zu Ende 
geführt. Seine Rubrikationstätigkeit beschloß Schedel auf Fol. 364V mit den 
in blauen und roten Kapitalien gemalten Worten: „Laus Deo”. Das auf 
Fol. 1 erwähnte Signum H A kehrt auf Fol. 35öv und nunmehr unter dem 
„Laus Deo” wieder. Das von Schedel vielfach angewandte Kürzungszeichen 
für Jesus Christus findet sich auf Fol. ar, 358r und 366 r. Der soeben er¬ 
wähnte Eintrag auf dem letzten weißen Blatt heißt wörtlich: 

Celebratissimus vir Petrus de Abano Paduanus, decus ytalie. in pleris- 
que scientijs doctissimus In suo opere omatissimo discordandarum 
medicinalium: vnde nomen meruit Conciliatoris. quedam memorie digna 
de se ipso ac suis laboribus scripsit Ea pro sui commendatione et 
honore extrahere volui perlegens eum anno Mcccclxxvi. ut sui amatores 
sua egregia gesta lucidius pre oculis habere ~queant Reperieturque 
vnumquodque dictum in sua differentia. juxta numerum notatum circa 
tale signum *£ 

1 } Differentia prima In quibusdam propleumatibus aristotili attributis per 
me translatis.... 

(Es folgen noch 16 Zeilen mit weiteren Zitaten des Buches aus den Diffe- 
rentiis I —13, in denen der Autor von sich und seinen Werken spricht) 


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Das dem Buch vorausgehende Pergamentvorsatzblatt endlich enthält eine 
Zusammenstellung von Lobsprtichen auf den Autor des Buches und lautet: 

Commendatio Petri de Abano Conciliatoris. 

ApponaT. liuium. et P. Conciliatorem generauit Qui (si dicere fas esset) 
ex aetemi dei pectore litterarum studia libata coeperunt. — 

Inter omnes italie vrbes et hac potissimum tempestate vrbs pataui 
habetur In qua medicina artium preclarissima posuit habiculum.Hinc 
enim Petrus apponus vir non modo medicina excultus: sed vndecun- 
que doctissimus -7- 

Noster petrus paduensis decus italie (Cuius gloria nostra etas.et padua 
alma ciuitas cum quauis alia conferi potest) nullis laboribus, nullo dis- 
crimine nullis incomodis a disciplinis cognoscendis.vel postea explanan- 
dis cohiberi potuit.Quamquam enim in prefata vrbe ortus esset: Que 
semper bonarum arcium florentissima fuit.Decreuit tarnen ad egiptios 
transire quo proprios fontes mathematicarum et.proprie astronomie com- 
periret: ex quibus quantum cupiuerat haurire posset: Postea ad nos 
reuersus non est latino contentus eam literarum copiam spergere.quam 
tantis terrarum spacijs collegerat.quo minus parisius in Galliam pro- 
ficisceretur.Vbi nostra etate et sua liberalium disciplinarum culmine 
habetur.Qua ex re Oriens australes partes occidens denique et septen- 
trionem sapiencia sua lustrauit 

Petrus de Apono patauinus vir in omni etate admirandus: tum in 
philosophia: tum in his que ad medicine theoricam spectant: diuersas 
conciliando opiniones sua doctrina clarissimus est habitus: vnde et Con¬ 
ciliatoris cognomen est adeptus.Quin et ad propleumata Aristotelis 
multa addidit: et illa ipsa subtili expositione declarauit 

Wenn uns die Illuminierung einen Schluß auf die Entstehung in der Mitte 
der siebziger Jahre gewährt hat, so ersteht jetzt die Frage, ob alle diese er¬ 
wähnten Einträge ebenfalls gleich oder sehr bald nach Erwerbung der Inku¬ 
nabel vorgenommen worden sind. Für die Beantwortung kommt uns dei 
Eintrag auf dem letzten weißen Blatt zu Hilfe, in welchem der Besitzer er¬ 
klärt, daß er im Jahre 1476 dieses Buch durchgearbeitet habe. Da sämtliche 
Einträge gleichen Schriftduktus tragen, ist also die gesamte Glossierung 
wiederum für die Mitte des Jahrzehnts bestimmt Übrigens hätte auch ohne 
Vorkommen der Jahreszahl 1476 diese Zeit durch Vergleich der Schrift mit 
Hartmanns Codices aus den siebziger Jahren festgelegt werden können. Man 
hat offenbar bisher nicht darauf geachtet, daß die Schedelsche Schrift im 
Laufe der Jahrzehnte einen sichtbaren Wandel durchmachte, eine Entwicklung, 
welche bei näherer Beschäftigung mit den zahlreichen erhaltenen Hand¬ 
schriften ohne weiteres erkennbar wird. Obwohl die ganzen Codices wie die 
einzelnen Eintragungen meist nicht seine persönliche Schreibkursive zeigen 


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sondern in einer angenommenen humanistischen Buchschrift geschrieben sind, 
läßt sich eine leise Abwandlung verfolgen. 1 ) Ohne den Dingen Gewalt anzu¬ 
tun, kann man einen allgemeinen Zug von kleinen präzisen Formen zu einer 
größeren, kräftigeren Schrift erkennen. Gibt man zu, daß auch späterhin ein 
kleinerer Schriftduktus noch vorkommt, so ist die größere, weitmaschigere 
und unregelmäßigere Schrift in den früheren Jahrzehnten unmöglich. Wir 
können beispielsweise an einem Notizblatt aus Padua, welches aus den 
sechziger Jahren stammt, belegen, mit welch graphisch feiner und sorgsamer 
Kursive der jüngere Mann zu schreiben verstand und ziehen Clm 522 als 
Beispiel für die gleichmäßige kleine Schrift heran, mit welcher Hartmann 
1467 und 1468 ganze Bücher schrieb. Diese selbe Gleichmäßigkeit ist in 
den Handschriften der siebziger Jahre, etwa der Niederschrift der „Historia 
Bohemica” von 1476 in Clm 476 durchaus maßgebend. Der Abhandlung des 
Aeneas Sylvius Piccolomini kann man, als in derselben Buchschrift ge¬ 
schrieben, den Clm 522 zugesellen. Hält man daneben eine Quarthandschrift^ 
welche 20 Jahre später entstand, den Clm 428 — oder den noch etwas 
späteren Clm 434 —, so ist die vergrößerte, gröbere, weitmaschigere Schrift 
ohne weiteres erkennbar. Diese Eigenschaften also hängen nicht etwa mit 
dem Format zusammen — in Foliobüchem steigern sich die Eigentümlich¬ 
keiten noch — sondern der Grund sitzt tiefer, bedeutet ein